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Band 10 • 2007 • Teilband I

ISBN 978-3-86004-205-2

Geschichte im Netz: Praxis, Chancen, Visionen

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Querschnittsberichte über die Tagung

 

Historische Quellenbestände – Digitalisierung und Suchstrategien [*]

von Stefan Gorißen

.hist 2006, nach einer ersten Tagung im Jahr 2003 [1] der zweite große Kongress, der sich mit „Geschichte im Netz“, Fragen zu Möglichkeiten und Grenzen der Nutzung von Kommunikationsnetzwerken durch die Geschichtswissenschaft beschäftigte, brachte eine große, für einzelne Besucher/innen kaum mehr zu überschauende Zahl von Anbietern und Benutzern von Online-Diensten für Historiker/innen zusammen. In zwölf Sektionen und Workshops bot die Konferenz am 23. und 24. Februar insgesamt 80 Vorträge und Präsentationen zu aktuellen Projekten und zwang die Besucher/innen damit schon beim Blick auf das Programm, sich auf einige wenige Angebote zu konzentrieren und eine Vielzahl nicht weniger interessanter Angebote an sich vorbei ziehen zu lassen. Auch der vorliegende Bericht kann nur Eindrücke über einen kleinen Ausschnitt bieten. Bleibt zu hoffen, dass der Tagungsband mit allen Beiträgen bald verfügbar sein wird.

Der unbestreitbar größte Nutzen des Internets – gemeint sind hier Angebote im „World Wide Web“ – besteht für Historiker/innen darin, dass es den Zugang zu konventionellen Materialien, insbesondere zu Quellen und Literatur, erheblich vereinfacht und erweitert hat und dies nicht nur durch die Bereitstellung von Bibliothekskatalogen und Findmitteln der Archive auf online zugänglichen Oberflächen, sondern zunehmend auch durch die Digitalisierung von Quellenbeständen (neudeutsch als „Digitalisate“ bezeichnet), die in wachsendem Umfang als Bilddateien direkt von Webservern abgerufen oder in einer multimedialen Umgebung bearbeitet werden können. Die „stoffliche Seite der Geschichte“, von der Alf Lüdtke beim Blick auf den Löschsand in alten Akten einst hoffte, sie könne zum „nützlichen ‚Sand im Getriebe’ [...] (der) professionellen historischen Forschung“ werden [2] , geht hierbei freilich verloren, ein Verlust, den die meisten angesichts eingesparter Zeit und Reisekosten aber gerne in Kauf nehmen werden.

Organisatorische und technische Probleme bei der Digitalisierung historischer Quellen standen im Mittelpunkt von zwei Sektionen, auf die sich der vorliegende Bericht konzentriert. Eine erste thematische Sektion widmete sich vor allem dem Problem der Verfügbarkeit und dauerhaften Sicherung bereits vorliegender oder in der Bearbeitung befindlicher Digitalisate sowie den in den letzten Jahren unternommenen Anstrengungen, Kooperation zwischen Einzelprojekten herzustellen und übergreifende Standards und Verfahren zu etablieren. Eines der größten, international ausgerichteten Projekte in diesem Feld, das Monika Hagedorn-Saupe vom Berliner Institut für Museumskunde der Staatlichen Museen vorstellte, bezeichnet das Akronym MICHAEL (Multilingual Inventory of Cultural Heritage in Europe). MICHAEL hat sich zum Ziel gesetzt, die vielfältigen Initiativen zur Digitalisierung in mehreren europäischen Staaten zu vernetzen und kulturwissenschaftliche digitale Sammlungen von Museen, Bibliotheken und Archiven über ein zentrales Portal in einem übergreifenden Inventar zugänglich zu machen. Das von der EU geförderte, auf Open- Source-Technologie basierende Projekt wird derzeit von den Kulturministerien Italiens und Frankreichs sowie durch das britische Museums-, Bibliotheks- und Archivkonsortium betrieben, ein Erweiterungsantrag um Kultureinrichtungen neun weiterer europäischer Staaten wird zurzeit bei der Europäischen Kommission beraten. Im kommenden Jahr soll das Portal online gehen, man darf gespannt sein, wie sich der konkrete Nutzen des Projekts in der Praxis darstellen wird.

Ein weithin ungelöstes, gleichwohl drängendes Problem des Umgangs mit digitalem Material in Archiven wird mit dem Begriff „Langzeitarchivierung“ umschrieben. Für das Problem einer dauerhaften Sicherung digital gespeicherter Überlieferung sind verlässliche, allgemein anerkannte Konzepte bis heute nicht in Sicht. Auf welch schwankendem Boden sich die Archiv- und Bibliothekswissenschaften auf diesem Feld noch bewegen, belegte Max Vögler mit seinem Bericht über die Förderpraxis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in den letzten Jahren: Hier ist man offensichtlich der Ansicht, dass die parallele Förderung konkurrierender Projekte und Konzepte auf mittlere Sicht dazu führt, dass sich das beste Konzept durchsetzt. Die mit dem Schlagwort „Langzeitarchivierung“ verbundenen Probleme sind vielfältig, sie betreffen neben technischen (geeignete Datenträger, Datenformate, usw.) auch rechtliche Probleme etwa der Softwarelizensierung oder Fragen der Zuständigkeit und Kompetenz der zahlreichen beteiligten Institutionen. Eines dieser Projekte zur „Langzeitarchivierung“ wird mit dem Akronym „KOPAL“ durch die Deutsche Bibliothek betrieben. Fluchtpunkt ist das nicht gerade bescheidene Ziel, das deutschsprachige Web zu archivieren. So wünschenswert ein solches Projekt auf den ersten Blick auch erscheinen mag, bleiben doch eine Vielzahl von technischen und konzeptionellen Hürden, für die noch keine befriedigende Lösung gefunden wurde. Thomas Wollschläger stellte in seinem Referat die Grundzüge des Systems vor, das auf einem offenen XML-basierten Datenformat basiert und in der in den vergangenen Wochen fertig gestellten Version sich vor allem auf die Archivierung von Online-Dissertationen, von CD-ROMs, Digitalisaten und digitalen Musikdaten des Deutschen Musikarchivs in Berlin beschränkt. Vor allem die Sicherstellung einer ausreichenden Performance, die auch ein Web Harvesting ermöglicht, zählt zu den im gegenwärtigen Stadium des Projekts noch ungelösten Problemen.

Solange man sich auf die Archivierung digitalisierter schriftlicher Quellen konzentriert, bleiben die Probleme überschaubar und scheinen auch – zumindest auf mittlere zeitliche Sicht – gut lösbar zu sein. Die im Umfeld der „Text Encoding Initiative“ bereits seit den 1980er Jahren entwickelten Verfahren geben hierfür einen praktikablen Rahmen ab, wie Stefan Cramme am Beispiel kleinerer Projekte, wie sie von der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in Berlin betrieben werden (Digitale Ausgabe der Werke Adolf Reichweins, digitale Briefedition Friedrich Fröbels), anschaulich vorführte. Die Vielzahl von Initiativen und Projekten zur Langzeitarchivierung zu bündeln und nach gemeinsamen, übergreifenden Lösungen zu suchen, diese Aufgabe verfolgt das am Bundesarchiv in Koblenz angesiedelte Projekt „NESTOR“ (Network of Expertise in long-term STorage Of digital Ressources), das Andrea Hänger und Karsten Huth vorstellten. NESTOR erarbeitet Richtlinien, veröffentlicht Empfehlungen und Kriterienkataloge und bietet Fortbildungsveranstaltungen an, um auf diese Weise Grundlagen für projektübergreifende Standards zu legen. Unsere französischen Nachbarn scheinen diese mühsame Arbeit des Vernetzens und des technisch-konzeptionellen Austauschs nicht zu kennen. Das französische Projekt PERSEE [3] gibt allen Universitätsbibliotheken klare Vorgaben für Digitalisierungsprojekte. Entsprechend rasch wächst das Portal, das frei zugänglich ist und bereits nach drei Jahren Laufzeit einen bequemen transparenten Zugriff auf die Volltexte der Artikel in allen wichtigen kulturwissenschaftlichen Zeitschriften bietet. Copyright-Fragen, an denen die Realisierung entsprechender Projekte in Deutschland regelmäßig scheitert, lassen sich mit einem mächtigen Ministerium im Rücken offensichtlich leicht lösen: PERSEE konnte bislang jeden Autor und noch jede Autorin, wie Frédéric Blin vom französischen Bildungsministerium einem staunenden deutschen Publikum versicherte, dazu überreden, auf seine diesbezüglichen Ansprüche zu verzichten.

Die wichtigste Aufgabe von Portalen zu digitalen und digitalisierten Quellen ist, den Nutzern/innen einen einfachen und schnellen Zugriff auf die entsprechenden Bestände zu ermöglichen. Mit Such- und Recherchestrategien beschäftigte sich eine weitere thematische Sektion der .hist 2006. Die Grenze zwischen Portalen, die Metakataloge und -verzeichnisse aufbauen, und Angeboten an spezialisierten Suchmaschinen sind dabei oftmals fließend. Die Erstellung von Online-Beständeübersichten im Bundesarchiv bedient sich, wie Anke Löbnitz berichtete, des 2003 auf XML-Technologie portierten Findbucheditors „MIDOSA“ (Mikrocomputergestütztes Informations- und DOkumentationsSystem für Archive). Zielperspektive des großen Projekts „Netzwerk SED-Archivgut“, an dem außer dem Bundesarchiv auch die Landesarchive der neuen Bundesländer beteiligt sind, ist die Weiterentwicklung der MIDOSA-Software zu einer integrierten Suchmaschine über Beständeübersichten und Findbücher hinweg nach dem EAD-Standard („Encoded Archival Description“, 1998 in den USA standardisiert). Bis eine solche Suchmaschine durch die Forschung mit Gewinn zu nutzen ist, sind wohl noch einige Arbeitsjahre in die Erschließung und Retrodigitalisierung von Findmitteln zu investieren. Nicht zuletzt aus diesem Grund beteiligt sich das Bundesarchiv auch am Aufbau eines Findmittelkatalogs auf Clio-online, den Sebastian Barteleit zusammen mit Robert Zepf von der Staatsbibliothek Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, vorstellte. Das Angebot will den großen Bestand an Findmitteln der Staatsbibliothek online in einer Datenbank nutzbar und nach sachlichen Kriterien abfragbar machen. Gleichzeitig soll eine Schnittstelle bereitgestellt werden, über die Archive neue Findmittel direkt in die Datenbank einpflegen können. Das Projekt versteht sich dabei nicht als Konkurrenzprodukt, sondern als Ergänzung zum bereits seit mehreren Jahren existierenden BAM-Portal („Gemeinsames Portal für Bibliotheken, Archive und Museen“), das bereits auf der .hist 2003 vorgestellt wurde. [4] Das BAM-Projekt greift hierbei auf bereits vorhandene digitale Bestandsverzeichnisse von Bibliotheken, Archiven und Museen zu und führt Metainformationen über die dort gespeicherten Daten in einer zentralen Datenbank zusammen, in der dann eine Internetrecherche ermöglicht wird. Frank von Hagel vom Institut für Museumskunde in Berlin stellte aktuelle Bemühungen des BAM-Projekts vor, Objektdatenbanken der Museen zusammenzuführen und zugleich ein Erschließungsformat zu entwickeln, das kleineren Museen, die über kein eigenes Angebot verfügen, den Aufbau einer Objektdatenbank ermöglicht.

Das Institut für Museumskunde der Staatlichen Museen zu Berlin bemüht sich darüber hinaus, durch jährliche Befragungen einen Überblick über die in den deutschen Museen vorhandenen Objektdatenbanken zu gewinnen. Über Probleme bei der Erstellung einer Systematik kulturhistorischer Sachgüter und die unterschiedlichen Lösungsangebote im internationalen Maßstab berichtete Axel Ermert. Einen engeren thematischen Zugriff bezogen auf die Geschichte des Bergbaus verfolgt das Montanhistorische Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum. Primär- und Sekundärquellen schriftlicher, audio-visueller und sachlicher Natur werden hier in einer auf XML-Technologie basierenden Datenbank zusammengeführt.

Vergleicht man die Präsentationen auf der .hist 2006 zur Erschließung digitaler Quellen mit denen der .hist 2003 zeigt sich deutlich, dass die Diskussion sich weg von der (Retro-)Digitalisierung hin zur Vernetzung der inzwischen in großer Zahl realisierten Projekte und zum Aufbau übergeordneter Portale und Suchmaschinen verschoben hat. Hierfür gibt es kein Masterkonzept, sondern eine Vielzahl von Projekten auf unterschiedlichem Abstraktionsniveau. Viele der vorgestellten Projekte erfreuen sich einer oftmals leider nur sehr kurzfristigen Förderung durch die DFG, die damit auf Produktivitätsgewinn durch ein pluralisiertes Angebot zu hoffen scheint. Dieses durchaus sinnvolle Förderkonzept bedarf jedoch zwingend eines längeren Atems bei der Finanzierung, will man sicherstellen, dass die Projekte ihren Nutzen für die Geschichtswissenschaft und für die kulturelle Selbstvergewisserung der Gesellschaft entfalten können und nicht zu Datenfriedhöfen verkommen.

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Dr. Stefan Gorißen ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie der Universität Bielefeld. E-Mail: stefan.gorissen@uni-bielefeld.de


[*] Bericht zur Sektion: „Digitalisierung und langfristige Verfügbarkeit historischer Quellen – Strategien und kooperative Lösungsansätze“ sowie „Viele Wege führen nach Rom – Suchstrategien nach historischen Quellenbeständen im Internet“. Der Querschnittsbericht erschien am 19.06.2006 auf H-Soz-u-Kult: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=726&type=diskussionen>.

[1] Die Tagungsbeiträge finden sich publiziert in: Burckhardt, Daniel; Hohls, Rüdiger; Ziegeldorf, Vera (Hgg.), Geschichte und Neue Medien in Forschung, Archiven, Bibliotheken und Museen. Tagungsband .hist 2003 (Historisches Forum 7, 2 Bde.), Berlin 2005: <http://edoc.hu-berlin.de/e_histfor/> (24.04.2006).

[2] Lüdtke, Alf, Stofflichkeit, Macht-Lust und Reiz der Oberflächen. Zu den Perspektiven von Alltagsgeschichte, in: Schulze, Winfried (Hg.), Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Mikro-Historie. Eine Diskussion, Göttingen 1994, S. 65-80, Zitat S. 66.

[3] Vgl. <http://www.persee.fr>.

[4] Maier, Gerald, Gemeinsames Internetportal für Bibliotheken, Archive und Museen. Das BAM-Portal, in: Burckhardt; Hohls; Ziegeldorf (Hgg.), Geschichte und Neue Medien (wie Anm. 1), S. 107-126, <http://edoc.hu-berlin.de/e_histfor/7_II#006013/> (24.04.2006).


Mittelalter im WWW – Eine Bestandsaufnahme [*]

von Harald Müller

Ein Querschnittsbericht zu .hist 2006 aus der Perspektive des Mittelalter-Historikers bzw. der Mittelalter-Historikerin bleibt eine künstliche Sache. Die meisten Themen der Veranstaltung wie „Suchstrategien“, „Fachportale“, „Elektronisches Lernen“ oder „Elektronisches Publizieren“ lassen sich nur bedingt epochenspezifisch aufsplitten. Sie fehlen daher im Folgenden, werden aber wohl an anderer Stelle auch für den häufig mit einer verhältnismäßig engen fachlichen Spezialisierung lebenden Mediävisten/innen angemessen aufbereitet. Zwei Sektionen hielten indes speziell für den am Mittelalter Interessierten viel versprechende Themen bereit. Deren Titel „Vernetztes Mittelalter. Entwicklungsstand und Perspektiven“ und „Quellen im Netz“ erweisen sich als charakteristisch für die Situation EDV-gestützten Arbeitens im Bereich der Mittelalterforschung. Im Mittelpunkt der einen stand die (möglichst) kooperative Verbesserung unterschiedlicher Informationsangebote im Netz, im Zentrum der anderen die Chancen digitaler Quellenaufbereitung. Beide Themenbereiche rühren damit an wichtige Felder historischen Arbeitens und dessen Veränderung durch die neuen Medien.

„Quellen im Netz sind anders!“ Diesen fundamentalen Satz schickte Patrick Sahle (Göttingen) der fast gleich lautenden Sektion „Quellen im Netz“ voraus, die von ihm und Georg Vogeler (München) verantwortet wurde. Anders in zweierlei Hinsicht: zum einen, weil das Internet als Werkzeug der Forschung mittlerweile selbstverständlich geworden ist, nicht aber als Ort, an dem Ergebnisse präsentiert werden; zum zweiten weil die Präsentation von Quellen in einem elektronischen Medium sich grundlegend von der Druckform unterscheidet – unterscheiden muss, will sie nicht leichtfertig die Chancen verschenken, die das Internet bietet. Quellen im Netz stellen also nicht nur eine neue Präsentationsform dar, sie erfordern eine eigene Herangehensweise an die Erschließung und Darstellung. Eine kohärente Methodik digitaler Quellenarbeit liegt aber bislang keineswegs vor. Mit sechs Vorträgen, davon vier, die sich mit dem Mittelalter und seinen Quellen befassten, sollten Wegmarken zur Erreichung dieses Ziels gesetzt werden.

Den Auftakt bildete eine ausführliche Vorstellung des so genannten Monasterium-Projekts durch Karl Heinz (Wien). Es handelt sich um eine Initiative zur Erschließung und Erforschung kirchlicher Quellen, die sich zunächst das Ziel gesetzt hat, die Urkunden der österreichischen Stiftsarchive zu erfassen und den Nutzern/innen mit vielfältigen Hilfestellungen zugänglich zu machen. Derzeit sind mithilfe von Monasterium rund 20.000 Urkunden verfügbar, was mehr oder weniger dem kompletten Bestand der österreichischen Stiftsarchive entspricht. Allerdings ist das Vorhaben weit ambitionierter geschnittenen, wie bereits das mehrsprachige Zugangsportal dokumentiert. [1] Die Betreiber/innen planen eine Ausweitung ihrer Arbeit auf die Bestände der Nachbarländer, so dass im Idealfall der verfügbare Urkundenbestand verzehnfacht werden kann. Noch entscheidender aber ist, dass durch eine solche Kooperation die mittelalterliche Urkundenlandschaft wieder belebt werden könnte, die durch die heutigen politischen Grenzen willkürlich zerschnitten wird. Monasterium verwendet ältere Urkundenbücher und Regestenwerke in digitalisierter Form und ermöglicht den Benutzern/innen erstmals die vernetzte, übergreifende Recherche in disparaten Beständen, die zudem nicht immer leicht zugänglich sind. Abhilfe schafft hier die Einbindung digitaler Fotos der jeweiligen Urkunden. Für die Zukunft ist daran gedacht, nicht mehr nur konvertierend zu arbeiten, sondern mithilfe eines Redaktionssystems die Erschließung bislang nicht erfasster Bestände dezentral und unter Mithilfe der Benutzer/innen in Angriff zu nehmen. Fraglos eröffnet das Projekt mit seinen umfangreichen Abfragemöglichkeiten Heimat verbundenen Nutzern/innen wie professionellen Forschern/innen ganz neue Möglichkeiten. Vorsicht scheint allerdings bei dem Satz geboten, dass nunmehr in 95 Prozent der Fälle das Original nicht mehr konsultiert werden müsse. Der Einsparung von Zeit und Kosten auf der Nutzerseite steht als Risiko gegenüber, dass solche Aussagen die Archive ermuntern werden, ihrerseits Kosten für Benutzerbetreuung und wissenschaftliches Personal einzusparen.

Neben der Quellenbereitstellung, wie sie das Monasterium-Projekt wesentlich praktiziert, existieren auch primär analytische Vorhaben im Netz. Michael Gervers machte die Zuhörer mit dem DEEDS (Documents of Essex England Data Set)-Projekt der Universität Toronto vertraut, das sich einem äußerst verzwickten Problem der englischen Geschichte verschrieben hat. Von der Eroberung der Insel durch die Normannen 1066 bis ins 14. Jahrhundert sind die englischen Privaturkunden durchweg nicht mit einem Datum versehen; dies behindert eine stringente Auswertung erheblich. DEEDS versucht nun, mit elektronischen Mitteln Datierungshilfen für diese Quellengruppe bereitzustellen. [2] Dazu werden gedruckte Werke digitalisiert, aber auch Urkundenbestände systematisch neu bearbeitet. Gervers konnte eindrucksvoll vorführen, wie die Analyse von Wortverbindungen und formelhaften Wendungen mithilfe exakter statistischer Verfahren zu chronologischen Clusterbildungen führt, die immerhin eine Datierungsgenauigkeit von plus/minus fünf Jahren ermöglicht. Die grafische Darstellung von Buchstabenhäufigkeiten und der Vergleich dieser Muster erlaubt ferner die nahezu sichere Zuweisung von Urkunden zu identischen Schreibern. Eine Verfeinerung der Analysemethoden steht auf dem Programm der kommenden Jahre, wobei Gervers betonte, dass der Aufbau eines virtuellen Textarchivs keinesfalls das Ziel sei. Die acht Prozent der Dokumente, die ein Datum tragen, sollen weiterhin nur als Vergleichsmaßstab für die 92 Prozent der undatierten genutzt werden.

Mitten hinein in die Chancen digitaler Quellenedition führte Matthias Perstling (Graz). Er hat es übernommen, das „Steirische Marchfutterurbar von 1414/1426“ zu publizieren, ein detailliertes Verzeichnis von Futterabgaben, das über zwölf Jahre fortgeführt wurde. Die Veränderungen der Namen und Mengen sowie Streichungen und Ergänzungen, die über diesen Zeitraum hinweg vorgenommen wurden, haben die Liste zu einem so komplexen Dokument anwachsen lassen, dass eine traditionelle Edition in Buchform zum Scheitern verurteilt ist: Entweder reduziert sie die Komplexität soweit, dass die Quelle letztlich zerstört wird, oder sie bildet die verwirrende Vielfalt der Einträge und Streichungen sorgfältig ab, macht dadurch aber den Text unbenutzbar. Die viel versprechende Lösung heißt hier „dynamische Edition“. Dabei geht es nicht mehr um die Wiedergabe des Textes, die etwa bei der Edition einer mittelalterlichen Chronik im Mittelpunkt steht, sondern um die Aufbereitung der im Text – sofern es sich überhaupt noch um einen solchen handelt – bereitgestellten Informationen auf anderem Wege. Eine dynamische Edition stellt den Benutzern/innen die jeweils gewünschte Information zusammen, wobei der Inhalt von der Publikationsform getrennt wird. Die Nutzer/innen definieren also mit ihren Fragen die Textversion, die ihnen präsentiert wird. Wer nach einer Liste bestimmter Jahre fragt, erhält genau diese isoliert, wer bestimmte Namen sucht, kann diese herausziehen lassen, wen die einzelnen Schreiberhände interessieren, der bekommt die Beispiele vor Augen gestellt. Der „Text“ als Ganzes wird also elektronisch aufgelöst in eine Menge von Einzelinformationen, die mithilfe von Datenbanken und komplexen Suchabfragen jeweils bedarfsgerecht neu zusammengesetzt werden. Das ist unübersehbar ein Fortschritt, besonders für solche Quellen, die ihrerseits als dynamisch zu verstehen sind, Arbeitsdokumente, die nicht auf das Ideal eines fertigen, in Reinschrift vorliegenden Exemplars hin orientiert waren und die letztlich nie ein einheitliches Ganzes sein sollten. Die Ermöglichung ganz unterschiedlicher Fragestellungen, seien es namenkundliche, prosopografische, paläografische oder die wachsende Vielfalt statistischer Auswertungen, ist zu begrüßen; ein „lesbarer“ Text bleibt hier entbehrlich. Ob sich solche Verfahren für die Masse mittelalterlicher Quellen anbieten, scheint dem tief beeindruckten Betrachter dennoch eine genauere Abschätzung wert.

Das Spektrum der behandelten Quellen umfasste auch die mittelalterlichen Weltkarten. Günther Görz berichtete über die Tiefenerschließung mittelalterlicher mappae mundi, die in Erlangen zurzeit vorangetrieben wird und als dessen erstes Produkt hoffentlich noch in diesem Jahr mit der berühmten Ebstorfer Weltkarte eine Zimelie mittelalterlicher Kartografie auf ganz neue Art und Weise der Öffentlichkeit vorgestellt werden kann. [3] Der besondere Reiz der digitalen Tiefenerschließung von Weltkarten liegt in der Verbindung dieser Quellen mit der zum späten Mittelalter hin zunehmenden Reiseliteratur, einer Wechselwirkung also aus Bild- und Schriftquellen. Die Erfordernisse des Reisens und die praktischen Erkenntnisse der Reisenden führten dazu, dass in die ursprünglich eher ein Weltbild im eschatologischen oder kosmologischen Sinne präsentierenden mittelalterlichen Karten neue Informationen eingetragen wurden, der Charakter der Karten dadurch vom Manifest der Weltanschauung zur geografischen Orientierungshilfe verändert wurde. Görz präsentierte im Detail das Herzstück des Projekts, die Datenbank, die Karten, Bilder und Metadaten verwaltet. Dabei gab er beeindruckende Einblicke in künftige Recherchemöglichkeiten. Sie lagen allerdings eher wie Inseln in einem Vortrag, der überwiegend von Problemen der Technik und der Aussagenlogik geprägt war. So ermüdend dieser Umstand auf manche Zuhörer/innen gewirkt haben mag, er verdeutlicht doch schlagend, dass die digitale Quellenwelt die Historiker/innen ebenso wie die Informatiker/innen fordert. Die bequeme Suche auf Knopfdruck ist insbesondere in solch komplexen Quellencorpora wohl nur um den Preis von Begrifflichkeiten wie „Konzepthierarchien“ oder „formale Ontologie der Datenbank“ und ihrer Inhalte zu realisieren. Die Sektion wurde durch zwei Beiträge zur Retro- Digitalisierung in der Zeitgeschichte und zur Aufbereitung von Filmen für das Internet abgerundet. Sie verschwanden erwartungsgemäß hinter dem begrenzten Interessenhorizont des Mediävisten, dokumentierten aber gleichwohl das erfolgreiche Bemühen der beiden Veranstalter, die Problematik digitaler Quellenedition mit einem wohl überlegten, breiten Fächer von Zugangsweisen zu skizzieren.

Eine Präsentation einzelner Zeitalter und ihres aktuellen Standes in der digitalen Welt war von den Veranstaltern ausdrücklich nicht vorgesehen. Umso mehr überraschte es, dass ausgerechnet die Mediävistik sich mit einer epochenspezifischen Sektion vorstellte. Deren Titel „Vernetztes Mittelalter“ war durchaus programmatisch aufzufassen, wie die einleitenden Gedanken des Leiters, Arno Mentzel-Reuters, Mitarbeiter der Monumenta Germaniae Historica in München, schnell deutlich werden ließen. Er charakterisierte den gegenwärtigen Stand der Mediävistik auf diesem Gebiet als Scheidepunkt. Die bloße Bereitstellung von Informationen unterschiedlichster Art im Netz beschreibe die Arbeitsweise von gestern, die vernetzte Arbeit von Institutionen und Einzelforschern/innen markiere die Zukunft. Mit einigem rhetorischen Aufwand – der zuweilen den Eindruck der Selbstverliebtheit nicht vermeiden konnte – verdeutlichte Mentzel-Reuters diese Auffassung. Es dominiere heute das Internet-gestützte Arbeiten in der Form des Sterns: man baue Portale auf, von denen aus sich das Fach in alle möglichen Richtungen digital verzweige. Seine Vision aber sei der Kreis oder der Chor aufeinander bezogener autonomer Systeme, die Daten nicht nur bereitstellen, sondern sie weitergeben an den forschenden Nachbarn bzw. die forschende Nachbarin. Dies erhöhe die Effizienz und vermeide die Doppelerfassung, die heute noch gang und gäbe sei. Der praktische Einwand, dass die Sternförmigkeit des Internet-Angebotes wohl nicht zuletzt auch infolge der Förderlogik der DFG besteht, sei zunächst einmal zurückgestellt. Was Mentzel-Reuters nämlich provokant formulierte, hat auch viel Wahres an sich. Dem Sektionsleiter ist zuzustimmen, dass die Internet-Angebote bei allem Wert von einem enormen „Rauschen“ begleitet sind. Redundante Informationen, Mehrfachangebote, schlecht gepflegte Links und in ihrer Qualität kritikwürdige bis dubiose Seiten decken vielfach die wirklich nützlichen Dinge zu oder erschwerten zumindest den selektiven Zugang. Jeder, der intensiv nach Informationen, Textausgaben etc. fahndet, wird diesem Befund zustimmen. Die Unbegrenztheit des Platzangebotes im Netz kann dazu verleiten, es als Müllhalde für Informationen aller Art zu missbrauchen; der Begriff der Hypertrophierung ist nur eine vornehme Umschreibung dessen.

Die Sektion versammelte in der Folge mit den Monumenta Germaniae Historica, den Regesta Imperii und der Handschriften-Datenbank Manuscripta Mediaevalia gleich drei zentrale Großprojekte der deutschen Mediävistik. Als viertes wäre das Internet-Angebot der Bayerischen Staatsbibliothek hinzugekommen, doch musste der Referent kurzfristig absagen. Allein diese Palette der großen Namen macht ein Verdienst der Veranstalter und gleichzeitig ein Problem der digitalen Mediävistik deutlich: Offenbar bedarf es des externen Anstoßes, damit diese Supertanker der Mittelalterforschung über Konvergenzen, Zusammenarbeit und die Vermeidung doppelter Arbeit nachdenken! Doch der Reihe nach.

Clemens Radl (München) präsentierte die digitalen Monumenta Germaniae Historica, die sich von der elektronischen MGH unter anderem dadurch unterscheiden, dass nicht nur die Texte bereitgestellt werden, sondern auch das gesamte Arbeitsinstrumentarium der Editionen. Nach der Realisierung des Projekts werden alle bis zum Jahr 2005 erschienenen Monumenta-Bände im Volltextzugriff verfügbar sein, die jüngeren Ausgaben jeweils sukzessive, sobald die mit dem Verlag ausgehandelte Schutzfrist für das gedruckte Buch abgelaufen ist. [4] Mit den Texten werden auch die Register komplett über das Internet recherchierbar sein. Dies ist eine wichtige Entscheidung, da die Zusammenführung von Varianten, etwa disparater Ortsnamen, dort erfolgt, die Register also Zusatzinformationen bieten, welche die Volltextsuche in der Edition nicht unbedingt finden kann. Radl erläuterte anschließend technische Details zu möglichen Datentransfers. In der Diskussion war bei den Zuhörern/innen eine gewisse Enttäuschung darüber zu verspüren, dass die digitalen Monumenta offenbar nicht mit allen Such- und Verarbeitungsmöglichkeiten ausgestattet werden sollen, die heute denkbar sind.

Die Regesta Imperii teilen mit den Monumenta Germaniae Historica nicht nur einen Großteil der Quellen, auf die sie sich hauptsächlich beziehen, beide Unternehmen sind historisch und arbeitstechnisch in vielfältiger Weise miteinander verbunden. Dennoch erfordern die Regesta ein stärker dezentrales Arbeiten als die Monumenta, gilt es doch die gesamte Überlieferung zu jeweils einem Herrscher flächendeckend zu erfassen und zu verarbeiten. Informationen und Korrekturen etwa aus einzelnen Archiven und Archivregionen sind hier mehr als willkommen, und die Anlage etwa der Regesten für Friedrich III. zeigt deutlich, dass in quellenreicher Zeit die Archivarbeit von einer Person allein nicht mehr zu leisten ist, sondern auf viele Schultern verteilt werden muss. In diesem Sinne sind die Regesta Imperii Online, wie Andreas Kuczera (Mainz) betonte, ein disloziertes Projekt. [5] In erster Linie stellt das neue elektronische Angebot daher den Bearbeitern/innen praktische Hilfsmittel zur Verfügung. So dient der auch von externen Nutzern/innen gerne konsultierte digitale Bibliothekskatalog (RI-OPAC) vornehmlich dazu, allen Bearbeitungsstandorten eine einheitliche Kurztitelfindung zu gewährleisten. Als nächsten Schritt des Projektes stellte Kuczera die Suche in kumulierten Registern in Aussicht, womit die Abfrage in den immensen Datenbeständen des Unternehmens erheblich vielfältiger vorgenommen werden kann. Ebenfalls angestrebt ist die Vernetzung der Registereinträge mit digitalen Abbildungen der jeweiligen Textstücke.

In den Bereich der Handschriften-Erschließung führten die beiden weiteren Vorträge der Sektion. Robert Giel (Berlin) verzichtete darauf, die Manuscripta Mediaevalia nochmals eingehend vorzustellen. Stattdessen nahm er eine Einordnung in das digitale Umfeld vor, die bemerkenswerterweise statt auf ein PowerPoint-Gewitter auf die bloße Kraft des Wortes vertraute. Momentan sind in dieser Handschriften-Datenbank 60.000 in Deutschland liegende Manuskripte des Mittelalters erfasst. Zusätzlich werden sowohl alte Handschriftenkataloge digitalisiert als auch neue Erfassungen vorgenommen. Aus diesem zweigeteilten Vorgehen resultiert eine unterschiedliche Tiefe in den jeweiligen Handschriften-Beschreibungen; die Standards haben sich im Laufe der Jahre immer weiter verfeinert. [6] Die Bearbeiter/innen verfolgen nunmehr das Ziel, die vorhandenen Informationen sachspezifisch zu erweitern. Das heißt konkret: Es ist geplant, die Nutzer/innen von der gesuchten Handschrift auf bestehende Editionen zu verweisen und umgekehrt aus Bibliotheks-OPACs heraus eine direkte Verbindung zur Handschriften-Datenbank herzustellen. Betreibt man dies konsequent, so zeichnet sich am Horizont auch schon die Vernetzung der Manuskript-Einträge mit der Forschungsliteratur ab. Den Manuscripta Mediaevalia würde dies sicherlich neue Nutzer/innen zuführen, und auch dem Fach wäre es zu wünschen, dass jedermann gewissermaßen automatisch von der Literatur auch wieder auf die Quellen zurückverwiesen wird.

Den Schlusspunkt setzte Torsten Schaßan (Wolfenbüttel) mit einem Beitrag, der den fordernden Titel „Desiderata der Handschriftenkatalogisierung und -digitalisierung“ trug. Dabei führte er vielfach am praktischen Beispiel aus, was sein Vorredner auf der analytischen Ebene angeschnitten hatte. Mit einer fulminanten Mischung aus grundlegenden Fragen und kleinteiligen Lösungen illustrierte Schaßan sein Credo, dass Handschriftenkataloge niemals fertig werden! Das war sicherlich anders gemeint, als Benutzer/innen gedruckter und digitaler Kataloge es auf den ersten Blick vermuten, die die Lücken der Erschließung oft genau dort finden, wo sie sie im Moment am wenigsten gebrauchen können. Der Referent zielte vielmehr darauf ab, dass die statische Präsentation von Erschließungsdaten nicht mehr zeitgemäß ist, dass – wie bei einigen Quellengattungen – einer dynamischen Aufbereitung der Daten der Vorzug zu geben sei. Nur in dieser Form könne man Daten nachtragen, Wissen vermehren, die beschriebene Handschrift sukzessive in all ihren Facetten erschließen.

So sehr diese Forderung einleuchtet, so sehr macht sie auch die Probleme deutlich, die mit den immensen Möglichkeiten digitaler Bereitstellung einhergehen. Unfreiwillig illustrierte der letzte Beitrag der Sektion auch zentrale Gedanken, die Arno Mentzel-Reuters zu Beginn formuliert hatte: die Übersättigung mit Information, das Rauschen des Beiwerks, das den Alarmton des eigentlich Gesuchten zu ersticken droht. Und wie ist es bei aller Dynamik mit der Stabilität der Information, die dauerhaft zitierfähig bleiben muss, solange sich die wissenschaftlichen Gepflogenheiten im Umgang mit Informationsquellen nicht nachhaltig ändern? Der Verfasser dieser Zeilen war sich jedenfalls nicht immer darüber im Klaren, ob er das euphorische „noch mehr“ an Details wirklich zu den Desiderata rechnen möchte.

Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der Satz „Handschriftenkataloge sind nie fertig“ ohnehin als preiswerte Binsenweisheit. Jede Quellenedition und jede wissenschaftliche Arbeit überhaupt kann und muss dies für sich in Anspruch nehmen. Es ist allein die Form der gedruckten Publikation, die zu einem Einschnitt zwingt, weil ein Manuskript irgendwann abgeschlossen werden muss. Hier ist die digitale Welt im doppelten Vorteil, flexibler und kostengünstiger zu sein. Aber der Einschnitt, zu dem der Druck eines Buches nötigt, sollte nicht nur als Fessel betrachtet werden. Mit ihm geht ein heilsamer Zwang einher, sich und den Lesern/innen Rechenschaft abzulegen über Notwendiges und weniger Wichtiges. Darin liegt im Übrigen eine nicht zu unterschätzende Leistung der Wissenschaftler/innen.

Damit sind wir bereits bei der Gesamtbetrachtung dessen angelangt, was .hist 2006 an spezifisch Mittelalterlichem zu bieten hatte. Beide Sektionen zu diesem Thema lohnten den Besuch, weil über die Vorstellung konkreter Projekte und technischer Lösungsmöglichkeiten hinaus Schwerpunkte und Grenzen des digitalen Arbeitens am historischen Objekt erkennbar wurden. Quellenerschließung, Quellenpräsentation und selbst unmittelbare Quellenforschung sind mithilfe der elektronischen Datenverarbeitung und den dadurch gewaltig gestiegenen Möglichkeiten des Vergleichs längst in eine neue Dimension eingetreten. Das Staunen des Beobachters ist hier berechtigt, ebenso der Stolz der „Macher“ auf das Erreichte und ihre Vorfreude auf neue Entwicklungen. Dennoch muss man die Perspektiven klarer formulieren. Sie können nicht allein in einem quantitativen Wachstum digitaler Informationsangebote liegen. Es ist das Verdienst der Sektion „Vernetztes Mittelalter“, diese Frage zumindest gestellt zu haben. Sie betrifft die verbesserte Abstimmung der Angebote im Netz und die Strukturen der Zusammenarbeit von Forschungseinrichtungen untereinander. Damit verbunden sind indessen Themen, die weit über das Technische hinausgehen, etwa die Vision einer dezentralen digitalen „Forschungsgemeinschaft“, zu der jeder seine Bausteine beitragen kann. Vor der Debatte der Machbarkeit ist aber die Frage nach dem Sinn zu erörtern.

Auch scheint insgesamt ein wenig aus dem Blick geraten zu sein, wem man die Informationen bereitstellen will, welche Nutzer/innen mit den unterschiedlichen Angeboten eigentlich angesprochen werden sollen: Forscher/innen oder interessierte Laien? Oder beide? Für die Konzeption der digitalen Arbeit kann das nicht gleichgültig sein, denn was für den einen willkommene Instruktion ist, empfindet der andere möglicherweise als das genannte „Rauschen“. Die Zuhörer/innen konnten sich bisweilen des Eindrucks nicht erwehren, dass der Trend eher dahin geht, immer komplexere Datenbanken und Abfragemöglichkeiten zu schaffen, damit jede/r mit dem digital bevorrateten historischen Material nach Belieben verfahren kann. So faszinierend dies ist – auch weil es letztlich den umfassend ausgebildeten Historiker bzw. die Historikerin als Benutzer/in erfordert! –, so unwirtschaftlich erscheint diese Methode der grenzenlosen Aufbereitung für den eventuellen Fall, dass irgendjemand irgendwann irgendeine Frage stellt. Das Vorgehen, den Nutzern/innen endlose Informationsketten per Knopfdruck verfügbar zu machen, dürfte zudem die elektronische Datenverarbeitung, die sich mühsam zur angesehenen „historischen Fachinformatik“ gemausert hat, auf lange Sicht zur Hilfswissenschaft im engsten denkbaren Sinn machen. Ob sich dies mit dem Selbstverständnis der aktuellen Digital-Historiker/innen verträgt?

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Dr. Harald Müller ist Privatdozent für Mittelalterliche Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Kirchengeschichte und des Kirchenrechts sowie des Renaissance-Humanismus. Zurzeit vertritt er an der Universität Leipzig die Professur für Historische Hilfswissenschaften / Archivwissenschaft. Er ist seit 2001 Review Editor für das Mittelalter bei H-Soz-u-Kult. E-Mail: muellerh@geschichte.hu-berlin.de


[*] Bericht zur Sektion: „Quellen im Netz“ sowie „Vernetztes Mittelalter. Entwicklungsstand und Perspektiven“. Der Querschnittsbericht erschien am 23.05.2006 auf H-Soz-u-Kult: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=707&type=diskussionen>.

[1] Vgl. <http://www.monasterium.net/> (20.03.2006).

[2] Vgl. <http://www.utoronto.ca/deeds/research/research.html> (20.03.2006).

[3] Vgl. <http://univis.uni-erlangen.de/form?__s=2&dsc=anew/resrep_view&rprojs=phil2/IDSL/LGDP/kommen&anonymous=1&dir=phil2/IDSL/LGDP&ref=resrep&sem=2006s&__e=225> (20.03.2006).

[4] Vgl. <http://www.dmgh.de/> (20.03.2006).

[5] Vgl. <http://www.regesta-imperii.org/> (20.03.2006).

[6] Vgl. <http://www.manuscripta-mediaevalia.de/> (20.03.2006).


Themenportale zwischen Bibliothek und Fachwissenschaft [*]

von Stephanie Marra

Dass die personelle und finanzielle Verknappung von Ressourcen seit geraumer Zeit nicht nur den akademischen Betrieb in Deutschland zu Reformen drängt und zu einer Neupositionierung führt, sondern in einem verstärkten Maße auch die außeruniversitären Einrichtungen sowie vor allem Bibliotheken, Archive und Museen erfasst, machten auch die Sektionen der Fachtagung .hist 2006 – Geschichte im Netz deutlich.

„Wissensmanagement“, „Informationsvermittlung“, „Teaching Library“ – diese oder ähnlich lautende Schlagworte schreiben sich wissenschaftliche Bibliotheken gerne auf ihre Fahnen, wenn es darum geht, mit ihren vermeintlichen Imageproblemen aufzuräumen. Bibliotheken präsentieren sich seit jeher zu Recht als moderne, dienstleistungsorientierte Betriebe, die unmittelbar und nachhaltig auf technische Entwicklungen und neue Organisationsformen reagieren. Bibliothekare/innen entwickeln sich immer mehr hin zu „Wissensmanagern/innen“, die konventionelle und elektronische Medien, vielfältige Fachinformationen sowie umfangreiche Angebote aus den verschiedenen Fachdisziplinen überblicken, auswählen und zur Verfügung stellen. Angesichts rückläufiger Erwerbungsetats und zeitgleicher Preissteigerungen von Verlagserzeugnissen müssen jedoch zwangsläufig neue Wege in der Literatur- und Medienversorgung beschritten werden. Bibliothekarische Konsortien, die mit dem Gemeinschaftserwerb von elektronischen Fachzeitschriften und Fachdatenbanken zur Kostenreduktion in ihren jeweiligen Häusern beitragen, werden seit einigen Jahren ergänzt durch Bemühungen der wissenschaftlichen Bibliotheken, mit Hilfe von Nationallizenzen [1] , Pay-Per-View-Modellen [2] und Pay-Per-Use-Angeboten [3] die Verteuerungen von elektronischen Fachzeitschriften und Fachdatenbanken aufzufangen. Allein der Kommunikationsprozess mit den wissenschaftlichen Nutzergruppen scheint bei all diesen Aktivitäten etwas auf der Strecke zu bleiben. Während innovative Projekte und neue Entwicklungen in der Informationsversorgung offenbar nicht ausreichend in die Fachwelt (und erst Recht nicht in eine breite Öffentlichkeit) kommuniziert werden, scheinen dagegen kommerzielle Großprojekte, wie zum Beispiel Google Scholar [4] , eine breite Rezeption zu erfahren. Diese Diskrepanz ist keinesfalls eine neue Erscheinung, sondern begleitet den Prozess der Einführung von digitalen Medien seit seinem Beginn.

Das derzeitige und künftige Zusammenspiel von Bibliotheken und Wissenschaft stand im Mittelpunkt der Sektion „TS 3: Die Sondersammelgebietsbibliotheken und ihre virtuellen Fachbibliotheken als Dienstleister für die historische Forschung“. Innerhalb des durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) organisierten Systems der überregionalen Literaturversorgung kommt seit 1949 mehr als 30 Staats-, Universitäts- und Spezialbibliotheken die Einrichtung fachspezifischer Sondersammelgebiete (SSG) zu. Ziel der jeweiligen Sammlungsschwerpunkte ist die weitestgehend vollständige Erwerbung und Verfügbarkeit der entsprechenden Fachliteratur des In- und Auslandes. Seit der Vereinigung der beiden deutschen Teilstaaten vor über 15 Jahren sind allerdings, bedingt durch die vergrößerte Wissenschafts- und Bibliothekslandschaft, auch Wandlungen innerhalb des SSG-Systems spürbar. Die Ausdifferenzierung der DFG- geförderten Sammelgebiete und die Fokussierung auf Spezialsammlungen bildeten sich ab Mitte der 1990er Jahre zeitgleich mit dem Aufbau so genannter Hybrider Bibliotheken aus, in denen konventionelle und digitale Medien gleichberechtigt nebeneinander stehen. Mit der Realisierung Virtueller Fachbibliotheken (ViFa), die von der DFG seit Ende der 1990er Jahre gesonderte Förderungen erhalten, kommt den Sondersammelgebietsbibliotheken damit zusätzlich die Aufgabe zu, disparate digitale Fachinformationen, erschlossen durch internationale bibliothekarische Standards, jeweils in einem Zentralportal zusammenzuführen. Neben der Einbindung genuin bibliothekarischer Kernmodule, wie relevanter OPACs, Datenbanken sowie Literatur-, Current Content- und Dokumentenlieferdiensten, finden sich in den weitestgehend gleichförmig aufgebauten ViFas auch wissenschaftliche Elemente, wie unter anderem die genannten qualitativ erschlossenen Fachinformationsführer, fachliche Suchmaschinen, Tutorials oder Volltexte.

In seiner Einführung umriss Klaus Kempf (Bayerische Staatsbibliothek [BSB] München) die Zielsetzung des Panels. Neben den Erfahrungsberichten exemplarisch vorgestellter ViFas sollten künftige Modelle und technische Entwicklungsmöglichkeiten in der geschichtswissenschaftlichen Literaturversorgung zur Sprache kommen. Diese neuen Anforderungen, denen sich allerdings nicht ausschließlich nur die fachzentrierten Sondersammelgebietsbibliotheken und deren ViFas zu stellen haben, thematisierte Ralf Goebel (DFG) in seinem Vortrag über allgemeine „Entwicklungen und Perspektiven der überregionalen Bibliotheksversorgung“.

Zu den Aufgaben, die künftig verstärkt an die Sondersammelgebietsbibliotheken und ihre ViFas heranzutragen sind, gehören neben einer schärferen Profilierung und wissenschaftlichen Vernetzung angesichts der zunehmenden internationalen und kommerziellen Konkurrenz vor allem auch regelmäßig durchgeführte Evaluationen zur Messung der Nutzerzufriedenheit, Retrodigitalisierungen, der verstärkte Erwerb campusfreier Nationallizenzen und das Outsourcing spezieller Dienstleistungen. [5] Gerade jedoch die letztgenannte Anforderung an die Sondersammelgebietsbibliotheken, sich künftig ebenso als überregionale Dienstleisterinnen zu profilieren, ist nicht frei von Problemen. Hier wird beispielsweise durch ein (kostenpflichtiges) Angebot der Auswahl, Beschaffung, Bearbeitung und Katalogisierung von Literatur bestimmter Fächer durch die SSG-Bibliotheken an den Kernkompetenzen aller übrigen wissenschaftlichen Bibliotheken, die nicht DFG- gefördert sind, gerüttelt. Ob es sich hierbei tatsächlich um eine von den Hochschulen und ihren Hochschulbibliotheken gewünschte „Optimierung des Personaleinsatzes“ handelt? Um den Bekanntheitsgrad der Sondersammelgebiete und ihres Leistungsspektrums innerhalb der Fachwissenschaften mehr als bisher zu steigern, erscheinen deshalb zunächst die von Goebel angeführten Aspekte der „Profilierung“, „Vernetzung“ und „Nutzungsanalyse“ dringlicher.

Im Anschluss an diesen programmatischen Ausblick wurden die Konzepte und inhaltlichen Ausrichtungen einzelner, bereits seit Jahren bestehender Virtueller Fachbibliotheken wie Vlib-AAC, Cibera und ViFa Ost [6] vorgestellt. Im gelungenen Wechsel mit Vorträgen über spezialisierte Dienstleistungen für die künftige Informationsversorgung der BSB München als Sondersammelgebietsbibliothek für die Geschichtswissenschaften, zeigten die vorgestellten Fallbeispiele auch die Synergieeffekte, die sich aus einer gelungenen Zusammenarbeit von Bibliotheken und Wissenschaften ergeben können. Als eine der frühesten virtuellen Fachbibliotheken stellte Wilfried Enderle (Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen) unter dem Titel „300.000 digitale Bücher für die Geschichtswissenschaft“ die Entwicklung der Vlib-AAC vor. Neben den besagten 300.000 Büchern, deren Summe sich aus der Anzahl der im Portal verfügbaren kommerziellen digitalen Textkorpora, thematischen Websites, subskribierten Zeitschriften und Mikroformen ergibt, wurden außerdem Nationallizenzen und Pay-Per-View-Angebote in das Fachportal aufgenommen. Angesichts der noch immer weit verbreiteten Haltung von Historikern/innen, Digitalisate und Online-Angebote für die Forschung und Lehre einzufordern und auch zu nutzen, weiterhin jedoch in möglichst renommierten Verlagshäusern zu publizieren [7] , plädierte Enderle abschließend für eine Vereinfachung der Ressourcenbereitstellung.

An diese Forderung knüpfte auch der Vortrag von Gregor Horstkemper (BSB München) an, der neue Konzepte der überregionalen Informationsversorgung für die Geschichtswissenschaften vorstellte. Neben dem Angebotsspektrum geschichtswissenschaftlicher Nationallizenzen präsentierte der Referent die im Herbst 2004 freigeschalteten Pay-Per-Use-Angebote der BSB. [8] Die technische Basis der Plattform bildet die Software „Hidden Automatic Navigator“ (HAN), die es registrierten Nutzern/innen ermöglicht, auch extern kostenfrei auf die Angebote der BSB zuzugreifen. Nicht registrierte Nutzer/innen nutzen den Pay-Per-Use-Zugang, der ihnen für ein geringes Entgelt die zeitlich befristete Nutzung der elektronischen Zeitschriften, Volltextsammlungen, Nachschlagewerke, CD-ROMs und Online-Datenbanken ermöglicht. Beide Angebotstypen sollen künftig in die Virtuellen Fachbibliotheken der BSB integriert werden. Eine bereits durchgeführte Erprobung des Pay-Per-Use-Modells innerhalb des geschichtswissenschaftlichen Portals Chronicon [9] zeigte allerdings bereits, dass künftig individuelle Lösungsansätze notwendig sind, um den reibungslosen Ablauf des Pay-Per-Use-Zugangs zu gewährleisten. Nach einer fast einjährigen Erprobungszeit spiegelt die vergleichsweise geringe Nutzung der Nationallizenzen und des Pay-Per-Use-Modells in Chronicon die eingangs getroffene Feststellung eines möglichen Kommunikationsdefizits zwischen den Bibliotheken und den (Geschichts-)Wissenschaften, das es dringend aufzuheben gilt.

Den fachwissenschaftlichen Nutzern/innen stehen eventuell interdisziplinäre, zumeist nicht genuin bibliothekarisch durchstrukturierte und klassifizierte Module näher, wie beispielsweise das elektronische Pressearchiv „IberoDigital“ der ViFa Cibera, die Annette Karl (Ibero-Amerikanisches Institut Berlin) vorstellte. Retrodigitalisierte bzw. originäre wissenschaftliche Volltexte (Magisterarbeiten, Handbücher, Lexika und Jahrbücher zur Geschichte Osteuropas) und fachwissenschaftliche Informationsangebote (Forschungsdatenbank, Personenverzeichnis, Vorlesungsverzeichnisse, Veranstaltungskalender, usw.) werden dann auch künftig das Angebotsspektrum der seit 2003 verfügbaren ViFa Ost erweitern, die Alessandra Sorbello Staub (BSB München) in Vertretung für ihre erkrankte Kollegin Gudrun Wirtz (BSB München) und Olivia Griese (Ludwig-Maximilian-Universität München) präsentierten. Im Fall von ViFa Ost haben eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit und das enge partnerschaftliche Verhältnis zwischen der Bibliothek und den beteiligten universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen einen wesentlichen Anteil an dem Erfolg und der breiten Akzeptanz des Portals.

Als Eigenentwicklung der BSB stellte Alessandra Sorbello Staub das bereits zuvor erwähnte geschichtswissenschaftliche Informationssystem Chronicon vor, das unter einer Suchoberfläche alle bibliothekarischen und fachlichen Dienstleistungen, die an der BSB für die allgemeine und europäische Geschichtswissenschaft entwickelt wurden, vereinigt. Den Aufbau und die künftige Weiterführung von Compact Memory [10] , dem Fachportal für Jüdische Zeitschriften und Zeitungen bis 1938 im deutschsprachigen Raum, präsentierte Rachel Heuberger (Universitätsbibliothek [UB] Frankfurt am Main). Über eine ausdifferenzierte Rechercheoberfläche erschließen sich die zur Verfügung stehenden Digitalisate von derzeit über 100 deutschsprachigen Periodika, denen in einem nächsten Arbeitsschritt Periodika in hebräischer und jiddischer Sprache folgen sollen. Neben der langfristigen Bestandserhaltung und der Bereitstellung wichtiger Bestände für Forschung und Lehre trägt das vorgestellte Zeitschriftenarchiv dazu bei, die spezialisierte Literaturversorgung an der UB Frankfurt am Main als Schwerpunktbibliothek für die Fachgebiete Wissenschaft von Judentum und Israel zu optimieren. Die einzelnen Beiträge der Sektion haben in ihrer Gesamtheit deutlich gemacht, dass die Funktion der Bibliotheken auch in der Bereitstellung von Online-gestützten Informations- und Nutzerdiensten für die Fachwissenschaften ungebrochen wichtig ist.

Folgerichtig bietet sich ein Vergleich mit den Erfahrungswerten und Perspektiven von geschichtswissenschaftlichen Fachportalen universitärer bzw. außeruniversitärer Provenienz, die weitestgehend mit den Sondersammelgebiets- und Spezialbibliotheken kooperieren, an. In der Sektion TS 8 „Historische Fach- und Themenportale: Forschen, Lehren, Kommunizieren, Vermitteln, Publizieren“ fanden sich dann neben den existierenden und geplanten Fachportalen zur überwiegend zeithistorischen Forschung auch „alte“ und „neue“ Bekannte wie die BSB, die ViFa Ost oder die ViFa Slavistik [11] ein, deren Vertreter/innen nun die fachwissenschaftlichen Anteile ihrer Virtuellen Bibliotheken präsentierten. Die eingangs von Sektionsleiter Jürgen Danyel (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) formulierten Erfahrungen und Perspektiven zeithistorischer Themenangebote im Internet machten allerdings schnell deutlich, dass Fachportale zur Neueren und Neuesten Geschichte wie das von Danyel vorgestellte Angebot Zeitgeschichte-online [12] mit nahezu denselben Problemen wie die zuvor thematisierten Virtuellen Fachbibliotheken zu kämpfen haben.

Trotz des ungebrochen starken öffentlichen Interesses an zeithistorischen Themen sowohl in konventionellen Veröffentlichungen wie in den Digitalen Medien konkurriert die Geschichtswissenschaft auf diesem Feld mit populärwissenschaftlichen und kommerziellen Anbietern um die Gunst der breiten Öffentlichkeit. Auch hier bietet eine verstärkte Vernetzung mit weiteren zeithistorischen Fachportalen, eine entsprechende Profilierung und Öffentlichkeitsarbeit, zu der auch die unmittelbare Umsetzung zeitaktueller Themenbereiche und „Forschungstrends“ gehört, ein probates Mittel, wissenschaftliche und außerwissenschaftliche Nutzergruppen langfristig zu binden. Eine explizit akademische Nutzerschicht wird hingegen mit dem von Heidi Hein (Herder-Institut Marburg) vorgestellten Editionsprojekt „Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte“ [13] anvisiert. Das noch im Aufbau begriffene Dokumentenportal wird thematisch konzipierte Module (Quellen, Fachinformationen, Unterrichtsmaterial) für Lehre und Studium beinhalten. Ob regelmäßig durchgeführte Evaluationen und die wissenschaftliche Betreuung der Module durch ein ausgewiesenes Fachkollegium die konstante Nutzerzufriedenheit gewährleisten können, wird sich erweisen. Aus der Werkstatt eines ebenfalls im Aufbau befindlichen Themenportals zur Europäischen Geschichte in der Moderne, das Bestandteil von Clio-online werden soll, berichtete Rüdiger Hohls (Humboldt-Universität zu Berlin). Die Erweiterungen schulischer und universitärer Curricula um Module europäischer Geschichte, die Einrichtung neuer Studiengänge und -abschlüsse sowie die Etablierung bzw. Umwidmung entsprechender Forschungseinrichtungen und Lehrstühle sind erste Indizien dafür, dass ein solches Themenportal nicht nur eine wichtige Anlaufstelle für Schüler/innen, Studierende, Lehrende und Wissenschaftler/innen werden wird, sondern sich auch dem Interesse der Öffentlichkeit gewiss sein kann. Aber auch dieses Themenportal wird nicht umhin kommen, sich mit Kooperationsprojekten und -partnern zu vernetzen, sich entsprechend thematisch zu zentrieren und die verschiedenen Nutzerschichten kontinuierlich anzusprechen. Michael Krölls (Leopold Franzens-Universität Innsbruck) abschließende, instruktive Analyse exemplarischer Webportale zur deutschsprachigen Zeitgeschichte brachte alle zuvor in beiden Sektionen immer wieder vorgebrachten Probleme und Perspektiven geschichtswissenschaftlicher Online-Angebote auf den Punkt. Kröll konnte nachvollziehbar darlegen, dass vor allem die Nutzer/innen von Vernetzungen der Portale untereinander, von inhaltlichen Abstimmungen und erweiterten fachlichen Kooperationen vermehrt profitieren können.

Allerdings bleibt abzuwarten, ob die in beiden Sektionen aufgezeigten Entwicklungen und Vorhaben in Zeiten knapper Finanzmittel langfristig realisierbar sind. Unabhängig von der Planungssicherheit digitaler Angebote sind hingegen die Aufgaben einer kommunikativen Vermittlung der Inhalte und einer stärkeren Öffentlichkeitsarbeit. Denn schließlich geht es bei allen institutionell angebundenen und von der öffentlichen Hand finanzierten Datenbanken, Virtuellen Fachbibliotheken, Themenportalen und Editionsprojekten um einen höchstmöglichen Nutzwert für die Zielgruppen.

***

Dr. Stephanie Marra ist Fachreferentin an der Universitätsbibliothek Dortmund und Lehrbeauftragte für die Geschichte der Frühen Neuzeit an den Historischen Instituten der Universitäten Dortmund und Bochum. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Sozialgeschichte des frühneuzeitlichen Adels, die Sammlungsgeschichte von Bibliotheken und Museen sowie die Nutzung von online-gestützten Medien in Lehre und Forschung. Sie ist Redakteurin der Fachinformationsliste H-Museum und seit 1994 Herausgeberin von mehreren Online-Angeboten. E-Mail: stephanie.marra@ub.uni-dortmund.de


[*] Bericht zur Sektion: „Die Sondersammelgebietsbibliotheken und ihre virtuellen Fachbibliotheken als Dienstleister für die historische Forschung“ sowie „Historische Fach- und Themenportale: Forschen, Lehren, Kommunizieren, Vermitteln, Publizieren“. Der Querschnittsbericht erschien am 22.05.2006 auf H-Soz-u-Kult: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=719&type=diskussionen>.

[1] Seit 2004 finanziert die DFG den Erwerb von Nationallizenzen, die den kostenlosen Zugang zu Datenbanken, digitalen Textsammlungen und elektronischen Zeitschriften für die deutschen Hochschulen ermöglicht. Bei den elektronischen Zeitschriften handelt es sich zumeist um so genannte Backfiles, also Jahrgänge, die mindestens zwei Jahre zurückliegen.

[2] Das Pay-Per-View-Verfahren an Bibliotheken umfasst den kostenpflichtigen Bezug einzelner Volltextartikel aus wissenschaftlichen Zeitschriften.

[3] Im Rahmen von Pay-Per-Use soll auch denjenigen Interessenten/innen der Zugang zu elektronischen Zeitschriften und Datenbanken ermöglicht werden, die keine eingetragenen Nutzer/innen einer zugangsberechtigten Bibliothek sind oder deren Bibliothek keine entsprechenden Lizenzen erworben hat. Individuellen Nutzern/innen wird für einen definierten Zeitraum der Zugang zu diesen Angeboten ermöglicht und anschließend ein Nutzungsentgelt in Rechnung gestellt.

[4] Google Scholar, seit Mitte November 2004 als englischsprachige spezielle Suchmaschine für das Auffinden wissenschaftlicher Literatur online, findet sich unter <http://scholar.google.com/> (23.03.2006).

[5] Zur Aufgabenprofilierung der Sondersammelgebietsbibliotheken vgl. die Empfehlungen des Unterausschusses für Überregionale Literaturversorgung und des Bibliotheksausschusses von Juni 2004: Das DFG-System der überregionalen Sammelschwerpunkte im Wandel – Weitere Schritte zur Umsetzung des Memorandums zur Weiterentwicklung der überregionalen Literaturversorgung, S. 14, <http://www.dfg.de/forschungsfoerderung/wissenschaftliche_infrastruktur/lis/download/strategiepapier_ueberreg_lit_versorgung.pdf> (23.03.2006). Zur Analyse der Nutzerzufriedenheit des DFG-geförderten Informationsportals vascoda vgl. die im Jahr 2005 von der Universitäts- und Landesbibliothek Münster im Auftrag des BMBF durchgeführten „Evaluation von vascoda aus Nutzerperspektive“. Erste Teilergebnisse liegen vor: Gediga, Günther; Gildehorn, Antje; Cover, Britta: Evaluation von vascoda aus Benutzersicht. Ergebnisse der Nutzerbefragung 2005, Münster u.a. 2005, <http://www.dl-forum.de/dateien/Evaluation_vascoda_Ergebnisse_Befragung_2005.pdf> (23.03.2006). Siehe ergänzend dazu die Ergebnisse der Fokusgruppen-Interviews, <http://www.ulb.uni-muenster.de/projekte/vascoda/vascoda-erfahrungen.pdf> (23.03.2006).

[6] Vlib-AAC. Virtual Library of Anglo-American Culture (SUB Göttingen) <http://www.sub.uni-goettingen.de/vlib/history/>(23.03.2006). Das inter-disziplinäre Portal cibera: Virtuelle Fachbibliothek Ibero-Amerika / Spanien / Portugal ist seit Mitte November 2004 online, <http://www.cibera.de> (23.03.2006). Zu den weiteren Inhalten von cibera siehe Karl, Annette; Mühlschlegel, Ulrike; Ullrich, Ralf: cibera: Virtuelle Fachbibliothek Ibero-Amerika / Spanien / Portugal, in: Bibliotheksdienst 39 (2005), S. 1588-1596, <http://www.zlb.de/aktivitaeten/bd_neu/heftinhalte2005/DigitaleBib1205.pdf> (23.03.2006). Auch die Virtuelle Fachbibliothek Osteuropa (ViFa Ost), die seit 2003 zugänglich ist, versteht sich als „fachübergreifendes Regionalportal“ zur Osteuropaforschung, <http://www.vifaost.de/> (23.03.2006).

[7] Vgl. Blaschke, Olaf, Reputation durch Publikation. Wie finden deutsche Historiker ihre Verlage? Eine Umfrage, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 55 (2004), S. 598-620.

[8] Verfügbare Pay-Per-Use-Datenbanken der BSB München, <http://www.bsb-muenchen.de/datenb/ppupreise.htm> (23.03.2006).

[9] Chronicon. Fachportal für Geschichtswissenschaften, <http://www.chronicon.de/> (23.03.2006).

[10] Das Angebot Compact Memory – Wissenschaftsportal für Jüdische Studien ist ein Digitalisierungsprojekt des Lehrgebiets Deutsch-jüdische Literaturgeschichte der RWTH Aachen, des SSG Judentum an der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt am Main und der Bibliothek Germania Judaica Köln, <http://www.compactmemory.de/> (23.3.2006). Siehe hierzu auch Schicketanz, Till; Heiligenhaus, Kai: „Inseln im Meer des Beliebigen“. Architektur und Implementierung eines Internetportals Deutsch-Jüdischer Periodika, in: Jahrbuch für Computerphilologie 5 (2003), S. 67-96, <http://computerphilologie.uni-muenchen.de/jg03/schicketanz-heiligenhaus.html> (23.03.2006).

[11] Die Virtuelle Fachbibliothek Slavistik (ViFa Slavistik) wird an der Staatsbibliothek zu Berlin in Kooperation mit der UB Bochum betreut. Das Slavistik-Portal, das künftig unter der Adresse <http://www.slavistik-portal.de/> erreichbar sein wird, befindet sich derzeit noch im Aufbau.

[12] Zeitgeschichte-online. Fachportal für die zeithistorische Forschung, ein Kooperationsprojekt des ZZF Potsdam und der Staatsbibliothek zu Berlin, ist als Modul der ViFa Geschichte, zu der gleichermaßen die Angebote Clio-online und Historicum.net gehören, konzipiert, <http://zeitgeschichte-online.de/> (23.03.2006).

[13] Als erster Teil des Editionsprojekts „Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte“ steht bereits das Modul „Zweite Polnische Republik“ zur Verfügung, <http://quellen.herder-institut.de/> (23.03.2006).


Kollaboratives Schreiben, Lehren und Lernen [*]

von Daniel Burckhardt

Kein anderer Begriff wurde im Februar 2006 von deutschen Internet-Nutzern/innen bei Google so oft nachgefragt wie „Wikipedia“. [1] Eine breite Öffentlichkeit hat inzwischen die freie Online-Enzyklopädie als nützliche Anlaufstelle bei Recherchen im Netz entdeckt. Entsprechend präsent war die Wikipedia auch auf der Tagung .hist 2006. In verschiedenen Sektionen und Einzelgesprächen wurde wiederholt die Frage nach Verlässlichkeit und Zitierbarkeit der im ständigen Wandel befindlichen Wikipedia-Artikel gestellt. In der von Peter Haber geleiteten Sektion „Collaboratories. Das Schreiben der Geschichte im vernetzten Zeitalter“ [2] standen aber weniger die Inhalte dieses Erfolgsprojekts kollektiven Schreibens, das in nur fünf Jahren auf rund 3,5 Millionen Artikel in über 200 Sprachen angewachsen ist, im Vordergrund, als vielmehr der Produktionsprozess sowie Theorie und Praxis des Hypertexts.

Entgegen dem generellen Trend im Webdesign, über eine weitgehend hierarchische Navigation die Zahl der Klicks zu nur schwach miteinander verknüpften Einzeltexten zu minimieren, feiert mit der Wikipedia der durch eine Vielzahl von Links rhizom-artig strukturierte Hypertext eine Renaissance. [3] Ebenso wird die Frage nach Autorschaft erneut problematisiert, die nicht nur für das Gesamtwerk, sondern auch für einzelne Artikel, die im Laufe der Zeit von verschiedenen Personen weiter geschrieben werden, kaum noch zu bestimmen ist. Wurden solche Entwicklungen – wie Jakob Krameritsch gegen Ende der Sektion ausführte – in der ersten Hochzeit des Hypertexts in den 1990er Jahren von der Geistes- und Kulturwissenschaft emphatisch diskutiert, kehrte mangels lange ausbleibender, erfolgreicher Umsetzungsversuche zunächst eine gewisse Ernüchterung ein. Möglicherweise erschien auch vielen durch Postmoderne und Dekonstruktivismus geprägten Geisteswissenschaftlern/innen das Wikipedia-Leitmotiv eines neutralen Standpunkts („neutral point of view“, kurz NPOV) als antiquiert. So steht die Wikipedia unter latentem Positivismus-Verdacht, was viele daran hinderte, in ihr eine technische und inhaltliche Realisierung der ein Jahrzehnt zuvor geäußerten Vorstellungen zu sehen.

Jakob Voß, in der deutschen Sektion der Wikipedia sehr aktiv, stellte die Gründe für den gegenwärtigen Erfolg der Wikipedia im günstigen Zusammenwirken verschiedener Faktoren dar: Der Wiki-Technologie und -Software, einer praktikablen Lizenz für die Inhalte, die die flexible Nachnutzung der Texte ermöglicht, einem einfachen gemeinsamen Projektziel, das im Aufbau einer möglichst umfangreichen Enzyklopädie gemäß dem NPOV besteht, sowie einer aktiven, selbstorganisierten Community, die Regeln für die Schlichtung von Meinungsverschiedenheiten und Konflikten entwickelt hat. Gemäß „Lotkas Gesetz“, wonach viele Autoren/innen nur einmal, ein paar wenige dagegen sehr oft publizieren [4] , sind auch bei der Wikipedia weniger als 10 Prozent der registrierten Nutzer/innen für über 90 Prozent der Bearbeitungen verantwortlich. Diese Gruppe der sehr aktiven Nutzer/innen ist überwiegend jung (20-30), gut gebildet und männlich (86 Prozent). Aus ihrem Kreis rekrutieren sich auch die im deutschen Sprachraum rund 200 Administratoren/innen, die für Sperrungen und Löschungen verantwortlich sind.

Zwei der soeben erwähnten Erfolgsfaktoren, die Wiki-Technologie sowie das Projektziel einer Enzyklopädie, in diesem Fall ein „Biographisch-bibliographisches Handbuch für das katholische Deutschland“, wurden von der Kommission für Zeitgeschichte in Bonn mit zwei Projektpartnern aus dem technischen Bereich erfolgreich in den Antrag für das WIKINGER-Projekt (Wiki Next Generation Enhanced Repository) im Rahmen der deutschen „E-Science“-Initiative aufgenommen. [5] Wie Karl-Joseph Hummel ausführte, sollen die biografischen Einträge für ein „Who is Who“ des deutschen Katholizismus jedoch nicht von interessierten Nutzern/innen der Site stammen, sondern von ausgewählten Fachwissenschaftlern/innen erstellt werden. Als technische Innovation soll die Liste der im Handbuch berücksichtigten Personen durch linguistische Verfahren weitgehend automatisiert aus bestehenden Veröffentlichungen extrahiert werden. Es wird sich in den nächsten Jahren zeigen, ob diese Top-Down-Organisation im Rahmen eines Wissenschaftsprojektes – der Projektmitarbeiter stand das ganze Referat hindurch schweigend neben seinem Vorgesetzten – oder der Bottom-Up-Ansatz der Wikipedia bessere Ergebnisse produziert. Zu befürchten ist jedoch, dass die Lizenz der im Rahmen des WIKINGER-Projekts erstellten Biografien nicht ohne weiteres eine Weiternutzung in der Wikipedia erlauben wird.

Wie fremd für viele Fachwissenschaftler/innen die Vorstellung einer Arbeitsplattform ohne Zugangsbeschränkungen ist, zeigte sich auch in der Präsentation von Gisela Minn zum Forschungsnetzwerk und Datenbanksystem für den Trierer SFB 600 „Fremdheit und Armut – Wandel von Inklusions- und Exklusionsformen von der Antike bis zur Gegenwart“. Auf beeindruckende Weise wurden hier die Wünsche und Anforderungen einer fächerübergreifenden Forschergruppe analysiert und als netzbasiertes EDV-System implementiert. Die einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen die von ihnen bearbeiteten Texte, Bilder, Töne und Objektinformationen, etwa zu einer antiken Münze, in eine gemeinsame Datenbank ein. Im Gegensatz zur Offenheit der Wikipedia herrscht hier aber das Grundprinzip, wonach derjenige, der die Daten ins System einträgt, allein über die Sichtbarkeit dieser Daten für andere Personen und Gruppen entscheiden kann. Neben dem Wunsch nach Exklusivität vor Veröffentlichung können auch Urheberrechte und – besonders bei neueren Akten – Persönlichkeitsrechte einer generellen Freigabe im Wege stehen.

Naturwissenschaftler/innen arbeiten in „Laboratories“ schon seit Jahrzehnten in größeren Gruppen zusammen. Dies spiegelt sich in einer Vielzahl von Autorennennungen bei den meisten Veröffentlichungen. In den Geschichtswissenschaften ist dagegen die mono-auktoriale Erzählung immer noch der Regelfall. Jan Hodels Skizze des „hist.collaboratory“ [6] stellte deshalb weniger ein konkretes Projekt vor, als eine Reihe von Überlegungen zu einem gemeinsam genutzten virtuellen Schreibtisch für die Geisteswissenschaften. Dabei machte er auf eine entscheidende Eigenschaft der Wiki-Systeme aufmerksam. In den Worten von Jim Wales, dem Gründer der Wikipedia: „The basic thing I think makes it work is turning from a model of permissions to a model of accountability. It isn't that you are allowed or not allowed to edit a certain thing; it's when you do it, that change is recorded, and if it's bad, people can see that.“ [7] Genau diese minutiöse Buchführung der Wiki-Systeme über sämtliche Veränderungen könnte ein wichtiger Faktor für die Akzeptanz von Kollektiv-Autorschaften in den Geisteswissenschaften werden. Wenn der Anteil eines jeden Autors und einer jeden Autorin an einem Text stets transparent ist, fällt vielleicht auch der Verzicht auf die alleinige Autorschaft nicht mehr so schwer.

Content Management Systeme (CMS) sind Team-Tools par excellence. Dieser Satz aus dem Eröffnungsreferat von Wolfgang Schmale passte besonders gut auf die von Madeleine Herren geleitete Sektion zur „Entwicklung von E-Learning-Projekten als kollaborativer Forschungsprozess“. [8] Denn viele E-Learning-Plattformen sind nichts anderes, als auf den Unterricht spezialisierte CMS, allenfalls ergänzt um Kommunikationsfunktionen zwischen den Studierenden und den Lehrenden. Allerdings wurden nicht alle vorgestellten Projekte dem im Titel formulierten Anspruch gerecht. Oder wie einer der Tagungsteilnehmer in der Diskussion meinte: Müsste man nicht von E-Teaching statt von E-Learning sprechen, wenn sich das Online-Angebot im Wesentlichen auf einen Seminarordner im Netz beschränkt?

Viele der nach dem ersten Boom der späten 1990er Jahre gestarteten E-Learning-Projekte sind aber weniger durch neue technische Möglichkeiten motiviert, bzw. proben offensiv neue Formen der Wissensvermittlung, sondern reagieren eher defensiv auf die Veränderungen in der universitären Lehre im Zuge des Bologna-Prozesses sowie auf weiter steigende Zahlen von Teilnehmern/innen in den Seminaren. Oder anders formuliert: Steht der Seminarordner im Netz, muss wenigstens keiner Schlange vor dem Kopierer stehen. Das Hosting in zugangsbeschränkten und meist nur über Campus-Lizenzen verfügbaren kommerziellen Systemen [9] führt aber dazu, dass an verschiedenen Universitäten ähnliche Kursinhalte entwickelt werden. Mehr Kooperation zwischen den Lehrenden an den verschiedenen Hochschulen sowie der Einbezug der Universitätsbibliotheken als Informationsvermittler in die Angebote der Grundausbildung wurden gefordert, um den hohen Anfangs-Aufwand für den Aufbau einer netzgestützten Lehrveranstaltung zu reduzieren.

Mehr Erfolg als solche Appelle verspricht der Ansatz, der von Teilnehmern/innen des E-Learning-Projekts „Heidelberg 1934-Harvard 1940“ präsentiert wurde: Der Einbezug von Studierenden in die Konzeption und Realisierung eines Lehrangebots. Im Rahmen eines Oberseminars bildete das unveröffentlichte Manuskript „Nacht über Heidelberg“ von Dr. Barbara Schütz-Sevin, einer früheren Studentin und Doktorandin an der Universität Heidelberg, die Basis für einen netzgestützten Kurs zu den Themen Machtübernahme, Gleichschaltung, Antisemitismus und erzwungene Emigration in den 1930er und 1940er Jahren. Mit dem Einbezug von Bildern, Film- und Tonsequenzen, digitalisierten Zeitungen und Archivalien werden die medialen Vorteile des Webs gegenüber dem papiergebundenen Selbststudium ausgenutzt. Als technische Plattform wird Moodle [10] eingesetzt, das auch die Einbindung von Wiki-Komponenten und gegenseitigen Bewertungsmöglichkeiten unterstützt. Wie weit rechtliche Rahmenbedingungen, etwa Landeslehrverordnungen, einer Verlagerung von zuvor alleine von den Lehrenden übernommenen Aufgaben auf die Teilnehmer/innen der Veranstaltung selbst im Wege stehen, wird sich in Zukunft sicher zeigen. Urheberrechtliche Bedenken verhinderten auch die Öffnung der Veranstaltung für eine breite Netz-Öffentlichkeit außerhalb der Universität Heidelberg. Zu hoffen wäre, dass in Zukunft aber wenigstens Studierende von Harvard sich im Zuge einer transatlantischen Kooperation in diese Lehrveranstaltung einklinken können. Spätestens dann würde aus dem kollaborativen Forschungs- auch ein kollaborativer Lernprozess werden.

Wer die Programme der Tagung .hist 2006 und der entsprechenden Veranstaltung drei Jahre zuvor nur flüchtig vergleicht, könnte zum Schluss kommen, dass nach einem stürmischen Jahrzehnt nun eine Phase der Ruhe und Konsolidierung angebrochen ist. Bei der Retrodigitalisierung und in der Sektion zum elektronischen Publizieren traten vorwiegend bereits von der letzten Tagung bekannte Projekte auf, beim E-Learning hat sich die Zahl der Präsentationen sogar deutlich reduziert. Einzig die Sektion zu den „Collaboratories“ setzte einen ganz neuen Akzent. Der Erfolg der Wikipedia und die freie Verfügbarkeit der darunter liegenden Software-Plattform – das hat sich in der Sektion von Madeleine Herren zum E-Learning deutlich gezeigt – eröffnete in fast jeder Sektion ganz neue Perspektiven. Wie aus rohen Scans nach dem Wiki-Prinzip eine transkribierte und kommentierte Edition entstehen könnte, zeigt zurzeit die Zimmerische Chronik auf Wikisource. [11] Auch aus einer noch stark am gedruckten Artikel orientierten E-Publikation wird so vielleicht in wenigen Jahren ein schon vor der ersten Veröffentlichung von den Gutachtern/innen und danach von den Lesern/innen kommentiertes, berichtigtes und ergänztes „Living Document“. [12] Gut möglich, dass diese kollaborativen Prozesse für das Fach in den nächsten Jahren ähnlich bedeutsam werden, wie die Einführung von E-Mail und WWW im letzten Jahrzehnt.

***

Daniel Burckhardt ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und Web-Redakteur von H-Soz-u-Kult. E-Mail: BurckhardtD@geschichte.hu-berlin.de


[*] Bericht zur Sektion: „Collaboratories. Das Schreiben der Geschichte im vernetzten Zeitalter“ sowie „Entwicklung von E-Learning-Projekten als kollaborativer Forschungsprozess“. Der Querschnittsbericht erschien am 20.05.2006 auf H-Soz-u-Kult: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=724&type=diskussionen>

[1] Vgl. <http://www.google.com/press/intl-zeitgeist.html#de> (12.04.2006).

[2] Zum Programm dieser Sektion siehe <http://www.clio-online.de/hist2006/userinfoviewsession.php4?session_id=21> (12.04.2006).

[3] Siehe dazu auch Jakob Nielsens Alertbox-Kolumne vom 03.04.2006, <http://www.useit.com/alertbox/hype.html> (12.04.2006).

[4] „Die Anzahl der Personen, die n Aufsätze schreiben, ist proportional zu 1/n^2“, <http://www.ib.hu-berlin.de/~wumsta/umdefa.html> (12.04.2006).

[5] Vgl. <http://www.kfzg.de/Forschung/WIKINGER/wikinger.html> (12.04.2006).

[6] Vgl. <http://wiki.histnet.ch/index.php/HistCollaboratory> (12.04.2006).

[7] Vgl. <http://news.com.com/2009-1025-5944453-3.html> (12.04.2006).

[8] Zum Programm dieser Sektion siehe <http://www.clio-online.de/hist2006/userinfoviewsession.php4?session_id=10> (12.04.2006).

[9] In Innsbruck und Bochum Blackboard Academic Suite, <http://www.blackboard.com> (12.04.2006).

[10] Vgl. <http://moodle.org/> (12.04.2006).

[11] Vgl. <http://de.wikisource.org/wiki/Zimmerische_Chronik> (12.04.2006), siehe auch eine entsprechende Mail von Klaus Graf, <http://www.aedph.uni-bayreuth.de/2006/0004.html> (12.04.2006).

[12] Ein Beispiel für einen solchen Prozess bietet der Tagungsband Wikimania 2005, <http://meta.wikimedia.org/wiki/Transwiki:Wikimania05> (12.04.2006).


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