Band 12 • 2009 | ISBN: 978-3-86004-251-9 | "Qualitätsmessung, Evaluation, Forschungsrating. Risiken und Chancen für die Geschichtswissenschaften?" |
| Allgemeine Essays |  |
Rezensionsartikel: What the Hell is Quality?
Hanna Schissler Rezensionsartikel zu Elisabeth Lack / Christoph Markschies (Hrsg.), What the Hell is Quality? Qualitätsstandards in den Geisteswissenschaften, Frankfurt am Main: Campus Verlag 2008. ISBN 978-3-593-38749-9; 295 S.; EUR 24,90.
Zum Inhaltsverzeichnis: http://www.hsozkult.de/daten/2009/inhaltsverzeichnis_lack_markschies_2008.pdf
Deutschland erlebt seit etwa 15 Jahren eine tiefgreifende Umstrukturierung seiner Wissenschaftsinstitutionen. Dieser Prozess folgt den Logiken eines bestimmten Verständnisses von Europäisierung und Globalisierung der Forschung und Lehre. Exzellenzcluster, Bologna-Prozess, leistungsbezogene Mittelvergabe und globaler Wettbewerb sind nur einige der Stichpunkte, an denen sich festmachen lässt, dass die bundesdeutsche Wissenschaftslandschaft neu kartiert wird. Wenn es um Mittelallokation und um die Entscheidung geht, welche Forschung gefördert werden soll (was impliziert, welche Forschung nicht gefördert wird), dann stellen sich etliche Fragen: Was ist Qualität? Wie und nach welchen Kriterien lässt sie sich bestimmen? Kann man sie messen? Wer entscheidet, was gute, mithin förderungswürdige Forschung ist und was nicht? Welche Auswirkungen haben die Wandlungsprozesse in der bundesrepublikanischen Forschungslandschaft auf Wissenschaftler, Studierende und die Prozesse von Forschung und Lehre? Ist die gegenwärtig zu beobachtende Entwicklung unausweichlich? Müssen sich die Geisteswissenschaften mit ihr arrangieren, sie gar befördern, und wenn ja, wie? Und schließlich: Was sagt diese Umstrukturierung der Wissenschaftsinstitutionen über die Gesellschaft aus, in der wir leben? Die folgenden Bemerkungen gehen von einem Buch aus und skizzieren seine Inhalte, beschränken sich jedoch bewusst nicht auf eine übliche Rezension, sondern nutzen das Buch als Anstoß für grundsätzlichere Überlegungen zum Thema. Dabei konzentriere ich mich auf den Forschungsprozess und seine Rahmenbedingungen, während die nicht minder brennenden Fragen der Qualität der Lehre hier ausgeklammert bleiben.
[1]
1. Überblick
Der Sammelband „What the hell is quality?“ ist aus einem Symposion hervorgegangen, das im November 2007 – im „Jahr der Geisteswissenschaften“ – an der Humboldt-Universität in Berlin stattgefunden hat und sich mit den Kriterien für Qualität sowie deren Bewertung und Messung in den Geisteswissenschaften beschäftigte. Einen „Anforderungskatalog an die Kriterienbildung für Qualitätsmaßstäbe“ in den Geisteswissenschaften liefere dieser Band, so die Mitherausgeberin Elisabeth Lack in ihrer Einleitung (S. 13). Es sei an der Zeit, das „traditionell von den Geisteswissenschaften beanspruchte Deutungs- und Ordnungsvermögen“ in der gegenwärtigen Wissenschaftslandschaft zur Geltung zu bringen (S. 14) und in den „fehlenden Standards“ (oder besser: ihrer fehlenden Operationalisierung und Messung) nicht mehr länger einen „Genialitätsbeweis der Geisteswissenschaften“ zu vermuten (S. 15). Nun meint die Autorin mit dem „Deutungs- und Ordnungsvermögen der Geisteswissenschaften“ offenbar nicht die Fähigkeit zur gesellschaftlichen und politischen Einordnung und kritischen Bewertung der gegenwärtig beobachtbaren Tendenzen des deutschen Wissenschaftsbetriebs – der anscheinend unausweichlichen Tendenzen zum Messen, Wiegen und Zählen, denen gegenüber sich die Geisteswissenschaften traditionell eher widerständig verhalten. Sie schlägt vielmehr vor, dass diese Ordnungs- und Deutungsfähigkeiten für eine Entwicklung von Qualitätsstandards innerhalb der Geisteswissenschaften genutzt werden. Lack fordert eine Öffnung der Geisteswissenschaften gegenüber aktuellen Tendenzen der Wissenschaftskultur, in der es um Qualitätsindikatoren, Standards, Messbarkeit, „Benchmarking“, Profilbildung, Kernkompetenzen, Exzellenzinitiativen, Rankings, Leistungsmessung und Forschungs-„Impact“ geht. Außerdem gibt sie einen knappen und nützlichen Überblick zu den einzelnen Beiträgen, der dem Leser/der Leserin die Orientierung erleichtert.
In sechs Kapiteln werden folgende Themen erörtert:
(1) „Die Mühen der Ebene: Standards, Leistung und Hochschulreform“ sind der Gegenstand eines Gesprächs zwischen Ulrich Herbert, Historiker und langjähriges Mitglied des Wissenschaftsrats, und dem Wissenschaftsjournalisten Jürgen Kaube.
(2) Beiträge von Stefan Hornbostel, Claire Donovan und Georg Braungart behandeln das Thema „State of the Art der Qualitätsbeurteilung geisteswissenschaftlicher Forschung“ (das „Denglisch“ dieser Überschrift ist bei dem Thema kennzeichnend). Hornborstel ist Sozialwissenschaftler; er leitet das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (IFQ). Donovan ist Philosophin und Vorsitzende einer Regierungskommission der australischen Regierung zur Bestimmung der besten Evaluationsmethoden der sozialen, ökonomischen, ökologischen und kulturellen Auswirkungen akademischer Forschung. Seit 2008 ist sie Mitglied des Expertengremiums „Coordination and Support Actions“ (CSA) des Europäischen Wissenschaftsrats. Braungart ist Literaturwissenschaftler.
(3) Die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte, der Theologe und Präsident der Humboldt-Universität Christoph Markschies sowie der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp befassen sich mit der Frage: „Haben uns Moden die Qualität verdorben?“
(4) Christine Färber, Margret Wintermantel und – im Vergleich mit den USA – Ute Frevert setzen sich mit der Berufungspraxis an deutschen Hochschulen auseinander. Christine Färber ist Politikwissenschaftlerin, Frauenbeauftragte der Freien Universität Berlin, Bundes- und Landessprecherin der Hochschulfrauenbeauftragten sowie Leiterin eines Projekts zur „Geschlechtergerechten Gestaltung von Berufungsverfahren“. Wintermantel ist Sozialpsychologin und Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz; Frevert ist Historikerin und Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.
(5) Der Literaturwissenschaftler Bernd Stiegler und der Bibliothekswissenschaftler Stefan Gradmann befassen sich mit den „Publikationsgepflogenheiten und Diskursstile[n] in den Geisteswissenschaften“.
(6) Schließlich diskutieren Frank Suder, Vorstandsmitglied der Fritz-Thyssen-Stiftung, Manfred Nießen, Leiter der Fachgruppe Geistes- und Sozialwissenschaften der Deutschen Forschungsgemeinschaft, sowie Ulrike Felt, Professorin für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung, Fragen der Mittel-Allokation und der sich in der gegenwärtigen Wissenschaftskultur herausbildenden Praktiken und Konsequenzen. Dieses Kapitel trägt den Titel „Nach welchen Kriterien vergeben wir Geld?“.
Die Autoren und Autorinnen nähern sich ihren Themen in unterschiedlicher Weise. Die meisten glauben, dass die Geisteswissenschaften mehr als bisher über die eigene Qualität nachdenken müssten und dass es gegenwärtig nicht möglich sei, sich stärker standardisierten Bewertungsverfahren der wissenschaftlichen Leistungen zu entziehen. Damit enden aber auch schon die Gemeinsamkeiten, und neben den zustimmenden kommen sehr differenzierte und kritische Positionen zu Wort.
2. Qualitätsmessung in den Geisteswissenschaften
Stefan Hornborstel und Claire Donovan geben einen Überblick der wichtigsten Ansätze zur Evaluation von Forschungsqualität, nämlich: Peer Review, Szientometrie, Bibliometrie, Ansehensindikatoren und Impact-Messungen. Hornborstel erläutert: „Die Grundidee von Wissenschaftsindikatoren besteht in einer quantitativen Abbildung der Qualitätsurteile der scientific community.“ (S. 58) Er vertritt die These, es könne „kaum ein Zweifel daran bestehen, dass aussagekräftige Indikatoren zur Forschungsbewertung in den Geisteswissenschaften und belastbare, langfristige Datenkollektionen zu verschiedenen Leistungsdimensionen nicht nur wünschenswert, sondern dringend notwendig sind“ (S. 69). Wenn an etwas „kaum ein Zweifel“ bestehen kann, hat sich die Aussage gegenüber möglichem Widerspruch immunisiert. Solche Immunisierungsstrategien, die auch aus anderen hegemonialen Diskurszusammenhängen wohlbekannt sind, zielen darauf ab, die eigene Position unangreifbar zu machen. Wenn „kein Zweifel“ erlaubt ist, dass Wissenschaftsindikatoren erhoben werden müssen, dann kann es in der Tat lediglich darum gehen, wie die Datenerhebung im Einzelnen geschehen soll und wie die Leistungsbewertung implementiert werden kann. Grundsätzlichere Fragen etwa nach den sozialen wie inhaltlichen Konsequenzen einer Übertragung marktwirtschaftlicher Messungs- und Steuerungssysteme auf den Wissenschaftsbetrieb geraten dann nicht mehr ins Blickfeld. Hornborstel konzediert zwar, dass „Qualitätsbewertungen nicht in einem neutralen Raum stattfinden, sondern immer auch ein normatives, steuerndes Element besitzen“ (S. 57), sagt aber nicht, was das im Einzelnen impliziert oder gar, was es bedeutet. Normativität (im Hinblick auf welche Normen?) und Steuerung (durch wen und mit welchem Ziel?) sind dann entweder explizit erwünscht, womit sich die Frage verbindet, zu wessen Agenten sich die Leistungsmesser machen. Oder sie werden sozusagen als Kollateralschaden in Kauf genommen – falls doch noch ein Bewusstsein davon besteht, dass wissenschaftliche Forschung zumal in den interpretierenden und deutenden Geisteswissenschaften nur in einer Atmosphäre der Freiheit, Unabhängigkeit und auch geistigen Widerständigkeit gedeihen kann.
Die Diskussion in diesem Band geht über einen rein instrumentell-technokratischen Ansatz der Leistungsmessung und Qualitätsbestimmung jedoch weit hinaus. Sie berührt fundamentale Fragen des Wissens in der modernen Gesellschaft sowie des gesellschaftlichen und politischen Ortes von Wissenschaft. Andere Autoren und Autorinnen in dem Sammelband sind – was die Wünschbarkeit der Normierung und Steuerung des Wissenschaftsbetriebes durch Wissenschaftsindikatoren angeht – vorsichtiger und auch kritischer als Hornborstel. Dass eine quantitative Abbildung von Qualität in den Geisteswissenschaften nicht ganz so einfach ist, erschließt sich schon durch die Definition der Geisteswissenschaften, wie Donovan sie anbietet: „Die Grundlagen (der Geisteswissenschaften) bilden Gelehrtentraditionen des kritischen Engagements sowie der Spekulation über menschliche Erfahrungen und die conditio humana über Zeiten und Kulturen hinweg.“ (S. 76) Wie jedoch lassen sich „kritisches Engagement“ und die Qualität von „Spekulation über menschliche Erfahrungen“ bewerten, gar quantifizieren? Und könnte es nicht sein, dass gerade die Merkmale des „kritischen Engagements“ und des Spekulativen im Prozess ihrer Messung auf der Strecke bleiben?
3. What the Hell is Quality? Auf dem Weg zur „Audit Society“
Wie Georg Braungart in Erinnerung ruft, habe bereits Hans Georg Gadamer schlüssig nachgewiesen, dass Verstehen „nicht methodisierbar“ sei. Auf hermeneutischen Verfahren, also auf Verstehen, beruhen jedoch ganz elementar die Leistungen der Geisteswissenschaften. Wie lässt sich Qualität dann aber quantitativ erfassen? Christoph Markschies betont, dass Geisteswissenschaftler in der Regel ein durchaus hohes Qualitätsbewusstsein haben, dass es ihnen aber schwerfalle, Qualität zu definieren. Er zitiert Augustinus: „Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.“ (S. 136) Was ist denn nun Qualität? Wolfgang Kemp zitiert die dürre, kaum verständliche Definition des Akkreditierungsrats, der „obersten Instanz der Qualitäten, die an bundesdeutschen Universitäten erbracht und abgeprüft werden sollen“ (S. 146): „Die Beurteilung von Qualität in Studium und Lehre folgt dem kombinierten fitness of- und fitness for purpose- Ansatz, somit der Überprüfung der Validität des Studienziels in Verbindung mit der Zielerfüllung.“ Kemp fährt fort: „Dieses magere Konzept scheint im Moment auszureichen, um auf seiner Basis einen großen Geschäftsbereich (das ganze Evaluierungs-, Akkreditierungs- und Qualitätsmanagement-Business) und einen von Ministerien, Agenturen, Planungsabteilungen etc. gestützten Qualitätsdiskurs aufzubauen, der im Grunde ein Unterthema der viel größeren Bewegung hin zu einer ‚Audit Society’ (Michael Power), einer Gesellschaft des controlling darstellt. Qualität ist, was sich abprüfen lässt [...].“ (ebd.)
[2]
Ausgehend von der Feststellung, dass sich eine Disziplin, „die keine klaren Mittel und Wege zur Messung ihrer Forschungsergebnisse vorweisen“ könne, heutzutage in einer problematischen Situation befinde (S. 278), kommentiert Ulrike Felt: „Leistung wird heute zu einem Objekt gemacht, wobei es zentral ist zu verstehen, was wir genau sichtbar machen und was unsichtbar bleiben soll, was gemessen werden kann/soll und was nicht. Implizite Elemente von Qualität bleiben dabei unberücksichtigt, sie werden zwar nicht verleugnet, erhalten aber in einer Welt, die auf Messbarkeit setzt, eindeutig einen niedrigeren Stellenwert zugewiesen.“ (S. 279) Spätestens hier stellt sich die Frage, was der gegenwärtige Trend zur „Audit Society“ über die Gesellschaft aussagt, in der wir leben, und welche Implikationen er für die Art und Weise hat, in der wir Wissen erwerben und weitergeben.
[3]
Der Beitrag von Erika Fischer-Lichte führt an dieser Stelle einen Schritt weiter: Den Vorwurf, die verschiedenen Theorie-Moden der linguistic, semiotic, performative, cultural, spatial, pictorial, emotional, memorative turns hätten in den letzten Jahrzehnten das Ansehen und die Bedeutung der Geisteswissenschaften unterminiert („Haben uns Moden die Qualität verdorben?“), kontert sie mit dem Hinweis auf das – um einen modischen Ausdruck zu verwenden – „Kerngeschäft“ der Geisteswissenschaften: die vielfältigen Versuche der Deutung einer sich grundlegend wandelnden Welt und der damit verknüpften Wahrnehmung von Welt, Selbst und Anderen (S. 126). Eine Pluralisierung der Methoden und Erklärungsansätze sei in den Geisteswissenschaften erwünscht, und die Konkurrenz der Deutungen sei ein ganz normaler Vorgang der Wissenschaften, der in keiner Weise die Denunziation als „Moden“ rechtfertige (S. 128). „Die neuen Theorieentwicklungen der letzten vierzig Jahre sind [...] rasanten gesellschaftlichen Veränderungen geschuldet, wie sie die 68er-Bewegung in Deutschland und Frankreich oder die Bürgerrechtsbewegung und Anti-Vietnam-Bewegung in den USA, die Frauenbewegung, die neuen Kommunikationstechnologien, Migration und Globalisierung bewirkt haben. Sie versuchen, Antworten auf Probleme zu geben, die durch die Veränderungen entstanden sind, oder diese Probleme überhaupt erst bewusst zu machen und in den wissenschaftlichen Diskurs einzuspeisen. Das erklärt auch, warum sie nicht disziplinspezifisch, sondern transdisziplinär sind.“ (S. 131)
Manfred Nießen sekundiert: In den Geisteswissenschaften gehe es nicht wie in den Naturwissenschaften um eine neue „Kartierung“ der Forschungslandschaft, sondern eher um die Entwicklung konkurrierender oder ergänzender Richtungen von Erklärungsansätzen. Mit dem Begriff der „Mode“ solle man in den Geisteswissenschaften vorsichtig sein. Ob sich naturwissenschaftliche Forschungen mit dem Begriff der „Kartierung“ angemessen bezeichnen lassen, ist noch einmal eine andere Frage, denn auch in den Naturwissenschaften geht es nicht lediglich um das Kartieren „weißer Gebiete“. Ulrike Felt widersetzt sich dieser „Idylle der Eindeutigkeit“ (S. 284), die auf der Annahme beruht, in den Naturwissenschaften könne man auf „quasi nicht mehr zu hinterfragende Fakten/Theorien zurückgreifen“, womit „stabile gemeinsame Ausgangspunkte geschaffen würden“ (S. 283). Noch deutlicher und mit einem Schuss Sarkasmus äußert sich Wolfgang Kemp zur Leitfrage des Kapitels: „Nicht die Moden, sondern die Mode, Qualität institutionell bestimmen und fördern zu wollen, haben uns die Qualität verdorben.“ (S. 147) Heutzutage, so Kemp, gelte Qualitätsmanagement mehr als Qualitätsproduktion.
4. Reputationssystem versus „Controlling“: Das Menschenbild der „Audit Society“
Um an dieser Stelle einem möglichen Missverständnis vorzubeugen: Ich vertrete keinesfalls die Position, dass Wissenschaft als l’art pour l’art betrieben werden sollte (oder, wie man früher sagte, im Elfenbeinturm) und dass sie einen Platz in der Gesellschaft beanspruchen könne, an dem sie niemandem Rechenschaft schuldig sei. Ein Nachdenken über die gesellschaftliche Relevanz von Wissenschaft ist ebenso wichtig wie ein verantwortungsvoller Umgang mit finanziellen Ressourcen und eine Diskussion der institutionellen Voraussetzungen von Forschung und Lehre. Auch möchte ich nicht den Eindruck erwecken, als sei früher in den Geisteswissenschaften alles zum Besten bestellt gewesen. Die akademische Kultur und das System des Forschens und Lehrens, in dem meine Alterskohorte in den 1970er- und 1980er-Jahren sozialisiert wurde, hatte gravierende Mängel und Einseitigkeiten. Was mich im Hinblick auf die gegenwärtig erkennbaren Tendenzen in der Wissenschaftslandschaft jedoch zutiefst irritiert und bedenklich stimmt, ist das Menschenbild, das sich hinter den Maßnahmen zur Qualitätsmessung und behaupteten Optimierung von Forschungsprozessen verbirgt. Nein, es verbirgt sich nicht, sondern es zeigt ganz offen und ungeniert seine wenig sympathischen Züge.
Qualität wurde in der Vergangenheit im Wesentlichen über ein Reputationssystem kontrolliert und gewährleistet, das auf qualitative, viel weniger auf quantitative Kriterien setzte. Diese Kriterien wurden von erfahrenen und angesehenen Mitgliedern der wissenschaftlichen Community über Gutachten und informelle Netzwerke durchgesetzt. Der Vorteil einer Qualitätssicherung und Ressourcenverteilung im Regelwerk des Reputationssystems ist, dass dieses – verglichen mit dem Marktsystem – in hohem Maße auf die intrinsische Motivation der Forscher und Forscherinnen vertraut. Der Nachteil des Reputationssystems ist hingegen seine hierarchische (und manchmal eben auch willkürliche) Struktur. Zudem hat es eine Tendenz zur Selbstrekrutierung solcher Nachwuchswissenschaftler, die dem eigenen Profil entsprechen (in Geschlecht, Klasse, Ethnizität, Bildungshintergrund etc.). Insbesondere sein gender bias ist nach wie vor wirkmächtig, wie der Beitrag von Christine Färber über die Berufungspraxis an deutschen Universitäten im vorliegenden Band eindrücklich zeigt. Die formalen Hürden, Altersgrenzen und vor allem das spezifisch deutsche Schwellenritual, die Habilitation, haben sich in Vergangenheit und Gegenwart nicht „neutral“ ausgewirkt. Sie haben – trotz des deutlich angewachsenen Bewusstseins in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit – für Männer und Frauen ganz unterschiedliche, hier nicht weiter zu diskutierende Folgen (siehe dazu auch den Beitrag von Ute Frevert).
[4]
Das marktwirtschaftliche Modell, dessen Auswirkungen Universitäten wie Forschungsinstitute gegenwärtig zu spüren bekommen, geht von einem Menschenbild aus, in dem der Forscher bzw. die Forscherin ständig kontrolliert und angetrieben werden muss. Anscheinend reicht die intrinsische Motivation nicht (mehr?) aus, den fest angestellten Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin davor zu bewahren, sich auf der Couch ein bequemes Leben zu machen.
[5]
Das marktwirtschaftliche Modell kann aber nicht funktionieren, da es in der Wissenschaft weder „Produzenten“ noch „Konsumenten“ im marktwirtschaftlichen Sinne gibt oder geben kann. Letztlich sind Staatsgelder nur bedingt den Gesetzen der Marktwirtschaft unterworfen, weil es zwar durchaus Schließungen einzelner Abteilungen, ja möglicherweise ganzer Universitäten geben kann (und auch gibt), aber die Angebots- und Nachfragemechanismen des Markts in der Wissenschaft aus immanenten Gründen nicht funktionieren können. Erkenntnis ist keine Ware, und Wissensvermittlung erschöpft sich nicht in ihrem Warencharakter – wie sich in der neueren Diskussion um „Bildung“ hinlänglich gezeigt hat. Erkenntnis muss es auch dann geben, wenn sie unbequem ist und (zunächst) niemand sie nachfragt. Wichtige Werke in der Wissenschaftsgeschichte wurden „am Markt vorbei“ geschrieben, erhielten zu ihrer Zeit keine oder nur geringe Aufmerksamkeit, wurden Jahrzehnte später aber zu Klassikern. Georg Simmel, Norbert Elias oder Eckhart Kehr sind beredte Beispiele. Forschungsergebnisse und -fragen gehen nicht im Trend auf, ja sie stemmen sich sogar nicht selten gegen das Glatte, Einfache, Modische. Wissenschaft muss auch sperrig sein dürfen und, wenn komplexe Zusammenhänge es erfordern, auch schwer zu verstehen. Sie sollte dem „Konsumenten“, sei es die Fach- oder die breitere Öffentlichkeit, durchaus einmal schwer im Magen liegen.
[6]
Qualität von Forschung muss inhaltlich begründet werden. Forschungsqualität lässt sich nicht durch eine Messung des Output, das verbreitete „höher, schneller, weiter“ und eine Bestimmung des Forschungs-Impact bestimmen. Die Anzahl der Publikationen sagt nichts über ihre Qualität aus, und auch die Zitierhäufigkeit folgt eher einer spezifisch bestimmbaren „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ und einem informellen Regelwerk, das außerordentlich willkürlich und einseitig ist. Zielvereinbarungen mit Wissenschaftlern (ein neuerdings beliebtes Steuerungsinstrument auch an Universitäten und Forschungsinstituten) können zwar den Produktionsdruck und den Rechtfertigungszwang erhöhen; sie steigern mit Sicherheit das Gefühl von Abhängigkeit und des Kontrolliert-Werdens, nicht jedoch die Qualität von Forschung.
5. „Impact“ der „Audit Society“: Die Veränderung der Wissenschaftslandschaft durch Drittmittel-getriebene Forschung
In die Bewertung von Forschungserfolg geht heute zunehmend die erfolgreiche Einwerbung von Drittmitteln ein. Der „szientifisch-administrative Komplex“
[7]
funktioniere als ein sich selbst bestätigendes und steigerndes System nach dem Prinzip „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“, schreibt Wolfgang Kemp im vorliegenden Sammelband mit einer gehörigen Portion Sarkasmus: „Drittmitteleinwerbung ist der Qualitätsbeweis, der zu weiteren Gratifikationen führt, die zu ... usw.“ Und: „Wir haben in den letzten 15 Jahren in Deutschland dieses System sich auf- und ausrichten sehen, es steht, bombenfest, vielfach verstrebt, aber wir täuschen uns, wenn wir glaubten, seinen impact, um ein Lieblingswort der Kontrolleure zu gebrauchen, bereits ermessen zu können.“ (S. 148) Die Frage sei vielmehr, ob hier nicht ein „Wissenschafts-Behemoth“ genährt werde, ein „Vielfraß“, der sich an den Megatrends mästen und „Qualität endgültig in messbare items überführen“ werde (ebd.).
Nun hat Drittmittel-getriebene Forschung ihre eigene Dynamik und ihre eigenen Zeithorizonte, die nachhaltiger Forschung nicht in jedem Fall zuträglich sind. Der Zwang, in relativ kurzen Zeiträumen Erfolge zu dokumentieren (oder zumindest zu behaupten), der Workshop- und Tagungszirkus sowie der Zwang zu kleinschrittigem Denken berühren den Kern dessen, was Forschung ist. Georg Braungart stellt fest, dass gerade die „großen“, langfristig wirksamen Werke der Geisteswissenschaften nicht in einer Drittmittelkultur mit ihren instrumentellen Schritten und endlosen Kooperationsbeziehungen entstanden seien, sondern fast immer die Forschungsleistungen einzelner Persönlichkeiten geblieben seien (S. 103). Lassen sich Hans Georg Gadamer, Niklas Luhmann und Hans Blumenberg etwa als erfolgreich agierende Einwerber von Drittmitteln vorstellen, oder, wie Jürgen Kaube fragt: Ist Hans Blumenberg als Sprecher eines Exzellenzclusters denkbar (S. 39)? Dieser Gedanke verweist auf Grundsätzliches, das anzusprechen einige der Beiträger sich durchaus nicht scheuen: Ulrike Felt konstatiert, dass in der zeitgenössischen Forschungslandschaft Drittmittel-Anträge über Erfolg oder Misserfolg von wissenschaftlichen Karrieren entscheiden. Beim Antragschreiben gehe es jedoch in erster Linie um „strategische Positionierung, um die Fähigkeit zur Durchsetzung“ (S. 286). Bei Licht besehen, ist ein positiv bewerteter Antrag zunächst einmal nur ein Indikator dafür, dass das Versprechen noch zu leistender guter Forschung den Gutachtern glaubwürdig erschienen ist; ob dieses Versprechen später tatsächlich eingelöst wird, ist hingegen eher nachrangig.
Ulrich Herbert warnt vor einer „forscherischen Schattenwirtschaft“. Damit meint er „Projektforschung als Oberfläche, als Pflichtübung, die die Forscher von der Beschäftigung mit dem eigenen, seit Jahren sorgfältig vorbereiteten Buchvorhaben abhält“ (S. 47). Ähnlich meint auch Georg Braungart: Eine Drittmittel-getriebene Wissenschaft, die ihre Mitglieder in einen Modus stetigen Legitimationsdrucks zwinge, habe ihre eigenen Auswirkungen – ihren besonderen Impact. „Heute schreibt man als Geisteswissenschaftler Bücher nur noch, wenn einem die Beschaffung oder – noch schlimmer und aufwendiger – das Ausgeben von Drittmitteln zwischendurch etwas Zeit lassen.“ (S. 101) Die gegenwärtigen Förderstrukturen produzieren ihre je eigenen Ergebnisse und befördern bestimmte Mentalitäten. Das Wellensurfen verleiht einen Kick, aber einen Ozean überquert man nicht auf einem Surfboard.
Auf die tiefgreifenden sozialen Konsequenzen der Drittmittel-Kultur verweist wiederum Ulrich Herbert: Zu den Resultaten einer Drittmittel-getriebenen Forschung gehöre die „unkontrollierte Produktion von Post-Doktoranden, also promovierten Mitarbeitern, die für ein Projekt an der Uni gehalten werden, ohne dass man ihnen eine halbwegs gesicherte Zukunft garantieren oder auch nur in Aussicht stellen kann“ (S. 47). Die soziale Lage des „wissenschaftlichen Nachwuchses“, der ja nicht selten stramm auf die 50 zugeht, wird durch die neue TV-L- und W-Besoldung zusätzlich prekär. Jedenfalls verdient ein Realschullehrer laut Herbert deutlich mehr als ein Nachwuchswissenschaftler (S. 48). Zudem befindet er sich in einer ganz anders sozial abgesicherten Position. An dieser Stelle stellt sich für mich die Frage: Wie kreativ und unabhängig kann ein Forscher sein, dessen Drittmittel-Vertrag nächstes Jahr ausläuft und der oder die in ständiger Sorge um seine oder ihre Existenzsicherung lebt? Das kreative Potenzial von Armut und anhaltender sozialer Unsicherheit ist begrenzt; es deformiert auch die derart in Abhängigkeit Gehaltenen (die künstlich und unzuträglich verlängerte Adoleszenz von Habilitanden ist dafür ein trauriges Beispiel). Ein Postdoc, der bis Mitte 30 an der Uni bleibt, habe, so Herbert, kaum noch eine Chance auf dem Arbeitsmarkt, weder innerhalb noch außerhalb der Universität (S. 47). In den Geisteswissenschaften müsse man mit einer 50-prozentigen Chance rechnen, „nach erfolgreicher Promotion, Habilitation und sechs bis zehn Jahren Lehrerfahrung keine Professur zu bekommen“. Dem beruflichen folge dann oft auch das soziale Scheitern (S. 48).
Die grundsätzlich bedeutsame Frage ist hier, was eine Gesellschaft zu bezahlen gewillt ist – für die Möglichkeit des Nachdenkens und Forschens über sich selber, über ihre Geschichte, ihre Sprache, ihre vielfältigen kulturellen Manifestationen sowie die Weitergabe von elementaren wie elaborierten Kulturtechniken (Zusammenhänge erkennen, eigenständig argumentieren usw.). Die Frage ist aber auch, wie etablierte Forscher mit der prekären Situation von Nachwuchswissenschaftlern verantwortlich umgehen können. Die „Audit-Kultur“ habe Auswirkungen auf die „Beziehungen zwischen Institutionen und Forschern“, „die durch neue Managementstrukturen an Universitäten hervorgebracht“ würden, stellt Ulrike Felt fest (S. 279). Herbert sieht in der sozialen Lage der Wissenschaftler, die sich durch schlechte Bezahlung, unsichere Arbeitsplätze und eine hohe Arbeitsbelastung auszeichne, einen veritablen Antiintellektualismus der Gesellschaft und der entscheidenden Stellen in der Politik am Werk.
Nicht weniger fragwürdig als die sozialen sind jedoch die inhaltlichen Konsequenzen einer Forschung, die sich ständig Evaluierungs-Prozessen und Qualitätskontrollen unterwerfen muss: Die „Audit-Kultur“ verweise auf die nachhaltige Veränderung unseres Denkens und unseres Blicks, betont Felt (S. 277). Die Einübung in diese neue Wissenschaftskultur erfolge über Projektstrukturen, „die oft unbemerkt auf das Denken übergreifen“ (S. 281). Der Trend zur kurzschrittigen Projektarbeit habe jedoch eine Parzellierung der Forschung zur Folge, „die dazu führt, dass immer mehr Kleingärten entstehen und Erkenntnisproduktion bisweilen in Größenordnungen stattfindet, die schon homöopathischen Dosen gleichkommen“ (S. 281). Braungart verweist darauf, dass die Frage der Qualitätsbestimmung und -messung erkenntnistheoretische Probleme aufwerfe, die etwas mit dem „Innen“ und „Außen“ der Wissenschaften zu tun habe, also mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Forschung (S. 103). Die gesellschaftliche Akzeptanz der Geisteswissenschaften sei unter Beschuss, und die Forschungsinstitutionen beugten sich diesem Druck, indem sie dem Ansinnen politischer und gesellschaftlicher Stellen mehr oder weniger bereitwillig nachkämen.
Dabei ist der Aufwand erheblich, „halbwegs standardisierte und vergleichbare Daten“ zu produzieren. Dieser Druck wächst. „Spätestens wenn die Evaluationsforschung teurer wird als die evaluierte geisteswissenschaftliche Forschung selbst, wird sie obsolet.“ (Braungart, S. 109) Wenn etwa die Vorbereitung auf die Evaluation einer Forschungsinstitution die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zwei Jahre lang damit beschäftigt, sich „fit“
[8]
für den großen Tag zu machen (mit allem, was dazu gehört, nämlich: Konzeptpapiere zu schreiben und wieder zu verwerfen, Poster zu erstellen, die Präsentationen komplexer Projekte in dreieinhalb Minuten vorzubereiten und einzuüben, den eigenen Präsentationsstil zu optimieren etc.), dann fragt sich, ob nicht der Zwang zur ständigen Selbstlegitimierung die Bedingungen ernstzunehmender Forschung zunichte macht. Das ist dann eine klassische „Catch-22“-Situation
[9]
: Ich kann Forschung nur betreiben, indem ich mich ständig legitimiere. Das ständige Legitimieren hält mich aber von der Forschung ab. Also muss ich legitimieren, warum ich durch das ständige Legitimieren nicht zur Forschung komme, usw.
Es sind mithin die institutionellen Bedingungen von Forschung in der Bundesrepublik, die soziale Situation der unsicher und nur kurzzeitig Beschäftigen, vor allem aber sind es die inhaltlichen Auswirkungen der gegenwärtigen Wissenschaftskultur für die Art unseres Denkens, auf die sich das „traditionell von den Geisteswissenschaften beanspruchte Deutungs- und Ordnungsvermögen“ doch, bitte schön, richten möge – und nicht auf eine Optimierung der Qualitätsmessung, wie sie Elisabeth Lack eingangs verlangt (S. 14)! Das jedoch erfordert die Bereitschaft zu einer Diskussion auf einer anderen Ebene – eine Diskussion, die viel zu selten geführt wird. Verbreitet ist inzwischen die Bereitschaft, sich den Gegebenheiten und bedrückenden Verhältnissen des allseits vorherrschenden „Exzellenzstalinismus“ anzupassen.
[10]
Kritische Distanz zu wahren und die Bedingungen des eigenen wissenschaftlichen Denkens (einschließlich seiner Reglementierungen) zu reflektieren, ist unter den Bedingungen der „Audit-Kultur“ nicht einfach. Hingegen ist der Boden fruchtbar für diejenigen, die im vorauseilenden Gehorsam dem „Megatrend“ dienen – in dem befriedigenden Gefühl, „einem neuen Paradigma auf die Welt zu helfen“ (Kemp, S. 147).
Die Ergebnisse der gegenwärtigen Förderstrukturen sind – so Ulrike Felt – aufs Ganze gesehen wenig erfreulich: Sie verhindern längerfristiges (und damit gründliches) Arbeiten. Sie besitzen auch weniger Innovationspotenzial als gemeinhin angenommen. Und die „vorauseilende Anpassung an Erwartungshaltungen“ der Förderinstitutionen beziehungsweise derjenigen Kollegen, von denen man vermutet, dass sie möglicherweise den eigenen Antrag begutachten werden, beeinträchtigt zumindest die Unabhängigkeit des Denkens, wenn nicht die eigene Kreativität (Felt, S. 286). Mit Qualität hat das dann in der Regel eher wenig zu tun, auch wenn der Drittmittel-Erfolg es allen Beteiligten suggeriert.
~~~~
Hanna Schissler ist seit 2006 Leiterin des Arbeitsbereichs „Schulische Bildungsmedien im Zeitalter der Globalisierung“ am Georg-Eckert-Insitut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig. Zuvor Tätigkeit an Universitäten in den USA, in Wien und Budapest. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind deutsche Sozialgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts und der Bundesrepublik, europäische und nordamerikanische Geschlechtergeschichte und historische Epistemologie.
[1] Siehe dazu pointiert Ulrich Herbert, Kontrollierte Verwahrlosung, in: ZEIT, 30.8.2007, S. 36, online unter <http://www.zeit.de/2007/36/B-Geisteswissenschaft> (23.04.2009).
[2] Michael Power, The Audit Society. Rituals of Verification, Oxford 1997, und Marilyn Strathern, Audit Cultures. Anthropological Studies in Accountability, Ethics and Academy, London 2000. Mit dem Begriff der „Audit Society“ beschreibt Power die Annahmen, dass mit neuen Formen der Qualitätsprüfung „eine Kompatibilität zwischen ökonomischen Kriterien und Regulierungszielen herstellbar“ sei. „Auditing“ werde „aufgrund ökonomischer Motive und Gründen der Informationsverarbeitung zu einem dominierenden Regulierungsstil“. Dabei konzentriere sich „Auditing“ stärker „auf Prozesse des Managementsystems als auf das substantielle Operieren einer Organisation“ (Abstract zu Michael Power, From Risk Society to Audit Society, in: Soziale Systeme 3 [1997] H. 1, S. 3-21, online unter <http://www.soziale-systeme.ch/hefte/1997_1_zus.htm> [23.04.2009]).
[3] Vgl. hierzu auch Hanna Schissler, Containing and Regulating Knowledge. Some Thoughts on Standards and Canonization as a Response to the Complex Demands of a Globalizing World, in: Linda Symcox / Arie Wilschut (Hrsg.), National History Standards. The Problem of the Canon and the Future of Teaching History, Charlotte 2009, S. 95-116.
[4] Vgl. zu diesem Themenfeld auch die Sammelrezension von Norbert Finzsch: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-4-198> (23.04.2009).
[5] In einer Zeit knapper Stellen schlägt der Faulheitsverdacht den Inhabern von Dauerstellen gerne und häufig in unterschiedlichen Formen entgegen – aus der Sicht derjenigen, die trotz immenser Anstrengungen und oft ausgezeichneter Leistungen keine Aussicht auf eine unbefristete Stelle haben (oder diese noch nicht erhalten haben), eine durchaus verständliche Reaktion. Persönlich kenne ich nur wenige couch potatoes, die sich auf Dauerstellen ein vergnügliches und weitgehend arbeitsfreies Leben machen. Solche Einzelfälle, die es wohl in jeder Berufsgruppe gibt, rechtfertigen keine weitreichenden Folgerungen für den Wissenschaftsbetrieb insgesamt.
[6] Ich danke Barbara Christophe für anregende Diskussionen über das Menschenbild, das dem gegenwärtig zu beobachtenden Qualitätsmanagement in den Geisteswissenschaften zugrunde liegt.
[7] Richard Münch, Die akademische Elite. Zur sozialen Konstruktion wissenschaftlicher Exzellenz, Frankfurt am Main 2007; ders., Globale Eliten, lokale Autoritäten. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von Pisa, McKinsey & Co., Frankfurt am Main 2009.
[8] Der Sprachgebrauch an sich ist schon kennzeichnend: „Fit-Machen“ der Mitarbeiter für die Evaluierung – das passt zum „höher, schneller, weiter“ und zum Wettlauf. Metaphern sind immer ebenso kennzeichnend wie verräterisch.
[9] So der Titel des berühmten Romans von Joseph Heller über absurde und paradoxe Situationen bei der US-Armee im Zweiten Weltkrieg (zuerst 1961 erschienen).
[10] Peter Weichhart, Humangeographie – quo vadis?, in: Robert Musil / Christian Staudacher (Hrsg.), Mensch. Raum. Umwelt. Die österreichische Geographie in Vergangenheit und Zukunft, Wien 2009, S. 79-93 (im Druck), Manuskript online unter <http://homepage.univie.ac.at/peter.weichhart/Homepage/P255OEGGHumggQVKAEnd.pdf>, dort S. 23 (23.04.2009). Ich danke Ute Wardenga für den Hinweis auf diesen vortrefflichen Begriff.
Die Mühen der Ebene. Über Standards, Leistung und Hochschulreform
Ulrich Herbert Den vollständigen Text des Gesprächs finden Sie unter dem gleichen Titel abgedruckt in: Elisabeth Lack / Christoph Markschies (Hrsg.), What the Hell is Quality? Qualitätsstandards in den Geisteswissenschaften. Frankfurt am Main: Campus Verlag 2008, S. 1-15. Auslassung sind ersichtlich an […].
[…]
JÜRGEN KAUBE: Wenn heute von Qualitätsmaßstäben für die Geisteswissenschaften die Rede ist, stehen jene Jahre des geisteswissenschaftlichen 'Wissenschaftswunders' wie ein Vorwurf im Raum. Ob man nun an Koselleck, Wehler und die Mommsens, an Habermas und Luhmann, an Hennis und Dahrendorf oder an Blumenberg und Henrich denkt – man könnte diese Liste fortsetzen: alles sehr unterschiedliche Lebensläufe, unterschiedliche Fächer, unterschiedliche Temperamente. Aber lauter nichtverlangbare und in ihrer Dichte verblüffende Leistungen. Muss sich die Gegenwart nicht fragen, was geschehen ist, dass eine solche Fülle an weithin wirksamen Forschungen danach nicht wiederkam?
ULRICH HERBERT: Zum einen ist es ganz normal, dass nach den Gipfeln die Mühen der Ebene kommen. Gerade weil all diese Autoren so anregend, so produktiv im Entwerfen von großen Perspektiven waren, geht die Forschung danach stärker ins Detail. Allerdings: Zwischen der Jahrhundertwende und den späten 1950er Jahren war ein so ausgeprägter und dann auch unbefragter Kanon entwickelt worden, der mit den entsprechenden disziplinären Standards verbunden war, dass es seit den frühen 1960er Jahren ganz erheblicher Anstrengungen bedurfte, um diesen Traditionsüberhang zu überwinden und Innovation, Pluralisierung, Internationalisierung und die stetige Infragestellung überkommener Inhalte und Methoden als Vorzüge und Voraussetzung für wissenschaftliche Leistungen zu etablieren. Schon deshalb, könnte man vermuten, waren in Deutschland in den Geisteswissenschaften besonders angestrengte Bemühungen notwendig, um diesen Traditionsüberhang auszugleichen, der vielfach mit hohen Standards im Handwerklichen verknüpft war, aber in der Vielfalt der thematischen Felder und der methodischen Neuerungen spätestens seit den 1930er Jahren im Vergleich mit den Entwicklungen in der internationalen Forschung zurückstand. Nun aber wurde die kritische Haltung gegenüber den überkommenen wissenschaftlichen Traditionen nachgerade zum Ausgangspunkt aller wissenschaftlichen Bemühungen. Das hat einerseits zu enormen Fortschritten geführt, wie wir unschwer erkennen können, wenn wir unsere je eigenen Disziplinen im Jahr 1960 und im Jahr 2000 vergleichen. Andererseits sind auch die Verluste unübersehbar, vor allem der Verlust verbindlicher Übereinkünfte über bevorzugte Gegenstände und Methoden sowie über das, was man als gute Wissenschaft ansieht.
JÜRGEN KAUBE: Diese gewisse Gediegenheit im Handwerklichen, das Gelehrte und zugleich die Offenheit für Theoriefragen, der Wille, ins Grundsätzliche zu gehen, hatten gewiss auch strukturelle Voraussetzungen. Mir scheint, dass beides unwahrscheinlicher wird, sobald ein, sei es tatsächlicher, sei es vermeintlicher Publikationsdruck aufkommt. Ökonomen sprechen von der "Tragödie der Allmende", wenn immer kleinere Fische aus den Weltmeeren gezogen werden. Wenn immer unausgegorenere Beiträge publiziert werden müssen, weil zwischen Antragsbewilligung und Verlängerungsantrag gar keine nennenswerte Zeit mehr liegt, ist das ja ein ganz ähnliches Trauerspiel. […] Es scheint, als habe das Wachstum der Disziplinen zu beschleunigter aber zugleich stärker diffuser Produktion geführt.
ULRICH HERBERT: […] Ja, der Zwang zum Publizieren ist ein Irrweg, und zwar in zunehmendem Maße. Wer nur vier Aufsätze und zwei Bücher anzubieten hat, hat bei Berufungsverfahren Probleme, mögen seine oder ihre Arbeiten noch so gut sein. Rein quantitative Auszählungsverfahren sind zur Feststellung der Qualität eines Wissenschaftlers in unseren Disziplinen jedenfalls nicht geeignet. Ich habe übrigens den Eindruck, als würde dies an den meisten Universitäten in Deutschland auch genauso gehandhabt. Übervolle Publikationslisten wirken oft eher kontraproduktiv.
Andererseits ist es ja sehr auffällig, dass, sieht man von erbitterten Schulenstreits ab, die zudem häufig noch von unterschiedlichen politischen Orientierungen und wissenschaftlichen Habitusformen unterfüttert sind, man sich im Kollegenkreise in der Regel eben doch schnell einig ist, ob dies ein gutes Buch, jene eine gute Wissenschaftlerin, jener hingegen ein Schaumschläger ist. Ebenso zeigt die Praxis der Blindbegutachtung bei referierten Zeitschriften sowie bei Gutachten in Promotions- und Habilitationsverfahren, dass es zwar immer wieder einmal – zuweilen erstaunliche – Unterschiede in den Beurteilungen gibt, aber doch als Ausnahmen. Tatsächlich kann also gar keine Rede davon sein, dass es keine weitgehend akzeptierten Qualitätsstandards in den Geisteswissenschaften gebe. Sie werden aber offenbar informell formuliert, beziehen sich zudem in der Regel auf die gleiche Fachrichtung und sind, in einer Reihe von Fächern, nicht ohne weiteres auf andere Subdisziplinen übertragbar. Natürlich gelten überall die Breite der Materialkenntnis, das Ausmaß an Belesenheit, die analytische Schärfe, die Findigkeit und Originalität der Recherche, die Plausibilität des Urteils, schließlich die Ästhetik der Sprache, in welcher der Text verfasst ist. Aber bei Anwendung dieser Kriterien gibt es doch große Spielräume – wie jeder zugeben wird, der soeben ganz für sich still und befriedigt konstatiert hat, wie vortrefflich all diese Kategorien auf das letzte eigene Werk zutreffen.
JÜRGEN KAUBE: Gilt dieser Konsens, was Standards betrifft, auch für die Lehre?
ULRICH HERBERT: Vermutlich nicht. Um die Lehre in den Geisteswissenschaften hat sich seit geraumer Zeit eine Art Schweigekartell gebildet. Schon das öffentliche Reden über die Qualität von Lehre wird als Ausdruck unakademischer Gesinnung gebrandmarkt. Nun haben die Probleme in der Lehre aber zunächst vor allem mit den gestiegenen Betreuungsrelationen zu tun. Seit den 1960er Jahren, von denen Sie eingangs sprachen, sind die Jahrgangsquoten der Studierenden von 15 Prozent allmählich auf etwa 25 bis 30 Prozent angestiegen. Viele, die sich heute an die goldenen Zeiten der Universitäten erinnern, sowohl die Konservativen wie die Achtundsechziger, vergessen das als eine Bedingung ihrer Nostalgie. Umgekehrt haben auch die Universitäten und die Hochschulpolitiker die Augen vor den Folgen des Wachstums verschlossen. Einer der Schlüsselbegriffe der Verwahrlosung an den deutschen Universitäten ist "Untertunnelung", also die in den 1980er Jahren gepflegte politische Vorstellung, man könne den demographischen Rückgang der absoluten Studierendenzahlen abwarten und in der Zwischenzeit die tatsächlich ansteigenden Studierendenzahlen mit demselben Personalumfang in der Lehre bewältigen. Es gab hier den Irrglauben, man komme irgendwann zu den 15 Prozent eines Jahrgangs zurück. […]
JÜRGEN KAUBE: Außerdem liegt ja für jeden Lehrenden die Haltung nahe: "Das sind erwachsene Menschen!" Jedenfalls wollen sie als solche wahrgenommen werden. […]
ULRICH HERBERT: Wer heute fragt: "Was tun Sie, damit die Studierenden die 50 Seiten zur Vorbereitung der Sitzung auch tatsächlich lesen?", erhält die Antwort: "Ich bin Wissenschaftler, kein Polizist". Das Selbstbild der Wissenschaftler als Teil einer freien Lehr- und Lerngemeinschaft, eines akademischen Arkadien, steht im Vordergrund. Die Wirklichkeit der Lehre ist ein Ärgernis, sie zu ändern verstieße aber gegen das postulierte Selbstbild. Und dann lässt jeder ein bisschen nach, die einen bei den Anforderungen, die anderen bei den Leistungen, und es verbreitet sich der Eindruck, alles funktioniere ja auch so ganz gut. An unserem Fachbereich hat eine Erhebung ergeben, dass etwa die Hälfte der Studierenden weniger als eine Stunde pro Woche auf die Vorbereitung eines Seminars verwendet. Andererseits gelten die Veranstaltungen, welche das höchste Lektürepensum verlangten und dies auch konsequent überprüften, bei den Studierenden als die besten. Die Behauptung, es ginge nicht anders, man müsse die Standards senken, trifft also nicht zu. Aber wenn nichts verlangt wird und man weiterhin so tut, als müssten die Studierenden von sich aus die Voraussetzungen bereits mitbringen, das notwendige Lesepensum zu absolvieren, wird sich hier nichts ändern. […]
JÜRGEN KAUBE: Die Frage ist nur, welche Anreize es dafür gibt, wenn die Mittelzuweisung an die Absolventenquote bzw. -zahl gebunden wird, wenn also Studiengänge wichtige Gründe dafür haben, so viele Zertifikate wie möglich zu verleihen. Der Wissenschaftsrat hat ausgerechnet, dass die Durchschnittsnote aller Fächer an deutschen Universitäten 1,8 ist. Es gibt Studiengänge, in denen es schlechterdings kaum möglich ist, eine Prüfung nicht zu bestehen.
ULRICH HERBERT: Die Notengebung, aus den 1970er Jahren kommend, suggeriert ja, dass man in der Universität, in den geisteswissenschaftlichen Fächern ebenso wie in vielen Naturwissenschaften, nach anderen Kriterien und Maßstäben lebe und arbeite als die Welt da draußen. Man verweigert sich dem Notendruck und der Utilitarisierung von Forschung, Lernen und Wissenschaft im Ganzen. Wer Wissenschaft nicht um ihrer selbst betreibe, so das Credo, der habe nicht verstanden, worum es gehe. Dem kann man ja in Momenten idealistischer Aufwallung durchaus folgen. Nur was ist mit denen, die Wissenschaft nicht um ihrer selbst willen treiben, sondern weil sie einen Beruf ergreifen wollen, die auf welchem Weg auch immer möglichst gute Noten erzielen wollen und denen der romantische Akademismus der Hochschullehrer egal ist? Derzeit schleift man sie irgendwie mit, sie bekommen auch ein Examen, schon um Ärger zu vermeiden – und konzentriert sich auf die happy few, die womöglich promovieren und Wissenschaft betreiben wollen. Wie kann man das ändern? Durch gute Lehrveranstaltungen und durch den Nachweis, dass ein qualitativ hochstehendes Studium selbst mit einer Zwei minus abgeschlossen erheblich wertvoller und lohnender ist als ein Bluff-Studium ohne Substanz, aber mit "sehr gut".
JÜRGEN KAUBE: Wobei das Dilemma der Lehrerbildung vielleicht sogar noch größer ist, weil ja tatsächlich eine Universität, die sich unter dem Studenten in erster Linie einen zukünftigen Forscher vorstellt, auch Gefahr läuft, an ihnen vorbei zu unterrichten. […]
ULRICH HERBERT: Das ist nicht nur ein Problem der Geisteswissenschaften. In manchen Naturwissenschaften werden Lehramtsstudierende geradezu mit Verachtung behandelt. […] Dann darf man sich nicht wundern, wenn die Studentenzahlen in diesen Fächern sinken. Die Lehramtskandidaten waren früher sehr oft die besseren unter den Studierenden. Heute sind es oft diejenigen, die den Stoff sofort daraufhin mustern, ob sie das wirklich später in der Schule brauchen, wobei sie noch unterstützt werden durch Erziehungswissenschaftler, die ihnen einreden, das Wichtige am Unterricht sei ja auch gar nicht die Beherrschung des jeweiligen Faches, sondern die "Methode". So, als sei Methode alles und Sachkenntnis nachrangig. […]
JÜRGEN KAUBE: Über eine "Vermassung" der Forschung redet übrigens auch niemand, obwohl es doch offenkundig ist, dass hier ebenfalls merkwürdige Wachstumsphänomene zu beobachten sind. Übertrieben gesprochen: Im vergangenen Jahrzehnt hat jede Wissenschaftlergruppe, deren Aufsätze von einem Journal abgelehnt worden sind, ein eigenes gegründet. […]
ULRICH HERBERT: Diversifizierung und Pluralisierung der Forschungsrichtungen haben mittlerweile ein solches Ausmaß angenommen, dass die Profile der Disziplinen oft kaum mehr erkennbar sind und es weder informelle noch formelle Vereinbarungen über, sagen wir, die Mitte eines Fachs mehr gibt. Damit verbunden ist der Verlust von übergreifenden Qualitätskriterien. […] Der Ruf nach Standards in Qualität und Kanon ist also vor allem pragmatisch zu begründen. Die Notwendigkeit von Vereinbarungen ist aber auch schon deswegen evident, weil ohne Kanon keine Kritik an ihm, ohne Qualitätsbegriff keine Sprengung desselben. Nur wo Normalnull definiert ist, kann man deren Unter- und Überschreitung erkennen. […] Allerdings war es historisch betrachtet stets so, dass die Mehrzahl der Forscher wie auch der Studierenden eher mittelmäßig war…
JÜRGEN KAUBE: Es können schon rein rechnerisch nicht alle über dem Durchschnitt liegen…
ULRICH HERBERT: Nur, dass durch das Wachstum der Wissenschaft, übrigens auch der zur Verfügung stehenden Zeit, heute die Dissertation das ist, was früher die Habilitation war, und die Magisterarbeit das, wofür man einst einen Doktortitel erhielt. In Bezug auf solche Qualifikationsarbeiten hat die Qualität eindeutig zugenommen. Zugleich gibt es in manchen geisteswissenschaftlichen Fächern einen Verlust an Identität und an wissenschaftlichen Standards. […]
JÜRGEN KAUBE: Man vermisst gerade in manchen Geistes- und Sozialwissenschaften wie der Germanistik, der Soziologie oder der Pädagogik ein Bewusstsein davon, was der Stand dieser Fächer ist, hinter welchen Errungenschaften man auf keinen Fall zurückbleiben kann, um ernst genommen zu werden. […] Andere Fächer wie die Kunstgeschichte oder die Altertumshistorie verdanken ihren vergleichsweise guten Zustand vielleicht gerade diesem Bewusstsein vom Stand des Erreichten. […]
ULRICH HERBERT: In einigen geisteswissenschaftlichen Disziplinen gibt es tatsächlich nicht nur keinen Konsens über die Kriterien für gute und schlechte Wissenschaft, es gibt auch keinen Konsens mehr über die Gegenstände der Wissenschaft und die sinnvollerweise zu verwendenden Methoden. Die Germanistik, so einige ihrer Vertreter, sei hierfür ein besonders aussagestarkes Beispiel. Zwischen den verschiedenen Subdisziplinen und Schulen existiere nurmehr eine rudimentäre Kommunikation. Das scheint aber keine Besonderheit der Germanisten zu sein. Die kleinen Fächer hingegen tun sich oft leichter mit der Verständigung über Kriterien, weil es dort manchmal nur fünfzig bis einhundert Spieler auf dem gesamten Feld gibt. […] Wichtig ist jedenfalls, dass Forschungen mangelnder Qualität tatsächlich kritisiert werden, selbst wenn die entsprechenden Auseinandersetzungen noch so anstrengend sind, weil sie auch die Kollegialität strapazieren…
JÜRGEN KAUBE: … dafür aber die Moden in Grenzen halten.
ULRICH HERBERT: Da gibt es Unterschiede, manche Moden sind durchaus hilfreich. In der Geschichtswissenschaft gibt es ja diese Buchproduktion auf Jahrestage und Aktualitäten hin, das kann einem schon auf die Nerven gehen. […] Ganz anders die modischen Theorien, die aber gerade von den besseren Studenten oft begierig aufgesaugt werden, weil sie ein sehr waches Empfinden dafür haben, in welchen Bereichen derzeit die interessantesten, kontroversesten Debatten geführt werden. Natürlich verliert das nach einer gewissen Zeit an Bedeutung und Schärfe, und viele Forschungskontroversen werden eben auch entschieden; danach weiß man besser, was plausibel ist und weiterführend und was nicht. Insofern ist die Kritik an den "Moden" ebenso kurzlebig wie die Moden selbst. Wir haben in den Geschichtswissenschaften seit geraumer Zeit wichtige Debatten über die Ausweitung der Geschichtswissenschaft über den nationalen Rahmen hinaus, zu Bereichen, die nicht vom Nationalen her zu entschlüsseln sind. Zwar kann man den Begriff "transnational" dann bald nicht mehr hören, aber die Sache bleibt wichtig und hat uns auch erhebliche Horizonterweiterungen gebracht. Aber es gibt natürlich auch rein repetitive oder imitative Tendenzen. […]
JÜRGEN KAUBE: Der stark über Drittmittel und Projektverbünde laufende Forschungsbetrieb begünstigt dieses Imitationsverhalten.
ULRICH HERBERT: […] Es kommt aber darauf an, dass keine forscherische Schattenwirtschaft entsteht: Projektforschung als Oberfläche, als Pflichtübung, die die Forscher von der Beschäftigung mit dem eigenen, seit Jahren sorgfältig vorbereiteten Buchvorhaben abhält. Es kommt darauf an, die tatsächlichen Forschungsinteressen und -kompetenzen der Einzelnen so miteinander zu verzahnen, dass man von einem kooperativen Projekt mehr hat als von einem Einzelvorhaben – und dies dann auf besserem Niveau auch tatsächlich betreiben kann. Problematisch bei der Projektforschung ist allerdings die unkontrollierte Produktion von Post-Doktoranden, also promovierten Mitarbeitern, die für ein Projekt an der Uni gehalten werden, ohne dass man ihnen eine halbwegs gesicherte Zukunft garantieren oder auch nur in Aussicht stellen kann.
JÜRGEN KAUBE: […] In den Geisteswissenschaften sind die Bewerberzahlen noch sehr hoch, in den Naturwissenschaften fehlt es an wissenschaftlichem Nachwuchs, und viele gute Leute sind in die USA abgewandert. Auch bei den Geisteswissenschaftlern hat es ja in den vergangenen Jahren zahlreiche solcher Fälle gegeben.
ULRICH HERBERT: Tatsächlich wird der Professurenberuf unattraktiver. Wer die neue TVL-Entlohnung für wissenschaftliche Mitarbeiter verabschiedet hat, der muss schon sehr weit entfernt sein von der Lage an den Unis. Mit der Eingangsstufe "TVL 13" kommen sie auf ein Gehalt, das deutlich unterhalb der Einkünfte derer liegt, die nach dem Studium gleich an eine Schule gegangen sind. Nicht anders verhält es sich mit der W-Besoldung: Eine Nachwuchsstelle auf W-Basis ist heute in der Größenordnung eines Realschullehrergehalts angesiedelt. Die Zahl der befristeten Stellen ist deutlich gewachsen. Schlecht bezahlt, unsichere Arbeitsplätze, hohe Belastung – in welchem anderen Bereich von solcher Bedeutung gibt es derartige Verhältnisse? Darin drückt sich auf ganz ungeschminkte Art ein veritabler Anti-Intellektualismus aus, der in Deutschland ausgeprägter ist als anderswo und einen trüben historischen Hintergrund hat. Wer heute die Hochschullaufbahn – die ja gar keine Laufbahn ist – einschlägt, muss in unseren Fächern mit etwa 50-prozentiger Sicherheit damit rechnen, nach erfolgreicher Promotion, Habilitation und sechs bis zehn Jahren Lehrerfahrung keine Professur zu bekommen. Und da es an der Hochschule nahezu keine Alternative gibt, bedeutet das: berufliches Scheitern und in vielen Fällen auch soziales Scheitern. Wer sollte denn ein solches Risiko auf sich nehmen? Und warum? Vor allem, wenn ich in Großbritannien oder den USA eine ordentliche Bezahlung und eine feste Stelle erhalten kann.
JÜRGEN KAUBE: Die unkluge Weise, in der hierzulande die Bachelor-Studiengänge eingeführt worden sind und vielerorts eingerichtet werden, trägt zu dieser abnehmenden Attraktivität der Universität bei.
ULRICH HERBERT: Ich finde die Einführung der Bachelor/Master-Studiengänge insgesamt so dumm nicht. […] Nach drei Jahren einen ersten Abschluss zu haben und sich dann zu überlegen: "Gehe ich in den Beruf oder mach ich noch den MA?" – das scheint mir eine vernünftige Sache, und die Erfahrungen etwa in Skandinavien oder Benelux bestätigen das auch. Der Bachelor-Studiengang nützt durch die größere Verbindlichkeit vor allem den Studierenden aus bildungsferneren Schichten, während er den stark intrinsisch Motivierten nicht schadet. Im Kern aber bleibt das eine Frage, wie die Dozenten ihre Lehrveranstaltung vorbereiten und organisieren – hier sehe ich die eigentlichen Defizite. Die Klage über BA und MA scheint mir weithin eine Ablenkung von den akuten Defiziten in der Lehre.
JÜRGEN KAUBE: […] Aber um noch einmal zur Forschung zurückzukehren: Mir scheint das Vertrauen in bibliometrische Verfahren ein Krisenindikator zu sein. Man weicht der Urteilsbildung aus, auch den Konflikten, die damit verbunden sind, und setzt auf Zahlen, von denen jeder weiß, wie wenig aussagekräftig sie sind und wie leicht sie manipuliert werden können.
ULRICH HERBERT: Dass Qualitätsmessung in den Geisteswissenschaften ein schwieriges Unterfangen ist, hat jedenfalls nicht nur damit zu tun, dass die vorwiegend qualitativen, hermeneutischen Verfahren der Geisteswissenschaften exakter Bemessung schwerer zugänglich sind als quantitativ orientierte und experimentelle Forschung. In anderen Ländern, den angelsächsischen zumal, gibt es ja bereits Zitations-Indices, Zeitschriftenrankings und sehr ausgefeilte Verfahren der Begutachtung wissenschaftlicher Arbeiten, insbesondere bei den Begutachtungen für das tenure track-System. Und wer würde behaupten, dass die wissenschaftliche Qualität in den Universitäten dieser Länder schlechter ist als bei uns? Gleichwohl, mein Vertrauen in rein bibliometrische Verfahren ist ziemlich gering.
JÜRGEN KAUBE: Aber kann man es nicht doch einfach beim Lesen als dem primären und irgendwie auch einzigem verlässlichen Verfahren der Qualitätsbeurteilung belassen? Mir leuchtet es nicht ein, wenn aus der Spezialisierung abgeleitet wird, man könne nicht mehr beurteilen, was die meisten Kollegen so machen, und sei darum gezwungen, ihre Aufsätze zu zählen […], um herauszufinden, ob man den Autor berufen oder ihm Drittmittel geben kann.
ULRICH HERBERT: Das ist richtig. Trotzdem können wir die Frage "Wie messt ihr Geisteswissenschaftler denn Leistung?" nicht einfach nur mit "Geht nicht!" beantworten. Wir können nicht ernsthaft so tun, als sei die Leistung eines Historikers oder eines Literaturwissenschaftlers nicht bemessbar, sondern im Wortsinn unermesslich. Zunächst bedeutet Leistungsmessung nur, dass die Standards der Geisteswissenschaften sich ebenso öffentlicher Überprüfung zu stellen haben wie jede andere Disziplin auch. In den meisten Geisteswissenschaften gibt es keinen Konsens und keine Praxis der Leistungsmessung in der Forschung. Ein System der referierten Zeitschriften wie in den Naturwissenschaften und auch den Sozialwissenschaften ist in den Geisteswissenschaften bislang nicht entwickelt worden. Nur auf dieser Grundlage ist ein bibliometrisches Verfahren auch sinnvoll. Denn dann sagt es mir: "Kandidat A hat neun Aufsätze in den Zeitschriften mit den höchsten Standards veröffentlicht, Kandidat B keinen, sondern hat nur in Sammelbänden und nicht referierten Journalen publiziert." Das würde ich als einen aussagekräftigen Hinweis auf die Qualität des Bewerbers akzeptieren.
Gegen solche Vorschläge wurde eingewandt, dieses Verfahren widerspreche den qualitativen Bedürfnissen der Geisteswissenschaften. Zudem sei wissenschaftliche Leistung in den Geisteswissenschaften ohnehin nicht präzise zu messen, vielmehr führe bereits der Versuch zur Herausbildung wissenschaftsfremder, letztlich ökonomistischer Kategorien. Eine Fächergruppe, die sich aus Tradition und Überzeugung einer intersubjektiven Überprüfung ihrer Leistungshöhe entzieht, wird aber in einem System, das in den vergangenen fünfzehn Jahren einen Übergang von der konsensorientierten Kollegialuniversität zum Modell der Wettbewerbshochschulen durchlaufen hat, an Bedeutung stetig verlieren. Daran wird die immer wieder erneute Anrufung der Sonderstellung der Geisteswissenschaften aufgrund der Dignität ihrer Gegenstände nichts ändern. Auf der anderen Seite müssen solche Verfahren die Spezifika der geisteswissenschaftlichen Disziplinen berücksichtigen, die durch Stichworte wie "Bedeutung der Einzelforschung", "individuelle statt arbeitsteilige Forschung", "Bedeutung der archivalischen, lexikalischen und editorischen Wissensspeicherung", "Pluralität der Methoden", "Vielfalt der Gegenstände", "Bedeutung von Sprache und künstlerischer Gestaltung" etc. formuliert sind. […]
JÜRGEN KAUBE: Mit anderen Worten: Wer sich, vielleicht mit guten Argumenten, nicht bibliometrisch messen lassen möchte, muss dafür sorgen, dass die Standards auf andere Weise durchgesetzt werden, sollte aber tunlichst Redensarten in die Richtung vermeiden, man könne den Geist keinen Kriterien unterwerfen?
ULRICH HERBERT: In der Tat. Das Postulat, in den Geisteswissenschaften sei Leistung nicht messbar – weder bei den Studenten, weshalb nur die Noten "Eins" und "Zwei" vergeben werden, noch bei den Professoren, weshalb kein System referierter Zeitschriften existiert –, überzeugt mich nicht. Qualitätsdefinitionen und Kanonbildung sind notwendige Prozesse innerhalb – nicht nur – geisteswissenschaftlicher Disziplinen. Sie allein versetzen in die Lage, innerhalb des Faches belastbar zu kommunizieren und Neuerungen, auch Qualitätssprünge, zu bemerken. Nur: es handelt sich um pragmatische Vereinbarungen, wohl wissend, dass solche Systeme nur Hilfsmittel sind, um Kommunikation innerhalb von Disziplinen und darüber hinaus zu ermöglichen. Wir sollten uns hüten, nach Jahrzehnten der Diversifizierung und Relativierung nun in ein neues Zeitalter der Begrenzungen einzutreten, das Weitungen verhindert und Kreativität missachtet.
~~~~
Ulrich Herbert ist seit 1995 Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg im Breisgau. Seit 2007 Direktor der School of History am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS). Zwischen 2001 und 2006 war er Mitglied des Wissenschaftsrates und leitete zuletzt die Arbeitsgruppe Geisteswissenschaften.
Jürgen Kaube ist Mitglied der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, an deren Feuilleton er seit 1992 mitarbeitet. Er ist für Wissenschafts- und Bildungspolitik zuständig und seit August 2008 Ressortleiter für die Geisteswissenschaften.
Probleme und Chancen der Forschungsbewertung im Fach Geschichte
Lutz Raphael Indikatorengestützte Evaluationen von Forschungsleistung spielen auch in den Geisteswissenschaften trotz aller berechtigten Skepsis und verständlicher Widerstände bereits zum jetzigen Zeitpunkt eine große Rolle. Die folgenden Überlegungen gehen von der pragmatischen Einschätzung aus, dass der in Politik wie Gesellschaft insgesamt zu beobachtende Trend, sich auf Ratings/Rankings und andere indikatorengestützte Verfahren vergleichender Leistungsmessung zu verlassen bzw. sie zur Basis weiterer Aushandlungsprozesse und Entscheidungen zu machen, weder aufzuhalten noch per se negativ ist. Solche Verfahren knüpfen an die Alltagspraxis wissenschaftsinterner Bewertungen - von der Benotung studentischer Leistungen, von Dissertationen bis hin zu Gutachten in Berufungsverfahren und bei Projektanträgen - an. Die möglichst fachgerechte, wissenschaftsadäquate Gestaltung dieser Prozesse sollte dementsprechend im Mittelpunkt der Kontroversen stehen.
Aus der Perspektive der betroffenen Wissenschaftler bzw. ganzer Fächer bzw. Fächergruppen geht es vor allem darum, konkret die Spielräume für eine autonome Gestaltung solcher Evaluationsprozesse zu erweitern und die zur Zeit erkennbaren Fehler bei der Übertragung sachfremder Kriterien und Bewertungsperspektiven auf die Geisteswissenschaften zu korrigieren.
Welche spezifischen Probleme muss nun ein Evaluationsverfahren im Fach Geschichte berücksichtigen? Mir scheinen mindestens sieben Punkte von besonderer Bedeutung:
1. Das Spannungsverhältnis zwischen Einzelforschung und Verbundforschung
Ganz ähnlich wie im Fach Soziologie, das Gegenstand einer Pilotstudie zum Forschungsrating seitens des Wissenschaftsrats war
[1]
, ist die Wahl geeigneter Forschungseinheiten ausgesprochen problematisch. Im Fach Geschichte existiert nicht erst seit der finanziellen und administrativen Reduktion von Forschungschancen und -ressourcen aus der Grundausstattung von Hochschulinstituten bzw. -lehrstühlen eine Tradition koordinierter Forschung. Man denke nur an die außeruniversitären Forschungsinstitute wie das frühere Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen, das Institut für Zeitgeschichte in München, aber auch viel ältere Organisationen historischer Forschung wie die Monumenta Germaniae Historica oder die Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Auch die universitären Einrichtungen des Faches kennen vielfältige Formen koordinierter Forschung. Bislang bestehen in der Fachcommunity konträre Bewertungen über Sinn und Nutzen solcher Verbundforschung mehr oder weniger unverbunden nebeneinander. Die kreative Einzelleistung wird fachintern häufig in Übereinstimmung mit tiefsitzenden und gut tradierten Vorurteilen allein dem Pol individueller Forschung fernab vom Getriebe der drittmittelgetriebenen Projektewelt zugerechnet. Insbesondere DFG-Sonderforschungsbereiche oder ähnliche großformatige Forschungsverbünde müssen mit einer besonders kritischen Prüfung ihres Innovationspotentials rechnen. Demgegenüber ist daran zu erinnern, dass gerade auch projektförmige Forschung wichtige Impulse in der Geschichtswissenschaft gegeben hat. Das Bild einer durch die Abhängigkeit von Drittmitteln intellektuell verarmenden mainstream-Historiographie ist ebenso einseitig wie empirisch anfechtbar. Eine nüchterne Bilanz der größeren Verbundforschung für die Geschichtswissenschaft steht einfach noch aus. Eigene Forschungen zur Geschichte der Annales-Historiographie haben mir gezeigt, dass neben der immer wieder gern angeführten Figur des singulären Gelehrten gerade der in organisierten Arbeitszusammenhängen forschende Historiker die Entwicklung des Faches intellektuell markiert hat. Gerade die hochschulpolitische Hebelwirkung eingeworbener Drittmittel blockiert aber eine sachgerechte Diskussion dieser unterschiedlichen Forschungsformate.
Angesichts dieser Lage wäre es von großem Nutzen, wenn Evaluationen im Fach Geschichte zum einen das Ausmaß von Forschung in den Forschungseinheiten anhand der Zahl geförderter Projekte bzw. dort abgeschlossener Dissertationen/Habilitationen ermitteln, aber andererseits auch eine präzisere Bewertung bzw. Bilanzierung größerer Projektzusammenhänge ermöglichen.
2. Die fachspezifischen Publikationsformen
Die Geschichtswissenschaft kennt nach wie vor eine Vielfalt von Publikationsformen, die per se keinerlei Qualitätsgefälle erkennen lassen. Dementsprechend eignen sie sich nicht zur Berechnung quantitativer Indikatoren. Auch im Fach Geschichte kommt keine Evaluation an der Bewertung von Texten vorbei: Fachgutachter müssen lesen, die Auswahl der entsprechenden Texte wird also entscheidend sein. Hier wäre meines Erachtens eine Kategorisierung der vielen unterschiedlichen Textformate hilfreich. Die Pluralität der Publikationsformen hat sogar mit der Etablierung fachspezifischer elektronischer Publikationen noch zugenommen, so dass für eine fach- und sachgerechte Bewertung aktueller Forschungsleistungen weder eine Beschränkung auf Aufsätze in wenigen, als „erst“klassig klassifizierten Fachzeitschriften (nach dem Muster von A-, B-Journals etc.), noch auf Printmedien eine sichere Grundlage darstellen würde. Offensichtlich ist es aber angesichts dieser Vielfalt unabdingbar, wenigstens Mindeststandards zu definieren, was als Fachpublikation Berücksichtigung finden kann. Hier wird wohl nur das Kriterium des peer review Verfahrens für alle Periodika (print wie elektronisch) eine sichere Startgrundlage liefern können.
Für eine differenzierte vergleichende Bewertung der Texte und auch die Darstellung der Bewertungsergebnisse wiederum kann es sehr sinnvoll sein, nach Typen von Forschungsbeiträgen zu differenzieren. Ausgangspunkt können etablierte, ältere Klassifizierungsmodelle sein. So existierte lange Zeit das auch international kanonisierte Schema: Aufsätze in Fachzeitschriften oder Monographien im Buchformat dienen der Darstellung von Forschungsergebnissen. Klassiker in der Kategorie des Forschungsbuchs sind dabei die überarbeiteten, in anerkannten Reihen publizierten Dissertationen und Habilitationen geworden. Rein quantitativ haben sie erheblich zugenommen, ihre Präsenz und Relevanz in der Fachkommunikation ist aber sehr heterogen, in erheblichem Maß wird die Aufmerksamkeit der Fachkollegen durch das Renommee der Reihen und Verlage gesteuert. Etabliert ist schließlich auch das Handbuch bzw. der Handbuchartikel als Form der Synthese und der Darstellung des Forschungsstandes. Eher randständig und vielfach nicht als Forschungsleistung anerkannt waren in diesem älteren Modell programmatische Forschungsaufrisse bzw. Beiträge zu Fragen von Theorie und Methode. Die Überzeugungskraft dieses Modells beruhte und beruht in erheblichem Maße auf einem empiristischen bzw. positivistischen Vorverständnis, dessen theoretische Grundlagen seit längerem im Fach umstritten sind. Mit der wachsenden Pluralität von Forschungsansätzen hat sich auch in dieser Hinsicht das Feld der Publikationen weiter ausdifferenziert. So ist inzwischen auch in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft die im Umfang und Anmerkungsapparat knappere Synthese meist in Taschenbuch-/Paperbackformat getreten, die sowohl für den Lehrbetrieb wie für die Fachkommunikation über den kleinen Kreis der Spezialisten hinaus gedacht ist. Gerade auf diesem Feld sind in den letzten zehn bis 15 Jahren die überraschendsten Neuentwicklungen zu beobachten gewesen. Dieses Syntheseformat erweist sich auch viel stärker als das klassische Handbuch als Ort der Innovation, weil dort neue Perspektiven erprobt, Geschichte(n) zuweilen neu- und umgeschrieben werden. Deutlich an Gewicht zugenommen hat schließlich auch der Forschungsessay – sowohl als Beitrag in Fachjournalen wie auch als Buch. Gerade die wachsende Pluralisierung geschichtswissenschaftlicher Forschungsansätze in den letzten drei Jahrzehnten hat hier ihren Niederschlag gefunden. Für eine Evaluierung von Forschungsleistungen wäre eine Differenzierung in entsprechende Dimensionen (Spezialforschung/ Synthesen/Konzepte) sehr hilfreich, da dies ermöglichen würde, die ganz unterschiedlichen Profile und Stärken/Schwächen von Forschungseinheiten sichtbar zu machen. Auch die Auswahl von Publikationen könnte damit gesteuert werden. Eine schwierige Frage ist es, ob Publikationen bzw. Beiträge für Reihen, die explizit für die universitäre Lehre geschrieben werden und in ihrem Format diesem Ziel entsprechend der Reproduktion bekannten Wissens erste Priorität einräumen, als eigenständige Form der Forschungskommunikation behandelt werden sollten. Angesichts des wissenschaftspolitischen Ziels, die Qualität der Lehre zu verbessern, wäre eine solche explizit eigenständige Kategorisierung sicherlich von strategischer Bedeutung.
3. Typen der Forschungsleistung
Schließlich muss die Evaluation von Forschungsleistungen in der Geschichtswissenschaft auch der Tatsache gerecht werden, dass – relativ unabhängig von der Wahl der Publikationsformate – die einzelnen Forscher und Forschungseinrichtungen arbeitsteilig ganz unterschiedliche Aspekte dieser fachspezifischen Gesamtleistung bedienen. In der Geschichte der Geschichtswissenschaft bewährt hat sich zum Beispiel die Unterscheidung zwischen der „Erfindung“ oder Exploration eines neuen Forschungsfeldes einerseits, der Untersuchung eines bereits etablierten, aber materialiter noch „unbekannten“ Untersuchungsfeldes andererseits (letztere ähnelt dem, was Kuhn „Normalwissenschaft“ genannt hat). Bei beiden Grundtypen gibt es jedoch offensichtlich unterschiedliche Qualitätskriterien: im Fall der Normalwissenschaft gibt es offenkundig den Grenzfall der „Nach“forschung, also der bloßen Wiederholung etablierter Forschungsansätze an immer kleinteiligeren und zudem weitgehend bereits erforschten, das heißt bekannten Gegenständen. Der Grenzfall ist bekanntlich dann erreicht, wenn es bereits internationale Forschungsergebnisse zu einem Problem/Sachverhalt gibt, aber nur noch nicht in der deutschen Forschung! Andererseits gehört zur zukunftsträchtigen und damit hoch zu bewertenden Erschließung neuer Forschungsgebiete neben der theoretischen Konstruktionsleistung einer neuen Fragestellung (den inzwischen zur Mode gewordenen turns) auch die angemessene Behandlung methodischer Anschlussfragen (ein nahe liegendes Exempel liefert zum Beispiel die Diskursanalyse) und die materialgesättigte Erprobung. Mit Blick auf die breit diskutierten Folgewirkungen von Evaluationen wären gerade zwei typische Gefährdungen guter historischer Forschung durch diese beiden entgegengesetzten Trends, einerseits die modische Originalitätssuche auf Kosten der aufwändigeren und nur mittelfristig erreichbaren Etablierung neuer Forschungsfelder und andererseits die innovationsfeindliche Weiterführung längst hinreichend erforschter Themen und Zusammenhänge beobachtbar. Davon wäre langfristig eine Korrektur naturwüchsiger Fehlentwicklungen zu erhoffen.
4. Internationalität der Forschung
Dieses Kriterium ist ebenso unbestritten wie ungeklärt. Faktisch wird auch auf internationaler Ebene die Geschichtswissenschaft nach wie vor vom Primat nationalgeschichtlicher Perspektiven dominiert. Dies hat bereits weitreichende Folgen für die nationalspezifische Besetzung von Forschungsfeldern und die Herausbildung von besonderen Forschungsprofilen in den einzelnen nationalen Historikerfeldern. Internationale und nationale Wahrnehmung von Forschung stehen dabei zuweilen im umgekehrten Verhältnis zueinander – ohne dass dies Rückschlüsse über die Qualität der Forschung zuließe. Die kulturelle und politische Bedeutung des Faches auf nationalstaatlicher Ebene schlägt sich nicht zuletzt darin nieder, dass sich das Fach nach wie vor der Landessprache bei der Präsentation ihrer Ergebnisse bedient. Jede Bevorzugung fremdsprachiger Publikationen, zumal in englischer Sprache würde vor allem dazu dienen, die deutschsprachige Geschichtswissenschaft als Teil eines anderen, praktisch eines angelsächsischen Historikerfeldes (dieses ist aber nicht identisch mit der internationalen Geschichtswissenschaft) neu zu definieren. Für einzelne Forschungsgebiete mag dies angemessen sein, eine generelle Übertragung würde aber ein aktuell weitgehend forschungsfernes Kriterium einführen und damit die Ergebnisse verzerren. Dementsprechend prekär sind nach wie vor international vergleichende Beurteilungen nach quantitativen Kriterien.
Angesichts der großen Unterschiede innerhalb des Faches wäre es aus meiner Sicht am besten, den Aspekt der Internationalität nur dort systematisch zur Geltung zu bringen, wo er etwas über die fachliche Bewertung der jeweiligen Forschung aussagt – bei der Bewertung der Forschungstexte: sie sollte sich an Qualitätsstandards orientieren, die allgemeine, das heißt internationale Anerkennung in den Zentren der Geschichtsforschung finden. Internationalität heißt in diesem Fall nicht schlicht Vernetzung mit ausländischen Fachkollegen, sondern Qualitätsmessung an internationalen Standards. Die sachgerechte Anwendung dieses Kriteriums ist also konkret im Wesentlichen an die Kompetenz und Urteilsfähigkeit der Gutachter gebunden.
5. Zeiträume der Evaluation
Nach wie vor herrscht große Unklarheit darüber, in welchen Zeiträumen Evaluationen in den Geisteswissenschaften sinnvoll sind. Offensichtlich besteht die Gefahr der Evaluationitis, also des sachfremden Rankings in viel zu kurzen Abständen. Rhythmus und Tempo von Forschung im Fach Geschichte lässt sich recht gut an der Dauer ablesen, die für sehr gut bewertete Dissertationen wie für Habilitationen üblich sind. Hier liegt der Durchschnitt deutlich über vier Jahren, rechnet man die Zeit bis zur Publikation hinzu, dauert es also in der Regel sechs bis sieben Jahre, bevor innovative Leistungen kommuniziert werden und ihre Wirkung im Fach entfalten. Erst dann sind sie verlässlich bewertbar. Trotz aller Moden, die im Fach kurzfristige Spuren hinterlassen, spricht (noch) nichts dafür, dass sich die Zeiten verkürzt hätten, die individuelle Vorhaben wie drittmittelgeförderte Projekte benötigen, um neue Erkenntnisse hervorzubringen. Technologische Innovationen haben hier keine Beschleunigung gebracht. Deshalb sind seriöse, das heißt aber nach dem bisher Gesagten arbeitsaufwändige Evaluationen nur in längeren Zeitabständen (sieben bis zehn Jahren) sinnvoll. Sie können so etwas wie nationale Leistungsbilanzen darstellen, welche es erlauben, die laufende Praxis interner wie externer Bewertungen spezifischer Forschungsleistungen zu „eichen“ und Instituten wie einzelnen Forschern dabei helfen, eine nüchterne Analyse von Stärken und Schwächen vorzunehmen.
6. Auswahl der Gutachter
Die Qualität einer fachinternen Evaluation, die eben mehr ist als die Zusammenstellung unsicherer quantitativer Indikatoren, hängt in entscheidendem Maße von der Qualität des Fachgutachtergremiums ab. Die angemessene fachliche Vertretung der einzelnen Teildisziplinen ist eine erste Voraussetzung - hier bieten aus meiner Sicht jedoch die Tendenzen zur Aufrechterhaltung der Einheit des Faches in der Lehre sowie zur Kooperation der Teildisziplinen in Forschungsprojekten eine gute Grundlage. Kompliziert stellt sich sicherlich die Frage der Abgrenzung im Bereich der Wissenschaftsgeschichte dar, während die Medizin- und Rechtsgeschichte als - vielfach randständige - Teildisziplinen von Rechtswissenschaften und Medizin zu gelten haben und nur sehr schwer nach denselben Regeln fachlich begutachtet werden könnten wie die geschichtswissenschaftlichen Teilfächer. Ein solches Gremium wird deshalb anknüpfen können an die etablierten Repräsentationspraktiken im Historikerverband und in der DFG. Ebenso stark beachtet werden müsste jedoch auch die angemessene Vertretung der unterschiedlichen Forschungsansätze im Fach. Gerade auch in aktuellen Forschungstendenzen sich artikulierende neuere Theorien und Konzepte dürfen in einem insgesamt die Pluralität der Fachströmungen repräsentierenden Fachgremium nicht fehlen. Für diesen Aspekt wie auch andere Gesichtspunkte einer fairen Evaluation wird auch eine angemessene Berücksichtigung der unterschiedlichen Altersgruppen bzw. "Generationen" innerhalb des Faches von Gewicht sein.
7. Transfer
Die Geschichtswissenschaft ist in vielfältiger Weise in die Geschichtskultur der Bundesrepublik eingebunden. Einzelne Historiker, aber vielfach ganze Forschungseinrichtungen übernehmen auch Aufgaben bei der Begutachtung und Gestaltung von Ausstellungen, Denkmälern, Museen, Publikationen, audiovisuellen Produktionen usw. Dieses weite Feld der Transfers von Forschungsergebnissen in Kultur und Politik ist sicherlich nicht selbst unmittelbar als "Forschung" zu bezeichnen, steht aber in vielfach engem Zusammenhang zu ihr und gehört zweifellos auch zu den genuinen Aufgaben des Faches und sollte bei einer Evaluation der Leistungen beobachtet und gewichtet werden. Eine Vermischung mit genuinen Forschungsleistungen wäre aber aus meiner Sicht sachfremd, eine schlichte Ausklammerung dieser Aufgaben der Geschichtswissenschaft andererseits nicht angemessen. Hier wäre an das Pilotprojekt im Bereich der Soziologie anzuknüpfen, um diese "dritte" Dimension der Wissensvermittlung und des Transfers von Forschungsergebnissen sachgerecht einzubeziehen.
~~~~
Lutz Raphael ist seit 1996 Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Trier. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der Sozialpolitik im ländlichen Raum, die Geschichte der Geschichtswissenschaften im 19. und 20. Jahrhundert und der Intellektuellen in Europa im 20. Jahrhundert. Er ist seit 2007 Mitglied im Wissenschaftsrat.
[1] Eine Übersicht zum Forschungsrating Soziologie findet sich auf folgender Seite des Wissenschaftsrates: <http://www.wissenschaftsrat.de/pilot-sozio.html> (12.05.2009). Die „Pilotstudie Forschungsrating Soziologie. Abschlussbericht der Bewertungsgruppe“ ist ebenfalls im Internet einsehbar: <http://www.wissenschaftsrat.de/texte/8422-08.pdf> (12.05.2009).
Qualitätssicherung, Benchmarking, Ranking. Wissenschaft im Kampf um die besten Zahlen
Richard Münch Die Wissenschaft findet in der Gegenwart zunehmend als Kampf um die besten Zahlen zwecks Positionierung in einem akademischen Feld statt, das durch „Qualitätssicherung“, „Benchmarking“ und „Ranking“ bestimmt wird. In diesem Beitrag sollen wesentliche Erscheinungsformen dieses neuen Regimes der Wissenschaft und dessen Folgen für die Evolution des wissenschaftlichen Wissens aufgezeigt werden. Das soll anhand von drei Eckpunkten der Universität im neuen Regime geschehen: 1. der Audit-Universität, 2. der unternehmerischen Universität und 3. dem akademischen Kapitalismus.
1. Die Audit-Universität
Unter dem neuen Regime von New Public Management (NPM) bzw. des Totalen Qualitätsmanagements (TQM) wird die Forschung und Lehre von Professoren nach bestem Wissen und Gewissen durch externe Kontrolle verdrängt. Das Vertrauen in die professionelle Selbstregulierung und die Autonomie der Forscher, Fachbereiche und Hochschulen werden durch das Misstrauen der Prinzipale in ihre Agenten und die externe Kontrolle nach den Prinzipien von Zielvereinbarung, vollständiger Transparenz und Erfolgskontrolle durch Kennziffern abgelöst. Die akademische, selbst organisierte Universität, die nur lose an Staat, Wirtschaft und Gesellschaft gekoppelt ist, wird durch die Audit-Universität ersetzt. Enge Kopplung tritt an die Stelle von loser Kopplung, und zwar von Regierung und Hochschule, Gesellschaft und Hochschule, Wirtschaft und Hochschule, Hochschulleitung und Forscher/Lehrer.
Was in den vielversprechenden Begriff des Qualitätsmanagements gepackt wird, stellt sich als eine neue Form der Bürokratisierung dar: Zweckprogramme (Zielvereinbarungen, Kennziffernsteuerung) beherrschen Forschung und Lehre. Die Leistungsorientierte Mittelverteilung (LOM) dient als neues Steuerungsinstrument. Zu diesem Zweck müssen immer umfassendere und detailliertere Systeme der Berichterstattung und Kontrolle entwickelt werden. Ressourcen, die sonst der Forschung und Lehre zur Verfügung stünden, werden in eine wuchernde Kontrollapparatur gesteckt.
Um Vergleichbarkeit und formale Gerechtigkeit zu gewährleisten, muss alles über einen Kamm geschert werden: Forschung und Lehre werden einer flächendeckenden Standardisierung und Metrisierung unterzogen. Es verschwindet die Vielfalt von Lehr- und Forschungsleistungen zugunsten einheitlicher Standardmaße. Es besteht kaum noch Spielraum für Originalität und Kreativität.
Zwischen den Forschern, Fachbereichen und Hochschulen breitet sich ein Konformitätswettbewerb um die Erfüllung von Kennziffern aus, der zur Spezialisierung zwingt und vorher Unvergleichliches in eine Rangordnung bringt. Die Hochschullandschaft wird einem Prozess der horizontalen Differenzierung nach Profilen und der vertikalen Differenzierung nach Rang unterworfen. Spezialisierung und Stratifikation reproduzieren sich in einem sich selbst verstärkenden Prozess. Die Stratifikation des Feldes bedeutet wachsende Ungleichheit der Teilhabe am wissenschaftlichen Diskurs und der Einflussnahme auf den Diskurs.
Kennziffernsteuerung verlangt nach Ranking. Rankings schaffen selbst die Realität, die sie zu messen vorgeben, nicht nur zugunsten besserer Leistungen: Sie erzeugen Reaktivität. Die Betroffenen, deren Leistungen gemessen werden, und die Nutzer der Rankings orientieren sich an den Ergebnissen der Leistungsmessung und verstärken beide die Fokussierung auf die verwendeten Leistungsindikatoren. Dadurch wird die an sich vielfältige Realität auf das reduziert, was gemessen wird. Und das ist immer weniger, als an sich wünschenswert wäre.
[1]
Rankings wirken wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen (self-fulfilling prophecies). Sie belohnen die Gewinner und bestrafen die Verlierer. Selbst kleine Differenzen beeinflussen die Nachfrage nach Studienplätzen (Zahl und Qualität der Bewerber). Frühere Rankings determinieren das Urteil in aktuellen Rankings. Rankings entscheiden über die Verteilung von Ressourcen und bestimmen dadurch die Wettbewerbsfähigkeit von Institutionen. Ressourcen werden zwecks Positionierung im Ranking auf die verschiedenen Aufgaben verteilt. Zu den beliebten Strategien gehören zum Beispiel der Erlass von Studiengebühren für Studenten mit Bestnoten und die Erhöhung der Gebühren für den Rest der Studenten sowie die Steigerung der Ausgaben für Marketing. Im Spektrum der Aufgaben bekommt der Karriere-Service eine herausragende Stellung. Es wird „Gaming the System“ betrieben. Das bedeutet zum Beispiel die Manipulation von Zahlen, etwa die nur vorübergehende Vermehrung des Lehrpersonals zur Verbesserung der Lehrer/Schüler-Quote zum Zeitpunkt der Erhebung der Zahlen oder die Trennung des Lehrpersonals vom Forschungspersonal, wenn sich damit bessere Leistungswerte erzielen lassen.
Mit der Ausbreitung von Rankings ist die Drittmittel-Einwerbung zum verselbständigten Leistungsindikator geworden. Deshalb drängen Hochschulleitungen die Forscher, ihre Forschung drittmittelkonform zu gestalten. Großprogramme wie etwa Sonderforschungsbereiche (SFBs) werden zum Selbstzweck, weil sie auf einen Schlag viel Geld einbringen: die besten Forscher verschleißen sich dann im Management von Forschungsverbünden, während viele Forscher als Mitläufer dabei sind, die sonst keine Drittmittel bekämen. Große Forschungsverbünde sind für weite Teile der Forschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften eher ein Hemmnis als eine förderliche Einrichtung.
Auch die zur Norm gewordene Prämierung der begutachteten Fachzeitschriftenaufsätze hat kontraproduktive Effekte: Forscher werden darauf konditioniert, Datensätze mehrfach zu verwerten und in kleinen Teilen zu publizieren, um aus ein und derselben Forschungsarbeit möglichst viel Kapital zu schlagen. Das ist die Salamitaktik der kleinstmöglichen publizierbaren Einheit. Fachzeitschriftenaufsätze sind meist Ergebnisse der Normalwissenschaft. So wird durch deren besondere Belohnung die Normalisierung der Wissenschaft befördert. Besonderes extrem wirkt sich diese Normalisierung durch das Ranking nach „Impact“ in A-, B- und C-Journals, wie zum Beispiel in der Volkswirtschaftslehre, aus.
Bibliometrische Rankings vernachlässigen bzw. ignorieren sogar ganz Publikationen in anderen Sprachen als dem Englischen, Monographien, Forschungsberichte als Transfer in die Praxis und Veröffentlichungen für ein breiteres Publikum. In der Soziologie wird die Professionelle Soziologie für Soziologen prämiert, die kaum gesellschaftliche Relevanz besitzt. Dagegen werden die Policy-orientierte Soziologie, die Öffentliche Soziologie und die Kritische Soziologie verdrängt.
2. Die unternehmerische Universität
Im Kampf um Sichtbarkeit wird die Umgestaltung der Universitäten in Unternehmen forciert. In die „Autonomie“ einer unternehmerischen Universität entlassen zu werden, bedeutet: von der staatlichen Kontrolle durch das Wissenschaftsministerium befreit zu sein. Die Bindung der Universität an das politisch repräsentierte und vom Wissenschaftsministerium administrativ umgesetzte Gemeinwohl wird jetzt durch die direkte Bindung an die Gesellschaft - verkörpert im Hochschulrat – ersetzt. Inzwischen sind bis auf Bremen in allen Bundesländern Hochschulräte – bzw. Kuratorien, Aufsichtsräte, Stiftungsräte oder Universitätsräte – im Landeshochschulrecht verankert. In die Hochschulräte sollen Persönlichkeiten gewählt werden, denen aufgrund ihrer Kompetenz und ihres Ansehens eine Vermittlung zwischen Hochschule und Gesellschaft zum beiderseitigen Wohle zugetraut wird. Die Universität kann sich nur dadurch in der neuen Freiheit behaupten, dass sie erfolgreich Gelder einwirbt. Mit der Durchsetzung der unternehmerischen Universität verändern sich die Koordinaten der Wissensproduktion grundlegend. Um das zu begreifen, müssen wir uns anschauen, nach welchen Regeln der Wettbewerb von Forschern um Reputation abläuft und nach welchen Regeln sich der zunehmend den Forscherwettbewerb überlagernde Wettbewerb zwischen unternehmerischen Universitäten um Kapitalakkumulation richtet.
[2]
Zwischen Forschern und Forschergruppen findet immer schon ein Wettbewerb um Reputation durch Rezeption von Publikationen statt: a) ein Prioritätswettbewerb durch Innovation, das heißt Abweichung von herrschendem Wissen und herrschenden Methoden, das heißt von der Norm, und b) ein Qualitätswettbewerb durch Bestätigung des herrschenden Wissens mittels herrschender Methoden, das heißt Konformität zu Normen.
Ganz anders stellt sich der Wettbewerb zwischen Universitäten um Forscher dar. Er kann unter Bedingungen der Chancengleichheit in der Ausstattung und in der Vergütung von Forschungsleistungen ausgetragen werden. Das beinhaltet einen offenen Wettbewerb mit der Konsequenz, dass sich Forscher frei entscheiden können, wo, mit wem und worüber sie forschen wollen. Es gibt nur eine begrenzte Spreizung zwischen Spitzengehältern/Spitzenausstattung und Grundgehältern/Grundausstattung mit der Konsequenz der breiten Förderung einer größeren Zahl von gut situierten Forschern mit dem notwendigen akademischen Freiraum für riskante, in ihrem Erfolg nicht planbare Forschung.
Der Wettbewerb der Universitäten um Forscher kann aber auch unter Bedingungen der Ungleichheit in der Ausstattung und in der Vergütung von Forschungsleistungen stattfinden. Daraus folgt eine wachsende Spreizung in exorbitant hohe Spitzengehälter und üppige Ausstattung für Stars (siehe Manager) und niedrige Gehälter sowie ärmliche Ausstattung für die breite Masse der Forscher mit der Konsequenz der Überausstattung über das effizient und effektiv nutzbare Maß hinaus in der Spitze und der Unterausstattung unterhalb der kritischen Masse in der Breite, in welcher der notwendige akademische Freiraum für riskante Forschung fehlt. Es schrumpft das Innovationspotential, das oft aus der Peripherie und eher seltener aus dem Zentrum kommt, weil dort das schon etablierte und zur Norm gewordene Wissen sitzt.
Universitäten variieren zwischen den beiden Polen von Förderern der Forschung auf der einen Seite und Parasiten der Forschung auf der anderen Seite. Als Förderer der Forschung bieten sie Forschern einen Freiraum der Forschung und überlassen ihnen deren Erträge in Gestalt von Reputation zur freien Verwendung, oft jenseits ihrer Grenzen. Als Folge ergibt sich eine breite und vielfältige Entwicklung des Wissens. Als Parasiten der Forschung treffen Universitäten mit Forschern Zielvereinbarungen (Drittmitteleinnahmen, Publikationen in begutachteten Fachzeitschriften) und beanspruchen die Nutzung der Erträge (ökonomisches und symbolisches Kapital) für die Institution in Gestalt von institutionell gebundenen Forschungsverbünden. Das ist die Handlungsmaxime der neuen unternehmerischen Universität.
3. Akademischer Kapitalismus
Wirtschaft und Wissenschaft greifen in der unternehmerischen Universität so ineinander, dass beide Seiten nahezu ununterscheidbar werden. Während Wirtschaftsunternehmen Wissen nutzen, um es in ökonomisches Kapital umzuwandeln, investieren Universitätsunternehmen ökonomisches Kapital, um jenes Wissen zu generieren, das wieder in die Akkumulation von ökonomischem Kapital eingespeist werden kann. Um sich Wettbewerbsvorteile in der Generierung von ökonomischem Kapital zu verschaffen, verlangen unternehmerische Universitäten von ihren Forschern, dass sie ihre neuen Erkenntnisse und Erfindungen zuerst vor der Nutzung durch Konkurrenten sichern, bevor sie für die breitere wissenschaftliche Gemeinschaft zugänglich gemacht werden. Dabei muss die unternehmerische Universität darauf bestehen, dass sie als Institution und nicht der Forscher als Person das Verfügungsrecht über die Erkenntnisse und Patente erhält, weil nur so gesichert ist, dass sie in die institutionelle und nicht persönliche Akkumulation von Kapital investiert werden können. In der Hand unternehmerischer Universitäten gelangt die Wissensproduktion direkt vor Ort in einen ökonomischen Verwertungskreislauf. Der klassische Kreislauf der reinen Wissensproduktion wird von diesem ökonomischen Verwertungskreislauf im Vorrang verdrängt. Für die unternehmerische Universität gelten die Gesetzmäßigkeiten der Behauptung gegen Konkurrenten, indem sie sich exklusive Wettbewerbsvorteile verschafft, zu denen die Konkurrenten keinen Zugang haben, so dass Monopolrenten erzielt werden können. Der größte Vorteil ist Reichtum an ökonomischem Kapital, das in Reputationsgewinne durch die Rekrutierung schon reputierter und besonders aussichtsreicher Forscher, das heißt in symbolisches Kapital umgemünzt werden kann. Das symbolische Kapital hilft, Allianzen zu schmieden, Geldgeber zu finden und die Studiengebühren nach oben zu treiben.
Der erzielte akademische Reichtum ist nicht erforderlich, um besser forschen zu können, sondern um weiteres symbolisches Kapital zu akkumulieren und um die kapitalkräftigsten Forscher von anderen Universitäten abzuziehen und bei sich selbst zu halten. Konsequenterweise wird in Deutschland hartnäckig daran gearbeitet, die Besoldungsordnung für Professoren außer Kraft zu setzen. Die von den reichsten Universitäten rekrutierten Forscher haben allerdings in aller Regel an weniger reichen Universitäten dieselben Leistungen erbracht. Um den Erkenntnisfortschritt zu fördern, ist offensichtlich die Konzentration von Reichtum auf wenige Universitäten gar nicht notwendig. Erklärt werden kann deshalb dieser Konzentrationsprozess nicht durch den daraus resultierenden Nutzen für die Forschung, sondern allein durch die Anziehungskraft reicher Institutionen, die ihren Reichtum zur parasitären Nutzung der rekrutierten Forscher für die weitere Akkumulation von ökonomischem und symbolischem Kapital verwenden.
Investitionen in die Forschung werden im Kontext des akademischen Kapitalismus nach dem Maßstab kurzfristiger Nutzenerwartungen getätigt. Die Konsequenz dieser Investitionspolitik ist die Überinvestition in aktuell gewinnträchtige Forschung, die Überforschung von im Trend liegenden Themen und die Unterinvestition in risikoreiche Forschung außerhalb großer Verbünde, außerhalb des Mainstreams, gegen Modetrends und abseits der angewandten Forschung. Damit schrumpft das Innovationspotential der Forschung. Eine weitere Konsequenz ist die wachsende Ungleichheit zwischen Universitäten in der Verfügung über Forschungsmittel. Je weniger Gegenkräfte es gegen diesen Trend gibt, um so mehr führt der Akkumulationsprozess zur Überinvestition an wenigen reichen Standorten und zur Unterinvestition an vielen armen Standorten. In Deutschland verschärft die Konzentration von Forschungsressourcen an wenigen reichen Standorten das Problem, dass die Mittel überwiegend in die Vergrößerung der im internationalen Vergleich so schon sehr großen Doktoranden- und Mitarbeiterstäbe und nicht in Professuren investiert werden. Dadurch kommen auf einen Professor noch mehr Mitarbeiter als bisher. Im Durchschnitt standen an den deutschen Universitäten vor der Exzellenzinitiative 83 Prozent Mitarbeiter 17 Prozent Professoren gegenüber. Fasst man Doktoranden und Mitarbeiter in einer Kategorie zusammen, dann hat sich der Anteil der abhängig tätigen Forscher in der Folge der Exzellenzinitiative noch erhöht. Forschung wird noch mehr als zuvor in oligarchischen Strukturen betrieben.
[3]
Fazit: Schließung der Wissensevolution
Wissen entwickelt sich zwischen den zwei Polen der vollständigen Offenheit, Chancengleichheit und Heterogenität (Vielfalt) auf der einen Seite und der vollkommenen Geschlossenheit, Stratifikation und Homogenität auf der anderen Seite: Paul K. Feyerabend versus Thomas von Aquin. Driftet die Wissensevolution zu weit zur Seite der Offenheit, ergibt sich kein Erkenntnisfortschritt, weil alles und nichts gilt. Driftet sie zu weit zur Seite der Geschlossenheit, dann ergibt sich kein Erkenntnisfortschritt, weil jede Neuerung durch die herrschenden Dogmen unterdrückt wird. Die Forschung steuert gegenwärtig auf den Pol der fortlaufenden Konstruktion und Reproduktion einer geschlossenen, Ungleichheit fortschreibenden und Wissen homogenisierenden Statushierarchie zu. Der wissenschaftsinterne Wettbewerb um Priorität bzw. Qualität wird durch den wissenschaftsexternen Kampf um Sichtbarkeit durch Evaluations- und Akkumulationserfolge kolonisiert.
~~~~
Richard Münch ist Professor für Soziologie an der Universität Bamberg, zuvor Professuren in Köln und Düsseldorf. Schwerpunkte seiner Forschung sind die soziologische Theorie und historisch-vergleichende Soziologie. Er ist Mitglied im Fachbeirat des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln.
[1] Wendy N. Espeland / Michael Sauder, Rankings and Reactivity. How Public Measures Recreate Social Worlds, in: American Journal of Sociology 113,1 (2007), S. 1-40.
[2] Richard Münch, Globale Eliten, lokale Autoritäten. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co, Frankfurt am Main 2009.
[3] Richard Münch, Die akademische Elite. Zur sozialen Konstruktion wissenschaftlicher Exzellenz, Frankfurt am Main 2007.
Das Problem der Evaluation von Beiträgen zur Philosophie
Pirmin Stekeler-Weithofer Dieser Beitrag wurde uns vom Autor freundlicherweise für das Forum „Qualitätsmessung, Evaluation, Forschungsrating. Risiken und Chancen für die Geschichtswissenschaften?“ überlassen. Der Urtext wurde für die Alexander von Humboldt Stiftung verfasst und zunächst veröffentlicht unter dem Titel „Publikationsverhalten in der Philosophie“. In: Kritikon, 25.11.2008. <http://www.kritikon.de/index.php?pn=article&id=49>. Unter dem Titel „Das Problem der Evaluation von Beiträgen zur Philosophie. Ein streitbarer Zwischenruf“ findet sich der Beitrag auch in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 2009.57 (1), S. 149-158.
~~~~
Der folgende Text behandelt, erstens, das Problem, dass die Fachsprache Deutsch in der Philosophie, wie in den Geisteswissenschaften generell, an Anerkennung verliert, und zwar nicht zuletzt aufgrund des Vorurteils, dass in einer globalisierten Welt überall nur englischsprachige Veröffentlichungen international sichtbar und damit nicht bloß provinziell seien. Er kritisiert dann auf dieser Grundlage, zweitens, das von der European Science Foundation in Auftrag gegebene Ranking der Fachzeitschriften in unserem Fach, und zwar schon im Ansatz. Der Text wurde ursprünglich verfasst für die Reihe der „Diskussionspapiere der Alexander von Humboldt-Stiftung“ zum Thema „Publikationsverhalten in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen. Beiträge zur Beurteilung von Forschungsleistungen (2009)“.
1. Das Problem des Englischen als Lingua Franca in den Geisteswissenschaften
Die unaufhaltsame Globalisierung in Ökonomie, Technik und Kultur scheint eine einzige transnationale lingua franca für alle Wissenschaften nötig zu machen. Das ist sicher so für die Natur- oder besser Sachwissenschaften, von der Physik über die empirische Psychologie bis zu einer statistisch-modelltheoretischen Soziologie. Fraglich ist, wie weit es auch für Orientierungs- und Reflexionswissenschaften gilt, also für die historischen und philologischen Geisteswissenschaften und die Philosophie, zumal es hier immer auch um eine freie Debatte über neue bzw. verbesserte Normen im kompetenten Umgang mit Sprache, also für eine sprachliche Feinartikulation von wichtigen Unterscheidungen geht. Das wiederum setzt schon höchstes Sprachverständnis voraus. Hierher gehört auch die Einsicht in die von Gilles Deleuze mit Recht hervorgehobene Verschränkung von begriffslogischer Präzision und Sprachkultur.
Leider findet eine gedankenlose Angleichung der Bereiche, in denen eine schon schematisierte Sprache bloß gebraucht wird und der Bereiche, in denen solche Schematisierungen thematisch werden, längst ihren bürokratischen Niederschlag in den zuletzt auch von der European Science Foundation vertretenen Rankings wissenschaftlicher und philosophischer Journale und der offenkundigen Bevorzugung englischsprachiger Veröffentlichungen. Dies hat zur Folge, dass deutsche Publikationen a priori als drittklassig eingestuft werden – unbeschadet der Tatsache, dass in vielen Bereichen der Geisteswissenschaften die deutschsprachige Debatte aufgrund ihrer historischen Tiefendimension durchaus weniger provinziell sein mag als eine über die ganze Welt verteilte Diskussion bloß modischer Themen. Dabei könnte man gegen das Vorurteil, dass nur englischsprachige Veröffentlichungen erstklassig sein können, schon das Folgende ins Feld führen: Würde man die Mehrsprachigkeit der Absolventen berücksichtigen, dann würde sich die Bewertung der Internationalität von Bildungsinstitutionen gegenüber den heute üblichen dramatisch ändern. Wichtiger als dies ist aber die Tatsache, dass in den Wissenschaften immer auch eine transnationale Provinzialität gibt, und übrigens oft auch eine transdisziplinäre. Es ist zwar sicher schön, wenn eine wissenschaftliche Schule mindestens einige Interessenten in einem Ausland findet (oder in einem anderen Fach) – so dass es für unser Fach übrigens gerade auch in den USA etwas bedeutet, wenn man in Deutschland wahrgenommen wird. Angesichts von Internet und Migration tendiert die nachhaltige Signifikanz derartiger Vernetzungen am Ende aber gegen Null. Was also bleibt, ist bloß das Argument, dass das Englische wissenschaftliche Ergebnisse international sichtbarer mache, während Nationalsprachen wie das Französische, Spanische, Deutsche nicht anders als etwa das Tschechische oder Schwedische nur eine regionale Leserschaft in einem begrenzten Einzugbereich hätten. Diese Unterstellung ist jedoch für die Philosophie nicht richtig. Von Santiago de Chile bis Moskau, Peking oder Kyoto gibt es (noch und wieder) ansehnliche Gruppen auch von jungen Philosophen, die Deutsch (und Französisch) lesen, verstehen und oft auch sprechen können. Dies geschieht im Wissen um die besonderen Leistungen ‚kontinentaler’ Philosophie, von Kant über Schelling, Husserl und Heidegger bis in den lebhaften Diskurs der Gegenwart etwa bei Foucault oder Habermas, und zwar in Abhebung von einer seit Hobbes, Locke oder Hume traditionell eher empiristisch, das heißt teils szientistisch, teils nominalistisch ausgerichteten Philosophie im englischen Sprachraum.
Die Bedeutung nationalsprachlicher Artikulationskultur zeigt sich schon am einfachen Beispiel der Übersetzung von Begriffen wie Anschauung und Geist. Denn in der üblichen Wiedergabe dieser von Kant und Hegel terminologisch wesentlich mitgeprägten Wörter durch „intuition“, „mind“ oder „spirit“ werden psychologistisch-empiristische oder mentalistisch-metaphysische Vor- und Fehlurteile der britischen Tradition zumeist mitgeschleppt. Wo eine hinreichend präzise Kenntnis dieser Sachlage fehlt, bleiben ganze Modetrends im Bereich einer cognitive philosophy of mind schon im Ansatz provinziell. Daher bleibt das Deutsche für die systematische Philosophie wichtig, nicht bloß, wie Latein oder Griechisch, für ihre Geschichte. Dem steht nicht entgegen, dass sich die Ergebnisse philosophischen Nachdenkens am Ende in jeder anderen Sprache ausdrücken lassen müssen – sofern man nur begreift, dass Übersetzungen in der Kaskade der Wissenschaftlichkeit häufig ähnlich wie bloße Lehr- oder Schultexte oder auch Power-Point-Präsentationen zu behandeln sind. Um auf wissenschaftlichem Niveau in der Philosophie argumentieren zu können, müssen daher gerade diejenigen Forscher, die sich auf Übersetzungen stützen, inhaltlich relevante Eigenheiten der Ursprungssprachen kennen. Das ist für die Philosophie im Ganzen ebenso wenig zu leugnen wie etwa für die Literaturwissenschaften. Allgemeine Bewertungen dagegen, die sich an bloßen Ergebnisberichten oder exakten Theorien orientieren, wie wir sie aus einer rein formalen Logik oder anderen mathematisierten Wissenschaften kennen, erweisen sich damit als disziplinär provinziell. Denn für ein qualitatives, also differenzierendes, Argumentieren, etwa in der Überprüfung der Anwendung von Theorien, brauchen wir die Strenge einer wirklich erfahrungsgesättigten und begrifflich verfeinerten Wissenschaftssprache wie des Deutschen. Die Exaktheit von quantitativen Aussagen, wie man sie sich für schnelle und allgemeine Strukturvergleiche wünscht, ist nämlich immer nur durch Schematisierungen oder Abstraktionen und damit durch systematische Entdifferenzierungen zu erhalten.
2. Zum Stellenwert von Monographien, Buchbeiträgen und anderen Veröffentlichungen
Als Herausgeber, Mitherausgeber und Mitglied in editorial boards von einigen philosophischen Fachjournalen wäre ich freilich, normativ gesehen, sehr dafür, wenn Zeitschriftenbeiträge in unserem Fach höher als etwa Beträge in Festschriften und Proceedings bewertet würden. Denn dadurch würden die Philosophischen Zeitschriften zu einem bevorzugten Medium interfachlicher Kommunikation über aktuelle Forschungen und Debatten werden. Faktisch ist das jedoch keineswegs der Fall. Thematische Sammelbände und Konferenzbände sind zur Zeit mindestens ebenso wichtig für die aktuelle philosophische Debatte. In meiner „normativen“ Bevorzugung der Journale, wie sie in anderen Fächern längst üblich ist, spiegelt sich also eher der Wunsch einer institutionellen Verschiebung faktischer Anerkennung. Er steht in Diskrepanz zur Realität, und zwar nicht nur in unserem Lande, sondern weltweit.
Es sind zwar Zeitschriftenartikel in der Regel besonders gut vorgeprüft und sichern daher ein Mindestmaß an wissenschaftlicher Seriosität. Das ist übrigens unabhängig davon, ob die Zeitschriften ein blind referee-System eingeführt haben oder nicht. Es ist aber weltweit keineswegs so, dass die wichtigsten Artikel unseres Faches in Zeitschriften veröffentlicht würden und die wichtigsten Debatten in Journalen geführt würden. Das Gegenteil ist der Fall. Die Journale greifen Themen von wichtigen Monographien und Konferenzen immer nur auf. In ihnen wird daher in unserem Fach, anders als in den Naturwissenschaften, zumeist nur eine Sekundärdiskussion dazu geführt, was primär anderswo, besonders in Monographien, entwickelt wurde. In der Reihenfolge der Bedeutung von Texten steht daher in unserem Fach die Monographie an erster Stelle. Freilich sind dabei lehrbuchartige und narrative Monographien von echten Beiträgen für die philosophische Forschung zu unterscheiden: Nur die letztere zählen für das Fach. Nicht jede Monographie ist daher als ein vom Autor authentisch verfasster systematischer Beitrag zu zählen.
Daher ergibt sich als Aufgabe, die Monographien zu unterteilen in eigenständige thematische Arbeiten (echte Monographien) und zusammenfassende Darstellungen etwa zu einem Autor oder einer Epoche der Philosophie (Lehrtexte und Enzyklopädien). Letztere sind, wie in jedem Fach, für die publizitäre Verbreitung von Wissensinhalten wichtig, zählen aber bestenfalls partiell als eigene Forschungsleistung, und das weitgehend mit Recht. Das betrifft insbesondere alle Einführungsliteratur (etwa unter Titeln wie „Habermas zur Einführung“, oder „Einführung in die Analytische Philosophie“), erst recht aber für Literatur mit hohen Auflagen („Kant für Eilige“ etc.). Demgegenüber sind besonders in den USA die bei besonders renommierten Verlagen veröffentlichten systematischen Monographien oder die Erschließungen eines historischen oder zeitgenössischen Forschungsbereichs, welche in der Regel nach mehrjähriger Ausarbeitung aus einer PhD- oder Doktor-Dissertation entstehen, als das zentrale Werk anzusehen. Analoges gilt für Großbritannien und andere Ländern, wobei in Frankreich die Thèse unserer Habilitation entspricht.
In Verbindung mit ein paar in hochrangigen Journalen bei hochrangigen Verlagen veröffentlichten Artikeln entspricht eine solche Monographie unserer Habilitation. Es gibt nur wenige Fälle, in denen einige wichtige Artikel in Zeitschriften oder Sammelbänden als gleichwertig zu einer Monographie bewertet werden, ohne dass es sinnvoll wäre, hier eine quantitative Gewichtung vorzunehmen – es sei denn, man vergleicht Artikel mit Kapitel und rechnet, im Durchschnitt, mit sechs Kapiteln.
Was die Vergleiche der Zeitschriften untereinander und die Zeitschriftenbeiträge mit Beiträgen in Sammelbänden (Festschriften, Proceedings, etc.) betrifft, so ist, wie gesagt, faktisch und zur Zeit eine allzu hohe Einschätzung der Zeitschriftenartikel, etwa auch in englischer Sprache, fachlich und sachlich durch nichts zu begründen. Echte Internationalität zeigt sich in unserem Fach eher darin, dass es Veröffentlichungen in verschiedenen Sprachen gibt, also etwa in Italienisch, Russisch, Deutsch oder Englisch, zumal wenn sich das internationale Interesse in den Übersetzungen spiegelt. Veröffentlichungen bloß in Englisch sind, anders als in andern Fächern, per se noch kein Zeichen für internationale Sichtbarkeit.
Diese Besonderheit unseres Faches liegt in folgendem Umstand begründet: Die ersten Debatten über begriffliche Vorschläge und Einsichten werden in der Regel in der Muttersprache geführt. Denn nur eine Sprache, die wir in allen Nuancen beherrschen, stellt uns die für das philosophische Denken nötige eigenständige sprachliche Differenzierungskompetenz zur Verfügung. Es bedeutete eben deswegen die Abkehr vom Latein als lingua franca für die Gelehrten zu einer der europäischen Vernakularsprachen, zum Italienischen bei Galileo oder zum Französischen bei Descartes, nicht etwa einen Rückschritt, sondern einen Fortschritt in der Wissenschaftsentwicklung: Jetzt erst konnten hinreichend viele in der Wissenschaft und Philosophie schnell und authentisch mitreden und mitprüfen. Erst was in der Prüfung einer umfangreichen, aber lokalen, Wissenschaftsgemeinde bewährt, wurde dann durch Übersetzungen international sichtbar. Für unser Fach ist besonders gravierend, dass sein Thema die Reflexion auf Wissenschaft und deren Sprache bzw. auf Institutionen und deren sprachliche Artikulation ist. Philosophische Kompetenz ist daher nicht von der vollen Beherrschung der gesprochenen Sprache als der Metasprache für solche Reflexionen zu trennen. Eine schematische Bevorzugung einer Sprache wie des Englischen bedeutet daher auch den apriorischen Ausschluss von vielen möglichen Argumenten und Personen aus dem kritischen Diskurs.
Es ist also die Voraussetzung problemloser Inhaltsäquivalenzen, wie sei die Übersetzungen zwischen zwei Sprachen darstellen, welche es allererst erlaubt, das, was zu sagen ist, in einer Sprache zu sagen, die auf Feindifferenzierungen verzichtet. Eben das geschieht in jeder Fokussierung auf den Inhalt, wenn wir die Lektion der logischen Abstraktionslehre begriffen haben. Mit anderen Worten, für die Sachwissenschaften wird das Problem der Übersetzung, damit auch der Disambiguierungen von Sprachgebräuchen, als schon gelöst betrachtet. In der Philosophie bleibt dieses Problem Thema. Ihr Thema ist ja das Verstehen, der kompetente Umgang mit und die vernünftige Entwicklung von Sprache und sprachlichen Artikulationsformen innerhalb und außerhalb der Wissenschaften. Sachwissenschaft zielt am Ende sogar explizit ab auf invariante Formulierungen in einer lingua franca oder gar, vorzugsweise, in mathematischen Ausdruckformen. Denn diese erlauben rein schematische Definitionen und Inferenzregelungen. Mit diesen löst sich ein Großteil des Inhalts- und Übersetzungsproblems auf. Denn soweit der Inhalt durch schematische Inferenzformen bzw. kalkülartige Inferenzregeln fixiert bzw. fixierbar ist, ist auch das Übersetzungsproblem schematisch lösbar. Für die axiomatischen und kalkulatorischen Theorien der Mathematik spielt es daher praktisch keine Rolle, in welcher Normalsprache der erläuternde Rahmentext verfasst ist. Das Wesentliche steht in den Formeln. Daher ist es auch absolut vernünftig, in den mathematisierten Wissenschaften Englisch als die Lingua Franca für die Publikation von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen anzuerkennen.
Das Problem für ein anders geartetes Wissen wird besonders deutlich, wenn wir als Beispiel Ludwig Wittgensteins berühmten Spruch, alles, was sich (in der Wissenschaft) sagen lässt, lasse sich klar sagen, seiner eigenen philosophischen Kunst des feinen Hörens auf die Sprache gegenüberstellen. Dabei gibt es durchaus Probleme der Übersetzung seiner in Deutsch verfassten Texte. Diese rühren daher, dass das Englische, nicht anders als das Deutsche und Französische, durch begriffliche Vorschläge großer Philosophen wie Locke oder Kant oder Descartes sozusagen schon terminologisch infizierte Schrift- oder Hochsprachen sind. Es ist also die sprachbildnerische Leistung der Philosophie samt der damit möglicherweise verbundenen Verfestigung von Vor-Urteilen in den verschiedenen semantischen Inferenznormen der unterschiedlichen Nationalsprachen nicht zu unterschätzen.
Da auf die formale Logik als Teil unseres Faches die obige Überlegung nicht zutrifft, ist für sie, aber eben nur für sie und das formalanalytische Philosophieren als Teilbereich der Philosophie, wie für die Mathematik, Englisch die Fachsprache. Eine generelle Bevorzugung des Englischen würde nun aber nicht zuletzt deswegen für unser Fach eine thematische Vorentscheidung in der Gewichtung bedeuten, nämlich für einen angloamerikanischen Logischen Empirismus und gegen die kontinentaleuropäische Tradition der begrifflichen Empirismuskritik und der philosophischen Phänomenologie. Beruhigend ist allerdings, dass die Einsicht in diese Zusammenhänge zur Zeit gerade in den USA an Boden gewinnt, wenn man an Autoren wie R. Pippin oder R.B. Brandom denkt. Im Übrigen ist die Dauer, die bei uns nötig ist, um zu nachhaltigem Wissen zu gelangen bzw. die Nachhaltigkeit von begrifflichen Überlegungen zu prüfen, wesentlich länger als in anderen Fächern. Das ist nicht zu verwundern, geht es der Philosophie doch um grundsätzliche begriffliche Netze, nicht um kurzfristig erreichbares empirisches Wissen oder kurzfristig diskutierte Hypothesen.
3. Enzyklopädien, Rezensionen und Online-Veröffentlichungen
Dabei kondensieren sich in guten Enzyklopädien wie zum Beispiel dem international vorbildlichen Historischen Wörterbuch für Philosophie bis zur Enzyklopädie Wissenschaftstheorie und Philosophie die Ergebnisse begrifflicher Bestimmungen. Nur die besten Kenner des Faches bzw. des Themas werden an solchen Unternehmen beteiligt. Freilich hängt die Bewertung vom Projekt, Verlag, Thema und Umfang ab.
Bedeutsam sind dann auch Besprechungen ganzer Diskussionskomplexe, (bzw. Sammelrezensionen), wie sie in Deutschland besonders in der Philosophischen Rundschau, aber auch in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie als peer review der Veröffentlichungslandschaft organisiert und in den USA etwa in Philosophy and Phenomenological Research und anderen Journals gepflegt werden. Diese meta-kritischen Texte zur Philosophie sind unbedingt als volle Aufsätze zu zählen. Die Tatsache, dass zu diesen Besprechungen eingeladen wird und daher die Artikel nicht einem blind referee System (das übrigens meistens von Nachwuchswissenschaftlern betrieben wird) unterworfen ist, sondern direkt von den Herausgebern beurteilt werden, spricht nicht gegen, sondern für das Verfahren einer gezielten und nicht anonymen peer-Begutachtung derartiger Sammelrezensionen. Es ist daher systemisch abwegig, für solche Meta-Rezensionen ein blind referee-System zu fordern.
Es ergibt sich insgesamt, dass weit wichtiger als die bloße Bewertung der Veröffentlichungsart die allgemeine Qualität der Fachverlage ist. Außerdem gilt: Deutsch und Französisch sind in unserem Fach internationale Fachsprachen, für die Geschichte der Philosophie auch Italienisch. Wer Anderes behauptet, provinzialisiert sich selbst, etwa weil er aus der Sicht der USA oder Großbritannien heraus meint, diese Orte, etwa Harvard oder Oxford, wären die Zentren philosophischer Reflexion oder Kritik, also meint, selbst das Zentrum zu sein, oder weil er meint, das Zentrum des Denkens finde sich an einem anderen Ort als seinem eigenen oder in einer anderen Sprache als seiner eigenen.
4. Zeitschriftenranking
4 A: Nationale und internationale peer groups
Aufgrund des Gesagten ergibt sich für die im Auftrag der European Science Foundation erstellten Rankingliste philosophischer Journale weltweit
[1]
, dass sie zur Bewertung der Qualität der Zeitschriften und ihrer Inhalte und über diese der Leistung der Autoren völlig unbrauchbar ist. Man sieht das schon an einem Beispiel. Es ist geradezu absurd, wenn die wichtigste deutsche Zeitschrift in unserem Fach, die Deutsche Zeitschrift für Philosophie, mit ihrer hohen Auflage in diesem Ranking als drittklassig bewertet wird. Was immer die Kriterien des Rankings gewesen sein mögen, es ist für jeden Kenner offenkundig, dass inhaltlich eher zweitklassige Journale dort aufgrund ihrer Englischsprachigkeit als vermeintlich „erstklassig“ bewertet werden.
Dabei wird erstens übersehen, dass es natürlich nationale Peer group-Bewertungen der besten Artikel in den wichtigsten nationalen Zeitschriften gibt. Diese Information ist für eine Beurteilung von Kandidaten für irgendwelche Förderungen ihrer wissenschaftlichen Projekte oder Karrieren als relevant anzuerkennen. Denn diese Relevanz zu bezweifeln und den nationalen Evaluationen keinen Signifikanz zuzusprechen, ist im besten Fall ignorant. Man verschenkt damit wichtige Informationen. Im schlimmsten Fall ist es nicht mehr als blanker Chauvinismus, wie er eher ins 19. Jahrhundert als in das 21. gehört. Man tut dann nämlich so, als seien die nationalen scientific communities nicht in der Lage, überhaupt irgendwelche Standards wissenschaftlicher Beurteilung einzuhalten, geschweige denn die des vermeintlichen Zentrums der philosophischen bzw. wissenschaftlichen Vernunft, als deren Sprache scheinbar selbstverständlich das Englische gilt.
Zweitens ist die für viele anderen Fächer in der Tat zutreffende These, dass der „Markt“ für nicht-englische Publikationen sehr viel kleiner sei als der für Publikationen in der lingua franca der Naturwissenschaften, der empirischen Sozialkwissenschaften und der mathematisierten Wissenschaften wie der Informatik oder Theoretischen (Computer-)Linguistik, nämlich des Englischen, für die Philosophie nur bedingt richtig. Denn es gibt nationale Intellektuellenkulturen wie die deutschsprachige und französischsprachige, in denen die Philosophie wissenschaftskulturell durchaus eine viel breitere Rolle spielt als in die auf den engen fachakademischen Kreis eingeschränkte englischsprachige Philosophie. Es ist daher auch kaum mehr überraschend, dass die Auflagenhöhe der wichtigsten Bücher und Journale in unserem Fach in deutscher oder französischer Sprache zwar geringer als die bei Oxford oder Cambridge University Press, das aber in höchst moderaten Größenverhältnissen, zumal wenn man populärwissenschaftliche Bestseller, auf die etwa ein Autor wie Daniel Dennett verweisen kann, generell aus der Betrachtung heraus lässt. Solche Texte für eine (oft auch ideologische) Volksbildung bringen die Wissenschaft ohnehin auf keine Weise voran zählen daher nicht. Es ist daher einfach ein Vorurteil, dass das Fachpublikum und die Anzahl der Fachleser für englischsprachige Texte wirklich wesentlich größer sei. Daher ist die apriorische Annahme, dass die peer group der kritischen Leser für englischsprachige Texte um ein Vielfaches höher liege als die für deutsche oder französische in unserem Fach zumindest vorschnell. Richtig ist allerdings, dass wegen des Mangels an Sprachkenntnissen und damit einer mangeIhaften internationalen Bildung nicht-englische Texte selten oder nie einen unmittelbaren Weg zu einer amerikanischen oder auch nur britischen Leserschaft findet.
4 B: Impact Faktoren und Internationalität
Was die Zitationsindikationen und schematisch ausgezählten impact factors angeht, so sind diese für unser Fach ohnehin weder gut ausgewiesen noch überhaupt brauchbar. Das liegt an der langen Zeit, welcher die nachhaltige Prüfung der Brauchbarkeit begrifflicher Analysen und Vorschläge bedarf. Zu prüfen sind dabei nämlich, was temporäre Mode ist, was bleibende Einsicht, was in nationalen und dann auch internationalen Netzwerken als interessant erscheint und was jenseits solcher bloß temporären Zirkel wirklich nachhaltig interessant bleibt. Daher ist gerade in Zeiten, in denen Modethemen durch den wissenschaftlichen Nachwuchs aufgegriffen werden müssen, jede bloße gegenwärtige Internationalität per se noch kein signifikantes Kriterium für die Be-deutsamkeit eines Themas und die Qualität und Eigenständigkeit seiner Behandlung.
Der zentrale systematische Fehler der „ESF“-Liste besteht aber darin, dass ohne weitere Kategorisierung der philosophischen Journale alle philosophischen Zeitschriften in drei Klassen A, B und C eingeteilt werden. Es wird dabei zwar an etwas versteckter Stelle gesagt, dass vor allem nach Graden der Internationalität ‚gerankt’ werde. Aber erstens ist das nach dem oben Gesagten keineswegs richtig, zumal die Sprache der Artikel für die Internationalität in unserem Fach keineswegs die Bedeutung hat, welche das Ranking suggeriert. Zweitens suggeriert das Ranking eine qualitative Bewertung der Journale als erstklassig, mittel und drittklassig. Eine derartige, am Ende bloß suggestive, Qualitätsabstufung ist methodisch sogar auf alarmierende Weise problematisch. Sie ist am Ende so sinnvoll, wie wenn man alle Lebewesen etwa der Größe nach in irgendwelche drei Klassen (sagen wir, in die unter 2 cm, die über 1 m und die dazwischen) einteilen würde. Die Kriterien der (zum Teil einfach willkürlichen) Evaluation der ESF können daher kaum als fachnah durchdacht gelten.
4 C: Vorklassifkationen
Zum Mindesten müssten die Journale vor jedem Qualitätsranking unbedingt thematisch vorkategorisiert werden, etwa in die folgenden Kategorien:
1. National führende Zeitschriften allgemeinen philosophischen Inhalts / Leading Journals for General Philosophy).
Hier gibt es in den meisten Ländern ein bis drei ‚leading journals’, die zumeist leicht identifizierbar sind. Wichtig ist dabei, dass die entsprechenden Zeitschriften in Großbritannien und den USA ebenfalls als nationale Zeitschriften zu zählen sind.
2. International führende Zeitschriften zu speziellen Personen und Themen.
Man denke etwa an Journale zu Kant oder zur Philosophy of Science oder zu Applied Ethics.
3. International wahrgenomme bzw. bemerkenswerte Nationale Zeitschriften zu speziellen Personen und Themen.
Ein weiteres Ranking erübrigt sich, wenn wir für jede der Kategorien die relevanten und besten angeben.
Ich halte wenig von dem Glauben, dass ein Vorschlag einer solchen Liste von einem Gremium sanktioniert werden sollte. Denn vernünftige Normen dieser Art ergeben sich aus der diffusen Anerkennung, Nichtanerkennung, Ergänzung und Aufhebung explizit gemachter Vorschläge, nicht bürokratisch durch irgendwie ‚demokratisch’ legitimierte Behörden. Daher wage ich es, der in Wirklichkeit ebenso subjektiven Liste der in Straßburg unter Einsatz von viel Geld aufgestellten Liste der ESF eine eigene entgegenzusetzen, insbesondere um die andere Art der Beurteilung deutlich zu machen.
4 D: Führende Zeitschriften in der Philosophie
1. National führende Zeitschriften allgemeinen philosophischen Inhalts / Leading Journals for General Philosophy).
Acta Philosophica Fennica
Algemeen nederlands tijdschrift voor wijsbegeerte
Analysis
Cadernos de Filosofia
Deutsche Zeitschrift für Philosophie
Dialectica
Etudes philosophiques,
Filozoficky casopis
Inquiry
Journal of Philosophy
Mind
Philosophisches Jahrbuch
Philosophische Rundschau
Phronesis
Proceedings of the Aristotelian Society
Rivista di filosofia
Revista Portuguesa de Filosofia
Revue Philosophique
Revue de la Métaphysique et de la Morale
Synthese
Tijdschrift voor filosofie
Zeitschrift für Philosophische Forschung
2. International führende Zeitschriften zu speziellen Themen
2A Geschichte der Philosophie:
Ancient Philosophy
Archiv für Begriffsgeschichte
Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie
Archiv für Geschichte der Philosophie
Bochumer Jahrbuch für Antike und Mittelalter
British Journal for the History of Philosophy
Bulletin de philosophie medievale
Dionysius
History and Theory
History of Philosophy Quarterly
Rivista Neoscholastica
Theologie und Philosophie
Vigilia Christiana
Oxford Studies in Ancient Philosophy
2B Große Philosophen
Augustinian Studies
Hegelstudien
Fichte-Studien
Kantian Review
Kantstudien
Heidegger Studies
Hobbes Studies
Hume Studies
Husserl Studies
Kierkegaard Studies. Yearbook
Leibniz Review
Locke Studies. An Annual Journal of Locke Research
Nietzsche-Studien
Philosophical Investigations (Wittgenstein)
Recherches Husserliennes
Studia Spinozana
Studia Leibnitiana
2C Logik und Wissenschaftstheorie
Archive for Mathematical Logic
Biology and Philosophy
British Journal for the Philosophy of Science
Bulletin of Symbolic Logic
History and Philosophy of Logic
Journal of Philosophical Logic
Journal of Symbolic Logic
Notre Dame Journal of Formal Logic
Philosophy of Science
2D Formalanalytische Philosophie und Philosophie des Geistes
Brain and Mind
Erkenntnis. An International Journal of Analytic Philosophy
Logic and Logical Philosophy
Logique et Analyse
Mind and Language
Philosophiegeschichte und logische Analyse I Logical Analysis and History of Philosophy
Studia Logica
Theory and Decision
2E Ethik
Bioethics
Environmental Ethics
Ethical Perspectives
Ethical Theory and Moral Practice
Ethics
Journal of Ethics (The)
3. International bemerkenswerte nationale Zeitschriften, auch zu speziellen Themen
Allgemeine Zeitschrift für Philosophie
American Philosophical Quarterly
Argumentation
Asian Philosophy
British Journal of Aesthetics
Canadian Journal of Philosophy
Continental Philosophy Review
Das Argument
Etudes phenomenologiques
Etudes Philosophiques
European Journal of Philosophy
Informal Logic
Filosofia
Grazer Philosophische Studien
Midwest Studies in Philosophy
Monist (The)
Pacific Philosophical Quarterly
Philosophical Review (The)
Philosophy and Phenomenological Research
Pragmatics and Cognition
Proceedings of the Aristotelian Society, Supplementary Volumes
Ratio
Selbstverständlich ist eine solche Liste erstklassiger philosophischer Journale nur ein erster Vorschlag. Es ist aber wohl klar, dass ein derartiger Vorschlag für eine angemessene Evaluation der Qualität von Bewerbern durchaus hilfreich sein kann, und wohl mehr an Erfahrung und Wissen über unser Fach repräsentiert als das mit großen administrativen Aufwand offenbar von Nichtfachleuten verantwortete und für unser Fach höchst problematische ‚ESF’ oder gar ‚EU-Ranking’.
~~~~
Pirmin Stekeler-Weithofer, Studium, Forschung und Lehre in Konstanz, Berlin, Prag, Campinas/Sao Paolo, Berkeley/CA, New York, Pittsburgh und Swansea/Wales, Gründungsprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Leipzig, Präsident der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, ist Mitglied des Auswahlausschusses der Alexander von Humboldt Stiftung zur Vergabe von Humboldt-Forschungsstipendien im Bereich Philosophie.
[1] Vgl. ERIH Initial List: Philosophy 2007. Die Selbstbeschreibung des Projekts lautet: “European Reference Index for the Humanities (ERIH) is a project jointly sponsored by ESF and the European Commission ERA-Net project "Humanities in the European Research Area" (HERA) (Contract no.: ERAC-CT-2005-0161179). It comes under work-package 7 (Research Infrastructures).
Die vergessene Freiheit. Steuerung und Kontrolle der Geisteswissenschaften unter der Prämisse der Prävention
Miloš Vec I.
Eine gute Rezension ist ein kleines Kunststück. Sie referiert für den Leser den Inhalt eines Buches und gibt ein Werturteil darüber ab. Die Rezension gehört zum Kerngeschäft der Geschichtswissenschaften. Manche andere Fächer haben keine Rezensionskultur, und damit unvertraute Personen an diese geisteswissenschaftliche Gattung heranzuführen, bedeutet eine gewisse Herausforderung. Natürlich evaluieren Rezensionen die wissenschaftliche Qualität einer Publikation. Dennoch käme kein Historiker darauf, eine Rezension mit den Instrumenten der Qualitätsmessung, Evaluation, Forschungsrating zu verwechseln, die gegenwärtig grassieren, und in denen Chancen, Risiken und Zumutungen so eng miteinander verwoben sind, dass die Betroffenen mit Resignation oder Sarkasmus darauf reagieren.
Die Unterschiede zwischen Rezensionen und Evaluationen verdeutlichen die Probleme und die Misere des oktroyierten Drangs nach Selbstdarstellung und Selbstbewertung. Wer gute Rezensionen liest, erfreut sich an der gedrängten Bewertung einer neuen Forschungsleistung, durch die ihm zwei Perspektiven, die des Rezensenten und die des Rezensierten, nahegebracht werden. Auch wenn der Leser das Stück gelungen findet, weiß er doch um die Relativität des Texts und seines Werturteils. Manche Bücher bekommen eine satte zweistellige Zahl an Besprechungen, und kaum eine gleicht der anderen. Um deren Aussagen einigermaßen würdigen zu können, ist es hilfreich, die Autoren, die Organe und ihre Präferenzen und Verfahren zu kennen, und doch bleibt es für den Leser nur eine Annäherung. Nicht nur die Geschichtswissenschaft als Ganze, auch deren Teil- und Nachbardisziplinen wie die Rechtsgeschichte
[1]
und noch jede Zeitschrift und jeder Autor hat eine eigene Rezensionskultur. So bleiben Stil und Geschmack der Besprechung letztlich individuell, und darin liegen ihre Stärken.
Die Werturteile, ihre Herstellung und Darstellung, sind bei Rezensionen demnach wenig genormt. Manche Redaktionen greifen kaum, andere stärker in die Manuskripte ein, der Leser weiß es in der Regel nicht. Er weiß nicht, ob der Autor sich selbst um die Besprechung beworben hat oder ob er angefragt wurde. Er vermutet und hofft, dass die Besprechung mit Sachkompetenz und aus einer Kritik ermöglichenden institutionellen und persönlichen Distanz geschrieben wurde
[2]
; sicher ist das aber keineswegs. Kurz: die Komplexität ermöglicht den Adressaten keine klaren Rückschlüsse auf die Qualität des Besprochenen. Seine Lektüre erfolgt unter Vorbehalt. Wenn er es wirklich wissen will, dann macht er sich sein eigenes Bild.
II.
Die Evaluationen weichen von diesen Merkmalen mehrfach in negativer Weise ab. Ihr Anspruch auf Objektivierung geht mit erheblichen Standardisierungen der Qualitätsmessung einher. Standardisiert sind Normen und Verfahren der Bewertung. Die Produkte und Begleitschriften sind in einer solchen Sprache abgefasst, dass man nicht auf die Idee kommen würde, es handele sich dabei noch um Wissenschaft. Im Gegenteil – dem Leser stoßen die Texte im Ausdruck auf. Sie kommunizieren ihm vielfach Denkstile und Bewertungskriterien, die ihm höchst fragwürdig scheinen.
Diese Prosa ist von und für Verwalter der Wissenschaft geschrieben. Wie jeder Text ermöglichen sie Interpretationen und sie bedürfen ihrer. Die normierenden und normalisierenden Korpora werden durch weitere Texte referiert und kommentiert. Manche dieser Wiedergaben durch berufene Exegeten lassen auf nicht weniger opake Vorlagen schließen: „Während QM auf eine klare Durchsetzung von bestimmten Steuerungszielen gerichtet sei, verstehe sich Qualitätssicherung des ZQ als Förderung, Vorbereitung und Begleitung von Qualitätsmanagement- und -entwicklungsprozessen, die in der Verantwortung anderer liegen aber mit Expertise des ZQ entsprechend professionalisiert würden. Damit unterscheidet sich das Vorgehen des ZQ von Modellen zur Qualitätssteuerung und -entwicklung wie TQM/EFQM.“
[3]
So kryptisch liest sich die Begleitprosa zu Evaluationen, die ihre Standardisierungen verwissenschaftlichen möchte und zugleich den administrativ-spröden Grundton beibehält.
In der grafischen Visualisierung gewinnt so manche Vision der Kontrolle von Forschung und Lehre an Farbe. Die Schlagworte finden zu einer Bildsprache, die Einfachstes mit Unergründlichem verbindet. Die inhaltlichen Zusammenhänge geraten aber in den Schaubildern geistig vollends aus den Fugen. Studierende würde man zu intellektueller Klarheit und Präzision anhalten, mancher konservativ gestimmte Geist würde sich solche Darstellungen vielleicht ganz verbitten.
| 
| | | Abb. 1: Grafik aus: Manfred Hopfenmüller, Erstellung der Prozesslandschaft als Teil einer Maßnahme nach der Selbstbewertung (Internes Papier), o.O. 2003, zitiert nach: Sigrun Nickel, Institutionelle QM-Systeme in Universitäten und Fachhochschulen. Konzepte – Instrumente – Umsetzung, CHE (Centrum für Hochschulentwicklung gGmbH), Arbeitspapier Nr. 94, Gütersloh 2007, S. 126. | |
Der Kreislauf der Führung findet kein Ziel, sondern bleibt ein unabgeschlossener Prozess. Das Drehmoment in der Führung gibt schubweise Anstöße für sich selbst und wechselt wie ein Chamäleon in jeder Sequenz die Farbe – weil die Wiederkehr des Ewiggleichen sonst zu eintönig wäre? Vertikale Pfeile tragen monochromatische Schlagworte auf horizontale Schlagworte; vielleicht darf man diese als Ziele des Prozesses lesen. Fix dürfen aber auch sie nicht bleiben, horizontale Pfeile markieren dreidimensional ihre Bewegung in gleichförmiger, aber inhaltlich offenbleibender Richtung zu weiteren unbekannten Zielen und Bezugspunkten, die außerhalb der Grafik liegen. Die „Prozesslandschaft“ ist ein Rätsel aus multiplen Bewegungen und grellen Farben. Universitäre Qualitätsmessung wird schon in Sprache und Bildsprache als ebenso prätentiöses wie undurchsichtiges Szenario präsentiert.
III.
Umso problematischer scheinen daher der Ton der Gewissheit und die Knüpfung von weitreichenden Folgen an diese Instrumente. Die Wissenschaftsförderung ist zunehmend umgestellt worden; feste Beträge wurden zugunsten zeitlich beschränkter, projektbezogener Mittelzuweisungen abgeschmolzen. Drittmittel und kompetitive Mittelvergabe stellen Verteilungsherausforderungen, die mittels vieler Entscheidungen über Förderungswürdigkeit gelöst werden. Wie in den Natur- und Sozialwissenschaften hat auch die Wissenschaftsförderung der Geschichtswissenschaften in letzter Zeit eine folgenreiche Umstrukturierung erfahren, die mit einer Ausweitung und Veränderung der Bewertungsinstrumente einhergeht.
Insgesamt nehmen die Bewertungsinstrumente spürbare Akzentverschiebungen nicht nur in der Wissenschaftsorganisation vor, sondern sie wirken mittelbar oder unmittelbar auf die Inhalte und Struktur der Wissenschaft selbst ein.
[4]
Sie setzen Anreize oder errichten Hürden für Themen, Zugriffe und Thesen, kurz: sie wirken nicht nur auf der formalen, sondern auch auf der inhaltlichen Seite.
IV.
Bedenklich ist bereits der Umfang an Selbstbeobachtung und Selbstbewertung, der den Wissenschaftlern zugemutet wird. Sie müssen stärker als bisher ihre Entdeckungen planen. Schon Doktoranden zergliedern oft in lebensfremd scheinender Weise ihre Arbeitsschritte, wenn sie in Erwartung einer Begutachtung ihre Projektskizze abfassen; als ob man Lektüre von Quellen, Arbeit am theoretischen Konzept und Niederschrift in dieser an die Bauwirtschaft erinnernden Weise sequentiell trennen könnte – und dann auch noch im Voraus! Das gelingt nur, wo die Ergebnisse schon fest stehen. Umfassendere Vorhaben sind entsprechend differenzierter zu planen. Das Berichtswesen umfasst später Fortgang, Abschluss und Präsentation der Forschungen. Auch die Organisation der Lehre wurde bürokratisiert; in der Evaluation wird Masse bevorzugt.
[5]
Die Verfahren sind so formalisiert und so komplex, dass ein Markt an Anleitungs- und Unterweisungskursen entstanden ist und entsprechende Dienstleistungen teuer bei Dritten erworben werden.
Zu den Selbstbeobachtungen gesellen sich Kommentierungen und Evaluationen durch Dritte, zumeist Fachkollegen. Es ist heikel, sich diesem Betrieb auch nur auf Gutachterseite entziehen zu wollen.
Der zeitliche Aufwand ist auf beiden Seiten immens; Wissenschaftsmanagement nimmt einen immer größeren Anteil an den Tätigkeiten des Wissenschaftlers ein, sei es, weil er sich selbst, sei es weil er für andere die Bedingungen der Entstehung neuer Forschung schaffen oder sichern muss.
[6]
Wer im Wettbewerb um Mittel erfolgreich war, den trifft der Fluch des Siegers: Statt zur Lektüre von Quellen und Sekundärliteratur zurückzukehren, muss er seine Kraft und sein Geschick der Verwaltung widmen.
V.
Die Resultate, obwohl mit größter Akribie verfertigt, bleiben „graue“ Literatur, die lediglich in internen Kreisen zirkuliert. Transparenz ist daher, da die Begutachteten keinen oder keinen direkten Einblick in die Gutachten bekommen, nicht unbedingt gewährleistet. Die Selbstdarstellungen referieren im besten Fall mehr oder weniger verlässlich Forschungsergebnisse, ohne sie publizistisch aber wirklich substituieren zu können. Die Selbst- wie auch die Fremdkommentierungen, obwohl eine intellektuell anspruchsvolle Leistung, bleiben für die Bürokratie geschriebene Produkte.
VI.
Die Ausdehnung der Planungsideologie führt nicht nur zu einer verwerflichen Ausweitung der Verwaltungstätigkeiten. Bedenklicher ist die Zunahme an Normen und Regeln im gesamten Forschungsfeld. Die Normen und Regeln, viele von ihnen ungeschrieben, verdichten sich dermaßen, dass man geradezu von einer Vernormung und Verregelung der Wissenschaft sprechen kann. Wo ständig bewertet wird, spielt die Tatsache der Bewertung ebenso wie die Bewertungskriterien im Bewusstsein der Betroffenen eine prominente Rolle. Sie werden unter den Akteuren kommuniziert und in das System implementiert. In den allermeisten Fällen versuchen die Adressaten, den Standards zu genügen oder jedenfalls den Schein des Genügens zu erwecken. Sie richten ihr Handeln nach den Kriterien aus, die positive Bewertungen unter Kollegen versprechen.
[7]
Sie versuchen, die Kontrollinstanzen mit möglichst geringem Aufwand zu befriedigen, kritische Punkte möglichst geschickt zu umschiffen: „Sobald ein Vorhaben einer Kontrolle unterworfen wird, bleibt das tiefere Ziel dessen, der es verfolgt, nicht mehr das Vorhaben, sondern er verlagert sich darauf, der Kontrolle vorzubeugen, die Kontrollmethoden zu unterlaufen.“
[8]
Umgekehrt müssen eigene Stärken dem Anforderungsraster der Bewertenden angepasst werden. Das wird häufig illustriert mit dem einleuchtenden Beispiel der verstärkten Produktion des quantitativ Messbaren, wo Quantität gefordert wird. Die Suche nach den richtigen Publikationsorten und die Sucht nach Zitierbarkeit
[9]
, vormals erduldete Begleiterscheinungen des Wissenschaftsbetriebs, werden nun zu formal honorierten Aspekten. Die Defizite wie auch Missbrauchsmöglichkeiten sind erschreckend. Aber das sind nur Splitter, und die kritischen Beispiele wären vermehrbar.
VII.
Interessanterweise haben Hinweise auf eklatante Mängel
[10]
in den Systemen von Qualitätsmessung, Evaluation, Forschungsrating nie diese selbst in Frage stellen können.
Die Geschichtswissenschaft, so darf man vermuten, ist von diesen Defiziten überdurchschnittlich stark betroffen, da viele Bewertungssysteme nach dem Muster der Naturwissenschaften geschaffen wurden. Diese aber kennen nicht den Einzelschreibtischforscher und seine Arbeitsbedingungen; nicht die Bedeutung der Monografie; Publikationsgepflogenheiten anderer Art sind ihnen fremd; Sprache und Stil bedeutet für sie etwas anderes; die Verständigung in Deutsch und anderen nicht-englischen Nationalsprachen erscheint ihnen als Atavismus gegenüber der Anglisierung und sie haben jene längst vollzogen
[11]
; die Nähe der Geschichtswissenschaften zur Literatur mutet gar anstößig an, da sie der Ideologie der Messbarkeit von Qualität vollends einen Strich durch die Rechnung machen würde.
Im Nachhinein erstaunt es, welche Naivität und Sorglosigkeit anfänglich bei manchen Verfahren gewaltet hat; künftige Beobachter werden vermutlich noch mehr über diese staunen – ebenso wie über das Ausbleiben flächendeckender Proteste und Verweigerungen bei den Betroffenen.
VIII.
Die Tatsache, dass Planung, Kontrolle und Steuerungswünsche zugenommen haben, indiziert das bedenkliche Vordringen einer neuen Ideologie. Diese Ideologie lässt sich auf die Begriffe der Sicherheit und Prävention verdichten.
Planung soll das Moment des Unerwarteten, der Enttäuschung und des Scheiterns minimieren oder ausschließen. Mittel- und Stellenvergabe sind zentrale Instrumente der Chancenzuweisung. Bei der Chancenzuweisung sollen demnach möglichst wenig Fehler und Missgriffe eintreten. Absicherung ist ein maßgebliches Motiv, und sie eint Evaluierte und Evaluatoren in ihrem Handeln. Wo sie gelingt, etabliert sie erfolgreich einen Mindeststandard an Qualität. Sie hat aber auch ihre Kehrseite. Oft wird mangels Übereinstimmung unter den Gutachtenden hinsichtlich der „Exzellenz“ auf den Konsens auf weniger kontrovers begutachtete Personen und Projekte ausgewichen. Kritiker attestieren etwa dem deutschen Berufungssystem, „dass durch das Kooptationsverfahren und die vielfältig verflochtenen Zuständigkeiten keine exzellenten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sondern eher ein gutes Mittelmaß berufen wird“.
[12]
Um diese Sicherheit zu erreichen, werden Präventionsinstrumente in allen Phasen installiert. In ihnen vermengen sich Selbst- und Fremdkontrollen. Dieses Vordringen von Sicherheit und Prävention ist allem Anschein nach kein auf die Wissenschaft beschränkter Vorgang, sondern er findet seine Parallelstücke auf anderen gesellschaftlichen Feldern und wird dort in prominenter Weise kritisch diskutiert.
IX.
Wissenschaft aber muss ein riskantes Unternehmen bleiben. Die Ideologie der Sicherheit und Prävention steht mit wesentlichen Merkmalen auch der geschichtswissenschaftlichen Forschung und Lehre im Widerspruch. Sie ist geistes- und kreativitätsfeindlich, wo Planung zur Ideologie erhoben und dem Glauben an objektive Messbarkeit von Qualität gefolgt wird. Man stelle sich vor, die Arbeit von Malern, Bildhauern oder Komponisten würde in vergleichbarer Weise verregelt werden und erwäge dann die mutmaßlichen Auswirkungen auf ihre Produkte.
Qualitätsmessung, Evaluation, Forschungsrating steigern die Anreize zu moderatem Konformismus und der Netzwerkbildung, da jedermann jedermanns potenzieller Gutachter ist. Die Netzwerk- und Kartellbildung dient auch als Sicherheitsnetz gegen Exklusionen. Geistige und persönliche Unabhängigkeit wird zum Risiko und wirkt fast schon anstößig. Kurz: Die Instrumente fördern Vergruppung und betreiben dezentes Mainstreaming; sie legen Wissenschaftlern nahe, stets die forschungspolitischen Implikationen ihres Handelns zu erwägen. „Vernetzung“ und auch „Interdisziplinarität“ werden oft als formale Fetische wertgeschätzt; organisierte Verbundforschung ist ihr formales Produkt und soll durch kollektive Förderinstrumente gezielt installiert werden.
[13]
Für andere, inhaltliche Modevorstellungen wird der Boden bereitet. Kontroversen, Regelverletzungen, Bahnbrechendes, kurz: das wirklich Neue wird damit strukturell diskriminiert.
Die Alternativen der Bewertungsmethodik, für die pars pro toto die anfänglich skizzierte Buchrezension stehen soll, mögen zwar komplex sein und vielen Außenstehenden zudem noch subjektiv erscheinen; doch sie sind Spiegel der Fachkultur und wissenschaftlichen Methode. Wenn Rezensionen geisteswissenschaftlicher Werke treffender Ausdruck von wenig genormten Bewertungsverfahren unserer Forschungsergebnisse sind, dann wäre es eine Illusion zu glauben, dass andere Instrumente objektivere und standardisiertere Ergebnisse hervorbringen könnten, wenn man sie denn nur stetig verfeinerte.
X.
Stattdessen ist an den unhintergehbaren Wert der Freiheit zu erinnern und ihm wieder stärkere Geltung zu verschaffen. Kontrolle und Zwang erhöhen in abträglicher Weise den Druck auf das Wissenschaftssystem. Sie geben Anreize, Wissenschaft zunehmend als Betrieb mit leeren Ritualen einzurichten und im Hochbetrieb jenes zu produzieren, das wohlfeil zu haben ist; aber Workshops, Konferenzen und Sammelbände können sich erschöpfen; Ringvorlesungen fußen auf einem wissenschaftlichen Fundament, das sie selbst nicht garantieren.
Originalität findet oft abseits dessen statt, bedeutende und interessante Monografien entstehen an der institutionellen und thematischen Peripherie.
[14]
Sie findet statt unter den Bedingungen der Selbstbestimmung und persönlichen Freiheit, der Nachdenklichkeit und der lebendigen Kritik. Es wäre ein höchst willkommener Ausdruck dieser Freiheit, wenn man sich Qualitätsmessung, Evaluation, Forschungsrating so wenig wie möglich unterziehen müsste, sondern Individualität, Witz und geistige Originalität entfalten dürfte jenseits des Glaubens an dessen Quantifizierung und Messbarkeit. Es würde der Forschung und Lehre zugute kommen.
~~~~
Miloš Vec leitet derzeit ein Projekt über "Das Völkerrecht und seine Wissenschaft, 1789-1914" als Teil des Exzellenzclusters 243 "Formation of Normative Orders". Der Rechtswissenschaftler lehrte bereits in Hamburg, Bonn, Frankfurt, Konstanz und Vilnius.
[1] Miloš Vec, Die Rezensionskultur der Rechtsgeschichte, in: Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte 31 (2009), Heft 1/2 (im Druck).
[2] Michael Stolleis, Art. „Rezensionsethik“, in: Miloš Vec, Bettina Beer, Eva-Maria Engelen (Hrsg.), Der Campus-Knigge, 2. Auflage, München 2008, S. 166-169.
[3] Sigrun Nickel, Institutionelle QM-Systeme in Universitäten und Fachhochschulen. Konzepte – Instrumente – Umsetzung, CHE (Centrum für Hochschulentwicklung gGmbH), Arbeitspapier Nr. 94, Gütersloh 2007, S. 82, <http://www.che.de/downloads/CHE_QM_Studie_AP94.pdf> (07.05.2009).
[4] Wissenschaft als Betrieb und Norm(al)fabrik. Fünf Anmerkungen zur Wissenschaftsförderung (Juni 2006), AG Manieren! der Jungen Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, <http://www.diejungeakademie.de/pdf/manieren_thesen.pdf> (04.05.2009).
[5] Winfried Menninghaus, Tonnenideologie. Exzellenz durch Masse?, in: Süddeutsche Zeitung, 25.4.2006, S. 14.
[6] Gottfried Schatz, Die letzten Tage der Wissenschaft. Wie zeitfressende Parasiten das wissenschaftliche Zeitalter beendeten, in: Neue Zürcher Zeitung, 1.4.2008, S. 46.
[7] „Denn man setzt mit der Beglaubigung von Anträgen durch Gutachten auf eine starke Binnenorientierung der Wissenschaft und übergeht die nicht unerheblichen Verlockungen ihrer Betriebsblindheit. Und solche Blindheit wird durch den Wettbewerb eher gefördert als behoben. Wer als Antragsteller von Kollegen positiv beurteilt werden, wissenschaftliches Renommee erwerben und dadurch seinen Wert im Wissenschaftsbetrieb steigern will, dem geht es nicht primär um Wahrheit, sondern eben um innerbetriebliche Optimierung von Chancen des Statuserwerbs“, Klaus Laermann, Art. „Exzellenzcluster“, in: Miloš Vec (Hrsg.), Der Campus-Knigge, 2. Auflage München 2008, S. 73-76, hier: 74f.
[8] Paul Valéry, zitiert nach Wolfgang Kemp, Bildungsfragen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.1.2006, S. N3.
[9] Richard Monastersky, The Number That’s Devouring Science, in: The Cronicle of Higher Education 52 (2005), S. A12, online unter <http://chronicle.com/free/v52/i08/08a01201.htm> (04.05.2009).
[10] Alex Rühle, Evaluation an der Hochschule, Wie misst man Exzellenz?, in: Süddeutsche Zeitung, 29.1.2009; Jürgen Kaube, Die bibliometrische Verblendung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.7.2008, S. 36.
[11] Forschen auf Globalesisch – Verarmt die Wissenschaft durch standardisierte Sprache?, AG Manieren! der Jungen Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, <http://www.diejungeakademie.de/pdf/Globalesisch_Thesenpapier.pdf> (04.05.2009).
[12] Christine Färber / Ulrike Spangenberg, Wie werden Professuren besetzt? Chancengleichheit in Berufungsverfahren, Frankfurt am Main 2008, S. 17, mit weiteren Nachweisen. Siehe ferner: Joachim Nettelbeck, Ein wirklich origineller Kopf hat es schwer, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.4.2009, S. 9.
[13] Konrad Schmid, Wider die Verschwendung von Grips und Geld. Überlegungen zur Frage: Wie sollten die Geisteswissenschaften gefördert werden?, in: Neue Zürcher Zeitung, 1.12.2006, S. 46.
[14] Thomas Steinfeld, Wo entstehen die großen Bücher? Die Forschung wird aus den Universitäten vertrieben, Süddeutsche Zeitung, 8.8.2007, S. 11.
Glanz und Elend der Zahl
Martin Hose "Alles ist Zahl." (Pythagoras zugeschrieben)
"Am Ende der Saison stehst du genau auf dem Tabellenplatz,
auf den du gehörst." (Otto Rehhagel zugeschrieben)
Die Hochschulreformen der letzten Dezennien haben die deutschen Universitäten wohl tiefgreifender verändert als zunächst abzusehen war. Unter den Schlagwörtern von "Zukunfts-" und "Wettbewerbsfähigkeit" (die augenscheinlich als Synonyme figurieren) sind Forschungs- und Studienbedingungen etabliert worden, deren Sinnhaftigkeit noch nicht recht allen durchschaubar ist. Damit verbunden, haben sich auch die inneren Strukturen der Hochschulen verändert, darunter insbesondere die Aufgabenstellungen der Universitätsleitungen. Waren sie einstens Einrichtungen, die eine Alma mater (lediglich) zu verwalten hatten, so wird ihnen heute abverlangt, die jeweilige Hochschule zu lenken und ihre Entwicklung zu steuern. Die meisten Bundesländer haben hierauf durch entsprechende Reformen des Hochschulrechts Rücksicht genommen. In meinem Bundesland Bayern etwa sieht das Gesetz ein Leitungsmodell vor, das Elemente des Geschäftsmodells des FC Bayern München mit Prinzipien der katholischen Kirche verbindet. Die Kompetenzen der Leitungen sind zuungunsten der alten Kollegialorgane, also der Fakultätsräte, des Senats, der Versammlung etc., wesentlich erweitert worden, um rasche und eindeutige Entscheidungen, etwa über die Verteilung der Mittel in der Universität, treffen zu können. Selbst die Entscheidung über Berufungslisten obliegt in Bayern inneruniversitär in letzter Instanz der Leitung; die Fakultät ist davon ausgeschlossen, der Senat berät nur noch. Dieser Kompetenzgewinn ist ein wesentlicher Baustein der "Zukunftsfähigkeit".
Mit diesem Gewinn geht freilich auch eine erhöhte Last der Verantwortung einher. Denn nun kann eine Leitung Berufungslisten nicht einfach mit Verweis auf die Beschlüsse der alten Gremien an das Ministerium weiterleiten (und ggf. bedauern, dass die Liste nicht "stärker" ist), sondern hat diesen Vorschlag selbst beschlossen; sie ist verantwortlich für Stelleneinzüge und Neuzuweisungen, für strategische Entscheidungen über Schwerpunktsetzungen etc. Hieraus resultiert ein unerhörter Informationsbedarf der Leitung, muss sie doch idealiter genau wissen, was sie schwächt, was sie stärkt. Zudem hat sie einen inneruniversitären Legitimationsbedarf bei derartigen Umverteilungen, will sie die Binnenmotivation nicht beschädigen, die sie prinzipiell eher stärken denn schwächen muss, um genügend Energie für die allfälligen Wettbewerbe mit anderen Universitäten zur Verfügung zu haben. Diese strukturellen Rahmenbedingungen, so scheint mir, gilt es bei jeder Diskussion über das Feld von Ratings, Rankings und Co. zu beachten.
Grundsätzlich liegt allen mir bekannten Verfahren von universitärer Qualitätsmessung eine gedankliche Operation zugrunde, deren Voraussetzung das eingangs zitierte Pythagoras-Dictum bildet, die Vorstellung, dass sich wenn nicht sämtliche, so wesentliche Merkmale wissenschaftlicher Arbeit als bzw. in Zahlen ausdrücken lassen. Ist etwas als Zahl ausdrückbar, kann man es mit anderem, das auch als in Zahl ausdrückbar aufgefasst wird, vergleichen. Zahlen haben den Charme, zueinander in einem klaren Verhältnis zu stehen. Drei etwa ist mehr als zwei und weniger als vier... Wenn sich Wissenschaft arithmetisieren lässt, ergibt sich für Hochschulleitungen ein Ausweg aus den skizzierten Schwierigkeiten von Verantwortung und Legitimation. Dies haben die Hochschulleitungen längst erkannt, und um die Arithmetisierung zu befördern, ist eine veritable Industrie entstanden, die vorgibt, für beliebige universitäre Einrichtung extern - und damit in der rhetorischen Pose der Neutralität - die ersehnten Zahlen zu ermitteln.
Theoretisch gibt es damit zwei Wege, sich mit der Qualitätsmessung zu beschäftigen. Der eine würde bedeuten, grundsätzlich nach der Berechtigung der Arithmetisierung zu fragen, der andere (er wird meines Wissens gegenwärtig beschritten), sich mit der Praxis, das heißt in der Regel: der Bresthaftigkeit in der Durchführung der Arithmetisierung, zu befassen. Mit Blick auf die Geisteswissenschaften scheint die Praxis zunächst interessanter. Freilich: Was kann eine Arithmetisierung bieten? Vor einiger Zeit beauftragte meine Universität das augenscheinlich führende deutsche Institut mit einer bibliometrischen Analyse der Fakultäten. Für die Geisteswissenschaften ergaben sich bestimmte Probleme (etwa wurden Bücher nicht berücksichtigt, zahlreiche Zeitschriften waren offenbar dem Institut nicht zugänglich etc.), so dass sie aus der Untersuchung wieder ausgeklammert wurden. Doch lieferte das Institut offenbar beachtliche brauchbare Ergebnisse für den Bereich der Naturwissenschaften. So brachte die bibliometrische Analyse zweifelsfrei ans Licht, dass die Physik an meiner Universität deutlich über dem Bundesdurchschnitt liege, während die übrigen Bereiche mehr oder weniger etwas über dem Durchschnitt landeten. Angesichts eines an der Ludwig-Maximilians-Universität lehrenden Nobelpreisträgers, zahlreicher Großforschungseinrichtungen an der Fakultät und schließlich des Erfolgs, den die Physik an der Ludwig-Maximilians-Universität in der Exzellenz-Initiative (mit immerhin zwei bewilligten Clustern) erzielte, wäre man zu eben diesem Ergebnis wohl auch mit bloßem Auge gelangt.
Nun könnte man den Schluss ziehen, dass die Konvergenz zwischen bibliometrischer Analyse und Realität doch beweise, wie brauchbar das Instrument für die Qualitätsermittlung ist. An dieser Stelle freilich muss die Frage gestellt werden, ob sich in den Geisteswissenschaften ebenso 'einfach' (es sei hiermit nicht behauptet, dass es für die Naturwissenschaften schlichtweg 'einfach' ist) Zahlen erheben lassen. Basal liegt bibliometrischen Analysen eine Zusammenstellung von Publikationen und deren Zitationen zugrunde. Es geht neben der Zahl der Publikationen (hier pflegt man nach Publikationsort zu hierarchisieren) um die Zahl der Zitationen. Beides kann gegebenenfalls noch verknüpft werden (etwa zum so genannten Hirsch-Faktor). Vorausgesetzt ist jedoch, dass eine Zitation aussagekräftig für die wissenschaftliche Valenz einer Arbeit ist. Idealiert bedeutet dies, dass eine Arbeit a einen Datensatz liefert, mit dem eine Arbeit b, eine Arbeit c etc. weiterarbeiten, oder den die Arbeit b modifiziert oder korrigiert und damit in die Position als zukünftige Referenz tritt. Es ist eine bekannte Erscheinung, dass sich in den Naturwissenschaften in dieser Form das Wissen innerhalb etwa eines Jahrzehnts erneuert. "Älteres" ist dann nur noch als Gegenstand der Wissenschaftsgeschichte relevant. Anders in mindestens einigen Bereichen der Geisteswissenschaften – hier wie im Folgenden beziehe ich mich auf mein eigenes Fach, die Gräzistik bzw. die Klassische Philologie. Zwar lässt sich auch hier beobachten, wie Aufsätze und Bücher aus dem Diskurs ausscheiden und nicht mehr berücksichtigt werden, doch vollzieht sich dies in der Regel nicht deshalb, weil sie von anderen Arbeiten ersetzt würden, sondern zumeist dann, wenn die in diesen Arbeiten verfolgten Fragestellungen nicht mehr im Zentrum des Fachinteresses stehen. Insofern lässt sich in der Gräzistik keine 'Erneuerung des Wissens' in bestimmten Intervallen konstatieren, sondern eine Verschiebung des Fokus. Ferner bieten Zitationen ein breiteres Spektrum von Funktionen. Gewiss kennt auch die Gräzistik das Zitat einer anderen Arbeit, auf deren Daten aufgebaut wird; freilich wird eine solche "Schuld" nicht immer in empirisch brauchbarer Form mitgeteilt, sondern oft nur summarisch zu erkennen gegeben: "Alle folgenden Angaben zu den Handschriften nach Turyn" (oder ähnlich) – mag auch im weiteren Text an die hundert Mal das Buch Turyns die Informationen liefern, es wird doch nur einmal genannt. Ein solches Verfahren ist durchaus üblich, sinnvoll und ökonomisch, da jeder Fachwissenschaftler, der meine Arbeit benutzt, damit genau weiß, woher ich meine Daten zu den Handschriften etwa des Euripides bezogen habe. Dem Ruhm Turyns hat meine Zitierweise keinen Abbruch getan, sondern vielmehr die kanonische Geltung seines Werkes bestätigt. Das Problem entsteht erst dann, wenn Turyn (er ist freilich schon lange tot) darauf angewiesen wäre, möglichst häufig zitiert zu werden, um einen hohen "Hirsch-Faktor" zu erreichen...
Demgegenüber haben es Arbeiten, die intelligent Abwegiges behaupten, viel leichter, in einem ‚Citation-Index‘ zu reüssieren. Stellt man Thesen auf wie etwa die, dass Herodot alle seine Zahlenangaben frei erfunden habe, dass Ovid nie verbannt worden sei, dass Homer ein Eunuch im Dienste Assyriens gewesen sei, so ist einem in nahezu sämtlichen Arbeiten zu diesen drei Autoren mindestens eine Zitation sicher, mag sie auch mit der Bewertung "falsch" verbunden sein. Kurzum, jegliche 'Qualitätsmessung', die mit Zitationen arbeitet, bevorzugt tendenziell spektakuläre (und unter Umständen falsche) Ergebnisse, benachteiligt aber Grundlagenforschung und nachhaltige Resultate, benachteiligt prinzipiell zudem diejenigen, die in entlegeneren Gebieten arbeiten, in denen die Forschungsintensität ohnehin geringer ist.
Nun könnte man die Auffassung vertreten, dass hiermit lediglich technische Probleme der Durchführung bezeichnet werden, die sich mit etwas Intelligenz beheben ließen. Eben der Umstand, dass sich Maßnahmen erdenken lassen, um derartige Messungen vermeintlich seriös und sinnvoll durchführen zu können, verstellt in der Regel den Blick auf das grundsätzliche Problem, wie angemessen die Ermittlung von Zahlen, also die Umsetzung der eingangs zitierten phythagoreischen Devise, überhaupt ist. Denn die Einführung der Zahl bedeutet sowohl den Verzicht auf Urteilsfähigkeit wie auch die prinzipielle Etablierung eines neuen Ziels für Wissenschaft. Dies ist leicht einzusehen, da traditionelle Bewertungssysteme, die wissenschaftliche Arbeiten (sei es in Form einer Rezension, sei es im Rahmen eines Berufungsverfahren) evaluierten, dies in den Geisteswissenschaften in Form einer Auseinandersetzung inhaltlicher Art mit den Ergebnissen vollzogen – man las eine Arbeit und referierte über sie. In den Natur- und Sozialwissenschaften scheint dies längst durch den Gebrauch diverser Formen von ‚Citation-Indices‘ ersetzt; Kandidaten, die in diesen Verzeichnissen 'visible' sind, dürfen auf ihr Fortkommen hoffen, diejenigen, die nicht sichtbar sind, werden vermöge des geringen Zahlenwerts mit dem Stempel der Provinzialität versehen abgelegt. Es gilt also, zu 'punkten', um, wie von Otto Rehhagel verlangt, einen ordentlichen Tabellenplatz zu bekommen. Wissenschaftliche Arbeit erhält damit ein neues Ziel: sie muss Punkte einspielen; dies ist gewiss ein veritabler Paradigmenwechsel, da das alte Ideal (dass es sich hierbei um ein Ideal handelt, muss nicht eigens betont werden), "der Wahrheit zu dienen" (gelegentlich findet sich dies noch in hehren Inschriften in Universitäten formuliert, doch listigerweise zumeist in Sprachen, die den moderni nicht vertraut sind) damit aufgegeben wird. Mit dem neuen System einher geht in der Regel eine tiefgreifende Veränderung der Publikationsformen, in der einige wenige Zeitschriften privilegiert sind und damit den Markt beherrschen (bedeutet doch ein Aufsatz dort einen höheren ‚Impact-Faktor‘ als ein Buch in einer nicht ganz so wichtigen Reihe); Verfahren mit einem 'blind peer review' sollen in diesen Zeitschriften Qualität sichern, doch de facto entsteht damit das Risiko, dass neue Ideen verhindert werden, wenn als Gutachter jene gerade zum Gegenstand des Aufsatzes ausgewiesenen Gelehrte beauftragt werden, deren Thesen der Aufsatz hinterfragt bzw. widerlegt. Zwangsläufig werden sich gerade die Jüngeren in den Geisteswissenschaften eben an den Spielregeln des ‚Impact-Faktors‘ orientieren und ihre Forschung entsprechend ausrichten müssen, wenn sie ihr Fortkommen nicht gefährden wollen. Mit dem nächsten Generationswechsel wird dann auch an den Universitäten das 'neue Denken' in Zahlen fest implantiert sein.
Doch gehen wir noch einmal einen Schritt zurück. Grundsätzlich betrachtet, könnte Arithmetisierung der Leistung eines Wissenschaftlers als Abstraktionsleistung aufgefasst werden und damit als eine Art von Fortschritt in der Wissenschaftssystematik figurieren. Einem solchen Denken läge ein mehr oder weniger latenter Platonismus zugrunde, in dem sich alle Einzelerscheinungen auf eine Idee bzw. ein Konzept zurückführen lassen; die Arithmetisierung wäre der notwendige Vorgang, mit dem die Einzelerscheinungen verbunden werden. Allerdings ließe sich einem derartigen "Wissenschaftsplatonismus" genau die Kritik entgegenhalten, die auch der historische Platon durch seine Widersacher erfuhr: dass es nämlich nur sinnvoll sei, etwa vom Guten zu reden, wenn man bestimmt, in Bezug worauf etwas gut sein soll – und analog bedeutet dies, dass Zahlen nur einen Aussagewert haben, wenn ihr Bezugspunkt genau benannt ist (was zur Konsequenz hat, dass ihre universelle Geltung nicht mehr besteht). Ich selbst jedoch sehe in der Zahl als Ausdruck einer wissenschaftlichen Leistung eine Metapher – Arithmetisierung wäre damit eine Metaphorisierung und folglich eine Kategorie der Poetik oder Rhetorik. Die Konsequenzen, die man hieraus ziehen müsste, lasse ich hier unerörtert.
Es gibt eine alte antike Überlieferung, dass der Pythagoreer Hippasos von Metapont das Prinzip der Inkommensurabilität entdeckt habe. Hiermit widerlegte er, ohne es vielleicht beabsichtigt zu haben, den Lehrsatz, alles sei Zahl. Zur Vergeltung sei er von den Pythagoreern ertränkt worden. Ob sich in den Hochschulleitungen genügend Entdecker der Inkommensurabilität finden werden, darf man bezweifeln: zu groß scheint die Not, die sich aus den neuen Kompetenzen ergibt, zu stark der Zauber, der von der augenscheinlichen Simplizität des Prinzips Zahl ausgeht.
~~~~
Martin Hose ist Professor für Griechische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Griechisches Drama, Historiographie, Hellenistische Dichtung und Griechische Literatur der Kaiserzeit.
Vermessen? Qualitätsmessung und Evaluation von Hochschullehre
Roland Bloch Lohnt gute Lehre?
Um die Lehre in den Geisteswissenschaften habe sich ein „Schweigekartell“ (Ulrich Herbert) gebildet. Bereits das öffentliche Reden über die Qualität von Lehre werde als Ausdruck unakademischer Gesinnung gebrandmarkt.
[1]
Dieses Kartell will der Wissenschaftsrat zerschlagen. Die Hochschulen sollen „im Rahmen von indikatorenbasierten und direkten Bewertungsverfahren Daten und Informationen über die Lehrpraxis erheben und veröffentlichen“ und so „Transparenz über die verschiedenen Leistungsniveaus“ schaffen. Ziel ist es, „an den deutschen Hochschulen eine veränderte Lehrkultur zu schaffen, die sich durch einen erhöhten Stellenwert von Studium und Lehre, durch die Wertschätzung für ein Engagement in diesem Bereich und durch ein permanentes Streben nach Verbesserungen auszeichnet“.
[2]
Um dies zu erreichen, schlägt der Wissenschaftsrat neben weiteren Maßnahmen wie beispielsweise die Einführung von Professuren mit Schwerpunkt Lehre die Qualitätsmessung und Evaluation der Hochschullehre vor. Transparenz, Wertschätzung und Optimierung stehen dabei unter wettbewerblichen Vorzeichen, geht es doch um das Sichtbarmachen „verschiedener Leistungsniveaus“. Ganz in diesem Sinne lobten der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft und die Kultusministerkonferenz einen „Wettbewerb exzellente Lehre“ aus, bei dem mittlerweile 24 Finalisten ausgewählt wurden und der Ende 2009 zur Entscheidung kommen wird. 108 Antragsteller, darunter 57 Universitäten und 47 Fachhochschulen, zeigen, dass ein Exzellenzwettbewerb in der Lehre die Hochschulen zu einer ähnlich breiten Beteiligung motiviert wie die Exzellenzinitiative.
[3]
Dass für die Spitzenforschung 1,9 Milliarden Euro, für exzellente Lehre hingegen nur 10 Millionen Euro Preisgeld winken, verdeutlicht die hochschulpolitische Prioritätensetzung. Auch wenn die Analogie in den Superlativen ein Streben nach Spitzen in beiden Bereichen der Universitäten, in Forschung und Lehre, suggeriert, so geht es lediglich bei der Förderung von Forschung um Exzellenz, bei der Lehre hingegen um Kapazitäten. Allen Bemühungen der (wettbewerblichen) Differenzierung zum Trotz stehen die deutschen Hochschulen – auch aufgrund des Kapazitätsrechts – in der Breite vor der Herausforderung, zusätzliche Lehrkapazitäten für die erwartete steigende Studiennachfrage bereitzustellen.
Nicht für exzellente, sondern für ‚Massenlehre’ sollen mit dem sogenannten Hochschulpakt 275.000 zusätzliche Studienplätze geschaffen werden. Als innovativ gilt aus dieser Perspektive die möglichst kostenneutrale Erschließung neuer Kapazitäten für die Lehre. Das betrifft beispielsweise Wissenschaftler in außeruniversitären Einrichtungen und in Nachwuchsgruppen, Stipendiaten und aus Drittmitteln finanziertes Personal, die verstärkt in die grundständige Lehre einbezogen werden sollen.
[4]
Für die Hochschulen sind solcherlei ‚kreative Lösungen’ nichts Neues, müssen sie doch schon länger mit ihrer Unterfinanzierung zurechtkommen. Allein für die Universitäten hat der Wissenschaftsrat den jährlichen Mehrbedarf für die Qualitätsverbesserung von Studium und Lehre mit rund 1,1 Milliarden Euro beziffert. Solange die Ressourcen für ihr Tagesgeschäft dermaßen beschränkt bleiben, werden Versuche zur Messung und Steigerung der Qualität der Lehre – jenseits ‚billiger’ Exzellenzwettbewerbe – unter den Hochschulen kaum ‚Aufbruchsstimmung’ erzeugen.
Denn wie könnten die Hochschulen derzeit von guter Lehre profitieren? Wenn die Qualität der Lehre überhaupt ein Kriterium für die Hochschulwahl ist, so wären jene Hochschulen, an denen gut gelehrt wird, attraktiver und könnten sich – sofern es nicht an Interessenten mangelte – die besten Studierenden aussuchen. Die Zahl der Studierenden, die sie aufnehmen müssen, aber bleibt unverändert und mit mehr Geld wird dieses Engagement in der Lehre jedenfalls nicht belohnt.
Auf Seiten des Lehrpersonals kann die Bereitschaft für ein verstärktes, aber „kostenneutrales“ Engagement in der Lehre kaum vorausgesetzt werden. Gute Lehre verspricht wenig zusätzliches Geld – mit ihr lassen sich kaum jene Drittmittel einwerben, die mittlerweile als Nachweis von Exzellenz (miss)verstanden werden. Konnte ein deutscher Professor im 19. Jahrhundert einen Teil seines Einkommens über Hörergelder erzielen, so geriet im Zuge der Hochschulexpansion die Lehrberechtigung zunehmend zu einer Lehrbelastung, die nicht mehr Geld, sondern mehr Arbeit einbrachte. Sich der Lehre zu entziehen wurde Anreiz und Voraussetzung für eine reputations- und nicht zuletzt auch drittmittelträchtige Forschungstätigkeit.
Denn die Lehre verfügt in der scientific community über ein deutlich geringeres Prestige als die Forschung. Nachweisbar gute Lehrleistungen sind für eine Hochschulkarriere von untergeordneter Bedeutung, es fehlen Anreize zur Verbesserung der Qualität der Lehre und die Vernachlässigung der Lehre wird in der Regel nicht sanktioniert. Der hohe Zeitaufwand für die Lehre beeinträchtigt in vielen Fällen entweder die Forschungstätigkeit oder die Qualität der Lehre. Lehre, gar noch mit verstärktem Engagement, geht in der Wahrnehmung der Betroffenen zu Lasten der Forschung. Solange Forschungsleistungen entscheidend für Karriere und Prestige bleiben, muss auch die vom Wissenschaftsrat vorgeschlagene Lehrprofessur mit bis zu zwölf Semesterwochenstunden Lehre als Karriere zweiter Wahl erscheinen.
Unbekannte Lehrende
Unlängst veröffentlichte die Christian-Albrechts-Universität Kiel zwei fast identische Stellenausschreibungen.
[5]
Gesucht werden zwei wissenschaftliche Mitarbeiter für eine auf zwei Jahre befristete Teilzeitbeschäftigung (50 Prozent), erwartet wird die Mitarbeit in laufenden Forschungsprojekten und die Anfertigung einer Dissertation. Gleiche Bezahlung, gleiche Arbeitszeit, gleicher Arbeitgeber, gleiches Ziel – mit einer Ausnahme: die eine Stelle – jene mit „Zielrichtung Promotion“ – umfasst zwei Semesterwochenstunden Lehrverpflichtung, die andere – mit „Tätigkeitsschwerpunkt in der Lehre“ – acht Semesterwochenstunden.
In der Diskussion um die Qualität der Lehre wird wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass die Hochschullehre von Hochschullehrern erbracht wird – neben den Professoren lehren aber auch Privatdozenten, Juniorprofessoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Lehrkräfte für besondere Aufgaben, Lehrbeauftragte usw. All diese Wissenschaftler unterhalb der Professur gelten als wissenschaftlicher Nachwuchs, der in der Regel weder unbefristet beschäftigt noch mit reinen Lehraufgaben betraut wird. Ob sie aber gut lehren, ist für diese Nachwuchswissenschaftler zweitrangig, da sie sich primär über Forschungsleistungen für eine Professur qualifizieren müssen.
Weiß in der Regel die Verwaltung eines Fachbereiches noch mehr oder weniger genau, wer bei ihnen was unter welchen Bedingungen lehrt, so bildet die offizielle Personalstatistik die Verteilung der Lehrtätigkeit nicht einmal in Ansätzen ab. Bislang erfasst werden finanzierte Stellen (in Vollzeitäquivalenten) nach Personalkategorie, nicht aber die Anteile einzelner Personengruppen an der akademischen Lehre, das heißt die vorliegenden Daten geben keinen Aufschluss über die tatsächlich lehrenden Personen. Die im Fall der Kieler Stellenanzeigen immerhin zwischen zwei und acht Semesterwochenstunden variierenden Lehrverpflichtungen werden ebenso wenig erfasst wie Forschungssemester und Lehrdeputatsreduktionen von Professoren. Lehrbeauftragte werden nur bei Bezahlung in die Personalstatistik aufgenommen. Zwar existieren verstreut lokale Erhebungen der Lehrtätigkeit des Personals. Diese sollen aber die Lehrauslastung dokumentieren und zielen daher auf den Nachweis der Einhaltung kapazitätsrechtlicher Vorgaben und nicht auf die Qualitätsverbesserung der Lehre. Solange nicht bekannt ist, wer was unter welchen Bedingungen lehrt, sind gezielte Personalentwicklung ebenso wie systematische Qualitätsverbesserung der Lehre an den Hochschulen kaum möglich.
Wer misst wen?
Das Zusammenspiel dieser drei Bereiche – Unterfinanzierung der Hochschulen, Dominanz von Forschungsleistungen, Nichtwissen über das Lehrpersonal – hat zu einer nachhaltigen Devaluation der Hochschullehre geführt, die auch Maßnahmen zur Qualitätsmessung und Evaluation nicht beheben können. Vielmehr müssen solche Maßnahmen als realitätsferne Übung gelten, solange sie nicht die strukturellen Bedingungen der Hochschullehre reflektieren.
Es erscheint vermessen, die Qualität der Lehre zu messen, wenn nicht eine bestimmte Grundausstattung gegeben ist, die Qualität in der Lehre überhaupt erst möglich macht. Genauso wie für eine bestimmte Zahl von Studierenden entsprechende Räume und Arbeitsplätze vorhanden sein müssen, so darf auch ein Mindeststandard in den Betreuungsrelationen zwischen Studierenden und Lehrenden nicht unterschritten werden. Gute Lehre muss überhaupt erst einmal machbar sein.
Um eine ungenügende Grundausstattung zu ermessen, bedarf es weniger komplizierter Verfahren, als der Bereitschaft, unzumutbare Zustände zu erkennen. Hierfür reichte es in der Regel, sich während des Semesters eine Woche den Lehrbetrieb an einem Fachbereich anzuschauen, an dem mit personeller Unterausstattung eine Überlast an Studenten unterrichtet wird. Akzeptiert man, dass nicht Unwille oder Inkompetenz, sondern vor allem Überlastung der Fachbereiche gute Lehre behindern, erledigen sich Verfahren zur Messung unterschiedlicher Leistungsniveaus von selbst. Wer nicht bereit ist, ausreichend Lehrpersonal zu finanzieren, kann an den Konsequenzen auch durch Qualitätsmessung und Evaluation nichts ändern.
Dass es gut und sinnvoll ist, für eine gute Lehre zu sorgen und sich beständig zu bemühen, sie wo möglich zu fördern und zu verbessern, wird niemand ernsthaft bestreiten. Die erforderliche Grundausstattung für die Lehre ist quantifizierbar – zur Einhaltung von Mindeststandards und nicht für den wettbewerblichen Leistungsvergleich. Ebenso vorstellbar sind Kennziffern für eine differenzierte Erfassung der Lehrbelastung (Prüfung, Betreuung, Vor-/Nachbereitung). Kaum quantifizierbar hingegen ist die Qualität der Lehre. Kriterien wie Drittmittelvolumen oder Publikationsindizes, bereits in der Forschung umstritten, stehen für die Lehre nicht zur Verfügung. Ähnliches gilt für Messungen, die mit fraglichen Kausalitätsannahmen operieren, beispielsweise wenn aus Absolventenstudien Schlüsse über die Qualität der Lehre gezogen werden. Denn vielleicht war die Qualität der Lehre entscheidend für den beruflichen Erfolg der Absolventen, vielleicht aber auch nicht.
Wer aber könnte die Lehre qualitativ einschätzen? Professoren, die wechselseitig ihre Lehrveranstaltungen bewerten? Oder Studierende, am besten noch mit Sanktionspotential wie zum Beispiel Studiengebühren versehen? Sollen zukünftige Arbeitgeber befragt, externe Experten beauftragt (und bezahlt)
[6]
oder doch lieber intern neue Abteilungen und Qualitätsmanagementsysteme installiert werden?
Die Frage, was gute Lehre ist, wer gut lehrt und wie die Lehre verbessert werden kann, sollte in erster Linie und vor allem von denen beantwortet werden, die es betrifft: den Studierenden und den Lehrenden. Genauso, wie es der Fachwissenschaft zugestanden wird, in erster Linie selbst über ihre Forschungsqualität zu befinden, ist es sinnvoll, die Bewertung der Qualität der Lehre in einem Fach denen zu überlassen, die damit unmittelbar zu tun haben.
Ob sie wollen oder nicht, an Lehrveranstaltungen sind immer Lehrende und Studierende beteiligt. Es handelt sich um eine gemeinsame Praxis, die eben auch nur gemeinsam verbessert werden kann. Der Student will nicht lediglich ‚eine Lehrveranstaltung besuchen’ und der Dozent nicht lediglich ‚eine Vorlesung halten’. Lehrende und Studierende wollen miteinander ins Gespräch kommen, beide haben ein Interesse an guter Lehre, beide würden, mit Humboldt gesprochen, sich gegenseitig aufsuchen, wenn sie sich nicht von selbst versammelten.
~~~~
Roland Bloch ist Politikwissenschaftler, Carsten Würmann Literaturwissenschaftler. Beide sind Wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Hochschulforschung (HoF) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und arbeiten derzeit an dem vom BMBF geförderten Projekt „Wer lehrt was unter welchen Bedingungen? Untersuchung der Struktur akademischer Lehre an deutschen Hochschulen“.
[1] Ulrich Herbert / Jürgen Kaube: Die Mühen der Ebene. Über Standards, Leistung und Hochschulreform, in: H-Soz-u-Kult, 14.05.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1100&type=diskussionen> (09.06.2009).
[2] Wissenschaftsrat: Empfehlungen zur Qualitätsverbesserung von Lehre und Studium, 2008, vgl. <http://www.wissenschaftsrat.de/texte/8639-08.pdf> (09.06.2009), S. 15, 54.
[3] An der Exzellenzinitiative hatten sich in der ersten Runde 74 Universitäten mit 319 Antragsskizzen, in der zweiten Runde 67 Universitäten mit 261 Antragsskizzen beteiligt.
[4] Wissenschaftsrat: Empfehlungen zu einer lehrorientierten Reform der Personalstruktur an Universitäten, 2007, vgl. <http://www.wissenschaftsrat.de/texte/7721-07.pdf> (09.06.2009), S.46f; siehe auch Hochschulrektorenkonferenz: Eckpunkte für die künftige Zusammenarbeit von Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen, 2007, vgl. <http://www.hrk.de/de/download/dateien/Beschluss_Eckpunkte.pdf> (09.06.2009).
[5] <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/chancen/id=3666&type=stellen> und <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/chancen/id=3667&type=stellen> (09.06.2009).
[6] Aber handelt es sich auch um Experten für die Qualität von Hochschullehre? So wunderte sich ein Professor an einer englischen Universität nach erfolgter Lehrevaluation: „You know if you say ‚We’re being visited for teaching quality’ then most people would assume, naturally, that some professional people were coming to the classes and to see how people teach. But it’s not that, it’s the paperwork which is inspected. The problem now is that you have to have an inordinate amount of paperwork saying that the review has taken place, and giving, you know, sort of details about what has happened, when it happened, how it happened, the outcomes, the follow up and so on” (zitiert bei Louise Morley, Quality and Power in Higher Education, Buckingham 2003, S. 116f).
Die Rolle eines Bundeslandes bei der Forschernachwuchsförderung. Das Beispiel Sachsen im bundesweiten Vergleich
René Krempkow Die Ausgangsfrage für diesen Kurzbeitrag
[1]
war: Wie effektiv ist die Forschernachwuchsförderung eines Bundeslandes? Hauptzielrichtung dieser Frage ist hier nicht die Messgenauigkeit, sondern ist auf die Veränderungsmöglichkeiten gerichtet, die sich aus der Analyse ergeben könnten. Die Beantwortung der Frage ist damit nicht nur bedeutsam für die Leistungsfähigkeit der Forschung, sondern auch für die Chancen, die sich den Nachwuchswissenschaftlern eröffnen (ließen). Zudem ist die wissenschaftliche Nachwuchsförderung besonders relevant im Rahmen der Exzellenzinitiative. Allerdings wurde die Rolle eines Bundeslandes bisher - trotz Föderalismusreform - eher selten thematisiert. In einigen Bundesländern, wie beispielsweise in Bayern, existieren bereits seit längerem systematische Untersuchungen zur Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses.
[2]
Insgesamt gibt es jedoch nur wenige Untersuchungen, die die Situation der Forschernachwuchsförderung oder deren Effektivität in einem Bundesland flächendeckend und bis in fachliche Gliederungen hinein analysierten.
[3]
Demgegenüber fand die Promotionsphase bei Analysen zur Leistungsfähigkeit der Forschung in Deutschland insgesamt wie auch in anderen europäischen Ländern
[4]
und nicht zuletzt im Zuge des Bologna-Prozesses in der Bergen-Erklärung (2005)
[5]
durchaus starke Beachtung.
Zum Bundesland Sachsen wurden bis 2006 keine systematischen Untersuchungen zum wissenschaftlichen Nachwuchs veröffentlicht. Damit hängt es wohl auch zusammen, dass in einer Stellungnahme der drei sächsischen Technischen Universitäten
[6]
ausschließlich in Hinblick auf die Juniorprofessur von der Notwendigkeit der Schaffung rechtlicher Voraussetzungen zur adäquaten Umsetzung einer nachhaltigen wissenschaftlichen Nachwuchsförderung die Rede ist.
[7]
Aus dieser Diskrepanz ergab sich die Frage, wie sich die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses in Sachsen im Vergleich zu Deutschland insgesamt darstellt - und ob dies einer der möglichen Ansatzpunkte zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit Sachsens in diesem Bereich sein könnte. Dieser Frage konnte bisher aufgrund einer lückenhaften Datenlage nur exemplarisch für einzelne Hochschulen nachgegangen werden. Die einzigen für Sachsen flächendeckend verfügbaren bzw. veröffentlichten Daten hierzu stammten aus der amtlichen Prüfungsstatistik. Diese wurden im Rahmen der vom Sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK) finanzierten Erstellung des ersten sächsischen Hochschulberichtes unter Einbeziehung aller Qualifikationsphasen und der fachlichen Gliederungen umfassender analysiert, als dies hier darstellbar ist.
[8]
Hier erfolgt deshalb eine Beschränkung auf die Phase der Promotion, da diese als zentrale Qualifikationsphase eingeschätzt wird und die Datenlage günstiger ist als für die Post-doc-Phase.
[9]
Darüber hinaus erfolgt eine Fokussierung auf solche Aspekte, die innerhalb eines Bundeslandes potentiell veränderbar sind.
Bedeutung der Promotion für den Forschernachwuchs und Datenlage
Der Wissenschaftsrat hat bereits 1985 darauf hingewiesen, dass die Universitäten im Wettbewerb um ihren wissenschaftlichen Nachwuchs immer weniger konkurrenzfähig sind. Der Wettbewerb der Hochschulen untereinander und mit außeruniversitären Arbeitgebern um hervorragende Nachwuchswissenschaftler hat sich in den folgenden Jahren noch erheblich verschärft.
[10]
Gleichzeitig sind es nach wie vor neben jungen Professor/innen vor allem die Doktoranden und Post-docs, „die die wissenschaftlichen Leistungen erbringen und die die Masse der Drittmittel akquirieren“.
[11]
Nach Jürgen Enders und Uwe Schimank übernimmt der wissenschaftliche Nachwuchs in Deutschland etwa vier Fünftel der Forschung und zwei Drittel der Lehre.
[12]
Der Wissenschaftsrat sah daher schon vor einigen Jahren den Anlass, hierzu Empfehlungen auszusprechen, „weil sich gute Nachwuchswissenschaftler heute vielfach gegen eine Hochschullehrerkarriere bzw. gegen eine solche in Deutschland entscheiden“.
[13]
Insbesondere die Situation der Doktoranden ist nach den Worten des Wissenschaftsrates „von einer Reihe von Defiziten gekennzeichnet“. Dabei ist innerhalb der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung die Promotion besonders hervorzuheben: „Das Promotionsrecht ist das zentrale Alleinstellungsmerkmal der Universitäten gegenüber allen anderen wissenschaftlichen Einrichtungen. Die Universitäten sollten daher aus wohlverstandenem Eigeninteresse ihre Leistungsfähigkeit in diesem Bereich weiter verbessern“.
[14]
Die Datenlage zur Situation der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung ist demgegenüber in Deutschland und in Sachsen durch eine Reihe von Problemen gekennzeichnet. So ist es aufgrund des uneinheitlichen rechtlichen Status von Promovierenden in Deutschland im Unterschied zu anderen Staaten
[15]
nicht möglich festzustellen, wie viele Promovierende es gibt, und demzufolge auch nicht, wie viele ihre Promotion abbrechen oder den Betreuer bzw. die Hochschule wechseln.
[16]
Ergebnisse und mögliche Ursachen
Immerhin werden die abgeschlossenen Promotionen erfasst und können - als Indiz für die Effektivität der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung – in Relation zur Anzahl der Professuren gesetzt werden: Nach Ausweis der amtlichen Statistik gab es in Sachsen innerhalb der drei Jahre (2002 bis 2004), die im ersten Sächsischen Hochschulbericht untersucht wurden, im Jahresschnitt nur etwas mehr als 500 abgeschlossene Promotionen (ohne Medizin) auf 953 Professuren. Damit wird im Durchschnitt gerade einmal alle zwei Jahre eine Promotion je Professur zum erfolgreichen Abschluss gebracht. Auch wenn man den Bezugszeitraum erweitert, indem zum Beispiel mit dem Jahr 2001 ein weiteres Jahr in die Untersuchungen einbezogen wird, ändern sich die Grundaussagen nicht.
[17]
Im Bundesdurchschnitt sind es nach Daten des Statistischen Bundesamtes jährlich circa 15.000 Promotionen auf knapp 19.000 Professuren (jeweils ohne Medizin) und damit deutlich mehr. Beim Vergleich der Daten muss man sich zunächst die Frage stellen, ob Differenzen auf eine unterschiedliche Fächerstruktur zurückgeführt werden können. Kann es also daran liegen, dass in den Ingenieurwissenschaften weniger promoviert wird und diese in Sachsen womöglich stärker vertreten sind?
| 
| | | | |
Datenquelle: Karl Lenz / René Krempkow / Jacqueline Popp, Erster Sächsischer Hochschulbericht. Dauerbeobachtung der Studienbedingungen und Studienqualität im Freistaat Sachsen, 2006; Graphik: Eigene Darstellung.
Dies ist nicht der Fall, wie die nachstehende Graphik zeigt. Denn die Promotionsquoten des Landes liegen in allen Fächergruppen, auch in den Ingenieurwissenschaften, deutlich unter denen der Bundesrepublik. Dabei sind die Ausgangsbedingungen zur Schaffung von Doktorandenstellen bei den meisten ingenieurwissenschaftlichen Fächern in Sachsen aufgrund überdurchschnittlicher Drittmitteleinnahmen besser als bundesweit.
[18]
Hinzu kommt, dass Hochschulen in Sachsen wie die Technische Universität Dresden zwar zwischenzeitlich erste Erfolge in der Erhöhung der Familienfreundlichkeit aufweisen können. Bei der Chancengleichheit der Geschlechter gibt es jedoch noch Defizite.
[19]
Diese dürften angesichts des teilweise schon spürbaren Ingenieurnachwuchsmangels auch Einfluss auf die Promotionsquoten haben.
[20]
Wenn die Fächerstruktur die Differenzen der sächsischen Promotionsquoten zum Bundesdurchschnitt nicht erklärt, müssen andere Ursachen greifen. Nach den vorliegenden bundesweiten Untersuchungen arbeiten deutsche Doktoranden international gesehen in einem besonders starken Hierarchiegefälle und leben länger in beruflicher und sozialer Unsicherheit.
[21]
Häufig eher nebenbei müssen sie mit ihrer Dissertation eine eigenständige wissenschaftliche Leistung erbringen und ihr eigenes wissenschaftliches Profil schärfen. Der Wissenschaftsrat hat festgestellt, dass vielen letztlich neben der Arbeit an der Hochschule zu wenig Zeit für die Doktorarbeit bleibt und häufig auch die Betreuung der Doktorarbeit problematisch ist. Hinzu kommen lange Begutachtungszeiten, Probleme bei der Finanzierung des Lebensunterhalts und weitere Einschränkungen. Es existieren inzwischen mehrere Studien, die diese und weitere Probleme empirisch belegen.
[22]
Zwei bundesweite Netzwerke von Nachwuchswissenschaftlern, die Promovierenden-Initiative (PI) und THESIS haben dazu auch Forderungskataloge erstellt.
[23]
Wenn die Promotionsquoten in Sachsen deutlich anders ausfallen als bundesweit, sollte es aber über die genannten bundesweiten Probleme hinaus graduelle Unterschiede in den genannten Aspekten oder weitere Ursachen geben, die in bundesweiten Untersuchungen und Stellungnahmen noch nicht angesprochen wurden. Wie sieht also diesbezüglich die Situation in Sachsen im Vergleich zu anderen Bundesländern aus?
Rechtliche Rahmenbedingungen: Status, Betreuung, Begutachtungsdauer…
In Sachsen werden die rechtlichen Rahmenbedingungen nach einer Synopse und einer bundesweit vergleichenden Bewertung der Landeshochschulgesetze als schwieriger eingeschätzt als in den anderen Bundesländern. An den landesgesetzlichen Regelungen zur Promotion in Sachsen hat sich seitdem nichts Wesentliches verändert. Daher dürfte die Grundaussage der Analyse, dass Sachsen hier eines der Schlusslichter ist, nach wie vor zutreffen. Bei der Bewertung ausschlaggebend waren unter anderem die Regelungen zu Status und Betreuung, fehlende Begrenzung der Begutachtungsdauer auf maximal sechs bzw. drei Monate, generelle Zulässigkeit externer (auch interdisziplinärer und internationaler) Gutachter, sowie die Forderung von Verteidigung und zusätzlichem Rigorosum. Hier sollte, so die Promovierenden-Initiative, der Gesetzgeber einen klaren Rahmen vorgeben, innerhalb dessen die Hochschulen dann autonom die Möglichkeit haben, um die besten Nachwuchskräfte zu konkurrieren.
[24]
Arbeitsbedingungen: Gehalt, berufliche Autonomie und Zukunftsperspektiven
Neben den rechtlichen Rahmenbedingungen spielen wohl noch weitere Aspekte eine Rolle, mit denen die Ergebnisdifferenzen von Sachsen zum Bundesvergleich möglicherweise ursächlich zusammenhängen. So wurde im Zusammenhang mit dem insgesamt unerfreulichen Abschneiden der sächsischen Universitäten im Rahmen der Exzellenzinitiative gemutmaßt, dass deren Wettbewerbsfähigkeit dadurch leide, dass Sachsen bei der Festsetzung des Besoldungsdurchschnitts für die W2/W3-Professuren auf dem bundesweit letzten Platz liege. Dies hindere die sächsischen Hochschulen daran, Spitzenwissenschaftler zu gewinnen.
[25]
Inwieweit dies auch für Doktoranden und Wissenschaftliche Mitarbeiter gilt, wurde bisher in Sachsen nicht öffentlich thematisiert. Hinweise darauf, inwieweit das Gehalt die Motivation und Leistungsfähigkeit dieser Gruppe tangiert, könnten zum Beispiel Befragungen von Wissenschaftlichen Mitarbeitern ergeben, die im Rahmen von Lehrendenbefragungen an mehreren sächsischen Hochschulen durchgeführt wurden.
[26]
Demnach wird die berufliche Zufriedenheit von Lehrenden nicht allein vom Gehalt determiniert. Die Höhe des Gehalts ist Wissenschaftlichen Mitarbeitern wie auch Hochschulabsolventen insgesamt deutlich weniger wichtig als zum Beispiel eine interessante Tätigkeit und das Arbeitsklima. Dies zeigen die Dresdner und ebenso bundesweite Mitarbeiterbefragungen sowie Absolventenstudien.
[27]
Danach zählen für die Mitarbeiter die berufliche Autonomie – das heißt die Möglichkeit, eigene Ideen zu verwirklichen - zusammen mit der Arbeitsplatzsicherheit und der innerbetrieblichen Anerkennung zu den wichtigsten Determinante beruflicher Zufriedenheit. Der Anteil befristet Beschäftigter ist aber überall hoch und die Befristungsregelungen sind deutschlandweit gleich. Daher liegt die Vermutung nahe, dass an den sächsischen Universitäten das Hierarchiegefälle noch ausgeprägter ist als an anderen Hochschulen. Dies muss angesichts der Perspektiven, die gute Nachwuchswissenschaftler vieler Fächer in der Privatwirtschaft und im Ausland haben, zusammen mit den rechtlichen Rahmenbedingungen als deutlicher Wettbewerbsnachteil angesehen werden, der die Effektivität der Nachwuchsförderung beeinträchtigen dürfte.
Geschlechts- und herkunftsspezifische (Selbst-)Selektionen zur Promotion
Eine geschlechtsspezifische Auswertung der Promotionsquoten zeigte darüber hinaus eine weitere relevante Dimension für die Nachwuchsförderung: Denn es zeigte sich, dass ein großer Teil des „Schwundes“ an Nachwuchswissenschaftler/innen im Promotionsprozess, aber auch bereits in der Phase des Zugangs zur Promotion weiblich ist, weshalb die Genderthematik einzubeziehen ist.
[28]
Dazu legte 2007 das Institut für Hochschulforschung - HoF Wittenberg in Kooperation mit der TU Dresden eine Analyse vor.
[29]
Interessant für die Analyse potentieller Ursachen ist insbesondere das Ergebnis, dass die Chancen von Frauen sich innerhalb derselben Fächerkultur und innerhalb derselben rechtlichen Rahmenbedingungen nach Hochschulart sowie auch innerhalb derselben Hochschulart je nach Hochschule sehr unterscheiden. Offensichtlich gelingt es einigen Hochschulen bei gleichen oder ähnlichen Ausgangsbedingungen besser als anderen, die vorhandenen Potentiale auszuschöpfen.
Darüber hinaus ergaben weiterführende Analysen anhand von bundesweiten Absolventenstudien Hinweise darauf, dass in etwa ähnlicher Größenordnung neben der geschlechtsspezifischen Selektivität auch eine herkunftsspezifische (Selbst-)Selektion existiert.
[30]
Speziell für Sachsen gibt es bislang keine Analysen zu dieser Thematik; daher ist hier keine landesspezifische Diskussion potentieller Ursachen möglich.
Veränderungsmöglichkeiten
Als Veränderungsmöglichkeiten bzw. als mögliche Schlussfolgerungen für Sachsen kann aufgegriffen werden, was der Wissenschaftsrat bereits 2001 als Leitlinien formuliert hat, um die „besten Köpfe“ zu gewinnen: Demnach ist es unbedingt notwendig, dass die Attraktivität einer Hochschullaufbahn durch frühere Selbständigkeit und die frühzeitige Eröffnung einer belastbaren Karriereperspektive nachhaltig erhöht wird und die Chancen von Frauen und Eltern in der Wissenschaft weiter verbessert werden. Die Möglichkeiten für eine Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingungen waren mit Novellierungen des Sächsischen Hochschulgesetzes gegeben. Die Chance, neben der Schaffung der Juniorprofessur in größerer Breite die rechtlichen Rahmenbedingungen zu verbessern, wurden bislang aber kaum genutzt. Grundsätzlich hat Sachsen im Wettbewerb der Hochschulen und Regionen jedoch großes Potential. Denn eigentlich muss es bei seiner vielfältigen Hochschullandschaft nicht erst die „besten Köpfe“ gewinnen, sondern sie nur in Land und Wissenschaft halten.
~~~~
René Krempkow studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der TU Dresden und Universidad de Salamanca. Zwischen 1998 und 2007 war er an verschiedenen Studien im Bereich der Bildungs- und Hochschulforschung, der Hochschulabsolventen-, der Studierenden- und Evaluationsforschung in Dresden, Wittenberg und Berlin beteiligt. Seit Anfang 2008 ist er stellvertretender Leiter der Abteilung Qualitätssicherung in Studium und Lehre, Akkreditierung und Projektleiter für Absolventenstudien an der Universität Freiburg.
[1] Dieser Kurzbeitrag basiert auf Vorarbeiten für den ersten Sächsischen Hochschulbericht (2006), die auch im zweiten Hochschulbericht (2008) Anwendung fanden und die hierfür gekürzt sowie z.T. aktualisiert wurden.
[2] Vgl. Ewald Berning / Susanne Falk, Das Promotionswesen im Umbruch, in: Beiträge zur Hochschulforschung 1/2005, S. 48-72.
[3] Zu einer Übersicht verfügbarer Studien vgl. BMBF (Hrsg.), Bundesbericht zur Förderung des Wissenschaftlichen Nachwuchses, Berlin 2008, vgl. <http://www.buwin.de> (15.06.2009), zu aktuellen Studien vgl. Anke Burkhardt / Karsten König / René Krempkow, Dr. Unsichtbar im Visier – Erwartungen an die Forschung zum Wissenschaftlichen Nachwuchs, in: die hochschule 1/2008, S.74-90, vgl. <http://www.diehochschule.de/> (15.06.2009).
[4] Vgl. Jürgen Enders / Uwe Schimank, Faule Professoren und vergreiste Nachwuchswissenschaftler?, in: Die Krise der Universitäten. Leviathan Sonderheft 20/2001, S. 159-178, und Vgl. Hans-Dieter Daniel, Wissenschaftsevaluation. Neuere Forschungen und heutiger Stand der Forschungs- und Hochschulevaluation in ausgewählten Ländern, Bern 2001.
[5] Communiqué of the Conference of European Ministers Responsible for Higher Education, Bergen, 19-20 May 2005, vgl. <http://www.bologna-bergen2005.no/Docs/00-Main_doc/050520_Bergen_Communique.pdf> (15.06.2009).
[6] Ingenieurland Sachsen in Gefahr, in: Dresdner Universitätsjournal 2/2006, S. 1.
[7] Bei der Exzellenzinitiative der Bundesregierung wurde innerhalb Sachsens erwartet, dass aufgrund des guten Rufs der sächsischen Hochschulen, der überdurchschnittlichen Drittmitteleinwerbungen und der großen Reformanstrengungen der letzten Jahre zumindest eine sächsische Universität mit ihrem Zukunftskonzept als zukünftige „Elitehochschule“ in die engere Auswahl gelangt. Entgegen den Erwartungen schaffte es jedoch keine Hochschule mit ihrer Antragsskizze in die Endrunde. Auch in der zweiten Antragsrunde sah es kaum anders aus. Ein wesentliches Kriterium der Entwicklungskonzeptionen stellten die Pläne der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung dar.
[8] Vgl. Karl Lenz / René Krempkow / Jacqueline Popp, Erster Sächsischer Hochschulbericht. Dauerbeobachtung der Studienbedingungen und Studienqualität im Freistaat Sachsen, 2006, S. 456f., vgl. <http://ids.hof.uni-halle.de/documents/t1780.pdf> (15.06.2009).
[9] Burkhardt / König / Krempkow, Dr. Unsichtbar im Visier, wie Anm. 3.
[10] Personalstruktur und Qualifizierung: Empfehlungen zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Wissenschaftsrat-Drs. 4756/01.
[11] Gerhard Roth, Wir bräuchten 20 Indianer zwischen uns (Interview), in: DUZ 12/2005, S. 20-24.
[12] Enders / Schimank, Faule Professoren, wie Anm. 4, S. 171.
[13] Personalstruktur und Qualifizierung: Empfehlungen zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Wissenschaftsrat-Drs. 4756/2001, S. 7.
[14] Empfehlungen zur Doktorandenausbildung. Wissenschaftsrat-Drs. 5459/2002, S. 3f.
[15] Vgl. Daniel, Wissenschaftsevaluation, wie Anm. 4, S. 39, 41.
[16] Für erste Ansätze zur Schätzung von Promotions-Erfolgsquoten vgl. Anke Burkhardt (Hrsg.), Wagnis Wissenschaft – Akademische Karrierewege und das Fördersystem in Deutschland, Leipzig 2008.
[17] Kürzlich wurde der zweite Sächsische Hochschulbericht veröffentlicht, der die Jahre 2003 bis 2005 betrachtete. Das Ergebnis zur landesweiten Promotionsquote weicht nur um drei Hundertstel (nach unten) ab und bestätigt damit o.g. Aussagen (vgl. Zweiter Sächsischer Hochschulbericht. Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, Dresden 2008, S. 1558).
[18] Vgl. Empfehlungen zur Doktorandenausbildung. Wissenschaftsrat-Drs. 5459/2002, S. 14.
[19] Vgl. Lenz / Krempkow / Popp, Erster Sächsischer Hochschulbericht, wie Anm. 8, S. 456f.
[20] Vgl. Empfehlungen zur Doktorandenausbildung. Wissenschaftsrat-Drs. 5459/2002, S. 8.
[21] Vgl. Personalstruktur und Qualifizierung: Empfehlungen zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Wissenschaftsrat-Drs. 4756/2001, S. 7; Enders / Schimank, Faule Professoren (wie Anm. 4), S. 170.
[22] Berning / Falk, Das Promotionswesen im Umbruch, wie Anm. 2; Zur Situation Promovierender in Deutschland, DUZspezial 2004, S. 13-22.
[23] Promotionsreform in der Landesgesetzgebung. Synopse der Hochschulgesetze der Länder und ihrer Anpassung an die Novellen des Hochschulrahmengesetzes, 2003, vgl. <http://www.Promovierenden-Initiative.de> (15.06.2009); Gemeinsamer Brief der Promovierenden-Initiative und THESIS e.V. an Wissenschaftsministerien und -organisationen betr. „Bessere Betreuung von Promovierenden", 2005, vgl. <http://www-user.tu-chemnitz.de/~toste/pi/materialien/PI_THESIS_Bessere_Betreuung_von_Promovierenden-1.pdf> (15.06.2009).
[24] Vgl. auch Stellungnahme zu den Eckpunkten für die Novellierung des Sächsischen Hochschulgesetzes vom 10.05.2005. Centrum für Hochschulentwicklung Gütersloh, Arbeitspapier Nr. 72, 2006; Claudia Koepernik, Positionspapier der Projektgruppe DoktorandInnen der GEW zur Reform des Sächsischen Hochschulgesetztes, 2006, vgl. <http://www.gew.de/Binaries/Binary14209/PoPaSächsHG-Promotion.pdf> (15.06.2009).
[25] Vgl. Ingenieurland Sachsen in Gefahr, wie Anm. 6, S. 1.
[26] Vgl. zusammenfassend dazu René Krempkow, Leistungsbewertung und Leistungsanreize in der Hochschullehre. Eine Untersuchung von Konzepten, Kriterien und Bedingungen erfolgreicher Institutionalisierung. Dresden, (Dissertation), 2005, S. 299f. <http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:swb:14-1129208825969-55860> (15.06.2009).
[27] Vgl. René Krempkow, Arbeitszufriedenheit und Akzeptanz hochschulpolitischer Reformvorhaben an drei ostdeutschen Hochschulen, in: Das Hochschulwesen 3/2005, S. 102-108; René Krempkow / Jacqueline Popp / Lutz Heidemann, Tabellenband. Sonderauswertung der Dresdner Absolventenstudien 2000-2003. TU Dresden, Institut für Soziologie, Lehrstuhl für Mikrosoziologie, 2004 (vorläufige Version) <http://www.kfbh.de/absolventenstudie/volltexte/index.htm>.
[28] Vgl. Karl Lenz / René Krempkow / Jacqueline Popp, Erster Sächsischer Hochschulbericht. Dauerbeobachtung der Studienbedingungen und Studienqualität im Freistaat Sachsen, 2006, S. 456f., vgl. <http://ids.hof.uni-halle.de/documents/t1780.pdf> (15.06.2009).
[29] Vgl. René Krempkow / Katrin Pittius, Welche Chancen haben Nachwuchswissenschaftlerinnen an sächsischen Hochschulen?, in: Beiträge zur Hochschulforschung 2/2007, S. 98-123, vgl. <http://www.ihf.bayern.de/?download=2-2007_gesamt.pdf> (15.06.2009).
[30] Vgl. René Krempkow, (Selbst-)Selektionen zur Promotion. Ansätze zur Schätzung der Selektivität bei Zugang und Verlauf mit Hilfe von Absolventenbefragungen und Hochschulstatistiken, in: Dokumentation der 3. Jahrestagung der Gesellschaft für Hochschulforschung am 15. und 16. Mai 2008 in Hamburg (im Druck). Hinweis:
In den Texten der Artikel wird der Unicode-Zeichensatz verwendet.
Falls Ihr Browser nicht automatisch die richtige Codierung einstellt,
d.h. wenn die deutschen Extrazeichen nicht korrekt angezeigt werden,
drücken Sie bitte den Reload-Knopf (Refresh oder Aktualisieren)
oder ändern Sie die Zeichensatz-Einstellung selbst unter Ansicht -> Codierung -> Unicode (UTF-8). |