Band 6 • 2005 | ISBN 3-86004-189-4 | "Westforschung" |
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Methodische Innovation trotz politischer Instrumentalisierung?
Martina Pitz Ein Blick aus der germanistischen Mediävistik auf die Quellen und Methoden der historischen Kulturraumforschung
Soll es in den historischen Wissenschaften zu einem Erkenntnisfortschritt kommen, so sind dazu – das hat der in Hamburg lehrende Mediävist Hans-Werner Goetz einmal sehr treffend formuliert
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– mindestens vier Voraussetzungen nötig: das Auftauchen neuer Quellen bzw. die Wiederentdeckung von alten, die einer neuen Interpretation zugeführt werden; neue methodische Zugänge, die einen tieferen Einblick gestatten; neue Fragestellungen und Themenbereiche, und schließlich vielfältige Anregungen aus den Nachbarwissenschaften und die Pflege interdisziplinärer Kontakte. Damit sich der Funke entzündet, bedarf es in der Regel besonders günstiger Konstellationen, in denen sich solche Faktoren bündeln: neue Fragen bedingen die Suche nach neuen Quellen, die zumindest teilweise mit anderen Methoden und im Austausch mit anderen Disziplinen ausgewertet werden. Insgesamt aber zeichnet sich die Geschichtswissenschaft wie alle Kulturwissenschaften nicht dadurch aus, dass die Methoden zwangsläufig immer besser werden und dadurch in jedem Fall zu sichereren Ergebnissen führen. Man wird vielmehr davon ausgehen müssen, dass sie sich als Reflektoren gesellschaftlicher Prozesse und politischer Diskurse jeweils zeitgemäß weiterentwickeln. Schon von daher ist es nicht nur legitim, sondern sogar unbedingt notwendig, im Zuge der Selbstreflexion der Fächer über ihren Standort und ihre Ziele die Frage nach dem innovativen Potential eines bestimmten methodischen Ansatzes unmittelbar mit der nach seiner Zeitgebundenheit zu verknüpfen.
Wie kaum eine andere wissenschaftliche Richtung der Zwischenkriegszeit erhebt die historische Kulturraumforschung den Anspruch, methodisch innovativ zu wirken durch ein wissenschaftliches Programm, das – in dieser Deutlichkeit und Konsequenz zum ersten Mal – das Schlagwort der Interdisziplinarität auf seine Fahnen schreibt. Sie bedient sich des Konzepts des Kulturraums und – vielleicht noch wichtiger – der Kulturgrenze, die zusammengenommen (um bei der Terminologie der Zeit zu bleiben) das Kulturganze ergeben sollen, als Vergleichshorizont für die Analyse sprach- und kulturgeschichtlicher Prozesse. Dabei geht man durchweg von heutigen Raumkonstituenten aus, denen man sich mit Hilfe von Daten anzunähern versucht, die von anderen Wissenschaften bereitgestellt werden. Dass die wichtigsten Datenlieferanten (Siedlungsgeografie, Sprachgeografie, Volkskunde, usw.) auf der synchronen Zeitebene arbeiten, wird nolens volens in Kauf genommen. Relativ schnell versucht man diesem Manko dann allerdings auch dadurch abzuhelfen, dass Daten aus historisch orientierten Disziplinen wie Kunstgeschichte, Archäologie und Onomastik, die auf Grund eines disparaten Forschungsstandes vor der Erstellung großräumiger Verbreitungskarten meist noch zurückschrecken, von den Kulturraumforschern selbst speziell für ihre Forschungsanliegen gesammelt werden. Dass man sich als Fachfremder kaum den sicheren Blick erwerben kann, der für eine adäquate Beurteilung dieser Materialien notwendig wäre, wird ebenfalls akzeptiert; hier soll die quantitativ-statistische Methode eine unvermeidliche Unsicherheitsmarge aushalten können. Zusammengetragen werden unter diesen Prämissen physisch-geografische Daten (Klima, Boden), historisch-geografische Daten (Kirchenprovinzen, Territorialentwicklung), sprachgeografische Daten (Verbreitung von Lauterscheinungen, Kontrastierung synonymer Wörter), volkskundliche Daten (Speisen am Heiligen Abend, Verbreitung des Nikolauskults), usw. Aufgabe des Historikers soll es nun sein, historische Begründungen für die entstehenden Raumbilder zu finden. Wie selbstverständlich geht man dabei von der Prämisse aus, dass die gegenwärtige Lagerung politisch-rechtlicher und kultureller Phänomene im Raum auf zum Teil längst zerrissene historische Einheiten zurückweisen muss. Die immer wieder konstatierte Kongruenz von Territorialgrenzen, Mundart- und Brauchtumsgrenzen wird zum Abbild kulturgeschichtlicher Großraumbewegungen, die Isoglossen selbst zu Demarkationslinien, an denen ein regelrechter Kampf gegensätzlicher Kulturströmungen zur Entscheidung gelangt. Auch eine historisch gewachsene Dichotomie der Regionen und der Kulturen, und damit zwangsläufig auch von ‚eigener’ und ‚fremder’ Kultur, wird als gegeben vorausgesetzt.
Die Historiker unter den ‚Kulturraumforschern’ spinnen also die aus vielen Richtungen zusammenlaufenden Fäden weiter und führen sie zu großen Synthesen zusammen, die aus ihrer Sicht Allgemeingültigkeit und überregionale Verbindlichkeit beanspruchen können. Der Erkenntnisfortschritt soll sich dabei gleichsam von selbst einstellen, weil die Absicherung der Einzeldaten nach vielen Seiten automatisch den Aussagewert der Ergebnisse potenziert und damit eine Dynamisierung der wissenschaftlichen Diskussion provoziert. Als geradezu revolutionär soll sich das Verfahren zur Erhellung historischer Prozesse erweisen, über die in schriftlichen Quellen, die ja das eigentliche Handwerkszeug des Historikers sind, wenig oder nichts berichtet wird – sei es, dass es für eine bestimmte Fragestellung zusammenhängende Quellenserien nicht gibt und man mit disparaten Einzelbefunden auskommen müsste; sei es, dass die zu analysierenden Vorgänge in einer historischen Epoche angesiedelt sind, aus der kaum schriftliche Überlieferung erhalten ist. Damit versteht es sich nahezu von selbst, dass die vorgeschlagenen Methoden vor allem bei der Erforschung der dark ages der Völkerwanderungszeit und des Frühmittelalters zur Anwendung kommen.
Dass die Sprachwissenschaft der Kulturraumforschung dieser Prägung von Anfang an intensiv zugearbeitet hat, lässt sich leicht erklären, denn die Beschäftigung mit der germanischen Frühzeit hat in den Philologien von deren Anfängen an ein zentrales Gewicht. Das Germanenbild der Historiker wird nicht zuletzt vom Stand der Erforschung der germanischen Sprachen bestimmt
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; man denke nur an die aus den Philologien stammende klassische Gliederung in Nord-, West- und Ostgermanen. Hier bestehen also lange Traditionen des Dialogs, an die Franz Steinbach in seinen die historische Kulturraumforschung begründenden „Studien zur westdeutschen Stammes- und Volksgeschichte“ anknüpfen konnte. Er selbst verschweigt das keineswegs. Im Gegenteil, er betont sogar ausdrücklich, dass seine eigentlichen Ideengeber aus der Sprachwissenschaft kommen. Überhaupt sei die Sprachentwicklung der wichtigste Angelpunkt, unter dem man die Dynamik der Kulturbewegungen betrachten müsse. Ich zitiere Steinbach: „Unter der Lupe exakter Wissenschaft“ – und damit meint er die Erhebung von Sprachdaten mittels Questionnaire und Enquête – „hatten sich die Dialektgrenzen schon lange in sehr bewegliche Wort- und Lautlinien aufgelöst. Das bedeutete nichts Besonderes, wenigstens für die Historiker, solange die Erklärung dafür in autonomen Sprachgesetzen gefunden wurde. Erst als die Dialektgeografie einwandfrei dargetan hatte, dass die sprachliche Entwicklung abhängig ist von der Geschichte des Landes, dass die Sprache von den politischen, kirchlichen, wirtschaftlichen Schicksalen der Sprecher beeinflusst ist, musste der Historiker aufhorchen“.
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Denn er konnte nicht umhin zu konstatieren, dass die ‚Stämme’, auf deren historisch prägender Kraft die völkische Kulturbewegung des wilhelminischen Reiches so ausdrücklich bestanden hatte, weil sie darin biologische Abstammungsgemeinschaften sah
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, unter diesen Voraussetzungen zu in ständigem Wandel begriffenen historischen Entitäten geronnen. Wenn sich Dialektgrenzen nicht mit Stammesgrenzen in Einklang bringen ließen, dann könne man auch von Stämmen nicht mehr reden, sondern müsse an – ich zitiere – „rassische und kulturelle Einheiten“ denken, die „durch politischen Zusammenschluss sich entwickelt haben“. Mit biologischen Rassen hätten sie nichts zu tun, sie seien vielmehr „eine Schöpfung der politischen Verbände und nicht irgendwelcher mystischer Bluts-, Kult- und Lebensgemeinschaften“. Damit seien sie vor allem wandlungsfähig: Kulturzentren und Verkehrsströme späterer Zeiten könnten ältere Zustände immer wieder überdecken; und es sei das vorrangige Ziel einer „wirklichen Volksgeschichte“, solche Überschichtungsvorgänge transparent zu machen und durch sukzessives Abtragen der jüngeren Straten zu den Anfängen zurückzukommen.
Man stellt mit einem gewissen Erstaunen fest, dass das nach 1945 so hochgehaltene Verdienst der Einführung einer dynamischen Sichtweise und der damit verbundenen methodischen Innovation von Steinbach ausdrücklich den Philologen, speziell der Dialektgeografie der so genannten Marburger Schule
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zugeschrieben wird. Auch das viel gepriesene Postulat der Interdisziplinarität bedeutet weniger den konstruktiven Dialog mit den Nachbarwissenschaften, der im übrigen in der traditionellen Historiografie nicht zuletzt wegen deren ausdrücklicher Berufung auf Sprache, Recht, Bildung und Religion fest verankert war, als vielmehr den recht ungenierten Zugriff auf deren Daten und Methoden. Der Erschließung neuer Quellen schließlich, auch dies im wissenschaftlichen Rückblick hoch gelobt, steht – das wird man zumindest notieren müssen – der weitgehende Verzicht auf historisches Quellenstudium im eigentlichen Sinne gegenüber. Wirklich neu scheint also vor allem die Organisation eines programmatischen Disziplinenverbundes und der Anspruch, den Historiker damit verknüpfen; und neu ist zweifellos auch der geradezu euphorische Optimismus, allein durch die Kombination von Karten das Rad der Geschichte zurück drehen zu können.
All dies wird man im Auge behalten müssen, wenn man die im Rahmen der wissenschaftsgeschichtlichen Aufarbeitung der ‚Westforschung’ wohl entscheidendste Frage zu beurteilen hat, ob hier trotz der unübersehbaren Nähe zur Volkstumsideologie des „Dritten Reiches“ epistemologische Grundlagenarbeit geleistet wurde, und ob es damit gerechtfertigt ist, dass man nach 1945 zwar bestimmte forschungsleitende Begriffe (‚Volkstum’, ‚Lebensraum’, ‚Rasse’, usw.) austauschte, ansonsten aber unter Beibehaltung der erprobten Methoden an den gewonnenen Grundeinsichten festhielt und diese zum Teil auch im Sinne einer ‚positiven Grenzgeschichte’ uminterpretierte. Klären lassen sich solche Probleme erst nach einer kritischen Analyse der wichtigsten Werke der Kulturraumforschung, die fachliche und wissenschaftsgeschichtliche Perspektiven zusammenführt. Dies gilt insbesondere für das wissenschaftliche Hauptwerk des derzeit exponiertesten Vertreters dieser Forschungsrichtung, für Franz Petris Germanisches Volkserbe nämlich, denn der Legitimationseffekt des Buches für expansionistische Bestrebungen nationalsozialistischer Politik ist unbestreitbar.
Vorwiegend auf der Grundlage von Ortsnamen und archäologischen Funden, aber auch unter Zuhilfenahme von Daten aus der so genannten ‚Rassenforschung’, befasst sich Petri mit der Genese der deutsch-französischen Sprachgrenze und deutet dabei den gesamten nordfranzösischen Raum bis zur Loire als durch die Landnahme der Franken begründetes sprachliches und ethnisches Mischgebiet, das erst durch spätere ‚Kulturbewegungen’, durch ‚Entmischung’ und ‚Ausgleich’, zu seiner heutigen Romanität zurückgefunden hätte. Er rechnet für diesen Raum mit einer mehrere Jahrhunderte währenden Zweisprachigkeit und einer fränkisch-romanischen Kultursymbiose – der Begriff hat Furore gemacht –, die selbst durch die spätere Romanisierung der westlichen Franken kein wirkliches Ende gefunden hätte. Kommunikationssprache dieses ethnischen Melting-Pots zwischen Loire und Rhein soll nämlich ein mit germanischen Wörtern und germanischem Sprachempfinden stark durchsetztes Latein gewesen sein, dessen Fortsetzer, das spätere Altfranzösische, sich gerade durch den Grad seiner germanischen Beeinflussung von den südlich der Loire gesprochenen okzitanischen Varietäten deutlich unterscheide.
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Diese Sicht der sprach- und siedlungsgeschichtlichen Verhältnisse des frühen Mittelalters, die den Franken unter der Merowingerdynastie eine herausragende Rolle als politische Weichensteller einer eigentlich europäischen Geschichte zugestand, löste schon kurz nach Erscheinen des Buches eine in kritischen Stellungnahmen und Forschungsberichten dokumentierte, bis heute nicht abreißende Diskussion auch über die inhaltlich-methodischen Prämissen aus. Schon wegen seiner enormen Wichtigkeit für essentielle Probleme der fränkischen Sprach- und Siedlungsgeschichte bedarf das von Petri gebotene Material dringend einer gründlichen Überprüfung nach methodischen Maßgaben, die den unterschiedlichen Perspektiven aller beteiligten Disziplinen – Germanistik, Romanistik, mittellateinische Philologie, Archäologie, Siedlungsgeschichte, Siedlungsgeografie – Rechnung tragen und zudem überlieferungsgeschichtliche Probleme sehr viel stärker berücksichtigen. Denn obwohl Petri vergleichsweise viel publiziertes Quellenmaterial gesichtet und auch die bis dato vorliegende Literatur recht gründlich verarbeitet hat, war schon die kaum überschaubare Größe des von ihm gewählten Untersuchungsraumes eine Fehlerquelle par excellence: von den zahlreichen Irrtümern, die ihm unterlaufen sind, gründen viele in einer unzureichenden Kritik des nicht eigens überprüften oder durch selbständige Archivarbeit ergänzten Quellenmaterials. Teilweise wird auch zu bewussten Pauschalisierungen gegriffen; und in älterer Literatur noch durchaus artikulierte Zweifel werden stillschweigend beiseite geschoben. Doch auch in seinen etymologischen Deutungen ist Petri, der immerhin auch studierter Germanist gewesen ist
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, vor zahlreichen geradezu erschreckenden Irrtümern nicht gefeit. Bisher scheint die Archäologie, zumindest was die kritische Kommentierung der Quellen anbelangt, in der Auseinandersetzung mit diesem Buch am weitesten fortgeschritten zu sein. Schon zu Beginn der 1940er-Jahre hat Hans Zeiss Petris Vorstellung einer flächendeckenden fränkischen Siedlung bis zur Loire mit stichhaltigen Argumenten zurückgewiesen
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; schon er rechnete mit in Siedlungsabsicht präsenten Franken nur noch bis zur mittleren und unteren Seine. Nach den Untersuchungen der Saarbrücker Archäologin Frauke Stein
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hebt sich das Totenritual dieser Gruppen von den Bestattungssitten der romanischen Bevölkerungsmehrheit in charakteristischer Weise ab und erlaubt Einblicke in die chronologischen Dimensionen dieser fränkischen Siedlung
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und die in beide Richtungen verlaufenden Akkulturationsprozesse.
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Vor allem konnte Frauke Stein am Beispiel des Gebietes zwischen Ardennen und Pfälzer Wald bzw. Vogesen – jedenfalls aus meiner Sicht einleuchtend – zeigen, dass man sich die fränkischen Siedlungsinitiativen im Nordosten der Galloromania nicht – wie es lange, und deshalb auch bei Petri, beherrschende Vorstellung der historischen Forschung war – als einen von breiten bäuerlichen Schichten getragenen, sich gleichsam in Wellen vollziehenden Landnahmeprozess vorzustellen hat.
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Sie lassen sich vielmehr nur punktuell fassen, wobei Angehörige der Oberschichten – am ehesten auf königliche Landzuweisungen hin – als Impulsgeber zu vermuten sind.
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Aus kleinen Siedlungszellen hätten sich nach diesem Modell durch Binnenkolonisation etwas größere Einheiten entwickelt, in denen Gefolgsleute germanischer und romanischer Herkunft in auf Grund des auch heute noch nicht ausreichenden archäologischen Forschungsstandes zumeist nicht genau bestimmbaren Anteilen gemeinsam siedelten.
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In
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der französischen Romanistik und Onomastik werden Petris Thesen dagegen kraft der Autorität des ihnen zeitlebens zuneigenden Walther von Wartburg, des Autors des monumentalen Französischen etymologischen Wörterbuchs, zum Teil noch immer zu unkritisch rezipiert, während sich in Deutschland mit Ernst Gamillscheg
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und Harri Maier schon bald sehr kritische Stimmen erhoben. Auch in der Germanistik hat die Quellenkritik die Diskussion monopolisiert, so dass man in Fragen der Methodenkritik über Anfänge nicht hinausgekommen ist. Immerhin sind die umfangreichen Belegsammlungen belgischer Namenforscher in der erklärten Absicht erfolgt, eine tragfähige Materialgrundlage für eine Überprüfung der Thesen Petris zu vorzulegen. Nach heutiger Einschätzung liegt die gravierendste methodische Schwäche des Buches darin, dass für die vor allem mit Ortsnamen arbeitenden Rekonstruktionsversuche eines mutmaßlichen fränkischen Siedlungsraums auf ein ganzes Bündel von Argumenten zurückgegriffen wird, die zum Teil bis heute ernsthaft diskutiert werden müssen, zum Teil aber auch längst mit guten Gründen zurückgewiesen wurden. Reliktnamen rein germanischen Charakters werden mit anderen Namentypen vermengt, die als genuin romanische Bildungen anzusprechen sind; mit Lehnwörtern gebildete sekundäre Siedlungsnamen werden von eigentlichen Reliktnamen nicht sauber geschieden. Eine solche Vermischung von Unzusammengehörigem muss bei der siedlungsgeschichtlichen Interpretation zwangsläufig zu einer Verzerrung des Gesamtbilds führen. Vor allem aber wird man einen anderen tragenden Pfeiler in Petris Argumentationsgebäude neu bewerten müssen, die Idee nämlich, dass das heutige Namenbild Nordfrankreichs, wo sich Ortsnamen mit unzweifelhaft germanischer Etymologie nur ganz vereinzelt finden, erst durch Ausgleichsprozesse großen Stils und Rückübersetzung zahlreicher ehemals germanischer Namen zustande gekommen sei. Anhand der Verhältnisse im westlichen Lothringen ließ sich zeigen, dass man sich den Prozess der Namenvergabe und Namenadaptation in diesen ehemals bilingualen Regionen ganz anders vorstellen muss, als Petri dies vorgab, denn bei archäologisch erwiesener gemischtethnischer Siedlung haben offensichtlich beide Ethnien die die Landschaft gestaltenden geografischen Objekte mit jeweils eigenen Namen benannt: es entstanden die so genannten Namenpaare, die die unmittelbaren Sprachgrenzgebiete bis heute prägen und mit denen man – in welchem Umfang auch immer – wohl auch in den heute romanischsprachigen Landschaften rechnen muss. Beim Übergang zur Einsprachigkeit überlebten von diesen Dubletten allerdings nur die der obsiegenden Sprache zugehörigen, also die romanischen Partner; die fränkischen Dubletten gingen mit den westfränkischen Varietäten unter. So ist wohl wirklich damit zu rechnen, dass im Zuge der Romanisierung der westlichen Franken fränkische Ortsnamenbildungen obsolet geworden sind. Auch wenn man an dem nicht unproblematischen Begriff des ‚Ortsnamenausgleichs’ festhält, sind solche Vorgänge aber mangels geeigneter schriftlicher Quellen weder empirisch beschreibbar noch siedlungsgeschichtlich deutbar. Anhand von Ortsnamen nachzuweisen und auch chronologisch interpretierbar sind im Grunde nur die insgesamt sehr seltenen eigentlichen Sprachinseln, in denen es aus sorgsam zu eruierenden historischen Gründen zu einer kompakteren fränkischen Ansiedlung kam. Dass eine solche Bevölkerungssituation aber entgegen Petri in Nordfrankreich nicht die Regel war, haben archäologische und philologische Einzelstudien sicher erwiesen. So hat sich in der Gesamtschau zwar der von fränkischer Zusiedlung betroffene nordostfranzösische Raum und auch die Zahl der als fränkisch geltenden Siedlungsrelikte erheblich reduziert; keinesfalls aber wird man zu Ansichten zurückkommen können, die die fränkische Zuwanderung schon knapp jenseits der heutigen Sprachgrenze gestoppt sehen wollen. An Petris Interpretation dieser Grenze als Ausgleichslinie, die sich aus einem bilingualen Raum ganz allmählich herauskristallisiert, wird man im Großen und Ganzen festhalten können.
Auch dieser kurze Streifzug durch die von der Kulturraumforschung verwendeten Quellen hat möglicherweise hoch komplexe, die Fachwissenschaften zum Frühmittelalter seit Jahrzehnten beschäftigende Einzelprobleme ungebührlich vereinfacht. Ohne die Argumentationsmuster der Kulturraumforscher imitieren zu wollen, für die das Ziel stets – ich zitiere Petri – „den eingeschlagenen, nicht ganz ungefährlichen Weg rechtfertigen sollte“
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, hätte er dennoch seinen Zweck erfüllt, wenn es gelungen wäre, deutlich zu machen, dass moderne Mediävistik – auch und gerade, wenn man sie mit dem Anspruch der Interdisziplinarität betreibt – über weite Strecken eine Demontage der großen Synthesen ist, die man dem revolutionären Impetus bestimmter methodischer Ansätze zu verdanken glaubte. Die Kulturwissenschaften sind heute selten in der Lage, fertige und unverbrüchliche Ergebnisse vorzulegen; weit eher zerstören sie die Sicherheit überkommener Vorstellungen und warnen damit vor einer Selbstüberschätzung der eigenen Zeit. Große Worte und einfache Formeln wie die vom ‚Kulturraum’, vom ‚Volkstum’ und von der ‚Nation’ wurden zu Recht bezichtigt, „an dem Unglück des 20. Jahrhunderts Mitschuld“
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zu tragen, und von den Exzessen der Kulturraumforscher hat sich speziell die sprachhistorische Reflexion über das Frühmittelalter lange nicht erholt. Überwinden lassen sie sich durch einen inzwischen auch nicht mehr so neuen interkulturellen Ansatz, der dem Verlust allgemein akzeptierter Überzeugungen von Sinn und Ziel der Geschichte konstruktive Umwertungen und nicht zuletzt die Überwindung nationaler Enge entgegensetzt und – über spätere Sprach- und Territorialgrenzen hinweg – ältere Kommunikationsräume zu rekonstruieren versucht.
[1] Goetz, Hans Werner, Moderne Mediävistik. Stand und Perspektiven der Mittelalterforschung, Darmstadt 1999, S. 9.
[2] Vgl. Wenskus, Reinhard, Über die Möglichkeit eines allgemeinen interdisziplinären Germanenbegriffs, in: Beck, Heinrich (Hg.), Germanenprobleme in heutiger Sicht, Berlin 1999, S. 1-21; Pohl, Walter, Die Germanen, München 2000, bes. S. 45ff.
[3] Steinbach, Franz, Studien zur westdeutschen Stammes- und Volksgeschichte, Jena 1926, S. 5.
[4] Dazu jetzt zusammenfassend Puschner, Uwe, Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache – Rasse – Religion, Darmstadt 2001.
[5] Hinweise dazu in allen Handbüchern zur Dialektologie und zur Sprachgeschichte des Deutschen; die prägnanteste Zusammenfassung in der jüngeren Literatur findet sich wohl bei Barbour, Stephan; Stevenson, Patrick, Variation im Deutschen. Soziolinguistische Perspektiven, Berlin 1998, S. 67-78.
[6] Zu diesen Thesen jetzt zusammenfassend Pitz, Martina, Zentralfranzösische Neuerungs- und nordöstliche Beharrungsräume – Reflexe der Begegnung von fränkischer und romanischer Sprache und Kultur?, in: Haubrichs, Wolfgang; Jarnut, Jörg (Hgg.), Akkulturation. Probleme einer germanisch-romanischen Kultursynthese in Spätantike und frühem Mittelalter, Berlin 2004; Dies., Romanisch-germanische Sprachbeziehungen: Galloromania, in: Lexikon der germanischen Altertumskunde 23 (2003).
[7] Dass das Volkserbe aus der Feder eines Historikers, nicht eines Germanisten stammt, steht freilich trotz gelegentlicher anderslautender Aussagen innerhalb der jüngeren Romanistik (vgl. z. B. Schmitt, C., La Romanisation de la Vallée de la Moselle. Le témoignage des noms de lieux, in: Kremer, D.; Monjour, A. (Hgg.), Studia ex hilaritate. Mélanges de linguistique et d’onomastique sardes et romanes offerts à Monsieur Heinz-Jürgen Wolf, Strasbourg 1996, S. 469-477, hier S. 469) außer Zweifel.
[8] Vgl. Zeiss, Hans, Die germanischen Grabfunde des frühen Mittelalters zwischen mittlerer Seine und Loiremündung, in: 31. Bericht der römisch-germanischen Kommission 1941, 1. Teil, Berlin 1942, S. 5-34. Ob sich Zeiß durch diese Arbeit, von der er ausdrücklich betont, sie zum „besseren Verständnis eines geschichtlichen Vorganges“ geschrieben zu haben, der „die Entwicklung Europas bestimmt hat: die Ausbreitung der Germanen im frühen Mittelalter und die Bildung der neuen Völker, welche die Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit getragen haben“ (S. 6), auch als Kritiker einer politischen Instrumentalisierung des Petri’schen Ansatzes für eine Neuordnung Europas unter Führung des nationalsozialistischen Deutschland (vgl. dazu z. B. den bei Derks, Hans, Deutsche Westforschung. Ideologie und Praxis im 20. Jahrhundert, Leipzig 2001, S. 267ff. publizierten Text) erweist, ist umstritten. Anders Fehr, Hubert; Zeiß, Hans, Joachim Werner und die archäologische Forschung zur Merowingerzeit, in: Steuer, Heiko (Hg.), Eine hervorragend nationale Wissenschaft, Berlin 2001, S. 311-415.
[9] Stein, Frauke, Die Bevölkerung des Saar-Mosel-Raumes am Übergang von der Antike zum Mittelalter. Überlegungen zum Kontinuitätsproblem aus archäologischer Sicht, in: Archaeologia Mosellana 1 (1989), S. 89-195.
[10] Anders Périn, Patrick, A propos de publications étrangères récentes concernant le peuplement en Gaule à l’époque mérovingienne : la « question franque », in : Francia 8 (1980), S. 536-552.
[11] Dazu jetzt zusammenfassend Stein, Frauke, Kulturelle Ausgleichsprozesse zwischen Franken und Romanen im 7. Jahrhundert. Eine archäologische Untersuchung zu den Verhaltensweisen der Bestattungsgemeinschaft von †Rancy/Renzig bei Audun-le-Tiche in Lothringen, in: Haubrichs, Wolfgang; Jarnut, Jörg (Hgg.), Akkulturation. Probleme einer germanisch-romanischen Kultursynthese in Spätantike und frühem Mittelalter, Berlin2004.
[12] Zusammenfassung der neueren historischen Forschung dazu jetzt bei Werner, Karl Ferdinand, La ‚conquête franque’ de la Gaule. Itinéraires historiographiques d’une erreur, in: Bulletin de l’Ecole des Chartes 154 (1997), S. 7-45.
[13] Dies deckt sich mit den Erkenntnissen der Onomastik, vgl. Haubrichs, Wolfgang, Germania submersa. Zu Fragen der Quantität und Dauer germanischer Siedlungsinseln im romanischen Lothringen und in Südbelgien, in: Burger, Harald u.a. (Hgg.), Verborum Amor. Festschrift für Stefan Sonderegger, Berlin 1992, S. 633-666.
[14] Dazu ausführlich Stein, Frauke, Les tombes d’un chef franc et de sa famille à Güdingen. Considérations sur le rôle de l’aristocratie dans l’implantation franque entre le Meuse et la Sarre, in: Lichardus, Jan; Stein, Frauke (Hgg.), Saarbrücker Studien und Materialien zur Altertumskunde, Bonn 1992, S. 117-144.
[15] Vgl. für das Folgende Pitz, Martina, Franz Petris Habilitationsschrift in inhaltlich-methodischer und forschungsgeschichtlicher Perspektive, in: Dietz, Burkhard u.a. (Hgg.), Griff nach dem Westen. Die „Westforschung“ der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919-1960), Münster 2003, S. 225-246; Dies., Petri, Franz, in: Reallexikon der germanischen Altertumskunde 22 (2002), S. 631-635.
[16] Dass auch der gebürtige Österreicher Ernst Gamillscheg trotz seiner massiven Kritik an den wissenschaftlichen Grundlagen des Volkserbes „seit seiner Jugend ein politisch konservativer Mann und Anhänger großdeutscher Gedanken [war, der] selbstverständlich mit der Rückkehr der Rechten an die Macht zufrieden“ war und sich „politisch in Kreisen [bewegte], die für eine Annäherung oder den möglichen Anschluss Österreichs an Deutschland eintraten“ (Yakow Malkiel, Ernst Gamillscheg (1887-1971) und die Berliner Schule der Romanischen Sprachwissenschaft (1925-1945), in: Trabant, Jürgen (Hg.), Beiträge zur Geschichte der romanischen Philologie in Berlin, Berlin 1988, S. 57-81, hier S. 57, 76), sei immerhin erwähnt. Während des zweiten Weltkrieges war Gamillscheg als Leiter des Deutschen Wissenschaftlichen Instituts in Bukarest wie Petri einer der wichtigsten nationalsozialistischen Funktionsträger im Wissenschaftsbetrieb. Vgl. dazu Hausmann, Frank-Rutger, „Vom Strudel der Ereignisse mitgerissen“. Deutsche Romanistik im „Dritten Reich“, Frankfurt am Main 2001, S. 577ff.
[17] Petri, Franz, Die fränkische Landnahme und die Entstehung der germanisch-romanischen Sprachgrenze in der interdisziplinären Diskussion, Darmstadt 1977, S. 10.
[18] Scheibelreiter, Georg, Die barbarische Gesellschaft. Mentalitätsgeschichte der europäischen Achsenzeit 5.-8. Jahrhundert, Darmstadt 1999, S. 13.
Diskussionsbeitrag
Jörg Hackmann Aus der Perspektive der Beschäftigung mit der „Ostforschung“ drängt sich mir bei der Lektüre der „Symposiums“-Texte ein déjà-vu-Eindruck auf: Die stärksten Impulse zur kritischen Betrachtung der Ostforschung kamen von Wissenschaftlern der von ihr betroffenen Länder, und neben der Beteiligung an der NS-Politik ging es in der Kritik immer auch um die Kontinuität der Ostforschung in Westdeutschland. Die polemischen Beschuldigungen führten bei den betroffenen Wissenschaftlern und Institutionen freilich fast ausnahmslos zu Abwehrreaktionen, die zur Klärung der Sachverhalte wenig beigetragen haben. Zwar waren die Umstände während des Kalten Kriegs andere, aber die Konfliktsituationen und die Nachwirkungen politischer Indienststellung sind zwischen Westforschung und Ostforschung so verschieden offensichtlich nicht.
Wenn man versucht, die in den Forschungs- und Diskussionsbeiträgen zur Westforschung aufgewandte Energie umfassender Quellenrecherchen wie kritischer Polemik für die weitere Diskussion in produktive Bahnen zu lenken, scheinen mir vier Punkte von Bedeutung zu sein:
Erstens wären Ost- und Westforschung, wie von Manfred Hettling angemahnt, genauer zu vergleichen und die Bezüge zwischen ihnen zu rekonstruieren. Dass Hermann Aubin im Kontext der Westforschung im „Griff nach dem Westen“ nicht in einem eigenen Beitrag behandelt wurde, wie ich dem Inhaltsverzeichnis entnehme, ist mit Blick auf seine Rolle in der „Ostforschung“ bedauerlich, um nicht zu sagen erstaunlich. Für einen solchen Vergleich wären dann auch die Reichweite der Paradigmen „Ostforschung“ und „Westforschung“ in den jeweiligen Disziplinen näher zu bestimmen. In der Diskussion über die deutsche Ostforschung hat sich seit langem die Ansicht durchgesetzt, dass es sich hier um ein spezielles Programm der Beschäftigung vor allem mit Ostmitteleuropa handelte, das keineswegs mit Osteuropaforschung deckungsgleich ist. Zukünftig wäre, anknüpfend an eine Überlegung von Manfred Hettling, auch der Singular „Ostforschung“, also die inhaltliche wie organisatorische Kohärenz, noch einmal kritisch zu prüfen, insbesondere mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg.
Zweitens plädiere ich nachdrücklich dafür, die momentan dominierende Perspektive auf Ost- und Westforschung zu verändern. Sinnvoller als die insgesamt doch wenig ergiebigen Versuche, den Ostforschern und Westforschern die Urheberschaft und konkrete Beteiligung an nationalsozialistischen Verbrechen nachzuweisen, ist es, ihre Wirkung im Gesamtzusammenhang der Okkupations- und Vernichtungspolitik eingehender zu untersuchen. Dabei könnte sich herausstellen, dass manche der bisherigen Urteile hinsichtlich der politischen Wirkungen der Ostforschung auf Überschätzung beruhen und dass stattdessen die originären Forschungstätigkeiten und publizistische Aktivitäten zur Propagierung und Legitimierung in den Mittelpunkt der Analyse rücken. Ein solches Vorgehen muss freilich nicht zwangsläufig in Verharmlosung münden; aber die Relevanz der Befunde zu bestimmen, fordert möglicherweise mehr methodologische Anstrengungen, als sie mitunter aufgewandt wurden. Vor allem in diesem Kontext scheint mir die Frage der Fortwirkungen von Ostforschung und Westforschung nach 1945 von Bedeutung. Auch im Fall der Ostforschung ist sie bislang nur ansatzweise erhellt, insbesondere fehlt es an unabhängigen Darstellungen zu den Institutionen.
Drittens erhält für eine solche genauere Analyse der Ostforschungsaktivitäten die kritische Prüfung der Schüsselwerke, wie sie für die Westforschung am Werk Franz Petris vorgenommen wurde, eine neue Bedeutung. Nicht nur für Petris Werk, sondern auch für Werner Conzes und Theodor Schieders Qualifikationsschriften gilt, dass der ihnen zugeschriebene innovative Charakter in signifikantem Widerspruch zum heutigen Wert ihrer Erkenntnisse steht. Dabei interessiert weniger, wie sich dieses Image der Innovation festsetzen konnte, sondern was die rasche Zerfallszeit der Ergebnisse bedingte. Hier wird man nicht umhinkommen, der Einbindung in übergeordnete politische Argumentationszusammenhänge eine zentrale Rolle zuzumessen.
Mein vierter Punkt betrifft schließlich die Untersuchung der jeweiligen wissenschaftsgeschichtlichen wie politischen Diskussionszusammenhänge mit den Wissenschaften in den von der Ostforschung und Westforschung betroffenen Ländern. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die deutsche Diskussion der letzten Jahre praktisch ohne Berücksichtigung der Beziehungen zu den betroffenen Nationen verläuft. Gerade im Fall der Ostforschung ist aber nicht zu übersehen, dass sich ihre Protagonisten in einem kritischen oder polemischen Disput mit Wissenschaftlern der Nachbarnationen sahen, gegen die sie sich und die Interessen Deutschlands vorgeblich verteidigten. Wichtiger als die objektive Berechtigung solcher Wahrnehmungsmuster zu erörtern ist jedoch die Tatsache, dass gerade die Analyse dieser wechselseitigen Beziehungen viel zur Erhellung wissenschaftlicher Forschungs- und politischer Argumentationsstrategien beitragen kann, ging es doch nicht nur darum, dass „Volk“ als eine neue Kategorie der Kulturwissenschaften zu etablieren, sondern vor allem darum, zur Auseinanderersetzung mit dem „Gegner“ die schlagkräftigsten Argumente anzuführen, die mitunter auch sehr konventionell sein konnten.
Manche der hier angesprochenen Punkte werden entstehende Forschungsarbeiten in absehbarer Zeit in ein neues Licht stellen. Der Erörterung bedürfen dagegen insbesondere noch die Verzahnungen der deutschen Ostforschung mit ihren wissenschaftlichen Kontrahenten; das gilt, wie ich der Diskussion entnehme, auch für die Westforschung.
Kontinuität von "damals" und "heute"?
Christian Lübke Unter den zahlreichen Stellungnahmen zu dem Sammelband „Griff nach dem Westen. Die ‚Westforschung’ der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919-1960)“ ist mitunter – mehr oder weniger vehement, auf jeden Fall aber zu Recht – auf die Notwendigkeit eines vergleichenden Vorgehens unter Berücksichtigung der „Ostforschung“ hingewiesen worden. Die Tätigkeit Hermann Aubins in beide Richtungen mag die grundsätzliche Parallelität der Phänomene am plakativsten belegen, doch gab es offenbar auch eine ganze Reihe struktureller Gleichheiten, Beziehungen und gegenseitiger Befruchtungen, die näher zu erforschen wären. Der von D. Derks in seinem Beitrag vom 15.5.2003 aufgefächerte Fragenkatalog, dessen Aufarbeitung er in dem „Griff nach dem Westen“ vermisst, könnte tatsächlich ein geeigneter Leitfaden dafür sein. Dem interessierten, mit den westlichen Pendants der „Ostforschung“ eher weniger vertrauten Historiker, der sich dafür wissenschaftlich auf die Region konzentriert, die Gegenstand der östlichen Volkstums- und Kulturraumforschung war, bewegt vor allem Derks’ Wahrnehmung eines hauptsächlichen Zieles des Sammelbandes, nämlich, „den Beweis dafür anzutreten, dass von einer irgendwie gearteten Kontinuität zwischen ‚damals’ und ‚heute’ keine Rede sein könne“. Muss man daraus im Umkehrschluss folgern, dass es demjenigen, der den „Beweis antreten“ will, um die Verschleierung der Kontinuität geht?
Die persönliche Betroffenheit durch die hier aufgeworfenen Fragen erklärt sich folgendermaßen: Seit 1996 existiert in Leipzig ein „Geisteswissenschaftliches Zentrum für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas“, und in diesem wiederum ein „Arbeitsgebiet“, das den programmatischen Namen „Germania Slavica“ trägt. Es handelt sich um eine Bezeichnung, die in Nachbildung zu dem von Theodor Frings in den 1920er-Jahren geprägten Begriff „Germania Romana“ entstand – also im weiteren Umfeld der „Westforschung“. Es gibt noch viel konkretere Beziehungen: „Germania Slavica“ wurde von Wolfgang H. Fritze geprägt, einem Schüler von Walter Schlesinger, und dieser war ein Schüler von Rudolf Kötzschke, dem Leiter des Seminars für Landesgeschichte und Siedlungskunde an der Leipziger Universität, dessen Affinität zu der von den Nazis instrumentalisierten Ostforschung besonders in seinen Arbeiten zur „Ostkolonisation“ hervortrat. Und die „Germania Slavica“-Forschungen erscheinen noch heute deswegen als innovativ, weil sie die Forderung von West- und Ostforschung nach Interdisziplinarität (damals: Transdisziplinarität) praktiziert: Geschichtswissenschaft einschließlich ihrer siedlungskundlichen (auf Orts- und Flurformen) und siedlungsgeografischen (auf die Entstehung von Kulturlandschaft ausgerichteten) Spezialisierungen, Linguistik (Namenkunde) und Archäologie arbeiten hier eng zusammen. Mit Blick auf die Untersuchungsobjekte, die Arbeitsstrukturen und die Forschungstraditionen existiert also durchaus eine Kontinuität zwischen „damals“ und „heute“. Wer dies will, wird sogar in der von Fritze 1980 formulierten Reichweite von „Germania Slavica“ einen – den 1920er und 1930er-Jahren ähnlichen - revisionistischen (im Sinne eines Anspruchs auf die ostdeutschen, an Polen verlorenen Landschaften) Ansatz erkennen können, insofern er auf die „im historischen Sinne ostdeutschen (bzw. ostmitteldeutschen) Länder [...] Mecklenburg, Pommern, Westpreußen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Schlesien“ abzielte.
Man könnte weitere „Kontinuitäten“ aufzählen. Sie sind nicht zu leugnen, sondern im Gegenteil zu thematisieren und zu erforschen. Doch auch die Brüche zwischen „damals“ und „heute“ sind offensichtlich: Sie liegen schon in der wissenschaftlichen Ausbildung der ersten Repräsentanten von Germania Slavica, die – im Gegensatz zu ihren „völkischen“, die slavischen Kulturen weitgehend marginalisierenden Kollegen – die Kenntnis slavischer Sprachen erwarben und das Prinzip „Slavica non leguntur“ durchbrachen, womit sie den Schlüssel zum Verständnis der historiografischen Traditionen und der Forschungserfolge der polnischen und tschechischen Kollegen, zur „Verwissenschaftlichung“ (Klaus Zernack) der eigenen Forschungsansätze in Händen hielten. Wolfgang H. Fritze, Herbert Ludat und Heinrich Felix Schmidt (letztere als Schüler des Berliner Slavisten Max Vasmer) wären hier zu nennen, die allesamt von der Slavistik und osteuropäischen Geschichte her ihr Interesse an der slavischen (vordeutschen) Frühzeit entdeckten und auf dieser Basis die hochmittelalterliche Kolonisation thematisierten – als eine Epoche der sozialen, rechtlichen und ökonomischen Vereinheitlichung Europas, der Angleichung der slavischen, ungarnländische und baltischen Länder an den lateinischen Westen. Auf diesem Hintergrund wollte Fritze „Untersuchungen zu der wechselseitigen Durchdringung von slawischem und deutschem Ethnikum im Bereich der mittelalterlichen deutschen Ostsiedlung“ durchführen, wozu er 1978 an der FU Berlin eine Arbeitsgruppe „Germania Slavica“ ins Leben rief, an die das gleichnamige Leipziger Forschungsprogramm anknüpft.
Es gibt aber noch ein zweites Element der aktuellen „Germania Slavica“-Auffassung, das der Slavenforschung der DDR entstammt, die einer eigenen traditionskritischen Aufarbeitung wert wäre. Vom Westen her wegen der Einbindung in die sowjetisch bestimmte Forschungslandschaft des Ostblocks mit einigem Misstrauen beobachtet, konnte die DDR gerade in den Nachbardisziplinen der Geschichtswissenschaft, in Archäologie und Onomastik, die größten Erfolge erzielen. Das wirkte durchaus befruchtend auf die Bundesrepublik zurück, wo man ebenfalls umfangreiche archäologische Grabungen im ehemals slavischen Siedlungsgebiet (Starigard-Oldenburg in Ostholstein, Spandau in West-Berlin) durchführte. Solange zwei deutsche Staaten existierten, unterschieden sich somit die auf die Slaven in Deutschland ausgerichteten Untersuchungen zwar terminologisch und räumlich (in der DDR endeten sie konsequenterweise an Oder und Neiße), in der praktischen Arbeit aber waren sie gar nicht so weit voneinander entfernt. Das Leipziger Arbeitsgebiet hat hier auch (gegen manche Widerstände) personell zu einer Vereinigung beider Forschungsansätze beigetragen. Im Rahmen des Leipziger Ostmitteleuropa-Zentrums und seiner vom Frühmittelalter bis zur Jetztzeit reichenden Forschungsprojekte besteht nun die Chance, die älteren Fragestellungen nach dem kulturellen Vorrang der einen oder der Primitivität der anderen Seite zu überwinden und interdisziplinäre, vergleichende Siedlungsgeschichte in einer sprachlichen und ethnischen Kontaktzone durchzuführen. Erkenntnisse über die dort ablaufenden Prozesse (Rezeption der anderen Sprache, Hybridisierung bestimmter Stile und Moden, Synkretismus, Transfer und Umformung bestimmter Kenntnisse in Kultur und Alltagsleben) können im Weiteren auf andere, ähnlich strukturierte Regionen des Mittelalters (in der Phase der hochmittelalterlichen Kolonisation), aber auch auf andere historische Perioden übertragen werden. Wenn – gewissermaßen als ein Nebenprodukt dieser Forschungen – sich auch in der breiteren Öffentlichkeit das Wissen über die Existenz eines slavischen Anteils an der deutschen Geschichte etabliert, wird damit ein Effekt erreicht, den die Vertreter der Ostforschung gerade zu verhindern suchten.
Die irreführende Interdisziplinarität der völkischen und der NS-Geschichtsforschung
Klaus Popa Manche Beiträge des Symposiums zur „Westforschung“ räumen der Kontroverse um die „Interdisziplinarität“ der völkischen und NS-Geschichtsforschung einen breiten Raum ein. Die Befürworter dieser Art „Interdisziplinarität“, befinden, sie sei durchaus positiv, obwohl sie von den zur „Volks-„ , „Kulturboden-„ und „Kulturraumforschung“ mutierten „Landeskunden“ herkommt. Es handele sich um einen Fortschritt, selbst um „Modernität“. Die Kritiker halten dagegen, dass die von der völkischen und NS-Geschichts“-Wissenschaft“ kultivierte „Interdisziplinarität“ in expansionistischen, raumplanerischen Zielsetzungen und im Völkermord ausartete, weshalb sie zu verdammen und abzuweisen sei. Die ideologischen und politischen Wurzeln des umstrittenen Diskussionsobjekts fanden im Für und Wider des Symposiums hingegen nur andeutungsweise Beachtung.
Bei näherer Betrachtung erweist sich nämlich, dass die zur Diskussion stehende „Interdisziplinarität“ sowohl genetisch, wie auch inhaltlich, also diskursmäßig einer Weltsicht entwuchs, die sich selbst und ihre geistigen Produkte als einmalig betrachtete. Diese „Einmaligkeit“ wurde von Begrifflichkeiten getragen, die um die ausschließlich-ausschließenden Ideologeme wie „deutsch“, „Deutschtum“, „Volk“, „deutsches Volk“ kreisten. Dieser gesamte Komplex des politisch-kulturellen Exklusivismus, der kulturimperialistischen Arroganz, Ächtung, Ausgrenzung bis hin zur moralischen, materiellen, schließlich auch physischen Ausschaltung war von Anbeginn ideologisch fundiert und lieferte die Vorbedingung für die massive Politisierung und politische Instrumentalisierung der Geisteswissenschaften. Die bis zum Fanatismus gehende Deutschzentriertheit begünstigte eine Haltung der Ausschließlichkeit und des Ausschluss, die alle Lebensbereiche via ideologischer Gleichschaltung erfasste. Es ist deshalb angebracht, ernsthafte Zweifel zu äußern an der wissenschaftlichen Solidität und an der „Modernität“ der aus geistiger und sozialer Vereinheitlichung schöpfenden „Interdisziplinarität“. Sie ist das ausschließliche Produkt des systematischen über den Kamm Scherens, der Entmündigung, des in das Prokustes-Bett der völkischen, dann der NS-Ideologie Zwängens und Nötigens einer Vielzahl von Kulturfakten. Die hier angemeldeten Bedenken berücksichtigen die Folgen der zunächst deutschnationalistischen, dann deutsch- und germanisch-nordisch-rassistischen Einschränkung und Filterung komplexer Kulturerscheinungen und -äußerungsformen durch die engen Maschen der götzenhaft angebeteten und deshalb allmächtigen Eckbegriffe „Deutschtum“ und „Volk“. Die einschlägigen Konsequenzen theoretischer und praktischer Natur innovativ und modern einzustufen, ist mehr als problematisch.
So begründete und auf diese Weise funktionierende „Interdisziplinarität“ kam in keiner Weise dem zugute, was man sonst als Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit versteht, sondern ausschließlich dem bereits im „völkischen“ Horizont vorherrschenden, zur Monotonie und fanatischen Fixierung auf das „Deutschsein“ verkümmerten Kulturverständnis. Dieser Zustand wurde dann in der NS-Zeit durch expliziten und tätlichen Rassismus auf den Höhepunkt getrieben. Der un- und gründlich antiwissenschaftliche Irrationalismus erlebte einen bislang unbekannten Höhenflug.
Es genügt folglich nicht, Interdisziplinarität bei diesem oder jenem in der West- oder Ostforschung tätigen Historiker festzustellen und ihre Präsenz lautstark zu verkünden. Es besteht nämlich die Notwendigkeit, diese Interdisziplinarität nach dem Gehalt an rationeller Wissenschaftlichkeit abzuklopfen, wodurch auch das Ausmaß an unwissenschaftlicher Irrationalität ermittelt werden kann. Alles, was um den mystifizierten Begriffskomplex des „deutschen Volkes“ kreist, zählt zu letzterem Bereich. Es ist daher recht schwierig, Texten, die völkischer und rassistischer Exklusivität verhaftet sind, etwas an Rationalität und damit an Wissenschaftlichkeit, also auch an wissenschaftlicher Interdisziplinarität abzugewinnen. Das ideologische und politisch motivierte Niederreißen von Grenzen in den Humanwissenschaften, so wie es der völkische und NS-Horizont praktizierte, das Durcheinander und Vermengen wissenschaftlicher Bereiche, welche das von völkischer und NS-Seite verpönte positivistische Wissenschaftsverständnis mit zwingender Strenge voneinander scheidet; die wissentliche Zerstörung autonomer Wissensbereiche, die vorsätzliche Beseitigung des für die rational organisierte und funktionierte Wissenschaft unabdingbaren Zwischenspiels sonst gesonderter Bereiche täuscht Interdisziplinarität nur vor. Man ist mit einem betörenden Phänomen konfrontiert, das zu seiner Zeit ideologische und politische Illusionen nähren sollte und das zudem diesen oder jenen zeitgenössischen Interpreten in den Bann seiner verfälschenden, verzerrenden und fiktionalen Strickmuster zieht. Die völkische und NS-„Interdisziplinarität“ sollte deshalb als Mythos, als Phantasiegebilde gelten, so wie das von ihr gesponnene Bezugsgeflecht deutschzentrierter Kulturfakten sich durch Realitätswidrigkeit, Unechtheit und Irrwitzigkeit auszeichnet.
Fazit: An der „Interdisziplinarität“ des monologisch angelegten völkischen und NS-„Wissenschafts“-Diskurses bleibt eine problematische Zweilichtigkeit hängen, weshalb ihr keine Wissenschaftlichkeit, keine Modernität bescheinigt werden sollte.
Der Missgriff nach dem Westen Kann eine konfrontative Wissenschaftsgeschichte die Basis für einen Vergleich von Ost- und Westforschung bieten? Ingo Haar Der von Dietz/Gabel/Tiedau herausgegebene Sammelband „Griff nach dem Westen“ dokumentiert eine Umschau offenbar wichtiger Arbeiten zur „Westforschung“, dem Pendant der Ostforschung.
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Was ist an dieser Wissenschaftsgeschichte des Nationalsozialismus interessant, dass die neuen Erträge in diesem neuen Forschungssektor so intensiv diskutiert werden? Noch besser als die erste Frage, wie soll das Verlangen gedeckt werden, ist die zweite danach, was der neue Schub zur Erforschung der „Westfrage“ als Angebot für komparativ angelegte Synthesen auf den Tisch legt? Der gute Eindruck, den der Band allein schon aufgrund des Einbezugs eines sehr breiten Spektrums an unterschiedlichen Autoren und Inhalten auf den ersten Blick hinterlässt, verliert sich nach der Lektüre des Vorwortes und des abschließenden Artikels rasch. Ein alter Gaul wird zu Schanden geritten, nämlich die These, die Volksgeschichte habe als Kulturraum- und Volkstumsforschung bis in die Gegenwart innovativ gewirkt.
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Das muss nach den neuesten wissenschaftshistorischen Arbeiten über die Wissenschaften im Nationalsozialismus verwundern. Was bedenklicher wiegt, ist die Aussparung einer neuen analytischen Perspektive in der Wissenschaftsgeschichte der Westfrage, durch welche die „Ostforschung“ hinlänglich aufgeschlossen wurde.
Die Analyse der Ostforschung basiert auf der Frage, in welchem Wechselverhältnis Wissenschaft und Macht zueinander stehen.
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Diese im internationalen Kontext keinesfalls isoliert dastehende Frage, war unter deutschen Historikern so einschlagend, weil wissenssoziologische Fragestellungen in ihrem Fächerkanon weder Pflicht noch Kür gewesen waren. In der deutschen Geschichtswissenschaft überwogen bis vor einigen Jahren fröhliche Jubiläumsschriften, lobende Nachrufe und eingängige, aber methodisch veraltete Fach- und Institutionsgeschichten. Mit der Beschreibung und Analyse der Ostforschung gelang es in den letzten Jahren, die Historiografiegeschichte insgesamt auf eine neue wissenschaftliche Basis zu stellen.
Gerade neuere Forschungen richteten das Interesse nicht mehr nur auf die Paradigmengeschichte von Dogmen und Heuristiken einzelner Wissenschaftler oder Denkschulen, sondern erschließen mit Erfolg die Praxisfelder von Sozial- und Kulturwissenschaftlern in Verbindung mit der Politik. Diese Forschungsrichtung analysiert zunehmend die Operationalisierung wissenschaftlichen Wissens in den Politikfeldern. Damit schreibt sie selbst ein Stück der Gesellschafts- und Kulturgeschichte, die aus der Engführung der alten Zeitgeschichte à la Hans Rothfels, Theodor Schieder und des Schüler-Kartells weit hinausweist. Es geht um die Frage nach der wissenschaftlichen Konstruktion des Fremden in den völkischen bzw. rassistischen Forschungsprogrammen des 20. Jahrhunderts, aber auch um die Anwendungen dieses Wissens in den großen Schüben ethnischer Säuberungen und Zwangsmigrationen. Diese Forschungen können einfach mehr leisten als die alten ideologiekritischen Studien, die lediglich die dogmatischen Selbstdarstellungen von Sozial- und Kulturwissenschaftlern aus den kompetetiv aufeinander bezogenen Nationalstaaten nachgehen.
Die neuen Wege der Forschung setzten sich in den späten 1990er-Jahren nicht mit, sondern gegen die Vertreter der Innovationstheorie durch. In dem Maße, wie erkannt wurde, dass der moderne nationalsozialistische Staat über bevölkerungspolitische Expertisen verfügte, büßte der alte Denkansatz stark an Plausibilität ein, die wichtigsten Innovationen der Geschichtswissenschaft nach 1945 seien ausgerechnet auf die Kulturraum- und Volkstumsforschung der 1930er-Jahre zurückzuführen. Schließlich holte sich der NS-Staat die Expertisen und Legitimationen seiner Politik aus der „Volksgeschichte“, was kein Zufall war. Dieses Forschungskonzept beruhte im Grunde ebenso wie die NS-Ideologie auf der wertrationalen Prämisse, das Fremde vom Eigenen abzugrenzen, sei es durch ethnische Segregation oder Vernichtung der als fremd erachteten Bevölkerungsgruppen. Auch Willi Oberkrome, der ursprünglich die Selbstdarstellung von Hermann Aubin aus der Frühzeit der Bundesrepublik übernahm, der Fächerkanon der Volksgeschichte habe die Nachkriegsgeschichtswissenschaft innovativ befruchtet, beurteilt die Wirkungsgeschichte der „Volksgeschichte“ inzwischen skeptischer. Er sieht die Volksgeschichte deutlicher mit einer nationalsozialistischen Variante der Modernisierung verbunden.
Fraglos markierte das Nachdenken über die „Schieder-Denkschrift“ die Wende zur neuen wissenschaftshistorisch orientierten Zeitgeschichte. Dort, wo früher vage von einer „Expertokratie“ gesprochen wurde, sind inzwischen die vielfältigen Denkzentren des NS-Staates untersucht, wo politisches Handeln sprachlich kanonisiert und der Zugriff auf ethnisch missliebige Bevölkerungsgruppen modellhaft durchgespielt wurde. Wissenschaft und Politik, gemeint sind die nationalsozialistischen Brain-Trusts und die mit ihnen verbundenen Abteilungen aus der politischen Administration unterhalb der Reichsminister und Gauleiter, funktionierten arbeitsteilig und waren erfolgsorientiert wirkende Teilbereiche des NS-Staates. Das Wechselspiel konnte nur funktionieren, wenn beide Subsysteme aufeinander abgestimmt waren. Die Politik machte sich aus den politischen Expertisen schlau. Wissenschaftler probierten im Modell aus, was später umgesetzt werden sollte. Auch dann, wenn Sie daraus nicht direkt Nutzen zogen, richteten Reichsministerien, regionale Herrschaftszentren oder Besatzungsverwaltungen einzelner Gaue oder Protektorate das von ihnen eingeholte Expertenwissen gegen andere konkurrierende Stellen ein, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Der sozialen und politischen Grenzziehung in der Sozialtechnik des Einschließens und Ausschließens gingen immer wissenschaftliche Konstruktionen voraus, wie das Fremde identifiziert und vom Eigenen zu trennen sei. Dort. wo die Politik die Expertise ignorierte oder gar nicht erst einholte, setze sie zumindest auf die dogmatische Konstruktion des Fremden in rassistischer Absicht auf.
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Die fraglichen Historiker der Ostforschung wirkten mitnichten in einem vom Führer aufgezwungenen Rassenkrieg, sondern schalteten sich initiativ in konkrete Politikfelder ein, so zum Beispiel in der Siedlungs- und Vernichtungspolitik in Polen oder der damaligen Sowjetunion. Wissenschaft im Nationalsozialismus funktionierte, weil ihre Expertise im Rahmen des Interventionsstaates gefragt wurde. Und der nationalsozialistische Interventionsstaat funktionierte, weil er auf einer Verwaltungstätigkeit aufbaute, die größtenteils auf Expertenwissen basierte. Die Geistes- und Sozialwissenschaften haben es geschafft, ihre Ordnungsmodelle auf die politische Agenda zu setzen.
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Allein das macht es analytisch unmöglich, sich nur auf veröffentlichte Texte zu stützen. Dieses Ergebnis wird durch den Befund gestärkt, dass einzelne Wissenschaftler selbst zu Funktionären im SD oder in der Volksdeutschen Mittelstelle der SS wurden,
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wo sie ihre Anbindung an die Wissenschaft nicht verloren haben. Damit wären für eine Wissenschaftsgeschichte, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzen will, die wichtigsten heuristischen Prämissen abgesteckt.
Der erneute Abdruck der Artikel von Marlene Nikolai-Panther oder der nur gekürzte Wiederabdruck des Forschungsstandes von Karl Ditt im Sammelband, der bereits im letzen Jahrhundert für die Westforschung nach Franz Petri eine Lanze brach, hat diesen Paradigmenwechsel hingegen noch nicht nachvollzogen. Für letzteren stellen sich die Forschungen Petris zur Sprach- und Kulturraumgrenze nicht als ethnografische Konstrukte dar, um veränderbare politische Grenzen zu markieren. Sie gelten ihm als ein Beispiel geglückter Heimatforschung. Heimatforschung eben, die sich tief hinter der französischen Grenzlinie für die Gräber und Überreste „eigener“ germanischer Bevölkerungsgruppen aus der Frühzeit der Völkerwanderung interessierte, um sie als kulturelles Germanenerbe für die Grenzplanung der NS-Politik einzusetzen. Dabei wurde im Gegenzug die Bedeutung der vermeintlich ethnisch anders strukturierten Siedler französisch-romanischer Herkunft für diese Region abqualifiziert bzw. negiert.
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Diesen rassistischen Erklärungsansatz über die Zeit nach 1945 hinaus als wegweisend zu bezeichnen, ruft mit Recht das aufgeklärte Denken der europäischen Nachbarn auf den Plan. Natürlich kann man diese freiwillige Traditionsbegründung der Münsteraner Provinzforschung als das sehen, was damit zwar ausgesprochen, aber nicht intendiert war: Die gute alte Wissenschaft mit der neuen in Verbindung zu bringen, ohne Königsmord zu betreiben.
Es brauchte immerhin fast zehn Jahre Forschung,
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bis ein inzwischen nicht mehr ganz so junger Sozialwissenschaftler aus Holland sich redlich über diese Art der Traditionsziehung gewundert hat. Mehr noch. Er zog naiv den Schluss, wenn Volks- und Kulturraumforschung in der deutschen Wissenschaftsgeschichte als innovativ bezeichnet wird, dann werden sich die alten Wissenskerne noch immer in den heutigen Forschungsansätzen finden. Selbstverständlich wird dieser schlichten Traditionszuweisung ebenso schlicht entgegengehalten werden müssen, dass dieses Wissenschaftskonzept tief im Nationalsozialismus verstrickt war. Hans Derks konnte ja nicht ahnen, dass die Münsteraner Wissenschaftsgeschichte gar nicht das Ziel verfolgte, mit der Auslobung Franz Petris eine Aktualisierung seiner ethnozentrischen Perspektive vorzunehmen.
Die Befunde, die Hans Derks vorlegt, stellen für die Münsteraner Provinzialgeschichte mitnichten eine Bedrohung dar.
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Der polemische, mitunter aber auch erfrischend ironische Unterton der Arbeit ist einfach zurückzuweisen. Ist Hans Derks aber deshalb gleich zu unterschätzen? Wissenschaftsgeschichtlich sind seine Befunde in zweierlei Hinsicht relevant. Erstens liefert er mit der Hypothese, es habe einen Großhollandplan der SS gegeben, in dem ebenso wie im besetzten Polen die Umsiedlung von zigtausenden Menschen nicht-deutschfreundlicher Gesinnung eingerechnet war, einen zentralen Baustein für einen Vergleich zwischen West- und Ostforschung. Es gab gegenüber Holland, Belgien und Frankreich durchaus Pläne von Grenzziehungen und ethnischen Säuberungen, nur wurden sie aus taktischen Gründen von deutscher Seite temporär zurückgestellt. Zusätzlich erfahren wir aus Hans Derks Studie einiges über das eugenische Versuchslaboratorium deutsch-niederländischer Sozialhygieniker um Eugen Fischers Kreis, sowie über den Wissenstransfer zwischen dem Deutschen Reich und der niederländischen Kollaboration in Raumplanung, inklusive der aktiven Auslese unerwünschter Bevölkerungsgruppen.
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Offenbar hielten sich diese NS-Kontakte bis weit nach 1945.
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Die inhaltliche Herausforderung dieser Erkenntnisse ist von der Münsteraner Forschergruppe nicht gerade neugierig aufgenommen worden. Willi Oberkrome spricht sybillinisch aus, dass mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird.
Aus den hervorragenden Studien von Uwe Mai und Wolfgang Freund wissen wir inzwischen sicher, dass die Westforschung in der Raumplanung ethnisch geräumter Zonen im deutsch-französischen Siedlungsgebiet ebenso tätig war wie in der historisch-genealogischen Auslese ethnischer Deutscher für die Neubesiedlung. Beide Autoren sind nicht in dem Band vertreten. Wir wissen auch, dass es sich bei diesen Umsiedlungsplänen um genuin nationalsozialistische Projekte handelt, die unmittelbar mit der Zwangsmigration von Ost- nach West zusammenhängen, sowohl was die Verschiebung westlicher Juden in den Osten als auch der „Volksdeutschen“ in den Westen anbelangt.
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Das wiederum bedeutet nichts weniger, als dass die wesentliche Grundaussage des Sammelbandes fehl geht, es habe im Westen eine zivilere Form von Besatzungspolitik und Judenverfolgung gegeben. Wer diese These vertritt, kann gar nicht vergleichen, ohne einen Kardinalfehler zu begehen, nämlich von Äpfeln auf Birnen zu schließen.
Insbesondere die Frage nach der Frankreich-Expertise wird in dem Sammelband stark vernachlässigt. Der Hinweis auf einen dritten Band, der die Lücke schließen soll, streut nur Sand in die Augen. Tatsächlich wird das Frankreich-Problem thematisiert, aber der zuständige Artikel von Karsten Klingemann enttäuscht in doppelter Hinsicht. Zum einen denkt er am Problem vorbei. Zum zweiten tut er das unter Ausblendung des aktuellen Forschungsstandes. Klingemanns These, Ipsen sei als Soziologe im NS-Regime fachlich innovativ gewesen, weil er in der Agrargeschichte realsoziologische Forschungen betrieb, ohne sich von rassistischen Zielen des Regimes beeinflussen zu lassen, ist grundfalsch.
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Tatsächlich verfolgte Gunther Ipsen schon mit seiner 1933 erfolgten Antrittsvorlesung das Ziel, die demografische Analyse als Mittel für seine Gesinnungswissenschaft heranzuziehen. Er wollte das Fremde als das Jüdische aus dem germanischen Neuaufbau der europäischen Agrarordnung ausgeschlossen sehen.
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„Blut und Boden“ waren für ihn keine ideologischen Vehikel. Klingemann macht weis, Ipsen habe sich nur semantisch als völkischer Denker getarnt, um unter Schutz des NS-Regimes wissenschaftlich gut abgesicherte realsoziologische Forschung betreiben zu können. De facto waren „Blut und Boden“ für ihn paradigmatische Kerne eines Landvolk-Programms.
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Zweitens sind die entscheidenden Frankreichpläne in den Sozial- und Kulturwissenschaften nicht auf Gunther Ipsen und den darin ziemlich erfolglosen Max Hildebert Böhm zurückzuführen, wie Klingemann darstellt, sondern auf den Kreis der Historiker und Geografen der „Westdeutschen Forschungsgemeinschaft“ um Franz Petri und Friedrich Metz, Otto Schlüter und Franz Steinbach.
Es stimmt bedenklich, dass Peter Schöttler, der bereits auf dem Leipziger Historikertag sehr präzise auf den Konnex des Germanenbildes in der Konstruktion neuer Reichsgrenzen gegenüber Frankreich hinwies, dem Münsteraner Sammelband nichts beitrug. So ergänzungsbedürftig Hans Derks These ist, Franz Petris Belgienpläne zielten auf die Konstruktion Großhollands unter Ausschluss der Wallonen und Juden ab, so sicher sind Schöttlers Recherchen im Fall von Franz Petri und der nationalsozialistischen Frankreichpläne. Unlängst wies Peter Schöttler darauf hin, dass die bisher als verschollen gegoltene Frankreich-Denkschrift Wilhelm Stuckarts vom 14. Juni 1940 ausdrücklich drei bekannte Historiker und Geografen als Vordenker zitiert: Friedrich Metz, Franz Petri und Franz Steinbach, die allesamt Denkschriften an das Auswärtige Amt und das Reichsministerium des Innern gesandt hatten. Darin ging es um nicht weniger als die Einbeziehung des Gebiets, das weder zur besetzten noch zur Vichy-Zone gehörte: nämlich der breite Streifen, der von der Somme-Mündung (französisch-Flandern) über die Ardennen bis zur Franche-Comté reichte. Begründet wurde dieses durch die rassenanthropologische Einheit des Oberrheins (Friedrich Metz) und die vermeintlich massive germanische Besiedlung Frankreichs bis hinunter zur Loire (Franz Petri).
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Die kritische Edition dieser inzwischen aufgefundenen Denkschrift erfolgt demnächst in der Zeitschriftenneugründung „Sozial.Geschichte“.
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Es wird davon auszugehen sein, dass diese Veröffentlichung - analog zur Schieder-Denkschrift - den Auftakt für weitere, auch vergleichende Forschungsprojekte bilden wird.
Es liegt auf der Hand, da ist dem Band von Dietz-Gabel uneingeschränkt zuzustimmen, dass die Westpläne gegen Frankreich und Belgien, die Niederlande und Luxemburg anders gestaltet waren als im Osten. Ob damit die Intensität der Verfolgung ethnisch als fremd deklarierter Bevölkerungsgruppen wie zum Beispiel die Wallonen weniger radikal ausfallen sollte als gegenüber den slawischen Völkern, bleibt offen. Tatsache ist, dass die SS und ihre Planungsexperten im Westen eine weniger freie Hand hatte wie im Osten. Im Osten standen dem Reichskommissar für die Festigung des Volkstums mal Generalgouverneur Frank und die Gauleiter Greiser, Koch und Forster entgegen, aber nicht ernsthaft. Das Rosenbergministerium mischte sich unwesentlich ein. Im Westen sah die Sache anders aus. Die Machtpositionen der deutschen Administration waren regelmäßiger auf die Militärbefehlshaber, die Gauleiter in den drei Annexionsgebieten (Elsass, Moselle, Luxemburg) und den Reichskommissar für die Niederlande aufgeteilt. Außerdem unterlag die bevölkerungspolitische Behandlung dieser Gebiete den starken Schwankungen im Kriegsverlauf. Strategische und militärische Faktoren, aber auch der partielle Respekt gegenüber der westlichen Kultur, evozierten andere Politikmodelle. Aber spätestens mit der Landung der Alliierten verschärfte sich auch hier der NS-Terror. Wie schwer ein Ost/West-Vergleich schließlich werden kann, zeigen letztendlich die großen Lücken in der Erforschung der entsprechend führenden Exekutiv- und Planungsämter. Großzügig angelegte Studien zur Volksdeutschen Mittelstelle der SS und des Reichskommissars für die Festigung des Volkstums, als die führenden Akteure auf der Machtseite zwischen Wissenschaft und Politik stehen aus. Aber genau darauf wird die analytisch versierte Wissenschaftsgeschichte aufsetzten müssen, will sie ertragreich sein.
[1] Dietz, Burkhard; Gabel, Helmut; Tiedau, Ulrich (Hgg.), Griff nach dem Westen. Die Westforschung der „völkisch-nationalen“ Wissenschaften im nordwesteuropäischen Raum (1919-1960), Münster 2003.
[2] Siehe Dietz, Burkhard; Gabel, Helmut; Tiedau, Ulrich, Die „Westforschung“ zum europäischen Nordwesten als Gegenstand der Zeit- und Wissenschaftsgeschichte, in: wie Anm. 1., S. XI-XII. Das Problem des Vorwortes ist, dass die Autoren die andere Mitautoren mit dem Hinweis, gegen Hans Derks antreten zu müssen, in den Aufbau einer vermeintlichen Abwehrfront zwingen, mit der sie im Grunde nichts zu tun haben. Damit wirkt die Berufung auf den Frankfurter Historikertag ebenso bemüht wie die Anlehnung an Fritz Fischer.
[3] Vgl. Ash, Mitchell, Wissenschaft und Politik als Ressourcen füreinander, in: vom Bruch, Rüdiger (Hg.), Wissenschaften und Wissenschaftspolitik. Bestandaufnahme zu Formationen, Brüchen und Kontinuitäten im Deutschland des 20. Jahrhunderte, Stuttgart 2002, S. 32-51.
[4] Vgl. Gosewinkel, Dieter, „Einbürgern und Ausschließen“. Die Nationalisierung der Staatsangehörigkeit vom Deutschen Bund bis zur Bundesrepublik Deutschland, Göttingen 2001.
[5] Vgl. Haar, Ingo, Der „Generalplan Ost“ als Forschungsproblem. Wissenslücken und Perspektiven, in: von Bruch (Hg.), wie Anm. 3, S. 362-372.
[6] Kletzin, Birgit, Europa aus Rasse und Raum. Die nationalsozialistische Idee der neuen Ordnung, Münster 2000, S. 6.
[7] Diese Geschichtskonstruktion ist ausschließlich wertrational, aber wissenschaftlich inakzeptabel. Diese Konstruktion des Eigenen bedient sich rassistischer Vorurteile. Sie macht blind gegenüber der conditio humana in der europäischen Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte. Wie dieser Ansatz ernsthaft als wissenschaftshistorisch wegweisend begriffen werden kann, ist schwer verständlich.
[8] Siehe Lademacher, Horst, Franz Petri zum Gedächtnis, in: RVjB 57 (1993), S. VII-XIV; Ditt, Karl, Die Kulturraumforschung zwischen Wissenschaft und Politik. Das Beispiel Franz Petri (1903-1993), in: Westfälische Forschungen 46 (1996), S. 73-176.
[9] Das erledigt allein der nicht aus dieser Arbeit herauszubringende polemische Grundton.
[10] Vgl. hierzu Derks, Hans, Deutsche Westforschung. Ideologie und Praxis im 20. Jahrhundert, Leipzig 2001, S. 85ff., 195ff.
[11] Rusinek, Bernd A., „Westforschungs“-Tradition nach 1945. Ein Versuch über Kontinuität, in: s. o., S. 1141. Der Autor versucht mit der Unterstellung zu operieren, Hans Derks Ausführungen zum Problem, dass Fanz Petri Schneider/Schwerte kannte und mit ihm im Rahmen des Großhollandplanes mit dem Ahnenerbe der SS kooperierte, als Darstellung von „alkoholischen Charakter“. Hans Derks hat diese Thematik nach meinem Dafürhalten sehr knapp gehalten. Pikant ist doch wohl mindestens, dass Petri Schneider/Schwerte aufgrund ihrer NS-Aktivitäten vor 1945 auch nach 1945 unter dem richtigem Namen gekannt haben muss. Zu diesem Schluss kann man jedenfalls kommen, wenn man Hans Derks Anmerkung dazu liest. Was ist an diesem knappen Verweis eine Verschwörungstheorie? Dieser Vorwurf wird mit der Unterstellung eines Krankheitsbildes ins Feld geführt, um rhetorisch zu polarisieren. Damit trägt Rusinek nichts zur Sache bei. Seine Laien-Historiografiegeschichte ist nicht von der Art, die mit der Westforschung begründete Konfrontationsgeschichte gegen Wissenschaftler eines Nachbarlandes hinter sich zu bringen. Sein Hinweis auf den innovativen Charakter der Westforschung wird zudem nicht als analytische Kategorie, sondern Adjektiv ohne wissenssoziologische Substanz benutzt, mit der zum Ausdruck gebracht werden soll, den eigenen Traditionsstrang als gut zu empfinden.
[12] Vgl. Mai, Uwe, Agrarpolitik, Sozial- und Raumplanung im NS-Staat, Paderborn 2002; Freund, Wolfgang, Volk, Reich und Westgrenze. Wissenschaften und Politik in der Pfalz, im Saarland und im annektierten Lothringen 1925-1945, Phil. Diss. Baden-Baden 2002, erscheint demnächst im Franz Steiner Verlag in der Reihe Rüdiger vom Bruchs.
[13] Klingemann, Karsten, Soziologie in der „Westforschung“ während des Nationalsozialismus, in: S. 407-445, speziell 409.
[14] Theoretische Ausführungen zielten in der völkischen Soziologie der 1930er und 1940er-Jahre immer auf Anwendungen.
[15] Das zeigen seine Reflexionen über die Bestimmung § 2,2 des preußischen Erbhofgesetzes: Sie „begnügt sich nicht mit der Reinheit des Blutes, sondern schließt im männlichen Geschlecht grundsätzlich uneingeschränkt jüdische oder farbige Beimischung aus“. Zitiert nach G: Ipsen, Blut und Boden. Vortrag, gehalten am 27. Juli 1933 im Rahmen der nationalpolitischen Vorträge der Kieler Studentenschaft in der Aula der Universität (Kieler Vorträge über Volkstums- und Grenzlandfragen und den nordisch-baltischen Raum, Nr. 2), S. 22.
[16] Nach Schöttler, Peter, Die historische Westforschung zwischen Abwehrkampf und territorialer Offensive, in: Ders. (Hg.), Geschichtswissenschaft als Legitimationswissenschaft 1918-1945, Frankfurt am Main 1999, S. 214f., 215ff.
[17] Zur Zeitschrift im Allgemeinen http://www.stiftung-sozialgeschichte.de.
Präsentation der Herausgeber "Griff nach dem Westen: Der Benelux-Raum und die 'Westforschung'" Dietz, Burkhard; Gabel, Helmut; Tiedau, Ulrich Als sogenannte ‚germanische Randstaaten’ gerieten die Niederlande, Belgien und Luxemburg nach dem Ersten Weltkrieg verstärkt ins Visier völkisch-nationaler Wissenschaften. Der Sammelband "Griff nach dem Westen – Die ‚Westforschung’ der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919-1960)“ bietet eine Übersicht dieser nicht nur auf deutscher Seite zu beobachtenden, teilweise vernetzten Forschungsbemühungen, die als regionale Variante der ‚Westforschung’ nach 1945 keineswegs abbrachen. Die 43 Beiträge des zweibändigen Werks setzen damit an einem wesentlichen Punkt die nach wie vor aktuelle Diskussion über die Rolle der Wissenschaften im Nationalsozialismus sowie das Problems personeller und inhaltlich-methodischer Kontinuität fort – eine Debatte, die vor allem seit dem Frankfurter Historikertag von 1998 mit besonderer öffentlicher Intensität und wesentlicher Unterstützung der historischen Internetdienste geführt wurde.
Über Buchtitel lässt sich trefflich streiten – und dies ist auch im Fall des hier angekündigten Sammelbandes zur nordwesteuropäischen Variante der ‚Westforschung’ nicht anders. Kaprizierte sich die Diskussion unter den Herausgebern zunächst auf Formulierungen, die das als unverzichtbar erachtete Begriffspaar ‚Kulturraum’ und ‚Volkstum’ enthielten, so wurden in einer späteren Phase auch eher assoziative Titel in Betracht gezogen. Der Phantasie schienen dabei keine Grenzen gesetzt: Auf ältere Deutungshorizonte der deutschen politischen Philosophie abgestellte Wendungen wie Händler zu Helden? Die ‚Westforschung’ und der niederländische Raum oder ‚Entwestlichung’ durch ‚Westforschung’? konkurrierten mit Anspielungen auf die weitgehende Vergeblichkeit der Deutschtumsmetaphysik in den Niederlanden. „Siegfrieds misslungene Heimholung“ ist nur ein Beispiel einer solchen Titelalternative, die sehr bald indes durch die nicht minder einleuchtenden und vorübergehend favorisierten Varianten „Wissenschaft zwischen Mythos und Logos“ und „Umkehrbare Geschichte? Die Utopie der Revision“ abgelöst wurde. Gewiss sind alle diese auf spezifische Aspekte des Themas verweisenden Vorschläge berechtigt, und nicht zuletzt das in manchem Titel enthaltene (oder auch fehlende) Fragezeichen macht die zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Gelingen und Scheitern, Kollaboration und Widerstand oszillierende Doppelbödigkeit des Themas ‚Westforschung’ deutlich. Dass schließlich die Metapher „Griff nach dem Westen“ den Vorzug erhielt, hat seinen Grund in der bewusst gesuchten Anlehnung an Fritz Fischers epochales Werk über die deutsche Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg und andere ähnlich lautende Titel, die den von einem visionären Reichsgedanken beseelten deutschen Expansionismus unmissverständlich beim Wort nennen und damit zugleich ein Stück deutscher historischer Kontinuität markieren. Dem gewählten Buchtitel sind Momente zielgerichteter Dynamik und Aggression inhärent, die der historischen Wirklichkeit u.E. besser gerecht werden als Formulierungen, die aus dem Reservoir der politischen Ideengeschichte schöpfen.
„Griff nach dem Westen“ impliziert ein weites Untersuchungsterrain, das sich naturgemäß nicht nur in Richtung Nord-, sondern auch nach Südwesten erstreckt, wo auch Frankreich (neben der Schweiz und der Saar) nicht nur Objekt der völkisch-nationalen Wissenschaften war, sondern in Gestalt des ‚Erbfeind’-Mythos auch am Anfang der deutschen ‚Westforschung’ stand. Indes wäre ein in geografischer Hinsicht dermaßen umfassender Ansatz – sofern er in der Tat mehr als nur die Präsentation einer Handvoll exemplarischer Beiträge intendiert – in einem einzigen Publikationsvorhaben schwerlich zu realisieren gewesen. Daher liegt der thematische Schwerpunkt des Bandes auf dem „nordwesteuropäischen“, d. h. vor allem niederländischen, belgischen und luxemburgischen Segment der ‚Westforschung’; eine von den Herausgebern geplante Folgepublikation wird sich der ‚Westforschung’ in ihrer südwestlichen Variante (Schweiz, Lothringen, Saar) mit Schwerpunkt Frankreich widmen. Dass in der Veröffentlichungsfolge zunächst dem Gebiet der Benelux-Staaten Priorität eingeräumt wird, hat selbstredend auch mit der regionalen Ausrichtung der Lehr- und Forschungsstätten zu tun, an denen die Idee zur Herausgabe des Sammelbandes 1998/99 im Wesentlichen geboren wurde. Gemeint ist hier neben dem Institut für Europäische Regionalforschungen der Universität-Gesamthochschule Siegen vor allem das Zentrum für Niederlande-Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität, das 1989 mit dem ausdrücklichen Ziel einer Überwindung des in der Vergangenheit allzu sehr verbreiteten ethnozentrischen Denkens und der Förderung transnationaler Kommunikation gegründet wurde und sich seitdem zu einer allseits anerkannten, in Theorie und Praxis der europäischen Integration zutiefst verpflichteten wissenschaftlichen Einrichtung entwickelt hat. Gleichwohl mutiert sie in einer jüngst erschienenen Streitschrift des niederländischen Soziologen Hans Derks zu einem so genannten „Tatort“, an dem angeblich „Neo-Westforscher“ den Geist der alten Kulturraumforschung heraufbeschwören und ihr kulturimperialistisches Unwesen treiben. Unerwartet hat das Thema ‚Westforschung’ damit einen Gegenwartsbezug und eine wissenschaftspolitische Dimension erlangt, deren Eigendynamik im Zuge der Rezeption der Thesen Derks auch vor der Kreation neuer Mythen nicht halt macht, wie etwa die Annahme einer ominösen „Münsteraner Schule“ mit dem Zentrum für Niederlande-Studien als Sammelbecken unterstreicht. Positionelle Klarstellungen sind also angesagt – auch unter diesem recht kurzfristig hinzugekommenen Aspekt sollte der Band gelesen werden.
Die aktuelle Entwicklung darf nicht übersehen lassen, dass der spezifische Forschungsstand und aus ihm abgeleitete Problemhorizonte die entscheidenden Impulse zur Planung und Durchführung des Publikationsprojekts gegeben haben. Ausgangspunkt war der Befund, dass eine umfassende kritische Aufarbeitung der deutschen ‚Westforschung’ ein Desiderat nicht nur der neueren Geschichtswissenschaft, sondern auch aller historisch-politisch, sozialwissenschaftlich und volkskundlich, geografisch und philologisch arbeitenden Disziplinen darstellt, gerade jener akademischen Fächer also, die – wie schon Victor Klemperer unmittelbar nach der Befreiung erkannte – vor 1945 mehr als andere „durch die nazistische Doktrin um ihren wissenschaftlichen Charakter gebracht“ worden waren. Vertreter dieser und einiger anderer angrenzender Disziplinen waren es, die sich schon früh dem nationalsozialistischen Wissenschaftsverständnis annäherten und dieses weiter ausprägten, indem sie sich nicht nur im Osten des Reiches, sondern auch in seinem Westen willfährig in den Dienst der deutschen Expansionsbestrebungen stellten und sich mit der Erforschung jener „völkisch-germanischen“ Traditionen beschäftigten, die schon wenig später von seiten des NS-Staates, seiner Machthaber und ausführenden Organe bedenken- und skrupellos zur prospektiven oder nachträglichen Legitimierung von territorialen Annexionen benutzt werden konnten.
Was wir bislang über die ‚Westforschung’ wissen, resultiert aus einer noch relativ kleinen Anzahl von Veröffentlichungen, die im Wesentlichen aus den letzten zwölf Jahren stammen. Auffallend ist also, dass die Epochenschwelle von 1989/90 auch hierbei – jenseits der sich ganz direkt auswirkenden Öffnung und besseren Zugangsmöglichkeiten der Archive seit der „Wende“ – eine wichtige erkenntnisleitende bzw. erkenntnisanregende Rolle spielte, auch wenn der Blick der Forscher am Anfang noch fast ausschließlich auf den Themenbereich der „Ostforschung“ gerichtet war und sich dann nach Bekanntwerden des „Falles“ Theodor Schieder (1992) sehr stark auf die öffentlichkeitswirksame „Enttarnung“ weiterer „verstrickter“ Historiker kapriziert hat. Auf die Debatte „Historiker im Nationalsozialismus“, bei der sich inzwischen einige etablierte Vertreter der neueren deutschen Sozial- bzw. Gesellschaftsgeschichte um Hans-Ulrich Wehler einerseits und um die von der Presse letzthin als „Moralisten“ titulierten jüngeren Historiker Götz Aly und Peter Schöttler (letztere seit dem Frankfurter Historikertag von 1998 mit öffentlicher Unterstützung von Hans Mommsen und Ulrich Herbert) andererseits recht unversöhnlich gegenüberstehen, soll an dieser Stelle ausdrücklich nicht eingegangen werden, auch wenn ihre Kernprobleme, d.h. die im Zuge dieser Debatte genannten ethisch-moralischen Verantwortungskriterien, selbstverständlich für die kritische Beurteilung der ‚Westforscher’ und der von ihnen vertretenen Auffassungen ebenfalls von grundlegender Bedeutung sind. Im Kern geht es hierbei letztlich um die Frage, ab wann ‚wissenschaftliches’ Arbeiten, das ideologisch vielleicht schon zuvor unter völkisch-nationalistischen Vorzeichen stand, tatsächlich als ein „Vordenken der Vernichtung“ zu beurteilen ist, d.h. ab wann sich Wissenschaftler, zumal Geistes- und Kulturwissenschaftler, unverrückbar und bis zur letzten Konsequenz in den Dienst der nationalsozialistischen Politik stellten und sich somit der intellektuellen Vorbereitung der Verfolgungs-, Vertreibungs- und Vernichtungspolitik schuldig machten. Um diesen eminent wichtigen Aspekten einer abschließenden Wertung und Interpretation mit Blick auf die ‚Westforscher’ nicht vorzugreifen, konzentrieren sich die folgenden Bemerkungen zunächst auf eine Darstellung des Forschungsstandes.
Am Anfang eines Forschungsüberblicks zur ‚Westforschung’ sind in jedem Fall zwei Arbeiten zu nennen, die auf unterschiedliche Weise, nämlich in inhaltlicher und methodischer Hinsicht, eine allgemeine forschungsstimulierende Wirkung zur Folge hatten. Sie rückten die nationalsozialistische „Grenzlandforschung“ und ihre Methodik sowie die Volksgeschichte mit ihren rassekundlichen und nationalistischen Implikationen in ein grundsätzlich neues wissenschaftsgeschichtliches Licht. Gemeint ist zunächst die Untersuchung Germany turns Eastwards. A Study of ‚Ostforschung’ in the Third Reich des amerikanischen Historikers Michael Burleigh, mit der 1988 auf breiter Basis die Wissenschafts- und Geistesgeschichte der „Ostforschung“ in ihren institutionellen, inhaltlichen und personellen Dimensionen aufgearbeitet und dabei erstmals das immense Ausmaß der so genannten „Verstrickung“ der akademischen Intelligenz in die Vorgänge der nationalsozialistischen Verfolgung, Vernichtung und Vertreibung exemplarisch aufgezeigt wurden. Genannt sei zweitens Winfried Schulzes Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945 von 1989, mit der das Tor für eine kritische Aufarbeitung der völkischen Traditionen der so genannten „modernen deutschen Sozialgeschichte“ weit aufgestoßen und zugleich besonders unter jüngeren Historikern das Interesse an weiteren Details über die methodischen, institutionellen und personellen Hintergründe der scheinbar so makellosen neuen westdeutschen Sozialgeschichtsschreibung erheblich angeregt wurde.
Auf lebhaftes Interesse stießen Burleighs und Schulzes Arbeitsergebnisse in Münster und Bielefeld, wo die Diskussion über die Verbindungslinien der bundesrepublikanischen Sozialgeschichte zur NS-Volksgeschichte in verschiedenen Richtungen eigenständig aufgenommen und unter zum Teil neuen Gesichtspunkten weitergeführt wurde. In Münster wurde zeitgleich zu Schulzes Publikation die Bielefelder Habilitationsschrift von Karl Ditt zum Thema „Raum und Volkstum. Die Kulturpolitik des Provinzialverbandes Westfalen 1923-1945“ veröffentlicht, wobei es sich um die erste exemplarische Studie über die organisatorischen, ideologischen und inhaltlichen Verschränkungen von konservativ-neoromantischer Heimatschutzbewegung, Volkstumspflege, wissenschaftlicher Landesforschung sowie Museums- und Kunstbereich zwischen Weimar und „Drittem Reich“ in einer preußischen Provinz handelte. Nicht nur den Landeshistorikern eröffnete sie viele wichtige Einsichten in ihre eigenen Traditionen, auch den übrigen „Kulturschaffenden“, den Volkskundlern, Museologen usw. und – nicht zu vergessen – auch den Kulturpolitikern und Kulturfunktionären zeigte sie deutlich auf, auf welchen hell- bis dunkelbraunen Fundamenten ihre Arbeit im Dienste der „Landeskulturpflege“ und ihre neuerdings so intensive Suche nach „regionaler Identität“ nicht selten beruht. Dass solche regionalen Identitäten vielfach nur überkommene Konstrukte aus ursprünglich völkischen Mythen sind, wie etwa die bis heute nicht nur unter nordrhein-westfälischen Landeshistorikern, sondern auch unter Politikern und in der breiteren Öffentlichkeit immer noch weit verbreiteten Thesen Wilhelm Brepohls zum „sozialen Schmelztiegel“ des Ruhrgebiets und seines eigentümlich flexibel-dynamischen „Ruhrvolks“, wurde von der scheinbar kritikbewussten Intelligenzija bisher geflissentlich übersehen, auch wenn Brepohls Sprache und die Erscheinungsdaten seiner Publikationen eigentlich hätten argwöhnisch machen müssen. Diese Konstrukte und Mythen aus völkischer Zeit zu identifizieren, ihr nationalistisches Gedankengut zu entlarven und die Hintergründe ihrer Überlieferung aufzuzeigen ist mithin eine wichtige Aufgaben gegenwärtiger und zukünftiger historischer Forschung.
Aber nicht nur für die Landesebene war Ditts Publikation ein bedeutender, innovativer Beitrag zu der hier skizzierten Diskussion, dem im Rheinland bis heute nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen ist, sieht man einmal von den Arbeiten von Franziska Wein zur Geschichte und Ideologie der deutsch-französischen Propaganda nach dem Ersten Weltkrieg, von Bettina Bouresh über die weltanschaulichen Begleitumstände bei der „Neuordnung des Rheinischen Landesmuseums Bonn“ im Nationalsozialismus und von Karl Peter Wiemers Studie über die Organisation und Ideologie des „Rheinischen Vereins für Denkmalpflege“ ab. Weder einzeln noch zusammen können sie – trotz etlicher innovativer Forschungsergebnisse im Detail – eine integrierte und zugleich ideologiekritische Aufarbeitung der Kulturpolitik des alten Provinzialverbandes Rheinland im Maßstab von Karl Ditt bieten, zumal Ditt seine Monografie später noch mit einer ganzen Reihe von weiterführenden Aufsätzen, u a. auch über die Rolle Franz Petris im Rahmen der ‚Westforschung’, ergänzen konnte.
Versetzen wir uns in die übergeordnete Perspektive unseres Themas, so zeigte Ditts Arbeit vor allem die Vielschichtigkeit der Ebenen auf, mit der die völkischen Traditionen der historischen Kulturarbeit in Deutschland – und hier speziell im Westen – fundiert waren und sind. Dem übergreifend arbeitenden Wissenschaftshistoriker wurden hier nachdrücklich die Bedeutung der landesspezifischen, regionalen und auch lokalen Ebenen vor Augen geführt, die bis dahin nur recht allgemein als besonders geeignete Experimentierfelder der deutschen Volksgeschichte identifiziert worden waren.
Die von Winfried Schulze eröffnete Diskussion um die nur begrifflich bereinigten, sonst aber ziemlich direkten methodischen Verbindungslinien zwischen nationalistisch belasteter Volksgeschichte bzw. „politischer Volksgeschichte“ und „moderner deutscher Sozialgeschichte“ wurde mit der 1993 erschienenen Bielefelder Dissertation Willi Oberkromes „Volksgeschichte – Methodische Innovation und völkische Ideologisierung in der deutschen Geschichtswissenschaft 1918-1945“ erneut aufgegriffen und auf ein wesentlich breiteres Fundament gestellt. Auf der Grundlage umfangreicher Literatur- und Quellenrecherchen bestätigte Oberkrome das von Schulze entworfene Bild im Wesentlichen und widmete sich darüber hinaus im Detail dem uns besonders interessierenden Gebiet der „Volks- und Kulturbodenforschung“, der „Deutschtumsforschung“ über Deutsche im Ausland sowie der Organisation und Arbeit der „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“, unter denen er die „Westdeutsche Forschungsgemeinschaft“ identifizierte und erstmals in einem größeren Kontext die methodischen Grundlagen ihrer Arbeit sowie die institutionellen und inhaltlichen Rahmenbedingungen ihrer neuartigen, interdisziplinären Forschungsansätze darstellte. Dabei skizzierte er die zunächst von der Leipziger „Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung“ koordinierte ‚Westforschung’, die in den 1920er-Jahren als „Grenzkampf“ zur Revision des „Versailler Friedensdiktats“ und der Gebietsverluste des Ersten Weltkrieges begonnen wurde und in der – im Rahmen von Pilotprojekten – schon bald geografische, bevölkerungs-, wirtschafts-, sprach- und konfessionsgeschichtliche Methoden mit volks- und rassekundlichen Verfahren etwa zur Bestimmung von Ähnlichkeiten der Schädelformationen bei ethnischen Gruppen miteinander kombiniert wurden, um so die damals aktuelle politische Grenzziehung in Zweifel ziehen und eigene revisionistische Gebietsansprüche auf eine neue Argumentationsgrundlage stellen zu können. In groben Zügen, doch zugleich im Detail streng analytisch, beschrieb Oberkrome, wie kartografische und statistische Methoden erprobt wurden, um das Konstrukt eines ethnisch einheitlichen germanischen „Kulturraums“ auch jenseits der geltenden Grenzen verifizieren zu können.
Ferner zeigte Oberkrome auf, wie ein Großteil der Arbeit, die zunächst eher unter der Führung von Geografen stand, an die Historiker und Sprachgeschichtler des neugegründeten Bonner „Instituts für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande“ überging. Und schließlich stellte Oberkrome fest, dass dort in den 1930er-Jahren eine zweite, verschärfte Phase der volksgeschichtlichen Forschung eingeleitet wurde, als unter dem Einfluss der „deutschen Soziologie“ Hans Freyers und Gunther Ipsens Historiker wie „Steinbach und mehr noch Petri […] mit raum- und ethnohistorischen Untersuchungen“ begannen, „den Weg zu einer erweiterten Volks- bzw. Volksbodenforschung im Westen des deutschen Reiches zu ebnen“ und sich daraus schließlich – auch in Konkurrenz zu den Königsberger „Ostforschern“ – vor allem unter Federführung Petris und durch die von ihm zunehmend praktizierte „Hinwendung zu rassentheoretischen Überlegungen“ die ‚Westforschung’ als „willfähriges Instrument“ zur Legitimation nationalsozialistischer Expansionsbestrebungen entwickelte.
Allein die von Oberkrome ausgewerteten Quellen ließen sogleich die Vermutung aufkommen, dass noch wesentlich mehr über die Hintergründe und Ausmaße völkischer Geschichtsbetrachtung, gerade auch in den Regionen, zu Tage zu fördern sein müsste. Dies bestätigte sich wenig später, als 1994 die Osnabrücker Dissertation des historisch arbeitenden Geografen Michael Fahlbusch über den organisatorischen Aufbau, die politischen Hintergründe der Entstehung und die inhaltliche Arbeit der „Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung“ in Leipzig 1920–1933 erschien. Sie basierte auf einer umfangreichen Auswertung von Archivbeständen, zumal Fahlbusch – durch seine integrierte Untersuchung über den Stellenwert der Kulturpolitik des Auswärtigen Amtes für die „Grenzlandforschung“ – gewissermaßen zwangsläufig auch auf die Akten über die frühen Aktivitäten der „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“ stieß, so dass er diese erstmals ansatzweise mit in den Blick nehmen konnte.
Gleichwohl blieb diese Studie im Wesentlichen auf die organisations- und geografiespezifischen Gesichtspunkte allein der Leipziger Stiftung beschränkt. Über die „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“ hat Fahlbusch indes 1999 eine umfangreiche neue Untersuchung vorgelegt, die gezielt der Frage „Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik?“ nachgeht und inhaltlich die Aktivitäten aller „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“ im Zeitraum 1931-1945 analysiert. Systematisch und auf der Grundlage intensiver Quellen- und Literaturstudien wird hier unter anderem auch ein erstes vollständiges Gesamtbild vom organisatorischen Aufbau der „Westdeutschen Forschungsgemeinschaft“, von ihren Akteuren und Initiativen bis hin zum „Kriegseinsatz der Volkswissenschaft“ entworfen. Die von Fahlbusch dabei im Einzelnen zu Tage geförderten Strukturen und Detailinformationen über politische und akademische Netzwerke, über Inhalte und Argumentationslinien von zeitgenössischen „Weststudien“ sowie über die daraus abgeleiteten Möglichkeiten zur Grenzrevision – die Fahlbusch mit den Kenntnissen eines Geografen präzise zu verifizieren weiß – sind insgesamt ausgesprochen verdienstvoll und setzen für die künftige zeit- und wissenschaftsgeschichtliche Forschung zweifellos neue Maßstäbe. Gleichwohl dürfte allein die – angesichts des Gesamtumfangs der Recherchen gewiss notgedrungene – Nichtberücksichtigung verschiedener wichtiger (vor allem rheinischer) Archive, Nachlässe, Literatur und Personen etliche weiterführende Bemühungen um eine Vervollständigung der bisher vorgelegten Forschungsergebnisse rechtfertigen.
Bis zur Veröffentlichung von Fahlbuschs anregender und außerordentlich materialreicher neuen Studie musste in jedem Fall Peter Schöttlers Aufsatz Die Historische ‚Westforschung’ zwischen ‚Abwehrkampf’ und territorialer Offensive als erster programmatischer Entwurf für einen eigenständigen Forschungsbereich angesehen werden. Bereits auf dem Historikertag von 1994 in Leipzig gehalten und 1997 in dem Suhrkamp-Band Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft veröffentlicht, werden darin mit starken Rückgriffen auf Oberkrome und Fahlbusch die Grundzüge der inhaltlich relevanten Problembereiche der von Historikern betriebenen ‚Westforschung’, nicht also ihre interdisziplinären Dimensionen, aufgezeigt. Innovativ war dabei jedoch weniger die Kreation des Themas (das durch die kaum ernsthaft noch zu bezweifelnde Legitimationsthese sogar eher in den Hintergrund gedrängt wurde) als vielmehr die Auswertung einiger einschlägiger Akten über die „Westdeutsche Forschungsgemeinschaft“ aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes und deren schöpferische Kombination mit Altbekanntem etwa über das Bonner Institut und mit kurzen Analysen von Veröffentlichungen prominenter historischer ‚Westforscher’ wie etwa Franz Steinbach, Ernst Anrich und Franz Petri. Dazu gehörte auch Schöttlers Nachweis über die unter der NS-Herrschaft entworfenen Pläne zu endgültigen gebietlichen Einverleibungen ins „Großdeutsche Reich“ und zu umfassenden Umsiedlungsvorhaben im Raum Elsaß-Lothringen, die bereits seit Beginn der 1970er-Jahre bekannt waren, bisher aber vor allem in ihren politikgeschichtlichen und allenfalls regionalen Bezügen, kaum hingegen im wissenschafts- und geistesgeschichtlichen Kontext eines Themas ‚Westforschung’ gesehen worden waren.
Nach der Pionierstudie Schöttlers, der 1998 auf dem Frankfurter Historikertag noch mit einem kleineren Beitrag zum Zusammenhang von rheinischer Landesgeschichte und nazistischer Volksgeschichte hervortrat, wurde das Thema ‚Westforschung’ in Deutschland eigentlich nur noch indirekt tangiert, dabei aber um wichtige Teilaspekte bereichert, etwa durch die Beiträge zum Fall Schneider/Schwerte und seinem Mitstreiter Walter von Stokar, einem in der interdisziplinären ‚Westforschung’ besonders agilen Pharmakologen und NS-Vor- und Frühhistoriker aus Köln. Hervorzuheben sind auch Willi Oberkromes Beobachtungen zur Kontinuität ethnozentrischen Geschichtsdenkens in der westdeutschen Neuordnungsdebatte nach 1945 sowie in der landeshistorisch unterlegten Heimatideologie der 1950er-Jahre – ein Sachverhalt, der auf die Persistenz von NS-Volksgeschichte und Kulturbodenforschung über das Jahr 1945 hinaus verweist und ein Schlaglicht auf spezifische politisch-kulturelle Konstitutionsbedingungen der jungen Bundesrepublik wirft. Vornehmlich der Fall Schneider/Schwerte sowie überhaupt die starke Personalisierung der Forschungsperspektive trugen zudem gegen Ende der 1990er-Jahre verstärkt zur regionalen Differenzierung in der Beschäftigung mit dem zuvor eher räumlich integral behandelten Thema ‚Westforschung’ bei. Entsprechend den Arbeitsschwerpunkten eines führenden ‚Westforschers’ wie etwa Franz Petri kristallisiert sich das Gebiet der heutigen Benelux-Staaten, wie auch der Band dokumentieren wird, zusehends als eigener großer Untersuchungsbereich neben Frankreich heraus – eine Entwicklung, die, wie noch zu zeigen sein wird, mit einem wachsenden Interesse belgischer, niederländischer und luxemburgischer Wissenschaftler an einer kritischen, auch den Aspekt der (intellektuellen) Kollaboration nicht scheuenden Aufarbeitung des Themas sowohl aus der deutschen als auch nationalen Eigenperspektive korrespondiert. Erhöhte Forschungsaktualität erhielten hierdurch auch die wichtigen Beiträge Gerhard Hirschfelds, der sich im Anschluss an seine große Studie über die Niederlande unter der NS-Herrschaft von 1984 erst vor wenigen Jahren erneut mit den Plänen zur „Germanisierung“ der Universitäten Leiden, Gent und Straßburg auseinandergesetzt hat. Explizit wurde damit erstmals von deutscher Seite die ideologische Fundierung und organisatorische Praxis der nationalsozialistischen Wissenschafts- und Kulturpolitik insbesondere im besetzten europäischen Nordwesten im Detail nachgezeichnet.
Versäumt sei überdies nicht, auch kurz auf die 1999 an der RWTH Aachen im Fachbereich Politische Wissenschaft von Thomas Müller eingereichte Magisterarbeit zum Thema Zwischen Maas und Rhein – Ein nationalsozialistisches Medienprojekt im deutsch-belgisch-niederländischen Grenzgebiet hinzuweisen. In ihr wird ein bisher völlig unbekanntes Netzwerk zur Koordinierung von politischen, propagandistischen und wissenschaftlichen Zwecken in regionalen Grenzabschnittsbezirken, hier im so genannten „Abschnitt Nordwest“ mit Aachen als Mittelpunkt, untersucht. Offensichtlich war dies die Mikro-Ebene unterhalb der „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“, in der die regionalen und lokalen Funktionsträger aus dem politischen und administrativen Bereich mit den ‚Westforschern’ einer ihnen nahen Hochschule bzw. mit den regionalen Mitgliedern der „Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung“ zusammenarbeiteten und aufgrund ihrer intimen Kenntnisse der örtlichen Gegebenheiten Pläne für die „Germanisierung“ der angrenzenden Gebiete in Belgien und den Niederlanden ausarbeiteten.
Die bisherigen Ausführungen zur Forschungsentwicklung legen die Vermutung nahe, als sei die kritische Aufarbeitung der völkisch-nationalen Traditionen in der Forschung zum nordwesteuropäischen Raum eine rein deutsche Angelegenheit. Ein Blick in die Fußnoten deutscher Beiträge scheint diesen Eindruck zu erhärten; belgische, niederländische oder luxemburgische Forschungsliteratur findet sich dort bislang nur selten berücksichtigt. Es sei dahingestellt, ob die Ursachen dieser geringen Präsenz auf sprachliche Klippen zurückzuführen sind – Tatsache ist, dass die deutsche Forschung von einer Vielzahl aufschlussreicher, indes in niederländischer Sprache publizierter Studien keine oder nur geringe Kenntnis nimmt. Bedauerlich und zugleich paradox ist dieser Sachverhalt nicht zuletzt insofern, als überhaupt die erste kritische Auseinandersetzung mit der „nordwesteuropäischen“ Variante der historischen ‚Westforschung’ aus niederländischer Feder stammt. Gemeint ist Ivo Schöffers Pionierstudie zum nationalsozialistischen Bild der niederländischen Geschichte – eine immer noch nützliche und keineswegs überholte Arbeit, die, heutige Forschungsschwerpunkte gleichsam antizipierend, bereits 1956 unter anderem der Rolle Franz Petris und Werner Reeses in der deutschen Militärverwaltung in Brüssel nachging, jedoch in Deutschland weitgehend unbeachtet blieb. Schöffers Studie widmete sich nicht nur detailliert der historiografischen Genese und Entfaltung eines sowohl den Aspekt der „germanischen Stammverwandtschaft“ als auch „reichsrechtliche“ Argumente bemühenden Geschichtsrevisionismus auf deutscher Seite, sondern behandelte gerade auch die damit partiell konvergierenden, durchaus eigenständigen niederländisch-belgischen Konzeptionen bis hin zu den Erscheinungsformen intellektueller und praktischer Kollaboration während der Besatzungszeit 1940-1945. Mit anderen Worten: Schon verhältnismäßig früh hatte Schöffer ein Thema angesprochen, dessen sich die Forschung erst seit den 1980er-Jahren intensiver in Studien über Besatzungsherrschaft und Kollaboration annahm. Es sollte bis in die 1990er-Jahre dauern, dass sich vornehmlich jüngere Forscherinnen und Forscher von den Paradigmen der unbestreitbar verdienstvollen Kollaborationsforschung lösten und – in zeitlich erheblich erweiterter Perspektive – die nationalen Traditionen, Ausprägungen und grenzüberschreitenden Verflechtungen insbesondere der Geisteswissenschaften in den Niederlanden und Belgien als Untersuchungsgebiet sui generis entdeckten.
Gewiss übte der Fall Schneider/Schwerte vor allem in den Niederlanden eine forschungsstimulierende Wirkung aus, doch sollte seine Bedeutung andererseits auch nicht überschätzt werden. Die wissenschaftlichen Intentionen zielten, über die detektivische „Enthüllung“ so mancher bislang unbekannt gewesenen oder verschwiegenen „Verstrickung“ niederländischer (bzw. belgischer) Gelehrter oder Institutionen hinausgehend, auf die Beantwortung grundsätzlicher Fragen, so auf die Analyse der Rolle der Geisteswissenschaften als Mittel zur Konturierung und Verstärkung konfliktbeladener nationaler Selbstbilder im Raum der heutigen Benelux-Staaten. Als Ansatz bediente man sich entweder eines biografischen, begrifflich-kategorialen bzw. disziplinären oder institutionengeschichtlichen Zugriffs. Eine hervorragende Rolle nahm und nimmt in diesem Zusammenhang der Löwener Historiker Marnix Beyen ein, der in seinen Studien zur belgischen und niederländischen Historiografiegeschichte dem Zusammenhang von nationaler Identität und „Geschichtspolitik“ in den Jahren vor, während und nach der deutschen Besatzung nachgegangen ist. Es sind gerade Beyens Untersuchungen, die erst die ethnizistisch infizierten ideologischen Gemengelagen begreifbar machen, auf die deutsche ‚Westforscher’ insbesondere in Belgien trafen. Verdienstvoll im Hinblick auf die Erhellung dieses Aspekts sind zudem einige bereits ältere Studien zur deutschen Kulturpolitik in Belgien und Luxemburg. Diese Untersuchungen, denen dank der von Fahlbusch, Oberkrome und Schöttler angestoßenen Diskussion endlich die gebührende Beachtung zukommt, verweisen auf lange unterschätzte oder ignorierte Forschungs- und Aktionsprogramme, die einen pangermanisch inspirierten und wissenschaftlich gestützten „Kampf“ gegen die wallonisch-romanische Kultur intendierten. Als weiterführend und verdienstvoll – weil den „Ungeist des Ethnoradikalismus“ von Stellungnahmen Max Webers 1915/16 bis in die 1960er-Jahre aufzeigend – ließe sich schließlich auch die eingangs erwähnte Studie von Hans Derks bezeichnen – wären da nicht eine recht schmale Quellengrundlage sowie ein Verfasser, der offenkundig weniger aufklären als provozieren möchte.
Aus all diesen Publikationen, bei denen – um zur deutschen Forschungssituation zurückzukehren – etwa die exemplarischen Arbeiten zur Kölner Universitätsgeschichte im Nationalsozialismus und auch einige wenige Aufsätze zu einzelnen in der westlichen „Grenzlandforschung“ besonders engagierten Historikern wie etwa Hermann Heimpel nicht zu vergessen sind, ergibt sich zur Zeit faktisch folgendes Bild von der Entstehung und Entwicklung der interdisziplinären ‚Westforschung’: Zunächst – wie im Falle Hermann Aubins und anderer Landeshistoriker – noch mehr oder weniger aus freien Stücken sowie nationalem Impetus betrieben, wurde die eigentliche ‚Westforschung’ in ihrer interdisziplinären, dem politischen „Grenzkampf“ wie der „Volkstumsforschung“ gleichermaßen verpflichteten zweckorientierten Form 1924 auf zwei Tagungen ‚erfunden’, die unter der Leitung von Karl Christian von Loesch, dem Präsidenten des Berliner „Schutzbundes zur Pflege des Grenz- und Auslandsdeutschtums“, und organisiert von der Leipziger „Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung“ in Witzenhausen und Heppenheim zum Schwerpunktthema des „Westdeutschen Volksbodens“ veranstaltet wurden. Mittelbar finanziert durch das Auswärtige Amt, das Reichsinnen-, das Reichsfinanz- und verschiedene preußische Ministerien wurde damit der 1920 von Gustav Stresemann erhobenen Forderung Rechnung getragen, die Revision des Friedens von Versailles in den Mittelpunkt der Regierungspropaganda zu stellen. Die Ergebnisse dieser Tagungen, die wenig später publiziert wurden, stießen auf politischer Ebene gewissermaßen unmittelbar, wahrscheinlich schon 1925/26 im Rahmen der Verhandlungen um die „Westgrenzfonds“, auf größeres Interesse und so auch bald auf weitere organisatorische, finanzielle und ideelle Unterstützung von halbstaatlichen Instituten, Vereinen und Verbänden sowie provinziellen Gebietskörperschaften.
Spätestens seit 1931 kam es zur unmittelbaren Unterstützung durch einzelne Ministerien, allen voran durch das Auswärtige Amt und seine kulturpolitische Abteilung, sodann auch vom Reichsinnen- und Reichslandwirtschaftsministerium sowie nach 1933 zur intensiven Koordinierung bzw. Lenkung und Überwachung durch die einschlägigen weltanschaulich ausgerichteten Schalt- und Überwachungszentralen der NSDAP. Zustatten kamen dieser Entwicklung spezifische ideologische Befindlichkeiten in Belgien und den Niederlanden, wo Ideen wie etwa die 1928 durch von Loesch propagierte „Synthese zwischen der großniederländischen und großdeutschen Bewegung“ keineswegs nur auf Skepsis getroffen waren; vielmehr handelte es sich um Vorstellungen, die den Boden für eine intellektuelle Kollaboration schon mindestens ein Jahrzehnt vor der deutschen Okkupation vorbereiteten. Zur Verstärkung dieses sich in den 1930er-Jahren abzeichnenden und in Kontakten zu deutschen Gesinnungsgenossen und Sympathisanten sich niederschlagenden Konvergenzverhältnisses trugen u.a. Historiker wie Pieter Geyl und Robert van Roosbroeck sowie Volkskundler wie Clemens Trefois und Jan de Vries bei. Vor allem im „Ahnenerbe“ der SS und seiner kulturpolitischen Abteilung, wo sich u.a. Hans Ernst Schneider um germanische Brauchtumsfragen kümmerte, und in den kultur- und auslandswissenschaftlichen Abteilungen des Reichssicherheitshauptamtes wurden die nur scheinbar harmlosen Forschungsergebnisse der West- und Ostforscher in vielfacher Hinsicht ausgewertet, und zwar nicht nur im Hinblick auf das völkisch-germanische Brauchtum und seine Verwendbarkeit für die „Germanisierungspolitik“, sondern auch – absolut zweckorientiert (!) – im Hinblick auf die Ermittlung und Verfolgung politischer und rassenbiologischer Gegner. Gerade diese funktionalistische Auswertung von Informationsquellen der politisierten Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie ihre Kombination mit anderen ideologischen Zielen des Nationalsozialismus, z.B. mit der „Lebensraum-“ und der „Judenpolitik“, war bekanntlich eines der Arbeitsgebiete des Reichssicherheitshauptamtes.
Dies ist eine Einsicht, die in der neueren Forschung erst kürzlich noch einmal besonders herausgestellt worden ist. Unter der ‚kreativen’ und administrativen Ägide von Franz Alfred Six, über dessen bisher unterschätzten Einfluss Lutz Hachmeister 1998 eine bemerkenswerte Studie vorgelegt hat, wurden hier auch die Ergebnisse der West- und Ostforschung in bestimmten Abteilungen nun auch „lebensgebietsmäßig“ ausgewertet und dann der exekutiven Gegnerarbeit zugeführt. Hierzu gehörte selbstverständlich auch die Benachrichtigung der Referate „Auswanderung und Räumung“ sowie „Judenangelegenheiten“, in denen u.a. Adolf Eichmann seit 1939 tätig war. In der weltanschaulich und kulturhistorisch fundierten „Gegnerforschung“ wurden so „auf rein wissenschaftlicher Basis“, wie Eichmann beteuerte, nicht nur „Datenbanken“ über Personen, Schriften und Institutionen für Verfolgungs-, Terror- und geheimdienstliche Requirierungsmaßnahmen angelegt, aus ihnen wurden auch „Lebensraumpläne“ konstruiert und ganz konkrete Befehle für umfassend legitimierte Vorauskommandos von „Aktionen“ der SD-Einsatzgruppen etwa in Holland, Österreich und der Sowjetunion abgeleitet. Die aktive Beteiligung der im Reichssicherheitshauptamt tätigen „Geistesarbeiter“ an diesen Aktionen war für jeden von ihnen irgendwann nicht mehr zu vermeiden, ja sie wurde nicht nur als Mutprobe, sondern als letzter Beweis der nazistischen Solidarität und Mitverantwortlichkeit auch von Mitarbeitern in leitenden Funktionen und gerade auch von nebenberuflichen Hochschullehrern wie Six verlangt. Spätestens hier sind also die oft in Zweifel gezogenen oder gar in Abrede gestellten unmittelbaren Berührungspunkte von scheinbar harmloser bzw. zweckfreier „Grenzland- und Gegnerforschung“ mit den Entscheidungszentren der nationalsozialistischen Verfolgungs-, Vertreibungs- und Vernichtungspolitik eindeutig identifiziert.
Diese schon fast einem Fazit gleichkommende Einschätzung darf indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei weitem nicht alle Detailfragen hinreichend beantwortet sind. Sie betreffen unter anderem einzelne Akteure der ‚Westforschung’, die Frage des Engagements einzelner Institute und Initiativen, die fächer- und themenspezifischen Ausprägungen einschließlich der ihnen zugrundeliegenden Ideologeme. Auch das von Oberkrome und Derks bereits angeschnittene Problem des Nach- und Fortwirkens von „Raum- und Volkswissenschaftlern“ nach 1945 bedarf weiterer Erörterung. Dies gilt nicht zuletzt für die in der Hochphase des Kalten Krieges vom rheinischen und süddeutschen politischen Katholizismus forciert betriebene Propagierung des Abendlandgedankens und dessen Verbindung mit den Erkenntnissen einer nunmehr dezidiert in den Dienst einer friedlichen europäischen Einigung gestellten Kulturraumforschung – erkennbar etwa in der ambitionierten belgisch-deutsch-niederländischen Gemeinschaftsveröffentlichung über das „Land ohne Grenze“ zwischen Aachen, Lüttich und Maastricht, das 1958 dem Publikum als christlich-karolingisch durchtränkter prototypischer Kernraum eines vereinigten Europa präsentiert wurde. In diesem Zusammenhang stellt sich ebenso die Frage nach der von den betroffenen Disziplinen bislang nur unzureichend reflektierten Persistenz spezifischer Deutungsmuster und Nomenklaturgewohnheiten, wie dies z.B. die Vitalität des in der Adelsforschung zuweilen begegnenden Aubinschen Konzepts des „genealogischen Lebensraumes“ oder das Reden über ethnische „Substrate“ unterstreicht. Vor allem aber bedürfen die für die ‚Westforschung’ konstitutiven Momente einer Klärung. Woher rührte das nicht nur auf die Geschichtswissenschaft begrenzt bleibende Interesse an den nordwestlichen Nachbarstaaten Deutschlands und wie erklärt sich der offenkundige „Erfolg“ eines Konzepts, das in Gestalt des „Kulturraums“ bis heute noch nicht von der Agenda der Methodendiskussion verschwunden ist? Unter welchen individuellen und strukturellen Bedingungen mutierte historisches Denken zu Phantasien, die eine Revision der Geschichte für planbar und machbar erachteten, und wo lagen möglicherweise die Wendepunkte und Zäsuren, die ein auf die Herstellung imperialer Größe abgestelltes utopisches Wunschbild in den konkreten Handlungsvollzug setzten?
Antworten auf diese und andere Fragen will der Sammelband geben. Trotz des aufgrund der Fülle der Beiträge leicht entstehenden Eindrucks, dass handbuchartige inhaltliche Totalität angestrebt wurde, sei betont, dass keineswegs alle thematischen Facetten berücksichtigt werden konnten. Den Auftakt bilden Beiträge, die sich den methodischen Voraussetzungen sowie den in Politik, Gesellschaft und dem System der Geisteswissenschaften zu suchenden Konstitutionsbedingungen der ‚Westforschung’ zuwenden. Ihnen folgen Aufsätze zu den inhaltlichen und ideologischen Grundlagen sowie fachdisziplinären Ausprägungen des sich auf den europäischen Nordwesten kaprizierenden revisionistischen Projekts. Dass auf diese Beiträge der Hauptanteil des Bandes entfällt, ist kein Zufall; entsprochen wurde damit der Empfehlung, die üblicherweise nur dem mediävistischen Spezialisten oder Frühneuzeit-Experten vertrauten „Praxisfelder“ (Peter Schöttler) der ‚Westforschung’ (z.B. die Beschäftigung mit Burgund und der Zwischenreichsidee oder die Deutung des Westfälischen Friedens) in ihrem wissenschaftsgeschichtlich-systematischen Zusammenhang offen zu legen. Ähnliches gilt für Franz Petris Habilitationsschrift, die zwar gerne vielsagend zitiert wird, aber bislang noch nicht umfassend von fachlich kompetenter Seite analysiert wurde, oder für die Genese spezifischer (kunst-)historischer Deutungsmuster wie die Vorstellung einer eigenständigen „rhein-maasländischen“ Kultur. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den institutionellen Ausformungen in universitären und außeruniversitären Einrichtungen und im Bereich der populärwissenschaftlichen Publizistik. Wissenschaftsbiografisch ausgerichtete Beiträge zu einzelnen ‚Westforschern’ sowie eine Untersuchung zur Kontinuitätsfrage schließen den Band ab. Für die Wahl des Jahres 1960 als ungefähres Ende des zeitlichen Betrachtungsrahmens sprachen insbesondere der allmähliche Rückzug einzelner über 1945 hinaus wirksamer ‚Westforscher’ aus der aktiven Wissenschaft sowie der von einer jüngeren kritischen Forschergeneration während der 1960er-Jahre durchgesetzte Wandel historisch-geisteswissenschaftlicher Erkenntnisinteressen. Gegenüber (u.a.) der Fischer-Kontroverse, der Debatte über den „Primat der Innenpolitik“, der Hinwendung zu einer modernen Sozialgeschichte standen die über die westdeutsche Neuordnungsdebatte überkommenen Relikte ethnozentrischen Denkens auf verlorenem Posten.
Dass eine nicht geringe Zahl thematischer Aspekte wie z.B. die Rolle Schneider/ Schwertes in den Niederlanden oder die Bedeutung von Person und Œuvre Franz Petris in dem Band mehrfach als Gegenstand einer Erörterung begegnen, erwies sich als unvermeidbar; hierin spiegeln sich nach Auffassung der Herausgeber weniger Redundanzen als die zur ubiquitären Präsenz einzelner Personen und Institutionen führende Komplexität und fächerübergreifende Verschränkung des Phänomens ‚Westforschung’ wider. Allerdings ist nicht zu übersehen, dass den Vorteilen des in dem Band praktizierten systematischen Zugriffs der Nachteil gegenübersteht, dass Zusammenhänge möglicherweise aus dem Blick geraten. So lag denn auch für die Herausgeber die Versuchung nahe, ein mit Periodisierungen einhergehendes Gesamtbild – etwa in Thesenform – zu entwerfen. Wenn davon letztlich abgesehen wurde, so hat dies auch mit der kurz vor Abschluss der redaktionellen Arbeiten eingetretenen Veränderung der Forschungssituation durch das Buch von Hans Derks zu tun. Die dort formulierten kritisch-polemischen Einschätzungen sollten unseres Erachtens im Licht der Detailuntersuchungen des Sammelbandes beurteilt werden, jedoch nicht auf der Grundlage allgemeiner Thesen, die – so eine an sich gängige Praxis – aus den Einzelbeiträgen deduziert werden. So wünschenswert eine frühzeitige intensive Debatte auch ist, so sehr schien es den Herausgebern doch erforderlich, eine Perzeption des Bandes auszuschließen, die tendenziell zu Lasten der Einzelbeiträge geht: Eine alles andere überschattende „Derks-Kontroverse“ wurde nicht angestrebt. Eine Gesamtwürdigung der ‚nordwesteuropäischen’ Variante der ‚Westforschung’ ist damit keineswegs ausgeschlossen; sie bedarf aber zunächst einer intensiven sachlichen Auseinandersetzung mit den Positionen von Derks sowie mit den Befunden des Bandes. Hinweis:
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