Band 7 • 2005 • Teilband I | ISBN 3-86004-198-3 | Geschichte und Neue Medien in Forschung, Archiven, Bibliotheken und Museen |
| Editorial: Geschichte und Neue Medien | |
Annähernd 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem In- und Ausland trafen sich im April 2003 an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) zur vom Projektverbund Clio-online organisierten Tagung „.hist 2003: Geschichte und neue Medien“. Die zahlreichen Sektionen und Workshops an den drei Veranstaltungstagen verdeutlichten, wie umfassend der Einsatz neuer Medien, insbesondere des Internets, den Lehr-, Forschungs- und Arbeitsalltag von Historikerinnen und Historikern in vielfältiger Weise verändert hat.
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Literatur-Recherche, Kommunikation mit Fachkollegen, Publikation von Ergebnissen erfolgen seit längerem wie selbstverständlich am Computer. Auch bei der Erschließung von Quellen und Artefakten sowie in der Lehre und Wissensvermittlung werden die Möglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung und -übermittlung breit genutzt. Zu Beginn und Mitte der 1990er Jahre ging es noch primär darum, durch den Einsatz „neuer Medien“ bestehende Abläufe schneller oder günstiger zu gestalten: E-Mail ersetzte den Brief oder Fax, das digitale Bild die Mikrofiche, die Abfrage des OPACs zunächst per Telnet und später per WWW den Gang zum Karteikasten. Seither treten zunehmend die grundsätzlich neuen Möglichkeiten des Medienwandels in den Vordergrund: Automatische Zeichenerkennung (OCR) und Volltextindizierung erlauben Suchanfragen in einem retrodigitalisierten Textkorpus, die weder der ursprüngliche Druck noch die Mikroverfilmung bot.
Die Tagung richtete sich an Entwickler, Anwender und Entscheidungsträger aus den Geschichts- und Geisteswissenschaften, aus Bibliotheken, Archiven und Museen und bildete damit auch die Konzeption von Clio-online als einem Verbund von Partnereinrichtungen aus Fachwissenschaft und Fachinfrastruktureinrichtungen ab. Die beabsichtigte Überwindung disziplinärer und institutioneller Grenzen spiegelte sich auf der Tagung und auch im vorliegenden Band wider: Von „geisteswissenschaftlichen Fachinformatikern“ (Thaller, Bd. I) betreute Digitalisierungs- und elektronische Editionsvorhaben laufen in Archiven wie Bibliotheken (Federbusch, Bd. I), Museen, Universitäten (Sahle/Vogeler, Bd. I, Gniffke/Rapp, Bd. I) und außeruniversitären Forschungseinrichtungen (Charlier, Bd. I). Die vielen Antworten auf den Call for Papers
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und die erfreuliche Teilnehmerresonanz zeugten vom breiten Bedürfnis nach einer Plattform für den Informations- und Erfahrungsaustausch, zur Diskussion von Standards als Voraussetzung für Kooperationen und Austausch von Know-how zwischen den verschiedenen Akteuren. Viele kleinere Einrichtungen oder Forschungsvorhaben ohne eigene Entwicklungskapazitäten würden gerne auf bestehende Lösungen zugreifen. Da diese aber meist in einem konkreten Projektkontext ohne Nachnutzungsperspektiven realisiert worden sind, können sie jedoch nur selten durch ähnlich gelagerte Projekte unmittelbar nachgenutzt werden und sinnvolle Übertragungen der Lösungen auf ähnlich gelagerte Nutzungskonzepte können nach Ablauf des Förderzeitraums häufig nicht unterstützt werden. Zudem haben sich Bibliotheken, Archive und Museen wegen ihrer abweichenden Aufgaben in der Vergangenheit an nicht identischen Leitbildern orientiert sowie nach unterschiedlichen Prinzipien entwickelt und verwenden deshalb häufig mannigfache Verfahren der Erschließung und Bereitstellung ihrer Bestände (Maier, Bd. II). Im Unterschied zu den Archiven existieren Dank des jahrelangen Einsatzes von OPACs und Verbundkatalogen beispielsweise im Bibliotheksbereich akzeptierte Standards für die Katalogisierung und den Datenaustausch. Entsprechende Beschreibungsformate für die Erschließung von Archivgut und Sammlungsgegenständen fanden dagegen erst in den letzten Jahren breitere Akzeptanz (Black-Veldtrup, Bd. II). Anwender erwarten bei sachthematischen Fragestellungen jedoch Recherchemöglichkeiten, die bei einer Abfrage alle Quellen verschiedener Informationsdienstleister einschließen. Fachwissenschaftliche Metasuchen (Meyer/Müller, Bd. II) und zentrale Suchportale wie Kalliope für Nachlässe und Autographen oder das BAM-Portal für Bibliotheken, Archive und Museen (Maier, Bd. II) sind erste Ergebnisse dieser neuen, von Nutzerwünschen und technischen Möglichkeiten vorangetriebenen Inter-Institutionalität. Wird hier das neue Medium selbst zur Botschaft und treibt die Wissenschaft und Gedächtnis-Institutionen auf ähnliche Weise voran, wie im 19. Jahrhundert die Entwicklung der Staatsarchive, Editionsprojekte und einer „Reichsbibliothek“ durch politische Zielsetzungen forciert wurden (Ernst, Bd. II)?
Der vorliegende Doppelband versammelt eine Auswahl aus den auf der Tagung „.hist 2003“ präsentierten Beiträgen. Im Anschluss an die Tagung haben wir die Referenten um die Ausarbeitung ihrer Vorträge zu Artikeln nachgesucht. Ein Großteil der Referentinnen und Referenten ist unserem Wunsch nachgekommen, andere sahen sich dazu aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage. So eigneten sich nicht alle Beitragsformate wie Podiumsdiskussionen, round tables oder Projektpräsentationen zur schriftlichen Ausarbeitung, teilweise sahen sich die Referentinnen und Referenten auch aus zeitlichen Gründen nicht in der Lage, ihren Vortrag zu einem Artikel auszuarbeiten. Die in den Bänden enthaltenen Beiträge dokumentieren den Stand der Entwicklung im Frühjahr 2003 und wurden nur vereinzelt aktualisiert oder um einen Nachtrag ergänzt. Die Beiträge sind unter den Kapitelüberschriften „Geschichte und Neue Medien: Überblicke“, „Internet und Recht“, „Fachkommunikation“, „Publikationen und Editionen“ im ersten Teilband, „Lehre und Wissensvermittlung“, „Portale und Verzeichnisse“ sowie „Historische Datenbanken“ im zweiten Teilband für die vorliegende Publikation neu gruppiert worden. Damit soll auch nur an Einzelbereichen interessierten Lesern ein schneller Einstieg in die umfangreiche Thematik ermöglicht werden. Kehrseite dieser Entscheidung ist eine gewisse Heterogenität der Beiträge innerhalb der einzelnen Kapitel: Stand in den Workshops der jeweilige Projektkontext im Zentrum der Präsentation, wurde für die thematischen Sektionen von den Veranstaltern eine umfassende Thematisierung der Gegenstände darüber hinaus vorgegeben. In den übergreifenden Sektionen dagegen trat der disziplinäre Bezugsrahmen zugunsten allgemeiner Fragen und Perspektiven zurück. Bei der Beschränkung der Lektüre auf einzelne Kapitel treten die sektions- und kapitelübergreifenden Problem- und Fragestellungen leicht in den Hintergrund. Deshalb sollen einige dieser Themen in der Folge kurz vorgestellt werden: Die Frage nach der langfristigen Zugänglichkeit in einer Umgebung rasanten technischen Wandels, der Aspekt des information overload sowie der Qualitätssicherung beim explosiven Wachstum der Webangebote sowie die neue und deshalb für viele unsichere rechtliche Situation als Informationsanbieter im Netz.
Im Gegensatz zum STM-Bereich (Scientific, Technical, Medical) mit vergleichsweise kurzen „Halbwertszeiten“ wissenschaftlicher Literatur, also der Zeitspanne bis zur Hälfte der Zitationen eines bestimmten Artikels, zwischen 5 und 10 Jahren, steht für geisteswissenschaftliche Autoren weniger der schnelle Zugriff als die dauerhafte Zugänglichkeit und Zitierfähigkeit der wissenschaftlichen Arbeiten im Vordergrund. Die Wichtigkeit dauerhafter Verfügbarkeit ist deshalb unbestritten. Wurden Sammlungsstrategien für elektronische Publikationen teilweise bereits in den Regelbetrieb überführt (Wollschläger, Bd. I), steht die langfristige Archivierung, Aufbereitung und Dokumentation maschinenlesbarer Forschungsdaten noch ganz am Anfang (Metz/Sensch, Bd. II; Ebeling/Gorißen, Bd. II). Offen bleibt, ob im digitalen Zeitalter solche Speicherfunktion beispielsweise in Nationalbibliotheken zentralisiert werden können, während wissenschaftliche Spezialbibliotheken gemäß dem Motto „from ownership to access“ als reine Informationsbörsen komfortable Zugänge auf digital gespeicherte, wissenschaftlich relevante Informationen bieten (Rösch, Bd. I). In Deutschland mit seiner traditionell föderalen (Infra-)Struktur scheint eine solche durchgehende Zentralisierung wenig wahrscheinlich.
Gleichzeitig eröffneten sich neue Tätigkeitsfelder für Universitätsbibliotheken, Archive und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen: Als Betreiber von Portalen, Subject Gateways und Dokumentenservern übernehmen sie zukünftig vermehrt qualitätssichernde und vermittelnde Aufgaben (Beier, Bd. I; Schweder, Bd. I). Stehen bei institutionell angebundenen Dokumentenservern mit der Aufbewahrung, der Sammlung, der Erschließung sowie dem Vertrieb von – in der Regel überwiegend im eigenen Haus erstellten – Publikationen archivarische und verlegerische Funktionen im Zentrum, übernehmen Portale und Subject Gateways die Sichtung und Bündelung verstreut im Netz vorhandener Angebote. Diese werden nach inhaltlichen und qualitativen Kriterien einheitlich erschlossen und um Kommentare, Zusatzinformationen sowie Recherchemöglichkeiten ergänzt (Uhde, Bd. II; Enderle/Winsmann, Bd. II). Allerdings gibt es zur Zeit kein privilegiertes Kriterium für die inhaltliche Abgrenzung geschichtswissenschaftlicher Portale: Neben Verbundportalen von Bibliotheken, Archiven und Museen stehen solche mit regionaler (Minn et al., Bd. II; Schlögl, Bd. I), epochaler oder thematischer Fokussierung (Brodersen/Winsmann, Bd. II), die von Fachwissenschaftlerinnen an Universitäten und Forschungseinrichtungen gemeinsam mit Mitarbeitern an Infrastruktureinrichtungen betreut werden. Da die meisten Nutzer bei ihren Recherchen auf die Trefferlisten der bekannten Internet-Suchmaschinen zurückgreifen, können die Kompetenzen zur Suche und Bewertung elektronischer Quellen und Materialien nicht einfach an Portale und Subject Gateways delegiert werden. Informationskompetenz sollte deshalb als Ergänzung der klassischen hilfswissenschaftlichen Disziplinen in die geistes- und kulturwissenschaftlichen Curricula integriert werden (Haber, Bd. I).
Digitale Information kennt keinen Unterschied zwischen Original und Kopie. Die Techniken und Protokolle des Internets sind global. Es gibt bis auf wenige Ausnahmen von Ländern mit abgeschotteten Netzen also keine Ländergrenzen für Datenpakete. Dennoch müssen sowohl Anbieter als auch Nutzer von Online-Angeboten auf eine Vielzahl nationaler und internationaler, teilweise auch konkurrierender, Regelungen zu Urheberrecht und Datenschutz achten (Kuhring, Bd. I). In zeitlicher und räumlicher Nähe zur Tagung verabschiedete der Bundestag das „Gesetz zur Änderung des Urheberrechts in der Informationsgesellschaft“ als Umsetzung einer entsprechenden EU-Urheberrechtsrichtlinie. Besonders relevant für Lehre und Forschung ist der Paragraf 52a UrhG
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, der den öffentlichen Zugang kleiner Teile eines Werkes und Werke geringen Umfangs für einen abgegrenzten Kreis von Personen für Unterricht oder eigene wissenschaftliche Forschung regelt und unter gewissen Einschränkungen auch im Netz explizit erlaubt (Beger, Bd. I). Kam es bei dieser Urheberrechtsneuregelung zu einer starken Polarisierung zwischen Verlagen und Wissenschaftseinrichtungen, steht im Publikationsalltag einer öffentlich finanzierten Forschungseinrichtung wie z. B. der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften die Frage im Vordergrund, ob sich die wissenschaftliche Verbreitungsabsicht der Akademie – die ihre Forschungsergebnisse einerseits weiterhin gedruckt, andererseits auch online über einen umfassenden und effizienten, letztlich uneingeschränkten und möglichst kostenfreien Zugang anbieten will – und die Interessen eines Verlages, der mit der Veröffentlichung einen Gewinn erzielen will, in partnerschaftliche Übereinstimmung bringen lassen (Holtz, Bd. I).
Eine Reihe öffentlicher Förderprogramme sowie die stärkere Normierung der Curricula im Rahmen der Umstellung auf Bachelor-Studiengänge mögen einige Faktoren für den auch außerhalb der Konferenz beobachteten Boom der Online-Lehre sein.
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Museen wie das Deutsche Historische Museum haben früh erkannt, dass mit virtuellen Ausstellungs- und Informationsangeboten Zielgruppen erreicht werden können, die sich deutlich von den herkömmlichen Museumsgängern unterscheiden (Blank/Marra, Bd. I). Sowohl bei der Wissensvermittlung in virtuellen Museen als auch bei E-Learning-Angeboten, kann es nicht nur darum gehen, bestehende Objekte oder Lehrangebote unverändert ins Netz zu stellen. Das Museum als Ort materieller Kultur und die immaterielle Welt des Digitalen sind etwas gänzlich Verschiedenes, da der Gegenstand bedingt durch die Digitalisierung bzw. Reproduzierung seine „Aura“ als Original verliert (Samida, Bd. II; Braun, Bd. II). Im virtuellen Museum sei deshalb mehr Wert auf den Kontext als auf das Objekt zu legen. Auch E-Learning sollte nicht nur die Buchkultur in einem neuen Medium gemäß dem Motto „Mehr vom Selben, - aber schneller und genauer!“ fortschreiben (Krameritsch, Bd. II). Denn offline wie online gilt: Angebote, die praktische Fertigkeiten trainieren, müssen anders aufgebaut sein als solche, die Überblickswissen vermitteln oder Diskussions- oder Kommunikationsfähigkeit stärken wollen (Eder, Bd. II; Kwasnitza, Bd. II). Besonders auffällig in den Beiträgen ist das hohe Maß an Selbstreflektion über Sinn und Form der vorgestellten Angebote. Ist dies die Vorwegnahme allfälliger Einwände gegen die netzgestützte Lehre durch Medienskeptiker und Computerverweigerer oder eher Anzeichen einer gewissen Ernüchterung der Pioniere nach ersten Erfahrungen mit dem Einsatz Neuer Medien in Museum und Unterricht?
Mit gewissem Recht wurde die starke Fokussierung der Tagung auf den deutschen Sprachraum und die fehlende internationale Perspektive kritisiert.
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Die Ausnahme bildet die dem transnationalen Vergleich verpflichtete Sektion zur Fachkommunikation. An den Beispielen von H-Museum und H-Soz-u-Kult wird deutlich, dass die globale Einbindung von Foren in den internationalen, überwiegend englischsprachigen Verbund des H-Net kein Hindernis für den Erfolg dieser Projekte bei einem gemischtsprachigen oder sogar primär deutschsprachigen Publikum darstellen muss (Blank/Marra, Bd. I). Nationale Besonderheiten verschwinden aber nicht einfach im Zeitalter der globalen Kommunikation. Der Transfer einer Liste über den Atlantik erfordert deshalb neben der Übernahme der technischen Infrastruktur eine gleichzeitige inhaltliche Adaption an die lokale Wissenschaftskultur (Borgmann, Bd. I). Besonders deutlich wird dies beim Blick auf die auch heute noch randständige Position von Online-Foren in Frankreich (Saunier, Bd. I). Die Möglichkeiten des Internet als Publikationsplattform mit einer „low barrier of entry“ sowohl für Quellen als auch für längere akademische Texte im Buchformat scheint weniger an technische als an wirtschaftliche Rahmenbedingen gebunden zu sein. Deshalb kommt hier Russland eine Vorreiterrolle zu, wo der politische Wandel und die prekäre wirtschaftliche Situation die Abkehr von akademischen Verlagen hin zur Selbstpublikation erfordert hat (Merten, Bd. I).
Wurde in den einzelnen Sektionen teilweise heftig über die 'richtigen' Lizenzen für Software und Inhalte gestritten, herrscht in den im vorliegenden Band versammelten Beiträgen eher ein gelassener Pragmatismus vor. Im BAM-Portal
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wird ORACLE über frei verfügbare Java-Komponenten angebunden (Maier, Bd. II), während im HISTAT-Projekt
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mit MySQL (Metz/Sensch, Bd. II) und beim eDoc-Server der MPG
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mit PostgreSQL (Beier, Bd. I) auch bei den Datenbank-Systemen auf Open-Source gesetzt wird. Bis auf das Angebot von DigiZeitschriften
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sind die im Tagungsband vorgestellten Angebote kostenlos zugänglich. Kaum thematisiert wird, ob dies prinzipiellen Erwägungen der Anbieter oder der fehlenden Akzeptanz kostenpflichtiger Angebote auf Nutzerseite zuzuschreiben ist. Auch die (Nach-)Nutzungsbedingungen der Content-Produzenten für ihre Digitalisate, elektronische Quelleneditionen oder E-Learning Angebote werden nicht weiter ausgeführt. Dass diese Frage die Gemüter bewegt, zeigte sich sehr deutlich in der kontrovers geführten Debatte um „Open Access“ in der am Schluss der Tagung stehenden Podiumsdiskussion.
Zwar hat sich die in der zweiten Hälfte der 90er Jahre besonders stürmische Entwicklung des Internets zwischenzeitlich etwas verlangsamt. Der „Quantensprung“ vom relativ unstrukturierten Web der 90er Jahre zu einem semantischen Web
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, also der systematischen Ergänzung der für menschliche Leser aufbereiteten Webinhalte durch von Maschinen les- und auswertbare Metainformationen, wie ihn Ch. Albrecht im einleitenden Artikel skizziert, bleibt eine Langfristvision mit ungewissen Realisierungsaussichten. Aktuell ist vielmehr die Abnabelung der Internetangebote von gedruckten oder Offline-Vorbildern im Sinne einer Realisierung der eigenen Möglichkeiten und Stärken gemäß dem von Enzensberger formulierten medienhistorischen „Gesetz“, wonach jedes neue Medium sich zunächst an einem älteren orientiert „bevor es seine eigenen Möglichkeiten entdeckt und gewissermaßen zu sich selber kommt“ (zitiert nach Krameritsch, Bd. II). Web 2.0 lautet der zunächst inhaltslose, deshalb aber nicht weniger griffige Sammelbegriff für eine Reihe solcher Entwicklungen.
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Gemeinsam sind ihnen niedrige Einstiegshürden, die die Grenze zwischen Nutzern und Anbietern verwischen. Waren viele Anwender auch nach mehrstündigen HTML-Einführungen mit der Pflege einer privaten Homepage überfordert, stehen heute zentral gehostete Blogs nach einer kurzen Registrierung zum Losschreiben bereit. In Wikis erfordert der Wechsel von der Leser- zur Autoren- oder Editorenrolle bloß den Klick auf den „Seite bearbeiten“-Link. Auktionsplattformen ermöglichen, dass jemand innerhalb einer halben Stunde vom potentiellen Käufer zum temporären Verkäufer werden kann. Bewertungs- und Beschreibungsmechanismen teilen Kontroll- und Klassifikationsfunktionen auf alle Besucher der Site. Erfolgreiche Webangebote sind Angebote, bei denen auf diese Weise in die Erweiterung und Pflege der Inhalte eingebundene Konsumenten selbst Produzenten werden und einen Mehrwert schaffen. Die Orientierung an den Wünschen und Bedürfnissen der Nutzer ist deshalb auch bei kostenfreien Angeboten zentral. Einfache Web-Service APIs (z.B. REST, XML-RPC) und XML-Formate (RSS)
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ermöglichen die schnelle Einbindung komplexer Dienste und fremder Inhalte in den eigenen Webauftritt. Auch ein fachwissenschaftliches Angebot kann solche Techniken und Methoden nutzen, um die von den Mittelgebern für ein elektronisches Rezensionsjournal geforderte Durchlässigkeit und Vernetzung mit anderen Informationssystemen zu realisieren: Der Verweis auf die Rezension ist im OPAC abgespeichert, ein direkter Link führt zu weiteren Besprechungen und – falls verfügbar – zu einem Inhaltsverzeichnis des Bandes, der – falls gewünscht – gleich in einer lokalen Bibliothek oder bei einem Buchhändler bestellt werden kann (Goebel, Bd. I).
Nach der Ankündigung von der Digitalisierung aller Bücher der fünf Bibliotheken Stanford, Michigan, Oxford, New York Public Library und Harvard durch Google im Dezember 2004 und der öffentlichkeitswirksamen Reaktion von Jean-Noël Jeanneney, Direktor der Bibliothèque nationale de France, rückte ein Kernbereich wissenschaftspolitischer Förderkonzepte für die Geschichtswissenschaften, die Digitalisierung der kulturellen Überlieferung, ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Konsens herrscht über die Notwendigkeit eines Übergangs von der Digitalisierung signifikanter Einzelwerke hin zur systematischen Erfassung umfangreicher Bestände (Thaller Bd. I; Goebel Bd. I). Umstritten ist, ob diese Aufgabe Akteuren mit primär kommerziellen Interessen überlassen werden darf. Durch die als Reaktion auf Googles Bestrebungen von Yahoo formierte Open Content Alliance und öffentlich geförderte Projekte im Rahmen des i2010: digitale bibliotheken-Programms der EU
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ist eine Wettbewerbssituation entstanden, die eine massive Erhöhung der Zahl und Zugänglichkeit (retro-)digitalisierter Texte in den nächsten Jahren erwarten lässt. Diese Entwicklung wird nicht nur die Geschichtswissenschaften verändern. In der Frühzeit der Computergeschichte schrieb Alan Turing: „Wenn wir deshalb eine wirklich schnelle Maschine haben wollen, müssen wir unsere Information, oder jedenfalls einen Teil davon, in einer zugänglicheren Form besitzen, als durch Bücher erreicht werden kann.“ (zitiert nach Scharbert, Bd. I). Oder wie Gerald Neumann, der auf der Tagung das „Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts“ (DWDS) vorstellte, unlängst in der Wochenzeitung Die Zeit schrieb: „Die Futuristen von der Künstliche-Intelligenz-Forschung behaupten seit vierzig Jahren, dass Computer bald Sprache verstehen werden. 'Keine Ahnung, wann. Aber es wird passieren. Denn zum ersten Mal ist extrem viel Geld in der Branche. Im Moment tun die Suchprogramme noch so, als verstünden sie, was in den Texten steht. Aber irgendwann werden sie es verstehen.'“
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Im Wissen um sehr viele nie realisierte Technikutopien reagieren Historiker auf solche Zukunftsaussichten in der Regel eher skeptisch. Mit dem Leitthema von „.hist 2006“ – Geschichte im Netz: Praxis, Chancen, Visionen
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– signalisieren die Veranstalter, dass sie von der Notwendigkeit überzeugt sind, den Dialog der zurückliegenden Tagung wieder aufzunehmen und weiterzuführen, die Möglichkeiten einer „Informationswelt ohne Grenzen“ auszuloten, gleichzeitig aber auch die Realisierbarkeit und Wünschbarkeit kritisch zu hinterfragen und am Praxisalltag zu messen.
Zum Schluss möchten wir uns bei allen Institutionen und Personen bedanken, die durch ihre großzügige Unterstützung die Tagung und den vorliegenden Band erst ermöglicht haben. Nur einige können hier genannt werden: Hauptmittelgeber war die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen der Projektförderung von Clio-online. Für zusätzliche finanzielle Mittel danken wir der Forschungsabteilung und dem Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Die HU und die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften stellten kostenlos ihre Räumlichkeiten und technische Infrastruktur für die Tagung zur Verfügung; zusätzlich durften wir auf die Infrastruktur der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz zurückgreifen. Bei der Öffentlichkeitsarbeit wurden wir vom Presse- und Öffentlichkeitsbüro der HU tatkräftig unterstützt, der Computer- und Medienservice der HU stellte das Tagungssystem zur Verfügung und betreut die Umsetzung der vorliegenden E-Publikationen auf dem Dokumentenserver der Universität. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den genannten Einrichtungen danken wir sehr für ihre engagierte Unterstützung. Hauptverantwortlich für Planung und Durchführung der Tagung „.hist 2003“sowie die Vorbereitung des Tagungsbandes war Max Vögler. Dabei durfte er stets auf die große Unterstützung durch Claudia Prinz zählen, die auch engagiert und zuverlässig die Korrespondenz mit den Autorinnen und Autoren sowie das Lektorat und die Koordination der Beiträge übernahm. Beiden gilt unser ganz besonderer Dank.
Organisation, Infrastruktur und Finanzen sind notwendige Voraussetzungen für das Zustandekommen jeder größeren Tagung. Entscheidend für das Gelingen sind letztendlich aber stets die präsentierten Ideen und Inhalte. Allen Sektionsleitern, Referentinnen und Autoren danken wir deshalb an dieser Stelle noch mal ganz herzlich für ihre Beiträge und Berichte auf der Tagung und ihre Unterstützung und Geduld beim Zustandekommen dieses Bandes.
Berlin, im Dezember 2005 Daniel Burckhardt, Rüdiger Hohls, Vera Ziegeldorf
[1] Einen Überblick über einige der Sektionen bieten die Tagungsberichte von Thomas Aigner <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=262>, Karsten Borgmann <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=263> und Peter Haber <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=261>.
[2] <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=1481>
[3] <http://bundesrecht.juris.de/bundesrecht/urhg/__52a.html>
[4] Diese Entwicklung lässt sich an den Teilnehmerzahlen des vom österreichischen Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur (bm:bwk), dem deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem schweizerischen Bundesamt für Bildung und Wissenschaft (BBW) finanzierten medida-prix für den Einsatz digitaler Medien in der Hochschullehre quantitativ verfolgen: Nach 167 eingereichten Projekten im Jahr 2002 wurde 2003 mit 192 Teilnehmern ein Höhepunkt erreicht. Seitdem sank die Zahl über 186 Projekte im Jahr 2004 auf 121 Projekte im Jahr 2005, obwohl die Dotierung des Preises mit 100 000 Euro pro Jahr unverändert hoch blieb, <http://www.medidaprix.org>.
[5] Tagungsbericht von Peter Haber, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=261>.
[6] Portal für Bibliotheken, Archive und Museen, <http://www.bam-portal.de>.
[7] Online-Datenbank zur Historischen Statistik, <http://www.histat.gesis.org>.
[8] <http://edoc.mpg.de>
[9] <http://www.digizeitschriften.de>
[10] <http://www.w3.org/2001/sw/>
[11] Zur Geschichte und Erläuterung des Begriffes siehe O'Reilly, Tim, What Is Web 2.0, <http://www.oreillynet.com/pub/a/oreilly/tim/news/2005/09/30/what-is-web-20.html>. Siehe auch Graham, Paul, Web 2.0, <http://www.paulgraham.com/web20.html>.
[12] API: Application Programming Interface; REST: Representational State Transfer (Web-Schnittstelle, bei der meist alle Anfrageparameter direkt in die URL einkodiert werden, worauf die entsprechende Antwort ohne zusätzliche Abstraktionsebenen als einfach strukturiertes XML- oder HTML-Dokument zurückgegeben wird); XML: Extensible Markup Language; RPC: Remote Procedure Call (Funktionsaufruf auf entferntem Rechner); RSS: Rich Site Summary oder Really Simple Syndication (Familie von XML-basierten Dateiformaten zur Beschreibung von Webinhalten).
[13] <http://europa.eu.int/eur-lex/lex/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2005:0465:FIN:DE:HTML>
[14] <http://www.zeit.de/2005/41/Suchmaschinen_2?page=6>
[15] Call for Papers unter <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=4190>.
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