Zimmer, Stefan: Kariesprophylaxe als multifaktorielle Präventionsstrategie

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Kapitel 7. Zusammenfassung

7.1 Problemstellung und Zielsetzung

Aktuelle gesundheitspolitische Bestrebungen haben im Bereich der zahnmedizinischen Prophylaxe unter anderem die Förderung der häuslichen Mundhygiene sowie Programme zur Kariesprophylaxe bei Risikogruppen im Rahmen der Gruppenprophylaxe zum Ziel.

In der Betreuung von Risikogruppen werden zwei grundsätzlich verschiedene Strategien verfolgt. Eine verfolgt das Ziel, Kinder mit erhöhtem Kariesrisiko im Rahmen schulzahnärztlicher Reihenuntersuchungen zu identifizieren und an niedergelassene Zahnärzte zur Individualprophylaxe verweisen. Dieses Verfahren ist mit dem Problem behaftet, daß die Kariesrisikokinder, die nicht selten aus sozial schwierigen Verhältnissen stammen, auf dem Weg zu einem niedergelassenen Zahnarzt „verloren“ gehen. Deshalb erteilen z.B. die Krankenkassen einer individuellen Identifizierung und Betreuung von Kariesrisikokindern eine Absage und empfehlen, daß Risikoeinrichtungen aufsuchend mit wiederholten Anwendungen von Fluoridlack betreut werden. Die Studien 1 und 2 der vorliegenden Arbeit untersuchen die Wirksamkeit dieser unterschiedlichen Herangehensweisen bei Kariesrisikokindern.

Da eine allgemeine Verbesserung der häuslichen Mundhygiene allein durch Maßnahmen der Motivierung und Instruktion nur wenig Erfolg verspricht, erscheint es sinnvoll, verbesserte Hilfsmittel zur Effektivierung der Mundhygiene zu entwickeln. Dieses Ziel wurde in den vergangen Jahren von der Industrie durch die Entwicklung von Handzahnbürsten mit besonderem Design des Bürstenkopfes und vor allem von neuartigen elektrischen Zahnbürsten verfolgt. Die Studien 3-5 der vorliegenden Arbeit beschäftigen sich daher mit der Untersuchung der Effektivität solcher Neuentwicklungen.


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7.2 Studie 1

7.2.1 Material und Methode

Eine Stichprobe von 419 Kindern mit hohem Kariesrisiko nahm an der prospektiven Studie teil. Sie wurden nach einer Stratifizierung nach kariesrelevanten Parametern randomisiert auf eine Test- und eine Kontrollgruppe verteilt. Die Testgruppe erhielt viermal pro Jahr eine professionelle Zahnreinigung und eine Touchierung mit einem niedrig konzentrierten Fluoridlack (Fluor-Protector, 0,1% Fluorid). Zu Beginn der Studie und nach zwei Jahren wurden der D1-4MFS-Index sowie der Quigley-Hein-Index nach Turesky (QHI) und der Papillen-Blutungs-Index (PBI) erhoben. Daraus wurden der Karieszuwachs und die Veränderung von QHI und PBI für beide Gruppen berechnet. An der Abschlußuntersuchung nahmen 318 Probanden teil (Testgruppe: n = 187, Kontrollgruppe: n = 131).

7.2.2 Resultate

Ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen dem Karieszuwachs in Test- und Kontrollgruppe wurde nur für die Initialläsionen (D1,2S, p<0,001) gefunden. Bei den etablierten Läsionen (D3,4MFS) wurde kein Unterschied festgestellt. Der PBI hatte sich in beiden Gruppen zwischen Eingangs- und Abschlußuntersuchung nicht verändert. Der QHI war jedoch sowohl in der Test- (-0,31) und in der Kontrollgruppe (-0,68) signifikant (p<0,001) schlechter geworden.

7.3 Studie 2

7.3.1 Material und Methode

Eine Touchierung der Zähne mit einem hoch konzentrierten Fluoridlack (Duraphat, 2,26% Fluorid) wurde in einem sozialen Brennpunkt mit hohem Kariesniveau drei- bis viermal pro Jahr angeboten. 269 Kinder in sechs Grundschulen in dem Stadtteil Linden/Limmer von Hannover wurden schulweise einer Test- (n = 116) und einer Kontrollgruppe (n = 143) zugeteilt. Die Kinder der Testgruppe erhielten, beginnend mit der ersten Klasse, die Fluoridprophylaxe vier Jahre lang. Die Kontrollgruppe erhielt keine Fluoridprophylaxe. Der DMFT-Index wurde zu Beginn der Studie und nach vier


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Jahren erhoben. Daraus wurde der Karieszuwachs für beide Gruppen berechnet. Eine separate Analyse wurde für die Kinder vorgenommen, die mindestens zwei Fluoridlack-Applikationen pro Jahr erhalten hatten (n = 67).

7.3.2 Resultate

Die Kinder, die mindestens zwei Fluoridlack-Applikationen pro Jahr erhalten hatten, zeigten in dem vierjährigen Studienzeitraum gegenüber der Kontrollgruppe einen um 37% niedrigeren Karieszuwachs (0,88 DMFT vs. 1,40 DMFT, p<0,05).

7.4 Studie 3

7.4.1 Material und Methode

Eine neuartige dreiköpfige Handzahnbürste (Superbrush) wurde mit einer elektrischen Zahnbürste mit oszillierendem Kopf (Braun Plak Control D5) und einer konventionellen Handzahnbürste (Elmex Super 29/39) verglichen. Die Studie wurde nach einem untersucherblinden Crossover-Design durchgeführt. 36 Probanden wurden randomisiert auf drei Gruppen verteilt. Nach einer professionellen Zahnreinigung begann jede Gruppe die Studie mit einem anderen Zahnbürstentyp. Nach einwöchigem Gebrauch wurden der Quigley-Hein-Plaque-Index nach Turesky (QHI), der Approximal-Plaque-Index (API) und der Papillen-Blutungs-Index (PBI) erhoben. Daran schloß sich eine einwöchige Wash-out-Phase an, um danach die Studie in der gleichen Weise, aber mit einem anderen Zahnbürstentyp fortzusetzen, bis jeder Zahnbürstentyp von jedem Probanden benutzt worden war.

7.4.2 Resultate

Die Superbrush war in der Vorbeugung von Gingivitis und der Entfernung von Plaque den beiden anderen Zahnbürsten statistisch signifikant überlegen (p<0,001). Kein Unterschied konnte zwischen der konventionellen Handzahnbürste und der Braun Plak Control gefunden werden. Die Mediane der Indizes lagen in der Abschlußuntersuchung bei: QHI: 0,84 (Superbrush) vs. 1,56 (Braun) und 1,56 (Elmex); API: 0,69 (Superbrush)


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vs. 0,87 (Braun) und 0,94 (Braun); PBI: 0,36 (Superbrush vs. 0,55 (Braun) und 0,57 (Elmex).

7.5 Studie 4

7.5.1 Material und Methode

Zwei elektrische schallaktive Zahnbürsten (Water Pik Sonic Speed und Sonicare) wurden mit einer konventionellen Handzahnbürste (Elmex Sensitive) verglichen. Die Studie wurde nach einem untersucherblinden Crossover-Design durchgeführt. 36 Probanden wurden randomisiert auf drei Gruppen verteilt. Folgende Mundhygieneindizes wurden erhoben: der Papillen-Blutungs-Index (PBI), der Quigley-Hein-Plaque-Index (QHI) und der Approximal-Plaque-Index (API). Darauf folgte eine professionelle Zahnreinigung und anschließend begann jede Gruppe die Studie mit einer anderen Zahnbürste. Nach zweiwöchigem Gebrauch wurden die Indizes ein zweites Mal erhoben. Daran schloß sich eine zweiwöchige Wash-out-Phase an, um danach die Studie in der gleichen Weise, aber mit einer anderen Zahnbürste fortzusetzen, bis jedes System von jedem Probanden benutzt worden war. Die Unterschiede der Indizes zwischen erster und zweiter Untersuchung wurden berechnet.

7.5.2 Resultate

Die beiden schallaktiven Zahnbürsten waren der Handzahnbürste bezüglich aller Indizes statistisch signifikant überlegen (p<0,001). Die Mediane der Veränderungen der Indizes waren (negative Werte = Verschlechterungen): QHI: 1,48 (Sonic Speed); 1,27 (Sonicare); 0,35 (Elmex); API: 0,39 (Sonic Speed); 0,45 (Sonicare); 0,14 (Elmex); PBI: 0,31 (Sonic Speed); 0,49 (Sonicare); 0,13 (Elmex).

7.6 Studie 5

7.6.1 Material und Methode

Drei elektrische Zahnbürsten mit oszillierendem Kopf (Krups Biocare Family, Krups Biocare Program, Braun Plak Control Ultra D9) eine Kombination einer derartigen Zahnbürste mit einer Munddusche (Krups Biocare Jetpack) sowie eine konventionelle


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Handzahnbürste (Elmex Super 39) wurden verglichen. Die Studie wurde nach einem untersucherblinden Crossover-Design durchgeführt. 50 Probanden wurden randomisiert auf fünf Gruppen verteilt. Drei Tage nach einer professionellen Zahnreinigung wurden folgende Mundhygieneindizes erhoben: der Papillen-Blutungs-Index (PBI), der Quigley-Hein-Plaque-Index nach Turesky (QHI) und der Approximal-Plaque-Index (API). Anschließend begann jede Gruppe die Studie mit einem anderen Zahnpflegesystem. Nach elftägigem Gebrauch wurden die Indizes ein zweites Mal erhoben. Daran schloß sich eine zweiwöchige Wash-out-Phase an, um danach die Studie in der gleichen Weise, aber mit einem anderen Zahnpflegesystem fortzusetzen, bis jedes System von jedem Probanden benutzt worden war. Die Unterschiede der Indizes zwischen erster und zweiter Untersuchung wurden berechnet.

7.6.2 Resultate

Die Biocare Program war den anderen Zahnpflegesystemen in bezug auf den PBI statistisch signifikant überlegen (p<0,001). Bezüglich des QHI konnte nur ein Unterschied zwischen der Biocare Program (p<0,001) und der Braun Plak Control (p<0,05) einerseits sowie der Handzahnbürste andererseits festgestellt werden. Bezüglich des API wurde kein Unterschied zwischen den Gruppen gefunden. Die Mediane der Veränderungen der Indizes waren (negative Werte = Verschlechterungen): QHI: 0,02 (Family); 0,25 (Program); 0,07 (Jetpack); 0,05 (Braun) und -0,18 (Elmex); API: 0,00 (Family); 0,00 (Program); -0,08 (Jetpack); -0,07 (Braun) und -0,04 (Elmex); PBI: 0,00 (Family); 0,09 (Program); 0,00 (Jetpack); -0,04 (Braun) und -0,17 (Elmex).

7.7 Schlußfolgerungen

Aus den Studien zur Betreuung von Kariesrisikokindern kann der Schluß gezogen werden, daß ein aufsuchendes Programm mit der regelmäßigen klassenweisen Anwendung von Duraphatlack zur Kariesprophylaxe erheblich besser geeignet ist als ein individualisiertes Programm mit viermal jährlich durchgeführter professioneller Zahnreinigung und der Anwendung eines niedrig dosierten Fluoridlackes. Aus den Studien zur Effektivität neuartiger Zahnbürsten läßt sich der Schluß ziehen, daß die Handzahnbürste Superbrush und die beiden motorbetriebenen Schallzahnbürsten


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Waterpik Sonic Speed und Sonicare einer konventionellen Handzahnbürste klinisch relevant überlegen sind und ihr deshalb vorgezogen werden sollen. Für die anderen untersuchten elektrischen Zahnbürsten konnte eine solche Überlegenheit nicht nachgewiesen werden. Die Ergebnisse der vorliegenden Studien können möglicherweise einen Beitrag zur effektiven Betreuung von Kariesrisikokindern und der Verbesserung der häuslichen Mundhygiene leisten.

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Tue Oct 2 12:39:06 2001