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Band 10 • 2007 • Teilband II

ISBN 978-3-86004-205-2

Geschichte im Netz: Praxis, Chancen, Visionen

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Virtuelle Fachbibliotheken für die historische Forschung

 

Entwicklungen und Perspektiven der überregionalen Literaturversorgung aus Sicht der Deutschen Forschungsgemeinschaft

von Ralf Goebel

Ziel des DFG-geförderten Systems der überregionalen Literaturversorgung ist es, für alle Wissenschaftler/innen und Studenten/innen in Deutschland eine gleichmäßige und umfassende Versorgung mit wissenschaftlicher Spezialliteratur zu gewährleisten. Dies muss zukünftig auch die umfassende Versorgung mit den verfügbaren digitalen Publikationen einschließen, die über Datenverkehrsnetze direkt am Arbeitsplatz zugänglich gemacht werden. Mit der Gründung von Vascoda als Keimzelle einer von Bibliotheken und Fachinformationssystemen gemeinsam getragenen „Digitalen Bibliothek Deutschland“ wurde eine wichtige Grundlage für den Aufbau eines integrierten Gesamtsystems der nationalen Informationsbereitstellung gelegt. Ziel muss es nun sein, das DFG-Sondersammelgebietssystem in das nationale Wissenschaftsportal einzubetten und durch digitale Ressourcen zu komplettieren. Neben der Lizenzierung digitaler Verlagsangebote sollen im Rahmen einer Prioritätenplanung gemeinfreie Bestände der Sondersammelgebiete digitalisiert werden.

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Das DFG-System der Sondersammelgebiete und der Virtuellen Fachbibliotheken

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ist die zentrale Selbstverwaltungsorganisation der deutschen Wissenschaft. Ihre Mitglieder sind wissenschaftliche Hochschulen, die Akademien der Wissenschaften, größere Forschungseinrichtungen sowie wissenschaftliche Gesellschaften und Verbände. Als gemeinnützige und politisch unabhängige Organisation unterstützt die DFG alle Bereiche der Wissenschaft durch die Finanzierung von Forschungsprojekten, den Aufbau kooperativer Strukturen und die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Zur Stärkung des Wissenschaftsstandortes Deutschland fördert sie zudem eine Vielzahl von Projekten zum Aufbau und zur Verbesserung der wissenschaftlichen Informations-Infrastrukturen in Deutschland, unter anderem auch das System der Sondersammelgebiete. [1] Im Rahmen dieses Systems zur überregionalen Literaturversorgung werden Literatur und Informationsressourcen nahezu aller Wissensgebiete mit hohem Spezialisierungsgrad beschafft und wissenschaftlichen Nutzern/innen über Informationssysteme im World Wide Web, den sogenannten Virtuellen Fachbibliotheken, zugänglich gemacht. Die Pflege der Sondersammelgebiete ist eine gemeinsame Aufgabe der Bibliotheken und der DFG mit dem Ziel, fachlich spezialisierte Informationssysteme aufzubauen, die wissenschaftlichen Nutzern/innen im direkten Zugang über das Internet als Ressource für ihre eigene Literatur- und Informationsversorgung zur Verfügung stehen. Neben der wachsenden Zahl freier und verlagsgebundener digitaler Inhalte bilden die systematisch aufgebauten Spezialsammlungen gedruckter Literatur einen zuverlässigen Rückhalt für die überregionale Literaturversorgung des betreffenden Fachs. Die Bibliotheken beschaffen dabei nicht nur die konventionell und in digitaler Form erscheinende Literatur, sondern erschließen diese nach formalen und insbesondere nach fachlichen Kriterien. Sie weisen in den Virtuellen Fachbibliotheken die Metadaten der Bestände nach und stellen die Dokumente entweder im Online-Zugriff oder über die Fernleihsysteme sowie das Dokumentliefersystem subito [2] zur Verfügung. Die Virtuellen Fachbibliotheken verbinden also die Sammlung und Erschließung von konventionellen Publikationen, freien Internet-Ressourcen und digitalen Verlagsangeboten in einer einheitlichen Umgebung. In der Regel arbeiten mehrere fachlich verwandte Sondersammelgebiete sowie andere Informationsanbieter im Rahmen einer einzigen Virtuellen Fachbibliothek zusammen.

Gegenüber den allgemeinen Internet-Suchmaschinen entwickeln die Virtuellen Fachbibliotheken Alleinstellungsmerkmale durch die Integration digitaler und konventioneller Informationsressourcen, durch die qualitative Erschließung und Auswahl von Internetressourcen, durch die umfassende Einbeziehung des „hidden Web“ in das Informationsangebot und durch die qualitative sachliche Erschließung.

Die DFG unterstützt das System der Sondersammelgebiete durch Beteiligung bzw. Übernahme von Erwerbungskosten. Im Bereich der Print-Literatur übernimmt die DFG zur Zeit bei ausländischen Zeitschriften und Monografien 75 Prozent der Kosten – 25 Prozent müssen aus Eigenmitteln der Bibliotheken bzw. durch die Universitäten finanziert werden. Im Bereich der digitalen Medien kann der Online-Zugriff für die Nutzer/innen entweder entgeltfrei oder als Pay-Per-Use ermöglicht werden. Viel spricht dafür, dass im Falle der Pay-Per-Use-Variante künftig auch Grundlizenzen aus den DFG-Mitteln bezahlt werden können. Ebenso sollten künftig die Kosten für den Erwerb von Sicherungskopien digitaler Medien mit Hilfe der DFG bestritten werden können.

Digitale Objekte, deren Lizenzkosten den Rahmen der jährlichen Verfügungsbeträge sprengen oder die größere Teile von Verlagsprogrammen beinhalten und daher in der Regel mehrere Sondersammelgebiete betreffen, werden im Rahmen von Sondermaßnahmen beschafft. In den Jahren 2004 und 2005 hat die DFG bereits in erheblichem Umfang im Rahmen zweier Sondermaßnahmen Nationallizenzen [3] mit für die Geschichtswissenschaften interessanten Titeln erworben. Darüber hinaus wird zurzeit mit den Verlagen auch über die Modalitäten der Versorgung mit aktuellen elektronischen Zeitschriften verhandelt. Im Dezember 2005 wurden also Lizenzen für 30 große Text- und Werksammlungen sowie umfangreiche Zeitschriftenjahrgänge zurückliegender Jahre im Wert von 21,5 Millionen Euro finanziert. Die Datenangebote stammen unter anderem von folgenden Verlagen und Fachgesellschaften: American Chemical Society, American Institute of Physics, Brepols, Elsevier, Oxford University Press, Proquest, Royal Chemical Society, Springer, Thomson/Gale, Thomson/Saur, Wiley. Durch die Lizenzen werden den geistes- und naturwissenschaftlichen Disziplinen in Deutschland endlich wichtige Forschungsressourcen in der Breite erschlossen. Ab Mai 2006 werden deutschlandweit Wissenschaftler/innen sowie Studierende über die einzelnen Hochschulen und Forschungseinrichtungen für einen kostenfreien Online-Zugang zu den erworbenen Datenbanken und digitalen Zeitschriftenarchiven freigeschaltet. Kernpunkt der Lizenzverträge ist die Vereinbarung, dass die lizenzierten Daten auf den Servern der Sondersammelgebietsbibliotheken gespiegelt und bei Wegfall des entsprechenden Verlagsangebots auch eigenständig gemäß den Lizenzbedingungen angeboten werden dürfen.

Bereits im Jahr 2004 hatte die DFG den Erwerb von nationalen Datenrechten für ausgewählte Text- und Werksammlungen im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften erstmals mit 5,9 Millionen Euro unterstützt. Hier gibt es die zusätzliche Besonderheit, dass alle Interessierten mit Hauptwohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland nach persönlicher Registrierung von jedem beliebigen Computer aus für ihre wissenschaftliche Arbeit den vollen Zugriff auf die Daten erhalten können. Unter den lizenzierten Datenbanken findet sich beispielsweise die Sammlung Early English Books Online, die angefangen vom ersten veröffentlichten Buch in englischer Sprache bis hin zu Shakespeare mehr als 100.000 Titel im Volltext enthält. Besonders für Historiker/innen ist die umfangreiche Sammlung von Primärdokumenten zur US-Außen- und Militärpolitik seit 1945, Digital National Security Archive, interessant: Die aus 20 Teilsammlungen bestehende Datenbank enthält über 50.000 der wichtigsten freigegebenen Dokumente (insgesamt mehr als 380.000 Seiten). Es handelt sich dabei sowohl um politische Schriften wie Direktiven des Präsidenten, Memos, diplomatische Depeschen als auch um Sitzungsnotizen, unabhängige Berichte, Briefings, Mitteilungen aus dem Weißen Haus, E-Mails, vertrauliche Briefe usw.

In einer Studie [4] im Jahr 2003 wurden 280 Wissenschaftler/innen unterschiedlicher Fächer zu ihrem Sondersammelgebiet und ihrem Informationsverhalten befragt. Immerhin 62 Prozent der befragten Historiker/innen kannten „ihr“ Sondersammelgebiet – 40 Prozent der Befragten nutzen es auch aktiv. Auf die Frage, welche Angebote des Sondersammelgebietes die Wissenschaftler/innen kennen, gaben die meisten die Fernleihe an (72 Prozent), 65 Prozent auch die Kataloge. Erst an dritter Stelle rangieren die Virtuellen Fachbibliotheken zusammen mit den Neuerwerbungslisten/Bibliografien/Current-Content-Diensten (je 49 Prozent). Auf den hinteren Plätzen befinden sich die Dokumentenlieferdienste (30 Prozent) und der jeweilige Auskunfts- und Recherchedienst (28 Prozent). Die sich in den Zahlen ausdrückende Dominanz des Buches (Fernleihe) in den Geschichtswissenschaften wird durch eine aktuelle DFG-Studie zum Publikations- und Rezeptionsverhalten in der Wissenschaft bestätigt. [5] Auf der anderen Seite hat sich bei der Digitalisierung – gerade im Bereich der Geschichtswissenschaften – in den vergangenen Jahren viel getan: Clio-online, chronicon, sehepunkte, H-Soz-u-Kult, um nur einige Initiativen zu nennen. [6]

Wie sieht nun die finanzielle Dimension des Systems der Sondersammelgebiete aus? Hier die Zahlen für das Jahr 2005: SSG-System 10,8 Millionen, Nationallizenzen 21,5 Millionen, Virtuelle Fachbibliotheken 3,1 Millionen. Also zusammen etwa 35 Millionen Euro! [7]

Neue Anforderungen an das System der Informationsversorgung

Künftig wird sich die lokale Informationsversorgung verstärkt auf die standortspezifisch definierten Profile und Schwerpunktbildungen der einzelnen Hochschulen und Forschungseinrichtungen ausrichten. Als Voraussetzung dafür müssen überregional integrierte digitale Informationsumgebungen zur Verfügung stehen, die standortübergreifend den Zugriff auf ein breites Spektrum aktueller Forschungsliteratur, digitalisierter Forschungsquellen, E-Learning-Materialien und Virtueller Forschungsverbünde ermöglichen. Die heute noch weitgehend getrennt operierenden Bibliotheken, Archive und Fachinformationseinrichtungen mit überregionaler Ausstrahlung müssen sich also mittelfristig zu einem kohärenten Gesamtsystem der digitalen Informationsversorgung vernetzen.

Letztlich gefordert ist eine auf nationaler Ebene koordinierte Politik, die auch die Bündelung der Finanzierungsquellen mit einschließt. Als zentrale Selbstverwaltungseinrichtung der Wissenschaft wirkt die DFG an dieser Veränderung aktiv mit. Sie wird das von ihr geförderte System der Sondersammelgebiete in eine künftige integrierte digitale Informationsumgebung einbinden und ihr Engagement bei der nationalen Versorgung mit aktuellen digitalen Publikationen weiterentwickeln.

Eine wachsende (internationale) Konkurrenz von wissenschaftlichen Informationsanbietern fordert von den Sondersammelgebieten, das inhaltliche Profil ihrer Angebote zu schärfen und sich als Bring-Bibliotheken endkundenorientiert zu kommunizieren. Google will in den kommenden Jahren 15 Millionen Bücher digitalisieren. Mehre Aspekte sind hier interessant: der Direktzugriff auf kostenpflichtige und gemeinfreie Literatur, die Volltextsuche in den Digitalisaten, die die bibliothekarische Titelaufnahme möglicherweise ergänzt und ersetzt sowie die Kooperation mit OCLC, die Google-Nutzern/innen den Zugriff auf über fünf Millionen Titelsätze ermöglicht.

Sondersammelgebiete und Virtuelle Fachbibliotheken müssen in diesem Kontext ihre Sichtbarkeit verstärken und ihre Anstrengungen bündeln, beispielsweise durch eine einheitliche kooperative Erschließung im Bereich der Internetquellen, oder auch durch die Übernahme vorhandener Sacherschließungsdaten in ihre Systeme. Primäre Aufgabe der Virtuellen Fachbibliotheken wird sein, in Ergänzung zu vorhandenen Suchtools wie Google Alleinstellungsmerkmale herauszubilden und das eigene Angebot zu schärfen.

Endkundenorientierung bedeutet in der Google-Welt, dass die Benutzer/innen mit dem Service zufrieden sind, nicht die Anbieter. Es wird also künftig nicht mehr die Größe des Bestandes, die Exzellenz der Sammlung oder die Zahl der Benutzer/innen über die Bedeutung einer normalen Universitätsbibliothek entscheiden, sondern die Qualität der Dienstleistung. [8] Erfolg wird gemessen an der Akzeptanz durch die Kunden/innen, nicht an der Qualität der bibliothekarischen Titelaufnahme. Das bedeutet auch für die Sondersammelgebiete eine Erweiterung der Aufgaben über das Sammeln hinaus, insbesondere in den Bereichen Erschließung, Digitalisierung, Dienstleistung für die Wissenschaft, Langfristarchivierung.

Das bisherige SSG-System beruht auf der freiwilligen Übernahme besonderer Lasten durch einzelne Hochschulen zugunsten der Gesamtheit. Es ist fraglich, ob dies unter den heutigen Betriebsführungsmodellen und der Einsicht in die Heterogenität unserer Wissenschaftslandschaft (Stichwort Exzellenzinitiative) auf Dauer eine tragfähige Grundlage bieten kann. Sondersammelgebiete werden daher in mittelfristiger Perspektive erhöhte Eigenaufwendungen durch angemessene Nutzungsentgelte refinanzieren. Sinnvoll können auch vertragliche Beziehungen zwischen Sondersammelgebieten und nutzenden Hochschulen sein, die so weit gehen können, die lokale Literaturversorgung in bestimmten Fachgebieten ganz oder teilweise durch Outsourcing an Sondersammelgebiete zu vergeben. So könnte zum Beispiel der komplette Personalaufwand für die Auswahl, Beschaffung, Bearbeitung, Katalogisierung von Literatur für bestimmte Fächer in standardisierter Form vom Sondersammelgebiet übernommen und als Komplettangebot anderen Bibliotheken angeboten werden.

Die DFG hat 2003 die so genannte „Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen“ unterzeichnet. [9] Die DFG erwartet daher, dass die mit ihren Mitteln finanzierten Forschungsergebnisse publiziert und dabei möglichst auch digital veröffentlicht und für den entgeltfreien Zugriff im Internet (Open Access) verfügbar gemacht werden. Die entsprechenden Beiträge sollten dazu entweder zusätzlich zur Verlagspublikation in disziplinspezifische oder institutionelle elektronische Archive (Repositorien) eingestellt oder direkt in renommierten Open Access-Zeitschriften publiziert werden.

Hier können die Virtuellen Fachbibliotheken als disziplinenspezifische Repositorien agieren. Voraussetzung ist freilich die enge Anbindung an die Wissenschaft, auf deren Akzeptanz entsprechende Repositorien angewiesen sind. Ein erster Schritt seitens der DFG wird sein, analog zum niederländischen Netzwerk Cream of Science [10] entsprechend hochkarätige Publikationen auch in Deutschland im Open Access – und über die Virtuellen Fachbibliotheken – verfügbar zu machen. Hinsichtlich der Langzeitarchivierung der digitalen Inhalte werden wir die Implementierung flächendeckender LOCKSS-Systeme zur Sicherung der Langfristverfügbarkeit elektronischer Publikationen unterstützen. [11]

Die Versorgung der deutschen Wissenschaft mit digitalen Medien stellt eine neue zusätzliche Aufgabe in einer finanziellen Dimension dar, die nur durch eine nationale Gesamtanstrengung zu bewältigen ist. Die DFG hält es daher für erforderlich, überregionale Lizenzierungsmodelle mit der bisher üblichen Lizenzierung durch einzelne Einrichtungen oder Konsortien zu koppeln. Hierbei sollten verschiedene Modelle zum Einsatz kommen, zum Beispiel offene Rahmenverträge, Nationallizenzen, Pay-Per-Use-Modelle oder der Kauf von Nutzungskontingenten.

Die DFG wird weiterhin einen deutlichen Beitrag dazu leisten, die wissenschaftsrelevanten Materialien der nationalen kulturellen Überlieferung für den Forschungsstandort Deutschland zu erschließen, zu dokumentierten und digital zur Verfügung zu stellen. Dies betrifft auch die Bestände der Sondersammelgebiete. Wir können uns sehr gut vorstellen, dass künftig auch komplette SSG-Bestände digitalisiert werden. [12] Als zentrales Dienstleistungsportal für retrodigitalisierten Content wird das Portal ZVDD (Zentrales Verzeichnis Digitalisierter Drucke) fungieren. [13] Es wird nicht nur eine zentrale Suche und ein zentrales Browsing über die in Deutschland vorhandenen Digitalisate ermöglichen, sondern durch geeignete Schnittstellen auch die Einbindung der Daten in Drittsysteme wie beispielsweise die Virtuellen Fachbibliotheken ermöglichen.

Bibliotheken werden künftig auch Aufgaben des E-Learning übernehmen. Auch hier sind eine kooperative Zusammenarbeit und das Einbinden von Drittangeboten wichtig. Virtuelle Fachbibliotheken können dabei für Fachbereiche unterschiedlicher Universitäten als Dienstleister auftreten.

Im elektronischen Zeitalter stehen gerade bei den Verlagen große Datenmengen zur Verfügung. Dies betrifft Klappentexte, Rezensionen, Inhaltsverzeichnisse und natürlich auch die entsprechenden Texte selbst. Google-Book-Search bietet ausgewählte Beispielseiten aus den gefundenen Titeln an – Bibliotheken werden diese Informationen schließlich auch in ihr Angebot integrieren. Als fachspezifische Schnittstelle zu den Endnutzern/innen können die Virtuellen Fachbibliotheken so ihr Angebot deutlich erweitern und ihre Attraktivität steigern.

Schließlich wurde mit der Gründung von Vascoda [14] eine wichtige Grundlage für den Aufbau eines integrierten Gesamtsystems der nationalen Informationsbereitstellung gelegt. Ziel muss es nun sein, das DFG-Sondersammelgebietssystem in das nationale Wissenschaftsportal einzubetten und durch digitale Ressourcen zu komplettieren. Zur besseren Einbindung der Sondersammelgebiete sollten diese auch unter anderem in folgenden Bereichen aktiv werden: Anreicherung der Bestandskataloge durch Erweiterung und Verbesserung der fachlichen Erschließung, Öffnung für Fremdsysteme (Suchmaschinen, Internetkataloge), Einkauf internationaler Metadaten und Einführung internationaler Katalogstandards.

Schlussbemerkung

Das System der Sondersammelgebiete ist eine Success-Story, wie man sie bei Gründung des Systems im Jahre 1949 nicht vorausgeahnt hat. Durch die anteilige Finanzierung gelingt es, den Einsatz der DFG (etwa zehn Millionen Euro pro Jahr) im Ergebnis um ein Vielfaches zu erhöhen. Die im sogenannten Sondersammelgebietsplan festgelegten Aufgabenaufteilungen führen dabei zu enormen Kompetenzbildungen in den einzelnen Häusern. Nur dem Engagement und der Kompetenz der beteiligten Bibliotheken ist es zu verdanken, dass wir in Deutschland heute über ein hervorragend ausgebautes System der verteilten Literaturversorgung verfügen, das die Forschungsliteratur der ganzen Welt in Deutschland verfügbar hält.

Die Sondersammelgebietsbibliotheken engagierten sich in den vergangenen Jahren verstärkt auch im digitalen Bereich, beispielsweise durch den Aufbau Virtueller Fachbibliotheken, durch die Lizenzierung von digitalem Content, durch den Einsteig in die Retrodigitalisierung vorhandener Print-Literatur oder die Verfügbarmachung von Web-Ressourcen. Einige weitere anstehende Aufgaben habe ich eben skizziert. Um die Vielzahl der neuen Aufgaben, die für die beteiligten Bibliotheken mit einem erhöhten Personaleinsatz verbunden sind, wenigstens in Ansätzen auszugleichen, wird die DFG die bestehenden Förderrichtlinien nicht nur im Hinblick auf eine Flexibilisierung, sondern auch auf eine stärkere nachhaltige Unterstützung der SSG-Bibliotheken überprüfen.

Die am System der Sondersammelgebiete teilnehmenden Bibliotheken gehen ihren Weg mit Bedacht und Kompetenz. Ihrem Engagement ist zu verdanken, dass nun Buch und Byte zusammenfinden und sich im Zusammenspiel mit anderen Partnern wie den Fachinformationszentren ein vernetztes Gesamtsystem der digitalen Informationsversorgung in Deutschland herauszubilden beginnt.

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Dr. Ralf Goebel betreut als Programmdirektor der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) den Bereich der „Wissenschaftlichen Literaturversorgungs- und Informationssysteme (LIS 2)“. Er ist unter anderem zuständig für das Förderprogramm „Kulturelle Überlieferung“ sowie für die Geschichtswissenschaften. E-Mail: ralf.goebel@dfg.de


[1] Vgl. <http://www.dfg.de/lis/ssg> (14.09.2006).

[2] Vgl. <http://www.subito-doc.de> (14.09.2006).

[3] Vgl. <http://www.dfg.de/lis/ssg> (14.09.2006), Rubrik „Nationallizenzen“ sowie <http://www.nationallizenzen.de> (14.09.2006).

[4] Nutzungsanalyse des Systems der überregionalen Literatur- und Informationsversorgung: Teil I: Informationsverhalten und Informationsbedarf der Wissenschaft, Teil II: Zur Nutzung der SSG-Bibliotheken, 2003, vgl. <http://www.dfg.de/lis> (14.09.2006), Rubrik „Veröffentlichungen.

[5] Publikationsstrategien im Wandel? Ergebnisse einer Umfrage zum Publikations- und Rezeptionsverhalten unter besonderer Berücksichtigung von Open Access, 2005, <http://www.dfg.de/lis/openaccess> (14.09.2006), als pdf-Download verfügbar.

[6] Vgl. <http://www.clio-online.de> (14.09.2006); <http://www.chronicon.de> (14.09.2006); <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de> (14.09.2006); <http://www.sehepunkte.historicum.net> (14.09.2006).

[7] Ausführlich vgl. den Jahresbericht 2005 der DFG, <http://www.dfg.de/jahresbericht> (14.09.2006).

[8] Lossau, Norbert, Der Nutzer soll König werden. Digitale Dienstleistungen in wissenschaftlichen Bibliotheken. Das Internet setzt Maßstäbe, in: Forum für Bibliothek und Information (BuB) 57 (2005) 5, S. 365-376.

[9] Vgl. <http://www.zim.mpg.de/openaccess-berlin/BerlinDeclaration_dt.pdf> (14.09.2006) bzw. <http://www.zim.mpg.de/openaccess-berlin/berlindeclaration.html> (14.09.2006).

[10] Vgl. <http://www.creamofscience.org> (14.09.2006).

[11] Vgl. <http://www.lockss.org> (14.09.2006).

[12] DFG-Positionspapier. Ziele und Struktur des Förderprogramms Kulturelle Überlieferung, 2005, S. 6, in: <http://www.dfg.de/lis> (14.09.2006), Rubrik „Veröffentlichungen“.

[13] Vgl. <http://www.zvdd.de> (14.09.2006).

[14] Vgl. <http://www.vascoda.de> (14.09.2006).


300.000 digitale Bücher für die Geschichtswissenschaft – Zur Entwicklung des Konzepts der Virtual Library of Anglo-American Culture & History

von Wilfried Enderle

Nach einem kurzen einführenden Überblick über den Bestand an digitalen und konventionellen Medien der Vlib-AAC: History wird auf die mediale Entwicklung der Geschichtswissenschaft der vergangenen Jahre eingegangen und auf die Bedeutung, welche digitale Medienformen mittlerweile für das Fach gewonnen haben. Es wird gezeigt, dass das konkrete Konzept der Vlib-AAC: History als einer hybrid library eine direkte Antwort auf diese aktuelle mediale Entwicklung der Geschichtswissenschaft darstellt und mittlerweile, nachdem über die von der DFG finanzierten Nationallizenzen auch kommerzielle Medien über die Vlib-AAC: History überregional für die Geschichtswissenschaft in Deutschland angeboten werden können, konzeptionell auch hinsichtlich der Integration unterschiedlicher digitaler Medienformen komplett ist.

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Einleitung

Noch vor wenigen Jahren hätte der Titel „300.000 digitale Bücher für die Geschichtswissenschaft“ ohne Zweifel Erstaunen hervorgerufen. Mittlerweile wissen die Kenner/innen der aktuellen Situation geschichtswissenschaftlicher Fachinformation in Deutschland sofort, worauf dieser Titel in Kombination mit der Virtual Library of Anglo-American Culture & History (Vlib-AAC: History) anspielt. Und denjenigen, die diese Hintergrundkenntnis nicht haben, sind aus der Presse Projekte wie Google-Print (mittlerweile Google Buchsuche) geläufig, so dass auch sie sich nicht mehr darüber verwundern können, dass über digitale Medien in dieser Größenordnung gesprochen wird. Doch worum geht es nun tatsächlich, wenn über 300.000 digitale Bücher und das Konzept einer Virtuellen Fachbibliothek für die Geschichtswissenschaft mit Schwerpunkt auf der Geschichte des angloamerikanischen Kulturraums berichtet werden soll?

Zunächst einmal um die Informationsdienstleistung einer Sondersammelgebietsbibliothek. Die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB) betreut im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Systems der überregionalen Literaturversorgung das Sondersammelgebiet zur Geschichte des angloamerikanischen Kulturraums. [1] Da vor allem in den USA schon sehr früh auch für die Geschichtswissenschaften relevante digitale Medienformen unterschiedlicher Art entstanden [2] , wurde an der SUB Göttingen verhältnismäßig früh damit begonnen, Konzepte zu entwickeln, um neben der klassischen umfassenden Erwerbung von Büchern zu ihrem Sondersammelgebiet auch digitale Medienformen in ihr Informationsangebot aufzunehmen. Seit 1998 ist die Vlib-AAC: History online. [3] Da Virtuelle Fachbibliotheken mittlerweile eingeführte bibliothekarische Informationsangebote darstellen [4] , sollen im Folgenden nicht die konkreten Informationsdienste der Vlib-AAC: History im Einzelnen dargestellt werden, sondern es wird versucht, deutlich zu machen, aus welchem Kontext heraus diese Virtuelle Fachbibliothek der SUB Göttingen konzeptionell entwickelt wurde; warum Bibliothekare/innen überhaupt auf die Idee kamen, Virtuelle Fachbibliotheken aufzubauen und wie eigentlich die Gründe aussehen, die den realisierten konzeptuellen Modellen zugrunde liegen. [5]

Die Virtual Library of Anglo-American Culture & History – der Sachstand

Zunächst sei als erste Einführung der aktuelle Stand der Vlib-AAC: History umrissen, wobei hier nicht, wie gesagt, die einzelnen Informationsdienste vorgestellt werden sollen, sondern aus der klassischen und typisch bibliothekarischen Perspektive der Bestandsbeschreibung und der Bestandszahlen ein Blick auf die Vlib-AAC: History geworfen werden soll – um auf diese Weise auch zugleich die im Titel des Beitrags genannten Zahlen zu belegen.

Den in quantitativer Hinsicht umfangreichsten digitalen Teil der Vlib-AAC bilden mittlerweile in der Tat (nach dem Abschluss der einzelnen Sammlungen) 300.000 digitalisierte Drucke der Frühen Neuzeit aus dem angloamerikanischen Kulturraum; das heißt: die großen kommerziellen Sammlungen von Proquest, Thomson/Gale und Readex: Early English Books Online, Eighteenth Century Collections Online und Early American Imprints [6] , die die SUB Göttingen im Auftrag und mit den Mitteln der DFG als Nationallizenz gekauft hat [7] , also mit der Option, dass alle Wissenschaftler/innen in Deutschland darauf freien Zugriff haben. Gekauft heißt, dass nicht nur Zugriffsrechte erworben wurden – auch wenn es derzeit für die Nutzer/innen auf den ersten Blick so aussehen mag, da die Sammlungen derzeit noch über die originären Homepages der Verlage angeboten werden –, sondern tatsächlich mehrere Terabyte Dateien, die in den nächsten Jahren in das digitale Archivsystem der Bibliothek integriert werden.

Abbildung 1: Der Bestand der Virtual Library of Anglo-American Culture: History

Auch wenn es sich um digitale Ausgaben von Büchern, also scheinbar moderne Medienformen handelt, so hat die Bibliothek mit diesem Erwerb doch etwas gemacht, was eigentlich zum herkömmlichen Kerngeschäft von Bibliotheken gehört: nämlich Verlagsprodukte gekauft, um sie ihren Lesern/innen für deren wissenschaftliche Forschungen anbieten zu können. Dass die Bibliothek neben diesen Nationallizenzen auch lokale Lizenzen für digitale Zeitschriften und Fachdatenbanken erworben hat, die nur von Angehörigen der Göttinger Universität genutzt werden können, sei hier nicht weiter ausgeführt, da sie nur im lokalen Zugriff und somit im strengen Sinne nicht Teil der überregionalen Informationsdienste der Vlib-AAC: History sind. Denn eine wesentliche Aufgabe einer virtuellen Fachbibliothek ist es, Informationsdienste für die spezialisierte Forschung in Deutschland anzubieten; also dort einzusetzen, wo die Bestände und Möglichkeiten lokaler Universitätsbibliotheken nicht mehr ausreichen.

Die SUB Göttingen hat sich indes in den letzten Jahren nicht nur darauf beschränkt, digitale Verlagsprodukte zu kaufen, sondern auch angefangen, digitale Bücher, die frei zugänglich über das Internet erreichbar sind, zu erschließen und – zum Teil jedenfalls – herunter zu laden und somit auch im klassischen Sinne zu erwerben. Für die Vlib-AAC: History wurde damit intensiver im Herbst 2004 begonnen, und das Ergebnis sind mittlerweile 2.300 digitale Bücher, elektronische Dissertationen, Working Papers, retrokonvertierte Monografien, die so zum Teil virtuell, zum Teil direkt über den Dokumentserver der Bibliothek in den Bestand der Vlib aufgenommen wurden. [8]

Dazu kommt die Erschließung von Websites; derzeit sind das etwas über 3.000, wobei in Kooperation mit der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) in München und Clio-online deren Daten mit angeboten werden, womit insgesamt über 8.000 Datensätze zu Websites recherchierbar sind. [9] Diese Zahlen mögen im Vergleich zu den großen kommerziellen Textcorpora bescheiden aussehen, doch wenn man bedenkt, dass für das Fach Geschichte an der SUB Göttingen pro Jahr circa 5–6.000 geschichtswissenschaftliche Monografien erworben werden [10] , so bedeutet das, dass seit 1998, als die Vlib-AAC: History erstmals online gegangen ist, mit circa 5.000 digitalen Dokumenten und Websites doch pro Jahr sich fast zehn Prozent der Erschließungs- und Erwerbungsarbeit im Fachreferat Geschichte auf digitale Einheiten bezieht – und das ist ein durchaus beachtlicher Anteil, vor allem wenn man sich vor Augen hält, dass die Publikationsrate gedruckter Medien in den letzten Jahren keineswegs zurückgegangen ist.

Und das bedeutet auch, dass die gedruckten Bücher in einer Disziplin wie der Geschichtswissenschaft immer noch eine zentrale Rolle einnehmen und aus genau diesem Grund in gewisser Weise auch immer noch im Mittelpunkt der Vlib-AAC: History stehen. Diese ist nicht allein eine digitale Bibliothek im engeren Sinne, auch wenn sie mittlerweile umfangreiches digitales Material besitzt; den eigentlichen Kern bilden immer noch die klassischen Erwerbungen. Zusammen mit dem Altbestand besitzt die SUB Göttingen, grob – und eher knapp – kalkuliert, zur Geschichte des angloamerikanischen Kulturraums 250.000 Bücher und an aktuell subskribierten Zeitschriften über 800. Dieser Bestand, und das ist nicht unwichtig, ist dabei so gut wie vollständig über die Online-Kataloge der Bibliothek erschlossen, und zugleich über die Online-Fernleihe sowie Dokumentlieferdienste wie GBV direkt und subito zugänglich, was für Zeitschriftenaufsätze auch die Lieferung in digitaler Form direkt an die E-Mail-Adressen der Leser/innen bedeutet.

In diesem Kontext noch eine kurze Bemerkung zur Erschließungsebene: Der komplette Bestand der SUB Göttingen ist durch Online-Kataloge erschlossen. Für den Bereich der angloamerikanischen Geschichte sind zudem circa 110.000 Titel auch über die systematischen Online-Kataloge zugänglich. [11] Dazu kommt, dass die Bibliothek natürlich auch die fachbibliografischen Hilfsmittel anbietet, die den über den eigenen Bestand hinaus gehenden Wissensraum erschließen: Also zum Beispiel eine Datenbank wie America: History & Life.

Abbildung 2: Die bibliografische Erschließung der Vlib-AAC: History über Online-Kataloge und fachbibliografische Datenbanken

Für auswärtige Leser/innen bietet die Vlib-AAC: History derzeit dafür auch einen Zugang im Pay-Per-Use-Modus an [12] , der im Rahmen eines Kooperationsprojektes mit der BSB in München möglich wurde. Die Vlib-AAC: History ist somit eine hybride Bibliothek, die den in Kontinentaleuropa größten Bestand an herkömmlichen wie digitalen Medien zur Geschichte Großbritanniens, Irlands, der USA und Kanadas sowie Australiens und Neuseelands anbietet; einen Bestand, der komplett über das Internet recherchiert werden kann – partiell auch integriert über eine Metasuche –, und für die überregionale Nutzung in Deutschland angeboten wird, wobei dies nicht mehr nur die freien digitalen Angebote umfasst, sondern gerade auch die kommerziellen Medien, soweit es dazu Nationallizenzen gibt.

Das Konzept der Virtual Library of Anglo-American Culture & History

Wenn man eine virtuelle Fachbibliothek aus der altmodischen Perspektive des Bestandes an Medien betrachtet, hat das einen Vorteil: Es wird deutlich, dass die Vlib-AAC: History nichts anderes ist als die bibliothekarische Reaktion auf die mediale Entwicklung der Geschichtswissenschaft der letzten zehn Jahre. Man kann ihre Konzeption im Grunde direkt daraus ableiten. Diese mediale Entwicklung ist durch zwei große Trends gekennzeichnet – wobei hier bewusst radikal vereinfacht wird, um der bei digitalen Medien besonders ausgeprägten Gefahr zu entgehen, sich in komplexen Details und Einzelheiten zu verzetteln.

Der erste Trend besteht darin, dass wir – und zwar schneller als die meisten von uns noch vor fünf Jahren gedacht haben –, zum einen eine zunehmende und auf Vollständigkeit abzielende Retrodigitalisierung unserer gedruckten kulturellen Überlieferung erleben; und zum anderen zugleich den Aufbau paralleler elektronischer Ausgaben herkömmlicher aktueller Verlagsprodukte wie Zeitschriften oder Monografien. Für den angloamerikanischen Raum – und hier ist die Entwicklung ohne Zweifel am weitesten – ist, wie die Beispiele der großen kommerziellen Textcorpora gezeigt haben, ein bedeutender Teil der frühneuzeitlichen Publikationen digitalisiert. Und das 19. Jahrhundert ist bereits fest im Blick der Verlage – von den Google- oder Microsoft-Projekten ganz zu schweigen [13] –, so dass man davon ausgehen kann, dass in einigen Jahren – jeweils bis zur Grenze des Urheberrechts – auch große Teile der Literatur bis 1900 oder 1920 digital vorliegen werden (in welcher Form sie den Lesern/innen dann zugänglich sein werden, ist immer noch eine andere Frage).

Dazu kommt, dass nicht nur retrodigitalisiert wird, sondern parallel zur Publikation aktueller gedruckter Zeitschriften und Bücher vor allem die größeren angloamerikanischen Verlage mittlerweile digitale Parallelausgaben anbieten – bei Zeitschriften ist dies fast schon die Regel –, so dass auch hier die digitale Nutzung bereits im Vordergrund steht. Als Beispiel sei nur auf das Project Muse oder auf die Angebote von Verlagen wie Oxford oder Cambridge University Press verwiesen. [14] Außerdem gibt es auch für die älteren Jahrgänge wichtiger Zeitschriften digitale Versionen. Als Stichworte seien hier für Zeitschriften nur JSTOR [15] genannt (das deutsche Pendant wäre DigiZeitschriften [16] ), ferner die digitalisierten Zeitschriften des Periodicals Index Online [17] ; und für Monografien NetLibrary [18] , ein OCLC-Unternehmen, das derzeit insgesamt über 100.000 aktuelle Monografien in digitaler Form anbietet, darunter auch mehrere tausend für die Geschichtswissenschaft. Um diese Stichworte etwas konkreter zu machen: Von den über 800 aktuell abonnierten geschichtswissenschaftlichen Zeitschriften an der SUB Göttingen sind derzeit bereits über 200 (214 um genau zu sein), also ein Viertel, auch als digitale Parallelausgabe vorhanden – und die Zahl wird kontinuierlich zunehmen. Damit ist erkennbar, in welchem Umfang bereits heute die herkömmliche Gutenberg-Galaxis für Historiker/innen in digitale Ausgaben transferiert worden ist.

Zu diesem Trend der Digitalisierung aller bisherigen Medien gehört auch – wenn wir den Begriff der Medien etwas weiter fassen –, dass mittlerweile die bibliothekarischen und bibliografischen Nachweisinstrumente zu großen Teilen in maschinenlesbare Form überführt worden sind – ein Vorgang, der zeitlich noch vor den großen Digitalisierungsprojekten begann, für die Nutzer/innen aber im Grunde erst in den letzten zehn Jahren richtig sichtbar wurde. [19] Wenn wir die Entwicklung aus dieser Perspektive betrachten, so begann die Digitalisierung unserer gedruckten Überlieferung bereits in den 1960er Jahren – wenn man einmal von den frühen Experimenten des Roberto Busa absieht [20] – und hat in den letzten zehn Jahren nur eine gewaltige Beschleunigung erlebt. Aus dieser Perspektive wird somit deutlich, wie stringent und zielgerichtet im Grunde die zeitgenössische Medienlandschaft in den letzten Jahrzehnten auf eine immer stärkere Digitalisierung ausgerichtet wurde. Wie dies zu beurteilen ist, welche Folgen die damit einhergehende indirekte Destruktion der Printmedien hat, ist eine andere und immer noch zu wenig diskutierte Frage.

Im Kontrast zu dieser zunehmend digital verfügbaren Menge an Publikationen muss man gleichzeitig festhalten, dass die Publikationsstrategien der Historiker/innen von diesen Entwicklungen im Grunde fast unberührt geblieben sind. Sie zielen immer noch vor allem auf die Publikation ihrer Forschungen in gedruckter Form ab. Natürlich gibt es mittlerweile elektronische Dissertationen, einige bemerkenswerte elektronische Rezensionsjournale und erste Versuche digitalen Publizierens in der Geschichtswissenschaft, doch diese sind insgesamt immer noch – in quantitativer wie qualitativer Hinsicht – eher bescheiden. [21] Der Kern der Forschungsarbeiten wird immer noch als herkömmliche Monografie publiziert; Handbücher, wie die zehnte Auflage des Gebhardt oder The Oxford History of the United States, füllen immer noch die Bücherregale in den Bibliotheken und Arbeitszimmern der Historiker/innen – allenfalls bei Quelleneditionen wird das digitale Medium akzeptiert, aber auch dann am allerliebsten, wenn es noch eine gedruckte Parallelausgabe gibt. Und so nimmt es nicht Wunder, dass die Zahl gedruckter Publikationen die letzten 20 Jahre auf einem stabil hohen Niveau geblieben ist und die Digitalisierung den Bibliotheken bislang keine Verschiebung ihrer Aufgaben beschert hat, sondern nur deren Vermehrung. Selbst ein auf den ersten Blick so auf das digitale Medium eingeschworenes Projekt wie die deutsche Wikipedia arbeitet derzeit bereits ernsthaft an einer gedruckten Ausgabe. Sofern dieses Vorhaben realisiert werden wird, dürfte der Zedler seinen Rang als immer noch größtes gedrucktes Universallexikon bald verloren haben. Und dort, wo tatsächlich versucht wird, neues genuin digitales Publizieren zu fördern, wie beim Gutenberg-E-Project [22] , werden die Ergebnisse eher zurückhaltend beurteilt. Immerhin hat Patrick Manning in seiner Besprechung der ersten elf prämierten Preisarbeiten in der American Historical Review – trotz seiner Kritik an dem Projekt – als ein wünschenswertes Ergebnis betont, dass die Geschichtswissenschaft dieses E-Publishing-Projekt zum Anlass nehmen sollte, die Rolle der herkömmlichen spezialisierten Monografie für die akademische Professionalisierung in der Geschichtswissenschaft zu diskutieren. [23] Wobei ich bislang nicht den Eindruck habe, dass diese Anregung von der Zunft sehr intensiv aufgegriffen wurde.

Wenn man diesen ersten Trend zusammenfassend charakterisieren will, so handelt es sich hier um eine – aus medialer Sicht – alles andere als innovative Entwicklung. Die einzige Innovation besteht zunächst in der digitalen Distribution von Medien; die digitalen Medien selbst, von denen hier die Rede war, sind hinsichtlich ihrer Form indes einfache Eins-Zu-Eins-Abbilder gedruckter Medienformen. Freilich muss man konzedieren, dass sich insofern für die Historiker/innen eine neue Dimension erschlossen hat, als sie nicht mehr nur auf den Bestand einer oder weniger Bibliotheken bei ihren Studien beschränkt sind, sondern über die großen Textcorpora den unmittelbaren Zugriff auf alle Drucke der Frühneuzeit, gleichsam auf eine frühneuzeitliche Weltbibliothek haben. Die Frage, ob die Historiker/innen selbst aus diesem Faktum neue Fragestellungen, neue Perspektiven auf die Frühneuzeit gewinnen oder ob sie letztlich doch dem Kanon klassischer Texte, von Defoe und Swift bis Paine und Franklin, verhaftet bleiben, wie innovativ sie also die digitalen Medien tatsächlich nutzen – oder in Zukunft nutzen werden –, wird man erst in einigen Jahren beantworten können.

Man muss allerdings neben der Retro- und Paralleldigitalisierung noch einen zweiten Trend konstatieren, der auf den ersten Blick medial progressiver erscheint: nämlich die Entstehung frei zugänglicher Websites zu historischen Themen. Gerade diese Entwicklung war es ja, die zu Beginn des Web rasch zu einer Anfangseuphorie führte, als man plötzlich die viel beschworene Fülle historischer Informationen im Web zu entdecken glaubte. Mittlerweile kann man etwas distanzierter analysieren, was sich eigentlich im freien Web entwickelt hat. Auch hier ist vieles weniger innovativ als es zunächst den Anschein hat, wenn man vom freien Zugriff absieht. Eine kursorische Übersicht angloamerikanischer Websites zeigt, dass das Gros dieser Sites im Grunde von Historikern/innen nicht als Publikationsmedium der eigenen Forschungsergebnisse genutzt wird, sondern um Quellenmaterialien und andere Ressourcen, wie Literaturlisten, bibliografische Datenbanken oder enzyklopädische Informationen öffentlich zugänglich zu machen. Websites, die in irgendeiner Form hinsichtlich ihres Umfanges und der Qualität ihrer Ergebnisse einer wissenschaftlichen Monografie gleichkommen, sind äußerst selten. Häufiger sind schon Sites, die tendenziell mit Quelleneditionen vergleichbar sind. [24] Dies gilt selbst für ein Vorzeigeprojekt wie Valley of the Shadow. [25]

Dabei sei – um Missverständnissen vorzugreifen – betont, dass der freie Zugriff auf Quellenmaterialien natürlich eine ausgesprochen positiv zu bewertende Entwicklung ist, die tatsächlich der Geschichtswissenschaft auch ganz neue Felder erschließen kann. Um nur ein Beispiel anzuführen: Ein deutlich erkennbarer Trend der letzten Jahre ist die Digitalisierung visueller Materialien, wie zum Beispiel historischer Fotografien. Eine kurze Recherche im History Guide zeigt, dass von den dort erschlossenen Websites allein 209 primär Bilder und Fotos anbieten, und dies in einer Größenordnung von mehreren Zehntausenden. [26] Also fast schon ein El Dorado für die historische Bildforschung, insbesondere dann, wenn sie sich regional auf Nordamerika bezieht.

Dort, wo Websites nicht nur Quellen und Fakteninformationen zu bestimmten Themen vereinen, sind es meistens wiederum keine genuinen digitalen Publikationen, sondern häufig auch nur digitalisierte oder in digitale Form konvertierte Bücher oder, wenn es sich um genuin digitale Dokumente handelt, solche, die hinsichtlich ihrer medialen Form nur ein getreues Abbild ihrer gedruckten Originale oder Vorbilder sind. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Über die Website des U.S. Army Center of Military History ist mittlerweile ein Teil der Publikationen dieser Einrichtungen digital zugänglich [27] ; für alle, die sich mit amerikanischer Militärgeschichte beschäftigen, eine durchaus interessante Ressource, doch natürlich alles andere als eine mediale Innovation. Immerhin, es gibt, wenn man die Geschichtswissenschaft als Ganzes in den Blick nimmt, wohl mehrere tausend frei zugängliche digitale Bücher und Working Papers im Netz, bei deren digitaler Konversion zumindest die Zitierfähigkeit gewährleistet ist, und die daher im Rahmen der Vlib-AAC: History auch sukzessive erschlossen und partiell – jedenfalls soweit die Rechteinhaber dies erlauben – auch lokal gespeichert werden. Auch wenn es ohne Zweifel interessante und innovative Entwicklungen gibt, wie elektronische Kommunikationsforen oder genuine Hypertextpublikationen – oder vielleicht auch in Zukunft wissenschaftlich professionalisierte Wikipedias –, so ist doch der gegenwärtige Stand, dass auch die frei im Web zugänglichen Sites im wesentlichen der Distribution von Quellenmaterialien oder herkömmlicher Bücher dienen.

Die mediale Situation der Geschichtswissenschaft ist also ambivalent: Auf der einen Seite haben sich Historiker/innen an das Internet nicht nur gewöhnt, sondern sie nutzen es auch überwiegend für ihre Informationsbeschaffung. Und die Verlage, aber nicht nur diese, haben begonnen, in beachtlichem Umfang digitale Publikationen und Quellenmaterialien anzubieten, zumeist freilich aber eben doch nur als Retrodigitalisat oder digitale Parallelausgabe des gedruckten Originals. Der digitale Zugriff gehört mithin zum Alltag des wissenschaftlichen Arbeitens – oder er kann, sofern Historiker/innen die existierenden Optionen nutzen, zum Arbeitsalltag gehören; und es ist unverkennbar, dass der digitale Zugriff in der Tat zunehmend zum alltäglichen Anspruch von Wissenschaftlern/innen gehört, zumal sie sich in der Regel über die Verwendung von Steuergeldern für ihre wissenschaftlichen Zwecke keine Gedanken zu machen brauchen. So sehr die Historiker/innen also alles digital haben wollen, ebenso sehr scheuen sie sich aber, selbst etwas digital preiszugeben. Dieses nämlich tun sie immer noch gerne zwischen zwei Buchdeckeln eines möglichst renommierten Verlages. Der Trierer Historiker Olaf Blaschke hat uns neulich mit seinem Aufsatz in Geschichte in Wissenschaft und Unterricht eindrücklich vor Augen geführt, welche Bedeutung dem klassischen Verlag und seinen Büchern für die professionalisierte Geschichtswissenschaft immer noch zukommt. [28]

Aus dieser ambivalenten Situation heraus ergab sich im Grunde zwangsläufig das Konzept der Vlib-AAC: History. Also dem Faktum, dass auf der einen Seite die klassischen gedruckten Monografien weiterhin den Kern einer historischen Bibliothek ausmachen; dass auf der anderen Seite aber ein Anspruch entstanden ist, alles über das Internet bestellen oder gleich direkt nutzen zu können; und dass dafür gerade auch im angloamerikanischen Raum die letzten Jahre große digitale Potentiale in verschiedenen Formen entstanden sind. Der Anspruch, eine Bibliothek vor allem digital, also über das Web, zu nutzen, führte folgerichtig dazu, dass die SUB Göttingen für ihr Sondersammelgebiet zur angloamerikanischen Geschichte ein Portal anbieten musste, über das die gesamten einschlägigen Bestände, ob herkömmlich oder digital, recherchiert und bestellt oder direkt genutzt werden könnten. Dies ist die Funktion der seit 1998 online zugänglichen Vlib-AAC: History.

Zugleich musste versucht werden, die beiden Bereiche, in denen sich digitale Medienformen entwickelten, also sowohl die freien Websites wie auch die kommerziellen digitalen Medien, darin zu integrieren. Wir haben zuerst begonnen, uns mit den freien Websites zu beschäftigen, da es sich hier in gewisser Weise um das interessantere und innovativere und im eigentlichen Sinne neue Medium handelt; auch wenn in der täglichen Praxis digitale Parallelausgaben alter Bücher oder aktueller Zeitschriften für die meisten Historiker/innen wichtiger sind, so handelt es sich hier doch nicht um Medien, auf die nicht auch prinzipiell zuvor ein Zugriff bestanden hätte. Thematische Websites sind hingegen in ihrer Art der Zusammenstellung ausgewählter digitalisierter Materialien tatsächlich etwas Neues, das es zuvor so nicht gab. Also wurden an der SUB Göttingen zunächst zur Integration von Websites und freien Internetdokumenten in die Vlib-AAC: History eine Reihe von Projekten, die von der DFG gefördert wurden, durchgeführt. Diese Projekthistorie kann und soll hier nicht en détail nachgezeichnet werden. Nur soviel: Mit dem History Guide haben wir seit 1997 einen Fachkatalog für Websites aufgelegt und in Folgeprojekten weiterentwickelt [29] ; und mit dem Projekt Archive Anglo-American History wurde seit 2004 begonnen, einen Grundstock frei zugänglicher digitaler Bücher zu erschließen. [30] Für den Bereich der freien Webressourcen wurden damit in den letzten Jahren Konzepte entwickelt, die mittlerweile im Routinebetrieb gepflegt und kontinuierlich weitergeführt und ausgebaut werden.

Mit einer ganz anderen Problemstellung waren und sind Sondersammelgebietsbibliotheken im Bereich der kommerziellen digitalen Ressourcen konfrontiert. Das primäre Problem sind hierbei nicht in erster Linie digitale Versionen eingeführter Produkte wie elektronischer Zeitschriften. Die aktuelle digitale Ausgabe der English Historical Review zu abonnieren, ist nicht Aufgabe der Vlib-AAC: History, sondern der einzelnen Universitätsbibliotheken. Wofür eine Sondersammelgebietsbibliothek indes sorgen muss, ist, den überregionalen Zugriff auf spezialisierte oder extrem teure Produkte zu ermöglichen, die in der Regel außerhalb der Möglichkeiten einzelner Universitäten liegen. Hierfür gibt es derzeit zwei sich ergänzende Modelle: Das eine sind die Nationallizenzen. [31] Die Sondersammelgebietsbibliotheken haben sich lange schwer damit getan, kommerzielle digitale Medien für die überregionale Nutzung in Deutschland anzubieten. Mit dem Modell nationaler Zugriffsrechte, finanziert durch die DFG und organisiert durch die jeweils für bestimmte Fächer zuständigen Sondersammelgebietsbibliotheken ist hier indes ein Durchbruch gelungen; ein Durchbruch, dessen Bedeutung bislang in der Fachwelt noch überhaupt nicht in seiner Reichweite zureichend erkannt und rezipiert wurde. Dass die Vlib-AAC: History mittlerweile in der Lage ist, 300.000 digitale Bücher anzubieten, und dass an allen Universitäten die lokalen Bibliotheken diese Angebote auch in ihre lokalen Informationsdienste aufnehmen können, verdanken wir ausschließlich dem Umstand, dass die DFG bereit war, für einen Teil wichtiger digitaler Textcorpora tatsächlich den nationalen Zugriff zu finanzieren. [32]

Conclusio

In gewisser Weise ist die Vlib-AAC: History somit seit 2005, als der Zugriff auf die Nationallizenzen freigegeben wurde, konzeptionell komplett. Denn erst damit umfasst das Informationsangebot das gesamte herkömmliche wie digitale Medienspektrum. Bei diesem Gesamtkonzept sollte man sich auch vor Augen halten, dass die Intention der Vlib-AAC: History primär nicht darin besteht, die Entwicklung digitaler Medien zu fördern oder gar eigene, innovative Medienkonzepte zu entwickeln; sondern Aufgabe einer bibliothekarischen virtuellen Fachbibliothek ist es allein, auf dem Stand der aktuellen medialen Entwicklung für ihre eigenen Leser/innen und entsprechend ihrem Erwerbungsprofil einen möglichst breiten Zugriff auf die fachlich relevanten Medien, welcher Art auch immer, zu geben. Und auch aus diesem Blickwinkel wird deutlich, warum und wie die Vlib-AAC: History in ihrer konkreten Ausprägung als Reaktion auf die mediale Entwicklung der letzten Jahre verstanden werden kann. Auch wenn dieses Gesamtkonzept mittlerweile realisiert ist, so ist die Vlib-AAC: History natürlich noch nicht am Ende ihrer Entwicklung, wobei freilich vieles, was noch zu tun ist, Detailarbeit sein wird. Dazu wird insbesondere gehören:

  • Die Optimierung der Zugriffe auf alle digitalen Medien der Vlib-AAC: History über die vorhandene Metasuchmaschine.
  • Die Überführung der kommerziellen Medien auf die eigenen Dokument- und Archivserver.
  • Der Bereich der Archivierung digitaler Medien, wobei hier auch zu überlegen ist, inwieweit versucht werden soll, thematische Websites in toto zu archivieren.

Viele weitere Aspekte ließen sich nennen. Was in den nächsten Jahren konkret in Angriff genommen werden soll, hängt indes nicht nur davon ab, was die Bibliothekare/innen für notwendig halten, sondern vor allem auch, wie die Geschichtswissenschaft in Zukunft publizieren wird. Dass sie bereits möglichst viel digital rezipiert, ist mittlerweile eine Tatsache. Ob sie indes auch verstärkt auf digitales Publizieren setzen wird und zwar auf digitales Publizieren, das über die Eins-Zu-Eins-Abbildung gedruckter Medien in digitaler Form hinausgeht, das bleibt abzuwarten. Darüber hinaus ist die eigentlich spannende Frage gar nicht mehr, wie sich die Virtuellen Fachbibliotheken konzeptionell weiter entwickeln werden – das ist in gewissem Umfang durchaus absehbar –, sondern was die Wissenschaftler/innen nunmehr aus dem digitalen Potential, das es mittlerweile gibt und das die Vlib-AAC: History ebenso wie die virtuellen Angebote anderer Bibliotheken bereitstellen, machen werden: ob also die digitalen Medien auch zur Erschließung thematisch oder methodisch neuer Felder führen werden. Doch darüber zu räsonieren, wird in Zukunft nicht nur die Aufgabe der Bibliothekare/innen, sondern vor allem auch der sich über ihr Fach selbst verständigenden Historiker/innen sein.

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Dr. Wilfried Enderle ist Fachreferent für Geschichte an der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (inklusive Sonder-sammelgebiet angloamerikanische Geschichte). Forschungsinteressen: Bibliotheks- und Mediengeschichte; geschichtswissenschaftliche Fachinformation. E-Mail: enderle@sub.uni-goettingen.de


[1] Damit wird konkret die Sekundärliteratur zur Geschichte Großbritanniens und des Commonwealth allgemein, Irlands, Kanadas, der USA sowie Australiens und Neuseelands gesammelt. Zum System der überregionalen Literaturversorgung vgl. immer noch Überregionale Literaturversorgung von Wissenschaft und Forschung in der Bundesrepublik Deutschland. Denkschrift, Bibliotheksausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Boppard 1975; sowie neuere Publikationen und Memoranden unter der Rubrik „Veröffentlichungen“ bei: Deutsche Forschungsgemeinschaft, Wissenschaftliche Literatur- und Informationssysteme (LIS) <http://www.dfg.de/forschungsfoerderung/wissenschaftliche_infrastruktur/lis/index.html>. Zu den für die Geschichtswissenschaft relevanten Aspekte vgl. Dörr, Marianne; Enderle, Wilfried, Bibliotheken und Sondersammelgebiete, in: Jenks, Stuart; Marra, Stephanie (Hgg.), Internet-Handbuch Geschichte, Köln-Weimar-Wien 2001, S. 167-193.

[2] Vgl. dazu nur Cohen, Daniel J.; Rosenzweig, Roy, Digital History. A Guide to Gathering, Preserving, and Presenting the Past on the Web, Philadelphia 2006.

[3] Virtual Library of Anglo-American Culture & History, siehe <http://www.sub.uni-goettingen.de/vlib/history/> (27.03.2006).

[4] Vgl. nur die verschiedenen Angebote über die Projektliste bei Vascoda, <http://www.vascoda.de> (27.03.2006).

[5] Vgl. auch Enderle, Wilfried, Virtuelle Fachbibliotheken und nationale Fachinformationsstrategie – Zu Geschichte und Konzept der Göttinger Virtual Library of Anglo-American Culture, in: Bargheer, Margo; Ceynowa, Klaus (Hgg.), Tradition und Zukunft – die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Göttingen 2005, S. 217-238.

[6] Links zu den einzelnen Sammlungen mit weiterführenden Informationen über Vlib-AAC: History, Nationallizenzen der DFG für Fachdatenbanken der Sondersammelgebietsbibliotheken (Virtuelle Fachbibliotheken) <http://www.sub.uni-goettingen.de/vlib/history/nl_mehr.php> (27.03.2006).

[7] Nationallizenzen für Forschung und Lehre, vgl. <http://www.nationallizenzen.de/> (27.03.2006).

[8] Dies erfolgte im Rahmen des von der DFG geförderten Projektes Archive Anglo-American History (AAAH). Die Titel sind in den Online-Katalog der SUB Göttingen aufgenommen und können darüber recherchiert und direkt aufgerufen werden, teilweise entweder über den Dokumentserver der SUB Göttingen oder den Server der Institution, welche das digitale Buch anbietet.

[9] Angeboten über den History Guide, vgl. <http://www.historyguide.de> (27.03.2006).

[10] Zu den aktuellen Erwerbungen vgl. nur die Vlib-AAC: History, Neu-erwerbungslisten Geschichte, <http://www.sub.uni-goettingen.de/vlib/history/newaquisitions.php> (27.03.2006).

[11] Die systematischen Kataloge sind direkt zugänglich über den Online-Katalog der SUB Göttingen, <http://goopc4.sub.uni-goettingen.de:8080/DB=1/LNG=DU/> (27.03.2006) sowie auch über <http://www.sub.uni-goettingen.de/vlib/history/browsebysubject-neu.php> (27.03.2006).

[12] Vlib-AAC: History, America: History & Life on the Web, vgl. <http://www.sub.uni-goettingen.de/vlib/history/ahl.php> (27.03.2006); vgl. ferner Horstkemper, Gregor; Schäffler, Hildegard, Das Pay-per-use-Modell als Instrument der über-regionalen Bereitstellung von geistes- und sozialwissenschaftlichen Fachdaten-banken, in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 53 (2006), S. 3-15.

[13] Als erste Information zu Google Print vgl. BücherWiki, Google Print, <http://www.wikiservice.at/buecher/wiki.cgi?GooglePrint> (27.03.2006); sowie als einen Beitrag zu den bibliothekspolitischen Dimensionen Jeanneney, Jean Noel, Quand Google défie l’Europe, [Paris] 2005; und die Rezension von Heiner Wittmann („Google Print“ und die europäischen Reaktionen. Eine digitale Bibliothek der EU als Antwort?, in: Dokumente. Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog 61 (2005), S. 63-68). Zu dem Projekt von Microsoft und der British Library, die zusammen 25 Millionen Seiten digitalisieren wollen, vgl. die Pressemitteilung der British Library vom 4. November 2005: <http://www.bl.uk/news/2005/pressrelease20051104.html> (27.03.2006).

[14] Project Muse. Scholarly journals online, <http://muse.jhu.edu/> (27.03.2006); Oxford Journals. Oxford University Press, <http://www.oxfordjournals.org/> (27.03.2006); Cambridge Journals Online, <http://journals.cambridge.org/> (27.03.2006).

[15] Journal Storage. The Scholarly Journal Archive, <http://www.jstor.org/> (27.03.2006).

[16] Das deutsche digitale Zeitschriftenarchiv, <http://www.digizeitschriften.de/> (27.03.2006).

[17] Periodicals Index Online, <http://pio.chadwyck.co.uk/> (27.03.2006).

[18] NetLibrary, <http://www.netlibrary.com/> (27.03.2006); vgl. auch die Pressenotiz NetLibrary durchbricht die Schallmauer: 100.000 eContent Titel im Angebot, <http://www.oclcpica.org/?id=1475&ln=de> (27.03.2006).

[19] Eine knappe, aber sehr dichte Übersicht der Entwicklungen aus amerikanischer Perspektive bei Lynch, Clifford, From Automation to Transformation. Fourty Years of Libraries and Information Technology in Higher Education, in: EDUCAUSE review, January/February 2000, S. 60-68.

[20] Vgl. Busa, Roberto, L'Index Thomisticus e l'informatica filosofica, in: Revue Internationale de Philosophie 27, 103 (1973), S. 31-36.

[21] Zum Beispiel der Zeitschriften vgl. Gersmann, Gudrun; Schnettger, Matthias (Hgg.), Wohin führt der Weg? Historische Fachzeitschriften im elektronischen Zeitalter (zeitenblicke 2,2 [2003]), <http://www.zeitenblicke.de/2003/02/index.htm> (27.03.2006).

[22] Gutenberg-e <http://www.gutenberg-e.org/> (27.03.2006).

[23] Manning, Patrick, Gutenberg-e: Electronic Entry to the Historical Professorate, in: American Historical Review 109 (2004), S. 1505-1526.

[24] Diesen Trend belegt zum Beispiel auch die Übersicht bei Cohen; Rosenzweig, Digital History (wie Anm. 2), S. 18-50.

[25] Valley of the Shadow, <http://valley.vcdh.virginia.edu/> (27.03.2006). Zu Beispielen ausgewählter Websites und digitaler Informationsangebote in den USA siehe auch Enderle, Wilfried, Clio-online Guide USA, <http://www.clio-online.de/site/lang_de/40208180/default.aspx> (27.03.2006).

[26] Über die Advanced Search im History Guide, <http://www.historyguide.de/erweitertesuche.php> (27.03.2006) mit dem Source Tpye „(Collections of) Pictures, Photos“.

[27] U.S. Army Center of Military History, <http://www.army.mil/cmh-pg/> (27.03.2006) und hier über „Online Bookshelves“.

[28] Blaschke, Olaf, Reputation durch Publikation. Wie finden deutsche Historiker ihre Verlage? Eine Umfrage, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 55 (2004), S. 598-620.

[29] Enderle, Wilfried, Die Erschließung geschichtswissenschaftlicher Fachinformationen im Internet: historyguide.de, in: Interregiones 9 (2000), Thema: Geschichtswissenschaft und „Neue Medien“, S. 9-23; Dörr; Enderle, Bibliotheken und Sondersammelgebiete (wie Anm. 1), S. 178-181.

[30] Vgl. Anm. 8.

[31] Nationallizenzen für Forschung und Lehre, <http://www.nationallizenzen.de/> (27.03.2006).

[32] Für einen anderen Teil kommerzieller digitaler Medien wird zurzeit das Pay-Per-Use-Modell getestet (vgl. Anm. 12).


Neue Konzepte der überregionalen Bereitstellung von geschichtswissenschaftlich relevanten E-Ressourcen

von Gregor Horstkemper

Um lizenzpflichtige elektronische Ressourcen einem möglichst großen Interessentenkreis zugänglich zu machen, verfolgen die Sondersammelgebietsbibliotheken mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft zwei komplementäre Ansätze: Zum einen können laufende Bibliografien und Nachschlagewerke über eine Pay-Per-Use-Plattform genutzt werden, zum anderen werden Volltextdatenbanken, Zeitschriften-Archive und E-Book-Sammlungen mit Hilfe von Nationallizenzen deutschlandweit frei zugänglich gemacht. Ausgehend von Erläuterungen zu den beiden komplementären Ansätzen werden die verfügbare Angebotspalette sowie Zugangswege zu den Ressourcen vorgestellt.

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Bibliotheken haben zwar schon in den 1960er Jahren damit begonnen, die elektronische Datenverarbeitung zur Versorgung der Wissenschaften mit Fachinformationen zu nutzen, aber jahrzehntelang ging es dabei in erster Linie um die Information über Monografien, Sammelbände und Zeitschriften, die in gedruckter Form vorlagen. Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre stehen die Bibliotheken jedoch vor grundsätzlich neuen Herausforderungen, die durch tiefgreifende Veränderungen im Bereich des wissenschaftlichen Publizierens und Kommunizierens verursacht werden. Die Einführung digitaler Angebotsformen für traditionelle Publikationstypen wie Zeitschriften und Bücher (E-Journals und E-Books), die Entwicklung neuer Organisations- und Präsentationsformen für große Informationsbestände, die nicht als reine Printpublikation realisierbar sind (Fakten- und Volltextdatenbanken, Multimediaangebote), und schließlich auch die Bereitstellung dieser elektronischen Ressourcen über das Internet führten innerhalb weniger Jahre zum Phänotyp der „hybriden Bibliothek“. [1] Ein entscheidender Unterschied zur ersten Phase der bibliothekarischen EDV-Nutzung besteht darin, dass in der Hybridbibliothek der Gegenwart nicht nur digitale Metadaten über analoge Bibliotheksbestände vorliegen, sondern dass ein substantieller Teil der Bestände selbst mittlerweile aus elektronischen Ressourcen besteht. Auf den ersten Blick scheint diese Entwicklung den Auftrag der Bibliotheken zur Sicherstellung der Informationsversorgung zu vereinfachen: Digitale Medien können über das Internet auch außerhalb von Bibliotheksräumen und -öffnungszeiten zugänglich gemacht werden, und da sie sich weitgehend ohne Medienbruch an elektronische Kataloge andocken lassen, kann ein ans Internet angeschlossener Computer im Idealfall zur vollständig integrierten wissenschaftlichen Arbeitsumgebung werden.

Während Angehörige von finanziell gut ausgestatteten Universitäten und Forschungseinrichtungen dieser idealen Konstellation in manchen Fällen bereits recht nahe kommen dürften, müssen Studierende und Lehrende weniger üppig mit Finanzmitteln bedachter Einrichtungen oft größere Lücken in der von ihrer Bibliothek zur Verfügung gestellten Palette elektronischer Ressourcen konstatieren. Noch schlechter sieht die Versorgungslage für solche wissenschaftlich arbeitenden Personengruppen aus, die keinen Zugang zu einer größeren wissenschaftlichen Bibliothek haben. Für viele potentielle Interessenten/innen bleiben daher wichtige, von Verlagen als lizenzpflichtige Angebote publizierte Online-Ressourcen im so genannten „invisible Web“ verborgen. [2] Angesichts der mittlerweile sehr umfangreichen Verlagsangebote im Bereich geistes- und sozialwissenschaftlicher E-Ressourcen ist auch im Bereich der Geschichtswissenschaften eine von Ort zu Ort sehr ungleichmäßige Informationsversorgung zu konstatieren, so dass sich eine „digitale Kluft“ zwischen Gruppen mit sehr gutem Zugang zu lizenzpflichtigen E-Ressourcen und Gruppen mit schlechtem oder gar keinem Zugang zu solchen Angeboten abzeichnet. [3] Weil die Lizenzpflichtigkeit einer großen Zahl wissenschaftlich relevanter Online-Angebote bislang für viele Interessenten/innen eine kaum überwindbare Zugangshürde darstellt, haben die für die überregionale Informationsversorgung zuständigen wissenschaftlichen Bibliotheken neue Ansätze entwickelt, mit deren Hilfe lizenzpflichtige Fachdatenbanken bundesweit einer möglichst großen Zahl potentieller Interessenten/innen zugänglich gemacht werden können. Ausgehend von allgemeinen Erläuterungen zu zwei komplementären Bereitstellungsformen werden Zugangswege sowie die jeweils verfügbare Angebotspalette an geschichtswissenschaftlich relevanten E-Ressourcen vorgestellt.

Die überregionale Bereitstellung von E-Ressourcen als Herausforderung für Sondersammelgebietsbibliotheken

Um die von Ort zu Ort und von Fach zu Fach unterschiedliche Informationsdichte ausgleichen und eine möglichst flächendeckende Versorgung mit wissenschaftlichen Informationen sicherstellen zu können, haben sich mehr als vierzig Universitäts-, Forschungs- und Spezialbibliotheken zu einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Kooperationssystem zusammengeschlossen. Diese Sondersammelgebietsbibliotheken sammeln jeweils in bestimmten Fachgebieten die einschlägige Literatur – einschließlich der E-Ressourcen – mit einem möglichst hohen Grad an Vollständigkeit. [4] Mit der Förderung durch die DFG ist die Verpflichtung verbunden, die erworbenen Bestände an Monografien, Zeitschriften und Datenbanken allen wissenschaftlich Interessierten zur Verfügung zu stellen, die an ihrem jeweiligen Arbeits- oder Wohnort keinen Zugang zu diesen teilweise sehr speziellen Publikationen haben. Im Fall von gedruckten Büchern und Zeitschriftenaufsätzen kann zur Erfüllung dieses deutschlandweiten Versorgungsauftrags auf bewährte Instrumente zurückgegriffen werden: Zur Stillung eines nicht zeitkritischen Informationsbedürfnisses bietet das Fernleih-System die Möglichkeit zur Bestellung von Monografien und Aufsatzkopien aus den erwähnten Spezialbeständen. In eiligeren Fällen empfiehlt sich die Nutzung der von deutschen Bibliotheken angebotenen gebührenpflichtigen Dokumentliefersysteme, die die gewünschten Dokumente im Bedarfsfall als elektronische Reproduktionen via E-Mail ausliefern.

Für die stetig wachsende Zahl an E-Ressourcen stand bislang jedoch kein Instrument zur Verfügung, mit dessen Hilfe der Auftrag zur überregionalen Informationsversorgung erfüllt werden konnte. Die Lizenzmodelle der Anbieter von Fachdatenbanken, E-Journals und E-Books sind bislang ganz überwiegend auf Universitäts-, Forschungs- und größere Universalbibliotheken ausgerichtet. Der Zugriff auf die E-Ressourcen ist bei diesen Modellen auf den Kreis der Universitätsangehörigen, teilweise sogar auf Angehörige bestimmter Institute beschränkt. Im Fall von Staats-, Landes- oder Forschungsbibliotheken können meistens nur solche registrierten Bibliotheksnutzer/innen auf die E-Ressourcen zugreifen, die einen Wohnsitz am jeweiligen Ort oder im regionalen Einzugsgebiet nachweisen können.

Ihrem überregionalen Versorgungsauftrag können die Sondersammelgebietsbibliotheken auf der Grundlage solcher Lizenzmodelle nicht gerecht werden, zumal wenn man über die Grenzen der institutionalisierten Wissenschaft hinausblickt. Prinzipiell sind alle wissenschaftlich arbeitenden Personen in der Bundesrepublik Deutschland in den Versorgungsauftrag einbezogen, so dass die für den Bereich der Geschichtswissenschaft zuständigen Sondersammelgebietsbibliotheken beispielsweise auch solche potentiellen Interessenten/innen im Blick behalten müssen, die an Gedächtnisinstitutionen wie Archiven, Museen und Bibliotheken, an Schulen und Weiterbildungseinrichtungen oder auch in historischen Vereinen und Geschichtswerkstätten tätig sind. Die meisten Angehörigen dieser potentiellen Zielgruppen können jedoch bislang nur dann auf lizenzpflichtige E-Ressourcen zugreifen, wenn sie zur nächstgelegenen Bibliothek mit Zugriffslizenz für die gewünschte Datenbank reisen und als „Walk-In-User“ an einem Lesesaal-PC arbeiten.

Als in den 1990er Jahren eine größere Zahl bibliografischer Fachdatenbanken auf CD-ROMs publiziert wurde, führte man als Zwischenlösung das Modell der „Auftragsrecherche“ ein: Interessenten/innen konnten der zuständigen Sondersammelgebietsbibliothek per E-Mail oder Brief den Auftrag erteilen, in der gewünschten Datenbank nach bestimmten Suchbegriffen zu recherchieren und die Ergebnisse zur Verfügung zu stellen. Diese Form der überregionalen Bereitstellung digitaler Fachinformationsangebote konnte dem endnutzerorientierten, auf Interaktivität ausgerichteten Medium jedoch nicht wirklich gerecht werden und wurde daher nur in relativ geringem Umfang nachgefragt.

Um angesichts der vielfältigen Versorgungslücken im Bereich lizenzpflichtiger E-Ressourcen Verbesserungen erreichen zu können, werden Zugangsoptionen benötigt, die seitens der potentiellen Interessenten/innen als praktikabel betrachtet werden und auf entsprechende Nachfrage stoßen. Zugleich muss es sich jedoch auch um Angebotsformen handeln, die auf Verlagsseite akzeptiert und als sinnvolle Ergänzung bereits praktizierter Geschäftsmodelle betrachtet werden. Zu den in Frage kommenden Lösungsansätzen gehören das Pay-Per-Use-Modell und das Nationallizenz-Modell, die sich vor allem im Hinblick auf den einbeziehbaren Nutzerkreis und auf die Finanzierung der Lizenzkosten unterscheiden:

  • Pay-Per-Use: Gegen die Entrichtung eines Entgelts wird einer prinzipiell beliebig großen Zahl von registrierten Einzelnutzern/innen der Zugriff auf wissenschaftliche E-Ressourcen gewährt. Die Abrechnung kann nach unterschiedlichen Modellen erfolgen und zum Beispiel auf der Dauer eines Nutzungsvorgangs oder der transferierten Datenmenge basieren.
  • Nationallizenz: Mit Hilfe von öffentlichen Fördermitteln werden abgeschlossene Datensammlungen erworben und bundesweit einem möglichst weit gefassten Kreis wissenschaftlich interessierter Personen zugänglich gemacht. Für den Zugriff auf die E-Ressourcen brauchen die Interessenten/innen kein Entgelt zu entrichten.

Diese beiden Lösungsansätze werden seit dem Jahr 2003 (Pay-Per-Use) bzw. 2004 (Nationallizenz) in die Realität umgesetzt. In beiden Fällen wurden von Anfang an geistes- und sozialwissenschaftliche Ressourcen in die Angebotspalette einbezogen, so dass zahlreiche geschichtswissenschaftliche Fachinformationsangebote auf die eine oder andere Weise genutzt werden können.

Das Pay-Per-Use-Modell als Zugangsoption für sozial- und geisteswissenschaftliche Fachdatenbanken

Unterstützt durch die DFG begann im August 2003 ein Pilotprojekt der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) mit der Erprobung des Pay-Per-Use-Verfahrens als Instrument für die überregionale Bereitstellung von geistes- und sozialwissenschaftlichen Fachdatenbanken. In der ersten Projektphase wurden zunächst solche Ressourcen ausgewählt, die den Sondersammelgebieten der BSB zugeordnet werden können. Der Eintritt in die Verlängerungsphase zu Beginn des Jahres 2005 brachte die Erweiterung der Angebotspalette um Ressourcen aus weiteren Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften mit sich.

Hauptmerkmale des seit 2003 in Deutschland umgesetzten Pay-Per-Use-Modells

Beim Projektstart gab es kaum tragfähige empirische Daten zur Frage der Akzeptanz kostenpflichtiger Zugangsmöglichkeiten zu wissenschaftlichen Fachdatenbanken. Marktuntersuchungen der allgemeinen Bereitschaft deutscher Internet-Nutzer/innen zum Bezug digitaler Güter über das Internet konstatierten eine allmählich wachsende Nachfrage. [5] Einige Indizien deuteten bereits darauf hin, dass die zunehmende Bereitschaft zur Nutzung kostenpflichtiger Online-Angebote sich auch auf wissenschaftliche Inhalte erstreckt. [6] Um eine möglichst große Zahl dieser prinzipiell an kostenpflichtigen Online-Angeboten interessierten Internet-Nutzer/innen erreichen zu können, wurde der Kreis der Zugriffsberechtigten allein im Hinblick auf den Wohnsitz eingeschränkt: Zugang sollten prinzipiell alle Personen haben, die über einen Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland verfügen. Eine für die Preisgestaltung relevante Unterscheidung zwischen verschiedenen Kundengruppen, wie sie etwa vom Dokumentlieferdienst subito her geläufig ist, wurde als nicht sinnvoll erachtet. Der Bereich der elektronischen Zeitschriften konnte aus der Projektarbeit ausgeklammert werden, da dieses Feld bereits Gegenstand eines früheren DFG-Projekts gewesen war. [7]

Für die Etablierung einer Pay-Per-Use-Plattform war die Entwicklung einer Zugriffssteuerung notwendig, für die sowohl in lizenzrechtlicher als auch in technisch-organisatorischer Hinsicht bei Datenbankanbietern wie bei den potentiellen Zielgruppen mit Akzeptanz gerechnet werden konnte. Das Resultat der konzeptionellen Überlegungen war ein Funktionsmodell, bei dem Einzelnutzern/innen gegen die Entrichtung eines bereits vor der Nutzung feststehenden Entgelts für einen im Vorhinein definierten Zeitraum der Zugriff auf die jeweils gewünschte Fachdatenbank eröffnet wird. Eine minutengenaue Abrechnung der Benutzungszeit wurde von den Datenbankanbietern ebensowenig präferiert wie eine Abrechnung der transferierten Datenmenge. Daher wurde mit allen bislang an der Pay-Per-Use-Plattform beteiligten Verlagen die Erprobung eines Zeitfenster-Modells vereinbart, bei dem die Nutzer/innen für Zeitintervalle von meist zwölf oder 24 Stunden auf einzelne Fachdatenbanken zugreifen können. Da der Preis von vornherein fest definiert ist, sind die entstehenden Kosten klar kalkulierbar. Das Zeitfenstermodell ist auch deshalb positiv zu bewerten, weil es mögliche Probleme relativiert, die aus einer langsamen Internetanbindung eines Nutzers/einer Nutzerin oder aus Netzstörungen resultieren könnten. Als Bezahlsystem wurde das bewährte Rechnungsstellungverfahren gewählt, das Bibliotheksbenutzer/innen unter anderem aus dem Bereich der Dokumentlieferung kennen. Die Nutzer/innen dieser Bibliotheksdienstleistung sind bereits mit der Anwendung des konventionellen Rechnungstellungsverfahrens auf den Bereich digitaler Güter vertraut, weil die Dokumentlieferung in vielen Fällen in digitaler Form per E-Mail erfolgt. [8]

Bei den Verhandlungen mit Datenbankanbietern stellte sich schnell heraus, dass für die Bereitstellung umfangreicher Volltextsammlungen wenig Neigung zu einem Pay-Per-Use-Modell bestand. Für nicht abgeschlossene, dynamisch kumulierende Datenbanken – vor allem für laufende Bibliografien und für Nachschlagewerke – bestand jedoch bei vielen Verlagen Interesse an der Erprobung des Pay-Per-Use-Ansatzes. [9] Aufgrund des dominierenden Lizenzmodells institutionsgebundener Subskriptionen waren die meisten Datenbankanbieter weder in technischer noch in organisatorischer Hinsicht auf die Abwicklung von Pay-Per-Use-Zugriffen durch Einzelnutzer/innen vorbereitet. Daher galt es zunächst, durch den Aufbau einer Pay-Per-Use-Plattform die notwendigen technisch-organisatorischen Voraussetzungen für die Realisierung einer solchen Angebotsform zu schaffen.

Abbildung 1: Funktionsmodell der Pay-Per-Use-Plattform

Kooperativer Betrieb der Pay-Per-Use-Plattform durch geistes- und sozialwissenschaftliche Sondersammelgebiets-Bibliotheken

Durch die Kombination und Weiterentwicklung von bereits in der BSB vorhandenen Software-Komponenten wurde eine kostengünstige Pay-Per-Use-Plattform etabliert, die von der Zugriffskontrolle über das Logging des Datenverkehrs und die Berechnung der entstehenden Kosten bis hin zur Rechnungstellung alle notwendigen Komponenten umfasst (siehe Abb. 1). Ohne den Anspruch zu erheben, die oftmals gar nicht benötigten Komfortmerkmale und Abrechnungsoptionen wesentlich aufwändigerer kommerzieller Systeme nachbauen zu wollen, bietet die Plattform die Vorteile einer einfachen Benutzerführung und der uneingeschränkten Nutzungsmöglichkeit aller Funktionalitäten der bereitgestellten Fachdatenbanken.

Für die Aufgabe der Benutzerregistrierung und -authentifizierung kommen die Portalsoftware Sisis-Elektra sowie eine MySQL-Datenbank zum Einsatz. Wenn sich Erstbenutzer/innen bei der Plattform registrieren, bekommen sie zunächst eine Bestätigungs-E-Mail zugeschickt. Die Registrierung ist erst dann erfolgreich abgeschlossen, wenn der in dieser E-Mail enthaltene Link angeklickt wurde, um den Empfang der E-Mail zu bestätigen. Innerhalb weniger Minuten nach dem Beginn des Registrierungsvorgangs kann dann auf die gewünschten Fachdatenbanken zugegriffen werden. Die Protokollierung der Benutzungsvorgänge wird von der Software HAN (Hidden Automatic Navigator) durchgeführt. Dieses von der Firma H+H entwickelte Produkt ist ursprünglich zur kontrollierten, aber für die Nutzer/innen kostenlosen Bereitstellung digitaler Ressourcen außerhalb eines Bibliothekslesesaals oder eines Universitätsgeländes konzipiert worden, so dass zusätzlich ein spezielles Abrechnungsmodul programmiert werden musste. Dieses Modul ermittelt Monat für Monat die angefallenen Pay-Per-Use-Zugriffe und die jeweils durch die Nutzer/innen zu zahlenden Entgelte. Die entsprechenden Daten werden anschließend an die Rechnungstellungssoftware der BSB weitergereicht. Auf der Basis der ausgewerteten Pay-Per-Use-Zugriffe wird außerdem in mehrmonatigen Abständen ermittelt, welche Lizenzgebühren die Bibliothek an die jeweiligen Datenbankanbieter zu entrichten hat. Die Unterscheidung zwischen Entgelten und Lizenzgebühren ist deshalb nötig, weil die für das Pay-Per-Use-Angebot verantwortliche Bibliothek die Rolle eines Mittlers zwischen Verlag und Endnutzer/in einnimmt: Letzterer erwirbt das temporäre Zugriffsrecht nicht direkt beim jeweiligen Datenbankanbieter, sondern bei der Bibliothek. Die Bibliothek wiederum muss für jeden Pay-Per-Use-Zugriff eine feste Lizenzgebühr an den Verlag entrichten, die in einer speziellen Pay-Per-Use-Vereinbarung zwischen Bibliothek und Verlag festgelegt wurde. Die Höhe des vom Nutzer/von der Nutzerin zu entrichtenden Entgelts entspricht zur Zeit der Höhe der Lizenzgebühr, damit die Zugangshürde für die Endnutzer/innen so niedrig wie möglich gehalten werden kann. [10]

Nachdem das Zeitfenster-Modell als Abrechnungsgrundlage für den Betrieb der Pay-Per-Use-Plattform gewählt worden war, musste ein für Anbieter- wie für Nutzerseite akzeptabler Preis für die Nutzung der Fachdatenbanken gefunden werden. Die Ergebnisse einer im Auftrag der DFG und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung durchgeführten Studie ließen den Schluss zu, dass fünf Euro eine Schmerzgrenze bei der Nutzung digitaler Fachinformationen darstellen. [11] Bei Verhandlungen mit Datenbankanbietern zeigte sich, dass aus Verlagsperspektive eine Lizenzgebühr von fünf Euro in praktisch allen Fällen als die unterste Grenze für die Bepreisung eines Zeitfenster-Modells betrachtet wurde. Wenn ein Verlag dem Pay-Per-Use-Modell prinzipiell positiv gegenüberstand, ist es bislang in allen Fällen gelungen, ein Angebot zu diesem Preis machen zu können. Um diesen Betrag nicht zu überschreiten, musste das Zeitfenster in einem Teil der Fälle auf einen kürzeren Zeitraum als 24 Stunden reduziert werden. [12]

Als die Pay-Per-Use-Plattform Anfang 2005 aus dem Test- in den Dauerbetrieb überführt wurde, standen zunächst nur Datenbanken aus den Sondersammelgebieten der BSB zur Verfügung. Mit dem Übergang in die Verlängerungsphase wurde seit Sommer 2005 die Erweiterung der Angebotspalette auf weitere geistes- und sozialwissenschaftliche Fachgebiete in Angriff genommen. [13] Für die technisch-organisatorische Abwicklung ist dabei weiterhin die BSB verantwortlich, aber für die mit den Verlagen abzuschließenden Pay-Per-Use-Vereinbarungen zeichnet jeweils diejenige Sondersammelgebietsbibliothek verantwortlich, in deren Zuständigkeit eine neu aufgenommene Fachdatenbank fällt. Als Beispiel für dieses kooperative Verfahren kann die englische und nordamerikanische Geschichte dienen: Die zuständige Sondersammelgebietsbibliothek ist in diesem Fall die Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, in deren Auftrag die Datenbank „America: History and Life“ über die Pay-Per-Use-Plattform bereitgestellt wird.

Pay-Per-Use-Ressourcen: Angebotspalette und Zugangswege

Bei näherer Betrachtung der im Sommer 2006 über die Pay-Per-Use-Plattform zugänglichen Angebotspalette wird deutlich, dass eine recht große Zahl von Ressourcen genutzt werden kann, die für geschichtswissenschaftliches Arbeiten von Interesse sind. Die thematische Bandbreite reicht von zentralen bibliografischen Datenbanken und Fachlexika der Geschichtswissenschaften über Arbeitsinstrumente für die Handschriftenbearbeitung bis hin zu Nachschlagewerken aus historisch arbeitenden Nachbardisziplinen wie der Musik- und der Kunstgeschichte.

Tabelle 1: Fachdatenbanken aus dem Bereich der Geschichtswissenschaften und verwandten Fachgebieten mit Pay-Per-Use-Zugang (Stand: Juli 2006)

Den Zugang zu den Pay-Per-Use-Datenbanken eröffnet das Datenbank-Infosystem (DBIS), das an einer immer größeren Zahl von Universitäts- und Forschungsbibliotheken als Instrument zur Erschließung von Fachdatenbanken genutzt wird. [14] Bei den Pay-Per-Use-Ressourcen wird die Kostenpflichtigkeit des Zugriffs deutlich hervorgehoben und der Preis pro Nutzungseinheit aufgeführt (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2: DBIS-Eintrag für den Pay-Per-Use-Zugang zur Fachdatenbank „Historical Abstracts“

Nach dem Anklicken des Links im DBIS-Feld „Recherche starten“ werden die Benutzer/innen zunächst zu einer Eingabemaske für Pay-Per-Use-Kennung und -Passwort geführt. Ist ein/e Benutzer/in noch nicht für den Zugriff auf die Plattform registriert, kann er/sie die notwendigen Schritte direkt aus der DBIS-Ansicht heraus unternehmen. Hat man sich erfolgreich registriert und mit der zugeteilten Kennung bei der Plattform angemeldet, wird vor dem direkten Zugriff auf die gewünschte Datenbank eine Zusatzseite zwischengeschaltet, die nochmals auf die Kostenpflichtigkeit des Angebots hinweist. Erst wenn man den auf dieser Seite untergebrachten Start-Link anklickt, beginnt der kostenpflichtige Nutzungsvorgang (siehe Abbildung 3).

Abbildung 3: Startseite für den Pay-Per-Use-Zugang zur Fachdatenbank „Historical Abstracts“

Beim Zugriff auf die einzelnen Datenbanken steht in allen Fällen der vollständige Funktionsumfang zur Verfügung, so dass man auf die gewohnte Weise mit den Datenbanken arbeiten kann. Die Berechnung der pro Monat anfallenden Entgelte erfolgt jeweils zu Beginn des Folgemonats. Den Benutzern/innen wird anschließend eine kumulierte Rechnung über alle im Abrechnungsmonat festgestellten Nutzungsvorgänge zugeschickt.

Der Erwerb von Nationallizenzen für elektronische Fachinformationen

Im Herbst 2004 initiierte die DFG ein Förderprogramm, bei dem erstmals große Summen für die zentrale Finanzierung von elektronischen Fachinformationsressourcen aufgebracht wurden. Ähnlich wie beim Pay-Per-Use-Projekt standen dabei zunächst Fachdatenbanken aus dem Bereich der Geisteswissenschaften im Mittelpunkt der Fördermaßnahmen. Im Zuge der Ausweitung des Programms ab dem Jahr 2005 wurden alle Wissenschaftsbereiche einbezogen und neben Fachdatenbanken auch elektronische Zeitschriften sowie E-Book-Sammlungen berücksichtigt.

Hauptmerkmale des seit 2004 in Deutschland umgesetzten Nationallizenz-Modells

Der Auftrag zur überregionalen Informationsversorgung mit elektronischen Ressourcen lässt sich angesichts der Heterogenität und Dynamik des Gegenstandsbereichs nur dann in angemessener Weise erfüllen, wenn verschiedene Lösungsansätze flexibel miteinander kombiniert werden. Der Erwerb von Nationallizenzen ist in gleicher Weise wie das Pay-Per-Use-Konzept für die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung geeignet, solange auch solche Interessenten/innen Zugang erhalten, die nicht an Standorten wissenschaftlicher Bibliotheken wohnen oder in Forschungseinrichtungen mit eigenen Zugangsmöglichkeiten arbeiten. Beim Start des Nationallizenz-Programms der DFG wurde daher der Kreis der Zugriffsberechtigten zunächst so weit wie möglich gefasst. Demzufolge stehen die elektronischen Ressourcen prinzipiell allen in Deutschland ansässigen Interessenten zur wissenschaftlichen bzw. privaten Nutzung kostenlos zur Verfügung. Die Zugriffssteuerung erfolgt auf zwei Wegen:

  • Die Computer-Netze von Universitäts-, Fachhochschul- und Forschungsbibliotheken werden von den einzelnen Verlagen freigeschaltet, so dass bei einem Zugriff aus den Netzen dieser Einrichtungen keine Eingabe von Benutzerkennungen notwendig ist.
  • Einzelnutzern/innen ohne Zugang zu einer der freigeschalteten Institutionen wird über die Zugangssysteme der an der Organisation des Nationallizenz-Programms beteiligten Bibliotheken der kostenlose Zugriff gewährt. Vor dem erstmaligen Zugriff müssen sich die Nutzer/innen registrieren und beim Zugriff auf Nationallizenz-Ressourcen mit der zugeteilten Kennung authentifizieren.

Da die meisten Universitätsbibliotheken ohnehin über technische Systeme verfügen, mit denen sie ihren eingeschriebenen Nutzern/innen den externen Zugriff auf die von der Bibliothek lizenzierten Ressourcen ermöglichen, kommen diese Systeme auch beim Zugriff auf Nationallizenz-Ressourcen zum Einsatz. Die Registrierung als Einzelnutzer/in sollte daher für Universitätsangehörige im Regelfall nicht notwendig sein. [15] Der Einzelnutzerzugang steht zwar für eine Reihe natur- und technikwissenschaftlicher Ressourcen nicht zur Verfügung, kann aber bislang im Bereich der Geisteswissenschaften durchgängig angeboten werden.

Der Auswahl der für das Nationallizenzprogramm in Frage kommenden Ressourcen wurden in bislang zwei Beschaffungsrunden folgende Kriterien zugrunde gelegt:

  • Inhaltliche Relevanz und Qualität der digitalen Publikationen
  • Technische Qualität der Digitalisate und des Bereitstellungssystems
  • Abgeschlossenheit der Datensammlungen (ggf. unter Einschluss von Updates der kommenden Jahre)
  • Dauerhafter Erwerb der Daten
  • Angemessenes Preis-/Leistungsverhältnis

In der ersten Beschaffungsrunde 2004/05 wurde ein fachlicher Schwerpunkt auf die Geisteswissenschaften gelegt, so dass Ressourcen mit geschichtswissenschaftlicher Relevanz von Anfang an gut repräsentiert waren. Ab der zweiten Beschaffungsrunde wurde auf eine fachliche Schwerpunktbildung verzichtet, doch werden geisteswissenschaftliche Ressourcen weiterhin in angemessener Weise berücksichtigt.

Umsetzung des Nationallizenz-Programms durch eine Gruppe von Forschungs- und Universitätsbibliotheken

An der Umsetzung der ersten Beschaffungsrunde 2004/05 waren vier große Universitäts- und Forschungsbibliotheken beteiligt (Bayerische Staatsbibliothek, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Staatsbibliothek zu Berlin, Universitätsbibliothek Frankfurt am Main). Nach Abstimmung mit den zuständigen Sondersammelgebietsbibliotheken wurden Verlagsangebote für 40 Produkte ausgehandelt, von denen in einem Gutachterverfahren der DFG 19 Angebote akzeptiert wurden. Im Zuge der zweiten Beschaffungsrunde 2005/06 wurde der Kreis der beteiligten Einrichtungen um die Technische Informationsbibliothek / UB Hannover sowie das Informationszentrum Sozialwissenschaften und die UB Köln erweitert. Die Produktpalette wurde um 30 Titel ergänzt, die ab dem Frühjahr 2006 freigeschaltet wurden. Die DFG hat in beiden Beschaffungsrunden insgesamt 27,4 Millionen Euro für den Erwerb der Nationallizenzen aufgewendet.

Neben der Verhandlungsführung mit den Verlagen gehört die technische Umsetzung der Zugriffskontrolle zu den Hauptaufgaben der organisierenden Bibliotheken. Aus technischen Gründen kamen für den Einzelnutzerzugriff zunächst die jeweiligen Authentifizierungssysteme der organisierenden Bibliotheken zum Einsatz. Daraus ergab sich die unbefriedigende Situation, dass die Einzelnutzer/innen sich im Extremfall vier unterschiedliche Kennung-/Passwort-Kombinationen merken mussten. Um hier Abhilfe zu schaffen, wird im ersten Quartal 2007 ein einheitliches Registrierungs- und Authentifizierungssystem eingeführt. Wenn sich ein Einzelnutzer/eine Einzelnutzerin bei diesem System einmalig registriert hat, kann er aus dem verfügbaren Gesamtangebot auswählen, für welche Ressourcen er sich interessiert. Anschließend kann auf diese Ressourcen mit einer einheitlichen Kennung zugegriffen werden.

Eine dritte Aufgabe betrifft die langfristige Sicherung und ggf. auch die Bereitstellung der Daten, für die Nationallizenzen erworben wurden. Die jeweils federführende Bibliothek erwirbt nicht nur das Recht auf den langfristigen Zugang zum jeweiligen Produkt auf den Servern des Verlags sondern auch die Inhalte selbst. Die von den Verlagen gelieferten physikalischen Daten werden mit Hilfe von Langzeitarchivierungs-Instrumenten der Bibliotheken auf Dauer gesichert und können nach Ablauf einer bestimmten Frist – oder beim Auftreten von gravierenden Bereitstellungsproblemen auf Seiten der Verlage – über Bibliotheks-Server den Nutzern/innen zugänglich gemacht werden.

Nationallizenz-Ressourcen: Angebotspalette und Zugangswege

Da in das Nationallizenz-Programm neben Fachdatenbanken auch elektronische Zeitschriften und E-Book-Sammlungen einbezogen werden konnten, ist die Bandbreite der für geschichtswissenschaftliches Arbeiten relevanten Ressourcen noch größer als im Fall der Pay-Per-Use-Angebote. Bei den Fachdatenbanken fallen die umfangreichen Volltextdatenbanken mit Quelleneditionen oder retrodigitalisierten Bibliotheksbeständen ins Auge, die sich auf dem Pay-Per-Use-Weg nicht bereitstellen lassen. Als Beispiele seien die Library of Latin Texts, die Early English Books Online oder die Eightteenth Century Collections Online herausgegriffen. [16] Den unterschiedlichen Charakteristika der beiden Modelle entsprechend können im Nationallizenzprogramm bislang keine laufenden Bibliografien oder andere dynamisch kumulierende Fachdatenbanken bereitgestellt werden, weil hier kein dauerhafter Erwerb einer abgeschlossenen Datensammlung möglich ist. Retrospektiv angelegte, abgeschlossene Bibliografien wie die interdisziplinäre Datenbank Periodicals Index Online (PIO) wurden dagegen per Nationallizenz erworben. Die Einbeziehung von Volltexten elektronischer Zeitschriften war in solchen Fällen möglich, in denen von den Verlagen abgeschlossene Zeitschriftenarchive angeboten wurden. In geisteswissenschaftlicher Perspektive sind zum Beispiel das eng mit der PIO-Datenbank verknüpfte Periodicals Archive Online (PAO) oder das Oxford Journals Digital Archive (1829-1995) zu nennen. Da für beide Archive auch der Einzelnutzerzugriff zugelassen ist, können wichtige geschichtswissenschaftliche Zeitschriften flächendeckend zugänglich gemacht werden. Schließlich ist noch die Einbeziehung von E-Book-Sammlungen zu nennen, in deren Gesamtbestand jeweils eine größere Zahl von geschichtswissenschaftlichen Publikationen zu finden ist.

Den einfachsten Zugangsweg zu den Nationallizenz-Ressourcen eröffnet – wie im Fall der Pay-Per-Use-Angebote – das Datenbank-Infosystem (DBIS). Die DBIS-Einträge weisen häufig drei verschiedene Start-Links auf. Neben einem Link, der bei der Benutzung im Computer-Netz freigeschalteter Bibliotheken angeklickt werden sollte, findet sich ein zweiter Link für den externen Zugriff durch eingeschriebene Benutzer/innen der jeweiligen Bibliothek, sowie ein dritter Link für diejenigen Einzelnutzer/innen, die bei keiner zugangsberechtigten Bibliothek eingeschrieben sind. Außerdem ermöglicht ein weiterer Link die erstmalige Registrierung für den Zugriff auf Nationallizenz-Ressourcen (siehe Abbildung 4).

Tabelle 2: Fachdatenbanken, E-Zeitschriften und E-Books aus dem Bereich der Geschichtswissenschaften und verwandten Fachgebieten mit Nationallizenz-Zugang (Stand: Juli 2006)

Je nach gewählter Zugangsart (Netzwerk-Zugang, Extern-Zugang, Einzelnutzer-Zugang) und nach Zugangssystem der jeweils für die Zugriffsorganisation zuständigen Bibliothek sieht der weitere Weg zu den gewünschten Ressourcen leicht unterschiedlich aus. Für alle Nationallizenz-Ressourcen gilt genauso wie für die Pay-Per-Use-Angebote, dass der vollständige Funktionsumfang der E-Ressourcen zur Verfügung steht.

Abbildung 4: DBIS-Eintrag für den Nationallizenz-Zugang zur Fachdatenbank „Testaments to the Holocaust“

Zwischenfazit und Ausblick

Die bisher im Rahmen des Pay-Per-Use-Projekts und bei der Umsetzung des Nationallizenz-Programms gesammelten Erfahrungen belegen, dass das Problem der überregionalen Bereitstellung elektronischer Ressourcen fallspezifisch differenzierter Lösungsansätze bedarf. Bei den Verhandlungen mit den Anbietern von E-Ressourcen hat sich gezeigt, dass das Nationallizenz-Modell und das Pay-Per-Use-Modell sich für die verschiedenen Produktkategorien unterschiedlich gut eignen und daher nicht als konkurrierende, sondern als komplementäre Instrumente der überregionalen Informationsversorgung betrachtet werden sollten.

Im Bereich der Pay-Per-Use-Angebote wird vor allem die Entwicklung der Zugriffszahlen darüber entscheiden, ob Verlage langfristig an der Bereitstellung einer solchen Angebotsform interessiert sind. Dass Pay-Per-Use-Angebote im geisteswissenschaftlichen Bereich zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht dazu geeignet sind, hohe Erlöse zu generieren, war bereits beim Start des Pay-Per-Use-Projekts absehbar. Für eine Reihe von Produkten zeichnet sich seit der Überführung der Plattform in den Echtbetrieb Anfang 2005 eine langsam, aber stetig wachsende Zugriffszahl ab. Die bislang vorliegenden Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Gesamtzugriffszahlen nach einem zweijährigen Plattform-Betrieb im dreistelligen Bereich bewegen dürften.

Abbildung 5: Einbindung von Pay-Per-Use- und Nationallizenz-Ressourcen in das geschichtswissenschaftliche Fachportal Chronicon. Nach Anmeldung beim Portal mit einer für überregionale Angebotsformen gültigen Kennung können die Nationallizenz-Ressourcen direkt in die Metasuche einbezogen werden (unterer Pfeil), während für die Pay-Per-Use-Ressourcen ein Single-Sign-On-Zugang zur jeweils gewünschten Fachdatenbank angeboten wird (oberer Pfeil). Nach Anklicken des Euro-Icons hinter dem Datenbank-Namen gelangt man ohne weitere Passwort-Eingabe direkt zur Startseite für den Pay-Per-Use-Zugriff auf das gewünschte Produkt.

Für die kostenfreien Nationallizenz-Ressourcen können naturgemäß höhere Zugriffszahlen verbucht werden, sowohl aus den freigeschalteten Computer-Netzen von Universitäten und Bibliotheken heraus, als auch über den Einzelnutzerzugriff. Die künftige Nutzungsintensität der Nationallizenzressourcen wird – analog zum Bereich der Pay-Per-Use-Angebote – darüber mitentscheiden, welches Gewicht der Förderung geisteswissenschaftlicher E-Ressourcen in Zukunft durch die DFG beigemessen werden wird. Durch die Integration von Pay-Per-Use- und Nationallizenz-Ressourcen in geschichtswissenschaftliche Fachportale wie das an der BSB betriebene chronicon [17] kann die Bekanntheit und Sichtbarkeit der auf beiden Wegen bereitgestellten Ressourcen weiter gesteigert werden (siehe Abbildung 5). Auch im Rahmen von Angeboten zur Verbesserung der Informationskompetenz sollte verstärkt auf Nutzungsmöglichkeiten der überregionalen Angebotsformen hingewiesen werden.

Grundsätzlich lässt sich für den Bereich der Geschichtswissenschaften konstatieren, dass für die Sicherstellung der überregionalen Informationsversorgung durch den Einsatz der neuen Angebotsmodelle ein leistungs-fähiges Instrumentarium zur Verfügung steht. Probleme bereitet weiterhin der Bereich der laufenden Publikationen, sowohl im Hinblick auf nicht abgeschlossene Bibliografien als auch auf die aktuellen Jahrgänge von Fachzeitschriften. Da jedoch auch in diesem Bereich Maßnahmen zur Verbesserung der Informationsversorgung in Angriff genommen werden und die DFG der Lizenzierung elektronischer Ressourcen weiterhin hohe Priorität beimisst [18] , dürfte sich die überregionale Versorgung mit Fachinformationen in den nächsten Jahren weiter verbessern.

***

Gregor Horstkemper ist als Angestellter der Bayerischen Staatsbibliothek im Referat „Zeitschriften und Elektronische Medien“ tätig und mit Projekten zur Verbesserung der überregionalen Informationsversorgung im Bereich elektronischer Ressourcen befasst. E-Mail: Gregor.Horstkemper@bsb-muenchen.de


[1] Wie stark die Änderungen im Publikationswesen sich auf die Rollendefinition der wissenschaftlichen Bibliotheken auswirken, zeigt zum Beispiel der Aufsatz: Schmolling, Regine, Paradigmenwechsel in wissenschaftlichen Bibliotheken? Versuche einer Standortbestimmung, in: Bibliotheksdienst 35 (2001), S. 1037-1060, vgl. <http://bibliotheksdienst.zlb.de/2001/01_09_04.pdf> (15.07.2006). Zum Begriff der „hybriden Bibliothek“, siehe Rusbridge, Chris, Towards the Hybrid Library, in: D-Lib Magazine July/August 1998, vgl. <http://www.dlib.org/dlib/july98/rusbridge/07rusbridge.html> (15.07.2006).

[2] Zu diesem Thema siehe u. a. Sherman, Chris; Price, Gary, The Invisible Web: Finding Hidden Internet Resources Search Engines Can't See, Medford 2001. Webressourcen, für deren Nutzung die Anerkennung von Nutzungsbedingungen und meist auch die Entrichtung von Lizenzgebühren notwendig ist, werden von Sherman/Price zum sogenannten „Proprietary Web“ gezählt.

[3] Zum Problem der bedrohten „Informationsgleichheit“ im Bereich der Geschichtswissenschaften siehe Dörr, Marianne; Enderle, Wilfried, Bibliotheken und Sondersammelgebiete, in: Jenks, Stuart; Marra, Stephanie (Hgg.), Internet-Handbuch Geschichte, Köln u.a.O. 2001, S. 167-193, hier S. 190.

[4] Näheres zum System der Sondersammelgebiete bei Dörr/Enderle, Bibliotheken (wie Anm. 3), S. 171-173, mit einer Übersicht der für die Geschichtswissenschaft zuständigen Bibliotheken. Das Online-Angebot Webis dokumentiert den jeweils aktuellsten Stand der Zuständigkeitsverteilung, vgl. <http://webis.sub.uni-hamburg.de> (15.07.2006).

[5] Siehe Krüger, Malte; Leibold, Kay, Internet Zahlungssysteme aus der Sicht der Verbraucher. Ergebnisse der Online-Umfrage IZV7, Karlsruhe 2004, vgl. <http://www.iww.uni-karlsruhe.de/reddot/download/izv7_auswertung.pdf> (15.07.2006). Von über 10.000 Befragungsteilnehmern/innen äußerten nur 15,3 Prozent eine grundsätzliche Ablehnung kostenpflichtiger Angebote, fast zwei Drittel der Teilnehmer/innen dieser Umfrage gaben an, bereits Güter über das Internet erworben zu haben (IZV7, S. 4 f.).

[6] Rund 32 Prozent der Befragungsteilnehmer/innen hatten bereits Fachliteratur (z.B. Publikationen aus Wissenschaft und Forschung) über das Internet bezogen, gut 23 Prozent gaben an, auf diesem Wege E-Books erworben zu haben (IZV7, S. 5). Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch die Befragung IZV8: Krüger, Malte; Leibold, Kay; Smasal, Dominik, Internet Zahlungssysteme aus der Sicht der Verbraucher. Ergebnisse der Online-Umfrage IZV8, Karlsruhe 2006, S. 13, vgl. <http://www.iww.uni-karlsruhe.de/reddot/download/izv8_internet_version.pdf> (15.07.2006).

[7] Zu den Ergebnissen siehe den Projektbericht: Berg, Heinz-Peter; Schäffler, Hildegard; Sens, Irina, Elektronische Zeitschriften in der überregionalen Literaturversorgung: Ergebnisse des DFG-Projekts EZUL, in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 49 (2002), H. 3, S. 118–132.

[8] Der Endbericht der von Mummert Consulting erarbeiteten und 2004 von der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin in Köln veröffentlichten Studie „Strategische Erfolgsfaktoren von wissenschaftlichen Portalen“ bestätigt auf S. 42, dass auf Nutzerseite das Verfahren der Rechnungstellung die bei weitem höchste Akzeptanz bei der Bezahlung kostenpflichtiger Fachinformationen genießt, vgl. <http://www.dl-forum.de/dateien/Endbericht_Content-Studie_DL-Forum.pdf> (15.07.2006).

[9] Siehe Horstkemper, Gregor, „Nosse volunt omnes, mercedem solvere nemo“? Pay-per-Use als Instrument der überregionalen Informationsversorgung. Workshop an der Bayerischen Staatsbibliothek, in: Bibliotheksdienst 38 (2004), S. 1457-1469, vgl. <http://www.zlb.de/aktivitaeten/bd_neu/heftinhalte/heft9-1204/erwerbung1104.pdf> (15.07.2006).

[10] Für weitere Details zum Projekt und zur technisch-organisatorischen Basis der Pay-Per-Use-Plattform siehe Horstkemper, Gregor; Schäffler, Hildegard, Das Pay-per-Use-Modell als Instrument der überregionalen Bereitstellung von geistes- und sozialwissenschaftlichen Fachdatenbanken, in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 53 (2006), H. 1, S. 3-15.

[11] Siehe das Management Summary der von der Firma IMAC Information & Management Consulting erarbeiteten Studie „Projekt Volltextdienst. Entwicklung eines Marketingkonzeptes für den Aufbau eines Volltextdienstes im IV-Bildung-Sozialwissenschaften-Psychologie“, Konstanz 2002, S. 8, vgl. <http://www.dipf.de/bildungsinformation/bildungsinformation_imac_summary_dipf.pdf> (15.07.2006).

[12] Die Einführung eines Zeitfenster-Modus für die Nutzung der Datenbank der Stiftung Warentest im Herbst 2005 (24-Stunden-Ticket zu einem Preis von 4,90 Euro) lässt die Wahl eines Einstiegspreises von fünf Euro für die Pay-Per-Use-Plattform der Bayerischen Staatsbibliothek als durchaus plausibel erscheinen.

[13] Um den gesamten Wissenschaftsbereich abdecken zu können, baut die Technische Informationsbibliothek / Universitätsbibliothek Hannover seit dem Jahr 2005 eine eigenständige Pay-Per-Use-Plattform für den Bereich der Technik- und Naturwissenschaften auf.

[14] Die DBIS-Instanz der Bayerischen Staatsbibliothek für geschichtswissenschaftliche Fachdatenbanken ist erreichbar über die Adresse: <http://www.bibliothek.uni-regensburg.de/dbinfo/suche.phtml?lett=f&bib_id=bsb&colors=127&ocolors=40&gebiete=26> (15.07.2006). Eine Liste der aktuellen Pay-Per-Use-Angebote und der jeweiligen Preise findet sich unter <http://www.bsb-muenchen.de/Pay-per-Use.510.0.html> (15.07.2006).

[15] Weitere Informationen zum Nationalizenz-Programm finden sich unter der Adresse <http://www.nationallizenzen.de> (15.07.2006).

[16] Vgl. <http://www.nationallizenzen.de/>.

[17] Vgl. <http://www.chronicon.de>.

[18] Siehe den Aktionsplan der Deutschen Forschungsgemeinschaft in: Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme. Schwerpunkte der Förderung bis 2015. DFG-Positionspapier, Bonn 2006, S. 8, vgl. <http://www.dfg.de/forschungsfoerderung/wissenschaftliche_infrastruktur/lis/download/positionspapier.pdf> (15.07.2006).


Kooperative Kompetenz – Zusammenarbeit von Bibliothek und Wissenschaft bei Aufbau und Verstetigung der Virtuellen Fachbibliothek Osteuropa (ViFaOst)

von Gudrun Wirtz und Olivia Griese

Die seit 2002 von der DFG geförderte ViFaOst stellt im Bereich der Fach- und Regionalportale nicht nur bezüglich ihrer inhaltlichen Vielfalt und geografischen Ausdehnung, sondern auch von ihrem organisatorischen Aufbau her einen Sonderfall dar. Während das Angebot in hohem Maße von bibliothekarischen Modulen der beteiligten Bibliotheken und Forschungseinrichtungen geprägt ist, sind die Projektkoordination sowie die Verantwortung für einige Module der Website an der Universität verankert oder werden von Fachwissenschaftlern/innen der Forschungseinrichtungen betreut. Im Folgenden sollen die Hintergründe dieser Zusammenarbeit dargelegt, ihr Wandel in Zusammenhang mit den technischen Möglichkeiten in der sich verändernden Informationslandschaft der vergangenen Jahre erläutert und an konkreten Beispielen ihre Funktionsweise verdeutlicht werden.

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Einleitung

Es ist sicherlich der Idealfall, wenn eine Sondersammelgebietsbibliothek ihre Dienstleistungen nicht nur in loser Kooperation mit Partnern aus der Forschung aufbaut – etwa durch virtuelle Einbindung ausgewählter dort erstellter Angebote oder durch Nutzerrekrutierung für Evaluationen –, sondern diese Leistungen gemeinsam mit diesen Partnern von Beginn an konzipiert und realisiert.

Die seit 2002 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Virtuelle Fachbibliothek Osteuropa (ViFaOst) stellt durch ihre besonders enge Verzahnung von Bayerischer Staatsbibliothek (BSB) mit ihrem von der DFG geförderten Sondersammelgebiet „Osteuropa“, Universität und Forschungseinrichtungen einen Sonderfall unter den virtuellen Fachbibliotheken dar. Dass dieser Sonderfall ein Erfolg ist, belegen nicht nur die außergewöhnlich breite Angebotspalette, die ständig steigenden Nutzungszahlen sowie die soeben genehmigte dritte Förderphase der DFG, sondern auch die Tatsache, dass nach fünf Jahren der Kooperation Vertreterinnen von Forschung und Sondersammelgebietsbibliothek gemeinsam über ihre Kooperation auf dieser Tagung berichten.

Im Folgenden sollen zunächst die Hintergründe dieser Zusammenarbeit dargelegt, ihr Wandel in Zusammenhang mit den technischen Möglichkeiten sowie der sich verändernden Informationslandschaft der vergangenen Jahre erläutert und an einigen konkreten Beispielen ihre Funktionsweise und Ergebnisse illustriert werden.

Entstehung der Kooperation

Neben den gängigen Diensten der überregionalen Literaturversorgung (Fernleihe, Dokumentlieferung usw.) war die BSB stets bemüht, gerade für ihre osteuropäischen Sondersammelgebiete, hinter denen nicht nur die Bibliothek als Ganze, sondern auch eine Sonderabteilung mit einschlägigen Fachkenntnissen und -kontakten stand und steht, in engem Kontakt mit der Wissenschaft regionale und überregionale Sonderdienste zu pflegen. Hier seien nur zwei Beispiele genannt: Eine Dienstleistung primär für die in München ansässige Osteuropa-Forschung ist die traditionelle monatliche Ausstellung der etwa 1.200 Osteuropa-Neuerwerbungen im Ost-Lesesaal, die allerdings auch regelmäßig und gezielt von Forschern/innen aus ganz Europa genutzt wird. Für die überregionale Nutzung konzipiert wurde ein Current Contents-Dienst für die Slavistik, eine Printpublikation, die zwischen 1980 und 1997 erschien und 1998 mit einer fertigen Nummer gemeinsam mit dem Sondersammelgebiet an die Staatsbibliothek Berlin – Preußischer Kulturbesitz übergeben wurde. Sie wertete etwa 400 Zeitschriften aus und wurde zuletzt von mehr als 200 Forschungsinstitutionen abonniert.

Im Zuge der fortschreitenden Möglichkeiten der Technik wie auch der Förderung begann man 1999 an der BSB eine virtuelle Fachbibliothek Osteuropa zu planen – das Münchener Digitalisierungszentrum (MDZ) war bereits aufgebaut, erste Osteuropa-Digitalisierungsprojekte waren mit dem langjährigen Mitglied des Bibliotheksausschusses der DFG, Prof. Dr. Helmut Altrichter konzipiert und realisiert, bei der Zusammenarbeit mit dem Projekt „Server Frühe Neuzeit“ (das Vorgängerprojekt von historicum.net) hatte man erste Erfahrungen gesammelt. Dass ein „Server Osteuropa“ – so damals der Arbeitstitel – in enger Kooperation mit der hervorragenden Münchener Osteuropa-Forschungs-Landschaft aufgebaut werden sollte, stand außer Zweifel. Als Ende 1999 die Leiterin der Osteuropa-Abteilung der BSB, Dr. Hannelore Gonschior, an den national und international renommierten Osteuropahistoriker Prof. Dr. Edgar Hösch mit dem Kooperationsvorschlag herantrat, kam man schnell zu konstruktiven Gesprächen. Der Enthusiasmus der „Forschungsseite“ war sogar so groß, dass Prof. Hösch die Federführung des Projektes übernahm und 2001 in seiner Eigenschaft als Leiter der Abteilung für Geschichte Ost- und Südosteuropas am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) sowie als Leiter der Historischen Abteilung des Osteuropa-Instituts München gemeinsam mit der BSB und dem Herder-Institut Marburg den Förderantrag bei der DFG einreichte.

Konzeption eines Regionalportals

Schwerpunkt der ViFaOst war und ist die Geschichte der Länder Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas, sind doch alle beteiligten Forschungsinstitutionen in diesem Bereich spezialisiert. Dennoch wurden Namen und Konzeption der virtuellen Fachbibliothek weitblickend an dem regionalen wie fachlichen Sammelprofil der BSB ausgerichtet, das heißt neben Geschichte wurden von Anfang an auch die Bereiche Politik und Gesellschaft, Musik, Erziehungswesen, Buch- und Bibliothekswesen sowie die ehemaligen Sondersammelgebiete Sprachen, Literaturen und Volkskunde berücksichtigt.

Abbildung 1: Regionales Profil der ViFaOst

Das regionale Profil ist ebenfalls weit gesteckt – es umfasst die heutigen Sondersammelgebiete der BSB sowie die bis 1997 gepflegten, aber nicht zu den Sondersammelgebieten gehörenden Sammelschwerpunkte wie Ungarn und reicht somit von der Lausitz über Griechenland bis zu Finnland und den ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken, wobei sich der überwiegende Teil der ViFaOst-Inhalte auf die slawischen Länder bezieht.

Bewusst wollte man von Anfang an die Möglichkeit, die ehemaligen und heutigen fachlichen wie regionalen Sondersammelgebiete der BSB im Interesse der Wissenschaft virtuell wieder zusammenzuführen, offen lassen. Im Laufe der vergangenen Jahre wurde diese Konzeption auf vielfältige Weise bestätigt – wiederum seien zwei Beispiele angeführt: 2005 genehmigte die DFG den Aufbau eines Slavistik-Portals unter Federführung der Staatsbibliothek Berlin innerhalb der ViFaOst. Ebenfalls 2005 wurde im Rahmen der Errichtung von Master- und Bachelor-Studiengängen an der LMU 2005 ein Elitestudiengang „Osteuropastudien“ eingerichtet, der weitestgehend dem Profil der heutigen ViFaOst entspricht und an dem sich die BSB mit einer Veranstaltung zur Informationskompetenz Osteuropa beteiligt. Dass die „Osteuropastudien“ als einziger geisteswissenschaftlicher Studiengang der Münchener Universitäten im Elitenetzwerk Bayern ins Leben gerufen wurde, verdankt er nach Ansicht seines Initiators, des Nachfolgers von Prof. Hösch, Prof. Dr. Martin Schulze Wessel, nicht zuletzt auch der Infrastruktur der Institutionen und Bibliotheken, darunter vor allem der hervorragenden Osteuropa-Sammlung der BSB sowie den gemeinsam konzipierten digitalen Dienstleistungen.

Vorteile dieser Kooperation

Durch diese Konstellation und die damit organisatorisch angelegte enge Zusammenarbeit zwischen beiden – Bibliothek und Wissenschaft – werden sowohl die Kompetenzen und Spezialkenntnisse aus dem bibliothekarischen Bereich als auch der Fachwissenschaft in die Zusammenarbeit eingebracht. Im Folgenden sollen einige Beispiele genannt werden, die diese Verzahnung von Kompetenzen und die durch diese Konstruktion erzielten Synergieeffekte verdeutlichen.

Einheitliche Sacherschließung und Suchoberflächen

Zu Beginn des Projektes einigte man sich für alle von den Projektpartnern zu erstellenden Module auf eine einheitliche Sacherschließung, deren Umsetzung von den Mitarbeitern/innen der BSB sowie den zuständigen Bibliotheksmitarbeitern/innen der Forschungseinrichtungen betreut wurden und werden. Alle Module der ViFaOst werden mit dem Vokabular der Schlagwortnormdatei (SWD) sowie mit einer facettierten Dewey-Dezimalklassifikation (DDC) erschlossen, anfallende Neuansetzungen werden von der BSB in die SWD eingebracht. Die Umsetzung in eine einheitliche Suchoberfläche, die diese Erschließung über kombinierte systematische Menus abbildet, erfolgt durch die Technikkoordination. So können die Benutzer/innen etwa im Katalog der Internetressourcen „OstNet“ [1] , der mit verteilter regionaler Zuständigkeit von der BSB (Ost-, Südosteuropa) und dem Herder-Institut (Ostmitteleuropa) betreut wird, sowie in der „Aufsatzdatenbank Osteuropa“ [2] und dem Modul „Hochschulschriften/aktuelle Projekte“ [3] des Osteuropa-Instituts München trotz der dahinter liegenden heterogenen Datenquellen mit einheitlicher Suchoberfläche recherchieren. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie die Mitarbeiter/innen aus dem bibliothekarischen Umfeld die Kompetenzen für die einheitliche Erschließung aller Module nach gängigen bibliothekarischen Standards in die Kooperation einbringen.

Volltexte – originär und retrodigitalisiert

Die Verzahnung beider Kompetenzbereiche lässt sich auch anhand der Bereitstellung von Volltexten in der ViFaOst illustrieren. Die originären Publikationsmodule entstehen an der Abteilung für Geschichte Ost- und Südosteuropas der LMU in München in enger Anbindung an die universitäre Forschung und Lehre. In den beiden Reihen der „Digitalen Osteuropa-Bibliothek“, Geschichte [4] und Sprache und Literatur [5] , besteht die Möglichkeit, hervorragende Magisterarbeiten zu publizieren, für die bisher kaum gängige Publikationswege existieren, die aber oft aktuelle Themen und Materialien sowie ausführliche Literaturnachweise präsentieren und dadurch für die Fachwissenschaft von Interesse sind. Im Modul „Digitales Handbuch für Geschichte und Kultur Russlands und Osteuropas“ [6] werden aktuelle Forschungstendenzen und methodische Fragen in einer kurzen Darstellung mit einer ausführlichen weiterführenden Bibliografie präsentiert, was diese Texte besonders für die Lehre geeignet macht, aber auch als erste Einführung in einen neuen Forschungsgegenstand dienen kann. Neben diesen Publikationsmodulen werden in der ViFaOst verschiedene Digitalisierungsvorhaben bereitgestellt. Sowohl die 100(0) Dokumente [7] , die bereits realisierte Digitalisierung des Wiener Slawistischen Almanachs [8] als auch die geplante Digitalisierung der beiden historischen Fachzeitschriften Jahrbücher für Geschichte Osteuropas und Russia Mediaevalis entstanden auf Anregung und mit tatkräftiger Unterstützung auch von Wissenschaftlern/innen, die nicht direkt an der ViFaOst beteiligt sind. Hierbei übernimmt die Bibliothek – in diesem Fall die BSB – die Rolle als technischer Dienstleister und Garant für die Verstetigung dieses Angebots, indem sie die Digitalisierung betreut, die unentgeltliche Bereitstellung der Texte im Rahmen des Portals sowie ihre Langzeitarchivierung sicherstellt. Im Rahmen der an der BSB neu eingeführten Digitization on demand sowie der Massendigitalisierung etwa der Inhalte des Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts (VD 16) werden sich die digitalen Volltexte der ViFaOst in nächster Zukunft rasch vermehren.

Unterstützung von Forschung und Lehre

Die Anbindung an die Bedürfnisse der universitären Forschung und Lehre spiegelt sich auch bei den Angeboten, die unter der Rubrik Fachservice zusammengefasst werden. Diese einzige nicht-bibliothekarische Funktionsrubrik der ViFaOst präsentiert Informationen für die Infrastruktur der Forschung und des Lehrbetriebs, ob Hinweise auf laufende Dissertationsprojekte [9] , Informationen zu Forschern/innen aus und über Osteuropa [10] , zu Studienorten und aktuellen Online-Vorlesungsverzeichnissen [11] oder zu wissenschaftlichen Veranstaltungen. [12] Auch mit den Plänen für den Aufbau einer Datenbank zum Nachweis von Ego-Dokumenten im Privatbesitz wird explizit auf ein Defizit der Forschung reagiert. Über die Anbindung an die Universität besteht zudem ein unmittelbarer Zugang zu Lehrveranstaltungen und damit zu der zentralen Nutzergruppe der Studierenden. So können regelmäßige Präsentationen des Portals in Lehrveranstaltungen, Oberseminaren usw. mit wenig organisatorischem Aufwand realisiert werden, ebenso wie die Einbindung in aktuelle Studiengänge, Programm- und Förderstrukturen. Dies illustriert vor allem die bereits angesprochene gemeinsame Lehrveranstaltung der Abteilung für Geschichte Osteuropas und der BSB als regelmäßige Pflichtveranstaltung im Rahmen des Elitestudienganges Osteuropastudien: „Theorie, Methode und Recherchemöglichkeiten für Geistes- und Sozialwissenschaftler“. [13]

Öffentlichkeitsarbeit

Durch die Konstellation von Trägereinrichtungen sowohl aus dem Wissenschafts- als auch dem Bibliotheksbereich ergeben sich zudem vielfältige Möglichkeiten zur Arbeitsteilung im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit für das gemeinsame Projekt. Die wissenschaftliche Öffentlichkeitsarbeit wird in erster Linie von den Forschern/innen an Universität und Forschungseinrichtungen geleistet, die bibliothekarische von Mitarbeitern/innen der BSB. So ist die ViFaOst sowohl auf den bibliothekarisch ausgerichteten Veranstaltungen wie der jährlichen Tagung der Arbeitsgemeinschaft der Bibliotheken und Dokumentationsstellen der Ost-, Ostmittel- und Südosteuropaforschung (ABDOS), dem Bibliothekartag usw. vertreten, zugleich wird sie aber auch auf fachwissenschaftlichen Tagungen wie dem Deutschen Historikertag 2004 und 2006, dem VII. Weltkongress der Osteuropaforschung 2005 (ICCEES) usw. vorgestellt und aktiv beworben, so dass hier der Informationsfluss in beide Arbeitsbereiche erfolgt.

Entwicklung von Projektstruktur und Aufgabenbereichen

Die Organisationsstruktur des Portals und damit die Aufgabenteilung zwischen Beteiligten ebenso wie die Vernetzung zu anderen Projekten war im Laufe der Zeit einer Reihe von Veränderungen unterworfen. Das ursprüngliche Konzept sah eine relativ klare Organisationsstruktur mit der Modulverantwortung bei den einzelnen Betreibern und einer Gesamtkoordination für Inhalt, Technik und Öffentlichkeitsarbeit vor. Dies entsprach dem Kenntnis- und Technikstand von vor gut fünf Jahren, also der Zeit des ersten Antrages. Im Laufe der Jahre wurde die ursprüngliche Struktur jedoch mehrfach modifiziert um den fortlaufenden Entwicklungen in diesem Bereich Rechnung zu tragen.

So haben sich im Laufe der Zeit die Aktivitäten im Gesamtfeld der virtuellen Fachbibliotheken stark in den bibliothekarischen Bereich verlagert, so dass hier eine Reihe von Koordinationsaufgaben, die mittelbar oder unmittelbar das gesamte Projekt betreffen, in den bibliothekarischen Kompetenzbereich übergegangen sind. Beispiele dafür sind die Mitarbeit in verschiedenen Gremien und Facharbeitsgruppen von vascoda (Sacherschließung, Verbunddatenbank Internetressourcen) oder die Koordination der verschiedenen Aufsatzdienste mit den OLC-SSG-Diensten des GBV.

Zugleich hat sich der Arbeitsbereich der Koordination um die Einbindung zahlreicher verwandter Projekte erweitert. Die Zusammenarbeit mit und die Integration der Inhalte von Projekten wie arthistoricum.net [14] , Baltica.net [15] oder dem Slavistikportal [16] erfordert einen erhöhten Koordinationsaufwand sowohl auf inhaltlichem als auch technischem Gebiet.

Gerade im IT-Bereich haben sich durch aktuelle Entwicklungen zahlreiche neue Möglichkeiten der Darstellung, Suchfunktionen und Vernetzung ergeben. So hatte es zu Beginn der ViFaOst kaum befriedigende und erschwingliche Lösungen an kommerzieller Software für die Metasuche und das Content Management System gegeben (meist scheiterte es schon an der Unicode-Fähigkeit für die Darstellung osteuropäischer Sprachen und Schriftsätze), was die Notwendigkeit einer selbstprogrammierten Lösung erforderte. Mittlerweile sind die technischen Möglichkeiten nun so umfangreich geworden (Verfügbarkeitsrecherche über SFX, Metasuche, Suchmaschinentechnologie usw.), dass hier Realisierung sowie langfristige Verstetigung praktisch nur im Kontext einer größeren Institution zu leisten sind, die neben der Bereitstellung der technischen Infrastruktur auch über die Mittel und Möglichkeiten verfügt, die mittlerweile verfügbare Software dauerhaft zu lizenzieren. Diesem Umstand wird dadurch Rechnung getragen, dass die an der LMU angesiedelte technische Koordination inzwischen in enger Kooperation mit der IT-Abteilung der BSB arbeitet – genauer die Metasuche und Verfügbarkeitsrecherche mit der von der BSB lizenzierten Software Elektra realisiert [17] und das zuvor selbst programmierte Content-Management-System auf Typo3 umstellt. Somit werden optimale Voraussetzungen für eine technische Verstetigung geschaffen.

Fazit

Die enge Kooperation von Fachwissenschaft und Bibliothek beim Aufbau einer Virtuellen Fachbibliothek bringt große Vorteile für die Beteiligten, vor allem aber für die Benutzer/innen mit sich.

Die daraus resultierende Vielfalt der Materialien und der sich anbietenden Kooperationen erfordert allerdings auch einen großen Koordinationsaufwand auf allen Ebenen sowie ein hohes Ausmaß an Flexibilität, insbesondere im Hinblick auf die in die Wege zu leitende Verstetigung des Projekts.

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Dr. Gudrun Wirtz ist Bibliotheksoberrätin in der Osteuropa-Abteilung der Bayerischen Staatsbibliothek. Schwerpunkte der Tätigkeit: Sacherschließung, elektronische Medien. Forschungsschwerpunkte: Kroatischer Latinismus, Südslawische Volksliteratur. E-Mail: wirtz@bsb-muenchen.de

Dr. Olivia Griese ist Projektkoordinatorin der Virtuellen Fachbibliothek Osteuropa (ViFaOst) an der Abteilung für Geschichte Ost- und Südosteuropas, Historisches Seminar der Ludwig-Maximilian-Universität München. Forschungsschwerpunkte: Auswärtige Kulturpolitik, Deutsch-finnische Beziehungen, Geschichte Petersburgs und der Ostseeregion. E-Mail: olivia.griese@lrz.uni-muenchen.de


[1] Vgl. <http://www.vifaost.de/geschichte/internetressourcen> (01.09.2006).

[2] Vgl. <http://www.vifaost.de/geschichte/aufsatzerschliessung> (01.09.2006).

[3] Vgl. <http://www.vifaost.de/geschichte/hss-projekte> (01.09.2006).

[4] Vgl. <http://www.vifaost.de/geschichte/digibib> (01.09.2006).

[5] Vgl. <http://www.vifaost.de/sprache-literatur/digibib> (01.09.2006).

[6] Vgl. <http://www.vifaost.de/geschichte/handbuch> (01.09.2006).

[7] Vgl. <http://osteuropa.bsb-muenchen.de/index2.htm> (01.09.2006).

[8] Vgl. <http://www.vifaost.de/sprache-literatur/wsa> (01.09.2006).

[9] Vgl. <http://www.vifaost.de/geschichte/hss-projekte> (01.09.2006).

[10] Vgl. <http://www.vifaost.de/geschichte/forscher> (01.09.2006).

[11] Vgl. <http://www.vifaost.de/geschichte/vlv> (01.09.2006).

[12] Vgl. <http://www.vifaost.de/geschichte/veranstaltungskalender> (01.09.2006).

[13] Vgl. <http://www.osteuropastudien.lmu.de/> (01.09.2006).

[14] Vgl. <http://www.arthistoricum.net/> (01.09.2006).

[15] Vgl. <http://www.baltica-net.de> (01.09.2006).

[16] Vgl. <http://www.slavistik-portal.de> (01.09.2006).

[17] Vgl. <http://www.vifaost.de/metasuche> (01.09.2006).


ViFaOst – Das Portal zu Osteuropa

von Hermann Beyer-Thoma

Der Aufbau der Virtuellen Fachbibliothek Osteuropa (ViFaOst) wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen enger Richtlinien für die Schaffung einheitlicher fachlicher bzw. regionaler wissenschaftlicher Internetportale gefördert. Ziel ist es, unter einer einheitlichen Oberfläche und mit einheitlichen Abfragekriterien einen Quellengattungen übergreifenden Zugang zu Informationen zu schaffen. Die ViFaOst ist ein regionales Portal, dessen Schwerpunkt auf der Geschichte und daneben immer mehr auch auf der Slawistik liegt. Aber auch Kunstgeschichte und Baltistik sind vertreten. Für die Verstetigung aus eigenen Mitteln der beteiligten Einrichtungen ist die ViFaOst gut gerüstet, wenngleich es auch einige bedrohliche Entwicklungen gibt.

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Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt seit August 2002 den Aufbau der Virtuellen Fachbibliothek Osteuropa (ViFaOst) im Rahmen ihres Förderprogramms „Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme (LIS)“. Die ViFaOst ist ein gemeinsames Projekt der Abteilung für Geschichte Ost- und Südosteuropas am Historicum der Universität München, der Bayerischen Staatsbibliothek München (BSB), der Historischen Abteilung des Osteuropa-Instituts München sowie des Herder-Instituts in Marburg. Während der Projektphase sind Koordination und zentrale Technikstelle bei der Universität München angesiedelt. Mit Blick auf die Verstetigung der Virtuellen Fachbibliothek nach Abschluss der DFG-Förderung Mitte 2007 ist die entscheidende Rolle der BSB für das Projekt aber nicht zu übersehen. Die Entstehungsbedingungen zeigen sich in der fachlichen Ausrichtung: Die ViFaOst war zunächst ein Portal zur Geschichte Osteuropas. Daran haben sich vor allem Historiker/innen beteiligt, deren Vorhaben bereits viele Jahre liefen. Bis dato hatten sie allerdings isoliert voneinander und auf teilweise sehr bescheidener, nur bedingt internetfähiger Basis gearbeitet. Der Ehrgeiz des Projektes zielte von Anfang an darüber hinaus, und seit der Bewilligung des ersten Fortsetzungsantrags Anfang 2005 ist die ViFaOst jetzt auch offiziell ein Regionalportal zu Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa.

Virtuelle Fachbibliotheken

Die Virtuellen Fachbibliotheken sind Teil eines Förderprogramms der DFG mit vergleichsweise engen Vorgaben. Sie zielen auf die Schaffung eines Systems virtueller wissenschaftlicher Fachzugänge, das auf den von der DFG finanziell unterstützten Sondersammelgebieten (SSG) der deutschen Bibliotheken aufbaut. Deswegen stehen auch die Sondersammelgebietsbibliotheken im Mittelpunkt der Virtuellen Fachbibliotheken. Im vorliegenden Fall ist dies die Bayerische Staatsbibliothek in München, die fast das ganze östliche und südöstliche Europa mit vorwiegend regional definierten Sondersammelgebieten [1] betreut.

Aus dieser Situation ergeben sich die ersten Aufgaben der virtuellen Fachbibliotheken. Sie dienen zunächst einer Korrektur des Systems der Sondersammelgebiete, das „historisch gewachsen“, also oft voller Widersprüche ist. Unter anderem sind fast regelmäßig die Philologien von den Regionalzuständigkeiten abgetrennt und auch oft anderen Sondersammelgebietsbibliotheken zugeschlagen worden. Außerdem waren die Regionalzuständigkeiten mit dem in der Wissenschaft dominierenden Fachdisziplinenprinzip zu versöhnen. Für den Bereich der ViFaOst bedeutet dies konkret, dass die Virtuelle Fachbibliothek Slawistik, die bei der Staatsbibliothek zu Berlin angesiedelt ist, als Teil der ViFaOst auftritt und dass die ViFaOst ihrerseits bei ihren historischen Angeboten mit Clio-online zusammenarbeitet. Alle Virtuellen Fachbibliotheken wiederum wirken unter dem Dach des fächerübergreifenden wissenschaftlichen Internetportals Vascoda zusammen, das sich als „Grundbaustein für die ,Digitale Bibliothek Deutschland‘“ versteht und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und von der DFG gemeinsam finanziert wird.

Eine weitere Aufgabe der Virtuellen Fachbibliotheken ist es, die Stellung der wissenschaftlichen Bibliotheken als zentrale Anbieter bzw. Vermittler von für die Wissenschaft relevanten Informationen zu erhalten und zu stärken und gleichzeitig die deutsche Wissenschaft und ihre Ergebnisse sichtbar zu erhalten. Die Virtuellen Fachbibliotheken sollen zu diesem Zweck eine einheitliche Softwareumgebung zu Verfügung stellen für die Erschließung und Nutzung von bezahlpflichtigen digitalen Verlagsprodukten – seien dies Datenbanken, Monografien oder digitale Zeitschriftenversionen – ebenso wie auch von Open Access-Angeboten, von elektronischen Zeitschrifteninhaltsverzeichnissen (Online Contents – OLC), Fachinformationsdatenbanken und nicht zuletzt konventionellen Bibliotheksangeboten, das heißt für die Einbindung von OPACs. Die Virtuellen Fachbibliotheken können hier durch die Zusammenarbeit von klassischen Bibliotheken, wissenschaftlichen Institutionen und Fachverbänden – vor allem wenn die beiden letzteren selbst Inhalte anbieten – sicherstellen, dass bibliothekarische Standards der Erschließung wie auch der Stabilität und Authentizität der Angebote sowie gleichzeitig wissenschaftliche Standards der Qualitätssicherung eingehalten werden. Die DFG schreibt deshalb vor, dass wenn möglich eine einheitliche Erschließung nach der Dewey-Dezimalklassifikation (DDC), den Regeln für den Schlagwortkatalog (RSWK), die einen umfangreichen Satz vereinheitlichter Schlagwörter und Regeln für deren Vergabe umfassen, sowie nach formalen Kriterien (wie Autor/in, Titel, Erscheinungsjahr, Medientyp usw.) vorgenommen wird. Zudem soll ein fachlicher Zugriff sichergestellt sein. Die Bibliotheken müssen für die langfristige Vorhaltung und Speicherung der Informationen sorgen und alle Beteiligten müssen die Verstetigung der Angebote nach dem Auslaufen der Projektförderung gewährleisten.

Gleichzeitig sollen die Virtuellen Fachbibliotheken die spezifischen Möglichkeiten des Internets ausschöpfen, aktive Informationsvermittlung – beispielsweise in Form von Abonnementsangeboten für Neuerscheinungsverzeichnisse – und personalisierte Dienstleistungen für registrierte Benutzer/innen anbieten: etwa die Möglichkeit, Suchprofile einzurichten oder Trefferlisten abzuspeichern. Schließlich sollte es im Rahmen der Virtuellen Fachbibliotheken möglich sein, die Sondersammelgebietstätigkeit auf mehrere Stellen zu verteilen.

Es ist leicht zu erkennen, dass gerade den großen Sondersammelgebietsbibliotheken in diesem System eine wichtige Rolle zufällt. Sie sind gehalten, über ihre klassischen Aufgaben der überregionalen Literaturversorgung hinaus aktiv digitale Angebote aufzubauen. Dazu könnte etwa die Digitalisierung älterer Zeitschriftenjahrgänge gehören. Zudem sollen die Bibliotheken bei der Erschließung von digitalen Ressourcen im Internet ihre spezielle Fachkompetenz einbringen. Die großen Sondersammelgebietsbibliotheken koordinieren die Aktivitäten im Bereich ihrer Sammelgebiete und Virtuellen Fachbibliotheken, sie identifizieren mögliche Lücken und schließen sie gegebenenfalls mit eigenen Kräften oder mit Unterstützung anderer Einrichtungen.

Die Virtuelle Fachbibliothek Osteuropa

Kommen wir nun zur Virtuellen Fachbibliothek Osteuropa. Deren Angebote müssen sich natürlich an den Vorgaben messen lassen. Betrachten wir zunächst die allgemeinen Charakteristika. Es existiert in der ViFaOst ein einheitliches Erschließungssystem für (fast) alle eigenen Angebote. Dieses umfasst eine Systematik, die an die Hauptwissensgebiete der DDC angelehnt ist, sowie eine Schlagworterschließung nach RSWK. Meist ist auch ein Zugriff nach formalen Kriterien wie Autor/in, Titel und Jahr möglich. Alle Angebote sind unter einer einheitlichen Oberfläche zusammengefasst. Es ist eine übergreifende Suche über alle Datenquellen und die Vorauswahl einzelner Datenquellen möglich.

Abbildung 1: Metasuchmaske für systematische Suche: Suchmöglichkeit nach formalen Kriterien, DDC-Systematik und Auswahl der Datenquellen

Die Treffer werden nach Datenquellen gruppiert angezeigt. Fremde Angebote, darunter auch bezahlpflichtige, stehen zur Verfügung; und da es sich um eine regionale Virtuelle Fachbibliothek handelt, ist natürlich auch ein Zugriff nach Fachgebieten möglich.

Bei den einzelnen Angeboten der ViFaOst dominiert immer noch die Geschichte. Diese etwas einseitige Ausrichtung wird sich mit der Ausweitung der ViFa Slawistik jedoch ohne Zweifel bald ändern.

Abbildung 2: Trefferanzeige nach Datenquellen mit Zugang zu Bibliothekskatalogen und Merkliste

Fachlich übergreifend sind schon jetzt die Angebote der BSB im Bereich der Literatursuche, also der Neuerwerbungsdienst [2] , die Online Contents Sondersammelgebiet Osteuropa [3] (OLC SSG Osteuropa) und die Zeitschriftenschau. [4] Der Neuerwerbungsdienst bietet systematische Suchmöglichkeiten und einen Abo-Service. Die OLC SSG Osteuropa bieten laufende, im Volltext durchsuchbare Inhaltsverzeichnisse von Zeitschriften. Sie können freilich nur innerhalb der Bibliotheken teilnehmender Institutionen benutzt werden. Mit ihren derzeit etwa 136.000 Aufsatztiteln, die aus 411 Zeitschrifteninhaltsverzeichnissen gezogen wurden, stellen sie einen regionalen Ausschnitt aus der Datenbank Online Contents des gewerblichen, vor allem auf Online-Zeitschriften spezialisierten Informationsanbieters Swets [5] dar. Ergänzt wird das Angebot um die Inhaltsverzeichnisse der von den teilnehmenden Bibliotheken laufend ausgewerteten Zeitschriften. Hierzu zählen auch die 146 Fachzeitschriften, welche die BSB im Rahmen ihrer Zeitschriftenschau anbietet. Bei diesem Modul ist die Durchsicht nach Zeitschriftenheften etwas komfortabler und die Benutzung ist frei. Bei allen Zeitschrifteninhaltsverzeichnissen ist nur eine Suche nach Stichwort und Erscheinungsjahr möglich.

Abbildung 3: Einstiegsseite der ViFaOst mit Fächergruppen und einzelnen Modulen

Demgegenüber bieten die Aufsatzdatenbank Osteuropa [6] und die aus ihr gezogenen Teilmengen der Fachdatenbanken International Bibliography on Pre-Petrine Russia, Bibliographie zur Ostkirchenkunde und Religion im ehemaligen Jugoslawien [7] grundsätzlich die üblichen differenzierten bibliothekarischen Suchmöglichkeiten einschließlich DDC und RSWK. Die Suche in einzelnen Datenfeldern ist derzeit jedoch noch nicht in allen diesen Datenbanken möglich. Hinter der Aufsatzdatenbank steckt ein ambitioniertes gemeinsames bibliografisches Online-Aufnahmesystem, an dem die Bibliothek des Osteuropa-Instituts München mit ihrer regelmäßigen Auswertung von 149 Zeitschriften, die Historische Abteilung des Osteuropa-Instituts München [8] mit ihrer International Bibliography of Pre-Petrine Russia sowie das Ostkirchliche Institut [9] in Würzburg beteiligt sind. Letzteres bringt seit Februar 2006 seine umfassende thematische Bibliografie zur Ostkirchenkunde ein, die bisher nur in den Ostkirchlichen Studien veröffentlicht worden ist. Derzeit sind in der Aufsatzdatenbank knapp 15.000 Titel verfügbar.

Schließlich wird noch ein Zugang zu externen bibliografischen Datenbanken [10] angeboten. Sofern diese nicht frei zugänglich sind, wird meist eine maßvolle Bezahlung von fünf Euro für 24 Stunden Nutzungsrecht verlangt. Die BSB hat diese Möglichkeit in dem DFG-geförderten Projekt Überregionale Bereitstellung und Förderung von Online-Datenbanken im Bereich geisteswissenschaftlicher Sondersammelgebiete [11] eingerichtet. Sehr vermischte Materialien liefert das Internetressourcen-Modul Ostnet, das die BSB und das Herder-Institut gemeinsam pflegen. Im Gegensatz zu konventionellen Suchmaschinen werden die Internetressourcen hier von Hand in einer Datenbank erfasst, klassifiziert, verschlagwortet und inhaltlich beschrieben. Inzwischen ist auch eine Selbstmeldemaske eingerichtet worden.

Der Bereich Texte und Materialien wird hauptsächlich von der Abteilung für Geschichte Ost- und Südosteuropas der Universität München, daneben auch vom Osteuropa-Institut München betreut. Besonders zu erwähnen ist hier das Digitale Handbuch zur Geschichte und Kultur Russlands und Osteuropas: Themen und Methoden. [12] Es stellt in Form von Einzelartikeln, wie es der Untertitel auch formuliert, aktuelle Themen und Methoden vor.

In der dritten Rubrik Fachservice liefert die vom Osteuropa-Institut München gepflegte Datenbank Hochschulschriften/aktuelle Projekte [13] einen aktuellen Überblick über laufende Dissertations- und Habilitationsvorhaben sowie jetzt auch über Drittmittelprojekte. Dieser Überblick war früher nur in Form des gedruckten Verzeichnisses In Vorbereitung befindliche Universitätsschriften aus der Geschichte Osteuropas und Südosteuropas verfügbar. Seit Anfang 2005 arbeitet das Osteuropa-Institut München dabei mit dem Jahrbuch der historischen Forschung [14] der Arbeitsgemeinschaft historischer Forschungsinstitutionen [15] (AHF) mit Sitz in München zusammen. Derzeit sind rund 400 Forschungsvorhaben erfasst. Das relativ kleine Fach osteuropäische Geschichte dürfte damit einen beispiellos hohen Erfassungsgrad zumindest bei Dissertationen und Habilitationen haben.

Ebenfalls am Osteuropa-Institut München entsteht der Veranstaltungskalender [16] zu bevorstehenden Tagungen zur Geschichte des östlichen Europa. Auch hier ist eine enge Zusammenarbeit mit der AHF angedacht. In der Abteilung für Geschichte Ost- und Südosteuropas der Universität München wird die Liste Studienorte und Vorlesungsverzeichnisse [17] erstellt. Sie bietet nach Studienorten geordnet Links auf die Vorlesungsverzeichnisse von osteuroparelevanten Studiengängen im deutschsprachigen Raum. Gemeinsam mit Clio-online ist schließlich noch das Forscher/innen-Verzeichnis [18] entstanden. Darin sind alle einschlägigen Spezialisten/innen eingeladen sich einzutragen. Es gibt zudem noch einige externe Angebote, die als PDF-Dateien bereitliegen. Namentlich handelt es sich um „History Research Institutes in Southeast-Europe. A Handbook“ [19] , erstellt von der Gesellschaft für sozial- und kulturwissenschaftliche Balkanforschung an der Universität Graz, Abteilung für Südosteuropäische Geschichte, sowie um den Vademekum Zeitgeschichte Polen [20] und den Vademekum Contemporary History Romania. [21] Die beiden letzteren wurden von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin in Zusammenarbeit mit Institutionen in den jeweiligen Ländern bearbeitet.

Werfen wir schließlich noch einen Blick auf die Akzeptanz. Hierfür eignen sich die Zugriffszahlen der drei Portale H-Soz-u-Kult, Clio-online und ViFaOst. Damit soll aber nicht die Konkurrenz der drei Angebote betont werden. Vielmehr bietet sich ein Vergleich an, weil sie sich alle drei mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Spezialisierungen um die Aufmerksamkeit vornehmlich von Historikern/innen bemühen:

  • H-Soz-u-Kult: rund 5.600 Nutzer/innen pro Tag mit je rund drei Seiten (Januar 2005) [22]
  • Clio-online: knapp 600 Nutzer/innen pro Tag mit je fünf Seiten (Januar 2006) [23]
  • ViFaOst: 169 Nutzer/innen pro Tag mit je fünfeinhalb Seiten (Januar 2006)

Die ViFaOst, die sich im Vergleich zu den beiden anderen Portalen ja letztlich nur an eine kleine Fachgemeinde innerhalb der Geschichte wendet, scheint damit recht gut positioniert zu sein, insbesondere was die Intensität der Nutzung betrifft.

Ausblick

Für die verbleibende Zeit bis zum endgültigen Auslaufen der Förderung ist einerseits noch der Aufbau einiger geplanter Module vorgesehen; andererseits wird diese Zeit im Zeichen der Vorbereitung der Verstetigung der angebotenen digitalen Dienstleistungen stehen. Das fachliche Spektrum der ViFaOst wird durch die Einbindung der ViFa Slawistik und relevanter Teile der regional und fachlich verwandten Virtuellen Fachbibliotheken Arthistoricum [24] und Baltica.net [25] deutlich erweitert. Das Osteuropa-Institut München und die Ludwig-Maximilians-Universität werden gemeinsam auch noch eine Datenbank der Ego-Dokumente aufbauen. Die Jahrbücher für Geschichte Osteuropas als führende deutschsprachige historische Zeitschrift des Fachgebiets soll mit ihren Vorläuferpublikationen, die ab Anfang der 1920er Jahre erschienen sind, digitalisiert werden. Ferner wird die Personendatenbank „Ausländer im vorrevolutionären Russland“, die auf dem Archiv von Erik Amburger beruht, auf eine neue technische Basis gestellt und wieder online zugänglich gemacht. Und schließlich ist noch ein Publikationsserver in Planung. Er soll Möglichkeiten zur Selbstarchivierung von anderweitig im Druck erschienenen Arbeiten nach dem Open-Access-Prinzip sowie zur elektronischen Erstpublikation dienen.

Bereits in den Bereich der Verstetigung gehört der Übergang zum Content-Management-System Elektra, das auch von der BSB verwendet wird. Damit zeichnet sich der Abschied von den selbstprogrammierten Internetseiten ab, die noch die Einstiegsseiten und die einfachen Suchmöglichkeiten prägen (Abbildung 3), während Metasuche und Expertensuche bereits unter Elektra laufen (Abbildung 1). Die neue Oberfläche bietet außerdem die Möglichkeit, über das so genannte SFX-Modul auch angezeigt zu bekommen, in welcher Bibliothek das gefundene Werk vorhanden ist, und direkt in den OPAC der gewünschten Bibliothek zum Bestellvorgang zu gelangen. Vorgesehen ist für registrierte Bibliotheksbenutzer/innen die Einrichtung von persönlichen Profilen.

Auf einem Workshop, den die ViFaOst für Ende 2006 plant, sollen nicht nur organisatorische und technische Probleme der Verstetigung unter den beteiligten Einrichtungen besprochen werden, sondern für einige ausgewählte Bereiche, insbesondere den Nachweis von Ego-Dokumenten und den Ausbau des Online-Publikationswesen, sollen auch noch weitere Partner gewonnen werden.

Den Wegfall der DFG-Förderung und den Übergang zur Verstetigung Mitte des Jahres 2007 dürfte die ViFaOst problemlos meistern, denn die DFG-Mittel werden überwiegend nur für den Aufbau und die Verbesserung der Infrastruktur verwendet, das heißt um die Informationen teilweise überhaupt erst in Form von Datenbanken ins Internet zu bringen und um ein einheitliches Erschließungs- und Suchsystem zu schaffen. Der Anteil der Anschubfinanzierung an der Datenerfassung ist von Anfang an bewusst klein gehalten worden. Große Bedeutung kommt in diesen Fällen bei der Verstetigung der Einrichtung von komfortablen Selbstmeldesystemen und starken Partnerschaften zu, bei denen beide Seiten profitieren.

Fazit und Probleme

Die ViFaOst hat sich in den fast drei Jahren ihrer Existenz ohne Zweifel ihren Platz als zentrales Zugangsportal zur deutschsprachigen geisteswissenschaftlichen Osteuropaforschung gesichert. Das anfängliche Ungleichgewicht in der Fächerverteilung ist dabei sich zu verringern. Die Geschichte wird aber auf absehbare Zeit zusammen mit der Slawistik eine der beiden tragenden Säulen bleiben. Bei den Informationsangeboten ragen sicher die verschiedenen Literaturdatenbanken, die Datenbank der Internetressourcen sowie – dank seiner Vollständigkeit – das Verzeichnis der laufenden Hochschulschriften und Forschungsprojekte heraus. Noch unbefriedigend ist der Publikationsteil – auch wegen der Zurückhaltung der Verlage wie auch der Autoren/innen gegenüber dem elektronischen Publizieren. Das Fehlen eines Rezensionsjournals und eines Newsletters ist sicherlich zu bedauern, aber an irgendeinem Punkt sind alle Ressourcen erschöpft.

Die Verstetigung ist gut auf den Weg gebracht, und bei Beginn des Projektes hätte man sie auch ohne alle Einschränkungen als gesichert angesehen. Die derzeitigen Veränderungen der deutschen Wissenschaftslandschaft lassen freilich einige Wolken am Himmel aufziehen. Die außeruniversitären Institute, die in der ViFaOst eine wichtige und tragende Rolle spielen, verstanden sich über Jahrzehnte hin als so etwas wie Zentralinstitute ihres Faches, die nicht nur Forschungs-, sondern auch grundlegende fachbezogene Dienstleistungen erbringen wollten. Die Sparpolitik der letzten Jahre trifft aber die außeruniversitären Einrichtungen überproportional hart. Hinzu kommt, dass sich die Erwartungen an die Institute immer mehr zur (Spitzen-)Forschung hin verlagern und dass damit ein Abbau der Zahl der festen Stellen zugunsten von befristeten und projektgebundenen Arbeitsverhältnissen einhergeht. Wissenschaftliche Dienstleistungen werden damit gerade zu einem Zeitpunkt abgewertet und in Frage gestellt, wo sich ihre Bedeutung erhöht und wo sie vor allem gegenüber dem früheren betulichen und pedantischen Redigieren und Bibliografieren mit Hilfe von Papier und Bleistift einem ungeheuer raschen Wandel der Formen und Techniken unterliegen. Anstelle einer notwendigen Professionalisierung der wissenschaftlichen Dienstleistungen verstärken die neuen Trends eher die alte Mentalität des möglichst Aufwand sparenden Nebenher-Erledigens, um rasch wieder ins Elysium der Wissenschaft entfliehen zu können.

Die Zusammenarbeit in der ViFaOst hat bei den beteiligten Einrichtungen und ihren Mitarbeitern/innen sicher den Übergang zu einer mehr auf Kooperation und Vernetzung ausgerichteten Haltung verstärkt. Umso verwunderter reagiert man, wenn man immer noch auf Einrichtungen trifft, die sich im Gefühl der abgesicherten Existenz jeder Zusammenarbeit verweigern oder die hinter den Mauern eines eigenen Faches die Zusammenarbeit auf das notwendigste Minimum beschränken. Kollegen/innen, die ein ähnliches Vorhaben planen, sei der Rat mit auf den Weg gegeben nicht zu unterschätzen, wie viel Kompetenz und Zeitaufwand für die technische Seite notwendig ist. Es hat sich gelohnt, hierfür eine ganze Stelle für einen wissenschaftlichen Mitarbeiter vorzusehen. Ebenso hat es sich bewährt, Projektkoordination und inhaltliche Konzeption strikt abzutrennen von der technischen Realisierung und dafür eine eigene Stelle zu beantragen.

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Dr. Hermann Beyer-Thoma, ist Redakteur und Mitherausgeber der Monografienreihen am Osteuropa-Institut München. In der ViFaOst ist er zuständig für die Aufsatzdatenbank (zusammen mit Dr. Birgit Wetzler), das Verzeichnis Hochschulschriften/aktuelle Projekte und den Veranstaltungskalender. E-Mail: Beyer-Thoma@muenchen-mail.de


[1] Vgl. <http://webis.sub.uni-hamburg.de/ssg/text/ssgliste2.html> (17.10.2006).

[2] <http://www.vifaost.de/sys/cgi/w/index.cgi?l=de&sid=gE4Y&p=geschichte/neuerwerbungen> (17.10.2006).

[3] Zugang für berechtigte Nutzer/innen über <http://www.gbv.de/vgm> (17.10.2006).

[4] <http://www.vifaost.de/sys/cgi/w/index.cgi?l=de&sid=gE4Y&p=geschichte/zeitschriftenschau> (17.10.2006).

[5] <http://www.swets.com/> (17.10.2006).

[6] <http://www.vifaost.de/sys/cgi/w/index.cgi?l=de&sid=gE4Y&p=geschichte/aufsatzerschliessung> (17.10.2006).

[7] <http://www.vifaost.de/sys/cgi/w/index.cgi?l=de&sid=gE4Y&p=geschichte/fachbibliographien> (17.10.2006).

[8] <http://www.oei-muenchen.de/index.php?id=11> (17.10.2006).

[9] <http://www.theologie.uni-wuerzburg.de/oki/oki-hp.htm> (17.10.2006).

[10] <http://www.bsb-muenchen.de/Pay-per-Use.510.0.html> (17.10.2006).

[11] <http://www.bsb-muenchen.de/datenb/ppu_pr.htm> (17.10.2006).

[12] <http://www.vifaost.de/sys/cgi/w/index.cgi?l=de&sid=gE4Y&p=geschichte/handbuch> (17.10.2006).

[13] <http://www.vifaost.de/sys/cgi/w/index.cgi?l=de&sid=gE4Y&p=geschichte/hss-projekte> (17.10.2006).

[14] <http://www.ahf-muenchen.de/Jahrbuch/> (17.10.2006).

[15] <http://www.ahf-muenchen.de/> (17.10.2006).

[16] <http://www.vifaost.de/sys/cgi/w/index.cgi?l=de&sid=gE4Y&p=geschichte/veranstaltungskalender> (17.10.2006).

[17] <http://www.vifaost.de/sys/cgi/w/index.cgi?l=de&sid=gE4Y&p=geschichte/vlv> (17.10.2006).

[18] <http://www.vifaost.de/sys/cgi/w/index.cgi?l=de&sid=gE4Y&p=geschichte/forscher> (17.10.2006).

[19] <http://www.vifaost.de/sys/cgi/w/index.cgi?l=de&sid=gE4Y&p=geschichte/handbuch-soe-institute> (17.10.2006).

[20] <http://www.vifaost.de/sys/cgi/w/index.cgi?l=de&sid=gE4Y&p=geschichte/vademekum> (17.10.2006).

[21] <http://www.vifaost.de/sys/cgi/w/index.cgi?l=de&sid=gE4Y&p=geschichte/vademekum> (17.10.2006).

[22] <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?pn=mediadaten> (17.10.2006). Die Zahlen für Januar 2006, die etwas höher lagen als die namentlich angegebenen für Mai 2006, konnten aufgrund der Grafik nur ungefähr geschätzt werden.

[23] <http://www.clio-online.de/site/lang__de/40208125/default.aspx> (17.10.2006).

[24] <http://www.arthistoricum.net/> (17.10.2006).

[25] <http://www.baltica-net.de/index.php?id=1&Entrance=first&rd=2366013> (17.10.2006).


Integrierte Dienstleistungen für die Geschichtswissenschaften: Chronicon

von Alessandra Sorbello Staub

Chronicon stellt ein umfassendes Informationssystem zur allgemeinen und europäischen Geschichte dar. Grundlage dafür bieten die umfangreichen Bestände der Bayerischen Staatsbibliothek als Referenzbibliothek für die Geschichtswissenschaften. Konventionelle Bestände, Spezialkataloge und Fachbibliografien, frei im Netz zugängliche Informationen sowie eine umfangreiche Sammlung retrodigitalisierter Materialien finden gleichermaßen Berücksichtigung im Portal. Wenn auch der Trend zur digitalen Aufbereitung steigt, bedienen sich die Geschichtswissenschaften für die Produktion von wissenschaftlich validierter Fachinformation immer noch hauptsächlich des Printmediums. Trotz umfangreicher Retrodigitalisierungsvorhaben ist es also notwendig, im Rahmen der geschichtswissenschaftlichen Fachinformation sowohl Printpublikationen als auch digitale Ressourcen in angemessener Weise für Forschung, Wissenschaft und Lehre kontinuierlich aufzubereiten und zur Benutzung bereitzustellen. Chronicon ermöglicht den Zugang zu den wichtigsten Fachangeboten sowie zu den Fachinformationsdiensten der Sondersammelgebietsbibliothek unabhängig vom Medientyp unter einem zentralen Einstiegspunkt („Single Point Of Access“). Das Portal bietet viel mehr als eine reine Metasuchplattform. Ein Mehrwert besteht in der Integration von konventionellen bibliothekarischen Dienstleistungen wie Dokumentlieferung und Fernleihe sowie in zahlreichen Möglichkeiten des Zugangs zu lizenzpflichtigen Angeboten und Volltexten. Eine Warenkorb- und Profilfunktionalität runden das Portalangebot ab.

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Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat bereits in den 1950er Jahren versucht, den Bedürfnissen der wissenschaftlichen Information mit Hilfe eines adäquaten Fachinformationssystems gerecht zu werden. Mit dem Förderprogramm der „deutschen überregionalen Literaturversorgung“ wurden thematische Schwerpunktbibliotheken aufgebaut, die auf der Grundlage bereits vorhandener historischer Sonderbestände und Sammlungen alle für ein bestimmtes Fach wissenschaftlich relevanten Publikationen erwerben und zur Verfügung stellen sollten.

In diesem System erfüllt die Bayerische Staatsbibliothek die Funktion einer Referenzbibliothek für die Altertums- und Geschichtswissenschaften und ist für folgende Bereiche zuständig: allgemeine Geschichte, Vor- und Frühgeschichte, Byzanz, Klassische Altertumswissenschaft einschließlich Alte Geschichte, Geschichte Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, Geschichte Frankreichs und Italiens, Geschichte der Länder Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas. [1] Die Aufgabe der Bibliothek besteht darin, in diesen Gebieten umfassend wissenschaftlich relevante Bücher, Zeitschriften und elektronische Medien in allen Sprachen zu erwerben. Alle Bestände stehen bundesweit über die konventionelle und elektronische Fernleihe und die Dokumentlieferdienste zur Verfügung.

Basierend auf dem Sammelauftrag der DFG konnte seit den 1990er Jahren in Zusammenarbeit mit zahlreichen Lehrstühlen und wissenschaftlichen Einrichtungen ein beträchtliches digitales Zusatzangebot aufgebaut werden. Die daraus resultierenden Fachinformationsdienste verfolgen das Ziel eines verbesserten Zugangs zu den Ressourcen in den von der BSB betreuten Fächern.

Man kann zwischen bibliografischen und digitalen Fachinformationsdiensten unterscheiden. Zu den bibliografischen Sonderdiensten gehören die Erstellung von Spezialbibliografien etwa über die Neuerwerbungen der Bibliothek und die Zurverfügungstellung von Zeitschrifteninhaltsverzeichnissen über Current-Contents-Dienste sowie auch die Anreicherung des Kataloges mit anderen Daten. Der neue Katalog bietet zur Titelaufnahme beispielsweise auch Inhaltsverzeichnisse von relevanten Sammelbänden aus der italienischen und anglo-amerikanischen Verlagsproduktion und darüber hinaus auch Links zu Abstracts, Klappentexten oder auch zu vorhandenen E-Rezensionen.

Abbildung 1: Die Neuerwerbungsdatenbanken der Bayerischen Staatsbibliothek

Die Neuzugänge der Bibliothek in den historischen und altertumswissenschaftlichen Fächern werden über monatlich aktualisierte Neuerwerbungsdatenbanken präsentiert. [2] Bei einem monatlichen Zuwachs an Monografien von mehreren Tausend Einheiten bietet die Datenbanklösung mehr Komfort als eine statische Liste. Sie ist systematisch nach Epoche, Raum und Themen und in Freitext nach Titel, Autoren/innen und Schlagwort abfragbar. Zu den Datenbanken gehört ein personalisierbarer Abodienst. Es reicht, die gewünschten Gebiete anzukreuzen und die E-Mail einzutragen, und die personalisierte Liste wird jeden Monat automatisch zugeschickt.

Abbildung 2: Die Zeitschriftenschau Geschichte und Osteuropa

Die Bayerische Staatsbibliothek unterhält ferner mehrere Systeme zur Erschließung von Zeitschrifteninhaltsverzeichnissen. Die Zeitschriftenschau für die Fächer Geschichte [3] und Osteuropa [4] ist als virtuelles Zeitschriftenregal konzipiert: Die Inhaltsverzeichnisse von mehreren Hundert zentralen Printzeitschriften werden hierfür gescannt und können somit bequem vom eigenen PC-Arbeitsplatz aus durchgeblättert oder in Volltext recherchiert werden. Interessierende Zeitschriftenartikel können per Mausklick über den Dokumentlieferdienst subito bestellt werden.

Die Bibliothek liefert ferner Daten an die Aufsatzdatenbanken Online Contents-Sondersammelgebiete (OLC-SSG) unter anderem für die Kooperativen Fachsegmente Geschichte und Zeitgeschichte. [5] Dies sind fachbezogene Ausschnitte aus der Datenbank des Verlags Swets, die laufend durch ausgewählte Zeitschriftentitel ergänzt werden. Der Zugang zu den OLC-SSGs ist für deutsche Bibliotheken und wissenschaftliche Institutionen frei.

Zu den bibliografischen Diensten gehören auch die Datenbanken der Internetressourcen „Informationsweiser Geschichte“ [6] – ein 1999 gestartetes kooperatives Projekt der BSB und der SUB Göttingen – und der für die Virtuelle Fachbibliothek Osteuropa (ViFaOst) entwickelte Web-Katalog Ost-Net. [7] Beide Datenbanken bieten auf Dublin-Core-Basis erschlossene Internetressourcen jeweils in den Bereichen Geschichte und Osteuropa. Die Erschließung erfolgt kooperativ mit dem Clio-Verbund und anderen Partnern im Rahmen des Netzwerks Internetressourcen Geschichte.

Ein zentraler Bereich der neuen Tätigkeiten der Bayerischen Staatsbibliothek liegt bei den digitalen Fachinformationsdiensten und insbesondere beim Aufbau einer umfangreichen digitalen Sammlung. Im Rahmen der digitalen Sammlungen werden retrodigitalisierte sowie auch originäre digitale Objekte angeboten. Seit 1997 unterhält die Bibliothek mit Unterstützung der DFG ein Digitalisierungszentrum (heute Referat Digitale Bibliothek), das als technischer Dienstleister an zahlreichen drittmittelgeförderten Projekten beteiligt ist. Die Ergebnisse dieser vielfältigen Aktivität sind in der Übersicht zu den digitalen Sammlungen zusammengestellt. [8] Hier sind einzelne gedruckte und handschriftliche Werke zu finden, aber auch größere Quellensammlungen und Zeitschriften. Das neueste Projekt sieht die Massendigitalsierung von Drucken aus dem 16. Jahrhundert vor.

Abbildung 3: Die Datenbanken der Internetressourcen Informationsweiser Geschichte und Ost-Net

Als Kooperationspartner bietet das Zentrum seinen Service übrigens auch Dritten an: Es berät und unterstützt in methodischer und technischer Hinsicht von der Antragsstellung bis zur Realisierung von Projekten, schafft darüber hinaus Möglichkeiten für das wissenschaftliche E-Publishing und kümmert sich um die Nachhaltigkeit der selbsterstellten sowie auch der käuflich erworbenen Ressourcen. [9] Mit der Digitization On Demand stellt es sich darüber hinaus seit kurzem direkt den Wünschen von Wissenschaftlern und Bibliotheksbenutzern zur Verfügung.

Die digitalen Sammlungen der Bibliothek wachsen ferner auch durch Ankauf und Lizenzierung von kommerziellen Produkten. Mit einem Bestand an elektronischen Zeitschriften von über 7.500 Titeln und 400 Datenbanken in Netz sowie circa 13.000 Titeln auf Datenträgern und mehreren Tausend E-Books spielt die Bayerische Staatsbibliothek eine führende Rolle bei der E-Medien-Versorgung bundesweit.

Für eine adäquate Versorgung der historischen und altertumswissenschaftlichen Fächer muss die Bibliothek allerdings andere Aspekte berücksichtigen. Anders als die Fachkommunikation nutzt die Fachinformation in den Geisteswissenschaften nur zögerlich die Möglichkeiten der Neuen Medien. Wie jüngst im Rahmen einer DFG-Studie zum Open Access festgestellt [10] , ist die geisteswissenschaftliche Literaturproduktion im Allgemeinen langlebig und stellt in den Mittelpunkt der eigenen Publikationspraxis nicht kurze und aktuelle online auffindbare Artikel, sondern nach wie vor die gedruckte Monografie. Ausschlaggebend für Geisteswissenschaftler ist vielmehr als die Aktualität die Veröffentlichung der eigenen Forschungsergebnisse im Rahmen einer angesehenen und fachlich einschlägigen Reihe.

Diese Publikationskultur führt automatisch dazu, dass trotz umfangreicher Retrodigitalisierungsvorhaben und einer wachsenden Zahl an digitalen Angeboten Geisteswissenschaftler für die eigene Forschung mehr als andere Wissenschaftler auf die Auswertung von gedruckter Literatur in nicht unerheblichem Maße angewiesen sind. Es ist daher notwendig, sowohl Printpublikationen als auch digitale Ressourcen in angemessener Weise für Forschung, Wissenschaft und Lehre kontinuierlich aufzubereiten und zur Benutzung bereitzustellen. Daher hat die Bayerische Staatsbibliothek ihre Fachportale als integrierte Dienstleistung konzipiert, die auf die konventionellen Angebote und auf die Sonderdienstleistungen der Bibliothek zugreifen, diese aufbereiten und bündeln. Neben der Metarecherche und dem Zugang zu Datenbanken und digitalisierten Beständen stehen somit Funktionalitäten wie Dokumentlieferung, Zugriff auf lizenzpflichtige Inhalte, Fernleihe aber auch Profildienste und Warenkorbfunktionalitäten im Vordergrund.

Das ist auch das Ziel des hauseigenen Portals für die Geschichtswissenschaften Chronicon: eigene Fachinformationsdienste, aber auch zahlreiche externe Fachangebote unter einem Single Point Of Access zu bündeln und zusammen mit den konventionellen bibliothekarischen Dienstleistungen integriert anzubieten. Die Realisierung erfolgte mit Hilfe der Software SISIS Elektra, die seit ihrer Entwicklung von der IT-Abteilung der Bayerishen Staatsbibliothek in einem Pilotprojekt eingesetzt wird und bereits in der Bibliothek als Katalogportal im Einsatz war. [11]

Als Startseite von Chronicon wird die Profirecherche angezeigt. Hier sind alle Datenbanken aufgelistet, die durchsucht werden können. Damit ist für die Benutzer das gesamte Datenbankangebot des Portals transparent abgebildet. Die Datenbanken, die in die jeweilige Recherche einbezogen werden sollen, können einzeln mit einem Häkchen markiert werden. Eine Standarddatenbankauswahl ist beim Aufruf der Suchoberfläche bereits markiert.

Für die pauschale Auswahl von homogenen Datenbanktypen stehen drei Radiobuttons zur Verfügung. Durch Anklicken von Alle Literaturaturdaten, Alle Webressourcen, Alle Digitalisate werden jeweils alle bibliografischen Datenbanken (alle Webressourcen, alle Digitalisate) ausgewählt. Hiermit wird die Recherche auf die gewünschten Datenbanktypen eingeschränkt. Die Einstellung der Datenbanktypen beeinflusst die Anzeige. Wird beispielsweise die Suche auf alle Digitalisate beschränkt, so werden bibliografische Angebote und Webressourcen ausgeblendet.

Abbildung 4: Chronicon: Startseite mit erweiterten Recherchemöglichkeiten

In Chronicon sind derzeit 31 Kataloge und Datenbanken enthalten. Neben den eigenen Diensten findet man weitere fachspezifische Ressourcen – wie etwa die mit Beteiligung vom Clio-Verbund und anderen Partnern kooperativ angelegten Current-Contents-Dienste OLC-SSG-Geschichte und OLC-SSG-Zeitgeschichte – aber auch die Jahresberichte für deutsche Geschichte, die Österreichische historische Bibliografie, den Regesta Imperii Opac usw. In Chronicon sind außerdem bereits zwei der 19 großen digitalen Textcorpora und Fachdatenbanken bekannter internationaler Wissenschaftsverlage integriert, die mit Hilfe der DFG bundesweit zur Verfügung gestellt wurden, nämlich PIO und WBIS. [12] Die Integration aller weiteren fachlich relevanten und über Nationallizenzen verfügbaren Textkorpora steht bevor.

Auf einzelne lizenzpflichtige Datenbanken in Chronicon – etwa die Historische Bibliografie und Historical Abstracts – können Benutzer ohne Zugangsberechtigung gegen Entrichtung eines moderaten Entgelts ebenfalls zugreifen. Für den Zugang zu diesen Datenbanken konnten die Ergebnisse des DFG-Projektes „Überregionale Bereitstellung und Förderung von Online-Datenbanken im Bereich geisteswissenschaftlicher Sondersammelgebiete“ [13] genutzt werden.

Abbildung 5: Chronicon: Systematische Recherche

Eine Besonderheit des Portals stellt die „Systematische Recherche“ dar, in der nach Epoche, Raum und Sachbereich gesucht werden kann. Als Basis für die systematische Recherche dienen DDC-Notationen, dieselben, die auch für OPAC und für die Neuerwerbungsdienste der Bayerischen Staatsbibliothek, für die Aufsatzdatenbank zur Geschichte der Frühen Neuzeit sowie den Informationsweiser Geschichte und Ost-Net verwendet werden. Auch in der systematischen Recherche kann frei gewählt werden, welche Datenbanken in die Recherche einbezogen werden sollen. Darüber hinaus können zur Personalisierung der Suchanfrage die unterschiedlichen Rubriken Epoche, Raum und Sachbereich untereinander sowie mit einem oder mehreren Suchbegriffen beliebig kombiniert werden.

Zu den Features von Chronicon gehört auch eine virtuelle Sonderzeichentastatur, mit deren Hilfe zum Beispiel griechische oder kyrillische Zeichen eingegeben werden können. Da Elektra die Suche mit einem Unicodezeichensatz erlaubt, lassen sich auf diese Weise bestimmte originalsprachliche osteuroparelevante Datenbanken sinnvoll in die Metasuche einbinden.

Abbildung 6: Multilinguale Tastatur zur Eingabe von Sonderzeichen

Um den Bedürfnissen eines hybriden Medienbestands gerecht zu werden, verfügt das System auch über eine Bestell- und Dokumentlieferkomponente. Von jedem Treffer aus kann per Mausklick eine Verfügbarkeitsrecherche angestoßen werden. Das Ergebnis zeigt dann Kataloge an, in denen der Titel tatsächlich vorhanden und verfügbar ist. In der Regel werden die drei Dienste Direkteinstieg in den OPAC/Ausleihe, kostenpflichtige Kopiebestellung und Buchversand angeboten. Darüber hinaus kann man die Verfügbarkeit im BVB-OPAC einsehen und die Fernleihe direkt ansteuern.

Eine weitere Möglichkeit, um vom Rechercheergebnis zum Dokument zu gelangen, bietet den kontextsensitiven Linking-Service SFX. Der Link zum SFX-Dienst befindet sich immer am Ende eines jeweiligen Verfügbarkeitsrecherchefensters und führt weiter auf die SFX-Serviceseite. [14] Da SFX kontextsensitiv arbeitet, können unterschiedliche Services je nach Ausgangssystem angeboten werden. Wenn verfügbar und sinnvoll, erscheinen eine oder mehrere der folgenden Links:

  • direkt zum Volltext eines Artikels,
  • zur Suche in den Online-Katalogen von Universitäts-, Fachhochschulbibliotheken usw.,
  • zur Suche im Online-Katalog des Bibliotheksverbunds Bayern bzw. zum Fernleihbestellformular,
  • zum Bestellformular des (kostenpflichtigen) Direktlieferdienstes subito.

Im Falle von digital vorhandenen Ressourcen ist der Weg zur Information viel kürzer. Sofern digitale Inhalte vorliegen, wird in der Trefferliste die dazugehörige URL angezeigt. Zum elektronischen Dokument gelangt man direkt durch Anklicken des HTML-Buttons.

Das Portal ist auch mit einer Warenkorbfunktion ausgestattet: Relevante Treffer können in der Merkliste gespeichert werden. Dort können sie später nach verschiedenen Kriterien nachbearbeitet und über E-Mail-Versand, Speichern oder Druck in verschiedene Formate exportiert werden. Zu den Portalsfunktionalitäten gehört auch ein Literaturdienst, der Suchanfragen in ausgewählten Datenbanken in beliebigen Zeitabständen automatisch durchführt und per E-Mail übermittelt. Die Angaben für den Literaturdienst können bei jeder beliebigen Recherche übernommen werden bzw. zu Beginn festgelegt werden.

Abbildung 7: Bei digitaler Verfügbarkeit bietet Chronicon das gewünschte Dokument nach Aufruf in einem separaten Fenster an.

Chronicon ist während des vergangenen Historikertages am 13.09.2004 in Kiel online gegangen und ist seitdem über eine von Elektra bereitgestellte Schnittstelle in das übergreifende Portal vascoda [15] eingebunden. Der kostenfreie Teil des Angebotes von Chronicon ist somit seit September 2004 auch über vascoda durchsuchbar. Das System ist modular aufgebaut und auf Erweiterungen angelegt. Die Plattform wird bereits für die Metasuche der ViFaOst nachgenutzt und wird künftig für die Portale Propylaeum Virtuelle Fachbibliothek Altertumswissenschaft [16] und für die Virtuelle Fachbibliothek Romanischer Kulturkreis eingesetzt.

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Dr. Alessandra Sorbello Staub ist seit 2003 Leiterin des Bereichs Fachkoordination Geschichte an der BSB. Sie vertritt das Fach Geschichte, betreut die historischen und altertumswissenschaftlichen Sondersammelgebiete und ihre Internetpräsenz sowie die fachlich einschlägigen Projekte, wie beispielsweise „Chronicon“. Seit 2004 ist sie zudem Lehrbeauftragte für den Bereich „Virtuelle Fachbibliothek“ an der Bibliothekschule in München. E-Mail: Alessandra.Sorbello_Staub@bsb-muenchen.de


[1] Vgl. dazu <http://www.dfg.de/forschungsfoerderung/wissenschaftliche_infrastruktur/lis/index.html> (13.09.2006). Ausführliche Informationen zu den einzelnen Sammelschwerpunkten und ihrer Dienstleistungen unter: <http://webis.sub.uni-hamburg.de/> (13.09.2006).

[2] Drei Datenbanken stehen zur Verfügung: Neuerwerbungen Geschichte <http://mdz1.bib-bvb.de/~litd/?> (13.09.2006), Neuerwerbungen Osteuropa <http://mdz1.bib-bvb.de/~osteuropa/> (13.09.2006) und Neuerwerbungen Altertumswissenschaft <http:// mdz1.bib-bvb.de/~altertum/> (13.09.2006).

[3] Zeitschriftenschau Geschichte: <http://mdz1.bib-bvb.de/~zs/> (13.09.2006).

[4] Zeitschriftenschau Osteuropa: <http://mdz1.bib-bvb.de/~osteuropa/zeitschriften> (13.09.2006).

[5] Die Bayerische Staatsbibliothek beteiligt sich an folgenden OLC-SSG Fachsegmenten: Altertumswissenschaft, Klassische Philologie, Italienforschung, Frankreichkunde, Osteuropa, Geschichte und Zeitgeschichte. Vgl. dazu <http://www.gbv.de/vgm/vifa/> (13.09.2006).

[6] Der Informationsweiser Geschichte ist unter folgender URL abrufbar: <http://mdz2.bib-bvb.de/hist/> (13.09.2006).

[7] Der Webkatalog Ost-Net ist über die Virtuelle Fachbibliothek Osteuropa erreichbar: <http://www.vifaost.de> (13.09.2006).

[8] Für die Übersicht zu den digitalen Sammlungen vgl.: <http://www.bsb-muenchen.de/Digitale_Sammlungen.72.0.html> (13.09.2006).

[9] Zur Langzeitarchivierung in der BSB vgl.: <http://www.babs-muenchen.de> (13.09.2006).

[10] Fournier, Johannes, Zur Bedeutung von Open Acces für das Publikationsverhalten DFG-geförderter Wissenschaftler. Bericht über die Ergebnisse einer Umfrage im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 52 (2005) Heft 6, S. 235-244.

[11] Zum technischen Leistungsspektrum der Portalsoftware SISIS-Elektra vgl. <http://www.sisis-elektra.de/> (13.09.2006).

[12] Vgl. dazu die vollständige Liste der Angebote unter: <http://nationallizenzen.de/> (13.09.2006). Informationen und Zugangskriterien auch unter: <http://www.bsb-muenchen. de/Deutschlandweiter_Zugang.507.0.html?&styl=> (13.09.2006).

[13] Die Pay-Per-Use Datenbanken stehen nach einmaliger Registrierung allen Nutzern mit Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland zur Verfügung. Verfügbare Datenbanken und Preisliste unter <http://www.bsb-muenchen.de/Pay-per-Use.510.0.html> (13.09.2006).

[14] Zu SFX vgl. die Informationsseite des Bayerischen Bibliotheksverbundes: <http://sfx.bib-bvb.de/> (13.09.2006).

[15] Vgl. <http://www.vascoda.de> (13.09.2006).

[16] Vgl. <http://www.propylaeum.de> (13.09.2006).


Querschnitte und Schnittstellen – Regionale Geschichte Lateinamerika, Spanien, Portugal

von Annette Kolbe

Nach einigen grundsätzlichen Überlegungen zu den Regionalwissenschaften und der Zusammenarbeit verschiedener Fächer innerhalb multidisziplinärer Projekte stellt der vorliegende Beitrag cibera, die Virtuelle Fachbibliothek Ibero-Amerika/Spanien/Portugal, vor. Die einzelnen Elemente des Portals werden beschrieben und ihre Anknüpfungspunkte zur Geschichtswissenschaft skizziert. Fazit ist die Notwendigkeit zu mehr Kooperation – gerade im virtuellen Bereich – zwischen unterschiedlich ausgerichteten Wissenschaften.

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Wie können die Virtuellen Fachbibliotheken wie cibera der Geschichtswissenschaft dienlich sein? Welche Art der Zuarbeit ist sinnvoll und machbar? Wo liegen Schnittstellen technischer sowie inhaltlicher Art? Diese Fragen können im Folgenden nur angerissen werden; im Mittelpunkt werden beispielhaft die Regionalwissenschaften und cibera stehen.

Regionalwissenschaften und Fächerkanon

Virtuelle Fachbibliotheken werden sowohl von Fachdisziplinen wie Geschichte oder Sozialwissenschaft als auch von Regionalwissenschaften aufgebaut. Dabei tritt das Spannungsverhältnis deutlich zutage, in dem die Regionalwissenschaften per se stehen: Einerseits sind sie ihrer regionalen Ausrichtung verpflichtet, andererseits bewahren sich die einzelnen beteiligten Disziplinen innerhalb der Regionalwissenschaften eine große Eigenständigkeit. So bedienen sich beispielsweise die Geschichte, die Sozialwissenschaft oder die Rechtswissenschaft innerhalb einer Regionalwissenschaft weiterhin ihrer jeweiligen fachspezifischen Methoden, ihrer Fachsprachen und bleiben häufig der ihnen jeweils eigenen wissenschaftlichen Tradition oder Weltsicht verhaftet.

Abbildung 1: Verhältnis von Fachdisziplinen und Regionalwissenschaften

Wie im Diagramm dargestellt, liegen die Regionalwissenschaften quer zum klassischen Fächerkanon. Jede Regionalwissenschaft bildet eine Art Querschnitt durch die Wissenschaften und hat gleichzeitig eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten für einzelne Fächer. So können etwa cibera oder die Virtuelle Fachbibliothek Osteuropa zwar immer nur einen kleinen Teil eines Fachs abdecken (etwa die Geschichte des ibero-amerikanischen Sprach- und Kulturraums oder die Sozialwissenschaft Osteuropas), diesen aber besonders detailliert und fundiert. Die Portale der Regionalwissenschaften verfügen über Mitarbeiter/innen, die spezielle Kompetenzen im Bereich von Sprache und Kultur der jeweiligen Region besitzen. Daher können die Quellen in der Regel besonders kenntnisreich ausgewählt und klassifiziert werden.

In einem interdisziplinären Projekt wie vascoda – und hier insbesondere bei der Organisation – wird die Querlage der Regionalwissenschaften immer wieder deutlich; nur mit Mühe lassen sie sich in eine Ordnung einpassen, die in der Regel fachorientiert ist. Beispielsweise gibt es bei vascoda eine Fächerliste, aus der sich Nutzer/innen die fachlichen Schwerpunkte zusammen klicken können, die sie für ihre Suche berücksichtigen wollen. [1]

Abbildung 2: Fächerliste zur Auswahl für eine Suche in vascoda

Hier finden sich die eingebundenen Fach- und die Regionalwissenschaften aufgelistet, die bei einer Suche berücksichtigt werden können. Eine nahezu flächendeckende Suche nach zum Beispiel juristischen Fachtexten aus Lateinamerika kann durch die Einbeziehung der Fächer „Rechtswissenschaft“ und „Ibero-Amerika“ erreicht werden. Wenn jemand jedoch nach einem juristischen Phänomen sucht, das er regional nicht zuzuordnen weiß, müsste er oder sie – um sicher zu gehen – neben „Rechtswissenschaften“ alle Regionalwissenschaften auswählen. Dabei entsprechen sich Fächer und Virtuelle Fachbibliotheken nicht unbedingt eins zu eins. Als diese Fächerliste in vascoda angelegt wurde, konnte jedes Fachportal entscheiden, für welche Fächer es mit durchsucht werden soll. So könnte etwa cibera bei einer Anfrage für die Rechtswissenschaften standardmäßig mit berücksichtigt werden. Da allerdings keine fachlichen Ausschnitte eines Portals für diese Suche gebildet werden können, würde jedes Mal der Gesamtbestand von cibera durchsucht. Gerade bei einer Autor/in-Suche würde man also höchstwahrscheinlich eine große Menge von für die Rechtswissenschaft nicht relevanten Treffern finden. Wenn die Regionalwissenschaften ihre Daten also auch nur bei allen ihren Schwerpunktfächern hinterlegen würden, würden die Suchergebnisse völlig unscharf werden.

Für die meisten Arten der Kooperation ist die Bildung von Fachausschnitten größerer Kataloge und Quellensammlungen unumgänglich. So muss cibera für die Zusammenarbeit in NIG (Netzwerk Internetquellen Geschichte) einen Fachausschnitt der Internetquellen bilden, der ausschließlich historisch relevante Quellen beinhaltet. Umgekehrt war es für die Integration der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung in cibera notwendig, einen fachrelevanten Ausschnitt des Katalogs der Stiftung zu bilden, damit keine fachfremden Medien bei der Suche berücksichtigt werden.

Ob es das Bilden von Fachausschnitten ist oder das mehrfache Sichten von Material – an den Schnittstellen entsteht unvermeidbar Doppelarbeit. Zwar ist es sicherlich sinnvoll, zum Beispiel die Geschichte Lateinamerikas einmal aus geschichtswissenschaftlichem und einmal aus regionalwissenschaftlichem Blickwinkel zu schreiben. Aber es ist überflüssig, das notwendige Quellenmaterial mehrfach zu sammeln und bereitzustellen. Deshalb sollen in diesem Zusammenhang Möglichkeiten der Kooperation besonders hervorgehoben werden.

cibera: Die einzelnen Projektpartner

Für cibera sind hauptsächlich das Ibero-Amerikanische Institut Berlin (IAI), das Institut für Iberoamerika-Kunde Hamburg (IIK), die Staats- und Universitätsbibliothek Bremen (SuUB) und die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg (SUB HH) verantwortlich. Damit sind sowohl das Sondersammelgebiet Ibero-Amerika (IAI) als auch das Sondersammelgebiet Spanien/Portugal (SUB HH) in cibera integriert.

Jede einzelne Institution hat bereits einen Bezug zur Geschichtswissenschaft; sowohl Institute als auch Bibliotheken sind durch ihre Archivfunktion dem Bewahren, Aufarbeiten und Zugänglich-Machen historischer Dokumente verpflichtet. Die Institute besitzen neben eigenen Bibliotheken auch Bereiche für Forschung und Wissenschaft, das IAI verfügt in der Abteilung Wissenschaft über eine Historikerin in Festanstellung.

Das IAI, das die Federführung des Projektes innehat, besitzt darüber hinaus mit verschiedenen Nachlässen sowohl von Wissenschaftlern/innen als auch aus den Bereichen Emigration und deutsch-lateinamerikanische Beziehungen umfangreiche und bedeutende historische Quellen. Die Institutsbibliothek – die größte europäische Fachbibliothek Europas für den ibero-amerikanischen Kulturraum – bietet neben geschichtswissenschaftlichen Zeitschriften und Monografien umfangreiche historische Text- und Quellensammlungen auf CD-ROM, Mikrofilm und Mikrofiche. In den Sondersammlungen befinden sich unter anderem Landkarten, Atlanten, Schallplatten, Tonbänder, Plakate, CDs, Filme, Fotografien, Dias, Manuskripte, Notizen, Briefe, Sachakten, Skizzen und Zeichnungen.

Das IIK ist schwerpunktmäßig mit der Politik, Wirtschaft und Sozialwissenschaft Lateinamerikas befasst. Besonders werden dabei zeitgeschichtliche und aktuelle Entwicklungen in den Blick genommen. Seit 1999 fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) das IIK bei der Beschaffung von nicht-konventioneller Literatur aus Lateinamerika.

Die Staats- und Universitätsbibliotheken besitzen durch ihre Fächervielfalt sowie ihre Anbindung an die jeweilige Universität ebenfalls Schnittstellen zur Geschichtswissenschaft.

Die Entstehung von cibera

Seit Mai 2003 laufen DFG-gefördert Planung und Umsetzung von cibera, zunächst nur durch das IAI, das IIK und die SuUB Bremen. Im November 2004 ist das Portal anlässlich der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerikaforschung (ADLAF) online gegangen. [2] Seit Mai 2005 befindet sich cibera in der zweiten zweijährigen Förderphase, in der das Angebot erweitert und die Funktionalitäten verbessert werden.

Was hat cibera inhaltlich der Geschichte zu bieten?

Die Fachrecherche in cibera beinhaltet die üblichen Module der Virtuellen Fachbibliotheken: Bibliothekskataloge, eine Internetquellensammlung und ein Zeitschriften-Verzeichnis; darüber hinaus ein Pressearchiv, eine Sammlung von Volltexten und eine Datenbank deutschsprachiger Forscher/innen. Online Contents sowie eine Datenbank „Bibliografie der Hispanistik“ werden zur Zeit eingebaut. Die Ressourcen werden ständig aktualisiert und ergänzt.

In einer aktuellen Recherche (Februar 2006) mit dem Schlagwort „Geschichte“ wurden 22.601 Treffer in den Bibliothekskatalogen gefunden, 3.831 Internetquellen in den Iberolinks (Internetquellen), 110 Digitale Volltexte, 2.237 Einträge im Pressearchiv und 74 Personen, bzw. 446 Publikationen in der Forscherdatenbank. Es folgt die Beschreibung der Datenbanken im Einzelnen.

Bibliothekskataloge

Neben den Bibliotheken der Projektbeteiligten (IAI, IIK und SUB HH) sind die Spezialbibliotheken der Friedrich-Ebert-Stiftung, des Portugalzentrums Trier und des Ibero-Amerika Institutes für Wirtschaftsforschung Göttingen in die Suche eingebunden. In den Fällen der SUB HH und der Friedrich-Ebert-Stiftung, die nicht nur über Quellen zum Iberischen Raum verfügen, werden von cibera nur die regional relevanten Ausschnitte der Bibliotheken durchsucht.

Abbildung 3: Detailanzeige eines Treffers in den Bibliothekskatalogen

Die Detailanzeige der Treffer enthält diejenigen Metadaten für den Titel, die der jeweilige Katalog liefert. Dabei sind die Schlagworte verlinkt und erlauben eine weitere Suche innerhalb der Bibliothekskataloge.

Iberolinks

Das Herzstück einer Virtuellen Fachbibliothek ist die Internetquellensammlung. Die Sammlung Iberolinks wurde ursprünglich an der SuUB Bremen aufgebaut. Sie enthält bibliothekarisch erschlossene Onlinenachweise ausgewählter Websites, die einer Qualitätskontrolle durch fachkundige Mitarbeiter/innen unterliegen und ständig aktualisiert werden.

Die Oberfläche der Trefferanzeige ist ebenso aufgebaut wie die der Bibliothekskataloge, um Nutzern/innen die Orientierung zu erleichtern. Zu jeder URL werden von cibera erstellte Metadaten angezeigt, die die Quelle inhaltlich und formal beschreiben.

Um in Zukunft verschiedene Disziplinen in den Iberolinks systematisch abdecken zu können, sind die Fächerzuständigkeiten auf die Projektpartner aufgeteilt worden. Fachkundige Mitarbeiter/innen werden demnächst gezielt zum Beispiel zur Geschichte oder zur Rechtswissenschaft recherchieren, die Links katalogisieren und einpflegen. Innerhalb dieser kooperativen Datenbankpflege ist die Zuständigkeit für die Geschichte an das IAI gegangen. Zurzeit werden die Mitarbeiter/innen am IAI geschult, so dass die fachspezifische Recherche demnächst beginnen kann. Aber auch jetzt finden sich in den Iberolinks bereits rund 3.830 Quellen zum Schlagwort Geschichte.

Bei der Ergänzung der Internetquellen ist Kooperation besonders sinnvoll und einfach zu realisieren. [3] Für eine inhaltlich hochqualitative Auswahl und eine korrekte und aufschlussreiche Katalogisierung der einzelnen Links sind Fachleute aller Bereiche unerlässlich. cibera wirbt deshalb sowohl um institutionelle als auch um individuelle Zusammenarbeit.

  • Auf institutioneller Ebene können der jeweils relevante Ausschnitt (zum Beispiel Geschichte Lateinamerikas) für eine andere Quellensammlung geöffnet und die Daten ausgetauscht werden. Eine solche Zusammenarbeit ist im Rahmen des NIG angestrebt. Bei einer anderen Art der Kooperation sagt eine Institution (beispielsweise ein universitärer Fachbereich) zu, mithilfe einer oder mehrerer Personen einen bestimmten Schwerpunkt innerhalb der Iberolinks zu betreuen. Dort werden dann neue Links zu einem klar abgegrenztem Thema eingepflegt, alte korrigiert und aktualisiert. Die entsprechenden Internetquellen werden mit dem Logo der liefernden Institution sozusagen signiert. Das Logo verlinkt auf die Institution selbst.
  • Für eine individuelle Beteiligung hat cibera ein Vorschlagsformular. Dort können Nutzer/innen Links eingeben, die von unseren Mitarbeitern/innen redaktionell bearbeitet werden. Entsprechen sie inhaltlich und formal den Kriterien für Relevanz und Qualität und sind noch nicht vorhanden, werden die Vorschläge in die Sammlung übernommen. Besonders willkommen sind uns die URL-Vorschläge und Korrekturen von Spezialisten/innen aller Fachgebiete, die hier ihren jeweiligen Schnittbereich zu Ibero-Amerika, Spanien und Portugal einrichten, ausbauen oder korrigieren können.

Digitale Volltexte

In der Sammlung digitaler Volltexte wurde ursprünglich so genannte ‚Graue Literatur’ nachgewiesen und archiviert. Aufgebaut und gepflegt vom Institut für Iberoamerika-Kunde, liegt der fachliche Schwerpunkt der Sammlung bei den Wirtschafts-, Sozial- und Politikwissenschaften. Zur Grauen Literatur zählen Gutachten, amtliche Stellungnahmen und Verlautbarungen, Policy Papers internationaler Institutionen und Organisationen, Veröffentlichungen sowohl von NGOs als auch von Unternehmen und staatlichen Stellen, die meist ausschließlich im Internet veröffentlicht werden. Mittlerweile werden neben Grauer Literatur auch Online-Artikel gesammelt, die über ihre voraussichtlich kurze Lebensdauer im Internet hinaus erhalten werden sollen.

Die Nutzeroberfläche ist nahezu identisch mit der der Iberolinks. In der Datenbank werden die Metadaten des Volltextes zusammen mit der URL der externen Seite vorgehalten – so lange diese online ist. Zusätzlich wird von allen Texten eine Archivkopie gespeichert. Je nach Urheberrechtslage, bzw. nachdem die Verantwortlichen ihr Einverständnis signalisiert haben, wird der Link auf die Archivkopie freigeschaltet, bzw. ist es möglich, auf Anfrage den Volltext zu erhalten.

Current Contents: Zeitschriften-Inhaltsverzeichnisse

Über den Current Contents-Dienst des IAI können die Inhaltsverzeichnisse von über 1.700 Zeitschriften abgerufen werden – davon 146 mit dem Schlagwort Geschichte. Zurzeit können die Inhaltsverzeichnisse nur als Bilddateien angezeigt werden, so dass lediglich eine Suche nach Zeitschriften-Titeln und nicht nach einzelnen Aufsatztiteln möglich ist.

In der Trefferanzeige gibt es zum Zeitschriftentitel einen Link. Darüber kann jede Zeitschrift aufgerufen werden. Die Anzeige erfolgt mit eingescannter Titelseite und Auflistung der einzelnen Hefte. Nach Auswahl eines Heftes wird ein Scan des entsprechenden Inhaltsverzeichnisses angezeigt.

Abbildung 4: Titelanzeige einer Zeitschrift im Zeitschriften-Inhaltsverzeichnis

Um auch eine Suche nach den Aufsatztiteln zu ermöglichen, ist die Integration in die Online Contents-Datenbank (OLC) des Gemeinsamen Verbundkatalogs (GBV) bereits in Vorbereitung. [4] Der OLC-Ausschnitt von Spanien und Portugal der SUB Hamburg kann bereits abgerufen werden. [5] Der OLC-Ausschnitt zu Lateinamerika wird vom IAI vorbereitet. Beide OLC-Ausschnitte werden über cibera recherchierbar sein.

Pressearchiv

Das elektronische Pressearchiv IberoDigital des IIK dokumentiert seit September 1999 pro Woche circa 350 Artikel aus dem Internetangebot überwiegend lateinamerikanischer Tages- und Wochenzeitungen. Die Auswahl orientiert sich an aktuellen und längerfristigen politischen und sozio-ökonomischen Problemen der einzelnen Länder. Jede Ergebnis-Detailansicht beinhaltet einen Link zum Pressearchiv, das am IIK gehostet wird. Hier sind die ersten fünf Zeilen des jeweiligen Artikels über einen Link einsehbar. Die Volltexte der einzelnen Artikel werden je nach Urheberrechtslage auf Anfrage versandt.

Datenbank zur Lateinamerika-Forschung

Die Datenbank dokumentiert den Stand der Forschung zu Lateinamerika im deutschsprachigen Raum. Sie enthält die biografischen und bibliografischen Daten von rund 600 Wissenschaftlern/innen und Experten/innen, die in den verschiedensten Fachdisziplinen (von der Altamerikanistik bis zur Zoologie) längerfristig zu Lateinamerika arbeiten. Zu einem Schlagwort kann man sich sowohl Personen als auch Publikationen anzeigen lassen. Soweit vorhanden gibt es einen Link zur Homepage oder zur online vorliegenden Publikation.

Abbildung 5: Detailansicht eines Treffers in der Datenbank deutschsprachige Lateinamerika-Forschung

Mit der Detailanzeige einer Person erhält man Informationen zur Vita, zu Forschungsschwerpunkten, aktuellen Projekten, zu den von ihr betreuten wissenschaftlichen Arbeiten sowie die Kontaktdaten (siehe Abbildung 5). Hier können sich Nutzer/innen beteiligen, indem sie auf Wissenschaftler/innen aufmerksam machen, die bisher noch nicht erfasst sind. Die Eingabe eigener Daten über ein Web-Formular ist geplant.

Zusammenarbeit statt Dienstleistung

„Die Sondersammelgebietsbibliotheken und ihre virtuellen Fachbibliotheken als Dienstleister für die historische Forschung“ – so ist die Sektion dieses Beitrages überschrieben. Abschließend sei darauf hingewiesen, dass nicht nur Regionalwissenschaften Dienstleister für die Geschichtswissenschaft sind, sondern dass auch umgekehrt gilt, dass regionalwissenschaftliche Portale für ihre Inhalte genauso auf die Fachkompetenz von Historikern/innen angewiesen sind.

Die einzelnen Fachdisziplinen sollen in den Regionalwissenschaften nicht untergehen und zu einer Art allgemeiner Landeskunde eingeschmolzen werden. Vielmehr soll jede Wissenschaft mit ihren Besonderheiten und ihrem Spezialwissen in den jeweiligen regionalen Kontext eingebettet werden. Dafür muss mehr gegenseitige Unterstützung in den aufgezeigten Schnittbereichen angestrebt werden: Spezialwissen muss zur Verfügung gestellt werden, Möglichkeiten zur Mitarbeit sollten geschaffen und genutzt werden – Kompetenzergänzung statt Kompetenzgerangel sollte hier das Motto sein.

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Dr. Annette Kolbe promovierte in Göttingen und arbeitet zur Zeit als Projektleiterin der Virtuellen Fachbibliothek Lateinamerika/Spanien/Portugal cibera am Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin. Interessenschwerpunkte: Lateinamerikanische Literatur und Informationsmanagement via Internet. E-Mail: kolbe@iai.spk-berlin.de


[1] Die Fächerliste ist einsehbar unter: <http://www.vascoda.de> (01.09.2006) (Link „Einzelne Fächer auswählen“).

[2] Vgl. <http://www.cibera.de> (01.09.2006).

[3] In diesem Zusammenhang sei auf die kooperative Internetquellensammlung NIG (Netzwerk Internetquellen Geschichte) hingewiesen, an der cibera auch beteiligt ist.

[4] Datenbank mit Zeitschriften-Aufsatztiteln nach Fachgebieten sortiert: <http://www.gbv.de/vgm/vifa/> (01.09.2006).

[5] OLC-Ausschnitt von Spanien und Portugal: <http://gso.gbv.de/LNG=DU/DB=2.145/> (01.09.2006).


Bewahren und Erschließen – Die deutschsprachige jüdische Presse und das Projekt Compact Memory

von Rachel Heuberger

Jüdische Zeitschriften stellen für die Erforschung des jüdischen Kulturerbes eine unverzichtbare Quelle dar. Vollständige Ausgaben der Periodika sind auf Grund des schlechten Erhaltungszustandes und der Zerstörungen durch Krieg und Nationalsozialismus nur noch in wenigen Bibliotheken vorhanden, so dass ihre Nutzung schwierig ist. Compact Memory bietet als Datenbank weltweit freien Online-Zugang zu den Zeitschriften in digitalisierter Form an und stellt ein wichtiges Hilfsmittel für die Erforschung der modernen mitteleuropäisch-jüdischen Geschichte dar. 118 verschiedene Titel mit insgesamt circa 700.000 Seiten, welche die unterschiedlichsten Strömungen des Judentums repräsentieren, sind als Grafiken bzw. als Volltext zugänglich, außerdem kann in einer Suchmaske gezielt recherchiert werden. Mit der Aufnahme in das UNESCO Archives Portal hat Compact Memory internationale Anerkennung erlangt.

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Einleitung

Zeitungen und Zeitschriften haben für die Geschichtsforschung eine eminente Bedeutung: Da sie in der Regel als aktuelles Informationsmedium geschaffen wurden, bieten sie Historikern/innen und Kulturwissenschaftlern/innen rückblickend unmittelbare Einblicke in die Vergangenheit wie kaum ein anderes Medium. Ihr Studium bietet den Historikern/innen „die Möglichkeit, sich in die Atmosphäre der betreffenden Zeit zurückzuversetzen, in jenen Wissensstand, in jenes materielle wie mentale Umfeld, aus dem heraus zu einem bestimmten Zeitpunkt Entscheidungen getroffen oder Haltungen zu aktuellen Problemen eingenommen, verändert oder erzwungen worden sind.“ [1] Das Periodikum dient somit als Instrument, um „aus der Perspektive der seinerzeitigen Gegenwart heraus auf die Handlung einer bestimmten Zeit zu blicken.“ [2] Für die jüdischen Periodika trifft dies in ganz besonderem Maße zu. In Anbetracht der nationalsozialistischen Politik, das jüdische Kulturerbe zu zerstören, besitzen sie einen herausragenden Stellenwert als Zeugnis und Quelle des einstmals blühenden jüdischen Lebens in seiner pluralistischen Ausprägung. Der Erhalt der deutsch-jüdischen Periodika, ihre Aufarbeitung und globale Präsentation im Internet ist deshalb für die Geschichtsforschung ein dringendes Desiderat und bildete den Ausgangspunkt für die Erstellung der Datenbank Compact Memory. [3]

Kooperationspartner

Die Datenbank Compact Memory ist ein Gemeinschaftsprojekt der Judaica-Abteilung der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main, des Lehr- und Forschungsgebiets Deutsch-Jüdische Literaturgeschichte der RWTH Aachen unter Leitung von Prof. Dr. Hans Otto Horch und der Germania Judaica, einer Fachbibliothek zur deutsch-jüdischen Geschichte in Köln unter Leitung von Dr. Annette Haller. [4] Die Universitätsbibliothek Frankfurt am Main ist zuständig für die Sondersammelgebiete „Wissenschaft vom Judentum“ und „Israel“ und besitzt den größten Bestand an wissenschaftlicher Literatur zum Thema Judentum und Israel in der Bundesrepublik Deutschland. [5] Das Aachener Lehr- und Forschungsgebiet Deutsch-Jüdische Literaturgeschichte befasst sich seit seiner Gründung 1992 schwerpunktmäßig mit der Rolle jüdischer Periodika und hatte bereits mit einem Digitalisierungs-Pilotprojekt der Alljüdischen Revue Die Freistatt Erfahrungen gesammelt. [6] Die enge Kooperation zwischen dem Lehrstuhl, der die Verantwortung für die technische Durchführung übernahm, und den Bibliotheken, deren umfangreiche Bestände an jüdischen Periodika die Materialbasis des Unternehmens boten, wirkte sich für die Erstellung der Datenbank äußerst positiv aus, die klare Aufgabenverteilung und Zuständigkeitsabgrenzung einerseits und der ständige gegenseitige Austausch bezüglich der Inhalte und Verfahrensweisen andererseits generierten einen reibungslosen und effizienten Ablauf, ohne den die Umsetzung der ungeheuren Datenmengen in so kurzer Zeit nicht möglich gewesen wäre. [7]

Das auf sechs Jahre angelegte und im Frühjahr 2006 abgeschlossene Projekt wurde unter dem Namen Retrospektive Digitalisierung jüdischer Periodika im deutschsprachigen Raum von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert und war in dem eigens geförderten Bereich Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme / Kulturelle Überlieferung angesiedelt, in dessen Rahmen der sukzessive, nachhaltige Auf- und Ausbau einer Verteilten Digitalen Forschungsbibliothek angestrebt wird. [8] Damit war auch die Erschließungsebene der Periodika vorgegeben, nämlich die Fokussierung auf ihre mediale Grundlage ohne weitergehende semantische Aufbereitung, so wie es für moderne Editionsvorhaben aller Art typisch ist. Die Datenbanklösung und Anwendungssoftware wurden von der Aachener Firma semantics implementiert. [9]

Abbildung 1: Informationsflyer zur Datenbank Compact Memory

Die Quellen

Für die Erforschung des Judentums in der Neuzeit stellen die jüdischen Periodika generell und die im deutschsprachigen Raum ganz speziell ein gar nicht zu überschätzendes Quellenreservoir dar, auf das wohl alle, die sich mit der Geschichte der Juden in ihrer Diversifikation befassen, immer wieder zurückgreifen. Da in diesen Periodika alle religiösen, politischen und sozialen Richtungen innerhalb des Judentums vertreten sind und alle Bedürfnisse – wissenschaftliche, berufliche, literarische, pädagogisch-didaktische – artikuliert werden, lassen sich die Periodika, wie es im Jüdischen Lexikon (1927) heißt, als „ein getreues Abbild des jüdischen Lebens“ interpretieren. [10] Im deutschsprachigen Raum hat es seit 1806, als die erste deutschsprachige jüdische Zeitschrift Sulamith erschien, bis zum Jahre 1938, als die bis dahin noch existenten jüdischen Periodika von den Nationalsozialisten verboten wurden – sieht man einmal vom offiziös noch geduldeten und missbrauchten Jüdischen Nachrichtenblatt ab, das erst 1943 sein Erscheinen einstellte – rund 500 jüdische Periodika gegeben. [11]

Trotz des besonderen Stellenwerts für die Forschung sind diese Quellen jedoch schwer zugänglich. [12] Die große Mehrzahl dieser Periodika ist mittlerweile in einem äußerst schlechten Erhaltungszustand und in der Regel in vollständigen Jahrgängen nur in wenigen Bibliotheken zu finden. Selbst dann sind sie meist nur in verschiedenen Formen (Original-Papierausgabe, Reprint, Mikrofilm und -fiche) zu nutzen, was sowohl für die Benutzer/innen (die für die Durchsicht verschiedene Materialien bestellen und diese an verschiedenen Arbeitsplätzen einsehen müssen) als auch für das Bibliothekspersonal einen erheblichen zusätzlichen Arbeits- und Zeitaufwand bedeutet. Zudem handelt es sich um Quellenmaterial, das von den Forschern/innen wegen seines hohen Informationswerts häufig frequentiert wird, und zwar in der Regel nur in einzelnen Segmenten, nämlich den gesuchten Aufsätzen und Nachrichten. Von daher bot sich dieser Textcorpus geradezu für die Digitalisierung, die Dokumentation und die zentrale Bereitstellung im Internet an. [13] Aus finanziellen Gesichtspunkten ist die Digitalisierung der Zeitschriften die einzige ökonomisch vertretbare Möglichkeit, Archiv- und Bibliotheksbestände der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen und ihrem drohenden Verfall und damit endgültigen Verlust entgegenzuwirken.

Die Vorzüge der Internetpräsentation großer Textbestände von Quellen dieser Art in einer leicht benutzbaren Datenbank sind schnell erkennbar. [14] Die Bestände selbst werden geschont und durch Benutzungsentzug nicht weiter beschädigt, langwierige Recherchen zur Lückenbeschaffung entfallen vollständig, da die Textcorpora per Internet von jedem privaten oder öffentlichen Arbeitsplatz abgerufen werden können. Im Gegensatz zum Buch oder Microfilm/-fiche kann der Bestand eines Internet-Textcorpus laufend erweitert und aktualisiert werden; selbst Software-Updates, wie sie im Fall der CD-ROM / DVD-Angebote üblich sind, entfallen. Zugleich besitzen digitale Archive den Vorteil, zahlreiche technische Möglichkeiten anbieten zu können, die in den herkömmlichen Publikationsformen entfallen, so zum Beispiel große bzw. größte Textmengen kostengünstiger zu erfassen, strukturierter zu verwalten und zügiger veröffentlichen zu können. [15] Die weitgehend automatisierte Erfassung und Digitalisierung umfangreicher Textbestände ist nicht nur in der Herstellung preiswerter als Editionen in Buch- oder Microform – sie steht den Nutzern/innen zudem unentgeltlich zur Verfügung. Deshalb sind der Forschung insbesondere diejenigen Digitalisierungsprojekte von Nutzen, die Textcorpora bereitstellen, die mindestens einige zehn- oder hunderttausend Seiten umfassen. Eine durchstrukturierte Datenbank wie Compact Memory ermöglicht zudem eine grundsätzlich „neue Sicht“ auf die Texte und Materialien, die die hergebrachten Möglichkeiten des Buches, der Microform oder der CD-ROM übertreffen und auch durch Register, Indices oder Volltextsuche nicht oder nur eingeschränkt vermittelt werden können.

Abbildung 2: Eingangsseite der Zeitschrift Altneuland, links die Baumstruktur zur Heftauswahl, rechts die Grafik der Titelseite

Die Bereitstellung der Quellen wurde von den Bibliotheken übernommen, die sowohl die laufende regelgerechte bibliografische Erschließung als auch die Überprüfung der Digitalisate sicherstellten. Hierzu zählten zeitintensive Einzelarbeiten wie die akribische Sichtung der zu digitalisierenden und verfilmenden Periodika, die Protokollierung der Lücken und mangelhaften Digitalisate sowie die Ergänzung fehlender Hefte und die Beschaffung von Ersatzvorlagen, die äußerst langwierige Recherchen und Korrespondenzen erforderten. Durch die bibliothekarische Organisation des Projekts – die Zusammenführung, Sichtung und Katalogisierung der verstreut und lückenhaft überlieferten Quellen – wurde der Ideal- und Ursprungszustand der Zeitschriftenbestände in ihrer Lückenlosigkeit wieder hergestellt und ein weltweit einzigartiges, annähernd vollständiges Corpus geschaffen. Die technische Umsetzung des Digitalisierungsvorhabens in Aachen führte zu einer zeitnahen Bereitstellung großer, heterogener Datenbestände – Originalgrafiken und bibliothekarische Metadaten – und gewährleistete die frei zugängliche Nutzung im Internet. Maßgebend war in diesem Kontext das etablierte Prinzip des „Browsing and Searching“: die Benutzer/innen sollten einerseits wie in der „realen“ Bibliothek ein beliebiges Periodikum über einen Navigationsbaum auswählen können, um über die einzelnen Jahrgänge zu den gewünschten Einzelheften zu gelangen; andererseits mussten verschieden differenzierte Suchmasken die gezielte Recherche nach gesuchten Materialien erlauben.

Die Einarbeitung der großen Datenmenge und die angemessene Präsentation im Internet wurde durch das spezifisch auf den Bedarf von Digitalisierungsprojekten zugeschnittene Produkt Visual Library der Aachener Firma semantics realisiert, dessen Einzelmodule die strukturierte Erfassung, Indizierung, Volltexterkennung, Bearbeitung und Bereitstellung beliebiger grafischer und textueller Materialien im Internet ermöglichen. [16] Als Arbeitswerkzeug des Digitalisierungsprojekts können mit dem zentralen Modul, dem Library Manager, große Mengen von Grafiken übersichtlich, strukturiert und schnell per Drag-And-Drop auf einen lokalen Datenbankserver überspielt werden (circa 1.000 Images pro Stunde) und mit Hilfe eines integrierten Grafikbetrachters im Zielverzeichnis einzeln oder in Form von Thumbnails aufgerufen und nachbearbeitet werden. Über einen Navigationsbaum, der die serverinterne Zielverzeichnisstruktur abbildet, legen die Bearbeiter/innen neue, annotierbare Zeitschriftentitel, Jahrgänge oder Hefte an, wobei jedes Image zudem typisierbar ist (Titelblatt, Inhaltsverzeichnis, Artikel usw.). Die Stärke des Library Manager besteht darin, den Zeitaufwand zwischen der Erfassung bzw. Einspeisung der Digitalisate und deren Präsentation im Internet auf ein Minimum zu verringern und den Nutzern/innen das bearbeitete Material ohne nennenswerten Verzug in Form dynamisch generierter Webseiten zu Recherchezwecken zur Verfügung zu stellen. Gegliedert nach Zeitschriftentiteln, Jahrgängen und Einzelheften können die Nutzer/innen bereits in der unmittelbaren Anfangsphase eines Digitalisierungsprojekts durch das im Aufbau befindliche Corpus „browsen“. Waren bislang aufwändige Bibliotheks- und Archivaufenthalte nötig, werden die Nutzer/innen dieses bloße Vorhandensein bislang schwer zugänglicher Quellen, seien diese auch vergleichsweise flach erschlossen, bereits als wichtige Arbeitserleichterung zu schätzen wissen. Die Möglichkeit des „Searching“, also der gezielten Suche nach einzelnen Textstellen, wird anschließend in einem zweiten, optionalen Schritt durch die automatisierte Volltexterkennung erreicht, die der Library Manager ebenfalls bereitstellt.

Dieser Grad der Erschließung – die strukturierte Präsentation der Originalgrafiken nebst integrierter Volltextsuche – mag hinsichtlich jener Corpora genügen, die vor allem monografisches Schrifttum zusammenführen. Als separater Produktionsschritt wurden in Compact Memory darüber hinaus die technischen Möglichkeiten geschaffen, getrennt von den Originalgrafiken und den Volltexten, direkt auch auf die bibliografischen Kerndaten der in den Periodika erschienenen Einzelbeiträge zuzugreifen. Zwar erfordert diese normkonforme Katalogisierung unselbstständig erschienener Literatur einen weitaus höheren Arbeitsaufwand, die Vorteile sind jedoch evident: Zum einen werden die Nutzer/innen entlastet, da sie nicht bei jeder neuen Fragestellung immer wieder eine Unzahl von Grafiken oder Volltexten nach den gesuchten Materialien durchsehen müssen – eine zeitraubende Prozedur, die bereits die Arbeit mit Mikrofilmen oder Papiervorlagen erschwert hat. Zum anderen erhöht die Erfassung der Einzelbeiträge nach den „Regeln für die alphabetische Katalogisierung in wissenschaftlichen Bibliotheken“ (RAK-WB) den wissenschaftlichen Wert der Datenbank um ein Vielfaches, zumal in Compact Memory Metadaten und Verknüpfungen berücksichtigt werden, die in klassischen Bibliothekskatalogen nicht oder nur ungenügend Berücksichtigung finden. Die unterschiedlichen Publikationsformen, seien es Beiträge, Rezensionen, Rubriken, Inserate, Illustrationen oder Notensammlungen werden mit eigener Titelaufnahme und Typkennzeichnung versehen und sind gesondert recherchierbar. Dies ermöglicht eine ganz gezielte Suche nach einem speziellen Publikationstyp, zum Beispiel nach Noten zur Liturgie des jüdischen Gottesdienstes oder Abbildungen bestimmter Persönlichkeiten. Somit bietet Compact Memory bislang vier kombinierbare Recherchemöglichkeiten an. Über die Navigationsleiste können die Zeitschriftentitel nach Jahrgängen und Einzelheften eingesehen werden. Über die Suchfunktion kann in drei Modi (einfach, erweitert, Expertensuche) gezielt recherchiert werden. Die Volltextrecherche erfasst bislang die in Antiqua gesetzten Zeitschriften, und es stehen die zum Teil volltexterkannten und XML-indizierten Inhaltsverzeichnisse und Register zur Verfügung.

Resultat der bibliografischen Erfassung ist eine Datenbank, die bereits eine volle inhaltliche Erschließung der einzelnen Komponenten der Zeitschrift leistet und damit Informationen liefert, die weit über die reine Formalerschließung hinausgehen. So werden inhaltliche Bezüge zwischen den einzelnen Aufsätzen hergestellt, indem nachfolgende Berichtigungen, Ergänzungen oder Reaktionen miteinander verknüpft werden. Pseudonyme von Verfassern/innen, unterschiedliche Schreibweisen, anonyme Verfasser/innen werden – soweit recherchierbar – eruiert und vereinheitlicht. Da ferner die Rubriken mit ihren unterschiedlichen Ebenen bibliografisch als Sachtitel erfasst bzw. ihre Inhalte durch Schlagworte wiedergegeben werden, erfolgt eine systematische Sacherschließung, die den Nutzern/innen weitaus exaktere Suchmöglichkeiten und -ergebnisse als bisher üblich liefern kann.

Abbildung 3: Beispiel einer Suche im Expertenmodus nach Martin Buber als Verfasser in allen Periodika

Das kompromisslose Festhalten an den Regeln von RAK-WB trotz des großen Zeitaufwandes hat dazu geführt, dass eine Datenbank entstanden ist, deren Aufnahmen den Normen der alphabetischen Katalogisierung des wissenschaftlichen Bibliothekswesens entsprechen und die damit Modellcharakter für weitere Datenbanken hat. Die detaillierte bibliografische Erfassung der einzelnen Komponenten der Zeitschriften macht die Datenbank zudem zu einem Informationsmedium für die Wissenschaft des Judentums, welches die bibliografischen Informationen vergleichbarer Zeitschriftendatenbanken wesentlich übersteigt. Aufgrund der finanziell angespannten Haushaltslage der Bibliotheken werden zwar zur Zeit kontroverse Debatten um den Nutzen der intellektuellen zeitaufwändigen Katalogisierung versus preisgünstigerer technischer Lösungen geführt, doch bleibt der Mehrwert der intellektuellen Erschließung, dass nämlich die Titeldatenbank von Compact Memory die Möglichkeit einer vom Grafik- bzw. Volltextangebot unabhängigen Recherche bietet, unbestritten. „Wie ein Buch, das unkatalogisiert in eine Bibliothek eingestellt wurde, für den Nutzer schlichtweg nicht existiert, stellt erst die distinkte Titelaufnahme eines Zeitschriftenbeitrags die initiale Materialisierungsstufe seines potentiellen Informationsgehalts dar. Die Summe aller Titelaufnahmen bildet die Voraussetzung der optimalen Informationsvermittlung; der Zweck der Katalogisierung besteht indessen ebenso in der reinen Informationserhaltung. – Das Zukunftsszenario mag erschrecken, unrealistisch ist es keineswegs: Wenn die Originale eines Tages zu Staub zerfallen sind und einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte später die archivierten Microfilme ausgebleicht sein werden, geben beizeiten konvertierte Datenbanken wenigstens darüber Auskunft, welche Informationen der Menschheit verloren gingen.“ [17]

Von Anfang an sollte Compact Memory eine repräsentative Sammlung der jüdischen Periodika im deutschsprachigen Raum darstellen, mit dem Ziel, die unterschiedlichen Richtungen innerhalb des deutschsprachigen Judentums authentisch abzubilden. Aus pragmatischen Gründen wurden zu Beginn der Datenbankerstellung die wichtigen und langjährigen Zeitschriften digitalisiert; mittlerweile sind nicht nur alle Strömungen und Zeitschriftentypen, sondern auch eine Vielzahl kleiner und äußerst seltener Periodika enthalten, die nur noch in Einzelausgaben existieren. Mit der Freischaltung der bedeutenden, lang erscheinenden Zeitschrift Der Israelit (120.000 Seiten), die das orthodoxe Judentum vertritt, bietet Compact Memory nun alle „großen“, über mehrere Jahrzehnte erschienenen jüdischen Zeitschriften und Zeitungen Deutschlands an. Bereits zuvor freigeschaltet wurden die Allgemeine Zeitung des Judentums, die von 1837 bis 1922 herausgegeben wurde und damit die am längsten erscheinende jüdische Zeitschrift darstellt und für die Vollendung der Emanzipation sowie die innerjüdische Reform, danach für den Kampf gegen den Antisemitismus steht, sowie die zionistisch ausgerichtete Jüdische Rundschau, die von 1902 bis 1938 erschien. Zu den bedeutenden Publikationsorganen zählen ferner Die Welt, das von 1897 bis 1914 wöchentlich erscheinende Zentralorgan der zionistischen Organisation, Ost und West, eine von 1901 bis 1923 von namhaften jüdischen Persönlichkeiten herausgegebene Zeitschrift, die sich der Dokumentation künstlerischer, literarischer und wissenschaftlicher Leistungen im Kontext der „Jüdischen Renaissance“ widmete und vor allem den assimilierten Westjuden die Kulturleistungen der Ostjuden vermitteln wollte, und Der Jude, die von 1916 bis 1924/29 von Martin Buber herausgegebene bedeutende deutschsprachige geistesgeschichtliche Zeitschrift.

Zu den wissenschaftlichen Periodika zählen unter anderem die Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums (MGWJ), die von dem renommierten konservativen Rabbiner und Leiter des Rabbinerseminars in Breslau Zacharias Frankel gegründet und von 1851 bis 1938 veröffentlicht wurde, und die Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, die von 1887 bis 1890 und 1892 und dann wieder von 1929 bis 1932 sowie von 1935 bis 1937 erschien. Die erste Folge wurde von dem Literaturprofessor Ludwig Geiger, die des 20. Jahrhunderts von den namhaften Gelehrten Ismar Elbogen, Aron Freimann, Max Freudenthal unter Mitwirkung von Guido Kisch und Richard Koebner herausgegeben. Des weiteren die Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden, die von 1905 bis 1931 unter der Chefredaktion von Arthur Ruppin, Bruno Blau und Jacob Segall erschien und Ausdruck der zunehmenden Bedeutung der Bevölkerungsstatistik in den historisch-soziologischen Studien seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert war.

Wichtige Quellen stammen aus der Wiener Universitätsbibliothek, mit der eine erfolgreiche Kooperation eingegangen werden konnte, und die maßgebende seltene jüdische Zeitschriften und Zeitungen Österreichs für die Digitalisierung zur Verfügung stellte, die anderswo nicht mehr vorhanden sind: Die Stimme, Dr. Blochs Österreichische Wochenschrift, Jüdische Wochenschrift »Die Wahrheit«, Jüdische Zeitung, Neue Zeitung, Nationalzeitung, Neue National-Zeitung, Jüdisches Volksblatt, Selbst-Emancipation, Wiener Morgenzeitung sowie Die neue Welt.

Der im Internet zugängliche Datenbestand [18] umfasst an die 700.000 Einzelseiten bzw. 137 GB Grafiken (weitere 300 GB Images werden für Entwicklungsdateien auf dem Server benötigt). Rund 81.000 Einzelbeiträge wurden bibliografisch erschlossen und stehen für Recherchezwecke zur Verfügung. Der Bestand der Digitalisate wird ergänzt durch rund 10.370 recherchierbare Stammdaten zu Autoren/innen (einschließlich Pseudonymen) und Körperschaften. Alle in Antiqua gesetzten Periodika sind Volltext erkannt und in die Suchinterfaces der Website integriert. Mit Hilfe der in Kürze im Projekt zum Einsatz kommenden Version 8.0 der OCR-Software FineReader wird deutlich mehr Frakturtext als ursprünglich geplant für Recherchezwecke bereitgestellt werden können. Im Zuge einer mit dem Softwarehersteller ABBYY geschlossenen Vereinbarung wird dem Digitalisierungsprojekt das FineReader-Frakturmodul kostenlos zur Verfügung gestellt. Compact Memory beteiligt sich im Gegenzug an der Evaluation des OCR-Programms.

Das deutsche Judentum war für die Entwicklung der modernen jüdischen Identität in der Diaspora von zentraler Bedeutung und ist daher bis heute für weltweit durchgeführte Forschungen von Interesse, die sich auf die im deutschsprachigen Raum erscheinenden jüdischen Periodika als wichtige Quelle stützen. „Compact Memory ist derzeit eines der Pionierprojekte im Bereich der Jüdischen Studien und der Pressegeschichtsforschung. Mit der Digitalisierung jüdischer Periodika des deutschsprachigen Raumes erschließt es einen der wichtigsten Quellenbestände zur modernen europäisch-jüdischen Geschichte, der für jeden historisch Interessierten eine wahre Fundgrube bislang nur ansatzweise genutzter Informationen bereithält.“ [19]

Abbildung 4: Statistik der Zugriffe auf Compact Memory nach Länderverteilung (01.02.2006-28.02.2006)

Dieses Projekt wird allen, die im Bereich der Jüdischen Studien forschen, seien es Historiker/innen, Judaisten/innen, Theologen/innen, Philologen/innen, Kunstwissenschaftler/innen oder Kulturanthropologen/innen, einen schnellen und effektiven Zugriff auf die Quellen ermöglichen, einen bequemen allemal. Zahlreiche Wissenschaftler/innen aus aller Welt treten an die Verantwortlichen mit der Bitte heran, spezifische Zeitschriften zu digitalisieren und sie so für die Forschung zu erhalten. So gibt es neben den in Deutschland noch vorhandenen zahlreichen kleineren und speziellen Periodika vor allem im osteuropäischen Raum noch zahlreiche deutschsprachige Zeitschriften und Jahrbücher, deren Bestand gefährdet und deren Nutzung sich äußerst schwierig gestaltet. Daher wäre es wünschenswert, eine weitergehende Finanzierung für die Fortsetzung und den kontinuierlichen Ausbau der Datenbank zu sichern. Für die Forschungsbereiche der Jüdischen Studien und Judaistik an den Universitäten wäre dringend erforderlich, die Einrichtung einer „Virtuellen Fachbibliothek Jüdische Studien“ zu forcieren, die in Folge dieses Digitalisierungsprojektes weitere Projekte durchführen oder einbinden und damit schrittweise die partiell unzureichende Quellenlage durch eine „Digitale Bibliothek des Judentums“ ersetzen könnte. Denkbar wäre ferner, im Rahmen dieser Virtuellen Fachbibliothek Compact Memory zu einer globalen Plattform auszubauen und diese zur Präsentation bzw. wechselseitigen Information von Forschungserträgen und -initiativen zu nutzen, die weitaus aktueller sein könnte als die herkömmlichen Printmedien. „Eine ‚Datenbank Jüdischen Wissens’ als Fernziel wäre zweifellos ein enzyklopädisches, angesichts der technischen Möglichkeiten aber kein utopisches Unternehmen.“ [20]

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Dr. Rachel Heuberger leitet die Hebraica- und Judaica-Abteilung der Frankfurter Universitätsbibliothek und ist zuständig für die Sondersammelgebiete Wissenschaft vom Judentum und Israel. E-Mail: r.heuberger@ub.uni-frankfurt.de


[1] Fellner, Fritz, Die Zeitung als historische Quelle, in: Scheichl, Sigurd Paul; Duchkowitsch, Wolfgang (Hgg.), Zeitungen im Wiener Fin de Siècle. Eine Tagung der Arbeitsgemeinschaften „Wien um 1900“ der Österreichischen Forschungsgemeinschaft, München 1997, S. 59-73, hier S. 72.

[2] Ebd.

[3] Horch, Hans Otto; Schicketanz, Till, „Ein getreues Abbild des jüdischen Lebens“. Compact Memory – Ein DFG-Projekt zur retrospektiven Digitalisierung jüdischer Periodika im deutschsprachigen Raum, in: Menora. Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte 12 (2001), S. 387-405. Vgl. <http://www.compactmemory.de>.

[4] Vgl. <http://www.stbib-koeln.de/judaica/> (28.03.2006).

[5] Zur Geschichte der Sammlung vgl. Heuberger, Rachel, Bibliothek des Judentums. Die Hebraica- und Judaica-Sammlung der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main – Entstehung, Geschichte und heutige Aufgaben. Zu Sammelauftrag und Aufgaben des Sondersammelgebiets vgl. <http://www.ub.uni-frankfurt.de/ssg/judaica.html> (28.03.2006).

[6] Vgl. <http://www.campus.rwth-aachen.de/rwth/all/unit.asp?gguid> (28.03.2006), vgl. auch Horch, Hans Otto; Schicketanz, Till, „Volksgefühl und Jüdischkeit“ – Julius und Fritz Mordechai Kaufmanns ‚Alljüdische Revue’. Die Freistatt, in: Hackl, Wolfgang; Krolop, Kurt (Hgg.), Wortverbunden – Zeitbedingt. Perspektiven der Zeitschriftenforschung, Innsbruck 2001, S. 183-197.

[7] Vgl. Horch, Hans Otto, Compact Memory. Ein DFG-Projekt zur retrospektiven Digitalisierung jüdischer Periodika im deutschsprachigen Raum, in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 53 (2006), 3-4, S. 177-180.

[8] Zum Förderprogramm vgl. <http://www.dfg.de/forschungsfoerderung/wissenschaftliche_infrastruktur/lis/projektfoerderung/foerderziele/index.html> (02.01.2005).

[9] Vgl. <http://www.semantics.de/> (28.03.2006).

[10] H[erlit]z, G[eorg]; P[robst], Mendel, Presse jüdische, in: Herlitz, Georg; Kirschner, Bruno (Hgg.), Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden, Berlin 1927-1930, 4 (1930), Sp. 1102-1110, hier Sp. 1107-1109.

[11] Flinker, David; Rosenfeld, Shalom; Tsanim, Mordechai (Hgg.), The Jewish Press that was. Accounts, Evaluations and Memories of Jewish Papers in Pre-Holocaust Europe, Jerusalem 1980.

[12] Heuberger, Rachel, Die Bestände der Judaica-Sammlung auf dem Weg ins Internet, in: Tribüne 39 (2000) 154, S. 35-38.

[13] Horch, Hans Otto; Schicketanz, Till; Heiligenhaus, Kay, Compact Memory – Ein Projekt zur retrospektiven Digitalisierung jüdischer Periodika im deutschsprachigen Raum, in: Nagel, Michael (Hg.), Zwischen Selbstbehauptung und Verfolgung. Deutsch-jüdische Zeitungen und Zeitschriften von der Aufklärung bis zum Nationalsozialismus, Hildesheim 2002, S. 351–359.

[14] Heiligenhaus, Kay; Schicketanz, Till, „Inseln im Meer des Beliebigen“. Architektur und Implementierung eines Internetportals Deutsch-jüdische Periodika, in: Jahrbuch für Computerphilologie 5 (2003), S. 67-96, vgl. <http://computerphilologie.uni-muenchen.de/jg03/schicketanz-heiligenhaus.html> (28.03.2006).

[15] Schicketanz, Till, <http://www.compactmemory.de>. Jüdische Periodika im Internet, in: Staatsbibliothek zu Berlin (Hg.), IIE aktuell, Mitteilungen aus der Abteilung Überregionale Bibliographische Dienste (IIE), 23/24 (Dezember 2003), S. 13-15.

[16] Nähere Angaben zum Funktionsumfang der Visual Library unter <http://www.semantics.de/produkte/visual_library/> (02.01.2005).

[17] Heiligenhaus; Schicketanz, Inseln (wie Anm. 14).

[18] Vgl. <http://www.compactmemory.de>.

[19] Schwarz, Johannes V., Compact Memory – Retrospektive Digitalisierung jüdischer Periodika im deutschsprachigen Raum, in: H-Soz-u-Kult – Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=30&type=rezwww> (05.03.2004).

[20] Horch; Schicketanz; Heiligenhaus, Compact Memory (wie Anm. 13).


Not ready for the Semantic Web – Kommentar zu Status und Perspektiven deutschsprachiger historischer Fach- und Themenportale

von Michael Kröll

Anhand einer Analyse dreier deutschsprachiger Fachportale zur Zeitgeschichte werden Status und Perspektiven entsprechender Portale diskutiert. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Ausschöpfung des Potenzials aktueller Informationstechnologien im Allgemeinen und des Internets im Besonderen gelegt: Inwieweit werden technische und Metadatenstandards berücksichtigt und warum sind diese wichtig? Welche Rolle spielen Barrierefreiheit und Usability? Welchen Platz nehmen historische Fach- und Themenportale im Netz historischer Webseiten im Internet ein? Zum Abschluss des Beitrags wird der Status historischer Fach- und Themenportale hinsichtlich der Vision des Semantic Webs analysiert.

***

Während der letzten elf Jahre wurden in Deutschland und Österreich drei bedeutende Fachportale mit dem Fokus Zeitgeschichte aufgebaut. Alle drei Projekte teilen sich den Anspruch, das Einstiegsportal für die Zeitgeschichtsforschung und –lehre im Internet zu entwickeln. Neben dieser Gemeinsamkeit unterscheiden sich die drei Projekte hingegen wesentlich in Bezug auf den Projektbeginn oder die zur Verfügung stehenden Ressourcen, die angesichts der institutionellen Verankerung zu erwarten sind. Anhand einer vergleichenden Analyse [1] von Zeitgeschichte-Online (ZOL) [2] , der Virtual Library Zeitgeschichte [3] und des Zeitgeschichtlichen Informationssystems [4] werden in diesem Beitrag Status und Perspektiven deutschsprachiger historischer Fach- und Themenportale diskutiert. Als wesentliches Kriterium für die Auswahl der drei Portale wurde die Vergleichbarkeit hinsichtlich des zumindest ursprünglich identischen, mittlerweile nur mehr ähnlichen Anspruches der jeweiligen Projekte gewählt. Es wird dabei davon ausgegangen, dass sich die meisten Probleme und Potenziale zeithistorischer Portale durchaus auf historische Portale verallgemeinern lassen.

Basisinformationen zu den drei Fachportalen

Das ZIS ist aufgrund seiner Verfügbarkeit seit 1995 das älteste der drei Portale. Betreut vom Institut für Zeitgeschichte der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, bietet ZIS zum Zeitpunkt der Erfassung der Datenbasis im April 2005 eine annotierte Linkdatenbank mit rund 800 Einträgen, Primärquellen zur Österreichischen Geschichte des 20. Jahrhunderts und Dokumentationsprojekte zur Geschichte Südtirols sowie zum Thema „Beziehungen Österreich-Israel seit 1945“. Die aktuellste Besprechung von ZIS wurde von Martin Gasteiner und Christian Pape im Jahr 2005 [5] veröffentlicht. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten wird ZIS seit 2002 nur mehr unregelmäßig in sehr geringem Ausmaß aktualisiert.

Die VLZ, Bestandteil der WWW Virtual Library [6] , entstand aus dem Zusammenschluss der Virtual-Library-Sektionen „Drittes Reich/Zweiter Weltkrieg“ und „20. Jahrhundert“ im Jahr 2003. Betreut wird die VLZ durch das engagierte Redaktionsteam Ralf Blank und Stephanie Marra auf ehrenamtlicher Basis. Im November 2005 wurde die VLZ Ziel einer Hackerattacke, von der sie sich erst wieder nach einem Relaunch im April 2006 erholt hat. Die aktuellste Rezension wurde 2004 von Ingrid Böhler und Michael Gehler [7] veröffentlicht.

ZOL ist ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Gemeinschaftsprojekt des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) Potsdam und der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (SBB) in Berlin. Das Portal ging Anfang 2004 online und arbeitet eng mit zwei der wichtigsten Portale für die Geschichtswissenschaften im deutschen Sprachraum, Clio-online [8] und H-Soz-u-Kult [9] , zusammen. ZOL beinhaltet eine Datenbank zu Institutionen und Personen zum Thema Zeitgeschichte, einschlägige Themenbereichshomepages und Online-Foren sowie eine annotierte Linkdatenbank mit rund 2.100 Einträgen (Stand April 2005). Zusätzlich wird mit H-Soz-u-Kult/Zeitgeschichte (HSK/ZOL) ein Fachforum zur Zeitgeschichte angeboten. Die aktuellste Rezension von ZOL wurde von Dirk van Laak im Juli 2004 [10] veröffentlicht. Die der vergleichenden Analyse der Portale zu Grunde liegende Datenbasis wurde im April 2005 erfasst.

Methoden zur Evaluation von Fach- und Themenportalen

Die in den letzten rund 150 Jahren entwickelten historischen Methoden und Qualitätsstandards für die Geschichtswissenschaften können auch auf online verfügbare historische Inhalte angewandt werden. Im Gegensatz dazu fehlen jedoch noch Methoden und Standards, welche die „sekundären Aspekte“ [11] von historischen Online-Inhalten betreffen: technische Form und Struktur, Metadaten und Verlinkungen. Nur wenn sich solche Standards innerhalb der Online-Geschichtswissenschaften etablieren, sind die Voraussetzungen für eine effiziente Erschließung eines geschichtswissenschaftlichen Informationsraums gegeben – Voraussetzungen, die eine wesentliche Grundlage für die Teilnahme an der Vision eines zukünftigen Semantic Web [12] darstellen. [13]

Tim Berners-Lee, „Erfinder“ des aktuellen World Wide Web, konzipierte das Semantic Web als „an extension of the current web in which information is given well-defined meaning, better enabling computers and people to work in cooperation.” [14] Dieses World Wide Web der nächsten Generation sollte unter anderem die Beschränkungen aktueller Suchmaschinen überwinden und eine originäre neue Qualität von Wissensentwicklung bereitstellen. Auch wenn diese Vision von Berners-Lee zum Teil utopisch klingen mag, so wurde die technologische Grundlage für das Semantic Web bereits in den letzten Jahren gelegt. Gleichzeitig wurde noch nie so intensiv wie in diesen Monaten an dessen Weiterentwicklung gearbeitet. [15]

Bevor Standards für die technische Form und Struktur, Metadaten und Verlinkungen von historischen Online-Inhalten entwickelt und angewandt werden können, ist es notwendig, sich ein Bild über den aktuellen Stand in der Online-Welt zu machen. Für den Bereich der Zeitgeschichtsforschung existieren dafür bereits systematische Evaluierungen. [16] Zusätzlich dazu werden im Rahmen dieses Beitrags Aspekte eines Methodenkanons zur Evaluierung von Fachportalen vorgestellt. Dabei wird in Ergänzung zu bestehenden Evaluierungen ein größerer Schwerpunkt auf einen empirischen und technischen Ansatzpunkt gelegt.

Generische technische Evaluationsmethoden für Webseiten

Das heutige Internet würde ohne grundlegende technische Standards nicht existieren. Unabhängig vom Inhalt der Webseiten bieten sich eine Reihe von Evaluationsmethoden an, die die Konformität hinsichtlich allgemeiner technischer Webseiten-Standards überprüfen.

Syntaktische Standards

Das W3-Konsortium [17] , hauptsächlich verantwortlich für die Erstellung von Web-Standards, bietet Validierungsprogramme für syntaktische Webseiten-Standards an. Die Anwendung dieser Validierungsprogramme für die Startseiten der drei zeithistorischen Fachportale hinsichtlich der HTML- und CSS-Gültigkeit zeigt auf, dass alle drei Seiten syntaktisch ungültig sind. Die Fehleranzahl reicht dabei von sechs bis 410 Fehlern. Trotz der syntaktischen Ungültigkeit können die Webseiten mit den meisten Web-Browsern abgerufen werden. Wahrscheinlich sind die Autoren/innen der HTML- und CSS-Dokumente sich der fehlenden Standardkonformität nicht bewusst, oder beachten diese kaum.

Metadatenstandards

Nur wenn Webseiten syntaktisch gültig sind, zum Beispiel durch eine Auszeichnung in gültigem (X)HTML, können Softwareprogramme daraus verlässlich Informationen gewinnen. Neben dieser formalen Gültigkeit ist die Verwendung von verbreiteten Metadatenstandards eine der Grundlagen für ein zukünftiges Semantic Web. Für Webseiten bietet sich die Metadatenauszeichnung Dublin Core [18] als de facto-Standard an. ZIS ist das einzige der drei hier exemplarisch untersuchten Fachportale, welches Dublin Core, wenn auch nur bei den Einstiegsseiten verwendet. Die anderen Portale verwenden keinen vergleichbaren Metadatenstandard oder zeichnen dessen Verwendung nicht auf den jeweiligen Web-Seiten aus. Genau das wäre aber für eine automatisierte Verarbeitung hinsichtlich eines Semantic Web notwendig.

Barrierefreiheit

Einen weiteren generischen Faktor für die Qualität von Webseiten stellt deren Konformität mit Richtlinien zur Barrierefreiheit dar, wie zum Beispiel die der Web Accessibility Initiative (WAI) [19] des World Wide Web Consortium (W3C) oder einschlägigen nationalen Gesetzen, wie zum Beispiel dem Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) in Deutschland [20] oder dem Abschnitt 508 (Section 508) [21] des Rehabilitation Act der USA. Wie bei den Tests zu den syntaktischen Standards zeigt die Verwendung von Validierungsprogrammen [22] , dass keines der drei Fachportale barrierefreie Webseiten im Sinne der WAI anbietet. Im Gegensatz zu den HTML- und CSS-Validierungstests sind die negativen Konsequenzen von nicht-barrierefreien Webseiten wesentlich schwerwiegender für Menschen mit Behinderungen und deswegen ist diesbezüglich großer Handlungsbedarf zu attestieren.

Usability

Die Evaluierung der Bedienbarkeit von Webseiten wird durch eine Reihe von Web-spezifischen Problemen erschwert: Unterschiedliche Konfigurations- und Versionsszenarien führen potentiell zur komplett verschiedenen Darstellung einzelner Seiten für verschiedene Benutzer/innen. Zusätzlich sind die jeweiligen Benutzer-Zielgruppen aufgrund der globalen Natur des Internets schwer einzugrenzen. Die Eigenschaft des Internets, sich in sehr kurzer Zeit schnell zu verändern, erfordert relativ kurze Entwicklungszyklen für Webseiten, was wiederum die konsequente Einarbeitung der Erkenntnisse von Usability-Studien erschwert.

Diese wenigen Punkte Web-spezifischer Probleme des Bereichs Web-Usability beleuchten nur eine Auswahl von Herausforderungen, denen sich die Anwendung von allgemeinen Web-Usability-Methoden stellen muss. Nicht zuletzt deswegen ist es wenig verwunderlich, dass bisher noch keines der einschlägigen Standardisierungsgremien generische Web-Usability-Standards veröffentlicht hat.

Gleichwohl existieren von Einzelpersonen veröffentlichte Web-Usability-Richtlinien [23] , Checklisten und Kriterien. [24] Für den Usability-Test der drei zeithistorischen Fachportale wurden zum einen die „Best practices for web interfaces of searchable databases” [25] von Nicole Hennig und Christine Quirion und zum anderen eine Auswahl der „Web Design Mistakes“ von Jakob Nielsens „Alert Boxes“ [26] als generische Richtlinien verwendet. Detailergebnisse samt der konkret verwendeten Kriterien finden sich auf der Homepage der vergleichenden Studie der drei zeithistorischen Fachportale. [27] Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass alle drei Fachportale vergleichbar gut bewertet werden konnten. Hinsichtlich der Kriterien für durchsuchbare Datenbanken konnte ein befriedigendes, hinsichtlich der generischen Kriterien ein gutes Ergebnis konstatiert werden. Alle drei zeithistorischen Fachportale bieten eine benutzbare Plattform für die beiden Prototypen von Web-Benutzern/innen: Die „Link-Dominanten“ und die „Such-Dominanten“. [28] Ebenso wird ein weiteres wichtiges Usability-Kriterium erfüllt, indem auf den jeweiligen Webseiten der Benutzungskontext relativ klar ersichtlich gemacht wird: Wo bin ich? Was kann ich hier machen? Wohin komme ich von hier aus? [29]

Ein Framework für spezifische Analysen

Die im letzten Abschnitt diskutierten allgemeinen technischen Evaluationsmethoden für Webseiten können nur relativ unspezifische Antworten beisteuern. Für genauere Fragestellungen, vor allem im Kontext einer empirisch-quantitativen Analyse, werden spezifischere Methoden bzw. Softwareprogramme benötigt. Im Rahmen der vergleichenden Analyse der drei zeithistorischen Fachportale wurden ein Crawler-Programm und eine Datenbank entwickelt, die nach der empirischen Erfassung der Inhalte der jeweiligen Linkdatenbanken Material für die weitere Analyse liefern konnten. Da von den Fachportalen keine öffentlichen Schnittstellen für die automatisierte Abfrage von Inhalten, wie es zum Beispiel ein Web Service oder eine OAI-PMH [30] -Schnittstelle ermöglichen würden, zur Verfügung gestellt wird, musste die Verarbeitung der Quelldaten zum Teil mit heuristischen Methoden erfolgen. So war es zum Beispiel nicht durchgehend automatisiert möglich, Metadaten der jeweiligen Fachportal-Datenbanken eindeutig den Dublin Core-basierten Feldern in der gemeinsamen Analyse-Datenbank zuzuweisen.

Die in der gemeinsamen Analyse-Datenbank vom Crawler-Programm erfassten, aus den Linkdatenbanken der drei Fachportale stammenden 3.646 Einträge ermöglichten nun die Beantwortung einer Reihe von Fragestellungen, die insbesondere für die Qualität von Fachportalen relevant sein dürften.

Gültigkeit der Linkdatenbankeinträge

21 Prozent der Einträge der Linkdatenbank des Zeitgeschichte-Informationssystems waren zum Zeitpunkt der Analyse am 14. April 2005 nicht erreichbar: [31] Von der VLZ-Linkdatenbank waren im Verhältnis nur neun Prozent und von Zeitgeschichte-Online nur drei Prozent nicht erreichbar.

Klassifikationsanalyse

Die Sacherschließung ist eine der aufwändigsten und Ressourcen-intensivsten Aufgaben der bibliografischen Erfassung. Für die verbale Sacherschließung bietet sich ein kontrolliertes Vokabular oder ein fachspezifischer Thesaurus an. Applikationen, die eine komplett freie Dateneingabe ermöglichen, wie es zum Beispiel bei ZOL der Fall zu sein scheint, sind dem Informationsgewinn nicht sonderlich zuträglich. Bei ZOL findet sich das Konzept von „Arbeiterbewegung“ in vier verschiedenen Stichwörtern wieder: „Arbeiterbewegeung“, „Arbeiterbewegung“, „Arbeiterbewegungen“ und „Arbeiterbewgung“. Ähnliche Rechtsschreib- bzw. Tippfehler bzw. redundante Klassifikationen konnten durch die Verwendung von Duplikat-Erkennungs-Algorithmen ebenso in den zwei anderen Linkdatenbanken gefunden werden. [32]

In der ZOL-Linkdatenbank findet sich eine weitere Auffälligkeit bezüglich der Schlagwortkatalogisierung: Knapp 44 Prozent der verwendeten Schlagwörter werden nur einmal verwendet. Unabhängig von den Ursachen dafür, wird der Sinn der Sacherschließung durch diese hohe Anzahl der einmaligen Verwendung von Stichwörtern stark relativiert.

Analyse gemeinsamer URLs

Beim Vergleich dreier Linkdatenbanken mit einem gemeinsamen inhaltlichen Schwerpunkt liegt die Frage nach gemeinsamen URLs recht nahe. Von den in Summe 3.370 verschiedenen normalisierten [33] URLs in den drei Linkdatenbanken, sind nur 195 (5,79 Prozent) mindestens zwei gemeinsam und nur 24 (0,71 Prozent) sind allen drei Linkdatenbanken gemeinsam. Diese überraschend geringe Anzahl gemeinsamer URLs stellt die Vergleichbarkeit aber auch die Repräsentanz der drei Fachportale, nicht zuletzt hinsichtlich des jeweiligen zumindest ursprünglichen Anspruchs eine autoritative Quelle für das Fach zu sein, stark in Frage. Mit nur 24 gemeinsamen Einträgen ist es dafür um einiges leichter, eine detaillierte Klassifikationsanalyse zu unternehmen: Kein einziges Stichwort wird für einen der 24 Einträge von allen drei Linkdatenbanken verwendet. Bei 16 Einträgen findet sich zumindest ein identisches Stichwort bei zwei der Linkdatenbanken. Als Beispiel sei die Verschlagwortung der Homepage Chronik der Mauer [34] in der folgenden Tabelle gezeigt:

Zeitgeschichte Informationssystem

Berliner Mauer, Bibliografie, DDR, Kalter Krieg

Virtual Library Zeitgeschichte

Mauerbau und Grenzbefestigung, Nachkriegszeit

Zeitgeschichte-Online

Berlin, Berlinpolitik, Grenzen, Mauerbau, Zeitzeuge

Analyse doppelter URLs

Das Web bietet mehrere Möglichkeiten, identische Ressourcen unter Verwendung verschiedener URLs anzusprechen. So genannte Host Aliases oder Directory Index Files ermöglichen es zum Beispiel, dass verschiedene URLs [35] auf dieselben Web-Dokumente zeigen. Identische Inhalte können mit Message Digest Algorithmen [36] erkannt werden. Dabei werden von den jeweiligen Inhalten der Web-Dokumente eindeutige Hashwerte berechnet, die dann untereinander – ähnlich zu einer Prüfsumme – verglichen werden können. Wenn die Hashwerte identisch sind, sind die Web-Dokumente mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit [37] auch identisch. Mithilfe dieser Methode konnten in den drei Linkdatenbanken mehrere Dokumente, die unter verschiedenen URLs gespeichert wurden, identifiziert werden. [38]

Informationsnetzwerkanalyse

Das für die vergleichende Analyse der drei zeithistorischen Fachportale entwickelte Crawlerprogramm hat neben den Linkdatenbankeinträgen und deren Metadatenklassifizierung unter anderem auch die ausgehenden Hyperlinks zu den anderen Linkdatenbankeinträgen über die ersten drei Homepage-Ebenen („Clicks“) erfasst. Der daraus resultierende Graph lässt sich nun mit den aus der sozialen Netzwerk-Analyse [39] stammenden Methoden analysieren. So kann zum Beispiel der durch Google [40] bekannte PageRank-Algorithmus [41] für das sich über die gemeinsamen Linkdatenbankeinträge erstreckende ZIS/ZOL/VLZ-Netzwerk angewandt werden. Die density of ties, die Dichte der Bindungen des Netzwerks, stellt eine für die Netzwerk-Analyse spezifische Eigenschaft dar. Ein Netzwerk hat eine Dichte von 100 Prozent, wenn jeder Knoten im Netzwerk mit jedem anderen verlinkt ist. Erstaunlich für das ZIS/ZOL/VLZ-Netzwerk ist dessen sehr geringe Dichte von 0,3 Prozent. Anders ausgedrückt sind nur äußert wenige Linkdatenbankeinträge der drei Datenbanken untereinander verlinkt. Diese Tatsache für sich allein könnte für die Existenz von Fach- und Themenportalen, die diese Lücken auffüllen, sprechen, sofern nicht ein Dienst wie Google dem zuvorkommt.

These: Fachportale werden als Drehscheiben in historischen Netzwerken gebraucht

Wie der vorhergehende Abschnitt verdeutlicht, ist die Dichte des ZIS/ZOL/VLZ-Netzwerks sehr niedrig. Nur eine verschwindend geringe Anzahl von Webseiten sind untereinander verlinkt. Einer der Hintergründe dafür dürfte unter anderem in der immer noch zögernden Haltung deutschsprachiger Historiker/innen gegenüber dem Themenbereich Computing in the Humanities im allgemeinen [42] und gegenüber dem World Wide Web im besonderen zu suchen sein.

In der im Jahr 2003 von Horst Möller und Udo Wengst herausgegebenen Einführung in die Zeitgeschichte findet sich nur ein einziger Abschnitt in Bezug zum Thema Computing in the Humanities. Als Teil des Kapitels „Praktische Hilfsmittel“ wird dort auf sechs Seiten das Thema „Internet“ [43] behandelt. In Bezug auf den Nutzen für Studierende der Zeitgeschichte folgt die Qualität des Beitrags leider dessen Umfang und spiegelt gleichzeitig die Einstellung zur Relevanz des Internets für die Zeitgeschichtswissenschaften im deutschen Sprachraum wieder. Eine Relevanz, die im Vorwort desselben Buches, das nicht zuletzt von einer der größten akademischen Institutionen zur Zeitgeschichte im deutschen Sprachraum veröffentlicht wurde, per se lapidar in Frage gestellt wird. [44]

Der Charakter der meisten in den Linkdatenbanken der drei zeithistorischen Fachportale erfassten Webseiten kann als weiterer Grund für den sehr niedrigen Verlinkungsgrad angesehen werden: Viele der Seiten haben einen hauptsächlich repräsentativen Charakter für die jeweilig dahinterstehende Institution und bieten weder interaktive Elemente wie zum Beispiel Diskussionsforen, noch Quellenmaterialien, noch andere Ressourcen, die potentiell für Forschung und Lehre besonders interessant sein könnten. Das Interesse, auf eine Webseite zu verlinken, wird darüber hinaus dadurch entkräftet, dass viele Seiten wissenschaftliche Publikationsstandards [45] nicht erfüllen. Die meisten Webseiten entbehren eines Links zu themenverwandten Angeboten. Leider muss festgestellt werden, dass die ursprüngliche Idee des Hypertexts den Durchbruch im Zeitgeschichte-Netzwerk bisher nicht geschafft hat.

Für Zeitgeschichtswissenschaftler/innen im deutschen Sprachraum hat sich die H-Net-Mailingliste H-Soz-u-Kult [46] als zentrales Organ für die fachspezifische Kommunikation und Fachinformation [47] etabliert. Webseiten, Fachportale eingeschlossen, spielen nur eine sekundäre Rolle [48] , obwohl gerade hinsichtlich des redaktionellen Qualitätsfilters die Fachportale gegenüber den Volltextsuchmaschinen punkten können. Unabhängig von H-Soz-u-Kult werden interessierte Nicht-Wissenschaftler/innen, Studieninteressierte oder niedrigsemestrige Studierende die Online-Zeitgeschichte primär vom Blickwinkel des World Wide Web aus sehen. Nicht zuletzt deshalb kann in Anbetracht des aktuellen Status des Internet die Existenz von Fachportalen, die die großen Lücken im Zeitgeschichte-Netzwerk füllen, als Notwendigkeit angesehen werden.

Dieser Schluss kann – ohne sich allzu weit auf das spiegelglatte Terrain der Spekulation zu begeben – von der Zeitgeschichte auf die allgemeine Geschichte im Internet erweitert werden. Die Geschichtswissenschaften müssen sich im Rahmen aktueller Wissenschaftspolitik permanent neu beweisen. Fachportale könnten ihre Funktion als Kommunikations- und Informationsmedium sowohl für Geschichtswissenschaftler/innen als auch für Nicht-Geschichtswissenschaftler/innen langfristig besser wahrnehmen, wenn sie sich rechtzeitig auf zukünftige Entwicklungen wie einem Semantic Web vorbereiten. Nicht zuletzt ermöglichen Standardkompatibilität und Interoperabilität bisher kaum genutzte Kooperationsmöglichkeiten. Auch wenn sich etwa mehrere Portale ihre Inhalte teilen würden, bliebe mehr als genug Arbeit für alle. Beim aktuellen Status der Implementierung wichtiger Fachportale würden solche Kooperationen schon alleine aufgrund des technischen Aufwands scheitern bzw. gar nicht erst angedacht werden.

Schluss

Um über den Status aktueller historischer Fachportale Auskunft zu geben, wurden exemplarisch die drei größten zeithistorischen Fachportale evaluiert. Wie die Anwendung generischer technischer Evaluationsmethoden für Webseiten zeigen konnte, ist die Unterstützung formaler Standards der drei Portale ungenügend ausgeprägt: Weder syntaktische, noch Metadaten, noch Standards zur Barrierefreiheit werden im ausreichenden Maße unterstützt. Eine Untersuchung zur Usability unter Verwendung zweier angepasster Richtliniensets hat aufgezeigt, dass die drei Fachportale hinsichtlich der Kriterien für durchsuchbare Datenbanken ein befriedigendes, hinsichtlich generischer Kriterien zur Web-Usability ein gutes Ergebnis erlangen konnten.

Für weitergehende Analysen war es notwendig, ein speziell angepasstes Crawler-Programm zu entwickeln, um die Quelldaten der jeweiligen Linkdatenbanken zu erfassen, da kein standard-basiertes Interoperabilitäts-Framework von den drei Fachportalen öffentlich zur Verfügung gestellt wird. Die Analyse der über dieses Crawler-Programm erfassten Daten konnte zeigen, dass die Eingabesysteme der Fachportale die Eingabe von doppelten Einträgen, Tippfehler bzw. redundante Einträge bei der Verschlagwortung nicht verhindern sowie ungültige Einträge nicht ausreichend erkennen.

Die Linkdatenbanken der drei Portale teilen sich weniger als ein Prozent der URLs, was eine sehr geringe Dichte des ZIS/VLZ/ZOL-Netzwerks andeutet. Die Anwendung von Methoden der Informationsnetzwerkanalyse, durch die unter anderem der Verlinkungsgrad von Netzwerken berechnet werden kann, verstärkt diese Indikation. Die vergleichende Analyse der drei Fachportale hat gezeigt, dass das Potenzial aktueller Web-Technologien und Metadatenstandards nicht genutzt wird. Vor allem angesichts der Entwicklungen in Richtung des Semantic Web bleibt zu hoffen, dass die Fachportale ihre Standardkompatibilität und Interoperabilität verbessern werden. Dem Autor sind keine vergleichbaren Studien zu allgemeinen historischen Portalen bekannt. Vor allem hinsichtlich der generischen technischen Qualitätsfaktoren von Webseiten ist jedoch sehr wahrscheinlich davon auszugehen, dass sich die Probleme der Umsetzung der zeithistorischen Portale durchaus auf historische Portale verallgemeinern lassen.

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Michael Kröll schloss das Geschichtsstudium an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck mit seiner Diplomarbeit „A Field Study of Subject Gateways on 'Zeitgeschichte'. Applied Historical Information Science“ ab. Während und nach dem Studium war er Mitarbeiter des „Zeitgeschichte Informationssystems“(ZIS) am Institut für Zeitgeschichte der Leopold-Franzens-Universität und bis Januar 2006 Mitarbeiter am Zentralen Informatikdienst der Universität Innsbruck. Seitdem arbeitet er als Softwareentwickler in Wien. E-Mail: michael.kroell@uibk.ac.at


[1] Eine detaillierte Aufarbeitung dieser vergleichenden Analyse findet sich unter Kröll, Michael, A Field Study of Subject Gateways on 'Zeitgeschichte'. Applied Historical Information Science, <http://pepl.info/papers/fieldstudy_sg_ zeitgeschichte/> (18.02.2006).

[2] Vgl. <http://www.zeitgeschichte-online.de>.

[3] Vgl. <http://www.vl-zeitgeschichte.de>.

[4] Vgl. <http://zis.uibk.ac.at>.

[5] Gasteiner, Martin; Pape, Christian, Clio-online Guide Österreich, <http://www.clio-online.de/site/lang__de/mid__11265/ModeID__0/PageID__198/40208183/default.aspx> (17.02.2006).

[6] <http://vlib.org/>. Die 1991 von Tim Berners-Lee, dem „Erfinder“ des WWW, gegründete Virtual Library ist der älteste redaktionell betreute Katalog von WWW Ressourcen.

[7] Böhler, Ingrid; Gehler, Michael, Wendungen nach innen? Selektive Blicke auf die Zeitgeschichte, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 1 (2004), <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Boehler-Gehler-1-2004> (01.03.2005).

[8] <http://www.clio-online.de/>. Gefördert wird Clio-online durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).

[9] Vgl. Hohls, Rüdiger, H-Soz-u-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften, in: Historical Social Research (HSR) 29, 1 (2004), S.212-232 und <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/> ( 20.01.2006).

[10] Van Laak, Dirk, Rez. WWW: Zeitgeschichte-online, in: H-Soz-u-Kult, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=48&type=rezwww> (18.01.2005).

[11] Enderle, Wilfried, Der Historiker, die Spreu und der Weizen, zur Qualität und Evaluierung geschichtswissenschaftlicher Internet-Ressourcen, in: Geschichte und Internet – Raumlose Orte, geschichtslose Zeit? Geschichte und Informatik – Histoire et Informatique 12 (2001), in: Hist.Net, <http://www.hist.net/hs-kurs/qualitaet/doku/enderle_qualitaet.pdf> (17.01.2006), S. 62.

[12] Einen Überblick zum Thema "Semantic Web" bieten Miller, Eric; Swick, Ralph, An Overview of W3C Semantic Web Activity, in: Bulletin of the American Society for Information Science and Technology 29, 4 (2003), S. 8-11, <http://www.asis.org/Bulletin/Apr-03/millerswick.html> (09.04.2005).

[13] Vgl. Enderle, Wilfried, Geschichtswissenschaft, Fachinformation und das Internet, in: eforum zeitGeschichte 3, 4 (2001), S. 7, <http://www.eforum-zeitgeschichte.at/3_01a7.pdf> (17.01.2006).

[14] Berners-Lee, Tim u.a., The Semantic Web. A new form of Web content that is meaningful to computers will unleash a revolution of new possibilities, in: Scientific American, May 2001, <http://www.scientificamerican. com/article.cfm?articleID=00048144-10D2-1C70-84A9809EC588EF21&catID=2> (27.01.2006).

[15] Vgl. The W3C Semantic Web homepage: <http://www.w3.org/2001/sw/> (20.01.2006).

[16] Vgl. Wirtz, Stephan, Marktanalyse. Deutschsprachige Online- und CD/DVD-Produktionen zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust. Ein Projekt des Fritz Bauer Instituts im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung, <http://www.fritz-bauer-institut.de/forschung/medienstudie.htm> (20.01.2006) und Dornik, Wolfram, Zeitgeschichte und Internet. Diss., Graz 2003.

[17] <http://www.w3.org/> (20.01.2006).

[18] <http://www.dublincore.org/> (20.01.2006). Einen kurzen Überblick und eine Einführung in die Verwendung bietet Hillman, Diane, Using Dublin Core, <http://www.dublincore.org/documents/usageguide/> (03.03.2005).

[19] <http://www.w3.org/WAI/> (20.01.2006).

[20] Dort werden unter anderem Bestimmungen für eine barrierefreie Informationstechnik im § 11 geregelt. Allgemeine Informationen zu diesem Gesetz finden sich unter: <http://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_zur_Gleichstellung_behinderter_Menschen> (23.06.2006).

[21] <http://www.section508.gov/>, (23.06.2006).

[22] Die für die WAI/WCAG und Section 508 Richtlinien verwendeten Validierungsprogramme finden sich unter: <http://www.contentquality.com/>, (20.01.2006).

[23] Vgl. Nielsen, Jakob, Original Top Ten Mistakes in Web Design, <http://www.useit.com/alertbox/9605a.html> (26.11.2005); Ders., The Top Ten New Mistakes of Web Design, <http://www.useit.com/alertbox/990530.html> (26.11.2005); Ders., 'Top Ten Mistakes' Revisited Three Years Later, <http://www.useit.com/alertbox/990502.html> (26.11.2005); Ders., Top Ten Web Design Mistakes of 2002, <http://www.useit.com/alertbox/20021223.html> (26.11.2005); Ders., Top Ten Guidelines for Homepage Usability, <http://www.useit.com/alertbox/20020512.html> (26.11.2005); Ders., Top Ten Web Design Mistakes of 2003, <http://www.useit.com/alertbox/20031222.html> (26.11.2005); Ders., The Ten Most Violated Homepage Design Guidelines, <http://www.useit.com/alertbox/20031110.html> (26.11.2005); Ders., Top Ten Mistakes in Web Design, <http://www.useit.com/alertbox/9605.html> (26.11.2005); Ders., Top Ten Web Design Mistakes of 2005, <http://www.useit.com/alertbox/designmistakes.html> (26.11.2005) und Koyani, Sanjay J.; Bailey, Robert W.; Nall, Janice R.; Allison, Susan; Mulligan, Conrad; Bailey, Kent; Tolson, Mark, Research-Based Web Design & Usability Guidelines. National Cancer Institute’s Communication Technologies Branch, Bethesda 2003.

[24] Vgl. Hennig, Nicole; Quirion, Christine: Best practices for web interfaces of searchable databases, <http://macfadden.mit.edu:9500/webgroup/heuristics/index.html> (01.12.2005).

[25] Ebd.

[26] Vgl. Anm. 23.

[27] Kröll, A Field Study of Subject Gateways (wie Anm. 1).

[28] Diese beiden Begriffe wurden von Jakob Nielsen geprägt: Nielsen, Jakob: Search and You May Find, <http://www.useit.com/alertbox/9707b.html> (26.11.2005); Ähnlich dazu Krug, Steve, Don't Make Me Think. A Common Sense Approach to Web Usability, Indianapolis 2000, S. 54 und Kyunghye, Kim, A Model-based Approach to Usability Evaluation for Digital Libraries, Portland 2002, S. 33-36 <http://www.uclic.ucl.ac.uk/annb/docs/Kim33.pdf> (28.11.2005) (“scanning” vs. “searching”). Die Ergebnisse der Usability Studie Mitchell, W. Bede; Davidson, Laura; Ziegler, Rebecca und Viles, Ann: Testing the Design of a Library Information Gateway, <http://library.georgiasouthern.edu/usability/acrlwebpapers5.pdf> (02.04.2005) sind in diesem Kontext ebenfalls interessant. Dort erwies sich die Mehrheit der Benutzer/innen als “Search-Dominant” und fast zu sehr vom “Google-Komfort” verwöhnt: “The finding that came out most forcefully was that students want a white box into which they can type their search terms. If students have to go beyond two screens to find such a box, they become frustrated and impatient“.

[29] Vgl. Krug, Steve, Don't Make Me Think (wie Anm. 25), S. 87: “Trunk Test” und Theng, Yin Leng; Buchanan, George; Thimbleby, Harold und Mohd-Nasir, Norliza, Purpose and usability of digital libraries,Texas 2000, <http://www.uclic.ucl.ac.uk/harold/srf/dl00-purpose.pdf> (01.12.2005), S. 239: “Feeling Lost”.

[30] OAI PMH steht für Open Archive Initiative Protocol for Metadata Harvesting. Vgl. Caplan, Priscilla, OAI-PMH, in: Computers in Libraries 24, 2 (2004), S. 24 für Informationen zum Protokoll und Kelly, Brian, Interoperable Digital Library Programmes? We Must Have QA!, Bath 2004, S. 80-85 bezüglich allgemeiner Überlegungen zur Interoperabilität von Digitalen Bibliotheken. Enderle, Wilfried, Der Historiker, die Spreu und der Weizen (wie Anm. 8), S. 60 weist eine OAI-Schnittstelle als eines der Qualitätskriterien für ein Fachportal aus.

[31] Unerreichbarkeit wird hier über einen HTTP Response Status Code mit einem Wert über 400 definiert.

[32] Für die vergleichende Analyse wurden der Wortstamm und die Soundex und Levenshtein Edit Distance-Algorithmen zur Duplikatserkennung von Stichwörtern verwendet. Weiterführende Informationen zu diesem Thema bieten Hernández, Mauricio A.; Stolfo, Salvatore J., Real-world Data is Dirty: Data Cleansing and The Merge/Purge Problem, in: Data Mining and Knowledge Discovery 2, 1 (1998), S. 9-37, <http://springerlink.metapress.com/openurl.asp?genre=article&id=doi:10.1023/A:1009761603038> (01.05.2005).

[33] Bevor die Liste der verschiedenen, das heißt eindeutigen URLs erstellt wurde, wurden die URLs normalisiert. Dafür wurden durch formale Unterschiede in der URL hervorgerufene Duplikate, wie zum Beispiel verschiedene Schemata „http“ oder „https“, oder ein angehängter Schrägstrich am Ende der URL entfernt. Die URLs <http://zis.uibk.ac.at/> und <http://zis.uibk.ac.at/> wurden zum Beispiel dadurch nur einmal gezählt.

[34] Vgl. <http://www.chronik-der-mauer.de/>.

[35] Das gilt zum Beispiel für: <http://www.h-net.org/~german/> und <http://www2.h- net.msu.edu/~german/> bzw. <http://www.icbh.ac.uk/icbh/> und <http://www.ihrinfo.ac.uk/icbh/welcome.html>.

[36] Für diese Analyse wurde der MD5-Algorithmus verwendet. Vgl. dazu <http://de.wikipedia.org/wiki/Md5> (23.06.2006).

[37] Über die Hintergründe des im Prinzip möglichen Auftretens identischer Hashwerte für unterschiedliche Inhalte, so genannte Kollisionen, gibt <http://de.wikipedia.org/wiki/Hash-Funktion> (23.06.2006) Auskunft.

[38] So finden sich in der ZIS-Datenbank neun Dokumente über 19 URLs wieder. Die ZOL-Datenbank speichert 11 Dokumente über 26 URLs und die VLZ-Datenbank vier Dokumente über acht URLs. In anderen Worten: Das gleiche Dokument wurde in die VLZ-Datenbank in vier Fällen mit zwei verschiedenen URLs eingegeben.

[39] Eine Einführung in die soziale Netzwerk-Analyse und deren Methoden bietet Hanneman, Robert A., Introduction to Social Network Methods, <http://faculty.ucr.edu/~hanneman/SOC157/NETTEXT.PDF> (10.04.2005).

[40] <http://www.google.com/> (20.01.2006).

[41] Vgl. Page, Lawrence u.a., The PageRank Citation Ranking: Bringing Order to the Web, Stanford Digital Library Technologies Project 1998, <http://dbpubs.stanford.edu:8090/pub/1999-66> (04.04.2005).

[42] Vgl. Enderle, Wilfried, Geschichtswissenschaft, Fachinformation und das Internet (wie Anm. 10), S.2.

[43] Möller, Horst; Wengst, Udo (Hgg.), Einführung in die Zeitgeschichte, München 2003, S. 255-260.

[44] Ebd. S. 12: “Ein Kapitel unter der Überschrift ‘Praktische Hilfsmittel’ [..] enthält [..] einige Basisinformationen über das Internet, soweit es für Zeithistoriker von Bedeutung ist” (Hervorhebung hinzugefügt).

[45] Vgl. Wirtz, Stephan, Marktanalyse. Deutschsprachige Online- und CD/DVD-Produktionen zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust (wie Anm. 13), S. 4 und Dornik, Wolfram, Zeitgeschichte und Internet (wie Anm.13), S. 166.

[46] Vgl. Anm. 9.

[47] Vgl. Enderle, Wilfried, Geschichtswissenschaft, Fachinformation und das Internet (wie Anm. 13), S. 5.

[48] Vgl. dazu die Schlussfolgerung von Stephan Wirtz über das Internet als Publikationsmedium für Zeithistoriker/innen: “Offensichtlich wird das Internet bei ZeitgeschichtlerInnen immer noch nicht als wissenschaftliches Publikationsmittel ernst genommen“; Wirtz, Stephan: Marktanalyse. Deutschsprachige Online- und CD/DVD-Produktionen zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust (wie Anm. 13), S. 4.


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