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Band 6 • 2005

ISBN 3-86004-189-4

"Westforschung"

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Beiträge

 

Der Tunneleffekt der Wissenschaft

Dietz, Burkhard; Gabel, Helmut; Tiedau, Ulrich (Hg.): Griff nach dem Westen. Die 'Westforschung' der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919–1960). Münster: Waxmann Verlag 2003. ISBN: 3-8309-1144-0; 1260 S.; 2 Bände

Rezensiert von: Peter Schöttler, Deutsch-französisches Forschungszentrum für Sozialwissenschaften, Centre Marc Bloch

Der Frankfurter Historikertag von 1998 machte es möglich: Hatte noch in den 1980er kein Doktorand, der etwas werden wollte, über das Verhalten der Historiker im Nationalsozialismus zu forschen gewagt, wird nun offenbar freimütig debattiert. Überall finden Kolloquien, Ringvorlesungen und Seminare statt. Als ob endlich ein Tabu gefallen wäre und nun auch jene, die bislang immer erst, gleichsam präventiv, von einer „Diffamierungsattacke” (Hans-Ulrich Wehler) sprachen, endlich eingesehen hätten, dass nur eine schonungslose Aufarbeitung das ramponierte Ansehen ihrer (bzw. unserer) Zunft wiederherstellen könnte. Bekommen wir also doch noch den oft beschworenen ‚Geschichtsdiskurs’ - das herrschaftsfreie Gespräch zwischen rational argumentierenden Subjekten, denen nichts so am Herzen liegt wie die Wahrheit? Schön wär’s ja.

Jedenfalls hat dieser Schub auch einige jüngere Historiker aus dem Umkreis des Münsteraner „Zentrums für Niederlande-Studien“ erfasst, die daraufhin ein Projekt über die deutsche „Westforschung“ auf den Weg brachten, dessen Ergebnisse nun in einem Sammelband vorliegen. Rein äußerlich ein gewaltiger Brocken: zwei Bände, über 1.300 Seiten. Und zu einem stolzen Preis von 74 Euro.

Auf den ersten Blick wirkt das Werk wie ein Handbuch: 42 Einzelbeiträge behandeln ein breites Spektrum von Themen: das „Selbstbild von Raumplanern im Nationalsozialismus“ oder der „flämische Nationalismus zwischen den Weltkriegen“, die „Deutung des Jahres 1648“ oder die „protestantische Kirchengeschichtsschreibung im Rheinland“, die „Volkskunde“ in den besetzten Niederlanden oder die „Bonner Kunstgeschichte im Kontext nationalsozialistischer Expansionsgeschichte“ usw. Hinzu kommen die „usual suspects“: Franz Petri, Franz Steinbach, Hans Schneider-Schwerte sowie einige weniger bekannte Figuren wie Robert Oßwald, Gerhard Kallen, Karl Wülfrath usw. Außerdem werden Institute und Apparate porträtiert: die „Westdeutsche Forschungsgemeinschaft“ natürlich, das „Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande“, der „Provinzialverband der Rheinprovinz“, das Brüsseler „Deutsche Wissenschaftliche Institut“ usw. Das alles wird am Ende durch zwei umfangreiche Register erschlossen. Man kann also davon ausgehen, dass diese Bände bei künftigen Forschungen als willkommener Steinbruch dienen werden. Oder gar als Ausgangspunkt?

Das kommt darauf an. Wer wissen will, was in der deutschen Historikerzunft derzeit gesagt werden „kann“, wohin der herrschende Trend geht, wer die „good guys“ und wer die „bad guys“ sind, wird mit diesen zwei Bänden sicher gut bedient. Ein bisschen Zwischen-den-Zeilen-lesen haben Kulturwissenschaftler ohnehin gelernt. Wer allerdings neue Ideen und Entwürfe oder eine gleichermaßen kritische und konstruktive Bilanz der bisherigen Forschungen erwartet, sollte sich die Bände vor der Anschaffung doch etwas genauer ansehen.

Dicke Bücher müssen sich von der Sache her begründen, und das gilt erst recht für teure Sammelbände, die immer in dem Verdacht stehen, nur Druckkostenzuschüsse und Bibliotheksetats zu verschlingen. Wie sich herausstellt, sind aber mindestens fünf Aufsätze (Michael Fahlbusch, Hans-Paul Höpfner, Marlene Nikolay-Panter, Frank-Rutger Hausmann und Karl Ditt) keine Originalbeiträge. Zwei Autoren (Nikolay-Panter und Ditt) haben dies fairerweise vermerkt, die drei anderen (oder sind es noch mehr?) haben stillschweigend alte Dateien abgeliefert: insgesamt rund 200 Druckseiten. Neueste Forschungen sind das also nicht.

Die Großzügigkeit der Herausgeber gegenüber ihren Autoren war offenbar grenzenlos. Manche von ihnen breiten auf zwanzig, dreißig, ja sogar vierzig Seiten ihr Material aus, ohne sich um eine konsistente Problemstellung zu kümmern. Gewiss, Experten mögen auch darin noch etwas Interessantes entdecken, aber gibt es für die Publikation solcher Texte nicht längst das Internet? Bei der oft mühsamen Lektüre der 42 Aufsätze - auf einige der wirklich lesenwerten komme ich gleich zu sprechen - wird man den Eindruck nicht los, hier sollte um jeden Preis - und zwar im mehrfachen Sinne des Wortes - geklotzt werden, ohne jede Rücksicht auf das Zeit- und Geldbudget der Leserinnen und Leser.

Dieses Missverhältnis zwischen Quantität und Qualität ist umso betrüblicher, als der Umfang des Buches den Herausgebern als Argument dient, um ihre wohl wichtigste inhaltliche Vorentscheidung zu begründen: die völlige Ausklammerung Frankreichs. Wie sie in der Einleitung betonen, sollte sich das Projekt allein auf die „nordwesteuropäische Variante der ‚Westforschung’“ (S. IX) konzentrieren. Obwohl sie einräumen, dass „Frankreich [...] am Anfang der deutschen ‚Westforschung’ stand“ (S. XI), meinen sie die deutsche Frankreich-Beschäftigung und deren Folgen auf eine spätere Publikation verschieben zu können. Kleinlaut fügen sie hinzu, dass diese Prioritätensetzung „selbstredend auch mit der regionalen Ausrichtung der Lehr- und Forschungsstätten zu tun [habe], an dem [recte: denen] die Idee zur Herausgabe des Sammelbandes 1998/99 im wesentlichen geboren wurde“ (S. XI).

Was harmlos klingt - und, wie gesagt, materiell unbegründet ist -, bedeutet freilich eine Einschränkung, die in jedem Methodenseminar zerpflückt würde. Denn eine „nordwesteuropäische Variante der ‚Westforschung’“ hat es nie gegeben. Auch bildeten die hier gemeinten Be-Ne-Lux-Staaten (übrigens: seit wann liegt Luxemburg im „Nordwesten“? wo liegt dann Paris?) zu keiner Zeit ein eigenständiges Forschungsobjekt der „Westdeutschen Forschungsgemeinschaft“. Natürlich interessierten sich einzelne „Westforscher“ z.B. für Volkstänze auf Walcheren oder Naturlyrik in Ostflandern, aber im Kern ging es doch immer um den „Erbfeind“ Frankreich, den man vernichten und dessen politischem, ökonomischem und „rassischem“ Einfluss man vor allem die Belgier entziehen wollte. Allein für diesen Zweck gaben die Berliner Ministerien und im Krieg auch das „Reichssicherheitshauptamt“ ihre Gelder. Hinzu kommt, dass die Benelux-Länder zwischen 1940 und 1944 völlig verschiedene Besatzungsstrukturen hatten - von der Militärverwaltung (Belgien) über die Zivilverwaltung (Holland) bis zur Annexion (Luxemburg) -, wobei Nordfrankreich bekanntlich zu Belgien geschlagen wurde. Wie kann man daher als Historiker oder Historikerin ernsthaft über diese Gebiete sprechen und sich auf die Benelux-Länder in den Grenzen von 1939 (oder 2003) beschränken? Ein krasser Anachronismus also, an den sich viele Autoren glücklicherweise nicht immer gehalten haben. Aber die strategische Entscheidung der Herausgeber, dass auf über 1.300 Seiten Frankreich „eigentlich“ nicht vorkommen sollte, hat eben zur Folge, dass genau jene Bereiche, die von den Zeitgenossen als besonders wichtig betrachtet wurden, hier völlig unausgeleuchtet bleiben. Eine geradezu verblüffende Verzerrung der Perspektive.

Zu wessen Gunsten? Im Fokus des Buches liegen die Städte Münster, Bonn, Köln und Aachen mit ihren Hochschulen und Instituten. Alles, was dort in den 1920er und 1930er-Jahren zum Thema „Westen“ und „Westgrenze“ imaginiert und publiziert wurde, scheint a priori von Interesse gewesen zu sein. Entsprechend heterogen ist das Themenspektrum der vorliegenden Aufsätze, die pragmatisch in vier Rubriken aufgeteilt wurden: 1. „übergreifende Beiträge“, 2. „inhaltliche und ideologische Grundlagen der Westforschung“, 3. „Organisationen, Institute und Initiativen der Westforschung“, 4. „einzelne Westforscher und Kontinuitäten der Westforschung nach 1945“. Einige Texte behandeln ganz allgemeine Fragen, andere sind ideengeschichtlich orientiert, wieder andere rekonstruieren die Biografie einzelner „Westforscher“. Auffällig ist dabei, dass nicht wenige der zu Wort kommenden Autoren Mitarbeiter jener Institutionen sind, über deren Geschichte oder Vorgeschichte sie handeln. Einige von ihnen sind auch Doktoranden, andere haben bereits den „Unruhestand“ erreicht und machen sich nun an die Geschichte ihres eigenen Umfelds. Das wirkt sympathisch, ist aber nicht ohne Risiko. Bei einem Beitrag handelt es sich sogar um einen autobiografischen Bericht: Marta Baerlecken-Hechtle (geb. 1909) war während des Krieges Assistentin von Franz Petri und konnte folglich die „Westforschung“ in Aktion erleben - und offenbar auch daran teilnehmen. [1] Dass sie selbst - schon damals - den Nazismus „innerlich“ ablehnte, mag zutreffen, aber wenn sie heute als „Zeitzeugin“ ihren ehemaligen Chef in Schutz nimmt, ist auch dies nicht mehr als eine mögliche „Erinnerung“, die nach allem, was wir inzwischen von Petri und den Notlügen der „Westforscher“ wissen - Wilfried Maxim spricht von einer „kollektiven Vertuschungsorgie“ (S. 733) - einer kritischen Betrachtung bedürfte.

Dieser regionale Zuschnitt des Projekts hat noch einen weiteren inhaltlichen Preis: „Westforschung“, die außerhalb von Rheinland und Westfalen betrieben wurde, kommt kaum vor, obwohl die „Westdeutsche Forschungsgemeinschaft“ die meiste Zeit von Nicht- bzw. „Süd-Rheinländern“ geleitet wurde (Theodor Mayer, Wolfgang Panzer, Friedrich Metz) und einige der brisantesten Forschungsarbeiten in Berlin und anderswo entstanden sind. Zu denken ist an die Bücher von Raumer, Metz, Pleyer, Helbok usw., an das „Handwörterbuch des Grenz- und Auslanddeutschtums“ oder an das „Westprogramm“ der deutschen Archivverwaltung. All das wird zwar in dem einen oder anderen Aufsatz angetippt, rückt aber nie in den Mittelpunkt des Interesses. Darüber hinaus erfahren wir fast nichts über die wichtigen Westforschungsinstitute in Frankfurt, Heidelberg, Freiburg usw., und dasselbe gilt für die „Publikationsstelle West“, die analog zur berüchtigten „PuSte-Ost“ den „Westen“ mit Druckwerken versorgen sollte. Auch für diese Lücken ist nicht die Forschungslage, sondern allein eine „nordwesteuropäische“ Einäugigkeit verantwortlich.

Was also bleibt? Einige Aufsätze sind tatsächlich neu, durchdacht und lohnen die Lektüre. Einige weitere sind äußerst informativ, auch wenn die Interpretation vielleicht nicht immer sehr weit führt. Und schließlich gibt es wenigstens zwei Beiträge, die auch die Grundsatzdebatte über die Rolle der „Westforschung“ mit neuen Überlegungen bereichern. Natürlich können nicht alle diese Texte im Folgenden referiert werden, doch wenigstens einige seien genannt.

Unter den ideengeschichtlichen Beiträgen ragen auf deutscher Seite vor allem zwei hervor. Da ist zum einen die umfangreiche Abhandlung von Heribert Müller (Frankfurt am Main) über Burgund und den „Neußer Krieg“ von 1474/75 im Spiegel der neueren Geschichtsschreibung (S. 137-184). Obwohl in den Wertungen stets vorsichtig, bietet Müller ein historiografisches Panorama, das zum ersten Mal eine jener halb-akademischen, halb-politischen Kontroversen erhellt, die durch die Tagungen der „Westdeutschen Forschungsgemeinschaft“ geisterten. Ein zweiter besonders lesenswerter Beitrag stammt von einer Saarbrücker Linguistin, Martina Pitz, die noch einmal die Habilitationsschrift von Petri unter die Lupe nimmt („Germanisches Volkserbe in Wallonien und Nordfrankreich“, Bonn 1937) und das darin verwendete Belegmaterial Punkt für Punkt überprüft (S. 225-246). Das Ergebnis: Rund 50 Prozent der angeführten Ortsnamen sind falsch. Auch wenn dieser Befund eigentlich noch durch die Forschungen von Mediävisten wie Karl Ferdinand Werner oder Patrick Geary [2] oder von Historischen Geografen wie Robert Specklin [3] zu ergänzen gewesen wäre, bleibt von der angeblichen Innovation des „Westforschers“ am Ende nichts weiter übrig als der banale Befund eines fränkischen „Großraums“, in dem es oft drunter und drüber ging.

Von den acht Originalbeiträgen aus den Benelux-Ländern ist v.a. die Studie von Marnix Beyen (Löwen) bemerkenswert, der kürzlich ein wichtiges Buch über Geschichtswissenschaft und Nationalbewusstsein in Belgien und Holland vorgelegt hat. [4] Beyen rekonstruiert, wie belgische und deutsche Gelehrte unter jeweils wechselnden politischen Vorzeichen die „germanische“ Komponente in der wallonischen Kultur zu ermitteln suchten - bis hin zu jenen „Luftspiegelungen“, mit denen sich Petri seinen Vorgesetzten empfahl. (S. 351-381) Interessante neue Aspekte liefert auch der Beitrag von Carlo Lejeune (St. Vith), der gegenüber einem allzu pauschalen Urteil früherer Darstellungen (auch des Rezensenten) betont, dass es nicht die „Westforscher“ waren, die Eupen-Malmedy „annektierbar“ machten; auch ein übersteigerter belgischer Nationalismus hätte nach dem Ersten Weltkrieg unter der deutschsprachigen Bevölkerung sehr viel Unmut erzeugt (S. 493-538). Freilich mussten die Menschen dann nach der Annexion von 1940 entdecken, „daß die nationalsozialistische Realität mit ihren persönlichen Vorstellungen wenig gemein hatte“ (S. 536).

Zu den besonders lohnenden Beiträgen gehören zweifellos die Aufsätze von Wilfried Maxim (Siegen) und Thomas Müller (Aachen). Beide sind aus Magisterarbeiten hervorgegangen. Durch die genaue Lektüre einer breit gefächerten Publizistik zeigt Maxim, wie die „Bonner Schule“ eine „Geschichte der Differenz“ etablierte, die Grundlagen für groß angelegte „ethnische Flurbereinigungen“ in Westeuropa legen sollte (S. 715-740). Die dabei in Kauf genommene Barbarei hat allein der Kriegsverlauf verhindert. In zwei gründlichen Aufsätzen untersucht Müller die in Aachen angesiedelte „Abteilung Grenzland“ der NSDAP (S. 763-790) sowie die von Geografen wie Hermann Overbeck oder Walter Geisler betriebene „Westforschung“ an der RWTH (S. 819-850). Wurde diese andernorts von Geisteswissenschaftlern dominiert, orientierte man sich in Aachen eher an technokratischen Gesichtspunkten. „Raumforschung“ war das Zauberwort. Auch wurden im „Seminar für Auslandsingenieure“ gezielt Experten - darunter „Ingenieurgeografen“ - für die zu erobernden „Großräume“ ausgebildet.

Obwohl die Anstrengung des Begriffs in dem einen oder anderen Text zu spüren ist, bleibt die gedankliche Verarbeitung der „Westforschung“ - zumal auf dem Hintergrund stattgefundener Diskussionen - eigentümlich blass. Horst Lademacher (Münster) begnügt sich z.B. in seinem einleitenden Aufsatz mit dem alten Topos vom „Missbrauch“ eines an sich durchaus „legitimen“ Wissenschaftsansatzes - als ob man „Volksgeschichte“ und völkische Ideologie nachträglich auseinander sortieren könnte. (S. 1-25) [5] Einige jüngere und kritischere Autoren greifen dagegen lieber auf die Konzepte Foucaults zurück, ohne damit allerdings viel zu erklären: An einer Stelle ist sogar allen Ernstes von einem „Diskurs um die Macht am Rhein“ die Rede (S. 587). Eigentlich haben nur Thomas Kleinknecht (Münster) und Bernd Rusinek (Düsseldorf) versucht, die „Westforschung“ etwas grundsätzlicher in den Blick zu nehmen. Kleinknecht skizziert in einer etwas komplizierten Sprache eine geschichts- und wissenschaftsphilosophische Deutung der „Westforschung“, die v.a. deren gegenaufklärerischen Denkstil herauspräpariert (S. 53-66). Dass dieser mit seiner Sprache und seinen Praxisformen bis in die 1960er-Jahre nicht bloß in Bonn, Münster und Aachen, sondern z.B. auch den Heidelberger „Arbeitskreis für moderne Sozialgeschichte“ dominierte, hat kürzlich auch Thomas Etzemüller gezeigt. [6] Während Kleinknecht seinen Text bescheiden als „Miszelle“ definiert (S. 53), greift Rusinek in seinem umfangreichen Schlussbeitrag über die „Westforschungstraditionen nach 1945“ sehr viel weiter aus (S. 1141-1201). Am Beispiel des Bonner „Instituts für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande“ soll ein „Versuch über Kontinuität“ vorgelegt werden, so der Untertitel, welcher anhand von vier „P’s“ - Personal, Programm, Publikationen und Prestige - die „trajectory“, d. h. die „Geschoßbahn einer anwendungsorientierten und politiknahen Geschichtswissenschaft“, beschreiben und verständlich machen möchte. (S. 1200)

Rusineks Anspruch ist hoch: Zu Recht warnt er vor „unterkomplexen“ Analysen, terminologischer Leichtfertigkeit und einer „Tendenz zur Personalreduktion“, die „quer zu den inzwischen erreichten geschichtswissenschaftlichen Standards“ liege. „Statt ein paar weiteren Urgroßvätern auf die Schliche zu kommen, sollten politische und akademisch-institutionelle Rahmenbedingungen sowie die im Zusammenhang damit entstandenen Forschungsstrategien und methodologischen Optionen analysiert werden - mithin die Strukturen der Wissenschaft und ihrer Organisation“ (S. 1148f.). Es reiche nicht aus, von einem „Versagen der Wissenschaft“ zu sprechen und „mit dem Finger auf Akteure“ zu zeigen. Doch auch die umgekehrte Gefahr wird andeutet, indem es heißt: „Einige Wissenschaftshistoriker gelangen zu der Feststellung, Karriere-Kontinuitäten bei Anbiederung an aufeinander folgende Regimes spiegelten nur das gewöhnliche Verhältnis zwischen Staat und Wissenschaft wider, sie seien normal und daher nicht übermäßig zu dramatisieren“ (S. 1150).

Inwiefern Rusineks eigener Aufsatz wert- und moralfrei ist und auf jeden Fingerzeig verzichten kann, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Seine schwungvoll vorgetragene Interpretation ist jedenfalls provokativ: Die „Westforschung“, so die These, stehe in einer langen Kontinuität, die vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1960er-Jahre reiche. Auch liege der Höhepunkt nicht etwa in den 1930er, sondern schon in den 1920er-Jahren. Von da an hätten die Autoren des Bonner Instituts „im Kern immer dasselbe“ geschrieben: Nur „einmal in ihrem wissenschaftlichen Leben“, nämlich bei der „Kiellegung ihres landeshistorisches Ansatzes“, seien sie „kreativ“ gewesen; danach hätten sie nur noch „wie festgenagelt“ ihre „rechten 1920er-Jahre-Standpunkte“ verteidigt (S. 1188f.). Wohlgemerkt: „Wenn in den Jahren nach 1945 inhaltliche Kontinuitäten zu beobachten waren, dann handelte es sich grundsätzlich um Anknüpfungen an die Weimarer oder wilhelminische Zeit, nicht jedoch um nazistische Kontinuität.“ (S. 1193) Auch die unveränderte Wiederveröffentlichung von Büchern und Aufsätzen aus der NS-Zeit sei kein Gegenbeweis.

Bei aller Liebe zur „longue durée“: Rusineks „trajectory“-These dürfte nur jene überzeugen, die schon seine Prämissen teilen. Dazu gehört vor allem der Glaube an das Innovationspotential der Bonner Landes- und Volksgeschichte, wie es in den letzten Jahren zwar immer wieder behauptet [7] , aber nie bewiesen wurde. Auf die entsprechenden Gegenargumente - z.B. dass Interdisziplinarität, „Raumdenken“,„Ganzheitlichkeit“ usw. nicht eo ipso wissenschaftlich und innovativ seien [8] - , geht auch Rusinek nicht ein. Dafür versucht er jenen entlastenden Kontinuitätsbogen [9] plausibel zu machen, indem er auf das Lamprecht’sche Erbe in der Bonner Landesgeschichte und auf deren „Nähe“ zur französischen „Annales-Schule“ verweist. Bekanntlich wird mit diesem rhetorischen Schachzug seit einiger Zeit versucht, eine Modernität der Volksgeschichte zu suggerieren und das intellektuelle Scheitern der deutschen Historiker in den 1920er und 1930er-Jahren zu relativieren: Wenn die deutschen und französischen Historiker im Grunde alle „das Gleiche“ wollten, lediglich mit anderen Vorzeichen, wäre die Debatte endlich ausgestanden. [10] Diese ideengeschichtliche Konstruktion verdankt sich allerdings einem simplen „Tunneleffekt“ (Jack Hexter): Man sieht nur, was man heute noch sehen will, und macht sich nicht die Mühe einer historiografischen Überprüfung. Dass das Bonner Institut etwas mit Lamprechts Ideen zu tun gehabt habe, gehört seit Jahren zum dortigen „Familienroman“, ist aber bislang, was den Institutsgründer Aubin angeht, nie genauer gezeigt worden und auch nachgerade absurd: Aubin war nämlich einer der einflussreichsten Schüler und Erben von Lamprechts Erzfeind, Georg von Below. Von diesem übernahm er die Herausgeberschaft der „Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ und führte sie im Geiste des Lehrers weiter. Auch Rusineks Argument, die „methodische Nähe“ der „Annales“ zum „Bonner Ansatz“ sei schon dadurch „gegeben“, „daß Fernand Braudel, neben Marc Bloch Haupt der ‚Annales’, Schüler von Lamprecht gewesen“ sei (S. 1157), kann nur als kurios bezeichnet werden: Braudel wurde 1902 geboren und hat nirgendwo anders als in Paris studiert, Lamprecht aber ist bereits 1915 gestorben. Also, „etwas mehr Tiefenschärfe“ (S. 1142) wäre tatsächlich vonnöten.

Damit breche ich ab. Mein Gesamteindruck ist angesichts dieses ebenso umfangreichen wie heterogenen Buches äußerst gemischt. Neben ein paar sehr guten und vielen immerhin interessanten Aufsätzen finden sich leider allzu viele, die kaum die Hürden eines anspruchsvollen Lektorats überwunden hätten. Nachdrucke älterer Texte erscheinen in einem solchen Zusammenhang ohnehin überflüssig. Bedenklich scheint darüber hinaus, dass einige Beiträge sehr stark „pro domo“ argumentieren, als ob nicht gerade in Sachen „Volksgeschichte“ ein Rückfall in Apologie und „Hausgeschichtsschreibung“ eine besondere Gefahr wäre. Einige der erfahreneren Autoren hätten dies wissen müssen.


[1] Vgl. die Hinweise in: Derks, Hans, Deutsche Westforschung. Ideologie und Praxis im 20. Jahrhundert, Leipzig 2001, S. 93f., 198f. Auch wenn an diesem Buch vieles problematisch ist (sachliche Irrtümer, wüste Polemik usw.), machen es sich seine Kritiker allzu einfach. Manche These verdient durchaus diskutiert zu werden. Oder wie ein ostdeutscher Liedermacher in den 1970er-Jahren dichtete: „Wenn die einen ständig zu kurz gehen, gehen die andern eben ein bißchen zu weit“.

[2] Vgl. bes. Werner, Karl Ferdinand, La „conquête franque“ de la Gaule. Itinéraires historiographiques d’une erreur, in: Bibliothèque de l’École des Chartes 154 (1996), S. 7-45; Geary, Patrick J., Europäische Völker im frühen Mittelalter. Zur Legende vom Werden der Nationen, Frankfurt am Main 2002.

[3] Vgl. Specklin, Robert, La géographie de la France dans la littérature allemande (1870-1940), ungedruckte Diss., Universität Paris I, 1980. Große Teile dieser Arbeit sind auch in Aufsatzform erschienen; vgl. z.B. Ders., Contrastes Nord-Sud en France, in: Regio Basilensis 20 (1979), S. 16-63 (zu Petri: S. 30 ff.).

[4] Beyen, Marnix, Oorlog & Verleden. Nationale Geschiedenis in België en Nederland, 1938-147, Amsterdam 2002.

[5] Zu dieser immer noch beliebten Rhetorik des „Missbrauchs“ vgl. die semantische Analyse von Mehrtens, Herbert, „Mißbrauch“. Die rhetorische Konstruktion der Technik in Deutschland nach 1945, in: Technische Hochschulen und Studentenschaft in der Nachkriegszeit. Referate beim Workshop zur Geschichte der Carolo-Wilhelmina am 4. und 5. Juli 1994, Braunschweig 1995, S. 33-50.

[6] Vgl. Etzemüller, Thomas, Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945, München 2001.

[7] Vgl. besonders: Oberkrome, Willi, Volksgeschichte. Methodische Innovation und völkische Ideologisierung in der deutschen Geschichtswissenschaft, Göttingen 1993, sowie Ders., Historiker im „Dritten Reich“. Zum Stellenwert volkshistorischer Ansätze zwischen klassischer Politik- und neuerer Sozialgeschichte, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 50 (1999), S. 74-98.

[8] Vgl. u.a. Roths, Karl-Heinz, Rezension des in Anm. 7 zitierten Buches von Oberkrome, in: Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts 9 (1994), S. 129-136; Schöttler, Peter (Hg.), Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945, Frankfurt am Main 1997, S. 17ff.; Ders., ”Von der rheinischen Landesgeschichte zur nazistischen Volksgeschichte - oder die «unhörbare Stimme des Blutes»”, in : Schulze, Winfried; Oexle, Otto Gerhard (Hgg.), Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1999, S. 89-113; Flügel, Axel, Ambivalente Innovation. Anmerkungen zur Volksgeschichte, in: Geschichte und Gesellschaft 26 (2000), S. 653-671.

[9] Übrigens wäre hier Ditts Einwand gegenüber der (ebenso absurden) Kontinuitätsthese von Derks angebracht, dass nämlich „die Behauptung der Kontinuität einer ‚Westforschung’ vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik einen Teil der entsprechenden Volks- und Kulturraumarbeiten sowie der Wissenschaftspolitik während des Dritten Reiches“ verharmlose. Westfälische Forschungen, 52, 2002, S. 596. Ebenfalls aufzurufen unter: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=2314>

[10] Vgl. Schöttler, Peter, Die intellektuelle Rheingrenze. Wie lassen sich die französischen „Annales“ und die NS-Volksgeschichte vergleichen?, in: Conrad, Christoph; Conrad, Sebastian (Hgg.), Die Nation schreiben. Geschichtswissenschaft im internationalen Vergleich, Göttingen 2002, S. 271-295.


Westforscher waren keine Vordenker der Vernichtung

Dietz, Burkhard; Gabel, Helmut; Tiedau, Ulrich (Hg.): Griff nach dem Westen. Die 'Westforschung' der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919–1960). Münster: Waxmann Verlag 2003. ISBN: 3-8309-1144-0; 1260 S.; 2 Bände

Rezensiert von: Christoph Strupp, German Historical Institute, Washington, D.C.

I. Wenige geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzungen dürften in den letzten Jahren so weit in die Öffentlichkeit gedrungen sein, wie die Debatte um die Vergangenheit deutscher Historiker im „Dritten Reich“. Im Unterschied zu frühen Arbeiten der 1960er und 1970er-Jahre ging es dabei weniger um die Spitzenvertreter des Faches während der NS-Zeit und auch nicht nur um die Exegese anstößiger Fachveröffentlichungen, sondern um das Engagement einer jüngeren Generation von Historikern im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politikberatung und Politik. Die „Ostforschung“ stand angesichts ihrer besonderen Brisanz – erstens durch den unmittelbaren Zusammenhang der wissenschaftlichen Arbeiten und politisch motivierten Denkschriften zur Bevölkerungsverteilung, „völkischen“ Siedlungsgrenzen und Sprachräumen mit der Vernichtungspolitik im Osten, zweitens durch die Präsenz von Wissenschaftlern, die nach 1945 zu führenden Fachvertretern aufstiegen und Generationen deutscher Universitätshistorikerinnen und -historiker ausbildeten – zunächst im Mittelpunkt des Interesses. Von Anfang an war aber klar, dass sich diese Form der „Grenzlandforschung“ und der Vermischung wissenschaftlicher und politischer Interessen nicht auf den Osten beschränkte. [1] In jüngster Zeit ist die Kontroverse um die „Westforschung“ durch das umstrittene Buch des niederländischen Soziologen Hans Derks zu diesem Thema noch einmal angeheizt worden. [2]

Mit dem von Burkhard Dietz, Helmut Gabel und Ulrich Tiedau herausgegebenen Sammelband „Griff nach dem Westen“ liegt nun ein Kompendium vor, das einen breiten Überblick über wichtige Wissenschaftler, Universitätsinstitute, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, Themen und Methoden ermöglicht. Die beiden Teilbände mit über 1.200 Seiten Text versammeln 43 Beiträge deutscher, niederländischer und belgischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die teilweise auf frühere Buch- und Aufsatzveröffentlichungen zurückgehen. Zwar richtete sich die „Westforschung“ neben Luxemburg, Belgien und den Niederlanden auch auf Frankreich, aber in dem vorliegenden Sammelband steht zunächst der Nordwesten mit den Benelux-Staaten im Blickpunkt. Eine weitere Publikation zum Südwesten mit Frankreich als Schwerpunkt ist vorgesehen.

In vier Sektionen werden der theoretische, politische und ideologische Hintergrund der „Volkstums-“ und „Kulturraumforschung“ in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, inhaltliche und ideologische Grundlagen der „Westforschung“ und der an ihr beteiligten Fächer, sowie Organisationen, Institute und Initiativen und schließlich einzelne wichtige Personen vorgestellt. Ein einleitender Literaturüberblick der Herausgeber und ein Schlussbeitrag von Bernd-A. Rusinek über Kontinuitäten der Forschung im zwanzigsten Jahrhundert bilden den Rahmen der Beiträge, englische und französische Zusammenfassungen sowie ausführliche Register runden den Band ab.

II. Horst Lademacher erinnert im Eröffnungsaufsatz des ersten Teils an die Hintergründe der Verflechtung von Kulturraumforschung, geschichtlicher Landeskunde und Politik, wie sie sich in den 1920er-Jahren in Reaktion auf den Versailler Vertrag herausbildete. Das politische Engagement von Historikern und die Nutzung von Forschungsergebnissen zur Legitimierung politischer Ansprüche waren dabei nicht neu, sondern beides lässt sich bis ins neunzehnte Jahrhundert zurückverfolgen. Heimatgeschichtliches bzw. landeskundliches Engagement wiederum hing im Rheinland nicht nur mit der Grenznähe zusammen, sondern auch mit der Formierung einer eigenen Identität im föderal organisierten preußischen Herrschaftsbereich. Diese Dimension rheinischer und auch westfälischer Landeskunde lässt sich vom neunzehnten Jahrhundert an über die Blütezeit der 1920er-Jahre bis in die Anfangsjahre Nordrhein-Westfalens verfolgen.

Lademachers Postulat, dass die Kulturraumforschung – auch und gerade in ihrer grenzüberschreitenden Dimension – durch die als Missbrauch interpretierte Verwendung von Forschungsergebnissen im „Dritten Reich“ nicht diskreditiert sei, sondern im Rahmen heutiger europäischer Kooperation eine „ganz wesentliche Aufgabe“ (S. 18) mit europapolitischem Bezug übernehmen könne, enthält sicher den meisten wissenschaftspolitischen Sprengstoff des Bandes. Zwar setzt Lademacher einen erweiterten Kulturbegriff, der im Sinne Johan Huizingas materielle und geistige Aspekte umfasst, als Grundlage voraus und distanziert sich in vielem von der „klassischen“ Kulturraumforschung der Zwischenkriegszeit. Letztlich steht und fällt sein Programm einer Erforschung der „Geschichtslandschaft“ Nordwest-Kontinentaleuropa mit Blick auf kulturelle Gemeinsamkeiten und Besonderheiten aber mit der Frage, ob sich Forschungsthemen und Methoden der Kulturraumforschung tatsächlich von der politischen Instrumentalisierung vor allem ab den 1930er-Jahren trennen lassen. Ein großer Teil der Beiträge des Sammelbandes kreist um diese Frage, und die Antworten fallen durchaus unterschiedlich aus.

Die restlichen Beiträge des ersten Teils beleuchten den historischen Werdegang einiger Schlüsselbegriffe im Umfeld der „Westforschung“. Stefan Haas macht dabei in seinem Beitrag über „Transdisziplinarität“ in den kulturgeschichtlichen Forschungen des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts deutlich, wie die theoretischen Lücken und Probleme, die mit diesem Begriff von Anfang an verbunden waren, den Boden für die irrationalen Ansätze der 1920er-Jahre und ihre politische Instrumentalisierung bereiteten. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Thomas Kleinknecht mit Blick auf die Begriffe „Kulturraum“ und „Volksboden“.

Dirk van Laak widmet sich dem Aufstieg der „Planung“ als politischer Leitkategorie und technokratischen Vorstellungen der Organisation von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Vorstellung einer wissenschaftlich begründeten, aber praxisorientierten Planung erlebte in den 1920er und 1930er-Jahren einen ersten Höhepunkt und spielte dann in der Bundesrepublik der 1950er und 1960er-Jahre erneut eine wesentliche Rolle. Peter Heil konkretisiert diese Überlegungen am Beispiel der Raumplanung und ihrer offen eingeräumten inhaltlichen und personellen Kontinuitäten zwischen dem Nationalsozialismus und den ersten zwei Jahrzehnten der Bundesrepublik. Der erste Teil lotet damit ein breites Spektrum von Rahmenbedingungen aus, in denen sich die „Westforschung“ vollzog. Seine Artikel beleuchten die spannungsgeladene Beziehung zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, bei der Wissenschaftler einerseits allgemeinen gesellschaftlichen Kräften und Tendenzen unterlagen, andererseits durch ihre Tätigkeit diese Kräfte und Tendenzen aktiv mitgestalten und verändern wollten.

III. Im zweiten Teil geht es um inhaltliche und ideologische Grundlagen der „Westforschung“, wobei es bereits vielfache Überschneidungen zu Personen und Institutionen des dritten und vierten Teils gibt. Winfried Dolderer macht in seinem Beitrag über den flämischen Nationalismus der Zwischenkriegszeit deutlich, dass die Verbindung von publizistisch-wissenschaftlich gefördertem Regionalbewusstsein, „Volkstum“ und weitgehenden politischen Forderungen kein rein deutsches Phänomen war. Er beleuchtet das Geflecht von Personen, Institutionen und Zeitschriften, das sich nach dem Ersten Weltkrieg zwischen Belgien, exilierten Flandernaktivisten und deutschen Sympathisanten herausbildete. Obwohl sich das Auswärtige Amt nach dem Ersten Weltkrieg in der „Flamenfrage“ offiziell nicht mehr engagierte, spielten deutsche Aktivisten wie der Historiker und Archivar Robert Paul Oszwald und der Jurist Konrad Beyerle und weitere deutsche Professoren eine wichtige Rolle bei der ideologischen und praktischen Unterstützung der Flandernbewegung. Stephan Laux führt dies in einem biografischen Artikel über Oszwald weiter aus. Oszwald muss als einer der engagiertesten, zugleich aber auch eigenwilligen und politisch schwer zu kontrollierenden Aktivisten der deutschen Flandern-Bewegung gelten. Er war weniger Forscher als Organisator und „Politikberater“ in Deutschland und während beider Weltkriege vor Ort in Belgien und den Niederlanden.

Ein dritter Beitrag über die „großgermanische“ Kulturpolitik in Flandern ab 1934 von Björn Rzoska und Barbara Henkes greift vor allem die Aktivitäten der Rheinischen Forschungsgemeinschaft, namentlich die Bemühungen um eine Ausweitung des Projektes eines Volkskunde-Atlas’ auf das Nachbarland, und der belgischen Commissie voor Folklore auf. Für die Kriegszeit stehen dann die Aktivitäten des SS-„Ahnenerbes“ und ihres Mitarbeiters Hans Ernst Schneider in Belgien im Mittelpunkt. Ein zweiter biografischer Beitrag der beiden Autoren zu Schneider, der es nach 1945 als „Hans Schwerte“ zum Rektor der RWTH Aachen brachte, behandelt seinen Einsatz in den Niederlanden. In beiden Ländern engagierte er sich in der Förderung großgermanischer Volkstums-Forschungen und konnte dabei an deutsch-niederländische Kooperationsprojekte aus der Vorkriegszeit anknüpfen. Bereits ab 1933 waren solche Projekte den Zugriffen der Nationalsozialisten ausgesetzt, nach Kriegsbeginn gerieten sie ganz in den Bann der NS-Kulturpolitik. Die Bemühungen um eine Popularisierung dieser Ideen fanden ihren Höhepunkt in der aufwendig gemachten Zeitschrift „Hamer“, deren Publikation Schneider ab 1940 betrieb.

Heribert Müller, Johannes Arndt und Stefan Ehrenpreis gehen in ihren Beiträgen auf inhaltliche Dimensionen der „Westforschung“ ein und zeigen, wie sich die Interpretation zentraler historischer Themen in ihrem Umfeld veränderte. Müller widmet sich in seinem Aufsatz über Burgund und den Neusser Krieg von 1474/75 im Spiegel der Geschichtsschreibung einem zentralen Thema der deutschen Mediävistik, das nach dem Ersten Weltkrieg in einer Flut von Publikationen als Modell rheinischen Widerstands und nationaler Solidarität gegenüber dem „Feind aus dem Westen“ interpretiert wurde. Arndt zeigt am Beispiel der publizistischen und musealen Aktivitäten des Münsteraner Stadtarchivars Ernst Schultes, wie das Jahr 1648 und der Westfälische Frieden in den 1920er und 1930er-Jahren antifranzösisch umgedeutet und das Ausscheiden der Niederlande aus dem Reichsverband für hinfällig erklärt wurde. Ehrenpreis untersucht die deutsche Kirchengeschichtsschreibung der Zwischenkriegszeit mit Blick auf ihre Interpretation des Calvinismus, der von einem Teil der Kirchenhistoriker als „fremdvölkische“ Religion angesehen wurde. Im „Dritten Reich“ dagegen konnte der Widerstand der Reformierten gegen staatlichen Zwang als Vorbild der Bekennenden Kirche im Kirchenkampf dienen.

Martina Pitz analysiert die Habilitationsschrift Franz Petris über „Die fränkische Siedlung in Frankreich und in den Niederlanden und die Bildung der germanisch-romanischen Sprachgrenze“ (1935), einer der Schlüsseltexte der „Westforschung“, der auf den Arbeiten der Bonner Schule aufbaute. Sie hebt den interdisziplinären Charakter der Studie und den Wert der Fragestellung hervor, belegt aber zugleich detailliert ihre methodischen Mängel, die bereits von der zeitgenössischen historischen und sprachgeschichtlichen Kritik angeprangert wurden und angesichts heutiger namenkundlicher und archäologischer Forschungen noch deutlicher werden. Dass sich der Nachweis einer „germanischen Komponente“ noch bei anderen Forschern nicht nur auf Flandern und die Niederlande beschränkte, macht Marnix Beyen in seinem Beitrag über Wallonien deutlich. Dabei konnten sich deutsche Konzepte der „Westforschung“ durchaus mit innerbelgischen Diskursen über gemeinsame Merkmale Flanderns und Walloniens berühren. Nach 1940 wurden die Forschungen deutscher und wallonischer Volkskundler, Linguisten, Archäologen und Historiker dann im Sinne der Besatzer in konkrete Politik umgesetzt.

Weitere Beiträge des zweiten Teils behandeln das Flandern-Bild in der deutschen Literaturwissenschaft, die Beziehungen zwischen Archäologie und „Westforschung“, bei der seit 1933 der rheinische Kulturdezernent Apffelstaedt und ab 1938 das Institut für Vor- und Frühgeschichte der Universität Bonn unter Kurt Tackenberg eine wesentliche Rolle spielten, sowie das Engagement von Soziologen wie Gunther Ipsen, Max Hildebert Boehm oder Ludwig Neundörfer im Rahmen der Agrarsoziologie und „Raumforschung“ im Westen, die sich vor allem auf Lothringen richtete. Klaus Freckman analysiert den Zusammenhang zwischen Kulturraumforschung und kultureller Identität Luxemburgs bis in die Gegenwart, Carlo Lejeune setzt sich mit den Grenzgebieten Eupen-Malmedy sowie Arlon und Montzen und der dort intensiv betriebenen Dialektforschung und „Kulturmission“ auseinander. Sowohl Freckmann als auch Lejeune beleuchten den Bonner Volkskundler Matthias Zender, der neben Steinbach und Petri in Luxemburg und Belgien besonders aktiv war.

Der abschließende Beitrag Horst Lademachers über zwischenstaatliche Organisationen in den deutsch-niederländischen Beziehungen bis 1939 – u.a. die Niederländisch-Deutsche Vereinigung (1919), die Nederlandsch-Duitsche Werkgemeenschap (1934), und die Deutsch-Niederländische Gesellschaft (1936) – macht noch einmal deutlich, dass sich „Westforschung“ und deutsch-niederländische Kulturbeziehungen in einem komplexen Spannungsfeld zwischen Wissenschaft, unpolitischen Kulturveranstaltungen und politischer bzw. ab 1933 nationalsozialistischer Propaganda bewegten und nicht ohne Berücksichtigung der Partner auf der Gegenseite zu verstehen sind.

IV. Der dritte Teil präsentiert „Organisationen, Institute und Initiativen der ‚Westforschung’“. Michael Fahlbusch beleuchtet in einem umfangreichen, gelegentlich etwas unorganisierten Überblick die Deutschtumspolitik des Auswärtigen Amtes, des Reichsinnenministeriums sowie ab 1933 der SS und ihre Verbindung zur Westdeutschen Forschungsgemeinschaft (WFG). Die Leiter der seit 1931 bestehenden, mit Volkstumsvereinigungen, Instituten und Universitäten vernetzten Organisation waren nacheinander die Historiker Franz Steinbach und Theodor Mayer, der Geograf Wolfgang Panzer und schließlich ab 1940 der Kulturgeograf und engagierte Nationalsozialist Friedrich Metz. Fahlbusch betont den auf Expansion und Revision des Versailler Vertrages gerichteten Kurs der WFG, der sich nicht nur in den Forschungsprojekten und Tagungen, sondern schon vor 1940 auch in der Beratungstätigkeit ihrer Mitglieder niederschlug. Die Postulierung eines „gemeinsamen Kulturraumes“, der über die deutsche Westgrenze weit hinausreichte, wurde zwar vor dem Zweiten Weltkrieg noch dadurch relativiert, dass man versicherte, die Eigenständigkeit vor allem der Niederlande zu akzeptieren. Nach Fahlbusch diente sie letztlich aber der Vorbereitung einer Veränderung der Staatsgrenzen in Übereinstimmung mit den angeblichen „Volkstumsgrenzen“.

Lothar Mertens macht in seinem Beitrag die Rolle der Deutschen Forschungsgemeinschaft in der Förderung der „Westforschung“ im „Dritten Reich“ deutlich. Er hebt den politisch-ideologischen Charakter vieler geförderter Projekte hervor, der sich im Krieg noch einmal verschärfte. Wie sich neben den reinen Forschungsförderorganisationen auch staatliche Institutionen in diesem Bereich engagierten, zeigt Wolfgang Franz Werner in seinem Beitrag über den Provinzialverband der Rheinprovinz. Pionierarbeit leistet Thomas Müller mit seinem Aufsatz über die Westpolitik der Abteilung Grenzland (Abteilung G) des Reichsinspekteurs der NSDAP. Ihre konspirative Tätigkeit, die vor allem auf die Koordination der „Mobilmachung des Grenzraumes“ vor Ort gerichtet war, ist bisher unerforscht geblieben. Müller verdeutlicht, dass ihre Bedeutung im Geflecht der Westforschungsaktivitäten vor allem im Bemühen um deren politische Anwendung bestand.

Hans-Paul Höpfner widmet sich der Bedeutung der „Westforschung“ an der Universität Bonn, nach den Vorstellungen des Bonner Dozenten und Nationalsozialisten Ernst Anrich die „geistige Festung an der Westgrenze“ (S. 673). Höpfner geht neben dem Institut für geschichtliche Landeskunde auf die Ur- und Frühgeschichte, die Sprachwissenschaft, die Volkskunde und schließlich die Romanistik und Anglistik ein und kommt zu dem Schluss, dass vor dem Zweiten Weltkrieg nur das Institut für geschichtliche Landeskunde tatsächlich in der „Westforschung“ engagiert war. Auf die Rolle dieses Instituts geht dann ausführlich Marlene Nikolay-Panter in ihrem erstmals 1996 in den Rheinischen Vierteljahrsblättern erschienen Aufsatz ein. Ihre nüchterne Bilanz der Gründungsgeschichte, der frühen wissenschaftlichen und publizistischen Aktivitäten und schließlich seiner Rolle im Rahmen der intensivierten „Westforschung“ der 1930er-Jahre betont die Solidität der Institutsarbeit, die sich auch in den Kontakten ins westliche Ausland widerspiegelte. Für Nikolay-Panter ist es nicht zuletzt das wissenschaftliche Ansehen, das das Institut nach 1933 in den Blickpunkt des Interesses der Politik geraten ließ. Der Politisierung in den 1930er-Jahren und der Verengung der Themen auf Volkstumsfragen und den deutsch-französischen Gegensatz setzte man dabei keinen Widerstand entgegen. Erst für die frühen 1940er-Jahre konstatiert die Autorin „vorsichtige Distanz und ein unwilliges Sich-Fügen“ (S. 712), die sich z.B. in der Würdigung der Arbeiten Henri Pirennes durch Steinbach zeigt. Wilfried Maxim ergänzt die institutionengeschichtliche Übersicht durch einen deutlich kritischeren Blick auf die Publikationen der Bonner Schule. Er weißt anhand der Veröffentlichungen im Vorfeld der Saarabstimmung von 1935 und zur Geschichte der Benelux-Staaten die politische Dimension vieler Arbeiten nach, die zusammen eine „Geschichte der Differenz“ (S. 740) ergeben, die als Grundlage einer politischen Neugliederung Westeuropas dienen konnte.

Eine kritischere Stoßrichtung als der Beitrag Höpfners über Bonn hat Thomas Müllers Untersuchung der „Westforschung“ an der TH Aachen. In Aachen waren das Geographische und das Deutsche Institut sowie ab 1943 das neue Institut für Raumordnung und Raumforschung unter Hermann Roloff die Träger der „Westforschung“. Neben wissenschaftliche traten zunehmend politikberatende und schließlich ab 1940 organisatorische Aufgaben der Fakultätsmitglieder in der Besatzungsverwaltung. Für Müller ist die Aachener Grenzlandforschung unmittelbar mit der konkreten Grenzlandpolitik verbunden und hatte eindeutig expansive Züge. Zudem lassen sich in Aachen direkte Zusammenhänge zwischen West- und Ostforschung nachweisen.

Martin Krögers Aufsatz über die Praxis der deutschen auswärtigen Kulturpolitik in den Niederlanden der 1920er und 1930er-Jahren kommt vor dem Hintergrund der Untersuchung von Kunst, Film, Wissenschaft, „Auslandsdeutschtum“ und der deutschen Schulen zu dem Schluss, dass von einer zielgerichteten Politik keine Rede sein konnte, sondern mit Ausnahme der großzügig unterstützten Schulen nur kleine Summen in wenig spektakuläre Projekte flossen. Frank-Rutger Hausmann untersucht das Deutsche Wissenschaftliche Institut (DWI) in Brüssel, das von 1941 bis 1944 als Teil einer Kette von DWI im europäischen Ausland als Schaufenster der Leistungen deutscher Kultur und Mittlerinstanz zur belgischen Wissenschaftslandschaft dienen sollte. Zunächst von dem Bonner Vorgeschichtler Kurt Tackenberg geleitet, trat 1942 nach Auseinandersetzungen zwischen Auswärtigem Amt, Reichserziehungsministerium und Militärverwaltung der Heidelberger Romanist Walter Mönch an die Spitze des DWI. Mönch hielt nach Kriegsende an der Vorstellung fest, seine Arbeit habe der Völkerverständigung gedient und sei nicht Teil der deutschen Unterdrückungspolitik in Belgien gewesen.

Weitere Beiträge dieses Teils behandeln den Genealogen Karl Wülfrath und dessen „Rheinisches Provinzialinstitut für Sippen- und Volkskörperforschung“ an der Universität zu Köln, die ab 1943 von dem niederländischen Reichskommissar Seyss-Inquart herausgegebene Zeitschrift „Westland“, die ähnlich wie die Zeitschrift „Hamer“ einen Versuch der Popularisierung der Erkenntnisse der „Westforschung“ darstellte, und schließlich das Deutsch-Niederländische Forschungsinstitut an der Universität zu Köln, 1931 gegründet und Vorläufer des heutigen Instituts für Niederländische Philologie. Der letzte Artikel, der im Wesentlichen aus den Erinnerungen einer damaligen Mitarbeiterin, Marta Baerlecken (geb. Hechtle), besteht, fällt aus dem Rahmen der übrigen Beiträge heraus. Er ermöglicht zwar interessante Innenansichten des damaligen Wissenschaftsbetriebes, reflektiert aber auch persönliche Enttäuschungen und ist mit Blick auf ihre Einschätzung von Personen wie dem ersten Direktor Friedrich von der Leyen oder Franz Petri kritisch zu lesen.

V. Der vierte Teil des Sammelbandes behandelt in biografischen Skizzen noch einmal einzelne „Westforscher“. Karl Ditts Beitrag über Franz Petri stellt eine aktualisierte Fassung seines 1996 in den Westfälischen Forschungen erschienenen Aufsatzes dar. Er betont den historischen Hintergrund des Kulturraumkonzepts von Petri, die Gegenwartsbezogenheit seiner Forschungen, analysiert die Habilitationsschrift und widmet sich den Aktivitäten Petris in der Militärverwaltung in Belgien. Eine Politisierung seines Konzepts im Sinne konkreter Grenzverschiebungen sieht Ditt erst ab 1942. Zudem hält er ausdrücklich an dem zeitgenössisch innovativen Charakter des Kulturraumforschungskonzepts sowie dem Konzept historisch prägender Räume und der interdisziplinären Methodik mit der empirisch-statistisch-kartografischen Arbeitsweise fest. Nach 1945 wurden die theoretischen Defizite dieses Konzepts deutlicher, die schließlich die Kulturraumforschung ungeachtet der Nachkriegskarrieren Steinbachs und Petris ins Abseits führten.

Weitere Beiträge behandeln den Kölner Mediävisten Gerhard Kallen, der sich in den 1930er-Jahren mit „völkisch“ orientierten und frankreichkritischen Publikationen hervortat und einer der Förderer Petris war, den Bonner Kunsthistoriker und Nationalsozialisten Alfred Stange, der sich ab 1935 wissenschaftspolitisch und publizistisch im Sinne des Regimes engagierte und dessen Aktivitäten in Frankreich und den Benelux-Staaten im Zweiten Weltkrieg im Zusammenhang mit dem Kunstraub von Interesse sind, und dem wissenschaftlichen Werk des Bonner Historikers Leo Just, der sich thematisch im Umfeld der Grenzlandforschung bewegte, aber im „Dritten Reich“ ein opportunistischer Außenseiter blieb. Helmut Gabel behandelt mit Christoph Steding, dem 1938 verstorbenen NS-Historiker und Schützling Walter Franks, einen Sonderfall der „Westforschung“, denn Stedings Hauptwerk über „das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur“ bemüht sich gerade nicht um den Nachweis gemeinsamer Bande zwischen Deutschland und den kleinen westlichen Nachbarstaaten, sondern sucht die Konfrontation mit den „Reichsfeinden“, namentlich der Schweiz und den Niederlanden.

Jan Zimmermann widmet sich dem Hamburger Kaufmann und Mäzen Alfred Toepfer. Toepfers 1931 gegründete Stiftung F.V.S. war Teil des außeruniversitären Netzwerkes der Volkstumsforschung und zeichnete seit 1935 mit dem Rembrandt-Preis und dem Joseph von Görres-Preis Künstler und Wissenschaftler im Umfeld der „Westforschung“ aus. Nur losen Bezug zum Thema hat Peter Jan Knegtmans’ Aufsatz über den niederländischen Germanisten und Kollaborateur Jan van Dam, der ab November 1940 Generalsekretär des niederländischen Unterrichtsministeriums war. Joachim Lerchenmueller greift schließlich noch einmal den Fall Schneider/Schwerte und dessen Aktivitäten in den Niederlanden seit den 1930er-Jahren auf.

Bernd-A. Rusinek diskutiert abschließend am Beispiel des Bonner Instituts für geschichtliche Landeskunde Fragen der Kontinuität der „Westforschung“. Er sieht sie in Personen und Programmen ebenso wie in der Politiknähe, in bestimmten ideologischen Schnittmengen – Antikommunismus und Europaideologie – und in allgemeinen Strukturen von Wissenschaft und Forschungsorganisation über drei gegensätzliche politische Systeme hinweg als gegeben. Damit geht es ihm nicht um die Aufdeckung einer nationalsozialistischen „Kontaminierung“ einzelner Personen oder Themen, sondern um wissenschaftsgeschichtliche „Flugbahnen“, die sich mindestens von den 1920er-Jahren bis in die Bundesrepublik hinziehen und sich je nach Blickwinkel sogar bis weit ins neunzehnte Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Dies nimmt der Debatte manches von ihrer Aufgeregtheit und eröffnet zugleich interessante neue Perspektiven. „Westforschung“ erscheint bei Rusinek weniger als innovativer Ansatz denn als wissenschaftliche Sackgasse, weil die „Westforscher“ selbst in vorgezeichneten Bahnen verharrten und sich als unfähig erwiesen, auf intellektuelle Anregungen und kulturelle Umbrüche angemessen zu reagieren.

VI. Welche übergeordneten Ergebnisse lassen sich nun nach der Lektüre von 1.200 Seiten Text festhalten? Die Herausgeber haben der Beantwortung dieser Frage – auch vor dem Hintergrund des Buches von Derks – explizit verweigert und überlassen sie ihrem Publikum. Zunächst macht der Band deutlich, dass die „Westforschung“ kein einheitliches Programm war, das zentral gelenkt wurde und eine klare wissenschaftliche oder politische Zielrichtung hatte. Die Beiträge illustrieren im Gegenteil die Heterogenität der Motive, Themen und Methoden und das schier undurchdringliche Geflecht der Organisationen, Institute und Personen, in denen bestimmte Institutionen wie die Bonner Universität und Schlüsselfiguren wie die Historiker Steinbach und Petri, der Vorgeschichtler Tackenberg oder auch der ominöse Hans Ernst Schneider Hauptrollen spielten und in vielen Funktionen begegneten. Andererseits machen aber die Aufsätze über Nebenaspekte und Randfiguren erst die ganze Bandbreite der „Westforschung“ deutlich.

Zweitens ist wichtig, dass die Kulturraumforschung, als die sich die „Westforschung“ verstand, keineswegs ein rein deutsches Phänomen war und auch nicht ausschließlich auf politische Hintergründe, wie die Niederlage im Ersten Weltkrieg und die Folgen des Versailler Vertrages zurückzuführen ist. Themen und Methoden hatten ihre Vorläufer im neunzehnten Jahrhundert und fanden sich in den 1920er und 1930er-Jahren auch im westeuropäischen Ausland. In Belgien bzw. Flandern lassen sich sogar ähnlich intensive politische Bezüge wie in Deutschland feststellen. Dagegen fehlt der belgischen wie der niederländischen – und auch der französischen – Kultur- und Grenzlandforschung die expansive Dimension, die sie in Deutschland immer stärker annahm. Weder in Frankreich noch in den Benelux-Staaten bemühte man sich um den Nachweis von Volkstums- und Sprachgrenzen, um damit einer Verschiebung von Staatsgrenzen vorzuarbeiten.

Trotz dieses expansiven Charakters, der spätestens mit dem Kriegsbeginn im Westen ab 1940 – teilweise unter direkter Mitwirkung der „Westforscher“ – von deutscher Seite in konkrete Politik umgesetzt wurde, fehlt im Westen die Dimension rücksichtsloser Gewalt. Dies räumen so unterschiedliche Autoren wie Fahlbusch (S. 584) und Ditt (S. 938) gleichermaßen ein. „Westforscher“ wurden nicht zu „Vordenkern der Vernichtung“ (Aly, Heim) – es ging um Kollaboration und Verschmelzung, nicht um Auslöschung und Völkermord. Reste von Respekt vor den kulturellen Leistungen und der Eigenständigkeit der Niederländer, Flamen und Wallonen und auch der Franzosen blieben auch bei den politisch engagiertesten „Westforschern“ erhalten. Dies wiederum ermöglichte vielen von ihnen nach 1945 eine relativ geräuschlose Überleitung ihrer Positionen in eine Europa- und Abendlandideologie, die in mehreren Beiträgen kurz gestreift wird, aber noch intensiver zu untersuchen wäre.

In historiografischer Perspektive macht der Band zudem einmal mehr deutlich, wie wertvoll die Verknüpfung von biografischen, ideengeschichtlichen und institutionengeschichtlichen Ansätzen ist, die sich in den letzten Jahren in der Geschichte der Geschichtsschreibung zunehmend durchsetzt. Anders wäre ein Phänomen wie die „Westforschung“, deren Vertreter vielfach als Wissenschaftler „neuen Typs“ erscheinen, die sich gleichermaßen in Wissenschaft und Lehre, populärer Publizistik, Forschungsorganisation und Politikberatung sowie schließlich im Zweiten Weltkrieg als Teil der deutschen Besatzungsverwaltung im Westen bewegten, nicht zu erfassen.

Kritisch anzumerken bleiben bei der Gesamtkonzeption Überschneidungen, auch wenn diese von den Herausgebern mit der „ubiquitären Präsenz einzelner Personen und Institutionen“ sachlich begründet werden, und manche Ungleichgewichtigkeiten bei den behandelten Themen und Personen. Wieso werden etwa Franz Petri oder Hans Erich Schneider in mehreren eigenen Beiträgen mit vielen inhaltlichen Doppelungen ausführlich gewürdigt, während man biografische Skizzen Hermann Aubins, Theodor Frings’ und selbst Franz Steinbachs vergeblich sucht? Warum behandeln mehrere Beiträge das Bonner Institut, aber findet sich z.B. kaum etwas über das Münsteraner Provinzialinstitut für Landes- und Volksforschung oder das Kölner Institut für Raumpolitik Martin Spahns? Insgesamt hat der „Griff nach dem Westen“ damit eher den Charakter einer Anthologie als einer Enzyklopädie und bietet trotz seines Umfangs noch reichlich Raum für weitere Untersuchungen.

Können aus den Ergebnissen des Projektes nun Argumente für oder gegen eine Aktualisierung der Kulturraumforschung im Sinne Horst Lademachers gewonnen werden? Die Antwort darauf lässt der Band offen. Rusineks Schlussbeitrag macht einige der Schwierigkeiten deutlich, die sich dabei stellen. Jedenfalls bietet „Griff nach dem Westen“ für die weitere Diskussion auch dieser Fragen nun eine historische Materialgrundlage, wie sie für wenige andere Forschungsrichtungen und Fächer zur Verfügung steht.


[1] Vgl. bereits Oberkrome, W., Volksgeschichte. Methodische Innovation und völkische Ideologisierung in der deutschen Geschichtswissenschaft 1918-1945, Göttingen 1993, speziell zur „Westforschung“ S. 32-35, 61-73, 151-154, 203-210, 217-219; Ditt, K., Die Kulturraumforschung zwischen Wissenschaft und Politik. Das Beispiel Franz Petri (1903-1993), in: Westfälische Forschungen 46 (1996), S. 73-176; Schöttler, P., Die historische „Westforschung“ zwischen „Abwehrkampf“ und territorialer Offensive, in: ders. (Hg.), Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945, Frankfurt am Main 1997, S. 204-261; ders., Von der rheinischen Landesgeschichte zur nazistischen Volksgeschichte oder Die „unhörbare Stimme des Blutes“, in: Schulze, W.; Oexle, O. G. (Hgg.), Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1999, S. 89-113; Dietz, B., Die interdisziplinäre „Westforschung“ der Weimarer Republik und NS-Zeit als Gegenstand der Wissenschafts- und Zeitgeschichte. Überlegungen zu Forschungsstand und Forschungsperspektiven, in: Geschichte im Westen 14 (1999), S. 189-209.

[2] Vgl. Derks, H., Deutsche Westforschung. Ideologie und Praxis im 20. Jahrhundert, Leipzig 2001, rezensiert für H-Soz-u-Kult von Michael Fahlbusch, 27.6.2002, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/ZG-2002-085> und Karl Ditt, 3.12.2002, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=2314> [auch in Westfälische Forschungen 52 (2002)] mit einer Erwiderung von Hans Derks, 5.2.2003, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=2314> Replik am Ende der Rezension). Weitere Rezensionen erschienen in der Süddeutschen Zeitung (F.-R. Hausmann, 3. Juni 2002) und in Geschichte im Westen 17 (2002) (Ulrich Tiedau). Vgl. außerdem zu Derks im vorliegenden Band die Bemerkungen bei Rusinek (S. 1159-1165).


Das qualvolle Drangsalieren der 'germanischen Brüdervölker'

Dietz, Burkhard; Gabel, Helmut; Tiedau, Ulrich (Hg.): Griff nach dem Westen. Die 'Westforschung' der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919–1960). Münster: Waxmann Verlag 2003. ISBN: 3-8309-1144-0; 1260 S.; 2 Bände

Rezensiert von: Willi Oberkrome, Historisches Seminar, Universität Freiburg im Breisgau

Die von Burkhard Dietz, Helmut Gabel und Ulrich Tiedau edierten Bände über die „Westforschung“ der deutschen „völkisch-nationalen Wissenschaften“ zu den Niederlanden, Belgien und Luxemburg müssen, obwohl sie neben viel Neuem durchaus auch Altes und Bekanntes präsentieren, als grundlegende und – wie die Herausgeber einräumen – in mancherlei Hinsicht ausbaufähige Publikationen gewürdigt werden. Die in ihnen vereinten Studien werfen z.T. erhellende Schlaglichter auf Strukturen, Organisationen und Protagonisten sowie auf wichtige einzeldisziplinäre Forschungspfade der nach Nordwesteuropa ausgerichteten ‚Volkstumswissenschaften’ insbesondere des ‚Dritten Reiches’. Sie treten dadurch gleichsam aus dem Schatten der intensiver diskutierten ‚Ostforschung’. Obwohl das vernichtungspolitische Potential der akademisch generierten nationalsozialistischen Ostplanungen ungleich ausgeprägter war als jenes der einschlägigen westlichen Konzeptionen, lagen ihnen ähnliche Zielvorgaben zugrunde. In ihrem Zentrum stand die mit allen Kräften angesteuerte Hegemonie des ‚Deutschtums’ auf dem nach völkischen bzw. rassischen Kriterien ‚neugeordneten’ und militärisch ‚gefügig’ gemachten Kontinent.

An diesem Resultat lassen auch die 43 Beiträge zur ‚Westforschung’ keinen Zweifel aufkommen. Die nicht zuletzt geistes- und sozialwissenschaftlich grundierte Kultur- und Machtarroganz der Deutschen gegenüber den Wallonen und den gelegentlich umworbenen, mitunter kollaborierenden, in der Regel jedoch qualvoll drangsalierten ‚germanischen Brudervölkern’ wird prägnant sichtbar gemacht. Darin liegt das wesentliche, in mancher Beziehung herausragende Verdienst der Sammelbände. In einer perspektivisch erweiterten wissenschaftsgeschichtlichen Sicht birgt es allerdings ernstzunehmende Risiken und Probleme.

Das möglicherweise gravierendste Manko besteht darin, dass das weithin zutreffende Bild vom wissenschaftlich einmütig legitimierten ‚Griff nach dem Westen’ eine Homogenität der Westforschung suggeriert, die sich bei genauerer Betrachtung – auch der vorgelegten Beiträge – als Chimäre entpuppt. Darüber hinaus schmälert die starke NS-Fixierung vieler Abhandlungen eine eingehende Analyse der Herkunft und Entwicklung der zunächst ‚stammesräumlich’ und ‚kulturmorphologisch’ angelegten ‚Volkstumsforschung’, deren ebenfalls konstitutiven innenpolitischen, ‚deutschtumszentrierten’ Komponenten vor 1933 und nach 1945 eindeutig zu kurz kommen. Schließlich behindert der naturgemäß eher disziplingeschichtliche oder biografische Zuschnitt der meisten Aufsätze eine generelle Erörterung der Methodologien und heuristischen Instrumentarien, die der vor allem in den rheinischen und westfälischen Gralsburgen der ‚Westforschung’ praktizierten ‚Kulturraumforschung’ das Gepräge gaben.

Im Folgenden sollen diese Bemerkungen mit einigen Stichworten und kursorischen Hinweisen erläutert werden. Eine ausführlichere Rezension des ‚Griffs nach dem Westen’ legt der Verfasser im Band 53 der ‚Westfälischen Forschungen’, Jg. 2003, vor.

- In seiner bemerkenswerten Untersuchung der ‚Grenzpolitik’ des rheinischen Provinzialverbandes in der NS-Zeit registriert Thomas Müller die Anstrengungen des SS-Historikers Hans Joachim Beyer, „ein nationalsozialistisch akzentuiertes Westforschungsprogramm [...] in Abgrenzung zur Westdeutschen Forschungsgemeinschaft“ (S. 788) aus der Taufe zu heben. Beyers Vorbehalte gegen diese von Michael Fahlbusch als institutionelles Rückgrat der fächerübergreifenden Westforschung charakterisierte Institution deckten sich offenbar mit Aversionen des von Carsten Klingemann behandelten soziologisch-demografisch verfahrenden West- und Ostforschers Gunther Ipsen. Der ‚Volkstumsforscher’ machte sich in den ausgehenden 1930er-Jahren dafür stark, das bis dahin einflussreiche Periodikum der Forschungsgemeinschaften, das Deutsche Archiv für Landes- und Volksforschung, kurzerhand „umzulegen“, weil ihm die wissenschaftlichen Prämissen und Darlegungen dieser Zeitschrift zuwider waren. Vor dem Hintergrund solcher Befunde gewinnt die Frage an Gewicht, ob die von Marlene Nicolay-Panter u.a. konstatierten Animositäten des SD gegen den Bonner Landeshistoriker Franz Steinbach, die jahrelang führende Persönlichkeit der Westdeutschen Forschungsgemeinschaft, auf individuelle oder eher auf systematische Gründe zurückzuführen waren. Könnte es sein, dass nicht allein Steinbachs eigensinnige Haltung zu Detailproblemen der westlichen Besatzungs- und Kulturpolitik die Gegnerschaft mächtiger Kontrahenten heraufbeschwor, sondern dass der Ansatz der Forschungsgemeinschaften mit der Zeit prinzipiell quer zu den Wissenschaftsparametern einer zentralisierenden, kontinental ausblickenden Herrschaftsbürokratie im exekutorischen, ‚bevölkerungspolitischen’ Machbarkeitsrausch standen? Diese Frage, die möglicherweise auf erklärungsbedürftige Fraktionierungen innerhalb der ‚Westforschung’ verweist, wird nicht thematisiert.

- Die Suche nach konkurrierenden Modellen völkischer Wissenschaft, nach unterschiedlichen Entwürfen einer von weiten Teilen des rechten politischen Lagers angestrebten ‚Volkwerdung’, hätte es erforderlich gemacht, die Ursprünge und die Entfaltungsbedingungen der von der Westdeutschen Forschungsgemeinschaft favorisierten ‚Kulturraumforschung’ genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei hätte geklärt werden können, wieso sich dieser Forschungsansatz vor allem in den Provinzial- und Länderverwaltungen der 1815 und 1866 militärisch unterlegenen Territorien außergewöhnlichen Zuspruchs – und finanzieller Unterstützung – erfreute. Wieso war die durch und durch ‚volkstumsfixierte’ ‚Kulturraumforschung’ bei den überwiegend katholischen Kulturadministrationen des Rheinlands und Westfalens so ungemein beliebt? Aus welchem Grund knüpfte der volkskundlich forschende ‚Reichsprälat’ und Wissenschaftsorganisator Georg Schreiber (Münster) seine politischen und wissenschaftlichen Hoffnungen in der Weimarer Republik wie in den 1950er-Jahren explizit an die Kategorien ‚Volkstum’ und ‚Heimat’? Entsprechende Fragen hätten eine – öffentlich anscheinend relativ breit rezipierte - organologische Volkstumsideologie in den Blick rücken können, die bereits vor 1914 einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der wissenschaftlich zu vermittelnden Kongruenz von Landschaften, räumlichen Kulturen – dazu zählten auch Konfessionen - und Landsmannschaften („Stämmen“) und der somatischen Befindlichkeit des aus solchen Raumeinheiten zusammengesetzten ‚deutschen Volksleibes’ konstruierte.

- So abwegig solche Mythen aus dem ideologischen Fundus völkischer Verstiegenheit anmuten, so sehr hätten sie zu Reflexionen über (geistes-)wissenschaftliche und kulturpolitische Prioritätssetzungen in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts einladen können. Einige generalisierende zeithistorische Annotationen über die wechselvollen Konjunkturen räumlich-tribalistischer Forschungsstränge und Deutungskulturen, die sowohl in den 1920er-Jahren als auch – das heben die Darstellungen Rusineks, Ditts und ein kenntnisreicher, sorgfältig argumentierender Forschungsbericht der Herausgeber tendenziell hervor – in der frühen Bundesrepublik boomten, wären wünschenswert gewesen. Ihre Berücksichtigung hätte Brückenschläge in Richtung von Dirk van Laaks luziden Überlegungen zu planerischen Projektionen „alternative[r] Wege in die Moderne“ (S. 81ff.) ermöglicht, nach denen auch die Fürsprecher des ethnozentrischen Kulturraumansatzes mit antiwestlichem und antiöstlichem Impetus fahndeten.

- In Analogie dazu bleibt die innovative Methodologie der Kulturraumforschung an einer entscheidenden Stelle unbehandelt. Rusinek hat zwar den qualitativ neuartigen Anspruch der ‚Volks- und Landeskunde’, Politikberatung leisten zu können und grundsätzlich anwendungsorientiert zu sein, aus der sukzessiven Marginalisierung der Geisteswissenschaften durch die technisch-naturwissenschaftlichen Fächer zutreffend hergeleitet. Obendrein wäre es aber einer Erwähnung wert gewesen, dass der theoretisch ausgewiesenste – und in den vorgestellten Bänden betrüblich knapp diskutierte - Vertreter der ‚Westforschung’, Hermann Aubin, eine nomologische Fundamentierung der historisch-soziologischen Fächer auf das Tapet brachte, die - im Zugriff auf die vermeintlich essentiellen „Lebensgesetze“ des ‚Volkes’ - das idiografische und intentionalistische Erbe der geisteswissenschaftlichen Fächer über Bord zu werfen versprach. Diese Ankündigung ist nicht lediglich in der wissenschaftsgeschichtlichen Binnenschau interessant. Sie spiegelt vor allem das ungewöhnliche Selbstbewusstsein einer auf ‚Raum’ und ‚Stammestum’ orientierten Forschungsrichtung wider, die sich nach 1920 als fächerverbindende Königsdisziplin des inneren wie äußeren ‚Volkstumskampfs’ positionierte.

Die hier fragmentarisch angeführten Monita richten sich nicht an die Adresse der Beiträgerinnen und Beiträger, die vielfach tiefe Schneisen in das Dickicht der ‚Westforschung’ geschlagen haben. Die Beanstandungen wären womöglich sogar hinfällig gewesen, wenn sich die Herausgeber zu einer synthetisierenden Interpretation der von ihnen - in fraglos mühsamer und aufwendiger Arbeit - zusammengestellten Aufsätze entschlossen hätten. Eine Gesamtbetrachtung und bündige Bewertung lehnen sie jedoch entschieden ab. Dieser Verzicht wird mit der Veröffentlichung einer externen Abhandlung von Hans Derks über die ‚deutsche Westforschung’ begründet. Ihre „kritisch-polemischen Einschätzungen sollten [...] im Licht der im vorliegenden Band präsentierten Detailuntersuchungen beurteilt werden, jedoch nicht auf der Grundlage allgemeiner Thesen [...]“ (S. XXX), weil sonst eine rein deduktive ‚Derks-Kontroverse’ drohe, die von den Erträgen der Einzeldarstellungen ablenken werde.

Die Konsequenzen dieser Annahme sind indes bitter. Die Leserschaft des ‚Griffs nach dem Westen’ wird in einem extrem unebenen, organisations-, ideologie-, institutions-, lebens-, werk- und disziplingeschichtlichen Labyrinth von 1.300 Seiten ausgesetzt, während man die ihr in Aussicht gestellten Ariadnefäden panisch kappt, obwohl der angeblich furchtgebietende Minotaurus Derks spätestens auf Seite 1161 des vorliegenden Werkes ganz eindeutig unter das wissenschaftliche Normalmaß zurückgestutzt worden ist. Das mag verstehen wer will.


Deutliche direkte institutionelle und politische Wirkungen

Dietz, Burkhard; Gabel, Helmut; Tiedau, Ulrich (Hg.): Griff nach dem Westen. Die 'Westforschung' der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919–1960). Münster: Waxmann Verlag 2003. ISBN: 3-8309-1144-0; 1260 S.; 2 Bände

Derks, Hans: Deutsche Westforschung. Ideologie und Praxis im 20. Jahrhundert. Leipzig: AVA-Akademische Verlagsanstalt 2001. ISBN: 3-931982-23-8; 304 S.

Rezensiert von: Jost Dülffer, Historisches Seminar, Universität Köln

Mit dem Historikertag von 1998 hat die Auseinandersetzung um die Rolle der Geschichtswissenschaft in der NS-Zeit und die personellen und methodischen Kontinuitäten eine neue Qualität erhalten – später als in manchen anderen Wissenschaften, wie kritisch anzumerken ist. Eine besondere Rolle haben dabei die von Michael Fahlbusch erstmals umfassend untersuchten regionalen Forschungsgemeinschaften gespielt, die vor allem für den Osten und Südosten mit für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wichtigen Personen wie Hans Rothfels, Werner Conze und Theodor Schieder bzw. Otto Brunner eine breite Debatte auslösten. Aber auch die Westforschung trat hiermit stärker in den Blick. Der Sache nach ganz neu war auch dies nicht, wohl aber der neuen öffentlichen und damit auch wissenschaftlichen Aufmerksamkeit geschuldet, hatten doch schon zuvor recht unterschiedlich zupackende Arbeiten vor allem von Karl Ditt und Peter Schöttler für Zündstoff gesorgt. Dennoch war es eine gute Idee, die institutionalisierte und nicht-institutionalisierte Westforschung der NS-Zeit mit Vor- und Nachlauf in einer umfassenden Publikation zum Thema zu machen.

Mitarbeiter des Zentrums für Niederlandeforschung in Münster ergriffen hierzu die Initiative, deren Institut während der Bearbeitungszeit selbst gleichsam zum Gegenstand der Wissenschaft wurde. Denn der niederländische Sozialwissenschaftler Hans Derks veröffentlichte 2001 eine Studie, die eine recht direkte Kontinuität der Westforschung bis in die Gegenwart des gerade erst emeritierten Leiters Horst Lademacher behauptete. Die Herausgeber notieren dann auch: »Positionelle Klarstellungen sind also angesagt – auch unter diesem recht kurzfristig hinzugekommenen Aspekt sollte der Band gelesen werden« (S. XII).

Nun hat um Derks schon – nach einer ersten Würdigung in der Süddeutschen Zeitung – Ende 2002/Anfang 2003 eine Diskussion in H-Soz-u-Kult zwischen Fahlbusch, Ditt und Derks stattgefunden, in der die Positionen umrissen wurden [1] , und in dem Münsteraner Band gibt Bernd Rusinek in seinem abschließenden Beitrag eine ausführliche Vorstellung der Stärken, aber auch eklatanten Schwächen von Derks’ Arbeit, in der alles mir wesentlich Erscheinende gesagt wird. Der »Griff nach dem Westen«-Band wird so zum Prüfstein der Vorwürfe von Derks, und mit seinem Erscheinen selbst ein Stück Historie. Die Herausgeber begegnen der Herausforderung mit schierer Quantität: Ich zähle neben der Einleitung 42 Aufsätze, z.T. mit mehreren Verfassern, einige – wie Lademacher – schreiben auch zwei Beiträge. Die Aufsätze erreichen oft um die 50 Seiten und weisen zahlreiche Überschneidungen auf. Nicht nur die zentralen Namen wie Franz Petri, Franz Steinbach und Hans Schneider/Schwerte tauchen in gleichen Situationen in vielen Beiträgen auf, auch das Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande in Bonn wird in mehreren Beiträgen von seiner Gründung an und in seiner Gründung vorgestellt – die Nuancen und Widersprüche der Autoren bedürften einer gesonderten Arbeit.

Angesichts der Selbstreferentialität der neuesten Debatte über die Westforschung und ihre Folgen bis in die Gegenwart können in einer Besprechung nur einige Akzente gesetzt werden. Die Frage nach »braunen Flecken« sollte doch seit Willi Oberkromes Arbeit von 1993 über die Volksgeschichte auf einem breiteren intellektuellen Fundament stehen als der bloßen Enthüllung. Die Herausgeber benennen »letztlich« als »Kern« die Frage, »ab wann sich Wissenschaftler […] unverrückbar und in letzter Konsequenz in den Dienst nationalsozialistischer Politik stellten und sich somit der intellektuellen Vorbereitung der Verfolgungs-, Vertreibungs- und Vernichtungspolitik schuldig machten« (S. XIV). Und Lademacher bemerkt zu den Möglichkeiten der »Kulturraumforschung«, es gehe »um die grenzüberschreitenden Möglichkeiten der Kulturraumforschung, deren Nutzung nicht notwendigerweise dadurch disqualifiziert ist, dass das Regime des Dritten Reiches frühe Ergebnisse als Grundlage der Rechtfertigung grenzüberschreitender Expansion missbraucht hat« (S. 18). Das mag richtig sein, im Begriff Missbrauch liegt jedoch ein Element der Außensteuerung, das stark zu relativieren sein dürfte. Andere Autoren sprechen dann auch von Diskursen oder personellen Netzwerken, welche die nationalsozialistische Kulturpolitik nach außen in Richtung auf Westeuropa ausmachten. Darin wird recht deutlich, dass es nicht um Parteibücher, Affilationen mit dem Ahnenerbe der SS, Mitgliedschaften dortselbst, Kooperation in dieser oder jener Rolle in Besatzungsverwaltung oder Auslandsuniversität ging, sondern um persönliche Karrieren und Wirkungsmöglichkeiten, die von den betreffenden Personen selbst kamen und ausgingen. »Dem Führer entgegenarbeiten«, hat Ian Kershaw diese Gesinnung auf den Punkt gebracht; hier könnte man das abwandeln in »dem nationalen Interesse dienen« – und das wandelte sich mit den Zeitläuften, aber eben auch die Protagonisten trugen in den NS-Jahren selbst willentlich dazu bei.

Eine so starke intellektuelle Mittäterschaft wie die Herausgeber braucht man da nicht zu unterstellen. Im Westen reichte oft viel weniger. Rusinek wählt in einem insgesamt brillanten Beitrag einen anderen Weg, wenn er mit oft geschliffener, auch ätzender Rhetorik sein Thema der Nachwirkungen nach 1945 zunächst glatt und gezielt verfehlt und – ganz überzeugend – betont, man müsse bei den intellektuellen Formierungsprojekten auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurückgehen. So vermag er – wie Lademacher – ein durchgehendes Streben nach politischem Einfluss zu erkennen, das sich nach 1945 nicht mehr germanisch, sondern europäisch-abendländisch gab. Er warnt jedoch vor dem schnellen Etikett »nationalsozialistisch« und findet einiges einfach nur reaktionär und den Zeitumständen der Publikation und Karriere angepasst – so vor allem bei Franz Steinbach, nicht aber bei Petri, dem er »politische Anbiederung« und dabei auch den Verlust wissenschaftlicher Standards attestiert. Auch hier fragt sich allerdings, ob der Autor neben der subjektiven Lage einiger Institute und Personen nicht seinerseits die teilhabende Wirkung von einschlägigen Äußerungen – etwa über germanische Verbreitung etc. – ausblendet, wenn er genaue »Klebestellen« (Anm. 195, S. 1180 – bei Leo Just) rekonstruiert.

Die vielfach netzförmig in Wissenschaft und Politik verwobenen Zusammenhänge der 1920er bis 1940er-Jahren werden in den beiden Bänden aus vielfältigen Perspektiven und sektoral angegangen und ergeben ihrerseits wieder ein Netz. Die »Westdeutsche Forschungsgemeinschaft«, das von Michael Fahlbusch gegenüber seinem Buch hier auf 80 Seiten vertiefte Thema, sieht er aus der Niederlage von 1918 und dem Friedensschluss mental hervorwachsen. In der Weltwirtschaftskrise von 1931 bis 1934 wurden mit staatlicher Unterstützung die diversen »Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften« gegründet, so auch die Rheinische Forschungsgemeinschaft unter Franz Steinbach, später Theoder Mayer und Friedrich Metz. Dazu gehörten dann die einschlägigen Forschungsinstitute in Münster, Bonn sowie Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau. Auf den vier Funktionsebenen, die Fahlbusch schlüssig hervorhebt, ergaben sich nach dem deutschen militärischen Sieg im Westen 1940 ganz andere Aktionsmöglichkeiten, die hier und von vielen anderen Autoren vorgeführt werden.

Besonders zu nennen sind in diesem Rahmen recht informative Beiträge über die einzelnen Disziplinen wie die Soziologie (Carsten Klingemann), Archäologie (Uta Halle), Volkskunde (Björn Rzsoska und Barbara Henkes), Religionsgeschichte (Stefan Ehrenpreis) und Literaturwissenschaft (Ine Van linthout). Die Interpretamente einzelner geschichtlicher Ereignisse werden elegant und eloquent von Heribert Müller zum Neusser Krieg von 1474/75 entfaltet, so wie sich Johannes Arndt der Konstruktion niederländischer Nationalgeschichte seit 1648 bei Eduard Schulte annimmt. Andere personenbezogene Beiträge befassen sich mit Leo Just, der relativ stark entlastet wird (Michael Feldkamp) oder Gerhard Kallen bei Klaus Pabst, der einen recht vielschichtigen Befund präsentiert. Horst Lademacher stellt hinter seinen Beitrag »Deutsch-niederländische Symphonie« (das ist der Titel einer Publikation von 1937) ein Fragezeichen und arbeitet bei aller Anpassung an die Zeitläufte aber auch die Möglichkeit zur Abschirmung in der »Deutsch-Niederländischen Gesellschaft« heraus. Karl Ditt gibt einen knappen Digest seiner umfänglichen Arbeiten, indem er die Politisierung der Kulturraumforschung bei Franz Petri in der NS-Zeit klar herausarbeitet, aber auf der »Innovationskraft der Kulturraumforschung« und der Habilitationsschrift von Petri aus dem Jahre 1937 beharrt. Diese wird von Martina Pitz in einem gesonderten Beitrag wissenschaftlich und wissenschaftsgeschichtlich einer Musterung unterzogen. In vielen dieser Beiträge sind die Ambivalenzen von Politisierung und wissenschaftlichem Ertrag ausgesprochen: Das eine zu verzeichnen, heißt nicht, das andere von vornherein auszuschließen.

Besonders hervorzuheben sind die von Niederländern oder Belgiern verfassten Beiträge, aber auch andere Aufsätze, welche die Interaktion von den Ansätzen und Kooperationen Deutscher mit Niederländern, Belgiern und Luxemburgern seit dem Ersten Weltkrieg hervorheben. In der Monografie von Hans Derks liest sich das dagegen sehr viel einsträngiger. Sehr viele seiner Kapitelüberschriften tragen Fragezeichen, die dann aber doch zur Eindeutigkeit der Unterstellung von Zusammenhängen werden. Er arbeitet neben der Entstehung der Westforschung nach dem Ersten Weltkrieg vor allem die niederländische wie die parallele deutsche Westforschung heraus und sieht sich wiederholt in der Position, die »Lügennetzwerke« (z.B. S. 141) zu enttarnen oder zu zerreissen. Er stellt die Wissenschaftlichkeit der Volkskunde insgesamt in Frage und findet in der koordinierten Raumplanung während des Zweiten Weltkrieges Ansätze zu manchen holländischen Vorhaben der Nachkriegszeit. Insbesondere die Besiedlung der Ijselmeerpolder sieht er als Ausfluss dieser Überlegungen entstehen. Das ist bedenkenswert. Und schon ab 1955 soll nach seiner Diagnose erneut das »Kulturdreieck Münster/Bonn – Nijmegen – Utrecht« (S. 244) wieder hergestellt worden sein, das dann zur alt-neuen Auffüllung drängte. In der Tat gelingen Derks recht viele scharfsinnige Beobachtungen über Zusammenhänge der reaktionären und rassischen Westplanung im Zweiten Weltkrieg und zu den personellen Kontinuitäten der entscheidenden Personen – wenn er etwa zeigt, wie der bereits in den 1920er-Jahren recht wichtige Hermann Aubin 1957 in den für die »Innere Führung« der Bundeswehr zentralen »Schicksalsfragen der Gegenwart« das »Problem Deutschland – Reich – Abendland« in seinen Bezügen zur Sicherung nach Osten erklärte. Rusinek sieht hier »plane Reaktionäre« am Werk und erkennt »Netzwerkflicker« mit einer gehörigen Portion »Dreistigkeit« (S. 1148). Mit Rusinek kann man bei Derks aber leider eine ganze Reihe »interpretatorischer Husarenstücke« erkennen, die vor allem einem sehr schlichten, »hanebüchenen« Begriff von Kontinuität herausarbeiten.

Die Zwischenbilanz der Debatte ist nicht leicht auf einen Punkt zu bringen. Die Quellenhäufung und digestähnliche Zusammenfassung mancher Texte und Autoren der Westforschung vor und nach dem Nationalsozialismus ist nützlich. Die personellen Kontinuitäten sind mit der Hand zu greifen. Die Frage nach den sachlichen, methodischen und politischen Kontinuitäten und Brüchen ist dagegen sehr viel schwerer über einen Kamm zu scheren. Deutlicher als je zuvor sind jedoch die direkten institutionellen und politischen Wirkungen und Einflüsse gerade von Westforschern in der und auf die deutsche Besatzungspolitik, vor allem auf die Zukunft nach einem siegreich erwarteten Krieg zu fassen. Wissenschaft dieser Prägung erhielt recht bedeutende politische Macht, an welche die jüngeren Personen seit den 1950er-Jahren wieder im abendländisch-westeuropäischen Integrationsrahmen anknüpften. Offen und weiterer Diskussion wohl für jeden einzelnen Fall bedürftig, scheint die Frage, ob die einschlägigen Forscher intellektuell dürftig oder wegweisend, trotz politischer Einbettung wirkten. Gerade die Frage der bereits damals praktizierten Interdisziplinarität ist hier von Belang.

Die Herausgeber kündigen eine weitere Publikation für die nächsten Jahre an, die sich dann nicht mehr dem – wenig glücklich bezeichneten »Nordwesten«, sondern dem Westen bzw. Südwesten widmen soll. Weniger, so darf man sich jetzt schon wünschen, wäre dann allerdings mehr. [2]


[1] Michael Fahlbusch über Derks, Hans, Deutsche Westforschung. Ideologie und Praxis im 20. Jahrhundert, Leipzig 2001, in: H-Soz-u-Kult, 27.06.2002, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/ZG-2002-085>; Karl Ditt über Derks, Hans: Deutsche Westforschung. Ideologie und Praxis im 20. Jahrhundert, Leipzig 2001, in: H-Soz-u-Kult, 01.12.2002, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=2314>.

[2] Diese Besprechung wird im Herbst 2003 ebenfalls erscheinen in „Geschichte in Köln. Zeitschrift für Regionalgeschichte“ 50.


Die 'Relativierung' der Einmaligkeit?

Dietz, Burkhard; Gabel, Helmut; Tiedau, Ulrich (Hg.): Griff nach dem Westen. Die 'Westforschung' der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919–1960). Münster: Waxmann Verlag 2003. ISBN: 3-8309-1144-0; 1260 S.; 2 Bände

Rezensiert von: Thomas Etzemüller, SFB 437 "Kriegserfahrung", Universität Tübingen

Seit einigen Jahren untersuchen Historiker das Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und nationalsozialistischer Vernichtungspolitik. Lange hat es gedauert, bis sie auch den Anteil der eigenen Profession daran intensiv zu beleuchten bereit waren, doch besonders am Beispiel der „Ostforschung“ ist deutlich geworden, dass neben Volkskundlern, Geografen, Statistikern oder Soziologen auch die Geschichtswissenschaft aktiv in die unmenschliche Ostraumpolitik des „Dritten Reiches“ involviert war. Seit kurzem ist der Westen an der Reihe. Nachdem die ersten Schneisen geschlagen sind, tragen nun 41 Autoren mit 43 Aufsätzen in einem voluminösen Sammelband von 1.300 Seiten dazu bei, einen Überblick über die facettenreiche Geschichte der „Westforschung“ zu geben. „Nordwesteuropa“ meint unter Ausschluss Skandinaviens das niederländische, belgische und luxemburgische Segment der Westforschung; eine Folgepublikation soll sich mit der Schweiz, Frankreich, dem Saarland und Lothringen beschäftigen. Zwei Ziele liegen dem Projekt zu Grunde. Zum einen soll die Frage geklärt werden, „ab wann sich Wissenschaftler, zumal Geistes- und Kulturwissenschaftler, unverrückbar und bis zur letzten Konsequenz in den Dienst der nationalsozialistischen Politik stellten und sich somit der intellektuellen Vorbereitung der Verfolgungs-, Vertreibungs- und Vernichtungspolitik schuldig machten“ (S. XV). Zum andern soll die Forschung in die Lage versetzt werden, die „Konstrukte und Mythen aus völkischer Zeit zu identifizieren, ihr nationalistisches Gedankengut zu entlarven und die Hintergründe ihrer Überlieferung aufzuzeigen“ (S. XVI).

Die einzelnen Beiträge machen in hohem Maße deutlich, wie eng das Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Politik ausfiel. Sei es die Tausendjahrfeier im Rheinland 1925, sei es das Flandernproblem, seien es die Versuche, historische Argumente für die Zugehörigkeit der Niederlande zum Großdeutschen Reich zu finden, seien es Archäologie, Volkskunde, Sprachforschung oder Volkstumspolitik, immer wieder diente die Wissenschaft dazu – und diente sich dazu an –, politische Ziele wissenschaftlich zu legitimieren. Der Band breitet ein Panorama von Institutionen und Einzelpersonen aus, die in der Zwischenkriegszeit und im Nationalsozialismus auf unterschiedliche Weise großdeutsche Hegemoniegelüste bedienten; Vereinzelt werden Linien in die Bundesrepublik gezogen. Differenziert wird dieses Bild dadurch, dass auch die flämische oder niederländische Kollaboration in den Blick genommen wird, aber auch Wissenschaftler und Institutionen, die sich dem politisierenden Zugriff (teilweise) verweigerten, oder deren politische Projekte rundweg misslangen (etwa kirchengeschichtlich interessierte Historiker des rheinischen Raumes, deren Versuch, die protestantische Religionsgeschichte der Niederlande für die völkische Legitimierung der NS-Politik zu nutzen, an inhaltlichen Problemen wie ideologisch-politischen Verwerfungen scheiterte). Die kulturwissenschaftliche Untermauerung der NS-Volkstumspolitik war dabei nicht nur auf forschungspolitische Großorganisationen und Universitäten beschränkt, sondern wurde auch auf lokaler Ebene durch kleinere Projekte und populärwissenschaftlich ausgerichtete Forscher vorangetrieben.

So wertvoll und unerlässlich derartige Forschung ist, so hinterlässt sie doch einen zwiespältigen Eindruck bei mir. Zum einen nimmt die Detailforschung schon leicht absurde Züge an, etwa wenn in einem Beitrag auf 17 Seiten die vier einzig erschienenen Nummern der Zeitschrift „Westland“ referiert werden, oder wenn einige Beiträge empirisch in die Tiefe gehen, um dann mit dem Fazit zu schließen, dass die untersuchte Institution oder Person keine große Relevanz für die NS-Politik gehabt habe. Zum andern verfahren die Autoren rein positivistisch, geradezu aseptisch frei von neueren theoretischen Ansätzen. Es geht ausschließlich darum, Material zu präsentieren, das eine Einschätzung erlaubt, inwieweit Wissenschaftler oder Institutionen die nationalsozialistische Politik gestützt oder sich ihr entzogen haben. Diese Bewertungen haben zumeist durchaus keinen denunziatorischen Charakter, doch sie laufen alle mehr oder weniger auf eine imaginäre Anklageschrift (oder die Forderung auf Freispruch) vor dem Gericht der Geschichte hinaus. Das kann sich dann so lesen: „Zusammenfassend kann im Rückbezug auf die Eingangs gestellten Fragen wohl eine Beteiligung von Soziologen an der Debatte um die Westgrenze als historisierende Legitimationsbeschaffer für die erwartete Annexion Lothringens und sogar Burgunds beobachtet werden, ohne dass aber die vermutete Einflußnahme der sogenannten ‚deutschen Soziologie‘ durch ihre prominentesten Vertreter Hans Freyer und Gunther Ipsen etwa auf Franz Steinbach und Franz Petri nachgewiesen werden konnte. […] Auch eine maßgebliche Beteiligung an der interdisziplinären Westforschung der NS-Großforschungsprojekte konnte – im Gegensatz zur Ostforschung – hinsichtlich einer empirisch fundierten angewandten Sozialforschung ebenfalls nicht ausgemacht werden“ (S. 444). Die Zeit vor 1933 und nach 1945 wird meist nur in Form einer Vor- und Nachgeschichte in den Blick genommen: Wie fand die Wissenschaft Anschluss an den Nationalsozialismus und ließ sich vereinnahmen, wie fand der Übergang in die Bundesrepublik statt und wurde diese Vereinnahmung vertuscht?

Über das Problem, dass man den Nationalsozialismus einerseits zu analysieren gezwungen ist – was durch eine vergleichende Einbettung in den transnationalen Kontext zugleich „Relativierung“ seiner Einmaligkeit bedeutet –, angesichts der ungeheuerlichen Verbrechen andererseits gar nicht anders kann, als ihn moralisch zu verurteilen, reflektiert nur Joachim Lerchenmüller (S. 1112). Aber genau diese Frage sollte allmählich geklärt werden: Geht es um Anklage beweisbarer Tatbestände oder um Analyse verborgener Mechanismen, die es ermöglicht haben, dass „historisches Denken zu Phantasien“ mutieren konnte, „die eine Revision der Geschichte für planbar und machbar erachteten“ (S. XXIX)? Dieses Ziel formulieren auch die Herausgeber in ihrer Einleitung, der Band löst es aber nicht ein. Und kommt es über die so sichtbar entgleisten Phantasien hinaus nicht auf die „ganz normale Wissenschaft“ an, die sich selbst als unpolitisch verstand – und auch heute so gesehen wird –, weil mit der klassischen ideologiekritischen Methodik keine ideologische Begrifflichkeit aufzuspüren ist? Konnte nicht diese „objektive“ Wissenschaft, ganz ohne spektakuläre Projekte, ohne instrumentalisiert zu werden, ohne die Geschichte großartig revidieren zu wollen, ebenso effektiv dazu dienen, die Politik des „Dritten Reiches“ zu legitimieren, indem sie beispielsweise immer wieder das Prinzip „Kampf der Nationen“ als „Realität“ aus den Quellen herauslas? Zeitigt so eine „normale“ Wissenschaft nicht auf lange Sicht ungleich gefährlichere Effekte als grandios (und furchtbar) scheiternde Allmachtsphantasien? Für die Autoren heißt „Politisierung“ ausschließlich Instrumentalisierung der Wissenschaft, keiner bemüht sich um eine narratologische Analyse, um verborgene Werthaltigkeiten jenseits deutlicher Begriffe und Projekte aufzuspüren. Über die Zäsuren hinwegbestehende geistige, soziale und habituelle Dispositionen, die Denken und Handeln erst formatieren, kommen nicht in den Blick, ebensowenig der transnationale Kontext damaliger gesellschaftlicher Ordnungsentwürfe. Auf diese Weise ist der „deutsche Sonderweg“ immer schon bewiesen, kann aber nicht erklärt werden. Genau deshalb wäre der Vergleich mit der dänischen „Südforschung“ (Schleswig) oder der polnischen Westforschung interessant gewesen: Wie normal waren damals im europäischen Kontext eigentlich nationalistisch aufgeladene Forschungen in alle Himmelsrichtungen, und wie legitim erschienen sie genau dadurch, so dass sie überhaupt erst ihre Effekte entwickeln konnten, statt sofort als Ideologie verworfen zu werden?

Der Band liefert für die zukünftige Forschung eine materialreiche Grundlage zur Geschichte der Westforschung, aber er zeigt gleichzeitig mit aller Deutlichkeit, dass eine analytische Konzeption, die diese Westforschung in die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts einbindet und aus dieser heraus erklärt, noch fehlt. Zusammenfassungen auf Französisch sowie ein Personen-, Orts- und Institutionenregister schließen das Werk ab.


Der Weg vom Gedanken zur Tat

Dietz, Burkhard; Gabel, Helmut; Tiedau, Ulrich (Hg.): Griff nach dem Westen. Die 'Westforschung' der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919–1960). Münster: Waxmann Verlag 2003. ISBN: 3-8309-1144-0; 1260 S.; 2 Bände

Rezensiert von: Manfred Hettling, Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Ein Sammelband mit über 40 Beiträgen auf rund 1.200 Seiten zum Thema Westforschung assoziiert erst einmal den Begriff "Materialschlacht". Da im Schlamm der flandrischen Ebenen und Hügel schon viele militärische Offensiven stecken geblieben sind, stellt sich die Frage: Lohnt der Gegenstand diesen intellektuellen Aufmarsch?

Die besondere Brisanz, die im Gegenstand Historie im Nationalsozialismus liegt, wird durch zwei Faktoren gespeist. Das sind zum einen die möglichen Verbindungslinien von Wissenschaft und nationalsozialistischen Verbrechen, zum anderen - als Folge dieser Erkenntnis - die seit ein paar Jahren intensiv und kontrovers diskutierte Frage nach jenen Historikern, die sowohl vor 1945 als auch danach forschten und zum Teil äußerst einflussreich waren. Diese Probleme sind bisher weitgehend im Kontext der ‚Ostforschung' diskutiert worden - die Erweiterung des Blickes auf den Westen ist deshalb zu begrüßen.

Die Herausgeber knüpfen an die aktuelle Debatte über die Historiker im Nationalsozialismus an und betonen die Auswertung und zweckorientierte Verwendung historiografischer Ergebnisse seitens des NS-Staates. Bei der Grenzland- und Gegnerforschung könne man auch im Westen von "unmittelbare(n) Berührungspunkte(n)" mit den "Entscheidungszentren der nationalsozialistischen Verfolgungs-, Vertreibungs- und Vernichtungspolitik" ausgehen. Das wird als Ergebnis bzw. als Basis der Untersuchungen gewissermaßen vorausgesetzt, doch seien, heißt es einschränkend, "bei weitem nicht alle Detailfragen hinreichend beantwortet" (S. XXVII). Offen blieben vor allem zwei Aspekte. Einerseits die Frage nach der "Persistenz spezifischer Deutungsmuster und Nomenklaturgewohnheiten" (S. XXVIII) über eine politische Zäsur wie 1945 hinweg, andrerseits die Erklärung des langfristigen Erfolges eines Raumkonzepts, das als 'Kulturraum' bis heute Erfolge feiere.

Indem einerseits die pauschale Berührung von Westforschung und NS-Verbrechen postuliert und nur noch Detailfragen als offen reklamiert werden, und andrerseits dem polemischen Angriff von Hans Derks auf die gegenwärtig noch verbreitete Kulturraumkonzeptionen ausgewichen wird, bleibt eine Chance zur theoretischen und konzeptionellen Debatte ungenutzt. [1] Man kann Derks' Buch sicherlich aus vielen Gründen kritisieren. Seine Behauptung etwa, dass sich eine ungebrochene Kontinuität deutscher Westforschungen bis in aktuelle Sonderforschungsbereiche hinein finde und einen politischen Imperialismus spiegele, ist bestenfalls grober Unfug. Doch da es hier in allen Beiträgen um Beziehungen und Verflechtungen zwischen Wissenschaft und Politik geht, hätte sich die Auseinandersetzung mit Derks gelohnt. Nicht im Sinne eines Widerlegungsversuchs, sondern im Bemühen, eigene Kategorien und Konzepte vorzustellen, um das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik reflektierter zu untersuchen.

Der Band ist in vier Abschnitte unterteilt. Ein erster versammelt unter der Überschrift ‚Übergreifende Beiträge' fünf Aufsätze, die eine konzeptionelle Einbettung der empirischen Arbeiten liefern sollen. Am überzeugendsten sind Dirk van Laaks und Peter Heils Texte zu (Raum-)Planung als Kategorie, die bemerkenswerte Kontinuitäten über die Epochengrenzen 1933 und 1945 hinweg aufzeigen, ohne dass dies per se als Fortwirken des Nationalsozialismus zu deuten wäre. Horst Lademachers Beitrag kritisiert einerseits auf altbekannte Weise die Verflechtung von ‚Politik und Wissenschaft' - so sein Titel - vor und nach 1933, ohne jedoch präzise kausale Zurechnungen zu versuchen. Andrerseits aber proklamiert er eine neue - heute anscheinend politisch korrekte - Verbindung von Wissenschaft und Politik, wenn er erklärt, im Rahmen einer klugen Europapolitik und zur Beförderung einer "europäischen Bewußtseinsbildung" werde ‚Kulturraumforschung' "unter dem Aspekt der Erleichterung eines europäischen Zusammenschlusses" zur Kulturforschung (S. 23). [2] Es ist aber zu einfach, die Verflechtung von Wissenschaft und Politik nur dann zu kritisieren, wenn das politische Wertesystem abgelehnt wird. Zudem dürfte es weitere Diskussion lohnen, ob Lademachers Rückgriff auf den Kulturbegriff von Huizinga (und Lamprecht) wirklich produktiv ist. Huizingas Begriff von Kultur ist geprägt durch die Suche nach Darstellungsformen für ‚Ganzheitliches'. Wenn Lademacher unter Verweis auf Huizinga als Ziel der Kulturgeschichte die "Bestimmung von Lebensformen, Schöpfungsformen und Denkweisen" benennt, begünstigt das eher pauschalisierende Beschreibungen. Wenn er das noch ergänzt durch Hinweise auf die ‚politische Kultur' und den durch Geertz und andere favorisierten Begriff des ‚kulturellen Systems' entsteht der Eindruck einer additiven Auflistung.

Teil II des Bandes versammelt unter der Rubrik ‚Inhaltliche und ideologische Grundlagen' sowohl Beiträge über Sujets der Westforschung (z.B. den Neusser Krieg 1474/75 als Thema der Geschichtsschreibung oder Petris Habilitationsschrift über das ‚Germanische Volkserbe in Wallonien und Nordfrankreich'), als auch über einzelne Wissenschaften (z.B. Archäologie, Soziologie, Volkskunde), über einzelne Regionen (z.B. Luxemburg, Eupen-Malmedy) bis hin zu korrespondierenden Phänomenen in den westlichen Gebieten (z.B. den flämischen Nationalismus in der Zwischenkriegszeit). Deutlich wird dabei, dass "Westforschung" kein eigenes Gebiet der Wissenschaft abgab, sondern in ganz heterogenen Feldern zu Tage treten konnte. Inwiefern von einer Gemeinsamkeit überhaupt ausgegangen werden kann, dürfte noch zu diskutieren sein. Statt ‚Grundlagen' wird hier eher ein Teil des Spektrums innerhalb der "Westforschung" vorgestellt.

Teil III enthält Beiträge zu Organisationen und Initiativen und Teil IV bündelt Studien zu acht Einzelforschern und endet mit einem langen und präzisen Aufsatz von Bernd-A. Rusinek über Traditionen der Westforschung nach 1945. Behandelt werden einerseits (Teil III) Großorganisationen wie die ‚Westdeutsche Forschungsgemeinschaft', das Bonner Institut von Aubin und Steinbach, aber auch eher randständige Institut wie das ‚Rheinische Provinzialinstitut für Sippen- und Volkskörperforschung', andrerseits (Teil IV) bekannte Vertreter wie Franz Petri und Schneider/Schwerte, aber auch eher blasse Figuren wie Alfred Stange (Kunsthistoriker) oder Außenseiter wie Christoph Steding. Für beide Teile bleibt indes die Frage offen, inwiefern es sich um die Anhäufung von Einzelbeispielen handelt, oder inwiefern ein genereller Paradigmenwechsel der Wissenschaft zu konstatieren ist. Um diese Frage zu beantworten, dürfte es notwendig sein, die hier vorgestellten Beispiele von Westforschung in die Praxis der jeweiligen Fächer einzuordnen. Nur dann kann beurteilt werden, wie repräsentativ etwa einzelne Institute oder Personen tatsächlich waren. Der Titel des Bandes mit dem aktiven, ein klar benennbares Handlungssubjekt unterstellenden ‚Griff' nach dem Westen suggeriert eine Einheitlichkeit und innere Konsistenz der Westforschung, die durch die Ansammlung der Beiträge nicht eingelöst wird. Ob es deshalb gerechtfertigt ist, ganz unterschiedliche Forschungsrichtungen unter einem politischen Zweck zusammenzufassen, dürfte eine intensivere Diskussion lohnen. Wenn Fahlbusch schreibt, "daß die Forschung systematisch gegen die westlichen Nachbarländer vorging" (S. 607) wird eine Einheitlichkeit sowohl der Ziele wie auch der Forschung an sich vorausgesetzt, die bisher noch nicht recht belegt erscheint. Denn die Beiträge im Band zeigen auch, wie unterschiedlich die beteiligten Personen, wie verschiedenartig die Methoden, wie heterogen die Leitideen sein konnten. Wie bei der Volksforschung, die sich auf den Osten erstreckte, sollte man es vermeiden, vorschnell Gemeinsamkeiten zu unterstellen. Die Volksbegrifflichkeiten waren zu vielfältig, als dass sich dadurch ohne weiteres Einheitlichkeit begründen ließe. Zu bedenken ist außerdem, dass ‚Osten' und ‚Westen' in den 1920er und 1930er-Jahren eine hohe politische Symbolkraft besaßen. So verwandten etwa Nationalsozialisten den Begriff "Westen" vor allem in einer politischen Bedeutung, um Deutschland vom politischen System des Westens - der Demokratie - zu unterscheiden und abzugrenzen (S. 325). Als räumliche Bezeichnung taucht der Begriff in der NS-Terminologie nur am Rande auf. [3]

Eine Einzelanalyse würde den Rahmen einer Besprechung sprengen, deshalb erscheint es mir geeigneter, auf Fragen und Problembereiche hinzuweisen, die sich im Thema Westforschung greifen lassen und auch die zukünftige Diskussion stimulieren werden.

Erstens: Lohnend - und dringend geboten - ist ein intensiver und differenzierter Vergleich zwischen Ost- und Westforschung. Einige Aspekte dürften eher auf eine Differenz hinsichtlich des politischen und historischen Kontextes von Ost- und Westforschung hinweisen. So hat Hans Derks [4] darauf aufmerksam gemacht, dass sich erhebliche Teile der unter dem Label Westforschung zusammenzufassenden Aktivitäten dadurch legitimierten, dass sie - im Gegensatz zur Ostforschung - eine Gemeinsamkeit zwischen Deutschen und einzelnen ‚westlichen' Völkern beweisen wollten. Während im Osten Annexionen durch die Behauptung von Wertunterschieden (rassischer und/oder kultureller Art) legitimiert wurden, geschah das im Westen durch den Verweis auf unterstellte Gemeinsamkeiten (rassischer und/oder völkischer Art). Hüten sollte man sich jedoch davor, nationalsozialistischer Politik zu unterstellen, auf (pseudo-)wissenschaftliche Legitimationen angewiesen gewesen zu sein. In mehreren Beiträgen wird betont, dass gerade gegenüber Frankreich klassisches Machtkalkül und das Denken in traditionellen staatlichen Kategorien handlungsleitend war. Dem entsprach, dass es, gerade von politischer Seite, immer wieder Rücksichtnahmen auf die staatlichen Gebilde im Westen gab, mit denen man zu einem wie auch immer hierarchisierten Nebeneinander kommen wollte. Tendenziell bemühte sich die nationalsozialistische Politik im Westen darum, das Entstehen abhängiger Partner zu fördern. Im Osten hingegen versuchte man, koloniale Herrschaftsformen zu errichten.

Auch besaßen viele ‚Westforscher' anscheinend eine mehr als ambivalente Einstellung gegenüber ihrem Gegenstand. Wenn Steinbach etwa kund tat, im Westen stehe man "höchst entwickelten Kulturen und Zivilisationen gegenüber, die eine ungemein starke Anziehungskraft ausüben" (S. 588), formulierte er eine Gleichrangigkeit und fast schon Unterlegenheit der Deutschen. Analoge Äußerungen sind gegenüber der 'slawischen Kultur' und dem Osten undenkbar. [5] Wenn spätestens seit Stalingrad vom Nationalsozialismus offensiv versucht wurde, eine europäische Gemeinsamkeit unter dem Vorzeichen des Abendlandes gegen die bolschewistische Bedrohung des Ostens zu beschwören, so beruht diese Rhetorik auf dem Verweis auf eine wie auch immer gebrochene Gemeinsamkeit, die gegenüber dem Westen in Anspruch genommen werden konnte.

Zweitens: Hans Mommsen hat während der erregten Debatte auf dem Frankfurter Historikertag 1998 über die Ostforschung (und speziell über Conze, Schieder und andere) apodiktisch geurteilt, es gehe hier nicht um größere oder kleinere Affinität einzelner Historiker zum Nationalsozialismus, sondern was zur Debatte stehe, "ist der wirkliche Nationalsozialismus". [6] Kriterium hierfür sei nicht eine Grad an Übereinstimmung mit den nicht immer konsistenten weltanschaulichen Zielen des Nationalsozialismus, auch nicht der Antisemitismus. "Entscheidend", so Mommsen, sei "die Ausschließlichkeit, mit der diese Ziele unter Hintansetzung jeglicher humaner und normativer Bindungen umgesetzt werden".

Diese Frage wird im vorliegenden Band nur von Karl Ditt aufgegriffen. Im Unterschied zu Mommsen sieht er jedoch den Glauben an die "Kraft der Rasse" als ideologisches Unterscheidungskriterium an. Andere Momente wie Volkstumsdenken, Militarismus, Antibolschewismus etc. würden auch für das Gros der Konservativen in den 1920er und 1930er-Jahren gelten (S. 939). Letztlich werden hier zwei unterschiedliche Perspektiven deutlich, wie der Nationalsozialismus konzeptionalisiert werden kann. Ditt schlägt eine ‚kulturalistische' Interpretation vor (Rasse als Leitidee, welche Differenzierungen ermöglicht), Mommsen propagiert eine handlungsorientierte Interpretation, die das Differenzkriterium in der "Ausschließlichkeit" und in der uneingeschränkten "politischen Verfügbarmachung" von Ideen und Inhalten sieht. Für beide Deutungen lassen sich Gründe ins Feld führen. Entscheidend ist deshalb nicht die Frage, ob man sich für den einen oder anderen Ansatz entscheidet - sondern vielmehr, sich diese theoretische Frage überhaupt zu stellen. Unterlässt man das, bleibt die Interpretation vage und es besteht die Gefahr, Einzelphänomene zu pauschalisieren.

Ob man zwischen völkischem und nationalsozialistischem Denken sinnvoller Weise unterscheiden kann, lohnt sicherlich die Diskussion. Denn eine Orientierung an völkischen Gedanken und Zielen war in der Zwischenkriegszeit keine deutsche und auch keine nationalsozialistische Besonderheit. Völkisch zu sein reicht deshalb als Bestimmungsmerkmal für eine besondere Bindung an den Nationalsozialismus nicht aus. Gerade am Beispiel des Bonner Instituts von Aubin, Steinbach und Petri wird das deutlich. Ob man aus der Schilderung von Konfliktpunkten zwischen Vertretern des Instituts einerseits und politischen Handlungsträgern des Dritten Reiches andrerseits den Schluss ziehen kann, die Haltung des Institutes könne als "unwilliges Sich-Fügen" (S. 712) bezeichnet werden - das wird sicherlich Widerspruch hervorrufen. Die Diskussion hierüber dürfte aber nur dann fruchtbar geführt werden können, wenn man präzise(r) offen legt, von welchen Grundlagen aus man Verhalten bewertet.

Drittens: Eng damit in Berührung steht die Frage, welche Bedeutung ideellen Faktoren für politisches Handeln zukommt. Wenn Fahlbusch etwa von der "Brückenkopffunktion der Grenzlandforschung" spricht, der ein "instrumentelles Wissenschaftsverständnis" zu Grunde gelegen habe (S. 647), verweist er zwar auf die Bedeutung des Handelns, führt dieses Handeln zugleich jedoch auf ein bestimmtes Wissenschaftsverständnis zurück. Das aber ist einer der strittigsten Punkte. Inwiefern Wissenschaft - ob völkisch oder nicht - als kausaler Faktor für nationalsozialistisches Handeln und insbesondere für nationalsozialistische Verbrechen anzusehen ist, ist bisher selten überzeugend nachgewiesen worden. Handlungsrelevanz im Einzelfall explizit zu belegen, ist noch immer eine Herausforderung. Peter Schöttler, um einen der Exponenten in der aktuellen Debatte über Geschichtsschreibung und Nationalsozialismus zu zitieren, belässt es dabei, Wahlverwandtschaften aufzuzeigen. [7]

Ein erhebliches Ausmaß an weltanschaulicher Übereinstimmung zu zeigen, ist das eine. Den Weg vom Gedanken zur Tat zu belegen, ist jedoch etwas anderes. Inwiefern wissenschaftliche Tätigkeiten und Produkte als "adäquate Verursachung" (im Sinne etwa Max Webers [8] ) für Handlungen nationalsozialistischer Politik verantwortlich gemacht werden können, erforderte andere Nachweise, als sie hier vorliegen.

Viertens: Die Frage nach den intellektuellen Kontinuitäten steht heute meist im Vordergrund, wenn sich das Interesse auf Wissenschaft im Nationalsozialismus richtet. Verdrängtes offen zu legen und Vergessenes öffentlich zu machen ist ein starker Motor. Dass es sich lohnt, den Blick nicht nur auf Kontinuitäten über die Zäsur von 1945 zu richten, zeigt Rusinek in seinem Beitrag, der eine Art Schlusswort des Bandes bildet. Er betont die Tradierung von Kulturraumideologemen und Volksbegrifflichkeiten einerseits und von Forschungsstrategien andrerseits über die politischen Zäsuren von 1933 und 1945 hinweg. Nehme man das zur Kenntnis, so Rusinek, werde man auch skeptischer gegenüber Versuchen, (vor-)schnell Kontinuitäten des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik aufdecken zu wollen. Rusineks Erklärung zielt in eine andere Richtung. Er betont überzeugend, dass zweifellos intellektuelle Kontinuitäten bestehen - diese jedoch weit eher vom späten Kaiserreich über Weimar und das Dritte Reich bis in die frühe Bundesrepublik reichen. Ihren Ursprung habe diese fächerübergreifende Gemeinsamkeit von Denkformen und Wertorientierungen in der Konkurrenzsituation, in der sich die Geisteswissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften befunden hätten. Deshalb hätten die Geisteswissenschaften seit dem 19. Jahrhundert zunehmend auf das ‚Nationale' als legitimierenden Wert zurückgegriffen (S. 1193, 1198). In dieser Verschiebung von Deutungskategorien und in der expliziten Politisierung liege eine entscheidende Bedingung dafür, dass sich Wissenschaft (auch) im Nationalsozialismus derart leicht und willfährig politischen Zielen unterordnen konnte. Umgekehrt heißt das auch, dass das rationale Denken bereits lange vor 1933 auf der Strecke geblieben war - und 1945 nicht so ohne weiteres aus der Versenkung auftauchen konnte. Rusineks Deutung ist in ihrer funktionalen Stringenz vielleicht zu eindeutig, doch lohnt es sicherlich, sein Argument intensiv zu diskutieren. Es verweist auf eine langfristig sich vollziehende Verschiebung des intellektuellen Feldes. Diese zeitigte in Deutschland heftige Verwerfungen und Orientierungskrisen. Zu erinnern ist hier an die von Otto Gerhard Oexle in jüngster Zeit mehrfach beschriebene Krise des Historismus, welche in Deutschland das rationale Denken in besonderem Maße in Frage stellte. [9] Erst in dem Maß, wie nach 1945 die Wissenschaft die langfristigere Krise des rationalen Denkens überwand, konnte eine politische Stabilisierung der Demokratie erfolgte.

Fünftens: Völkisch-nationale Wissenschaft und völkisch-nationale Politik gab es seit dem 19. Jahrhundert nicht nur in Deutschland. Dass sich die Radikalisierung des Denkens unter diesem Vorzeichen durch oft komplexe Gemengelagen und konkurrierende annexionistische Forderungen und Grenzänderungen hochschaukelte, wird oft vergessen. Wie Carlo Lejeune in einer umfangreichen und sehr überzeugenden Fallstudie zeigt, waren es "nicht die Westforscher, die Eupen-Malmedy durch ihre Schriften ‚annektierbar' gemacht hatten" (S. 535). Stattdessen legt er offen, welche komplexen und widersprüchlichen Konstellationen seit dem Wiener Kongress bestanden und in dieser Region sich nicht in das Leitbild der Nationalstaatlichkeit fügen ließen. Was vor 1918 an Spannungen noch halbwegs austariert werden konnte, wurde nach 1918 jedoch durch die Selbstdesavouierung des Versailler Programms durch die Westmächte radikalisiert. Konkurrierende Volkstumspolitik belgischer und deutscher Prägung beförderte eine Nationalisierung des Denkens und privilegierte ‚Volk' als eine zentrale politische Kategorie.

Die hier vorliegende erste umfassende Analyse der Westforschung stellt einen Arbeitssieg dar. Zukünftig sollte man das Augenmerk mehr auf Vergleiche zur Ostforschung richten, um - vermutlich - das Spezifische der Verbindung von Wissenschaft und Politik auf diesem Terrain zeigen zu können. Zudem sollten theoretische Anregungen der Wissenschaftsgeschichte intensiver aufgegriffen werden. Sonst besteht die Gefahr, dass man zum Ergebnis kommt, im Westen nichts Neues. Das wäre eine vergebene Chance.


[1] Zu Derks teilweise anregender Polemik und seinem zugleich teilweise mehr als fragwürdigem Vorgehen lese man die Kritik von Bernd-A. Rusinek, S. 1159-1165; außerdem bereits Karl Ditt in H-Soz-U-Kult, 3.12.2002, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=2314>.

[2] "Eben an dieser Stelle können Geistes- und Sozialwissenschaftler europapolitisch funktionieren. Sie sollten direkt oder indirekt im europapolitischen Auftrag handeln und ihr Erkenntnisinteresse auf das politische Ziel der europäischen Einigung richten." (S. 25). Zugespitzt formuliert: Früher wollten viele Kulturraumforscher volkstumspolitisch funktionieren, heute sollen sie europapolitisch funktionieren.

[3] Der Begriff Osten dürfte dagegen fast schon mythisch aufgeladen sein - als Symbol für Weite, Entgrenzung, Gefährdung.

[4] Derks, Hans, Deutsche Westforschung, Leipzig 2001, S. 126.

[5] Steinbach wurde etwa 1941 dafür kritisiert, die "kulturelle Überlegenheit des Westens" zu unterstellen (S. 713).

[6] Zitiert hier und im Folgenden nach der schriftlichen Fassung: Mommsen, Hans, Der faustische Pakt der Ostforschung mit dem NS-Regime. Anmerkungen zur Historikerdebatte, in: Schulze, Winfried; Oexle, Otto G. (Hgg.), Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt 1999, S. 271.

[7] Entweder spricht er von "intellektueller Konkordanz", oder von "inhaltlicher, mentaler und programmatischer Übereinstimmung", oder davon, dass sprachliche Kollektivsymbole mit der Ideologie des Dritten Reichs "kompatibel" gewesen seien; Schöttler, Peter, Die historische Westforschung zwischen Abwehrkampf und territorialer Offensive, in: ders., Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft, Frankfurt 1997, S. 204, hier S. 215; ders., Von der rheinischen Landesgeschichte zur nazistischen Volksgeschichte, in: Schulze; Oexle, Historiker, S. 89-113, hier S. 102, 104.

[8] Weber, Max, Objektive Möglichkeit und adäquate Verursachung in der historischen Kausalbetrachtung, in: ders.; Wissenschaftslehre, Tübingen 1988, S. 266-90.

[9] Oexle, Otto Gerhard, "Wirklichkeit" - "Krise der Wirklichkeit" - "Neue Wirklichkeit". Deutungsmuster und Paradigmenkämpfe in der deutschen Wissenschaft vor und nach 1933, in: Hausmann, Frank-Rutger (Hg.), Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich 1933-1945, München 2002, S. 1-20.


Kontinuitäten deutscher Westforschung

Dietz, Burkhard; Gabel, Helmut; Tiedau, Ulrich (Hg.): Griff nach dem Westen. Die 'Westforschung' der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919–1960). Münster: Waxmann Verlag 2003. ISBN: 3-8309-1144-0; 1260 S.; 2 Bände

Rezensiert von: Hans Derks, Amsterdam

Der Rezensent, selber Objekt dieser sehr umfangreichen Publikation (die im folgenden GNW abgekürzt wird) dank seines Buches über ‚Deutsche Westforschung' (im folgenden DW), hatte nur eine CD-ROM von GNW und wenig Zeit für eine ins Einzelne gehende Lektüre zur Verfügung. Daher gehe ich in dieser ersten Reaktion von einigen generellen Beobachtungen mit Hilfe der vorzüglichen Register und des Verzeichnisses der Beitragenden aus und bespreche danach nur den anscheinend strategisch wichtigsten Beitrag von Bernd Rusinek. Damit bekommt man, so hoffe ich, eine unerwartete, aber klare Einsicht in der Struktur dieses publizistischen Großunternehmens.

Einschließlich der Einleitung enthält GNW 43 Beiträge von 48 Autoren (bei Abzug mehrfachen Auftretens 42) auf 1223 Seiten Text (inkl. der Register 1.300 S.). Wer sind diese Autoren, wo arbeiten sie, welchen wissenschaftlichen Disziplinen gehören sie an, wie alt sind sie? Diese Fragen sind relativ leicht zu beantworten. Schwieriger ist: Wer bezahlt eigentlich dieses Großprojekt? Der Waxmann Verlag ist sicherlich kein philanthropisches Unternehmen.

Was sagen also einige quantitative Analysen:

1. Westforschung ist zweifellos eine wissenschaftlich und politisch komplizierte Sache, die eine multi-, besser noch eine interdisziplinäre Herangehensweise verlangt. Aber 29 Autoren dieses Bandes sind allein Historiker; von den 13 Übrigen sind einige philologisch orientiert (5?), einer ist Soziologe usw. Nur der Geograf, Michael Fahlbusch, zeichnet sich durch ein fachübergreifendes Verständnis aus. Man kann also zunächst eine viel zu große Einseitigkeit bei der Zusammensetzung der Autorenschaft festhalten.

2. Westforschung handelt von mehreren Ländern und Sprachen, aber nur 7 der Autoren kommen aus dem Ausland, und sie schreiben nur holländisch-flämisch, nicht einmal französisch-wallonisch, friesisch oder skandinavisch! Der Untertitel erscheint vor diesem Hintergrund ziemlich übertrieben.

3. Die Autoren sind zu 83 Prozent Männer. Unter den sieben Ausländern ist das Verhältnis mit 60 Prozent Männern schon günstiger.

4. Brisant ist auch, dass von den Autoren 18 irgendeine direkte Bindung an die Standorte Münster und Bonn, die Hochburgen der (Neo-)Westforschung aufweisen, während dies für weitere 7 höchstwahrscheinlich ist. Andere, die eine genauere Kenntnis der personalen und persönlichen Beziehungen haben, können diese Affiliationen vielleicht noch höher schätzen. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für die ausländischen Kontakte, wenn man bspw. die – historisch gesehen - Filiale von Bonn in Amsterdam, das Meertens Institut (siehe DW, passim), ansieht, das auch einen Autor beisteuert. Noch immer ‚his masters voice'? Sicher ist, dass, wenn soviel auf dem Spiel steht, die Initiatoren besser beraten gewesen wären jedem Verdacht der Parteilichkeit vorzubeugen, indem sie eine Mehrheit außerhalb der Münsteraner-Bonner Szene hätten zu Wort kommen lassen und darunter auch bekannte Kritiker der Westforschung.

5. In erster Instanz kenne ich nur drei oder vier der Mitarbeiter die, auf Grund ihrer publizierten Studien, zu einer derartigen Kritik im Stande sind, aber das ist hoffentlich ein Vorurteil. Auch ein Geburtsort im Ausland ist gewiss keine Garantie für eine kritische wissenschaftliche Haltung. Man nehme nur Autoren wie Barbara Henkes (Holland) oder Marnix Beyen (Belgien). Die Erste ist – aus welche opportunistischen Gründe auch immer – wider besseres Wissen Mitarbeiter eines von einem SS-Freund, Meertens, gegründeten volkskundlichen Institut, das auch noch immer dessen Namen trägt (siehe DW, passim), während Beyen sich mit einem Porträt Petris hervortut, das jenes von Karl Ditt übertrifft.

6. Wenn man das ausgezeichnete Register analysiert, sind die ersten zehn Personen, die am häufigsten genannt werden: F. Petri (204), F. Steinbach (159), A. Hitler (100), H. Aubin (55), H. Schneider (53), H. Himmler (47), M. Zender (40), R. Oszwald (39), A. Seyss-Inquart (38), M. Spahn (37). Die zehn Institutionen, um die es offensichtlich in GNW geht sind: NSDAP (182), SS (160), Universität Köln (134), Institut f. geschichtliche Landeskunde Bonn (116), Universität Bonn (84), Ahnenerbe SS (82), Auswärtiges Amt und Westd. Forschungsgemeinschaft (beide 80), Militärverwaltung Belgien (78) und Ver. f. Deutschtum im Ausland (67). Weitere Nennungen in beiden Kategorien geben kaum weiteren Aufschluss: Unter den nächsten fünf Personen sind abermals drei Historiker; unter den nächsten fünf Institutionen wieder drei Ministerien. Man kann also schlussfolgern: GNW handelt von Petri und Steinbach und ihrer Rolle in Partei und SS. Aubin und das Institut für geschichtliche Landeskunde in Bonn sind ebenfalls beteiligt, aber dann ist auch Schluss. Ob damit Geld und Zeit für 1.300 Seiten und die Arbeit von 42 Autoren legitimiert werden kann, wird dann eine brisante Frage.

7. Soweit aus den Angaben ersichtlich sind 6 Autoren vor 1945 geboren, eine Autorin sogar 1909. Zwischen 1945 und 1960 sind etwa 18 geboren und die übrigen nach 1960, wobei der Jüngste dem Jahrgang 1975 angehört. Also eine ausgeglichene Verteilung. Bei schneller Durchsicht des Inhaltsverzeichnisses vermute ich, dass die Arbeitsverteilung hier so liegt, dass die Älteren, wie Horst Lademacher, versuchen wie Gott über den Parteien zu stehen, die Jüngeren, wie z.B. Ulrich Tiedau, die Datensammler sind, und die zwischen diesen Altersgruppen Stehenden, wie Bernd Rusinek, besonders mit mir und DW ins Gericht gehen.

8. Betrachten wir die Themen, die man aus den Titeln der Beiträge ableiten kann. GNW besteht aus vier Teilen: fünf Artikel firmieren als ‚Übergreifende Beiträge' (nur 9 Prozent der Text) und stellen so etwas wie eine Nietzsche’anische Verhandlung von Nutzen und Nachteil dar; Nach einer Bilanz der ‚Transdisziplinarität' folgen einige methodologische und begriffsanalytische Artikel. Der zweite Teil hat 15 Beiträge (beinahe 40 Prozent der Text) und handelt über ‚Inhaltliche und ideologische Grundlagen der Westforschung' wie z.B. flämische Nationalismus, Geschichtsschreibung in der Weimarer Zeit, Volkskunde und Volkstumspolitik der SS, Kulturraumforschung in Luxemburg bis zu den deutsch-niederländischen Beziehungen in der Zwischenkriegszeit. Der dritte Teil dreht sich um ‚Organisationen, Institute und Initiativen der Westforschung' und umfasst 13 Artikel mit etwa 30 Prozent des Textes. Selbstverständlich wird die Westdeutsche Forschungsgemeinschaft (mit 80 Seiten der längste Beitrag) analysiert und die DFG (mit 6 Seiten weitaus der kürzeste Beitrag), Zeitschriften und mehrere universitäre Instituten, provinziale Verbände bis zum Brüsseler Deutschen Institut. Der letzte Teil von GNW (etwa 20 Prozent) behandelt hervorragende Westforscher wie Franz Petri, Gerhard Kallen, Leo Just u.a. und endet mit dem zweitlängsten Artikel (Rusinek) über die Kontinuität der Westforschung nach 1945.

Diese acht mehr oder weniger quantitativen Wahrnehmungen führen zu einem ersten Urteil, einem richtigen Vor-Urteil also, über GNW. Es hat nebenbei eine kursorische Lektüre angeregt, um die sich ergebenden Hypothesen wenigstens vorläufig zu prüfen.

Es scheint, als würde nur im dritten Teil tatsächlich Neuland betreten. Hier werden die von mir vorgelegten Daten und Interpretationen, wie es sich gehört, kritisiert und weiterentwickelt. Man kann bedauern, dass die Initiatoren sich nicht zur alleinigen Publikation der Artikel dieses Teils entschlossen haben, denn dies hätte sicherlich eine interessante Reihe zur Westforschung eröffnet. Es wäre m.E. die geeignetste Antwort gewesen auf meine teilweise provokante Studie. Damit hätte man auch Zeit gewonnen zum Nachdenken, ob es nötig ist, sich in der Verteidigung der eigenen Position so zu erschöpfen, wie es nun mit diesem Großunternehmen geschehen ist. Damit hätte man zugleich ein Buch publizieren können, das bezahlbar wäre und ordentlich im Buchladen verkauft werden kann mit einer etwas größeren Chance, dass es auch gelesen wird.

Das friedlichste Merkmal der Westforscher scheint aber, dass sie wuchtige Publikationen als Festschriften, Sammelwerken bevorzugen und füreinander angefertigt haben: je dicker der Band, desto höher in der Ahnengalerie; je mehr von diesen Bänden, desto mehr Macht und Ansehen kann man auch in die Außenwelt der Laien ausstrahlen oder erzwingen. So haben allein Petri und Steinbach, wenn ich richtig gezählt habe (auf ein paar hundert Seiten mehr oder weniger soll man in diesen Kreisen nicht achten), etwa 5000 Seiten sammeln können! Gelesen werden sie nur vom Jubilar, aber ihrer Geschichte können sie damit nicht entlaufen. Wenn die Initiatoren dieser Analyse nun absichtsvoll auch ein solches Imponiergehabe zeigen, ist die Frage zu beantworten, wem sie imponieren wollen mit diesen faustdicken Bände?

Man könnte zunächst einen ersten Eindruck vom Profil der Publikation zusammenfassen: es handelt sich um ein unklug dickes Buch, ein sehr einseitig von Historikern, von männlichen Deutschen aus der Münsteraner-Bonner Szene dominiertes Produkt mit einer ausgeglichenen Altersstruktur der Beiträger. In ihm wird besonders Petris und Steinbachs Rolle in der NSDAP und SS beschrieben, während Aubin und das Bonner Institut eher am Rande bleiben. Der Verdacht drängt sich auf, dass als Prinzip gilt: Steinbach schwärzer malen; Petri nicht mit der SS in Verbindung bringen, während sonst jede Kritik an ihm gestatte ist; Aubin und seinem Institut soll dagegen ein Persilschein ausgestellt werden. Das Ziel: Jede Kontinuität zwischen ‚damals' und ‚heute' verneinen. Also: klassische Legitimationswissenschaft. An Rusinek's Beitrag lässt sich diese These direkt prüfen, weshalb ich mich später auf ihn konzentrieren möchte.

Unabhängig davon lässt sich aus dem Überblick zum Aufbau des Buches auch ersehen, welche Themen nicht oder nicht explizit oder zerstückelt über viele Beiträge abgehandelt werden, während sie eigentlich die Kernthemen der Westforschung ausmachen. Systematisch hätte, erstens, die ganze Problematik des deutschen/nationalsozialistischen Imperialismus gen Westen (angefangen mit dem Pangermanismus im 19. Jahrhundert) beschrieben und analysiert werden müssen und zwar aus der Sicht der Staatsbürokratie, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft und wie sie in den ''Gastländern'' rezipiert und konterkariert wurde. Damit wäre ein Rahmen geschaffen worden für die Behandlung der folgenden Themen (hier ohne Anspruch auf eine genaue Systematik genannt!):

a. die Thematik der Sprachgrenze;

b. die Kulturraumforschung als die typische Kombination von Volkskunde, Sprachgeografie und einer besonderen Art von Mediävistik;

c. die ideologischen Hintergründe dieser Volkskunde, Sprachgeografie und Mediävistik;

d. das spezifische Verhältnis zwischen Universität und Vereinsleben bei der Mobilisierung der Massen;

e. die Relation zwischen dem Universitätsbetrieb und der Institutsautonomie;

f. das Geschichtsverständnis von Wissenschaftlern wie Aubin, Steinbach, Petri;

g. die typische Hierarchie ‚Reichskunde', Volkskunde, Landeskunde, Heimatkunde;

h. Frings' Stellung in der Nazi-, DDR- und heutige Sprachwissenschaft;

j. die beachtliche Rolle der Katholische Kirche;

k. der staatliche Einfluss auf das Entstehen und Fortbestehen von Westforschung und Kulturraumforschung.

Rusinek und die Anti-Kontinuitäts-Kreuzfahrt

Etwa sechzig Seiten (S. 1141-1201; CD-ROM, S. 579-639) lang darf Bernd-A. Rusinek, Professor der Neueren und Neueste Geschichte in Düsseldorf, über ''Westforschungs''-Traditionen nach 1945 schreiben, ausgehend von der grundfalschen Definition gleich im ersten Satz: '' ‚Westforschung' ist ein in den 1920er-Jahren aufkommender Zweig der deutschen Geschichtswissenschaft [...]'' Er ignoriert, dass ein Mediävist, Aubin, ein Sprachwissenschaftler, Frings, zusammen mit Berliner Staatsbürokraten und rheinländischen Interessenvertretern die Volkskunde usw. eingeschaltet haben als Bündelung der Kräfte zur Abwehr ausländischer Einflüsse und zur Mobilisierung der Heimat (DW, Kapitel 1). Dieser ‚Komplex' stand jedenfalls für die deutsche Westforschung Pate.

Die Dominanz der Historiker in GNW wird hier zu einem grundsätzlichen Nachteil für die Erfassung des Gesamtphänomens Westforschung.

Rusinek's Artikel, der nicht zufällig am Ende des dickleibigen Unternehmens steht, repräsentiert das Ziel von GNW: den Beweis anzutreten, dass von einer irgendwie gearteten Kontinuität zwischen ‚damals' und ‚heute' keine Rede sein könne. Die Methode dafür ist eine scharfe Auseinandersetzung mit meinem Buch über die Westforschung.

Der direkte Angriff wird S. 1159 (CD-ROM, S. 597) eröffnet und startet in einem hohem Gang, um sogleich tödlich zu wirken: elf (!) schwere Beschuldigungen in einem langen Satz, wofür Rusinek jedes Mal eine Stelle in DW anzeigt. Diese Elf werden auch noch durch die Worte ''Dauerpolemik gegen'' miteinander verbunden. Wer sind nun die Personen, Einrichtungen, Konzepte und Sachen, gegen die ich diese Art Polemik geführt habe und was habe ich eigentlich getan um eine solche Reaktion auszulösen?

Rusinek beginnt gleich mit den Ranghöchsten: ''Die niederländische königliche Familie'', wofür er nur einen Beweis findet (DW, S. 244 Fn.6) und damit ist es vielleicht keine Dauerpolemik mehr. Aber es ist schlimmer, es handelt sich gar nicht um eine Polemik des Autors Derks, sondern um die Wiedergabe der Meinung meiner genannten Quelle (Verheul) ohne weiteren Kommentar. Weiter nennt Rusinek „das NIOD“ schon mit zwei Beweise (DW, S. 23; S. 114 Fn. 62): Auf S. 23 nenne ich nur eine holländische Polemik gegen Nanda van der Zee's Buch über die Judenverfolgung, worin auch NIOD-Leute sich gegen sie wandten; Auf S. 114 geht es um eine NIOD-Publikation (eine von hunderten, die das NIOD herausgab), in der ein Autor, der merkwürdigerweise Mitarbeiter von GNW ist, objektiv Geschichtsfälschung begeht. Darüber redet Rusinek natürlich nicht, geschweige davon, dass ich den Mitarbeitern des NIOD herzlich danke, da sie ‚einige Monate lang außerordentlich behilflich gewesen' sind (DW, S. 10)!

Ganz interessant ist auch die nächste angebliche Dauerpolemik, die gegen „die niederländische und die bundesdeutsche Sozialdemokratie'' geführt würde, wofür Rusinek jedesmal nur einen Beleg (DW, S. 20, 18) nennt. Er geht sogar so weit zu schreiben (S. 1160), dass ich „eine Kontinuität zwischen der Westforschung im ‚Dritten Reich' und der sozialdemokratischen Europapolitik der Gegenwart'' erkenne, wobei er abermals auf DW, 20 verweist. Dort erwähne ich als eines von vier Beispielen zur Aktualität des Phänomens, ‚die nach weitere Diskussion verlangt' (DW, S. 19), dass ein ehemaliger niederländischer SPD- Fraktionsvorsitzender, Wöltgens, ein Plädoyer für die Verschmelzung von Holland und Deutschland hielt. Dies diente als Anekdote und kann kaum als Polemik verstanden werden. Dazu kommt, dass Wöltgens (heute Universitätsvorsitzende) ein alter Bekannter von mir ist, mit dem ich ausgerechnet diese Sache in einer entspannten Atmosphäre diskutiert habe. Seine Bemerkung hatte überhaupt nichts mit „einer sozialdemokratischen Europapolitik'' zu tun, wie Rusinek behauptet (es handelt sich um eine persönliche Meinung), und man muss schon eine verrückte Fantasie haben, um hier irgendwelche Kontinuität mit den Nazis zu konstruieren. Die „Dauerpolemik“ mit der deutschen SPD wird von Rusinek an nicht mehr als sieben Wörter auf S. 18 aufgehängt, in denen ich auch auf das lange Schweigen über den Krieg bei der SPD verweise. Uff, welche Polemik: endlich wissen wir, warum die SPD soviel Stimmen verloren hat.

Weiter scheine ich mit dem Historiker Johan Huizinga eine Dauerpolemik gehabt zu haben auf DW, 31, aber da kommt sein Name nicht vor! Auch an anderen Stellen im Buch, an denen ich an Huizingas scharfe anti-nazistischen Kritik (DW, S. 131) oder seine tapfere Haltung am Ende des Krieges (DW, S. 188) erinnere, kann nur ein Böswilliger etwas von Dauerpolemik entdecken.

Auf das nächste Opfer, Max Weber, komme ich unten zu sprechen, aber „Jürgen Habermas und Hans-Ulrich Wehler'' sind hier eine gute Kompensation. In DW, S. 10 habe ich darauf verweisen, wie diese beiden Personen im Historikerstreit die deutsche Westbindung verteidigt haben, und ich habe dazu bemerkt, dass nun ‚eine genauere Definition dieser Westbindung' nötig wird. Auch dieses hat wohl nichts mit Polemik zu tun. Anscheinend ist Rusinek ganz erschrocken über diese vorsichtige Bemerkung, da er später (S. 1162, Punkt 3) sein Staunen darüber noch nicht verloren hat.

Endlich kommen auf S. 1159 zwei Figuren, Lademacher und Ditt, und ein Projekt. Mit diesen Figuren habe ich in der Tat in DW eine Dauerpolemik gehabt und sehe nun, da ich mit GNW konfrontiert bin, wie richtig das war. Kein einziges meiner zahlreichen Argumente wird von Rusinek genannt, und er bringt seinen Text denn auch in die klassische Form einer unsachlichen Auseinandersetzung: Schweige dich aus über Argumente, aber mobilisiere möglichst heftige Emotionen.

Bleibt übrig der ominöse SFB 235. Erneut erzählt Rusinek nicht, worum es mir geht, sagt auch nicht, was evtl. falsch sei oder wundert sich gar, solche DFG-finanzierten Projekte im heutigen Deutschland vorzufinden. Ich möchte hier auch darauf verweisen, dass ich – bevor ich meinen Text publiziert habe – den Sprecher des SFB 235 brieflich informiert habe (was Rusinek natürlich unterlassen hat), jedoch bis heute keine Antwort erhalten habe. Rusinek behauptet hier nun ganz unverfroren, dass an diesem Projekt „Derks' Hauptthese abzuleiten'' ist: „Die der direkten Kontinuität von imperialistischen Optionen aus der Zeit des Ersten Weltkrieges [...] bis hin zur ‚heutigen Westforschung' zum Beispiel eines Horst Lademacher.'' (S. 1159; kurs. von R.). Als Beweis verweist er nach DW, S. 53f., aber gerade in diesem Punkt muss Rusinek den Weg völlig verpasst haben. Denn am angegeben Ort wird z.B. über eine Nicht-Kontinuität zwischen von Below und Aubin und über eine extreme Kontinuität in Frings’ persönlichem Werdegang geschrieben: während des Ersten Weltkriegs schrieb Frings schon im Rahmen der deutsche Flamenpolitik, danach hat er die Nazi-West- und Ostforschung (maßgeblich und oft fanatisch) mitentwickelt um sich ab 1945 in der DDR für genau dasselbe Programm (maßgeblich und oft fanatisch) einzusetzen. Man kann diese bemerkenswerte Kontinuität kaum verneinen, aber es wird zugleich deutlich, dass historische Kontinuitäten weit vielschichtiger und komplexer sind, als Rusinek und andere Autoren in GNW anzunehmen bereit sind. Da hilft die Manipulation von Zitaten und Beweisen nicht weiter. Anhand von DW, S. 239 wo ich eine Zusammenfassung meiner Studie beginne und auch den Versuch unternehme diese komplexe Sicht auf eine mögliche Kontinuität zu definieren (wofür ich DW, S. 239-243 benötigte!), zitiert Rusinek wiederum nur eine kleine Passage, um so zu tun als sei es der größte Unsinn der Welt, ohne mit einem Wort zu erklären warum das so wäre.

So kreiert er den nächsten falschen Beweis auch wieder mit einem falschen Zitat als er (S. 1160, erster Satz) eine „direkte Linie'' (von R. kursiviert) konstruiert zwischen Lademacher, einem „explizit als SS-Historiker firmierenden Franz Petri'' (das steht nirgends in DW, auch wenn ich herausarbeite, dass Petri immer freundlicher gegenüber der SS auftrat, und dass ist schlimm genug, selbstverständlich argumentiert R. nicht dagegen), einem „altbewährte(n) Forschungsimperialismus''. Dieses „altbewährte'' - wichtig in Kontinuitätsgeschichten - ist aber gar kein Zitat von mir, wie Rusinek suggeriert, sondern von der AWLV, wie auf DW, S. 209 eindeutig nachzulesen ist. Auch Ditt hat anscheinend bedauert, dass er dieses zitiert hat (siehe seine Rezension in H-Soz-u-Kult) und ich es zu den Belegen einer bestimmten Kontinuität rechnen konnte.

Wie Rusinek meine so genannte „Hauptthese'' verdreht zu etwas, das ''in der Substanz unverändert fortwirkt'' (S. 1160), demonstriert nicht nur, welche merkwürdigen Lesegewohnheiten hier im Spiel sind, sondern auch eine absurde Vorstellung von Kontinuität, denn natürlich existiert kaum ein Phänomen, das unverändert fortwirkt. Er demonstriert dies weiter mit faktisch falschen und nicht in DW vorzufindenden Gedanken, als ob ich diese so genannte unveränderliche Substanz „auf zwei ideologische Hauptmerkmale des Nationalsozialismus [...] Antikommunismus/Kalter Krieg und Europa-Ideologie'' zurückgeführt habe! Von einer „Europa-Ideologie'' kann man hier nicht reden und sicher nicht als „Hauptmerkmal'' des Nationalsozialismus (wohl aber von einer ‚Neuordnung Europas’ als zentralem deutschen Kriegsziel ab Sommer 1940). Vielmehr hätte Rusinek auf die Passagen in DW, S. 209-215 über die erneute Wichtigkeit der Abendland-Ideologie hinweisen können, aber dabei hätten Kontinuitätsgedanken wohl zu sehr an der Oberfläche kommen müssen!

Wir sind dabei, der Leser wird es kaum glauben, erst auf der zweiten Seite der Kritik des Professors für Neuere und Neueste Geschichte in Düsseldorf angelangt. Wenn einer seine eigene Integrität und die des Projektes, an dem er teilnimmt, ruinieren will, ist das seine Sache. Es dient jedenfalls keinem weiteren Zweck, mit der Auflistung hier fortzufahren. Leider muss ich noch zwei sog. Kritiken Rusineks abhandeln, die diese Affäre wohl in eine ganz bedenkliche Richtung rücken.

Erstens handelt es sich um meine Verwendung eines Max Weber Zitats gleich am Anfang des ganzen Buches (DW, S. 13). Rusinek macht darüber drei (!) Seiten lang Lärm mit der These: „Die Max-Weber-Deutung ist unseriös, bewegt sich nahe an der Fälschung und betrifft aus drei Gründen keine Marginalie [...]'' (S. 1162). Für jemanden, der sich intensiv mit Weber auseinandergesetzt hat, sind dies schwere Beschuldigungen. Worum geht es? „Immer wieder'' habe ich „von ‚Max Webers Eroberungsprojekt' '' gesprochen und geschlussfolgert, „das von Weber geäußerte Denken habe ’Einfluss auf den Verlauf des Zweiten Weltkrieges genommen.'“ Wenn man Rusinek's Fußnote 117 und 118 aufsucht bemerkt man, erstens, dass er sich „Eroberungsprojekt'' aus den Fingern gesogen hat, da ich von ‚EroberungsOBJEKT' geschrieben habe und, zweitens, hat er den Satz vor ‚Einfluß [...] genommen' weggelassen, wodurch eine ganz andere Bedeutung entsteht. Dort steht nämlich der Kontext, wonach man Webers Rat von 1915/16, man hätte besser Holland als Belgien angreifen sollen, nicht gefolgt war, usw. Wer fälscht hier eigentlich, Herr Rusinek? Und auf S. 1163, wo der Vorwurf wiederholt wird?

Was ich nach Rusinek gefälscht habe, ist schwer zu entdecken. Aus seiner Fußnote 115 ist zu entnehmen, dass er – merkwürdig genug - eine andere Quelle verwendet als ich für das Weber-Zitat, nämlich die Potsdamer Internet Ausgabe von Weber's Schriften. Er glaubt nun etwas anderes entdeckt zu haben, aber leider ergibt der Vergleich beider Texte, dass sie völlig identisch sind.

Es geht aber um mehr als einen Zitatenvergleich. Weber argumentiert an dieser Stelle in einer knallharten realpolitischen Art und Weise zu der Frage, was für Deutschland im Ersten Weltkrieg besser sei als eine Zweifrontenkrieg mit Russland und den Westmächte (also: wenn Deutsche Krieg mit Russland führen, sollte mit dem Westen Friede gehalten werden und umgekehrt). Nur in diesem Kontext kann man positive/freundliche oder negative/aggressive Äußerungen Webers über Belgien, Holland, Russland usw. beurteilen. Hätte Rusinek sich die Mühe gemacht, hier als Historiker zu kontextualisieren, dann hätte er bald entdeckt, dass diese Weber’sche Denkschrift Teil war einer ganze Welle von Annexionsdenkschriften, die sehr viel aggressiver waren als seine, wenn man etwa an die Denkschrift des deutschen Generalgouverneurs in Belgien, General von Bissing denkt. Ohne Berücksichtigung dieses Sachverhaltes bezichtigt mich Rusinek, dem Leser einen agressiven Weber anstatt eines freundlichen vorgetäuscht zu haben. Damit hätte ich dann einen fantasierten Weg von Weber in „direkter Linie'' zur SS usw. geöffnet. Das kleine Manöver soll abermals zeigen, wie „hysterisch'' ich mich benommen habe.

Der zweite Fall ist nicht nur für mich inakzeptabel, sondern wohl auch für das ganze GNW-Projekt desaströs. Auf Seite 1161 beansprucht Rusinek das Recht zu bestimmen, wer Westforscher sein darf oder nicht, und schreibt unter anderem: „Franz Petris Bedeutung wächst bei Derks ins Monströse, indem ihm untergeschoben wird, er hätte geplant, ‚die Wallonen zu eliminieren'.'' (Kursivierung von Rusinek). Nicht nur die Tonhöhe verrät, dass wir es hier mit einer ganz dramatischen Szene zu tun haben. In DW, S. 195 ist möglichst detailliert eine Rekonstruktion (nicht mehr und nicht weniger; DW, S. 197) eines SS-Holland-Plans gegeben. Auf Grund allerhand neu aufgefundener, aber unvollständiger Akten wurde u.a. die Möglichkeit von Petri's Beteiligung an dieser Planung untersucht. Die Implikationen einer solchen SS- Planung könnten schrecklich sein, wie aus den Ostforschungs-Studien ebenfalls hervorgegangen ist. Eine Seite dieser Akten mit Petri's Name ist in Original reproduziert (DW, S. 201), aber wie beweiskräftig meine Unterlagen auch waren, meine Formulierungen in diesen Passagen blieben vorsichtig.

Rusinek's Verurteilung, ich habe etwas „untergeschoben'', ist eine knallharte Beleidigung, die ich nicht akzeptieren kann; Was er hier als mein Zitat anführt („die Wallonen zu eliminieren'') ist mittels seiner Fußnote 108 nicht zu finden und wo diese Worte dann tatsächlich verwendet wurden (DW, S. 202) sind sie Teile einer Frage, die sich jeder Forscher hier gestellt hätte! Dazu kommt, dass die implizite Beschuldigung, ich hätte Petri monströser Taten bezichtigt, nicht nur Teil der wüsten Polemik gegen mich ist, sondern auch eine flagrante Verneinung der SS-Taten in dieser Art Planungen impliziert.

Rusinek geht in seiner Verharmlosungsarbeit noch weiter, wenn er die NS-Arbeit Petris, Aubins und Steinbachs für die Expansion des ‚Dritten Reichs' überhaupt abzustreiten sich bemüht, da man „solch eine Absicht nicht einmal den Westforschern während der Blitzkriegseuphorie 1940 in toto unterstellen könne[n].''! Es kommt sogar auf der Website des Institut für geschichtliche Landeskunde in Bonn nicht mehr vor, dass Urheber Steinbach gefeiert wird, während Rusinek ihn in Schutz nimmt: Steinbach's Texten „zeigen ihn als Reaktionär, aber nicht als Nationalsozialisten'' (S. 1177); Kategorien wie Raum, Rasse, Stamm und Volk hatten wohl überhaupt keine Bedeutung für Steinbach, und Juden waren ihm anscheinend unbekannt. Rusinek plaudert hier viel über allerhand Texte aus dem Jahr 1940, aber – man wundert sich nach Kenntnis seines Vorgehens kaum noch - der damals Bekannteste wird von Rusinek verschwiegen: Steinbach's Rede während der ‚Kundgebung in der neuen Aula der Universität, Mittwoch den 26. Juni 1940, 12.15 Uhr pünktlich, aus Anlaß des Waffenstillstandes mit Frankreich’. Es spricht Prof. Dr. F. Steinbach über: ‚Der geschichtliche Sinn des Waffenstillstandes mit Frankreich' (von der braunen Uni Bonn als 20. der Kriegsvorträge von 1940 veröffentlicht). Schon auf den ersten beiden Seiten stolpert man über Stämme bis zum 'nordischer Rassenmerkmale'; nach dem Ausruf ‚Der Kampf um den Rhein ist zu Ende!' schließt er ab mit der Anbetung des Führers und Duces, ‚die die Verantwortung für die Neuordnung Europas übernommen (haben) [...] Daß die nationalen Gefahren der Reichspolitik sich nicht wiederholen, dafür bürgt uns die völkische Führergestalt Adolf Hitlers.' Es ist möglich, dass es keine ‚Juden-Texte' von Steinbach gibt, aber es ist schändlich genug dass Rusinek und überhaupt kein Autor in GNW ‚Juden -Texte' von Petri (DW, S. 110-113) berücksichtigt.


Eine Raketen-Laufbahn ohne Ziel und Ende

Dietz, Burkhard; Gabel, Helmut; Tiedau, Ulrich (Hg.): Griff nach dem Westen. Die 'Westforschung' der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919–1960). Münster: Waxmann Verlag 2003. ISBN: 3-8309-1144-0; 1260 S.; 2 Bände

Rezensiert von: Otto Dann, Historisches Seminar, Universität zu Köln

Konfrontiert mit einem solchen Megawerk, sucht man zunächst nach Orientierungen über das Ganze, um nicht sofort unterzugehen in der Fülle der Texte und Kontexte.

Man beginnt zu zählen: Das Werk umfasst mehr als vierzig Beiträge, dazu eine ausführliche Einleitung der Herausgeber und einen Anhang, der kaum Wünsche offen lässt (Register der Personen, der Institutionen und Zeitschriften, Zusammenfassungen in Englisch und – besonders gelungen – in Französich, schließlich eine Bio-Bibliografie der Autoren).

Die Themen der insgesamt 42 Beiträge können folgendermaßen quantifiziert werden: je ein Viertel der Beiträge ist einem einzelnen Historiker bzw. einer geschichtswissenschaftlichen Institution gewidmet, wiederum ein Viertel der Artikel befasst sich mit „Westforschung“ in anderen Disziplinen, schließlich behandeln jeweils 6 Beiträge „Westforschung“ generell oder lediglich deren Rahmenbedingungen.

Was kann über die 42 Autoren quantifizierend festgestellt werden? Ihre Geburtsjahrgänge verweisen auf Altersstufen vom 28. bis zum 94. Lebensjahr! Es erscheint sinnvoll, sie in drei Alterskohorten zu gliedern: die über 53-Jährigen: sie machen ein Drittel der Autoren aus, sodann die Jahrgänge 1950-1965: die knappe Hälfte aller Autoren! schließlich die Jüngeren ab dem Jahrgang 1966 – noch gut ein Fünftel der Beiträger. Es kann demnach gewiss nicht gesagt werden, dass sich mit dieser Publikation eine neue, junge Historiker-Generation zu Wort meldet. Auffällig ist eine Häufung der 1950er-Jahrgänge unter den besonders engagierten Beiträgern. - Fragt man nach den Fachdisziplinen der Autoren, zählt man 27 Historiker, das sind zwei Drittel der an dem Projekt Beteiligten. Daneben stehen sechs Sprachwissenschaftler, fünf Sozialwissenschaftler, zwei Kunsthistoriker und eine Archäologin.

Wie ist dieses Megawerk als Publikation zu verstehen, zu klassifizieren? Das Etikett „Handbuch“ bietet sich an, denkt man an den Umfang, an die Aufschließung seiner Materien durch Register, an den Titel, der „die Westforschung“, scheinbar einen ganzen Forschungszweig, ankündigt. Die Herausgeber bezeichnen ihr Werk aber lediglich als „Sammelband“. Das ist keine falsche Bescheidenheit. In der Tat würde man im Falle eines Handbuchs eine systematisch befriedigende Gliederung vermissen, auch eine von inhaltlichen Kriterien geleitete Auswahl und eine interne Vernetzung der Beiträge. Der Umfang der Aufsätze variiert zwischen 13 und 79 Seiten! Allein 14 Aufsätze gehen weit über das übliche Limit von 30 Seiten hinaus, was dem Rezensenten nur in drei Fällen als gerechtfertigt erscheint. In der Tat, ein Sammelband. Man gewinnt den Eindruck, es wurde gesammelt und genommen, was angeboten wurde und den eigenen Standarts entsprach. Dreimal hat man auch Reprints präsentiert – warum? (und warum ist Michael Fahlbusch nicht in der Lage, die Übernahmen aus seinem Hauptwerk offen zu legen?) Wenn man am Schluss der Einleitung liest, dass eine Fortsetzung geplant ist, warum hat man diesen Sammelband zu einer Größe anwachsen lassen, die zu Problemen führt?

Hinter einem Vorhaben dieses Umfangs steht in der Regel eine Institution, ein Projekt-Antrag mit anschließender Förderung, eine Serie von Tagungen oder Ähnliches. Nicht hier! Wir haben es vielmehr mit der Initiative einer kleinen Gruppe Gleichaltriger zu tun, zu der neben den erstgenannten Herausgebern auch der Referent des Landschaftsverbands Rheinland, der am Ende der Einleitung erwähnte Georg Mölich zu rechnen ist. Seit der Aufsehen erregenden Debatte über „Ostforschung“ und das Verhalten deutscher Historiker im Zweiten Weltkrieg waren sie beseelt von der Idee, mit den gleichen Intentionen nach Westen zu schauen. Sie fanden Unterstützung bei Gerhard Brunn in Siegen, besonders aber bei Horst Lademacher in Münster, der – schon am Ende seiner Dienstzeit stehend – das Projekt zu seiner Sache machte. Lademacher lud zu einem Planungsgespräch nach Münster ein, vermittelte den Verlag sowie weitere Hilfen. Er ließ das Werk schließlich in seiner Duisburger Reihe „Studien zur Geschichte und Kultur Nordwesteuropas“ erscheinen – in auffälliger Diskontinuität zu Münster, wo das Institut inzwischen in andere Hände übergegangen war.

Über den Titel habe man lange diskutiert, liest man zu Beginn der Einleitung - doch das Resultat kann nicht überzeugen. Immerhin ist der Titel eines Buches sein Ladenschild - da sollte man (als Autor) genau sein und (als Leser) nicht alles hinnehmen.

Mit dem Obertitel „Griff nach dem Westen“ sind die Herausgeber – bewusst – ein hohes Risiko eingegangen. Was diese Formel im Anschluss an das Buch Fritz Fischers suggeriert, steht jedoch quer zu dem, was etwa Lademacher in seinem Eröffnungsbeitrag für die Gesamtepoche 1919 bis 1960 herausarbeitet. Ist es wirklich sinnvoll und sachgerecht, die Aggression zum Leitbegriff des deutschen Verhaltens gegenüber den westlichen Nachbarn in diesen vierzig Jahren zu machen?

Auch der Untertitel ist mehrfach problematisch. „Die Westforschung“, dieser kompakte Begriff gibt mehr vor als er halten kann – darauf wird zurück zu kommen sein. Sodann: Was ist mit „den völkisch-nationalen Wissenschaften“ gemeint? Wissenschaften, die ihren Namen verdienen, können nicht völkisch oder national sein. Das Kompositum völkisch-national ist zudem widersprüchlich, denn das Völkische steht mit seiner ethnischen oder rassistischen Fundierung quer zur politischen Nation. Schließlich: Der „nordwesteuropäische Raum“ – die Probleme einer solchen Formulierung liegen auf der Hand.

Die Publikation enthält eine Fülle interessanter Beiträge über die Beneluxländer aus der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft und ihren Nachbardisziplinen. Für eine qualifizierte Urteilsbildung über dieser Arbeiten wäre es allerdings notwendig, das gesamte Spektrum der einschlägigen Fachliteratur ins Auge zu fassen, vor allem aber: Vergleiche zu ziehen zu der zeitgleichen Fachliteratur in anderen Sprachen und Kulturen. Erst durch ein solches Vergleichen qualifiziert sich historisches Urteilen, und dem steht hier eine erstaunliche „nationale“ Engführung entgegen.

Warum wird die hier untersuchte Fachliteratur stereotyp mit dem Etikett „Westforschung“ versehen und außerdem durch Anführungsstriche auf Distanz gesetzt? Eine akademische Begriffstradition liegt dem kaum zu Grunde, eher wohl das Anliegen der Herausgeber, eine problematische deutsche Tradition kritisch nachzuweisen. Motivierender Hintergrund war die politisch-moralisch erhitzte Situation innerhalb der Intelligenz nach dem Frankfurter Historikertag 1998. „Ostforschung“ war damals in aller Munde, und Willi Oberkrome hatte in seiner viel beachteten Dissertation (1993) bereits „Ostforschung“ und „Westforschung“ parallelisiert. So konnte Burkard Dietz bereits 1999 in „Geschichte im Westen“ die forschungsstrategischen Konsequenzen ziehen – es wurde eine „invention of tradition“ nach bekanntem Muster, wenn auch begrenzt auf das Sozialmilieu der deutschen Intelligenz. Fragt man danach, in welchem Umfang die Autoren auf die Vorgabe der Herausgeber eingegangen sind und tatsächlich mit dem Begriff „Westforschung“ arbeiten, zählt man vierzehn einschlägige Beiträge. Die überwiegende Mehrheit hat demnach den programmatischen Leitbegriff eher gemieden. Von einer Diskussion über diesen Punkt ist nichts zu erfahren. Eine ungeklärte Situation.

Den 42 Beiträgen im Einzelnen gerecht zu werden, ist nicht möglich. So seien drei von ihnen herausgegriffen. Zunächst der einleitende Aufsatz von Horst Lademacher, der den Versuch unternimmt, eine kontuinuierliche politische Relevanz der Geschichtsschreibung zum Westen nachzuweisen – der Begriff „Westforschung“ wird konsequent vermieden. Indem er ausführlich auf die westdeutsche Nachkriegszeit eingeht, setzt Lademacher einen Akzent gegenüber der sonstigen Fixierung auf den Nationalsozialismus. An zwei Stellen verweist er auf Franz Petri, seinen verehrten akademischen Lehrer, den er in seinem Institut durch einen eigenen Archivraum präsent hielt. Petri ist der am meisten erwähnte und kommentierte „Westforscher“ dieser Publikation. Die große Chance, die sich bot, im Abstand zu den Nachrufen von 1993 und eingehend auf die seitdem vor allem von Karl Ditt geleistete biografische Forschung, nun einen Beitrag zur Gesamteinschätzung dieses exemplarischen westdeutschen Historikers in der Mitte des 20. Jahrhunderts zu leisten, diese Chance hat Horst Lademacher nicht wahrgenommen.

Klaus Pabst gibt mit seiner neu erarbeiteten Darstellung über den Kölner Mediävisten Gerhard Kallen einen guten Einblick in das nationalistische Denken und das praktische Verhalten eines Vertreters der Oberschicht des rheinischen Katholizismus, der zum Nationalsozialismus und seiner Westpolitik durchweg nur Anschlüsse herstellen und Parallelitäten entwickeln konnte. In seiner unspektakulären Normalität ist dieser Fall besonders aufschlussreich.

Schließlich der Aufsatz von Bernd Rusinek, der das zentrale Thema der Publikation eigenständig und stilistisch genial angeht. Am Leitfaden des Bonner Instituts für Geschichtliche Landeskunde formuliert er eine ideologisch entkrampfte Definition von „Westforschung“, die bei ihm auch die stereotypen Anführungszeichen verliert, setzt in der Frage der geistesgeschichtlichen Kontinuität neue Akzente, nimmt eingehend zur Forschungsliteratur Stellung und endet mit der für viele Institutionen unserer Disziplin bedenkenswerten Metapher einer Raketen-Laufbahn, die jedoch weder Ziel noch Ende finden kann. Mit diesem Beitrag findet das Megawerk einen bemerkenswerten Abschluss.

Ende gut – alles gut?


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