Band 9 • 2006 | ISBN-10: 3-86004-202-5 | | ISBN-13: 978-3-86004-202-1 | "Querschnittsberichte vom Historikertag 2006" |
| Querschnittsberichte |  |
Geschlechtergeschichte
Miriam Gebhardt
Besprochene Sektionen:
"Geschlecht als Medium von Geschichtserzählung"
"Bilder vom Körper: Visualisierungspraktiken in medizinischen und populären Publikationen des 19. und 20. Jahrhunderts"
"Supermänner, Superfrauen, Supermächte. Sport als Medium des Kalten Krieges"
"Der Zeitzeuge. Annäherung an ein geschichtskulturelles Gegenwartsphänomen"
"Identität und Alterität: Deutsche in Schweizer Bildern und Darstellungen"
"Die deutsche Massenkonsumgesellschaft 1950-2000 – eine wirtschaftshistorische Sehkorrektur"
Wer wissen will, wo die deutschsprachige Geschlechtergeschichte momentan steht, den mag zunächst eine nackte Zahl beeindrucken: Von 50 Sektionen des 46. Historikertags in Konstanz war sage und schreibe eine als geschlechtergeschichtlich ausgewiesen. Damit lag das Geschlecht weit abgeschlagen hinter Wirtschaft, Körper oder Religion und beanspruchte so viel Raum wie die Sportgeschichte. Auch der genauere Blick in die einzelnen Themenschwerpunkte machte mutlos: Da waren gerade mal fünf Einzelvorträge von insgesamt gut und gerne zweihundert; von einem integrierten Ansatz, der die Kategorie Geschlecht nie aus dem Auge verliert, waren die Programmplaner des Historikertags sowie die Konzepte der erfolgreich einreichenden Sektionsleitungen also auch diesmal weit entfernt. Am Thema der Tagung kann es nicht gelegen haben, schließlich stehen der historischen Genderforschung „kulturalistische“ Fragestellungen wie die nach „Geschichtsbildern“ traditionell nahe. Aber halt: Die Zeiten, in denen man sich der Geschlechterthematik mit spröden Zahlen näherte, sind doch wohl vorbei. Bevor wir also anfangen, die Frauenquote bei den Festvorträgen (null Prozent) voreilig in dieses Bild zu integrieren, wenden wir uns schnell den Inhalten zu. Wo also steht die deutschsprachige Geschlechtergeschichte heute?
Geschlechtergeschichte ist nicht gleichbedeutend mit Frauengeschichte, sondern eröffnet eine Perspektive auf die „Relationalität“ der (mindestens) zwei Geschlechter, ihrer Zuschreibungen, Konstruktionen und Handlungsspielräume in der Vergangenheit und in den retrospektiven Bildern. Die darin enthaltene Ermutigung der Historikerzunft, sich auf diesem Weg auch eine eigene „Männergeschichte“ zu sichern, ist offenbar nach wie vor nicht attraktiv. Keine Sektion war mit einem solchen Ziel angetreten. Wohingegen die klassische „Frauengeschichte“, nicht von allen geliebt, weil sie als kompensatorisch (es gab auch wichtige Frauen) oder kontributorisch (der weibliche Beitrag zu...) verstanden werden kann, wieder (oder immer noch) auf der Bildfläche erscheint. Ausgerechnet die einzige Sektion zur Geschlechtergeschichte beschritt in zwei Vorträgen dieses dünne Eis.
Theoretischer Ehrgeiz war für die, in einem kleinen, aber gut gefüllten Raum präsentierenden Wissenschaftlerinnen, Programm. Anders als viele andere Sektionen bemühten sie sich, ihr Konzept und nicht nur den Titel der Sektion mit dem Thema des Historikertags abzustimmen. Ziel sei es, die Verbindung zwischen historischer Narration und der Konstruktion von Geschlechterbildern herauszuarbeiten. Dazu bot Ulrike Gleixner (Berlin) drei plausible Thesen an; erstens: die aus dem bürgerlichen Zeitalter stammenden Geschlechterbilder würden auf die Geschichte projiziert, damit werde Geschichte zum „gender project“; zweitens: populäre Bilder und Erzähltraditionen wie zum Beispiel Mythen seien oftmals im Stande, die wissenschaftlichen Geschlechterordnungen, die über die Vergangenheit gestülpt würden, zu stören; und drittens: das an die bürgerliche Zeit gekoppelte Verhältnis von Geschichte und Geschlecht überdecke Zeichen des historischen Wandels.
Bea Lundts (Flensburg) Vortrag zu „Feengeschichten – Die Geschichte der Fee? Vom Gendering des ‚Wunderbaren’ in mittelalterlichen Exempeltraditionen (12./13. und 15. Jahrhundert)“ löste die geweckten Erwartungen ein. Vom Ansatz des „narrating gender“ her argumentierend, präsentierte sie ein über das „Eva“- und „Maria“-Bild hinausgehendes narratives Weiblichkeitsmodell. Die Fee aus der Feder englischer Kirchenmänner beweise, dass das Imaginäre im Mittelalter nicht nur männlich gewesen sei, wie Georges Duby behauptet hat. Ihre Abwertung als Ausgeburt heidnischen Aberglaubens und als Unglücksbringerin gehöre in einen späteren historischen Kontext. Ihrer frühen Erzähllogik nach war die Fee etwa eine Hofärztin des Königs, ging einer professionellen Tätigkeit nach, herrschte über ein eigenes Reich mit „heiteren Gesetzen“ und begründete ihre Existenz nicht auf Ehe und Elternschaft sondern auf Intellekt und individuellen Freiraum. Ihre Fähigkeit, Männer in Esel und Frauen in Schlangen zu verwandeln, war für Lundt nichts besonderes, etwa vergleichbar mit der Gabe der Männer, sich mit dem Mondzyklus in Wölfe zu verwandeln. Insofern repräsentierten Feen und Werwölfe gleichermaßen „Gegenwelten des Unvernünftigen“.
Auch an der Autorin Marie de France (1160-1215), die eine Renaissance erlebt, nachdem sie von den männlichen „Zitierkartellen“ lange Zeit aussortiert worden sei, konnte Bea Lundt verdeutlichen, wie humorlos die auf ihre polaren Geschlechterbilder fixierte Rezeption auf mittelalterliche Weiblichkeitsentwürfe reagierte, sobald diese sexuelle Erfüllung und soziale und räumliche Mobilität (fliegen können!) suggerierten. So etwas passte nicht ins Grimm’sche Kinderzimmer. Der Ertrag dieses Vortrags ging über die Erleichterung hinaus, die Beweise weiblicher Freiheit in der Geschichte mit sich bringen mögen. Bea Lundts Vortrag stach grundsätzliche Fragebündel an wie die nach dem Stellenwert christlicher Moral zu Zeiten, als das Wunderbare doch nicht automatisch heidnisch war; Fragen nach der Exklusivität der männlich strukturierten Ständehierarchie – Herrscher, Helden, Heilige – oder die Frage, inwieweit sich in literarischen Texten historische Praxis auffinden lässt. Dem Zweifler aus dem Saal, der einwendete, es könne sich bei ihren Textbeispielen auch um „Satire“ handeln, entgegnete Bea Lundt mit dem kulturwissenschaftlichen Credo, Gedankenwelten seien immer Teil der realen Welt.
Daneben wirkten die Beiträge von Marion Kobelt-Groch (Hamburg) und Ulrike Gleixner zu dieser Sektion vergleichsweise traditionell frauengeschichtlich. Kobelt-Groch trug unter dem Titel „Frauen tragen die Fahne voran. Vom weiblichen Umgang mit einem Symbol (16.-18. Jahrhundert)“ eine traurige Geschichte vor, wonach Frauen und Fahnen sich bis heute schlecht verstünden (außer bei der WM). An einer Leichenpredigt aus dem 17. Jahrhundert und an bildlichen und narrativen Darstellungen der „Dittmarschen Jungfrau“ Telse exemplifizierte sie die Ambivalenz, die männlichen Vorstellungen von weiblichen Fahnenträgerinnen innewohnte. Mal wurde sie als Mann in Frauenkleidern gesehen, mal als barbusiges Vollweib. Tenor des Vortrags: Den realen Frauen geschah Unrecht in den männlichen Diskursen. Ebenso argumentierte Gleixner in ihrem Vortrag „Geschlecht als Basis für Geschichtsbilder: Wie Fontanes Effi Briest zur historischen Quelle avanciert (Ende 19. und 20. Jahrhundert)“. Sie entlarvte den literarischen Diskurs um Effi als weit entfernt von ihrem historischen Vorbild, der adeligen Elisabeth von Ardenne. Die „wirkliche“ Effi war weder erheblich jünger als ihr Mann, noch zahlte sie für ihre Affäre mit dem sozialen oder gar dem physischen Tod. Die Adelige war berufstätig und lebte als pietistische Krankenschwester und Nazisympathisantin fröhlich bis an ihr Ende im Jahr 1952 am Bodensee.
Aus dem Realitätsabgleich mit dem, was Literaturwissenschaftler und Sozialhistoriker mit der Geschichte von Fontane anstellten, bastelte Ulrike Gleixner eine spannend erzählte Enthüllungsgeschichte. Die Überzeugungskraft der Geschlechterstereotypie – erotische Kindfrau und „Tochter der Luft“ – war einfach zu groß, als dass man sich noch dafür interessiert hätte, ob die Fontane’sche Fiktion auf der Höhe der Zeit war. Das war sie nicht, die Lebensbedingungen adeliger Frauen sahen anders aus, aber, so what? Die polaren Geschlechterbilder wirkten eben, weil sie Vorstellungen und Präferenzen der zeitgenössischen und späteren Rezipienten entgegen kamen. Wenn der Roman bis heute gelegentlich als sozialhistorische Quelle für die Geschlechterbilder des bürgerlichen Zeitalters gelesen wird, so ist das, wie Lehrerinnen aus dem Publikum einwarfen, auch nicht so verwerflich, denn Effi Briest entsprach zumindest den Vorstellungen des wilhelminischen Bürgers Fontane und seiner bürgerlichen Leserschaft, wenn auch nicht denen des Adels. Beklagt wurde auch, dass ganze Schülerinnengenerationen, vor allem in den 1950er Jahren, mit „Effi Briest“ sozialisiert worden seien. Aber haben die Schüler/innen damals wirklich die Kritik des Romans überlesen? Und war das Los eines Baron Instetten, das er mit seiner Männerrolle gezogen hatte, so viel besser?
Die Sektion „Geschlecht als Medium der Geschichtserzählung“ wurde dem selbst erklärten Anspruch, Geschlecht und Geschichte in ihrer Verwobenheit zu behandeln, nicht in allen Teilen gerecht. Das heißt aber nicht, dass die Geschlechtergeschichte auf dem Historikertag damit schon am Ende war. Wer gründlich genug suchte, fand hie und da einen Trüffel, etwa in der Sektion „Bilder vom Körper: Visualisierungspraktiken in medizinischen und populären Publikationen des 19. und 20. Jahrhunderts“. Susanne Holschbach (Leipzig) dekonstruierte „Visualisierungsparadigmen in Charcots ‚photographischer Klinik’“. Den weithin bekannten Abbildungen von Hysterikerinnen, die an der Salpêtrière in Paris öffentlich in Hypnose versetzt und bei ihren „Anfällen“ fotografisch inszeniert wurden – bei den damaligen technischen Möglichkeiten ein aufwändiger und gewiss nicht spontaner Akt – diesen Bildern stellte Susanne Holschbach Abbildungen männlicher Hysteriker gegenüber, die nicht ganz so bekannt sind. Dabei wurde sichtbar, wie stark die zeitgenössischen Geschlechterbilder in der Körpersprache der Patienten ausgedrückt und abgebildet wurden. Die Hysterikerinnen präsentierten sich den Betrachtern/innen als Heilige, mit gesenktem Kopf und frommen Augenaufschlag oder in gekrümmter und lasziver Haltung, während die zum Teil nackten Männerkörper aufrecht, stark, athletisch gestreckt erscheinen, auch wenn sie von einer angeblich weiblichen Neurose befallen waren.
Was ist aus diesen visuellen Geschlechterzuschreibungen im 20. Jahrhundert geworden? In seinem spannenden Beitrag „Junge oder Mädchen – Frau oder Mann? Die Herstellung visueller Selbstverständlichkeiten in der Sexualaufklärung im 20. Jahrhundert“ ging es Lutz Sauerteig (Durham) um Darstellungen populärer Aufklärungsliteratur und Ratgeberzeitschriften wie „Eltern“, die an der Produktion von Wissen um die Differenz und Bipolarität der Geschlechterzugehörigkeit beteiligt waren. Während ältere Darstellungen aus dem frühen 20. Jahrhundert die Frau als Mutter darstellten, also eine zugleich soziale Definition in den Mittelpunkt rückten, machte die Sexualaufklärung der 1970er Jahre den kleinen Unterschied direkt an den Genitalien fest. Im Bilderrätsel zeigte „Eltern“ beispielsweise drei nackte Kleinkinder von vorne, von denen eines kein Geschlechtsmerkmal aufwies und fragte die kindliche Leserschaft: „Was ist hier falsch?“ Das bedeutet allerdings nicht, dass die Geschlechterzuweisungen nun bei solchen objektivierbaren und fasslichen Kriterien stehen geblieben wären. Den Mädchen wurde in den 1970er Jahren ein Penisneid nahe gelegt, und dass sie sich damit abzufinden hätten, wenn am Jungen „mehr dran“ sei, und er deshalb auch „mehr tun“ könne.
Ob die vermeintlich zweifelsfreie fotografische Darstellung der Geschlechtsmerkmale – die in den 1970er Jahren ihren Höhepunkt hatte und später wohl aus Angst vor Pädophilieverdacht von Illustrationen verdrängt wurde – zusammenhing mit kulturellen Auseinandersetzungen um sich relativierende Geschlechterrollen? Oder wirkte die moderne biologistische Deutung nicht doch stärker normierend?
Auf die letzte Möglichkeit wies ein Vortrag in der sportgeschichtlichen Sektion „Supermänner, Superfrauen, Supermächte. Sport als Medium des Kalten Krieges“ hin. Wieder ein gelungenes Beispiel für einen geschlechtergeschichtlichen Ansatz, der Geschlecht nicht nur als geschichtlich, sondern auch als geschichtsmächtig herausarbeitet. Von der Hypothese ausgehend, dass auf der Arena des Sports stellvertretende Systemkämpfe ausgetragen wurden, befasste sich Stefan Wiederkehr (Warschau) mit der Frage: „Was ist, ‚olympisch gesehen eine Frau’? Spitzensportlerinnen, Sportpresse und Photographie im Kalten Krieg.“ Die Frage war und ist durchaus ernst, denn bis heute überprüfen Wettkampforganisationen in Zweifelsfällen das Geschlecht von Spitzenathletinnen (selbstredend nicht von augenscheinlich männlichen Kollegen). Es geht um die eindeutige biologische Einordnung auf der Ebene von Hormonen und Chromosomen, wenn der von Vorannahmen getrübte Blick des Preisgerichts und der Medien nicht das gewohnte und erwünschte Bild ergibt. Wie „gendered“ dieser Blick ist, illustrierte Wiederkehr an Beispielen der Schweizer und der deutschen Presse. Männliche Athleten werden grundsätzlich in Aktion gezeigt, weibliche Athleten gerne in anderen Posen, sprich, als Mutter, Ehefrau oder Sexbombe. Typische Bildunterschriften unter aufreizenden Fotos: „schön aber chancenlos“ (FAZ), oder auch „Ashford: schnell und sexy“ (Blick).
Der Ost-West-Konflikt machte den Blick auf sportliche Frauenkörper noch doppeldeutiger. Denn jamaikanische oder bundesdeutsche Sportlerinnen schienen schon rein optisch die Rennen zu gewinnen. Frauen aus der kommunistischen Welt wurden mit unvorteilhaften Nahporträts abgebildet, wenn überhaupt. Die DDR-Gewinnerin Marlies Göhr fand im Jahr 1983 medial aufbereitet als verzerrtes, verhärmtes Konterfei statt. Die Tschechin Kratochvilova verdankte Weltrekord und Goldmedaille nur ihren Muskeln, wurde deshalb als „bärenstark“ tituliert, und die „Welt“ fragte sich, ob das überhaupt eine Frau sei. Fazit: Trotz scheinbar zweifelsfreier Beweise für eindeutige Fraulichkeit wurde das Aussehen sozialistischer Sportlerinnen weiterhin als Argument im Systemvergleich genutzt, um die eigene Unterlegenheit als Ergebnis unfairer Methoden des Kommunismus zu verbrämen: Die lassen sogar Männer antreten im Wettbewerb gegen unsere Frauen.
Geschlechterbilder als Geschichtsbilder – diese Strategie, wen wird das noch wundern, kam auch der Nachkriegsgesellschaft im Umgang mit dem Nationalsozialismus zupass. „Zeitzeugen/innen“ in Fernsehdokumentationen hatten im Lauf der letzten vier bis fünf Jahrzehnte unterschiedliche Rollen auszufüllen. Sie mutierten in diesem Zeitraum von Menschen, die durch die „Objektivität“ ihrer Zeugnisse die Dokumentationen verifizieren sollten, zu Menschen, die den Sendungen und ihren Zuschauern/innen ihre Gefühle liehen. Das Geschlecht war in dieser Entwicklung kein unerheblicher Faktor, berichtete Judith Keilbach in ihrem Vortrag zu „Zeugenschaft, Glaubwürdigkeit und die Konstruktion weiblicher Täter“ in der eigenartigerweise mit „Der Zeitzeuge“ überschriebenen Sektion. In der ARD/ORF-Serie „Die Deutschen im Zweiten Weltkrieg“ (1985) tauchten Frauen als Briefeschreiberinnen auf, die ihre Gefühle und Ängste formulierten, Männer schilderten ihre Taten an der Front. Frauen gerieten bei ihren Erzählungen zuweilen ins Stocken, mussten sich sammeln, während die Männer „flüssig und nicht selten mit einiger Begeisterung über ihre Abenteuer im Krieg“ berichteten, so Keilbach. Diese Strategie der Zeugenauswahl und -präsentation unterstützte eine spezifische Sichtweise auf die deutsche Vergangenheit: Opfer waren vor allem deutsche Frauen. Heute, in den aktuelleren Geschichtsdokumentationen, wird Emotionalität ganz anders eingesetzt. Weinen dürfen auch Männer, sogar solche, die an Massenerschießungen teilgenommen haben. Alle Zeitzeugen/innen sind irgendwie Opfer der Geschichte, hat Judith Keilbach beobachtet. Wo bleibt nun die Rolle des Geschlechts? In dem Teil „Ghetto“ der „Holokaust“-Serie (2000) offenbaren sich ins Gegenteil gewendete Zuschreibungen: Den unterschiedslos leidenden Männern wurden Frauen zugesellt, deren Part mitleidslos und verlogen ist. Die Sekretärinnen von Nazischergen sollten nicht emotionale Erfahrungsberichte integrieren, sondern in den Interviews die „Tätergesellschaft“ repräsentieren. Judith Keilbach meint, damit würde nicht einem Aspekt der Frauen-Geschichte in der NS-Zeit Rechnung getragen – die Zeitzeuginnen sollten vielmehr die „Authentizität und Glaubwürdigkeit der Wehrmachtssoldaten als ‚Opfer der Geschichte’ wie ein Objektiv vergrößern“.
Diese These müsste womöglich weiter belegt werden. Sie wurde jedoch in einem anderen Zusammenhang auf dem Historikertag bereits bestätigt, weshalb sich die Besucherin manchmal wünschte, eine Fee möge die losen Fäden, die auf verschiedenen Sektionen gesponnen wurden, miteinander verknüpfen. In der Gastsektion der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte trug deren Vorsitzende Regina Wecker (Basel) zu „Identität und Alterität: Deutsche in Schweizer Bildern und Darstellungen“ vor. Ihre verblüffenden Funde betrafen Schweizer Medienberichte über Deutschland in den Jahren 1945-1950, in denen Geschlecht und nationale Identität eine brisante Mischung eingingen. Zwei Fälle interessierten die Wissenschaftlerin: Zum einen die Ausweisungspolitik von Frauen, die mit dem NS in Zusammenhang gebracht wurden. Einschlägig aktive deutsche Männer wurden nach 1945 aus der Schweiz ausgewiesen, und mit ihnen ihre Ehefrauen, auch wenn diese politisch inaktiv geblieben waren. Das entsprach der alten Geschlechterpolitik, die in der Frau das Anhängsel des Mannes vermutete. Interessant ist jedoch Regina Weckers Entdeckung, dass die Schweizer Behörden Unterschiede machten. War die Frau vor ihrer Eheschließung mit dem deutschen Nazi Schweizerin gewesen, dann musste sie nicht gehen. Das widersprach aber der Gepflogenheit, der Frau, sobald sie einen Ausländer geheiratet hatte, ihre Schweizer Staatsbürgerschaft abzunehmen. Frauen wurden bis dato für die „nationale Gemeinschaft“ verloren gegeben, sobald sie einen Nicht-Schweizer ehelichten. Hatten sie aber einen Nazi geheiratet, zog diese Regel auf einmal keine Konsequenz nach sich. Regina Wecker: „Welches ‚höhere Gut’ konnte in diesem Moment den anderen Umgang mit ihnen provozieren?"
Es müsse erwogen werden, inwieweit ihr „Schweizer Wesen“ diese Frauen geschützt habe, so Wecker. Womöglich wurde hier die Geschlechterbrille aufgesetzt, um grundsätzlichere Probleme der Gesellschaft im Angesicht der eigenen partiellen Kollaboration mit dem NS-Regime zu verschleiern. Das Geschlecht als Reinigungsmittel.
Ihr zweites Fallbeispiel für den Blick auf Deutschland reflektiert wiederum das Schweizer Bild der Geschlechterordnung in der Nachkriegszeit. Der Prozess gegen die KZ-Aufseherinnen von Ravensbrück war für die Schweiz doppelt virulent, weil es sich bei den Angeklagten nicht nur um Frauen handelte, sondern weil darunter auch eine Schweizerin war. Zunächst fiel Regina Wecker auf, wie unterschiedlich den Medienberichten zufolge die Todesurteile aufgenommen wurden. Während die Männer stramm standen und sich ruhig abführen ließen, seien die verurteilten Frauen weinend zusammen gebrochen (und mit ihnen der einzige polnische Mann). Über die Schweizerin sei wiederum in dem besagten Artikel der „Basler Nationalzeitung“ nur als „Bernerin“ die Rede gewesen – ein möglicher Hinweis darauf, dass auch hier das „Schweizer Wesen“ rein gehalten werden sollte. Auch hätten die Medien das Thema Geschlecht und Verbrechen nicht angesprochen. Das spezifisch Weibliche sei erst wieder zur Sprache gebracht worden, als es um eine allmähliche Widerannäherung an die Deutschen ging. Max Frisch und andere Schweizer Beobachter hoben in ihren Berichten über das Nachkriegsdeutschland hervor, wie sehr insbesondere die Frauen unter den Kriegsfolgen litten. Und, so notierte Frisch in sein Tagebuch: „Sie sind heiler als die Männer, wirklicher, in ihrem Grunde minder verwirrt.“
Verwirrt ist indes die Forscherin, die heute vor diesen Geschlechterzuweisungen steht. „Das Bild der unpolitischen Frau, der leidenden Frau, der heilen Frau. Vielleicht ist dies doch kein Zufall, dass die Auseinandersetzung mit der Frau als Täterin, das diesem (Geschlechter-)Bild widerspricht, nicht explizit gemacht wird“, überlegte Regina Wecker. Wie auch immer, das Geschlecht eignete sich jeweils als Manövriermasse für den innenpolitischen Umgang mit den Verbrechen der Deutschen und mit der eigenen Vergangenheit.
Was ist also zu vermelden über den Stand der Geschlechtergeschichte auf dem 46. Deutschen Historikertag im Jahr 2006? Vor zwei Jahren, als es um die Themen „Kommunikation und Raum“ ging, musste die damalige H-Soz-u-Kult-Beiträgerin einen Bericht über die Abwesenheit der Geschlechtergeschichte schreiben. So gesehen, ist das Ergebnis diesmal um mehr als hundert Prozent besser. Aber mit der Quantifizierung ist das eben so eine Sache. Das lässt sich abschließend an einer Sektion demonstrieren, die es mit den Zahlen hielt. Unter der Rubrik „Die deutsche Massenkonsumgesellschaft 1950-2000 – eine wirtschaftshistorische Sehkorrektur“ beschäftigten sich sechs Männer mit der Frage, seit wann überhaupt von einer Massenkonsumgesellschaft gesprochen werden könne. Dafür stellten die Wirtschaftshistoriker minutiöse Rechnungen an, um die Haushaltsbudgets der Deutschen, die Veränderung der Verbraucherpreise, die Entwicklung des deutschen Einzelhandels und Prämissen der klassischen Nachfragetheorie zu überprüfen. Dabei kamen derart komplexe Grafiken heraus, dass sich Michael Wildt (Hamburg) an Cy Twombly erinnert fühlte. Was aber noch interessanter war – Wildt, dem Kommentator dieser Sektion, fiel noch etwas anderes auf: Die Geschichte der Massenkonsumgesellschaft lasse sich wohl nicht ohne die Geschlechterperspektive schreiben. So konnte sich die Berichterstatterin zuletzt an einem schwachen Hoffnungsflämmchen wärmen: Einige wenige Vorträge mit geschlechtergeschichtlichem Anspruch, die aber waren überzeugend, und wo die Kategorie Geschlecht irgendwie vergessen worden war, wurde sie wenigstens vermisst.
Dr. Miriam Gebhardt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am SFB "Norm und Symbol" an der Universität Konstanz, Habilitationsprojekt zu: Frühkindliche Sozialisation und familiale Weitergabe im 20. Jahrhundert. E-Mail: <miriam.gebhardt@t-online.de>
Wissenschaftsgeschichte
Jan Eckel
Besprochene Sektionen:
"Die historische Bildwissenschaft in Deutschland 1880-1930 und ihr Neubeginn nach 1945"
"Bilder vom Körper: Visualisierungspraktiken in medizinischen und populären Publikationen des 19. und 20. Jahrhunderts"
"Umstrittene Bilder. Visualisierung und Wissenschaft in der Moderne"
Die Hinwendung der Geschichtswissenschaft zum Bild polarisiert – soviel ließ sich an den Reaktionen auf das Motto „Geschichtsbilder“ im Umfeld des Historikertages in Konstanz unschwer ermessen. Auf der einen Seite brachten Vertreter einer Einbeziehung des Visuellen in die historische Forschung mit dem Pathos des Neuanfangs ihre programmatischen Verheißungen vor und setzten sich dabei von der bildfernen Praxis der gesamten bisherigen Geschichtswissenschaft (oder bisweilen gar vom Logozentrismus der abendländischen Geistesgeschichte überhaupt) ab. Auf der anderen Seite denunzierten Skeptiker die Bild-Konjunktur als modisches Geplänkel, das sich fernab von den wirklich relevanten Fragen an die Geschichte bewege.
Aus wissenschaftssoziologischer Distanz betrachtet, sind beide Extrempositionen zusammengenommen Anzeichen dafür, dass sich die Bildgeschichte im Anfangsstadium ihrer Etablierung als ein substanzieller, also aus dem Schattendasein einer spezialistischen Perspektive heraustretender geschichtswissenschaftlicher Ansatz befindet – wird die Verankerung neuer Forschungsrichtungen doch regelmäßig von den geschilderten Topoi der Auseinandersetzung begleitet. Der künftige Status des Bildlichen in der Geschichtswissenschaft ist damit keineswegs schon entschieden. In der gegenwärtigen Situation, die einerseits durch eine offenkundige Aufgeschlossenheit und Faszination für das Visuelle, andererseits durch die Abwehr der programmatischen Überschüsse gekennzeichnet ist, dürfte vielmehr einiges davon abhängen, welche genuinen historischen Aufschlüsse die Bildgeschichte zu bieten vermag.
Der Versuch, die Erkenntnismöglichkeiten einer historischen Analyse des Bildlichen zu erproben, erscheint daher derzeit als der sinnvollste Umgang mit der Konjunktur, die das Bild nun einmal hat. Und gerade hierin lässt sich der Ansatzpunkt der wissenschaftsgeschichtlichen Sektionen des Historikertages sehen. Insbesondere drei Sektionen – „Bilder vom Körper: Visualisierungspraktiken in medizinischen und populären Publikationen des 19. und 20. Jahrhunderts“, „Die historische Bildwissenschaft in Deutschland 1880-1930 und ihr Neubeginn nach 1945“ und „Umstrittene Bilder. Visualisierung und Wissenschaft in der Moderne“ – nahmen die Themenvorgabe des Historikertages als eine Aufforderung ernst, einen Bezug zum Visuellen herzustellen und gaben daher eine Probe aufs Exempel der historischen Bildforschung.
Einen ersten Schritt auf dem Weg zum Ausloten von deren analytischen Chancen stellt die historische Reflexion über den bisherigen Umgang der Geschichtswissenschaft mit dem Bild dar, wie sie die Sektion über die „Historische Bildwissenschaft in Deutschland“ unternahm. In den Referaten von Jens Jäger (Köln) und Martin Knauer (Hamburg), die den Zeitraum von den 1880er bis zu den 1980er Jahren abdeckten, wurde schnell deutlich, dass die Geschichte des Bildes in der deutschen Geschichtswissenschaft die Geschichte einer Abwesenheit ist. Jäger und Knauer verwiesen auf die bis an die Ausblendung grenzende Randständigkeit sowohl der Bildverwendung, als auch der Bildanalyse und der methodologischen Reflexion über die Aussagekraft des Bildes. Ihre Befunde waren durchweg negativ: Bis weit in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hinein gab es kein ausgefeiltes Instrumentarium der Bildanalyse; das Korpus war auf künstlerische Bilder beschränkt, die zudem meist nur illustrativ eingesetzt wurden, und die wenigen Forschungsprojekte zielten allein auf Sammlung und Authentifizierung. Die vereinzelten Ansätze zu einer reflektierten Bildforschung vor allem seit den 1960er Jahren ergeben kaum eine eindrucksvolle Ahnengalerie, aus der sich für gegenwärtige Erkenntnisinteressen Funken schlagen ließen.
Als ikonophiler Solitär in einer bilderlosen Zunft erscheint hingegen der Mediävist Percy Ernst Schramm (1894-1970). So zeigte Lucas Burkhardt (Basel), wie Bilder, insbesondere solche der politischen Herrschaft, für den stark von Aby Warburg beeinflussten Schramm zu einem eigenständigen Untersuchungsgegenstand avancierten.
Anfang/Mitte der 1980er Jahre zeichnet sich eine disziplinäre Zäsur ab, da die Bildforschung in der deutschen Geschichtswissenschaft nun einen Aufschwung nahm. Gerhard Paul (Flensburg) entwarf in seiner Aufzählung von Arbeiten der letzten rund zwanzig Jahre das eindrucksvolle Bild eines in Schwung gekommenen Forschungsfeldes – wenn seine Qualifizierung dieser Phase als „Paradigmenwechsel“, durch den die „Dominanz der Schrift“ abgelöst worden sei, auch sicherlich zu weit griff. Dabei skizzierte Paul den Wandel von einem anfänglich auf die ergänzende und korrigierende Funktion von Bildern konzentrierten Interesse, durch das sich die Materialbasis über Kunstwerke hinaus auf Plakate, Karikaturen, Fernsehsendungen u.v.m. ausweitete, hin zu konstruktivistischen Forschungsansätzen. So werden Bilder jüngst, etwa in der Erinnerungsgeschichte oder in der Forschung zur politischen Kommunikation, als bedeutungsgenerierende Medien untersucht, die historische Realität nicht nur abbilden, sondern ihrerseits hervorbringen.
Die Sektion leistete somit eine hilfreiche Sondierung des historischen Feldes, die mit plausiblen Periodisierungen verknüpft war. In der Diskussion wurde allerdings zurecht angemerkt, dass das Panorama durch die Einbeziehung von Teilbereichen der Geschichtswissenschaft abseits des mainstreams, in denen Bilder eine prominentere Rolle spielten, differenziert werden müsste. Zudem gaben die Vorträge zu weiterführenden Fragen Anlass, die sich nur aus einer stärker historiografiegeschichtlichen Perspektive beantworten ließen und weniger aus einer auf die Bilanzierung von bisherigen Defiziten und Verdiensten bezogenen Sicht, bei der die Referate stehen blieben. So erscheint die lange Abwesenheit des Bildes in der Geschichtswissenschaft ebenso erklärungsbedürftig wie seine machtvolle Ankunft in den letzten beiden Jahrzehnten. Insofern würde es sich lohnen, über die historischen Bedingungen des Aussparens von Bildern in der Geschichtsforschung nachzudenken wie auch darüber, was der gegenwärtige Bilderboom über unser gesellschaftliches Selbstverständnis aussagt.
Anschließend an die historische Selbstvergewisserung machten das genannte Referat von Paul wie auch der Kommentar Philipp Sarasins (Zürich) zu der Sektion „Bilder vom Körper“ deutlich, welche methodologischen Forderungen an die aktuelle historische Bildwissenschaft zu richten sind, um zu einer theoretisch durchdachten und ältere Verkürzungen überwindenden Analyse des Visuellen in der Geschichte zu gelangen. Sowohl Paul als auch Sarasin wiesen erstens darauf hin, dass es gelte, Bilder nicht länger nur in ihrer illustrativen Funktion oder als passiven „Spiegel“ historischer Prozesse zu betrachten, sondern vielmehr als aktive Deutungsmedien, die eine eigene Wirklichkeit erzeugen, die also Geschichte nicht nur reflektieren, sondern „machen“. Zweitens plädierten beide für eine Berücksichtigung des historischen Verwendungszusammenhanges von Bildern, bei der die mit ihnen verbundenen Praktiken und Medientechniken zu rekonstruieren seien. Drittens machte Paul auf die Vernachlässigung der ästhetischen Dimension in der bisherigen Analyse von statischen wie laufenden Bildern aufmerksam. Mit diesem Katalog sind in der Tat die gegenwärtigen Kernpostulate benannt, an denen sich eine visual history messen lassen muss. In dem Maße, wie sie diese einlöst, dürfte die Bildgeschichte eine über die bloße Erweiterung der Quellengrundlage weit hinausgehende Bereicherung des historischen Wissens darstellen und ein konzeptionelles Eigengewicht entfalten.
In den meisten weiteren Sektionsvorträgen liefen derartige methodologische Fragen mit, während ihr Schwerpunkt auf der exemplarischen Analyse des Zusammenhanges von Visualität bzw. Visualisierung und Wissenschaft in der Geschichte lag. Die Vortragenden nahmen dabei zwei unterschiedliche Perspektiven ein. So fragte Martina Heßler (Aachen) in ihrem Vortrag über „Visualität und Erkenntnis“ nach der Rolle des Sehens in der Naturwissenschaft der Neuzeit. Ihr Beitrag lässt sich somit den visual culture studies zurechnen, denen es um historische Sehweisen und -praktiken und nicht primär um Bilder und ihre Verwendung geht. Heßler bestimmte die Verbildlichung unsichtbarer Phänomene als ein Signum der neuzeitlichen Naturwissenschaft, das durch technische Innovationen wie das Teleskop und später das Mikroskop ermöglicht und befördert wurde. Anhand von zwei weit auseinander liegenden Momentaufnahmen verdeutlichte sie, dass die Sichtbarmachung des Unsichtbaren im frühen 17. Jahrhundert noch als Skandal galt, während naturwissenschaftliche Evidenz und Wahrheit gegen Ende des 19. Jahrhunderts in besonderem Maße an Sichtbarkeit gebunden waren. An Heßlers Vortrag wurde vor allem die Schwierigkeit deutlich, einen analytisch tragfähigen Begriff des historischen Sehens zu entwickeln. Denn während sie einerseits betonte, dass Sehen an Wissensbestände und an die visuelle Ausbildung gebunden, also kulturell bedingt und historisch relativ sei, ging sie andererseits von einer sukzessiven Verdrängung des Unsichtbaren in der neuzeitlichen Wissenschaft und damit von einem gerichteten Prozess aus, in dem sich durch die Verbesserung technischer Instrumente immer mehr (und nicht nur anders) sehen ließ. Problematisch erscheint daran, dass historisch nicht rekonstruierbar ist, was durch die Sichtbarmachung bestimmter Phänomene im Gegenzug unsichtbar wird (oder bleibt). Konsequent konstruktivistisch gedacht, ließe sich nur davon ausgehen, dass es zu jeder Zeit bestimmte Praktiken des Sehens gibt, durch die bestimmte Bereiche des Sichtbaren und Unsichtbaren geschaffen werden. Was sich historisch wandelt, ist die Grenze zwischen diesen Bereichen, ohne dass man von einer Zunahme des Sichtbaren oder des Unsichtbaren sprechen könnte.
Das Gros der wissenschaftsgeschichtlichen Vorträge fragte anders als Heßler nach der Rolle des Bildes im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess und war somit in der Perspektive einer (wissenschafts-)historischen Bildforschung angelegt. In der Sektion „Visualisierung in der Wissenschaft“ führte Astrit Schmidt-Burkhardt (Berlin) die kognitiven Funktionen vor, die Diagramme zur Darstellung von historischen Sachverhalten erfüllen können. Indem sie betonte, dass Diagramme durch die Herstellung von Relationen und Ordnungen Sinn erzeugen, machte sie das konstruktive Moment von Abbildungen besonders deutlich. Demgemäß sprach sie Diagrammen auch einen argumentativen Mehrwert zu, der über die bloße Veranschaulichung hinausführe und bis hin zur Übermittlung ideologischer Botschaften – etwa sozialer Ressentiments in der Darstellung gesellschaftlicher Schichtungen – reichen könne.
Alexander Nützenadel (Frankfurt/Oder) zeigte die Rolle der Bildverwendung für die Autonomisierung der Wirtschaftswissenschaft in den letzten rund hundert Jahren. Nützenadel sah die Bedeutung ökonomischer Schemata darin, dass sie durch das Vorstellbarmachen wirtschaftlicher Sachverhalte das Verständnis des Ökonomischen entscheidend beeinflussten und mitunter sogar veränderten. Gerade weil die Wirtschaftswissenschaften nie eine eigene Bildsprache entwickelten, sondern auf Entlehnungen aus anderen Disziplinen angewiesen waren, konnten durch die Visualisierung neue Wissensordnungen entstehen, etwa wenn Ökonomen elektronische Modelle aus der Physik übernahmen und wirtschaftliche Zusammenhänge dadurch dynamisierten.
Die Sektion „Bilder vom Körper“ präsentierte verschiedene Versuche, Körperdarstellungen nicht nur als visuelle Repräsentationen medizinischen oder biologischen Wissens zu verstehen, sondern als Interpretationen des Körpers, die diesen in hohem Maße erst herstellen. Cornelius Borck (Montreal) zeigte dies am Beispiel des Mediziners und populärwissenschaftlichen Erfolgsautors Fritz Kahn (1888-1968), der physiologische Vorgänge durch bildliche Darstellungen aus dem Bereich der Technik anschaulich machte und damit, so Borck, körperliche Prozesse, die der Vorstellung unzugänglich waren, bildlich erschloss.
Susanne Holschbach (Leipzig) untersuchte medizinische Fotografien vom Ende des 19. Jahrhunderts, auf denen „hysterische“ Anfälle von Patientinnen und Patienten fixiert werden sollten. Holschbach deutete die Fotos als eine Beweisstrategie, mit der einer bestimmten Auslegung der Hysterie, die diese auf weibliche Irrationalität zurückführte, begegnet werden sollte.
Lutz Sauerteig (Durham) schließlich wies nach, inwieweit Bilder in Aufklärungsbüchern der 1960er und 1970er Jahre zur Stabilisierung der Geschlechterdifferenz beitrugen. Durch eine Analyse der Blicklenkung innerhalb der Abbildungen zeigte Sauerteig, dass in einer Zeit, in welcher der gesellschaftliche Wandel zur Verwischung der tradierten Geschlechterrollen führte, die Unterscheidung zwischen Mann und Frau über die Differenz der Genitalien als vermeintlicher anatomischer Gewissheit hergestellt wurde.
Den Vortragenden gelang es, den Beitrag ganz verschiedenartiger Bilder – Diagramme und Schemata, Zeichnungen und Fotos – zur wissenschaftlichen Erkenntnisproduktion plausibel herauszuarbeiten. Dabei wurde auch die Vielfalt der erkenntnisstützenden bzw. -generierenden Verfahren und Funktionen von Bildern deutlich, die sich nicht auf einen einfachen Zusammenhang festlegen lassen. Betrachtet man die Vorträge jedoch vor dem Hintergrund der auf dem Historikertag formulierten methodischen Postulate, so zeigten sich auch die Grenzen der Analyse. So fragte keiner der Referenten explizit nach der ästhetischen Dimension wissenschaftlicher Bilder. Ebenso kamen die historischen Bildtechniken und die Praktiken der Bildverwendung etwas kurz. Und auch in der Gretchenfrage des Eigenwertes der Bilder in der Geschichte ergibt sich ein mindestens zwiespältiger Befund. So stellte sich in der Diskussion des Vortrags von Nützenadel die Frage, ob man nicht die historische Konstruiertheit der wirtschaftswissenschaftlichen Abbildungen, die Art, wie diese historisch Sinn erzeugten, näher untersuchen müsse, um einen ganzen Schritt über die Analyse ihrer illustrativen Funktion hinauszukommen. In dem Referat von Holschbach wurde nicht ganz ersichtlich, ob die Hysteriker-Fotos lediglich der Veranschaulichung eines bereits gedeuteten klinischen Befundes dienten oder vielmehr aktiv zur Ausdeutung der Symptome beitrugen. Dass Bilder auch als historische Akteure zu verstehen sind, konnte am ehesten der Vortrag von Sauerteig nahelegen; doch gälte es auch hier erst zu fragen, ob die Abbildungen nicht als sekundäre, ergänzende Verbildlichung dessen fungierten, was im Begleittext der Aufklärungsbücher primär dargestellt war.
Schließlich führten die methodischen Überlegungen von Cornelia Brink (Freiburg) vor Augen, dass die Bildverwendung in der Wissenschaft auch eine selbstreflexive Dimension aufweist. Erachtet man historische Sehweisen als kulturell gebunden, so gilt das konsequenterweise auch für den Blick der Historikerin oder des Historikers, die in der Gegenwart Fotos geschichtswissenschaftlich analysieren. Am Beispiel der Fotos von Massenverbrechen führte Brink zwei gegenläufige Arten der Betrachtung vor: eine, die auf der Annahme beruht, dass der Blick auf Fotos von Verbrechen den Blick der Täter perpetuiert; und eine andere, die im Gegenteil davon ausgeht, dass in der postumen Solidarisierung mit dem abgebildeten Opfer dessen Würde restituiert werden kann. Damit machte Brink deutlich, wie stark die Sinnstiftung durch den Rezipienten die Bildaussage mitkonstituiert und wies auf die Bedeutung hin, die die Bewusstwerdung über die eigenen Sehkonventionen für die historische Bildanalyse hat.
In der Gesamtschau bleibt festzuhalten, dass die drei Sektionen die Frage nach dem historischen Zusammenhang von Bildlichkeit und Wissenschaft in einer durchweg anregenden und produktiven Weise für die Wissenschaftsgeschichte aufzugreifen suchten. Dazu trug nicht zuletzt eine sinnvolle interdisziplinäre Konzeption der Sektionen bei, in denen sich die Perspektiven von Historikern, Kunst-, Natur- und Sozialwissenschaftlern zumeist tatsächlich ergänzten. Nimmt man die Vorträge als Indikatoren für den Zustand der gegenwärtigen historischen Bildforschung, so zeigen sich indes auch zwei Problemkreise. Zum einen erscheint eine Reihe von theoretisch-methodischen Fragen bislang allenfalls ansatzweise geklärt. Das betrifft einen erkenntnistheoretisch überzeugenden Begriff des Sehens, auf den die – für sich bereits schwierige – Rekonstruktion historischer Sehweisen angewiesen ist. Es gilt auch für den großen Bereich der historischen Kontextualisierung von Bildern: Das Wissen über die historischen Bedingungen der Bildproduktion, über historische Bildkonventionen und die je nach Bildgenre verschiedene historische Bildwirkung stellt sich als derzeit ebenso lückenhaft wie vielfach schwer zu ermitteln dar. Schließlich gälte es näher über das Verhältnis von Bild und Text nachzudenken, das in den Diskussionen zu den Sektionsbeiträgen vielfach angesprochen wurde. Es ist zentral für die historische Analyse wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion, umschließt aber auch das von Cornelia Brink angesprochene Problem, dass die Geschichtswissenschaft ihre historischen Bildbefunde stets versprachlichen muss. Zum anderen treten die Schwierigkeiten zutage, die bei der Einlösung der Ziele auftreten, die sich die historische Bildforschung selbst gesteckt hat. So ist das Plädoyer für eine über das Illustrative hinausgehende Bildanalyse, die die Historizität der Bildproduktion und -betrachtung ebenso mitreflektiert wie die kulturelle Determiniertheit des analysierenden Blicks, zwar in sich stimmig und überzeugend, in der Praxis jedoch keineswegs einfach umzusetzen.
Schließlich haben die Sektionen gezeigt, dass man die Bildgeschichte weniger als Teilbereich der Geschichtswissenschaft konzipieren sollte, denn als integrale Perspektive, als eine Frage, die sich in unterschiedlichen historischen Kontexten stellen lässt. Die Bildforschung wäre dann kein neuer Königsweg der Geschichtswissenschaft, aber eine gewinnbringende und das Verständnis der historischen Wirklichkeit sinnvoll erweiternde Dimension der historischen Analyse.
Dr. Jan Eckel ist seit 2004 wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Freiburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Forschungen zur Historiografiegeschichte und zur Wissenschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert. Aktuelles Forschungsprojekt: Geschichte der internationalen Menschenrechtspolitik. E-Mail: <jan.eckel@geschichte.uni-freiburg.de>
Frühe Neuzeit
Cornel A. Zwierlein
Besprochene Sektionen:
"Habilitandenforum"
"Doktorandenforum"
"Epochenjahr 1806? Das Ende des Alten Reichs in zeitgenössischen Perspektiven und Deutungen"
"Umstrittene Bilder. Visualisierung und Wissenschaft in der Moderne"
"Von der „teilnehmenden Beobachtung“ zur „Entwicklungspolitik“: Anthropologie, Sozialwissenschaften und des Kolonialismus (1800-1960)"
Frühe Neuzeit als Epoche im Rahmen des 46. Historikertags
Der Historikertag scheint zunehmend zu einem reinen Zeithistorikertag zu werden. So unverhältnismäßig wie in diesem Jahr dürfte diese Tendenz aber noch nie zu Buche geschlagen haben: Wo beim letzten Historikertag in Kiel immerhin noch vier althistorische und jeweils sechs Mittelalter- und Frühneuzeit-Sektionen, zusammen also 16 Nichtmoderne-Sektionen, 19 Sektionen zur Neuesten und Zeitgeschichte gegenüberstanden, hatte sich der Ausschuss des Historikerverbands diesmal für die bemerkenswerte Proportion 1:3 entschieden: Nur neun Sektionen zur Nichtmoderne standen 27 Sektionen zur Neuesten und Zeitgeschichte gegenüber. Als Frühneuzeitsektionen waren explizit nur zwei ausgewiesen. Auch wenn in den epochenübergreifenden Sektionen immer wieder auch Frühneuzeitler/innen sprachen („Kriegs-Bilder II“ war im Grunde eine weitere, reine Frühneuzeitsektion), ist diese Entwicklung nicht mehr akzeptabel. Wenn diese Tendenz für die Frühe Neuzeit im Speziellen darauf beruht, dass mit den seit 1995 versetzt stattfindenden, zweijährigen Tagungen der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit im Historikerverband ein konzentrierteres Forum der Bestandsaufnahme für diese Teilepoche besteht, so müssen die Frühneuzeitgeschichte und die anderen Epochendisziplinen vielleicht noch einmal die positiven und negativen Effekte dieser Ausgliederung reflektieren. Die breitere Öffentlichkeit wird sicherlich weiter eher auf den Gesamt-Historikertag denn auf die Frühneuzeittagung blicken, und wenn dort zunehmend die die Nicht- oder Vormoderne behandelnden Teildisziplinen kaum mehr vertreten sind, findet schleichend eine Abwertung statt, die kaum im Sinne aller Beteiligten sein kann.
Zur repräsentativen Gesamtdarstellung des Faches gehört auch ein halbwegs ausgewogenes Verhältnis seiner Teildisziplinen. Gerade die jüngsten Diskussionen über den Epochenbegriff der Frühen Neuzeit haben gezeigt, dass sich hier seit der Nachkriegszeit eine spezifische, reiche Fachkultur entwickelt hat, die es verbietet, die Epoche lediglich als Ausläufer des Mittelalters oder als noch unfertige Vormoderne zu behandeln. Es ist eine Epoche des Übergangs zwischen dem 15. Jahrhundert und 1800/1850; ein Laboratorium des Aushandelns zwischen den diversen epochalen Signaturen, des Gleichzeitigen im Ungleichzeitigen; eine Epoche, die den Historiker noch zwingt, langfristige Entwicklungen zu konzipieren und in größeren Dimensionen zu denken, als es die spezialistische Konzentration auf die eine oder andere Dekade in der Zeitgeschichte manchmal mit sich bringt; eine Epoche, die zudem als Referenzpunkt für Reflexionen auf unsere gegenwärtige Befindlichkeit in einer Konfiguration der Postmoderne oder der Zweiten Moderne oft besseres Vergleichs- und Anregungspotenzial bietet als die auf den ersten Blick vertrautere Vollmoderne.
Für die so genannten „epochenübergreifenden“ Sektionen wäre hier zu überlegen, ob es nicht in Zukunft heuristisch ertragreicher wäre, wenn man auch einmal gezielte transepochale Vergleiche, etwa von Wissensordnungen oder Selbstentwürfen der Renaissancezeit mit Wissensordnungen oder Selbstentwürfen an der Postmoderneschwelle, zum Thema von Sektionen machte, anstatt im üblichen chronologischen „Durchzieher“ ein Grobthema durch die Jahrhunderte hindurchzudeklinieren – letzteres ein Verfahren, bei dem dann die latente Heuristik oft allzu schnell und ungewollt auf die Form einer linearen oder konjunkturellen Höherentwicklung hinausläuft. Bei aller nötigen Anschmiegung an den vermeintlich einzig auf Zeitgeschichte geeichten Erwartungs- und Interessenhorizont des „allgemeinen Publikums“, der mit den Selektionskriterien der meisten Feuilletons ineinsgesetzt wird
[1]
, muss sich der Historikerverband jedenfalls fragen, ob mit der Konstanzer Vormoderne-Marginalisierung nicht ein Entwicklungstiefpunkt erreicht ist, dem schon in Dresden mit einem Kontrapunkt zu antworten wäre. Dass die beiden Frühneuzeitsektionen in Konstanz dann in Großhörsälen so voll waren, dass im einen Fall bei gut 200 Zuhörern noch zusätzliche Stühle aufgestellt werden mussten, belegt, dass es hier durchaus ein Interesse gibt, das befriedigt werden sollte.
Der „Nachwuchs“: Habilitanden/innen und Doktoranden/innen
Mittwochabend fand das Habilitandenforum statt, das nun an die Stelle der epochal getrennten und immer wieder ridikülisierten Veranstaltung „Junge Historiker stellen sich vor“ trat und epochenübergreifend konzipiert war. Es sollte hiermit – wie Anselm Doering-Manteuffel eingangs betonte – auch der Zusammenhalt der Geschichtswissenschaft als ganzes dokumentiert werden. Insofern war es irritierend, dass nach den Ausführungen des althistorischen Redners (Altay Coskun, Trier) und der mediävistischen Rednerin (Sabine von Heusinger, Mannheim) Althistoriker/innen und Mediävisten/innen jeweils kohortenweise den Saal verließen, um zu dokumentieren, dass sie sich nicht für die jüngeren Frühneuzeit- und Zeithistorikerkollegen/innen interessierten.
Für die Frühe Neuzeit stellte Daniela Hacke aus Zürich (die Schweiz war ja Partnerland des Konstanzer Historikertags) ihr Habilitationsprojekt vor, in dem sie die konfessionellen Differenzen und die spezifische Ausformung der politischen Kommunikation in der Schweizer Grafschaft Baden untersucht, die von drei reformierten und fünf katholischen Orten gemeinsam verwaltet wurde, was zu begreiflichem Konfliktpotenzial in der alltäglichen Verwaltung führte und sie so zu einem hervorragenden Untersuchungsgegenstand für die konfessionsgeschichtliche Analyse macht. Es wird insbesondere um die Frage nach dem Verhältnis der schriftlichen Medialität zur Konfessionskonflikt-Kommunikation und um die verschiedenen Funktionen der politischen Kommunikation hierbei gehen. Methodisch sucht Hacke Anschluss an das Konzept der Politischen Kommunikation, wie es derzeit vom Frankfurter Graduiertenkolleg "Politische Kommunikation von der Antike bis in das 20. Jahrhundert" um Luise Schorn-Schütte in die Forschung eingebracht wird, und an Rudolf Schlögls systemtheoretische Überlegungen zur Medialität und Schriftlichkeit in und an frühneuzeitlichen Städten und Höfen. Auf den Bereich der Frühen Neuzeit griff auch Marc Schalenberg (ebenfalls Zürich) zurück, der die 19. Jahrhundert-Forschung repräsentierte und in dessen Projekt es um den Vergleich der bedeutenderen deutschen Städte Berlin, Dresden, München, Kassel und Karlsruhe in raumgeschichtlicher und residenzgeschichtlicher Hinsicht geht, denen der Charakter der vergleichsweise „jungen“, barocken bzw. frühmodernen Planstadt gemeinsam sei. In der Diskussion erinnerte Werner Paravicini (Paris) daran, dass es Residenzen auch schon im Spätmittelalter gegeben habe, und dass sich hier die von Schalenberg angesprochenen Phänomene höchstens graduell, aber keinesfalls prinzipiell unterschieden.
Im Doktorandenforum des Historikertags präsentierten die Kandidaten/innen ihre Arbeitsprojekte mit zumeist aufwendig gestalteten, großen Plakaten, auf denen sie Ziele, methodische Ansatzpunkte, Quellencorpora und Bildmaterial vorstellten. Aus dem Frühneuzeitbereich ist hier Ulrich Schöntubes Projekt (angesiedelt am Lehrstuhl für christliche Archäologie der theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin) einer Frömmigkeitsgeschichte im Bild zu Emporenbilderzyklen der Mark Brandenburg (1598-1750) zu nennen, in dem etwa die Tendenz, heilsgeschichtliche Zyklen durch neutestamentliche zu ersetzen, aufgezeigt wird. Tatjana Niemsch (Frühe Neuzeit, Universität Kiel) arbeitet zu innerstädtischen Konflikten, etwa zwischen Fleischern, unter dem Gesichtspunkt von „Erfahrungsräumen“ in der Hansestadt Reval. Fatih Ermis (VwL – Wirtschaftstheorie, Universität Frankfurt am Main) arbeitet zum osmanischen Wirtschaftsdenken im 18. Jahrhundert, insbesondere zu Quellen, die der wirtschaftspolitischen Beratung in der politischen Kommunikation der Regierung des osmanischen Reiches dienten, und scheint hier auch den Umfang des „Einflusses“ westlicher Denkmodelle abstecken zu wollen. Nicole K. Longen arbeitet in der Emmy-Noether-Gruppe Johannes Dillingers (Universität Trier) über „Fronden – Hand- und Spanndienste – Gemeindefron. Zwangsleistungen städtischer und ländlicher Gemeinden in einer Zeit des Wandels im Vergleich (1715-1850)“ für den Bereich des Erzstift Triers, wobei es um die Fragen der Rechtsgrundlagen für diese Dienste, deren Auswirkung auf und Einbindung in das Gemeindeleben, auch um mögliche Widerstandshandlungen gegen diese Zwangsleistungen im Wandel der verschiedenen Regierungsformen (Kurfürstentum, französische, dann preußische Herrschaft) geht. In den Bereich der Frühen Neuzeit ragt Carla Meyers (Geschichte des Spätmittelalters, Universität Heidelberg) interessantes stadtgeschichtliches Projekt hinein. Meyer geht es um „Die Stadt als Thema. Nürnberg um 1500 in Kunst, Kartographie, Historiographie und Städtelob“. Von 1483 bis etwa 1540/50 soll anhand bekannter und wenig benutzter Quellen – von Schedels Chronik über den Liber Chronicorum, Dürers Wirken, das Haller-Buch und Behaims Werke – gezeigt werden, wie sich die Stadt Nürnberg bildmächtig selbst konstruierte; den Renaissance-Epochenbruch, der sich für Nürnberg als „große Zeit“ darstellt und der in der „Bildmächtigkeit“ der Stadt zum Ausdruck kommt, erfasst sie aus dieser Perspektive nicht als eine schlichte Faktizität, sondern eher konstruktivistisch: Kunst und Wissenschaft entdeckten selbst erst die Stadt als Sujet, die Einheit „Stadt“ wird also offenbar aus einer zunehmend reflexiven Wahrnehmungshaltung neu geformt und mit Sinn gefüllt. Christine Absmeier (Frühe Neuzeit, Universität Stuttgart) stellte ihr Projekt zum schlesischen Schulwesen vor. Das deutsch-italienische Internationale Graduiertenkolleg (Frankfurt am Main-Innsbruck-Trento-Bologna, Leiterin für Deutschland: Prof. Schorn-Schütte) war durch eine Sammel-Powerpoint-Präsentation aller Doktoranden/innen medial vertreten.
Von 44 Präsentationsplakaten betrafen somit allein sechs epochal die Frühe Neuzeit; von diesen stammten nur drei von Doktoranden/innen an Frühneuzeit-Geschichtslehrstühlen. Aus Alter und Mittelalterlicher Geschichte kamen weitere drei Plakate, sodass auch im Doktorandenbereich die Neueste und Zeitgeschichte wieder mit erdrückender Mehrheit (hier mit einem Verhältnis von deutlich mehr als 3:1) repräsentiert waren, was noch einmal die oben erwähnte Unausgewogenheit bei der Zusammenstellung der Sektionen dokumentierte – oder hatten sich tatsächlich nur so wenige Doktoranden/innen beworben? Im Plakatwettbewerb wurden dann drei zeitgeschichtliche Projekte und – auf einem weiteren dritten Platz – ein mediävistisches Projekt prämiert.
Weiteres aus den Sektionen
Ich kann über die beiden (bzw. mit „Kriegs-Bilder II“ zusammen drei) genuinen Frühneuzeitsektionen nur bedingt Bericht erstatten: In der einen Sektion war ich selbst tätig („Epochenjahr 1806? Das Ende des Alten Reichs in zeitgenössischen Perspektiven und Deutungen“, organisiert von Christine Roll (Aachen) und Matthias Schnettger (Mainz)); an der zweiten („Das Bild des Moslems im westlichen und östlichen Europa in der Frühen Neuzeit“, organisiert von Gabriele Haug-Moritz (Graz) und Ludolf Pelizaeus (Mainz))
[2]
habe ich nicht teilgenommen; zur dritten („Kriegs-Bilder II“, organisiert von Birgit Emich (Freiburg) und Gabriela Signori (Münster)) habe ich einen eigenen Bericht verfasst, der hier nicht wiederholt werden soll.
[3]
In der Sektion über das Epochenjahr 1806
[4]
trugen Bettina Braun (Mainz/Oldenburg) über die Binnendifferenzierungen der Wahrnehmungen des Reichsendes in Deutschland, Matthias Schnettger (Mainz) über die reichsitalienische und päpstliche Wahrnehmung, der Autor dieses Berichts über die französische, Torsten Riotte (London) über die englische und Jan Kusber (Mainz) über die russische Perspektive auf den Reichsuntergang und seine Wahrnehmung durch die Zeitgenossen vor. Der Beitrag von Lothar Höbelt (Wien) zur österreichischen Wahrnehmung des Reichsendes wurde in Abwesenheit verlesen. Christine Roll fasste die Ergebnisse zusammen und betonte, dass sich aus europäischer Sicht statt eines „starken“ Epochenjahrs 1806 eher ein Schwellenzeitraum 1789/95-1812/14 ergebe. Obwohl ich selbst Beiträger der Sektion war, erlaube ich mir die Bemerkung, dass in der Sektion zugunsten einer Sammlung und Einzeldeutungen von europäischen Reichsende-Wahrnehmungsmomenten vielleicht zu wenig methodisch über das Problem von Epochenbrüchen, das Verhältnis von zeitgenössischer zu retrospektiver („horizontaler“ und „vertikaler“) Wahrnehmung und Erinnerung reflektiert wurde, um damit die Frage, wofür eine Jahreszahl als symbolisches Zeichen in einem tieferen Sinne von epoché stehen mag, auch auf geschichtstheoretischem Wege zu erfassen. Ein solcher Weg hätte auch besser den Anschluss an die schon erwähnte Diskussion über den Epochenbegriff der Frühen Neuzeit selbst und über die Moderne-Schwelle geebnet.
In der einzigen der – gerade auch in der Frühneuzeitgeschichte in der letzten Zeit florierenden – Wissenschaftsgeschichte im weiteren Sinne (jenseits von Historiografie-Geschichte) gewidmeten Sektion „Umstrittene Bilder. Visualisierung und Wissenschaft in der Moderne“ (organisiert von Martina Heßler (Aachen) und Alexander Nützenadel (Frankfurt/Oder) war im Moderne-Begriff offensichtlich die Frühe Neuzeit mit enthalten; jedenfalls sollte ein Vortrag auch ins 17. Jahrhundert zurückgreifen und Nützenadel setzte im 18. Jahrhundert ein. Heßler bot unter dem Titel „Visualität und Erkenntnis. Zur Hegemonie des Sehens in der Moderne“ eine sehr anregende, an Blumenberg und Bredekamp anschließende Reflexion über (Natur-) Wissenschaftsgeschichte als eine Kulturgeschichte der Unsichtbarkeit. Einerseits wurde der Raum des Unsichtbaren immer weiter durch Tele- und Mikroskope und andere bildgebende Verfahren zurückgedrängt, andererseits setzte mit dem epistemischen Neuzeitbruch überhaupt erst die Suche nach der Wahrheit in seinem nun „eigentlichen“ Bereich, dem Unsichtbaren (der Moleküle, Atome, der Wellen, Strahlungen ...), ein. Nicht überzeugend war aber, dass sie gegen Ende ihrer Ausführungen Fotos von Geistern – wie sie mit der Verbreitung der Fotografie Anfang des 20. Jahrhunderts zunehmend auftauchten, in denen man weiße wallend gewandete Schemen abgebildet sah und die suggerierten, dass die Kamera mehr (Unsichtbares) sah als das bloße Auge – zu rasch kategorisch von anderem Sichtbargemachten (etwa den Kratern in Galileis Mondbildern) unterscheiden wollte: Hier tauchte latent eine scholastische Unterscheidung in „essentiell“ und „nur akzidentiell“ Unsichtbares auf, die bei der Historisierung von Ausdifferenzierungsprozessen von Wissensordnungen, „Entdeckungs“-Vorgängen und ihren Wahrheitsgebungsverfahren in dieser systematisch-ahistorischen Kategorialität eher hinderlich sein dürfte, wenn es um das Verständnis der ex-ante-Perspektive der Wissenschaftler/innen der Vergangenheit geht. Auch fehlte mir eine Reflexion zum Verhältnis vorheriger und paralleler Zonen des Unsichtbaren und ihrer Semantik. Das Unsichtbare war davor und daneben ja gerade die Domäne Gottes und des Religiösen, die Kulturgeschichte der Unsichtbarkeit müsste also, um Verschiebungen, Ablösungen und Differenzierungen zu erfassen, eigentlich diesen Bereich mit „in den Blick nehmen“. Sehr spannend waren auch die Ausführungen von Astrit Schmidt-Burkhardt (Berlin), die diagrammatische Visualisierungen von Geschichtsbildern im echt philosophischen Sinne untersuchte, nämlich Diagramme, die Kunsthistoriker benutzt hatten, um die Entwicklungen „der“ Menschheits-Kunstgeschichte zu verbildlichen – von Baum-Modellen über abstrakte Strich-Diagramme zu wellenförmig-halbzyklischen Modellen bei Paul Getty. Alexander Nützenadel stellte Visualisierungstechniken vor, insbesondere mathematische Diagrammtechniken aber auch aus der Elektronik oder Hydraulik entlehnte Modelle, mit denen Ökonomen seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts Ergebnisse, Konzepte und Thesen darstellten, methodisch unterlief er ein wenig die notwendige Komplexität gerade im Hinblick auf die Frage nach der Bild-Konzept-Relation. Die Diskussion in der Sektion war eine der regsten und sachlich konzentriertesten, die ich auf dem sonst eher diskussionsmüden Historikertag erlebt habe.
In der von Andreas Eckert (Hamburg) und Alexandra Przyrembel (Göttingen) organisierten Sektion konnte ich – nach etwas allzu launigen Einführungsspäßen Eckerts – nur den einleitenden Vortrag von Rebekka Habermas „Von der ‚teilnehmenden Beobachtung’ zur ‚Entwicklungspolitik’: Anthropologie, Sozialwissenschaften und der Kolonialismus (1800-1960)“ anhören. Die wissenschaftsgeschichtliche Schlussthese, dass die Themen der sich im Laufe des 19. Jahrhunderts ausdifferenzierenden Sozialwissenschaften zuvor gerade in Publikationsorganen der religiösen Sozialarbeit behandelt und vorbereitet wurden, ist interessant und überzeugend. Methodisch zentral war in ihren Ausführungen aber zunächst überhaupt, die auf den ersten Blick diversen Felder Religion, global history und Wissenschaft als Themen der 19. Jahrhundert-Geschichte miteinander zu verknüpfen: Hieraus ergaben sich Fokussierungen auf die Rückwirkung der „äußeren Mission“ auf die „innere“ in den christlichen Vereins- und Gesellschaftskulturen des 19. Jahrhunderts, die transnationale „social tour“ und Tagungen, ja Tagungstourismus, als Transfer-Märkte für Wissen über die von den Akteuren als (christlich-)„soziales Problem“ erfassten innergesellschaftlichen Problemzonen der Dechristianisierung („verwahrloste Mädchen“, „Sozialdemokraten“). Gegen die holzschnittartige These Blaschkes von der Zweiten Konfessionalisierung versuchte sie so die Religionsgeschichte des 19. Jahrhunderts anders zu konzipieren und dabei insbesondere den Umgang mit so denotierten „Unterschichten“ und eine transnationale Perspektive einzubringen. Aus der Sicht der Frühen Neuzeit scheinen sich vergleichbare Akzentsetzungen auch in der dort gerade geführten Diskussion und Interessenverschiebung entlang und gegen die vorherrschenden Einlinigkeiten der nun längere Zeit vorherrschenden Heuristiken der Konfessionalisierung und Sozialdisziplinierung zu finden. Habermas’ Ansatz liefert auch einen Beitrag zum Verständnis dessen, dass die soziologisch-funktional inspirierten top-down-Perspektiven der genannten Heuristiken des 20. Jahrhunderts in gewisser Weise ein Diskurserbe des 19. Jahrhunderts sind.
Abschließende Überlegungen: Oberthema, mehrere Schwerpunkthemen oder Epochenordnung?
Trotz der eigenen Tagungen der Arbeitsgemeinschaft „Frühe Neuzeit“ sollte der Historikertag auch für Frühneuzeitler/innen der wichtigste Ort der Präsentation der eigenen Arbeit im Kreis der Kollegen/innen bleiben. Gerade die Möglichkeit, die eigenen inner-epochalen Disziplintrends mit denen der anderen epochalen und sachlichen Teildisziplinen vergleichen zu können, erscheint mir wichtig. Insofern hat der Konstanzer Historikertag mit den erwähnten Tendenzen der Marginalisierung der nicht-modernen Fächer aber auch den beobachtbaren Tendenzen des gegenseitigen Desinteresses zwischen den Epochendisziplinen gezeigt, dass der Appell Anselm Doering-Manteuffels zur Einführung des Habilitandenforums höchstnötig ist. Die B.A./M.A.-Reform wird an vielen, insbesondere den kleineren Universitäten, eine immer stärkere Zusammenarbeit von „kern“-historischen Disziplinen mit ganz anderen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern befördern. Das mag ein weiterer Schritt zur Erosion und Rekomposition unseres wissenschaftlichen „Geschichtsbildes“ sein – also etwa zur tendenziellen Auflösung der traditionellen, letztlich „eurozentrischen“ Einteilung „der“ Geschichte in Antike, Mittelalter und Neuzeit und ihren jeweiligen Subepochen. Man muss das nicht mit Untergangsstimmung beklagen, es werden dadurch mittel- und langfristig auch viele neue, spannende Ausrichtungen und Umgestaltungen unserer Wissensordnungen bewirkt werden. Nichtsdestoweniger tragen die alten Wissensordnungen doch eine gehörige Portion begründeter bzw. begründbarer Resistenz und innerer Verzahnung in sich. Vor diesem Hintergrund ist auch die Wahl eines Gesamt-Oberthemas zu bedenken. Will der Historikertag eine zweijährliche „Leistungsschau“ und Repräsentation der derzeit in Deutschland getätigten Arbeit der historischen Wissenschaften sein, führt das Oberthema nur zu Verrenkungen und Verfälschungen. Viele Forscher arbeiten eh schon – gerade innerhalb programmgeförderter Forschung
[5]
– im Rahmen bestimmter Schwerpunktthemen. Auf dem Historikertag nun rasch noch einmal zum eigenen Thema aus dem Blickwinkel des gewählten Über-Stichworts etwas „hinzustricken“, primär, weil man eben auf dem Historikertag präsent sein will, führt dazu, dass als Leistung nur gezeigt wird, dass man sich einigermaßen agil perspektivisch ausrichten kann.
Der Historikertag müsste ehrlicher zu dem stehen, was er ist: eben eine Präsentation der aktuellen Themen und Köpfe der deutschen Forschungslandschaft, die es den Teilnehmern/innen ermöglicht, ihre berechtigte Neugier auf diese Themen und Menschen zu stillen („was machen die denn in Dresden so, wie präsentiert denn die x, von der ich schon so einiges gelesen habe, ihr Thema?“). Das „von oben“ verordnete Oberthema ist letztlich auch ein Hindernis dafür, dass der Historikertag zu einem Forum für die wirklich gerade „brennenden“ Themen wird, wie er es früher in Sektionen vermochte, die es schafften, solche „von unten“ durch längere Beschäftigung mit bestimmten Themen und Problemen gewachsenen Sensibilitätszonen zu reflektierten Konfrontationen zuzuspitzen (Historikerstreite, Historiker/innen und Nationalsozialismus, Mikro-/Makro-Geschichte...). Wenn der Historikertag also tatsächlich die mit der Programmförderung und der erwähnten Umstellung auf modularisierte Studiengänge einhergehende, schon bestehende Tendenz der Auflösung der epochalen Einteilung „der“ Geschichte hin auf Themenschwerpunkte übernehmen und verstärken will, dann sollte dies nicht durch die arbiträre Wahl eines Oberthemas alle zwei Jahre geschehen, so, als ob sich die gesamte deutsche Geschichtswissenschaft einmal rasch für ein paar Tage zu einem Gesamt-SFB zusammenschließen würde. Vielmehr sollte man dann den in Deutschland an verschiedenen Orten existierenden größeren Schwerpunkt-Themen – ob sie nun durch Programmförderung institutionalisiert sind oder nicht – die Gelegenheit zur Darstellung ihrer Forschungstendenzen geben; die Sektionen wären dann hiernach und nicht nach Epochen geordnet, was ja auch dem jetzt schon bestehenden Trend, immer mehr epochenübergreifende Sektionen auszurichten, entspricht.
Behält man aber die „alteuropäische“ Epochenordnung bei, muss die Aufteilung ausgewogener sein und die interepochale Zusammenarbeit etwas besser funktionieren als beim fruchtlosen Verhallen des Appells von Doering-Manteuffel auf dem Habilitandenforum. Aus Sicht der Frühen Neuzeit war der Historikertag in der konzentrierten Campus-Atmosphäre von Konstanz – dafür allerdings leider auch ein wenig abgekapselt von der Stadt – zwar nach wie vor ein anregender Treffpunkt der „Zunft“ und des Austauschs, er vermochte aber weniger wirklich disziplinspezifische oder -übergreifende Impulse zu setzen, als man es sich wünscht.
Dr. Cornel A. Zwierlein ist wissenschaftlicher Assistent am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München, Abt. Frühe Neuzeit. Haupt-Forschungsinteressen: Politische Kommunikation und Theorie der Frühen Neuzeit (Machiavellismus), Kommunikationsgeschichte, Reformations- und Rechtsgeschichte, Europäische Geschichte (Schwerpunkte Frankreich und Italien); Habilitationsprojekt: "Prometheus' Kinder. Stadtbrände und Feuerbewältigung im Übergang zur Moderne, 1650-1850". E-Mail: <cornel.zwierlein@lrz.uni-muenchen.de>
[1] Dass in den Tageszeitungen diesmal außer von Sven F. Kellerhoff, in: Die Welt, 25.09.2006, S. 23 und von Christoph Jahr, in: Neue Zürcher Zeitung, 25.09.2006, S. 25 von keinem vormodernen Thema auf dem Historikertag berichtet wurde, ist vermutlich auf die geringe Präsenz der vormodernen Epochen auf der Veranstaltung zurückzuführen, vgl. Jungen, Oliver, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2006, S. 35; Augstein, Franziska, in: Süddeutsche Zeitung, 25.09.2006, S. 11.
[2] Aus ihr wurde von Sven F. Kellerhoff (wie Anm. 1) merkwürdiger Weise nur das Wort der Distanznahme zitiert, das Pelizaeus vorausgeschickt hatte („Wir identifizieren uns nicht mit den Zitaten, die wir hier wiedergeben“), um angesichts der vielen negativen Zitate zum „Türken“ als Feindbild Missverständnissen vorzubeugen; Kellerhoff interpretierte dies in denkbar unintelligenter Weise als „Kapitulation vor dem Islamismus“. Vgl. auch den Sektionsbericht von Verena Kasper: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1170> (17.10.2006).
[3] <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1216 > (17.10.2006).
[4] Vgl. den Sektionsbericht von Thomas Nicklas <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1171> (17.10.2006).
[5] Vgl. den Bericht von Philip Hoffmann und Marcus Sandl über die von Rudolf Schlögl organisierte Podiumsdiskussion auf dem Historikertag "Wissenschaftsfinanzierung als Programmförderung – Chancen und Probleme", <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1309> (05.10.2006).
Zeitgeschichte (bis 1945)
Isabel Heinemann
Besprochene Sektionen:
"Umstrittene Bilder. Visualisierung und Wissenschaft in der Moderne"
"Leitbilder der Planung im 20. Jahrhundert"
"Der Zeitzeuge. Annäherung an ein geschichtskulturelles Gegenwartsphänomen"
Zeitgeschichte bis 1945 ist out! So zumindest der erste Eindruck bei der Durchsicht des Programms zum 46. Deutschen Historikertag. Dagegen dominierte eine stark am Rahmenthema orientierte, bildanalytisch informierte Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. So weit, so gut. Doch warum waren Veranstaltungen zu den historischen Prozessen, Problemlagen und Ereignissen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so augenfällig abwesend? Wären nicht auch neuere Forschungen zum Ersten Weltkrieg, zur europäischen Zwischenkriegszeit und insbesondere zum Nationalsozialismus unter der von den Organisatoren vorgegebenen Frage nach „Geschichtsbildern“, ihren Konstruktionen und ihrer Wirkung darstellbar und diskutierbar gewesen? Gehen von diesen „klassischen“ Forschungsfeldern der frühen Zeitgeschichte derzeit vielleicht keine methodischen Impulse aus – oder passten sie schlicht nicht ins Rahmenthema?
Lange vorbei scheinen die Zeiten, in denen auf Historikertagen Debatten über Goldhagens Thesen und den Antisemitismus der Deutschen oder die braune Vergangenheit der Gründergeneration der bundesdeutschen Sozialhistorie die Gemüter erregten. Gewiss, Debatten lassen sich nicht postulieren, und schon gar nicht nachträglich einfordern. Aber ich möchte die derzeitige (Nicht-)Repräsentanz insbesondere der NS-Forschung auf dem 46. deutschen Historikertag zum Anlass einer vorsichtigen Standortbestimmung der „älteren“ Zeitgeschichtsforschung (1917/18 bis 1945) nehmen. Besondere Aufmerksamkeit werde ich auf die aktuelle Forschung zum Nationalsozialismus legen, da diese einen meiner eigenen Arbeitsschwerpunkte bildet. Ausgehend von einigen ausgewählten Sektionen werde ich erstens fragen, inwiefern und unter welchen Fragestellungen Themen der „älteren“ Zeitgeschichte überhaupt diskutiert wurden. Daran möchte ich zweitens einige allgemeine Überlegungen über die Geschichtspräsentation auf Historikertagen in ihrem Verhältnis zum Stand der NS-Forschung anschließen.
„Visualisierung und Wissenschaft“ und „Leitbilder der Planung“: Themen der „älteren“ Zeitgeschichte in einzelnen Sektionen
Während der Erste Weltkrieg – auch in seiner ikonografischen Verarbeitung – in keiner Veranstaltung verhandelt wurde, kam die europäische Zwischenkriegszeit in einigen diachron angelegten Sektionen zur Sprache. So untersuchten Martina Heßler (Aachen) und Alexander Nützenadel (Frankfurt/Oder) in ihrer Sektion „Umstrittene Bilder“ den Zusammenhang von Wissenschaft und Visualisierung in der Moderne und schlugen dabei den Bogen vom 18. bis zum späten 20. Jahrhundert. In ihrem Beitrag „Zur Bildgeschichte des Unsichtbaren“ führte Martina Heßler aus, wie die Entdeckung der Unsichtbarkeit als erkenntnistheoretisches Problem mit der Durchsetzung der modernen Naturwissenschaften zusammenfiel. Dem Vortrag von Astrit Schmidt-Burkhardt (Berlin) über Diagramme als Medium der bildhaften Darstellung von Wissen, Theorie und Weltanschauung („Wissens-, Theorie- und Weltbilder“) war unter anderem zu entnehmen, wie durch den Kunsthistoriker Paul Ligeti in den 1930er Jahren mit der Unterscheidung in „gesunde“ und „zersetzte Gesellschaft“ eine Weltanschauung visualisiert wurde, die dem Faschismus den Weg bereitete. Diagramme machen also Relationen (und Hierarchien) sichtbar, wobei eine interessante Frage darauf zielt, welche Aspekte des Darzustellenden bei dieser Art der Visualisierung nicht berücksichtigt werden können oder umgeformt werden müssen. Die insgesamt methodisch anspruchsvolle Sektion kulminierte in den – an den Beitrag von Alexander Nützenadel über die Bildsprache der Ökonomie gerichteten – Fragen, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisprozesse selbst durch die Verwendung von Bildern verändern und inwiefern die Beschreibung/Zuschreibung durch die Bildanalyse die Aussage der Abbildungen selbst beeinflussen kann.
Dagegen beschäftigte sich die von Dirk van Laak (Jena) geleitete Sektion zu den „Leitbildern der Planung im 20. Jahrhundert“ mit einem weiteren zentralen Phänomen der Moderne: Die einzelnen Beiträge arbeiteten heraus, wie Planung als „Suggestion von Ordnung“ (Anselm Doering-Manteuffel, Tübingen) im letzten Jahrhundert eine zweifache Konjunktur erlebte. Die erste Hochphase der Planung begann in den 1930er Jahren, als es galt, mittels rationaler Steuerungsinstrumente die Folgen des Ersten Weltkrieges und der Weltwirtschaftskrise zu beheben und einer je nach Land durchaus unterschiedlich verstandenen Variante von „Moderne“ zur Durchsetzung zu verhelfen. Die zweite Hochkonjunktur erlebte der Planungsbegriff in den 1960er Jahren, diesmal im Zeichen optimistischer Zukunftserwartung, wie Gabriele Metzler (Tübingen) in ihrem Beitrag zur Politischen Planung in der BRD ausführte. Mit welchen Folgen das von europäischen Planern entworfene Projekt einer Modernisierung ökonomischer und sozialer Prozesse auf die Kolonien der europäischen Großmächte übertragen wurde, analysierte der Hamburger Historiker Andreas Eckert in seinem Beitrag „Planung und Dekolonisation“. Generell machte das Panel deutlich, dass die Vorstellung von „Demokratisierung“ und zentraler Planung zwangsläufig in einem Widerspruch zueinander stehen, aller Utopien zum Trotz: Um die Gesellschaft zu verändern, muss jeder Plan zwangsläufig die Interessen bedeutsamer Teile der Mitglieder dieser Gesellschaft außer Acht lassen. Ein Unterschied besteht nur im Ausmaß und in den Folgen.
Beide Sektionen zeigten, dass Themen der Zeitgeschichte unter der Frage nach der Wirksamkeit von (Geschichts-)Bildern zwangsläufig in längeren Zeiträumen und unter Berücksichtigung internationaler Interdependenzen zu behandeln sind. Die Veränderung in der Gestaltung von wissenschaftlichen Diagrammen und wirtschaftswissenschaftlichen Modellen wie auch die Transformationen von ökonomischen und sozialen Planungen erschließen sich als Indikatoren historischer Transformationsprozesse und Denkkonjunkturen eben nur in diachroner Perspektive.
„Geschichtsbilder“ und „blinde Flecken“? Die Präsentation der NS-Forschung auf dem 46. Historikertag
Gemäß dem Rahmenthema wurden auf dem Historikertag ausschließlich Folgen und Repräsentationen des Nationalsozialismus verhandelt, nicht aber die NS-Geschichte selbst: Eine von Norbert Frei (Jena) und Constantin Goschler (Bochum) geleitete Sektion untersuchte die Praxis der Wiedergutmachung und ihre Auswirkungen auf die deutsch-jüdischen Beziehungen; Martin Sabrow (Potsdam) widmete ein Panel dem Phänomen des Zeitzeugen. Die Darstellung der NS-Geschichte im Fernsehen inspirierte gleich zwei Veranstaltungen, eine Sektion („Popularisierung der Geschichte im Fernsehen“) und eine abendliche Podiumsdiskussion („Geschichte im Fernsehen – eine Herausforderung für die Geschichtswissenschaft?“). Da stellte sich bisweilen der Eindruck ein, an die Stelle einstiger Debatten um neuere Forschungen zum Nationalsozialismus trete nun das Lamento über die mediale Präsentation der NS-Geschichte, insbesondere durch einen prominenten ZDF-Fernsehmacher. Doch wie die „Zeitzeugen“-Sektion unterhaltsam und eindrücklich demonstrierte, beschränkt sich der Erkenntniswert einer kritischen Analyse des medialen Umgangs mit der NS-Vergangenheit keineswegs auf die Diagnose der vom Publikum gewollten „Geschichtspornografie“ (Wulf Kansteiner, Binghampton). Vielmehr war am abwechslungsreichen Beitrag Kantsteiners über „Zeitzeugenschaft und Vergangenheitspolitik“ zu lernen, wie in den Geschichtsdokumentationen des ZDF den Zeitzeugen zugleich eine Unterhaltungs- und Authentizitätsfunktion zugemessen werde. Nobert Frei (Jena) verdichtete diese Diagnose in seinem Kommentar zum Begriff der „Authentizitätsfiktion“. Wie Judith Keilbach (Berlin) in ihrem Vortrag über „Zeitzeugenschaft, Glaubwürdigkeit und die Konstruktion weiblicher Täter“ nachwies, fanden in der geschlechtsspezifischen Aufgabenteilung zwischen männlichen und weiblichen Zeitzeugen/innen über die Jahre signifikante Verschiebungen statt: Wurden die Aussagen von Frauen in den Geschichtsdokumentationen der 1980er Jahren hauptsächlich zur Erzeugung von Emotionen eingesetzt, während die männlichen Zeitzeugen Zusammenhänge schilderten, so änderte sich dies in den 1990er Jahren mit dem Trend zur allgemeinen Viktimisierung der Zeitgenossen des Nationalsozialismus: Nun präsentierten die Autoren der Geschichtsdokumentationen oftmals traumatisierte Soldaten als Opfer, wohingegen Frauen mittelbar die Rolle der Täterinnen übernahmen, so z.B. die langjährige Sekretärin Odilo Globocniks.
Das ansonsten weitgehende Fehlen von Sektionen zu Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg in Konstanz stand in einem merkwürdigen Missverhältnis zur Buchpräsentation der Verlage. So zierte auch in diesem Herbst wieder eine Vielzahl wichtiger und diskussionswürdiger Neuerscheinungen die Büchertische, insbesondere zur Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus und zur Akzeptanz des Judenmordes durch die deutsche Gesellschaft
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. Doch warum schlug sich dies nicht in entsprechenden Sektionen oder gar Diskussionsveranstaltungen nieder? Herrscht also breites Einverständnis über die Ergebnisse der neueren NS-Forschung? Oder sind nach den Zeiten der harschen Konflikte um die Interpretation des Holocaust (in den 1980er Jahren Intentionalisten versus Strukturalisten, in den 1990er Jahren Primat des Rassismus versus wirtschaftliche Interessen) seitens der NS-Forschung einfach noch nicht wieder die richtigen Fragen gestellt worden?
Eine mögliche Erklärung wäre die in den letzten Jahren zu beobachtende Methodenferne des Faches, welche oftmals eine fehlende Anschlussfähigkeit an die Fragestellungen einer politisch informierten Kulturgeschichte zugunsten einer Verstrickung ins regionalhistorische oder ereignisgeschichtliche Klein-Klein zur Folge hat. Auf einem Historikertag, der sich durch die Hinwendung zur Bildanalyse als methodisch innovativ versteht, haben es die „klassischen“ Felder der NS-Forschung wie Vernichtungspolitik und Massenmord, Herrschafts-, Wirtschafts-, Sozial- und Ideologiegeschichte wohl eher schwer. Hinzu kommt die Tendenz der modernen Gesellschafts- und Kulturgeschichte, den Nationalsozialismus aus ihren Fragestellungen von vorneherein auszuklammern oder auf einige wenige Topoi („charismatische Herrschaft“) zu reduzieren.
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Ist die vielfach zu beobachtende elegante Umschiffung des Nationalsozialismus durch die neuere Kulturgeschichte (wie auch durch diesen Historikertag) vielleicht daraus zu erklären, dass sich Rassismus, Verfolgung, und Vernichtung in ihrer extremsten Zuspitzung einer einfachen Einordnung in soziale Prozesse, kulturelle Denkmuster und Repräsentationsformen entziehen? Dem wäre erstens entgegenzuhalten, dass die Analyse von Verfolgung und Vernichtung, von Kollaboration und ökonomischen Interessen, von Rassenideologie und gesellschaftlicher Basis, von Täterverhalten und Opferschicksalen weder durch den Primat der Kulturgeschichte noch durch einen möglichen iconic turn der Geschichtsforschung etwas von ihrer Brisanz verliert. Gerade die Analyse innerhalb längerer Untersuchungszeiträume und mit Blick auf internationale Zusammenhänge schärft den Blick für die Besonderheiten der nationalsozialistischen Herrschaft und des staatlich gelenkten Massenmordes. Zweitens wäre es an der NS-Forschung selbst, sich methodisch zu öffnen und beispielsweise analytisch geschärfte Fragestellungen aus Nachbardisziplinen zu erproben, sei es aus der Historischen Anthropologie, der Soziologie, der Sozialpsychologie, den Gender Studies oder eben der Bildanalyse – ohne dabei ihre traditionelle empirische Stärke aufzugeben. Dass dies immer wieder gelingt, zeigt beispielsweise die Integration von Fragestellungen aus der Wissenschaftsgeschichte in die Untersuchung der NS-Zeit, wie an den Resultaten der beiden Großprojekte zur Erforschung der Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Institute und der Deutschen Forschungsgemeinschaft abzulesen.
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Drittens kamen einige der wichtigsten Anregungen zur Etablierung der Bildanalyse als relevantem Bestandteil der Geschichtsforschung doch gerade aus dem Kontext der NS-Forschung und der Erinnerungsgeschichte des Nationalsozialismus.
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Warum im Rahmen des Historikertages nicht auf diesen Überlegungen aufbauen?
Zusammenfassend ergibt sich für die Zeitgeschichte bis 1945 in ihrer Repräsentation auf dem 46. Historikertag folgendes Bild: (1) Wie aus den vorgestellten Sektionen („Visualisierung und Wissenschaft“, „Leitbilder der Planung“) zu lernen, erbringt die Analyse von (Geschichts-)Bildern neue Einsichten in Wandlungsprozesse von Konzepten und Darstellungsformen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis (Planung, wissenschaftliche Abbildungen). Sie erfolgt allerdings notwendigerweise in diachronem Rahmen, sodass sie sich einer engen Epochenzuordnung entzieht. (2) Die merkwürdige Absenz der „großen“ Themen Erster und Zweiter Weltkrieg, Zwischenkriegszeit, Nationalsozialismus und Holocaust mag einer gewissen Debattenmüdigkeit in diesen Feldern geschuldet sein, vielleicht auch einer methodischen Orientierung am Rahmenthema des Historikertages. Ein Spiegel der Forschungskonjunktur, ablesbar an Verlagsprogrammen und Büchertischen, ist sie sicher nicht; hier ist Zeitgeschichte bis 1945 keineswegs „out“.
Zu fragen wäre nun: Wie ist die Geschichte des Nationalsozialismus „zurückzuholen“ in die zweijährliche Selbstdarstellung und -reflexion des Faches, als die der Historikertag doch eigentlich gedacht ist? Hier bietet sich vielleicht ein doppeltes Vorgehen an, zum einen durch ein Verständnis des Rahmenthemas als Anregung neue Wege zu gehen, aber nicht als allzu starres Korsett. Zum anderen wäre es an der NS-Forschung selbst, abseits extravaganter Moden und schlichter Anbiederung an aktuelle Trends, methodische Aufgeschlossenheit und gedankliche Anschlussfähigkeit zu demonstrieren und wieder einmal die richtigen Fragen zu stellen. Dass sie das kann, zeigen sowohl die Tradition der deutschen NS-Historiografie als auch die beeindruckende Bandbreite der diesjährigen Neuerscheinungen.
Dr. Isabel Heinemann ist seit 2002 wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Freiburg; aktuelles Forschungsvorhaben/Habilitationsprojekt: „Family Values“: Die US-amerikanische Familie im 20. Jahrhundert (Arbeitstitel). E-Mail: <isabel.heinemann@geschichte.uni-freiburg.de>
[1] Um nur ein paar Beispiele zu geben: Friedländer, Saul, Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und Juden 1939-1945, München 2006 (zum Historikertag nur angekündigt, erschienen im Oktober); Longerich, Peter, „Davon haben wir nichts gewusst!“. Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945, München 2006; Wachsman, Nicolas, Gefangen unter Hitler. Justizterror und Strafvollzug im NS-Staat, München 2006.
[2] Hierzu als prominentestes Beispiel: Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949, München 2003.
[3] Vgl. die Beiträge zu folgenden Reihen: Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Göttingen 2000ff.; Beiträge zur Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Stuttgart 2006ff.).
[4] Brink, Cornelia, Ikonen der Vernichtung. Öffentlicher Gebrauch von Fotografien aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern nach 1945, Berlin 1998; Knoch, Habbo, Die Tat als Bild. Fotografien des Holocaust in der deutschen Erinnerungskultur, Hamburg 2001; Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944. Ausstellungskatalog: Redaktion Bernd Boll und Hannes Heer, Hamburg 1996; Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.), Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944. Ausstellungskatalog: Gesamtredaktion Ulrike Jureit, Hamburg 2002.
Zeitgeschichte (nach 1945)
Till Kössler
Besprochene Sektionen:
"Der Zeitzeuge. Annäherung an ein geschichtskulturelles Gegenwartsphänomen"
"Bilder nach dem Sturm. Wahrheitskommissionen und historische Identitätsstiftung zwischen Staat und Zivilgesellschaft"
Die jüngere Zeitgeschichte der Zeit nach 1945 ist eine der dynamischsten Wachstumsbranchen der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft. Dieses Bild vermittelte der diesjährige Historikertag. Lässt man die epochenübergreifenden und didaktischen Sektionen außen vor, nahmen die zwölf Sektionen, die sich ausschließlich mit der Zeit nach 1945 beschäftigten, deutlich mehr Raum ein als die Alte, Mittelalterliche und Frühneuzeitgeschichte zusammengenommen (neun Sektionen). Vielleicht noch signifikanter ist die deutliche Schwerpunktverlagerung innerhalb der Neueren und Neuesten Geschichte: Folgt man dem gedruckten Tagungsprogramm, so standen den erwähnten zwölf Sektionen (44 Prozent) der Zeitgeschichte (nach 1945) nur sechs (22 Prozent) von insgesamt 27 Neuzeit-Sektionen gegenüber, die sich ausschließlich mit der Zeit vor 1945 befassten. Die restlichen neun Sektionen (33 Prozent) thematisierten die Zeit nach 1945 mit mindestens einem Vortrag.
Die Verschiebung des Interesses hin zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt ein Vergleich mit den beiden vergangenen Historikertagen. In Halle (2002) hatten sich nur fünf der 21 Neuzeitsektionen (24 Prozent) ausschließlich mit der Zeit nach 1945 beschäftigt, in Kiel (2004) waren es sechs von ebenfalls 21 Sektionen (29 Prozent) gewesen. Während sich in Halle noch mehr als die Hälfte der Neuzeitsektionen mit der neuzeitlichen Geschichte vor 1945 befasst hatten (elf Sektionen/52 Prozent) waren es in Kiel immerhin noch acht Sektionen (38 Prozent) gewesen.
Der momentane Boom der Zeitgeschichte (nach 1945) spiegelt sich besonders deutlich in den Arbeiten des wissenschaftlichen Nachwuchs: Genau die Hälfte der 40 im Programmheft angekündigten Promotionsprojekte des epochenübergreifenden Doktorandenforums hatten Themen aus der Zeit nach 1945 zum Gegenstand. Vor zwei Jahren In Kiel waren es nur 12 der 56 präsentierten Projekte gewesen, also weniger als ein Viertel. Es ist dabei anzunehmen, dass das Auswahlverfahren durch den Historikerverband aus Proporzerwägungen die Dominanz der Zeitgeschichte eher abgeschwächt als verstärkt hat.
Das gestiegene Interesse an der Zeitgeschichte (nach 1945) ging auf dem Historikertag mit einem markanten Bedeutungsverlust der Zwischenkriegszeit und des Nationalsozialismus als unabhängige Forschungsfelder einher. Zu diesen einstigen Leitfeldern der deutschsprachigen Zeitgeschichtsforschung wurde in Konstanz keine einzige eigenständige Sektion veranstaltet. Während die frühen 1940er Jahre als Zäsur in Sektions- und Vortragstiteln häufig in Erscheinung traten, spielte 1917/18 als klassische Epochenzäsur zeithistorischen Arbeitens auf dem diesjährigen Historikertag demgegenüber kaum eine Rolle. In der historiografischen Praxis widmet sich die Zeitgeschichtsschreibung heute primär der Erforschung der Jahrzehnte nach 1945.
Es ist bezeichnend für die Vielfalt zeithistorischer Forschung, dass es für einen einzelnen Berichterstatter nicht möglich war, einen vollständigen oder auch nur ausgewogenen Überblick über die oft in mehreren parallelen Sektionen auf dem Historikertag vorgestellten Arbeiten zur jüngeren Zeitgeschichte zu bekommen. Der vorliegende Bericht kann deshalb kaum eine angemessene Würdigung der in Konstanz präsentierten Zeitgeschichte (nach 1945) erreichen. Schon gar nicht können im Rahmen des vorliegenden Berichts die einzelnen zeithistorischen Vorträge gewürdigt werden. Es ist vielmehr das Ziel dieses Beitrages, einige sektionsübergreifenden Trends zeithistorischen Arbeitens im deutschsprachigen Raum, wie sie in Konstanz sichtbar wurden, zu diskutieren. Dazu werden Themenschwerpunkte, die Ausweitung des räumlichen Bezugsrahmens und die Frage unterschiedlicher Zugriffe auf die Zeitgeschichte nach 1945 erörtert. Dass sich aufgrund der Unmöglichkeit, allen zeithistorischen Sektionen beizuwohnen, Verzerrungen in der Wahrnehmung und in der Wertung ergeben, erscheint unvermeidlich.
Obwohl eine thematische und methodische Pluralität das Bild der aktuellen Zeitgeschichtsschreibung prägt, lassen sich Akzentverschiebungen gegenüber vorangegangenen Historikertagen ausmachen. In methodischer Hinsicht dominierte in Konstanz eine im weiteren Sinne kulturgeschichtlich ausgerichtete Zeitgeschichte, während politik-, wirtschafts- oder sozialgeschichtliche Ansätze im engeren Sinn eine Randposition einnahmen. Kritik an der Dominanz kulturgeschichtlicher Ansätze, wie sie etwa von Wirtschaftshistorikern formuliert wurde, hatte es schwer, Gehör zu finden. Hinsichtlich des Spektrums methodischer Ansätze ließen sich damit in Konstanz keine epochenspezifischen Unterschiede ausmachen. Das die Zeitgeschichtsschreibung lange Zeit begleitende Vorurteil besonderer methodischer Traditionalität ist für die aktuelle Forschung unzutreffend.
Neue Themen traten dieses Jahr noch deutlicher als auf den vergangenen Historikertagen in den Vordergrund, während viele „klassische“ Arbeitsfelder der Zeitgeschichtsschreibung, etwa die internationalen Beziehungen, Wiederaufbau und Demokratiegründung, die (politische und mentale) Westintegration und die Geschichte der politischen Parteien keine Rolle spielten. Neben einem kontinuierlichen Interesse an Fragen der Kriegs- und Diktaturbewältigung, an der Stadtgeschichte sowie an den Protestbewegungen der 1960er und 1970er Jahre, stach besonders ein sektionsübergreifendes Interesse an den Themen Ethnizität, Konsum und – im Anschluss an den vergangenen Historikertag – Medien hervor. Auch wissenschaftshistorische Fragestellungen waren prominent vertreten. Demgegenüber fiel auf, dass viele der Themen, welche die aktuellen politischen Debatten wesentlich bestimmen, von den zeitgeschichtlichen Sektionen kaum aufgegriffen wurden. Dies gilt etwa für Fragen von Religion und Krieg, aber auch für die Geschichte der arabischen Welt. Das Großthema des letzten Historikertages, der Raum, fand dieses Jahr nur am Rande Aufmerksamkeit.
Eine umfassende Abkehr vom Nationalstaat als räumlichem Bezugspunkt zeithistorischen Interesses bildete den vielleicht eindeutigsten Trend des Konstanzer Historikertages. Auch wenn die Mehrheit der Vorträge einen nationalgeschichtlichen Rahmen hatte, beschäftigten sich doch nur sehr wenige Sektionen dezidiert mit der Geschichte eines Landes. Nur zwei zeitgeschichtliche Sektionen benannten beispielsweise in ihrem Titel exklusiv Deutschland bzw. die Bundesrepublik als Untersuchungseinheit. Auffällig ist auch das geschwundene Interesse an der DDR als eigenständigem historischen Gegenstand.
Zwar beschäftigte sich keine einzige Vortragsrunde mit dem sozialistischen deutschen Staat, eine Sektion zum Sport im Kalten Krieg wie auch einige ausgestellte Promotionsprojekte, etwa zum Berliner Jugendradio, wiesen jedoch auf die allmähliche praktischen Etablierung einer transnationalen Gesellschafts- und Kulturgeschichte des Kalten Krieges hin, die in innovativer Weise die Geschichte der beiden deutschen Staaten und – in weiterer Perspektive – der Gesellschaften westlich und östlich des eisernen Vorhangs miteinander verbindet und auf Problemlagen der Nach-Wendezeit bezieht. In diesem Zusammenhang war in Konstanz vielfach auch eine enge Einbindung der osteuropäischen Geschichte in die zeitgeschichtlichen Sektionen zu beobachten.
Insbesondere für größere Forschungsprojekte ist eine Begrenzung des Untersuchungsraumes auf die deutsche Nationalgeschichte zurzeit intellektuell und/oder wissenschaftspolitisch wenig attraktiv. Das Interesse an dem genuin deutschen Weg aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts bleibt zwar vielfach als Erkenntnisfolie vorhanden, rückt jedoch, so scheint es, in den aktuellen Forschungen vermehrt in den Hintergrund. Der nationale Fall interessiert vornehmlich als exemplarischer Kristallisationspunkt transnationaler Prozesse. Zugespitzt: Die spezifisch deutsche Zeitgeschichtsforschung, wie sie sich seit den 1950er Jahren in Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit etabliert hat, hat sich zu einer Zeitgeschichtsforschung in Deutschland gewandelt. Die Nation als Thema strukturiert das Forschungsfeld weniger als in den vergangenen Jahrzehnten.
Es ist vielleicht ein Zeichen dieses Wandels, dass die in den vergangenen Jahren intensiv betriebene Historisierung der bundesdeutschen Zeitgeschichtsschreibung auch in Konstanz einen prominenten Platz einnahm. Das Rahmenthema des Historikertages legte es nahe, insbesondere die Debatte über die Bedeutung visueller Medien und speziell des Fernsehens für die Zeitgeschichte fortzuführen. Als sehr anregend erwies sich in diesem Kontext eine gut besuchte Sektion, die nach der Verortung des Zeitzeugen in der bundesdeutschen Geschichtskultur fragte.
Die einzelnen Vorträge, die sich aufgrund unterschiedlicher Schwerpunktsetzung und Thesen gut ergänzten, hielten sich nicht lange mit der vereinfachenden Gegenüberstellung von individueller Erinnerung und professioneller Geschichtsschreibung auf. Es gelang ihnen vielmehr, ausgehend vom konkreten Problem der Rolle des Zeitzeugen als „Kunstfigur“ in historischen Fernsehdokumentationen allgemeine Fragen des Wandels der bundesdeutschen Geschichtskultur zu thematisieren. Der Aufstieg des Zeitzeugen als öffentliche und mediale Figur seit den 1970er Jahren wurde als Symptom einer grundlegenden Verschiebung im öffentlichen Geschichtsdiskurs diskutiert. Während sich die Referenten in ihrer Kritik an der Instrumentalisierung des Zeitzeugen in den populären historischen Dokumentationen Guido Knopps einig waren – besonders die Nivellierung der individuellen Biografien und die Tilgung von Unterschieden zwischen Tätern und Opfern durch die mediale Präsentation wurden kritisiert –, erwuchs die intellektuelle Spannung der Sektion aus unterschiedlichen Einschätzungen der Rolle der Zeitzeugen in der bundesdeutschen Geschichte. Eine Deutung erzählte die Geschichte des Zeitzeugen als Verlustgeschichte. Der in den 1970er Jahren mit der Figur des Zeitzeugen verbundene demokratische, die Individualität der eigenen Erfahrung gegen historische Großerzählungen verteidigende Impetus sei seit den 1980er Jahren mehr und mehr zugunsten einer historisch unspezifischen und affirmativen Beglaubigung von „Authentizität“ in einer opferzentrierten Geschichtskultur in den Hintergrund getreten. Gegen die These einer ursprünglich emanzipatorischen Bedeutung des Zeitzeugen verwies eine Gegenposition jedoch auf die problematische Rolle von Zeitzeugen in der Geschichtskultur und Vergangenheitspolitik der 1950er Jahre. Aufgrund der massenhaften Zustimmung der Bevölkerung zum NS-Regime, so das Argument, habe Zeitzeugenschaft in der Bundesrepublik zu keinem Zeitpunkt die Funktion einer kritischen Instanz einnehmen können.
Die einzelnen Beiträge machten erneut deutlich, welches über den eigentlichen Gegenstand hinausgehende Erkenntnispotenzial in einer Historisierung der bundesdeutschen Zeitgeschichte steckt. Schade nur, dass gerade in dieser Sektion der Blick über die (bundes-)deutschen Landesgrenzen unterblieb. Eine Einbeziehung des medialen Umgangs mit Zeitzeugen in anderen Gesellschaften hätte noch genauer die Besonderheiten der bundesdeutschen Medienpraxis im Spannungsfeld von nationalsozialistischer Vergangenheit, Geschichtswissenschaft und Mediendynamik beleuchten können.
Mit der Durchsetzung eines transnationalen Zugriffs als common sense zeithistorischen Arbeitens stellt sich die Frage nach neuen räumlichen Bezugspunkten der Forschung. In Konstanz bildete Europa in den meisten Fällen den Rahmen der einzelnen Sektionen, wenn nicht explizit in den Sektionstiteln so doch in der Auswahl der Referate. Der methodische Ansatz war zumeist ein vergleichender. Jenseits der in den letzten Jahren so intensiv geführten Debatten über Möglichkeiten und Probleme von Vergleichs- und Transferstudien zeichnete sich die historiografische Praxis auf dem Historikertag in der Regel durch eine pragmatische Herangehensweise aus. Debatten über konzeptionelle Fallstricke einer europäisch-vergleichenden oder transnationalen Perspektive wurden zumindest in den von mir besuchten Sektionen kaum geführt. Es braucht kaum erwähnt zu werden, dass sich eine solche Ausweitung des Betrachtungsfeldes in der Praxis als überaus fruchtbar erwies, vor allem dann, wenn ein enger thematischer Fokus die Vorträge aneinander band. So eröffnete, um hier nur ein Beispiel pars pro toto zu nennen, die vergleichende Betrachtung des Wiederaufbaus jüdischer Gemeinden in Deutschland, Italien und Ungarn nach dem Holocaust bezeichnende Einsichten in die sehr unterschiedlichen Dynamiken jüdischen Lebens in Europa nach 1945.
Während diese Sektion ganz bewusst eine europäische Fragestellung verfolgte, scheint die häufige Wahl Europas als räumlicher Referenzpunkt in der Regel eher eine pragmatische Entscheidung angesichts der vorhandenen wissenschaftlichen Expertise denn eine konzeptionelle Entscheidung darzustellen. Und doch erscheint diese Selbstbeschränkung angesichts des sich nach 1945 bahnbrechenden neuen Globalisierungsschubes gerade für die Zeitgeschichte unbefriedigend. Nicht nur bleibt der politische und ökonomische Bedeutungsgewinn nicht-europäischer Regionen seit 1945 unberücksichtigt, sondern eine pragmatische Europazentrierung erschwert auch eine kritische Reflexion in der Öffentlichkeit zirkulierender und häufig essentialistischer Konzepte von Europa. Wie erhellend eine Einbeziehung der außereuropäischen Geschichte für die Zeitgeschichte sein kann, belegte unter anderem eine ausgezeichnete Sektion zu „Wahrheitskommissionen und historische Identitätsstiftung zwischen Staat und Zivilgesellschaft“, in der anhand der Beispiele Spanien, Guatemala, Südafrika und Australien verschiedene Modelle politischer und geschichtskultureller Aufarbeitung von Bürgerkriegen bzw. (kolonialer) Gewalt verglichen wurden.
Die Vorträge zeichneten sich dadurch aus, dass sie Politik und Debatten gesellschaftlicher Befriedung und Versöhnung in den weiteren Kontext von Projekten der Nationsbildung stellten, an denen auch die Geschichtswissenschaften prominent beteiligt waren und sind. Auch wenn die Fallbeispiele im Einzelnen große Unterschiede aufwiesen, war es ein besonderes Verdienst der Sektion, die Kontinente übergreifenden Gemeinsamkeiten der Problemstellungen herauszustellen. Für den deutschen Betrachter warfen die Beiträge zugleich neues Licht auf Besonderheiten der doppelten deutschen Vergangenheitsaufarbeitung nach 1945 und 1989, etwa die Dominanz rechtlicher Fragen wie der Vermögensrestitution und Entschädigung in der Debatte der frühen Bundesrepublik. Es war fast bedauerlich, dass zwei Tage die hier geführte Diskussion von einer Sektion zur Wiedergutmachung in Deutschland und Israel trennten, die durch die Konzentration auf die Praxis der Wiedergutmachung in der Bundesrepublik und in Israel das Ringen um Wiedergutmachung in einen breiteren gesellschaftlichen und bilateralen Kontext stellte.
Offen blieb, ob der 11. September 2001 eine Zäsur in den neueren internationalen Debatten um Vergangenheitspolitik und -aufarbeitung bedeutete, die ihren Ausgangspunkt in den Nürnberger Prozessen hatten. Zumindest in den USA sind die von der Clinton-Administration noch massiv geförderten Forschungen zur transitional justice nach den Terroranschlägen schlagartig in den Hintergrund getreten.
Die Plausibilität der transnationalen Ausweitung des zeithistorischen Forschungshorizonts rückt jedoch auch Fragen nach den Kosten einer solchen Expansion gerade auf einer Großkonferenz wie dem Historikertag in das Blickfeld. Hier sollen in diesem Zusammenhang nur einige verstreute Beobachtungen angeführt werden. Zunächst scheint ein transnationaler Zugriff eine kontroverse Diskussion der Vortragsergebnisse zu erschweren. Aufgrund der unausweichlich begrenzten Kenntnisse der Diskutanten hinsichtlich der verschiedenen nationalen Historiografien, die den Hintergrund der einzelnen Vorträge bildeten, war eine kontroverse Diskussion der Fallbeispiele in der Regel nur sehr bedingt möglich. Tatsächlich lag die Stärke vieler Sektionen „in der Neuigkeit, noch nicht im Vergleich“ (L. Niethammer). Zudem können, eng damit verbunden, in einer vergleichenden Diskussion die konkreten Untersuchungsgegenstände aus Zeitgründen kaum in ihren Details und vielfachen Kontexten ausgeleuchtet werden. Sie verlieren dadurch an Tiefenschärfe und historischer Spezifik. Schließlich blieb die Festlegung räumlicher und zeitlicher Grenzen transnationaler Untersuchungsobjekte oft unscharf. Es erscheint vor diesem Hintergrund bedauerlich, dass eine Debatte über grundlegende Möglichkeiten und Probleme transnationaler Forschung für die Zeitgeschichte als historischer Subdisziplin in Konstanz kaum geführt wurde.
Stellt die Zeit nach 1945 eine Einheit dar? Die aktuelle Vielfalt zeithistorischer Forschung zeigte sich in Konstanz in mindestens drei unterschiedlichen konzeptionellen Zugängen zur Zeitgeschichte (nach 1945). Die Frage der Periodisierung bietet einen Ansatzpunkt, um die einzelnen Zugangsweisen idealtypisch zu unterscheiden.
Sehr prominent vertreten auf dem Historikertag war zunächst die Tendenz, die Zeit nach 1945 in eine breitere Geschichte des 20. Jahrhunderts – mit einem Schwergewicht auf den Mitteljahrzehnten des Jahrhunderts – oder sogar in eine „lange“ Geschichte der Moderne seit dem 19. Jahrhundert einzuordnen. Die Zäsur der frühen 1940er Jahre tritt hier hinter der Bestimmung langfristiger Kontinuitäten deutlich zurück. Die Zeit nach 1945 erscheint in dieser Perspektive als Endpunkt säkularer Entwicklungen, wobei die 1950er bzw. die 1960er Jahre als fundamentale Umbruchperiode gesehen werden.
Demgegenüber steht die ebenfalls einflussreiche Tendenz, die Zeit nach 1945 als Epoche der Aufarbeitung der Kriegs-, Gewalt- und Diktaturgeschichte der ersten Jahrhunderthälfte zu profilieren. Die bedeutende Rolle des Umgangs mit der Vergangenheit für den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandel nach Krieg und Diktatur definiert hier die Zeit nach 1945 als eigenständigen Untersuchungsgegenstand.
Schließlich betont ein dritter, noch weniger greifbarer Ansatz die Einheit der Nachkriegsjahrzehnte unter Verweis auf neue, grundlegende Rahmenbedingungen. Auf dem Historikertag wurden in diesem Sinne insbesondere der Übergang zur post-kolonialen Weltordnung, der nicht zuletzt neue Migrationsströme auslöste und Debatten um Ethnizität veränderte, die Entwicklung der Massenkonsumgesellschaft sowie audio-visuelle Medienrevolutionen ins Feld geführt. Im Unterschied zum ersten Ansatz steht weniger die Frage nach dem Übergang in eine neue Epoche im Mittelpunkt des Interesses, sondern die längerfristige Ausgestaltung und die Folgen der neuen Ordnung.
Damit verbunden ist eine Verflüssigung etablierter Binnendifferenzierungen der Nachkriegsjahrzehnte. Mit der intensiveren Erforschung der 1970er, 1980er und 1990er Jahre wird das Bild der 1950er und 1960er Jahre als Umbruchperiode unschärfer. Das Beispiel medienhistorischer Periodisierung mag dies illustrieren. Während unter den diskutierenden Zeithistorikern in Konstanz sektionsübergreifend Einigkeit herrschte, dass die Durchsetzung einer neuen audio-visuellen Kultur in den Nachkriegsjahrzehnten einen historischen Basistrend darstellte, gab es in einzelnen Vorträgen unterschiedliche Vorschläge zur medienhistorischen Binnendifferenzierung der Jahrzehnte. Bildeten etwa schon die späten 1960er Jahre mit dem Übergang der Intellektuellen vom „Buchzeitalter“ zum „visuellen Zeitalter“ (I. Gilcher-Holtey) die entscheidende medienhistorische Zäsur oder war (in der Bundesrepublik) die Kohlsche „Medienrevolution“ (N. Frei) der späten 1980er Jahre mit dem Aufbrechen des öffentlich-rechtlichen Rundfunkmonopols der bedeutendere Einschnitt?
Ob die in einer Sektion geforderte Erweiterung der Geschichtswissenschaft zu einer neben der Beachtung der visuellen Dimension etwa auch hearing cultures integrierenden historischen Sinnenlehre zur besseren Bestimmung und genaueren Verortung des medienhistorischen Wandels beitragen können wird, muss die zukünftige Forschung zeigen. Unzweifelhaft trägt aber die inhaltliche wie zeitliche Erweiterung des zeithistorischen Blickes, wie er sich in vielen Vorträgen manifestierte, dazu bei, ein vielschichtigeres Bild der Zeit nach 1945 zu zeichnen, als es bislang existiert.
Ein weiteres Kennzeichen der bundesdeutschen Zeitgeschichtsforschung auf dem Historikertag ist abschließend festzuhalten: Zeitgeschichte ist innerhalb der Mauern der historischen Wissenschaft zurzeit kaum Streitgeschichte. In keiner vom Berichterstatter besuchten Sektion kam es zu grundsätzlichen geschichtspolitischen Auseinandersetzungen um zeithistorische Fragen, wie sie in vielen Ländern gegenwärtig mit Erbitterung geführt werden.
Es erscheint bezeichnend, dass auf der besprochenen Sektion zur Zeitzeugenschaft alle Diskutanten für ein größeres Gewicht der Fachwissenschaft in historischen Dokumentationen eintraten, ohne dass ein Streit darüber ausbrach, welche Geschichte in zukünftigen Dokumentationen präsentiert werden solle. Die Frontlinie des Streites verläuft hier zurzeit eher zwischen Fachhistorikern und Teilen der Fernsehjournalisten als innerhalb der historischen Zunft. Diese präsentierte sich auf dem Historikertag als dominiert von einer „großen Koalition“ der Zeithistoriker, zwischen denen trotz wichtiger Differenzen im einzelnen wenig fundamentale Wertungsunterschiede zu beobachten waren.
Provokante Vorträge, die grundlegende, herrschende Deutungsmuster in Frage stellten und die Gemüter der versammelten Fachvertreter erhitzten, gab es für den Berichterstatter nicht zu verzeichnen. Dies hat auch, aber wohl nicht nur, mit der Differenzierung der Zeitgeschichtsforschung zu tun, die in Konstanz eher ein Neben- als ein Mit- oder Gegeneinander der Zeithistoriker kennzeichnete. In der Vielzahl interessanter Vorträge und Sektionen kristallisierten sich kaum Foren einer themenübergreifender Generaldebatte heraus. Aufgrund der beeindruckenden Breite und Qualität der vorgestellten zeitgeschichtlichen Forschungen fällt es allerdings schwer, diese Beobachtung als Kritik zu formulieren.
Dr. Till Kössler ist seit 2003 wissenschaftlicher Assistent am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München; Habilitationsprojekt: Kindheit und Moderne in Spanien im 20. Jahrhundert. E-Mail: <till.koessler@lrz.uni-muenchen.de>
Fachdidaktik
Michele Barricelli
Besprochene Sektionen:
"Die Aufarbeitung der Stasi-Tätigkeit und ihrer Folgen in Deutschland: ein Modell für den Umgang mit der Hinterlassenschaft europäischer Diktaturen nach 1945?"
"Geschichtsbild und Handlungsorientierung"
"Deutsch-jüdische Geschichte im Unterricht. Sondergeschichte – Beziehungsgeschichte – gemeinsame Geschichte?"
"Re-Visionen. Zum Wandel von Geschichtsbildern im öffentlichen Geschichtsbewusstsein und für den Schulgebrauch"
"Europäische Identität und Geschichtsunterricht"
Wer sich auf einem Historikertag vornehmlich den fachdidaktischen Sektionen widmet, erwartet intellektuell anregenden Aufschluss über neueste Entwicklungen an der Schnittstelle von historischer Forschung, geschichtskulturellem Diskurs und der Praxis des (nicht nur schulischen) historischen Lernens. Dieser vielschichtigen Gemeinschaftsaufgabe stellten sich auf dem Konstanzer Treffen die Konferenz für Geschichtsdidaktik und der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD) in ihren insgesamt fünf Sektionen
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mit einigem Einfallsreichtum, zumal das als allgemeines Tagungsmotto ausgewählte „Geschichtsbild“ seit längerem zu den bevorzugten Gegenständen wissenschaftlicher Analyse in der Geschichtsdidaktik und damit auch den produktiven Grundbegriffen der Disziplin zählt.
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Für die erste geschichtsdidaktische Sektion mit dem etwas umständlichen Titel „Die Aufarbeitung der Stasi-Tätigkeit und ihrer Folgen in Deutschland: ein Modell für den Umgang mit der Hinterlassenschaft europäischer Diktaturen nach 1945?“ hatte sich der VGD, vertreten durch den Bundesvorsitzenden Peter Lautzas, die Behörde der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU) und diese selbst, die einstige DDR-Bürgerrechtlerin Marianne Birthler, als Partner gesichert. In ihrem Eingangsreferat hob diese noch einmal die Bedeutung der MfS-Akten (und ihrer Behörde) für eine differenzierte Erforschung der DDR-Gesellschaft hervor und lieferte eine überaus praktikable Definition des mythischen deutschen Begriffs der „Aufarbeitung“, der in keine andere Sprache übersetzbar ist: Aufarbeitung diene demnach dem Geschichtslernen, indem sie die Differenzen von Diktatur und Demokratie herausarbeite, Diktaturfolgen zu beseitigen helfe, zivilgesellschaftliche Schäden behebe, neue Möglichkeiten des Trauerns und des produktiven Umgangs mit Unrechtserfahrungen schaffe und an vorbildliche Verhaltensweisen in Zeiten großer Bedrängnis erinnere. Dass diese Art von Vergangenheitsbefassung regelmäßig auch auf Programme historisch-politischer Bildungsarbeit abzielt, bestätigte Axel Janowitz, Mitarbeiter im Fachbereich Bildung und Forschung der BStU, indem er den Ablauf von Lehrerfortbildungsveranstaltungen und Schülerprojekttagen kurz skizzierte und die Vielfalt der dabei zum Einsatz kommenden Medien, der faksimilierten Quellen und Bildmaterialien pries (wenn auch bedauerlicherweise ohne konkrete Beispiele vorzuführen).
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Birthler und Janowitz war indessen anzumerken, dass sie hier ein bereits des Öfteren realisiertes Programm routiniert vortrugen.
Da die Sektion ausdrücklich als „diskursives Angebot“ konzipiert war, fielen die folgenden Vorträge zum Umgang mit Diktaturerfahrungen in Polen und Spanien eher kurz, unsystematisch, assoziativ aus, und die Moderatorin Gabriele Camphausen (BStU) mühte sich auf dem Podium redlich, die vielen losen Enden im Sinne eines historischen Vergleichs zusammenzuknüpfen, der die vorgestellten alternativen Verhaltensweisen, um dunkle Kapitel der Geschichte in die jeweiligen nationalen Meistererzählungen einzubinden, auf das Modellhafte und Emblematische des DDR-Beispiels bezog.
Krzysztof Madej, Mitarbeiter am „Institut des Nationalen Gedenkens“ in Warschau, mit dessen Eröffnung im Jahre 2000 ein Ort für die „Verfolgung von Verbrechen gegen die polnische Nation“ seit 1939 geschaffen wurde, wies zunächst darauf hin, dass die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur bereits zu kommunistischer Zeit einsetzte, zuvorderst in der Literatur, journalistischen Zirkeln und Teilen der katholischen Kirche; auch in der Schule hätten sich vermehrt kritische Lehrer gefunden, die etwa von Katyn, den politischen Repressionen oder den wirtschaftlichen Missständen nicht mehr schweigen mochten. Die Verfügbarmachung der Akten der KP nach 1989 – während gleichzeitig die Hinterlassenschaften des Sicherheitsdienstes bis heute für Privatpersonen wie Historiker nur schwer zugänglich sind – löste einen gewissen Schub im öffentlichen Aufarbeitungsdiskurs aus. Doch stellte sich bereits in den 1990er Jahren eine merkliche Vergangenheitsmüdigkeit ein bzw. wanderte der Fokus des gesellschaftlichen Interesses zurück auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs – ein Szenario, das womöglich auch der Erinnerung an den SED-Unrechtsstaat bevorsteht.
Im Hinblick auf die gerade erst einsetzende Beschäftigung mit dem Franquismo in Spanien konnte Sören Brinkmann (Erlangen) im Grunde nur einige meist bekannte Eckdaten beitragen: Auf das lange offizielle Schweigen folgten mit Beginn der Phase der transición ab 1975 Amnestiegesetze und noch 1986 empfahl der damalige Ministerpräsident Felipe González eine Kultur des Nicht-Gedenkens, was Jörn Rüsen wohl als Nachweis eines historischen „Traumas“, d.h. als die Unmöglichkeit der Sinnbildung durch die Mittel einer identitätsbildenden Erzählung angesehen hätte.
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Richtig wies Brinkmann darauf hin, dass sich die Aufarbeitung der Franco-Diktatur im Augenblick vor allem auf das Aufspüren von Massengräbern, deren Existenz und Lage sich im lokalen Gedächtnis erhalten haben, beschränkt. Initiativen der letzten Jahre, insbesondere von journalistischer Seite (also einer Berufsgruppe, die an den 30.000 Vermissten einen überproportionalen Anteil hat), sind noch viel zu vereinzelt um von systematischer Erforschung zu sprechen und ihre Zukunft völlig ungewiss.
Bedauerlicherweise zeigte sich Brinkmann über die relevante Veränderung der Redeweisen über den Franquismo in den neuesten spanischen Geschichtsschulbüchern, wie sie in der deutschen Geschichtsdidaktik bereits eingehend untersucht wurden, wenig informiert.
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Immerhin konnte er berichten, dass Befragungen zufolge das Wissen der spanischen Jugend durch dramatische Unkenntnis über die einfachsten Tatsachen und Zusammenhänge der Franco-Zeit gekennzeichnet sei, womit nun wieder eine Brücke zu den deutschen Verhältnissen zu schlagen war. Martin Bongertmann nämlich, der als Fachreferent für Geschichte in Mecklenburg-Vorpommern aus kultusbürokratieaffiner Sicht einige versprengte Gedanken zum Umgang mit der DDR-Geschichte in aktuellen Rahmenlehrplänen hinzufügte, entkräftete vorauseilend die oft von Seiten der Presse gestellte Nachfrage, ob die DDR überhaupt noch und zumal ihre diktatorischen Merkmale im Unterricht eine Rolle spielten. Es sei dies nämlich in quasi allen Bildungsplänen implementiert, und das Problem läge eher in einem „Vollzugsdefizit“: Ostdeutsche Lehrer tendierten dazu – die in den Elternhäusern vermittelte Sichtweise aufnehmend –, die DDR als „gute Tyrannis“ zu charakterisieren oder aber in eskapistischer Manier nur den ulkigen und unterhaltsamen Alltag anzusprechen; das DDR-Bild westdeutscher Lehrer sei dagegen überhaupt wenig reflektiert oder oft sogar noch von Alt-68er-Sympathie geprägt.
Als Resümee der Sektion kann schwerlich behauptet werden, die Beiträger hätten ihre aus einigem Professionsinteresse formulierte Maximalthese, dass das gesamtgesellschaftliche „Bedürfnis nach Aufklärung virulent“ bleibe und „Schlussstriche nicht möglich“ seien, an den Fallbeispielen tatsächlich vorfindbarer Praxis belegt. Im Angesicht der allgemeinen, sehr vielfältigen und lebendigen Praktiken, sich einem kritischen und verantwortungsbewussten Gedenken zu entziehen, ist es doch ein ziemlicher Irrglaube anzunehmen, das Vorhandensein einer rituellen Trinität von Forschungsinstituten, Mahnmalen und Schulbuchseiten eigne sich als Maß für die Aneignung einer moralisch eindeutigen Erinnerungspädagogik. Auf Podien der politischen Bildung, die sich ja mindestens so sehr wie die Geschichtsdidaktik in vergleichender Perspektive mit Diktaturbewältigung in nationalen Kulturen befasst, hat man zudem schon theoretisch Anspruchsvolleres und unterrichtspraktisch Durchdachteres zur Entwicklungsaufgabe der „citizenship education“ gehört.
Den Eindruck einer gewissen kognitiven Lauheit bestätigte dann auch die Abschlussdiskussion, die letztlich auf die Forderung hinauslief, dass die DDR-Geschichte endlich als vollgültiger Teil einer gesamtdeutschen Geschichte anzuerkennen und zu unterrichten sei. Diese aus interessierten Kreisen in letzter Zeit eher als Beschwörung denn als Erkenntnis wiederholte These wird es außerhalb von gutmeinenden pädagogischen Zusammenhängen schwer haben, sich gegenüber der weitaus plausibleren Gesamtdeutung des SED-Staats als eines deutschen Regionalismus durchzusetzen.
Die Sektion „Geschichtsbild und Handlungsorientierung“ stand unter der Leitung der Erlanger Geschichtsdidaktikerin Elisabeth Erdmann, die ihrer baldigen Pensionierung entgegensieht und daher in Konstanz die Gelegenheit nutzte, frühere und jüngere Schüler um sich zu scharen. In einer knappen, problemorientierten Einleitung lieferte sie nützliche Erläuterungen zur Bedeutung der im Sektionstitel erscheinenden Leitbegriffe, ohne jedoch Auskunft zu geben, wie das didaktische Analysekonzept des Geschichtsbildes und das unterrichtsmethodische Strukturierungskonzept der Handlungsorientierung sinnvoll aufeinander zu beziehen seien.
Dies blieb auch wenig beleuchtet im Vortrag von Elke Mahler (Studienrätin in Nürnberg), die Ergebnisse ihrer Promotion zur „Handlungsorientierung im Geschichtsunterricht“, vorstellte
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(erstaunlicherweise fand dabei die erst kürzlich erschienene, sehr brauchbare und im Haupttitel namensgleiche Monografie von Bärbel Völkel keine Erwähnung
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). Mahler hielt sich recht lang bei ihren Präliminarien, nämlich den altbekannten pädagogischen Entwürfen von Handlungsorientierung etwa von Hans Aebli und John Dewey auf, um dann einige gelungene Sequenzen ihrer empirischen Studie, die immerhin eine Gesamtzahl von über 350 Schülerinnen und Schülern involvierte, zu veranschaulichen. Ihre Befunde freilich replizierten Erfahrungen, die man bereits seit seiner Einführung mit handlungsorientiertem (Geschichts-)Unterricht macht, nämlich dass das Lerninteresse der Schüler, ihre methodischen Kompetenzen und ihre Einsicht in die eigene Verantwortlichkeit zunehmen und dass über diese Hilfsmittel tendenziell auch der Wissenserwerb erleichtert sowie die Lernerfolge verbessert werden.
Nicht in Mahlers Problemhorizont befand sich die Frage, worin nun die eigentliche Fachspezifik der Handlungsorientierung im Geschichtsunterricht zu sehen sei – ein drängendes Problem, zu dem sich die Geschichtsdidaktik seit den Arbeiten Peter Schulz-Hageleits in den 1980er Jahren nur vage geäußert hat.
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Den in diesem Sinne theoretisch klärenden und begriffspositionierenden Sektionsbeitrag lieferte Susanne Popp (bisher Siegen, soeben nach Augsburg berufen) zu „Konzepten des historischen Lernens im Spiegel handlungsorientierter Ansätze“. Sie zeichnete kenntnisreich die Entwicklung handlungsorientierter Unterrichtsverfahren unter Einschluss ihrer Vorformen avant la lettre nach, spießte den pädagogischen Übermut, der in diesem Konzept auch verborgen sein kann, als „Kampfrhetorik“ auf und verwies noch einmal darauf, dass die Heimat der Handlungsorientierung in den Naturwissenschaften und der berufsbezogenen Pädagogik liege – denn dort sind Bereiche und Räume zu bestimmen, in denen fachspezifisches Wissen zur handelnden Anwendung gelangen und Handeln professionalisiert werden kann. Gemäß dieser Logik wäre daher zu fragen, auf welches spätere „angewandte historische Handeln“ denn im Geschichtsunterricht orientiert werden könne, immer in Anbetracht dessen, dass Geschichte eben kein reales, nur ein mentales Phänomen darstellt und nicht „getan“, nur gedacht werden kann. Zu diesem Zweck entwarf Popp eine höchst interessante „Systematik“ historischer Handlungsfelder mit den Stichpunkten „Erkenntnisgewinn mit der Methode des Historikers“, „handelnde Vergegenwärtigung“, „experimentelle Archäologie“ und, vor allem, „Partizipation an Geschichtskultur“, die wertvolle, wirklich weiterführende Impulse für einen problemorientierten Diskurs lieferte, der auf dieser theoretischen Höhe in der Geschichtsdidaktik bisher noch nicht geführt wurde. Indem „Handeln in der Geschichte“ innerhalb der diskutierten Systematik letztlich auf das produktive, sinnbildende Erzählen von Geschichten hinausläuft (und sich eben nicht im Spielen, Rätseln, Basteln erschöpft), wahrt Popp die Anschlussfähigkeit ihrer Argumentation auch an das narrativistische Paradigma der Geschichtsdidaktik.
Von den zwei externen Teilnehmern der Sektion, dem Pädagogischen Psychologen Carlos Kölbl (Hannover) und dem Soziologen Heiner Treinen (Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen), ist vor allem Kölbl hervorhebenswert, der im Verlaufe des Vortrags, in dem er Einsicht in seine aktuelle Studie zum Geschichtsbewusstsein von Grundschülern gewährte,
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wieder einmal schmerzlich klar machte, wie weit die geschichtsdidaktische Zunft bei ihrer Konzeption von Empirie noch von der Beherrschung forschungsmethodologischer Standards entfernt ist. Dies soll nicht bedeuten, dass die Geschichtsdidaktik ihr Heil nur noch in valide konstruierten Skalen, Korrelations- oder Mehrebenenanalysen suchen sollte, denn zuweilen widersprachen die Befunde schulischer Alltagserfahrung oder ließen die Vermutung methodischer Artefakte aufkommen. Diskussionswürdig blieb etwa, ob die vermeintlich schwächere Leistungsfähigkeit und -bereitschaft von Mädchen und Kindern mit Migrationshintergrund im vorfachlichen Umgang mit historischen Thematiken nicht einfach darauf beruht, dass Geschichte von Beginn an eben als etwas Männliches und Deutsch-Nationales vermittelt wird. Jedoch konnte Kölbl unmissverständlich deutlich machen, dass die Erforschung des historischen Lernens, eben weil wir es dort mit Vorstellungs- und Einstellungskomplexen, inneren Bildern und Reflexionen zu tun haben, ganz ohne psychometrische Verfahren nicht vorankommen wird.
Die Sektion „Deutsch-jüdische Geschichte im Unterricht. Sondergeschichte – Beziehungsgeschichte – gemeinsame Geschichte?“ unter der klugen Leitung von Rolf Ballof (VGD) war nicht so deutungsoffen, wie es der Untertitel suggerierte, denn in vielen aktuellen (amtlichen) Verlautbarungen zum Geschichtsunterricht, einschließlich den entstehenden Bildungsstandards, ist der Paradigmenwechsel mindestens zu einer deutsch-jüdischen Beziehungs-, besser noch einer gemeinsamen Geschichte, die jedweden Ansatz einer retrospektiven Teleologie des Holocaust obsolet machen soll, bereits vollzogen. Moshe Zimmermann (Jerusalem) warnte denn auch noch einmal eindringlich vor einer „historiografischen Ghettoisierung“ jüdischer Geschichte innerhalb des Gehäuses nationaler Meistererzählungen, zumal er keine prinzipiellen Schwierigkeiten sieht, ausgehend von einer Relativierung des nationalen Kollektivs und auf der Grundlage gemeinsam geteilter Grundbegriffe wie „Integration“ und „Emanzipation“ eine gemeinsame Narration zu konstruieren, die eben nicht – was er pikanterweise als Gegenbeispiel anführte – wie im Falle der israelisch-palästinensischen Geschichte mit wenig Erfolgsaussicht oktroyiert werden müsse. Wenn jedoch in vielen Schulgeschichtsbüchern die jüdische Emanzipation in der Regel mit der Französischen Revolution einsetzt und 1933 abrupt endet, echoen die Verfasser, so Zimmermanns Fingerzeig, lediglich das laut verkündete Credo des Goebbel’schen Propagandaministeriums. Semantisch nicht überzeugen konnte dagegen Zimmermanns sophistische Auslegung des verhängnisvollen Bindestrichs im Titel der Sektion: Demnach stehe dieser nicht für eine prinzipielle Trennung von Gruppen, sondern zeige vielmehr Nähe an. Dass dies jedoch einem allgemeinen, ganz gewiss auch von Jugendlichen geteilten Sprachempfinden widerspricht, wie es sich in parallelen Konstruktionen wie „französisch-deutsche Beziehungen“ oder „deutsch-polnische Schulbuchkommission“ niederschlägt, blieb leider während der gesamten Sektion undiskutiert.
Simone Lässig (soeben zur Direktorin des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig [GEI] ernannt) absolvierte eine außerordentlich gehaltvolle und erzählerisch verzweigte Tour d’Horizon durch die von Land zu Land, Region zu Region und sogar Stadt zu Stadt sehr unterschiedlichen Modelle jüdischer Emanzipation ab dem 18. Jahrhundert, die hier nicht im Mindesten nachgezeichnet werden kann. Der immer wieder eingeflochtene Analogieverweis zu den weiteren Sozialgruppen der Katholiken und Sozialdemokraten (merkwürdigerweise fehlten die Frauen) ermöglichte Lässig am Ende die These, dass die Geschichte der Juden sich als Prisma einer an den Prozessen von Homogenität und Heterogenität, Inklusion und Exklusion, Vielfalt und Differenz interessierten Modernisierungs- und Globalgeschichte vorzüglich anbiete – und daher, so das ein wenig billige ceterum censeo, natürlich vertiefte Berücksichtigung im Unterricht verdiene.
Es schien fast, als hätte Falk Pingel, Stellvertretender Direktor des GEI, seinen Vortrag als kritische Gegenrede zu Zimmermann und Lässig komponiert, indem er mahnte, dass eine Überbetonung des integrativen Ansatzes die Schärfe der Wahrnehmung der jüdischen Geschichte gefährde, und nicht nur rhetorisch fragte, ob nicht erst die gesonderte Verfolgungsgeschichte das Verbleiben der jüdischen Deutschen im kollektiven Gedächtnis der Nation und auch der Schüler sichere. Größte Schwierigkeiten postulierte er für das Konzept einer jüdischen als exemplarischen Minderheitengeschichte nach 1945, denn dort stünden Juden dann in Konkurrenz zu anderen, womöglich gewichtigeren Einwanderungsgruppen, allen voran natürlich den Muslimen.
Wolfgang Geiger und Martin Liepach (Leo Baeck Institut, Frankfurt am Main) fiel die wichtige, aber innerhalb der nur noch geringen verbliebenen Zeit kaum zu lösende Aufgabe zu, auf weit verbreitete Klischees und Mythen über jüdische Geschichte in Materialien für den Unterricht, etwa am Beispiel der angeblich exklusiven Beziehungen zum Geldverleih oder einer fehlenden innerjüdischen Perspektive zum Antisemitismus im Kaiserreich, einzugehen und didaktische Strategien von Dekonstruktion und Aufbereitung zu entwickeln.
Susanne Popp, oben bereits als wesentliche Ideengeberin gewürdigt, wurde für die Geschichtsdidaktik noch ein weiteres Mal aktiv, nämlich als Leiterin der Sektion „Re-Visionen. Zum Wandel von Geschichtsbildern im öffentlichen Geschichtsbewusstsein und für den Schulgebrauch“. Kooperationspartner war hier das GEI. Nun gehört die Schulbuchforschung – zumal sich dieses Medium im Zusammenhang mit der Standard- und Kompetenzorientierung als Leitmedium des Geschichtsunterrichts re-etabliert hat – zum Kerngeschäft der Fachdidaktik mit langer, gut dokumentierter Tradition (weshalb auch der Reflex des Historikerverbandes, die eigentlich in der Fachhistorie angemeldete Sektion in der Didaktik zu platzieren, seine Berechtigung hatte). Dass gleichwohl viel Neues und Aufschlussreiches zu erfahren war, lag zu allererst daran, dass mit Namibia, China und der Schweiz bisher in didacticis wenig beleuchtete Räume von Regionalexperten unter die Lupe genommen wurden.
Der erste Beitrag vom Co-Leiter der Sektion Andreas Helmedach untersuchte aus der "Wir-Die"-Perspektive die Darstellung „Osteuropas“ (die Schwierigkeit einer typologisierenden Abgrenzung dieses Raumes kann hier nicht diskutiert werden) in neueren deutschen Schulgeschichtsbüchern und stieß dabei, sofern überhaupt dieser Teilraum Europas überhaupt behandelt wird, auf einen erschreckenden Reichtum an Verfälschungen, Stereotypen und auch Diffamierungen. Interessant war die Beobachtung, dass in den neuesten Generationen – ganz gewiss als Folge der Empfehlungen der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission – Polen an Aufmerksamkeit gewinnt und somit mental in den Kernbestand Europas aufrückt, jedoch zu Ungunsten Tschechiens bzw. seiner Vorgängergebilde; damit, so Helmedach, begebe man sich der Chance, eine lange Tradition von freiem Denken und standhafter Demokratie (man vergleiche die frühen reformatorischen Bewegungen im 15. Jahrhundert oder das lange Durchhalten der tschechischen Republik im 20. Jahrhundert, während sich ringsherum faschistische Regimes festsetzten) zu würdigen. Aus einer virulenten Gegenwartsperspektive muss ebenso das allmähliche Abhandenkommen des Osmanischen Reiches als desaströs bezeichnet werden. Im Übrigen wusste Helmedach zu berichten, dass man in osteuropäischen Staaten heute ein nationalstaatliches Narrativ favorisiere und eine nationstranszendierende Verflechtungsgeschichte eher als typisch deutsche Marotte abtue.
Markus Furrer (Fribourg/Luzern) konnte mit einem wahren Paradoxon aufwarten, indem er beschrieb, dass, obwohl Geschichtlichkeit für die ja nicht durch Sprache, Konfession oder ethnische Kategorien herstellbare schweizerische Identität eine wichtige Funktion übernimmt, konkrete schweizerische Geschichte aus den Schulbuchnarrativen langsam entschwindet. Man begnügt sich mit einigen historischen Eckpunkten zum Werden der Eidgenossenschaft, die dann natürlich unverrückbar und mythologisch überhöht werden (was nicht ausschließt, dass es immer mehr Schweizer Schüler und Studierende gibt, die selbst mit dem Namen Wilhelm Tell nichts mehr verbinden). Hier soll die These gewagt werden, dass diese Entwicklung auch als prototypisches Modell für das Schicksal der westlichen Nationalerzählungen stehen könnte: Eine kleine Handvoll wirklich allgemein verbreiteter und geglaubter, sprachlich formelhaft gefasster und moralisch übereindeutiger Restnarrative wird im Regelfall ausreichen um historische Orientierung zu gewährleisten. Freilich vermisste man bei Furrer zumindest die kurze Erwähnung jenes bildungspolitischen Aufruhrs, den die Veröffentlichung des Lehrmittels „Hinschauen und Nachfragen“
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in diesem Jahr verursachte. Die dort vorgenommene gnadenlose Neudeutung der Geschichte der Schweiz vor und während des Zweiten Weltkriegs führte zu hitzigen Debatten im Feuilleton wie an den Stammtischen – wann ist Ähnliches in Deutschland das letzte Mal geschehen?
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Sonia Abun-Nasr, Leiterin der Basler Afrika Bibliografien, einer wissenschaftlichen Spezialbibliothek, stellte Ergebnisse ihrer Studien an namibischen Schulgeschichtsbüchern im Hinblick auf den Wandel der vorherrschenden Geschichtsbilder vor. Entlang von drei zeitdifferenten Messpunkten konstatierte sie, dass in der Darstellung das subsaharische Afrika sehr lang, nämlich noch bis weit in die Zeiten der südafrikanischen Kolonialherrschaft, an der linearen Fortschrittsgeschichte, in dessen Fokus stets Europa angesiedelt war, keinen Anteil hatte. Apartheid wurde nicht einmal dem Begriff nach genannt und der Herero-Aufstand von 1904 als „resistance against legal authority“ interpretiert, dessen blutige Niederschlagung mithin geboten war. Danach jedoch, zu Beginn der 1990er Jahre, erschien Namibia als Territorium von alter ethnischer Vielfalt und wurde schließlich, nach erfolgreichem Unabhängigkeitskampf, zum integralen Bestandteil der afrikanischen Völkerfamilie, einer Panafrikanität, die freilich mit der Teleologisierung der SWAPO-Befreiungsbewegung einherging. Hier mochte der theoretische Befund, dass das Schulbuchnarrativ die jeweils bestehenden Herrschaftsverhältnisse legitimiert und dabei alle Kontingenzen zugunsten einer zwangsläufigen Entwicklung tilgt, eher banal sein (und er ließe sich gewiss etwa in Rhodesien/Zimbabwe, Vietnam oder Paraguay wiederholen), doch lag die Stärke des Berichts in der Detailgenauigkeit des Nachweises.
Ein ähnlicher Eindruck nationaler Affirmation stellte sich beim Vortrag von Claudia Schneider (GEI) über die „Revisionen der Geschichte Chinas in aktuellen chinesischen und taiwanischen Schulbüchern“ ein, wenn auch die derzeitige Schulbuch- und Lernplanpluralisierung in beiden Staaten größere Spielräume zulässt, als man dies zunächst vermuten würde. Divergierende Konzeptionen von „China“ bzw. einem „chinesischen Volk“ finden sich nicht nur in der Ablösung des lange vorherrschenden revolutionär-evolutionistischen Geschichtsbildes, sondern auch bei der Thematisierung der multiethnischen Identität, von Kultur- und Alltagsgeschichte sowie des Verhältnisses zur westlichen Welt. Gerade weil die „chinesische Nation“ und das extrem territorial gebundene nationalstaatliche Narrativ, das nicht einmal die Geschicke der großen chinesischen Diaspora etwa in Südostasien oder den USA verfolgt, stets im Mittelpunkt der Betrachtung bleibt, erstaunt doch, in welch erheblichem Umfang sich die Schulbücher auch der europäischen Geschichte widmen, oft in Form des erkenntnisfördernden historischen Vergleichs. Würde man ein analoges Verhältnis im deutschen Geschichtsunterricht anstreben, bliebe China nicht länger ein blinder Fleck im Horizont unserer Jugendlichen.
Im Übrigen war Schneider die einzige Referentin, die auch methodische Kriterien in die Untersuchung und Analyse ihrer Schulbücher einbezog – und dabei den Befund zu Tage förderte, dass in beiden nationalen Konzepten Schüler- und Handlungsorientierung, Gegenwartsbezug und lebensweltliche Relevanz der Thematiken einen zunehmenden Stellenwert besitzen. Indirekt wurde an dieser Stelle das größte Manko der ansonsten Gewinn bringenden und anregenden Sektion deutlich, nämlich das Fehlen eigentlich didaktischer Fragestellungen. Es ist ja aus geschichtsdidaktischer Sicht erst ein Teil des Werks vollbracht, wenn man Schulbuchnarrative mithilfe historiografischer Kategorien beschreibt; von ebenso großem Interesse sind die Zielsetzungen und Sinnbildungen, die den Lernenden abverlangt bzw. zugemutet werden, und wie man diese methodisch zu implementieren trachtet. Trotz seiner zentralen Bedeutung darf man ein modernes Geschichtsschulbuch allein niemals „für voll“ nehmen. Eine Einbettung in den Kontext der gesamtgesellschaftlichen und, davon abgeleitet, der Rahmenplandiskurse, die hier insgesamt merkwürdig unterbelichtet blieben, ist immer notwendig.
Der intellektuelle Tiefpunkt wurde in der letzten Sektion „Europäische Identität und Geschichtsdidaktik“ erreicht, ausgerichtet vom VGD bzw. seinem baden-württembergischen Landesverband. Anlass war, dass das Thema „Vielfalt und Einheit Europas“ in den baden-württembergischen Bildungsstandards Geschichte Gymnasium Klasse 10 gesondert ausgewiesen und mit der Zielbestimmung einer europäischen Identität verknüpft wird. Folgerichtig, aber doch fatal im Hinblick auf den Fortgang einer freien wissenschaftlichen Debatte, wurde die Sektion durch das Referat eines Ministerialdirigenten aus dem baden-württembergischen Kultusministerium eingeleitet (in Vertretung verlesen von Claudia Sturmann). Damit war der Rahmen abgesteckt, dass alle weiteren Sektionsteilnehmer sich nur noch an einem lyrisch verbrämten „Europäischen Geschichtsbild als Bildungsauftrag“ abarbeiten konnten, das sich um Schlagworte wie Rechtsstaatlichkeit, Freiheit, Partizipation, Christentum, Hingabe an die Vernunft rankte; alternative Referenzen waren zwecks „Erfüllung des Bildungsplans“, wie mehrmals stolz reklamiert wurde, ausgeschlossen.
Der Sektionsleiter Roland Wolf (Reutlingen) räsonierte über „Europäische Identität als Gegenstand des problemorientierten Unterrichts“, charakterisierte diese sehr wohl als ein artifizielles, aber keineswegs willkürliches Konstrukt und verfolgte das Projekt, europäisches Selbstverständnis in einem Längsschnitt von der griechisch-römischen Antike bis zur modernen Demokratie nachzuzeichnen. Die großen offen bleibenden Fragen – etwa nach der Zweckgerichtetheit der Erfolgserzählung oder nach der Bindung der Partizipationsmöglichkeit an eine ausdrückliche Einladung – empfahl er der Bearbeitung durch problemorientierte Verfahren. Damit überstrapazierte er einerseits Uwe Uffelmanns Unterrichtskonzept
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, andererseits zeigte er sich ratlos angesichts des Grundwiderspruchs der gesamten Sektion: Allen Teilnehmern war nämlich sehr wohl die Unmöglichkeit der Ausbildung einer zeitgemäßen europäischen Identität auf dem Fundament der historisch konkreten Entwicklungen bewusst.
Dies zeigte sich auch bei Stefan Schipperges (Achern) und seinen „Anregungen zu den Bildungsstandards der Klasse 10“, die er anhand unterrichtspraktischer Beispiele zu „Europas antiken Wurzeln“ gab. Die sagenhafte Konstruktion eines gemeinsamen und ziemlich exklusiven Erinnerungsraumes wurde nämlich in Anerkennung der Herkunft des Europa-Begriffs aus der Zeit der Perserkriege und der ursprünglichen Zugehörigkeit von Nordafrika und Teilen Vorderasiens sogleich dementiert.
Christian Ohler (Karlsruhe) bekräftigte im Referat über „Pilger und Pilgerschaft als Wurzel der europäischen Identität“ die bekannten Thesen von der hohen Mobilität der mittelalterlichen Gesellschaft und wagte die merkwürdige Zuspitzung, dass der ständige mentale wie leibhaftige Austausch die Modernisierung Europas beschleunigt und möglicherweise sogar die physische Widerstandsfähigkeit des europäischen Menschen gestärkt hätte.
Bei Andreas Grießinger (Konstanz) ergab sich eine ähnlich kritische Spannung aus der Einsicht, dass Europa während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit die Selbstzuschreibung einer Opfer- und Schlachtfeldgemeinschaft (nämlich im Abwehrkampf gegen Hunnen, Mongolen, den Islam und die Türken) bedeutete, getragen von einem Überlegenheitsbewusstsein gegenüber allen Wilden und Unzivilisierten.
Was von diesen ambivalenten Attributen einem Schüler des 21. Jahrhunderts zur Identitätsfindung dienen könnte, woraus sich die zur Verinnerlichung ausgeschriebenen „europäischen Werte“ speisen und worauf sich eine europäische Werteordnung gründen könnte, blieb völlig im Unklaren. Warum, sobald (in Deutschland) von historischer Identität die Rede ist, so schnell von Kampf, Blut und Boden gekündet wird, war den Sektionsteilnehmern keine Überlegung, geschweige denn eine ideologiekritische Analyse wert. Umso mehr irritierte der beständig vermittelte Eindruck, man vollbringe eine Pioniertat auf bislang unerkundetem Terrain – befasst sich doch die Fachdidaktik seit Jahren auf hohem Niveau mit dem Europagedanken und es finden sich dazu in Schulbüchern vorzügliche, nur angemessen dezent-pathetische Längsschnittdarstellungen.
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Am Ende der Veranstaltung, deren Vorträge trotz Ausfalls eines Referats, aller Pausen und Diskussionen die gesamten vorgesehenen drei Stunden füllten, blieb der Eindruck einer oberlehrerhaft inszenierten und im Ton pastoralen europäischen Weihestunde. Den Sektionsteilnehmern soll nicht ihr heiliger Ernst und das Recht darauf, sich von einer historischen Mission durchdrungen zu fühlen, abgesprochen werden – aber möglicherweise markiert dies bereits das Grundproblem aller Beschäftigung mit Europa (und offenbar auch der baden-württembergischen Bildungsstandards). Reicht denn nicht, wenn es um Europas Identität und Zukunft geht, an Stelle all der mythologischen Überwucherung, des kleinkrämerischen Kulturdünkels und beethovenseligen Brimboriums Jean-Claude Junckers Wort: „Wer zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen“?
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Aus der Gesamtschau aller fünf geschichtsdidaktischen Sektionen müsste bilanziert werden, dass es im Ganzen nicht geglückt ist, den Leistungsstand der Disziplin widerzuspiegeln. Auffällig war vor allem, dass neue Fragerichtungen, die sich im Fachdiskurs bereits an zentraler Stelle etabliert haben – insbesondere die Entwicklung eines Kompetenzmodells des historischen Lernens, die empirische Lehr-Lern-Forschung und der Paradigmenwechsel hin zu einem Geschichtskonzept für eine zunehmend multiethnische Gesellschaft (mittelfristig werden 30-50 Prozent der Schülerschaft in Deutschland einen „Migrationshintergrund“ besitzen!) – eine nur marginale Rolle spielten, obgleich es in vielen Vorträgen Anschlussstellen für diese notwendigen Reflexionen gegeben hätte. Es überwog, wie nicht selten, ein eher selbstgenügsam-deskriptiver geschichtskultureller Diskurs, für den auch die Überrepräsentation des Schulbuchs und seiner Narrative symptomatisch ist – Historiker fühlen sich eben auf dem Terrain der Texte am sichersten. Schließlich wurde, die lokale Tradition gering schätzend, leider auch nirgends frisches Ketzertum ruchbar.
Auf der Haben-Seite des Konstanzer Hochamts finden sich die angenehm selbstverständliche Internationalisierung der Perspektiven und Beiträger, die wertvolle Impulse aus anderen Bildungssystemen vermitteln, die immer noch ausbaubare Zusammenarbeit der Schule mit Institutionen außerschulischer Bildung und die geglückte Bereitstellung eines Forums für die Diskussion praktischer Unterrichtserfahrungen. Momente, in denen die didaktische Theoriebildung vorangetrieben wurde, waren spärlich, aber umso strahlender. Ansonsten bleibt das Festhalten am pädagogischen Ideal, dass Geschichtsunterricht das demokratische Bewusstsein Heranwachsender auch noch in der globalisierten Postmoderne positiv beeinflussen kann, tröstlich. Unbedingt jedoch und hartnäckig muss sich die Geschichtsdidaktik bemühen, die Grenzen ihrer Disziplin zur Fachhistorie zu überwinden: Die Geschichtsbilder waren „ihr“ Thema, doch zu den aufmerksamkeitsheischenden epochenübergreifenden Diskussionsveranstaltungen hatte man sie ungeachtet ihrer einschlägigen Forschungen etwa zur Bildhermeneutik, der Medialität von Vermittlungssystemen oder Bildinstrumentalisierung im geschichtspolitischen Diskurs nicht eingeladen.
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Ein wenig geschichtsdidaktische Expertise hätte dort indessen nicht geschadet.
Prof. Dr. Michele Barricelli ist seit 2005 Juniorprofessor für Didaktik der Geschichte an der Freien Universität Berlin. Forschungsschwerpunkte: Kompetenzmodelle zum historischen Lernen, empirische Lehr-Lern-Forschung, Nationalsozialismus und DDR im Geschichtsunterricht, historisches Lernen in einer multiethnischen und popkulturellen Gesellschaft. E-Mail: <micelli@zedat.fu-berlin.de>
[1] Unberücksichtigt bleibt hier eine breit besuchte Sonderveranstaltung zur tagesaktuellen Thematik der „Bildungsstandards Geschichte“, auf der der VGD ein entsprechendes Rahmenmodell vorstellte, das bereits gedruckt vorliegt: Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (Hg.), Bildungsstandards Geschichte. Rahmenmodell Gymnasium 5.-10. Jahrgangsstufe, Schwalbach am Taunus 2006.
[2] Vgl. zusammenfassend Demantowsky, Marco, Geschichtsbild, in: Mayer, Ulrich u.a. (Hgg.), Wörterbuch Geschichtsdidaktik, Schwalbach am Taunus 2006, S. 70-71.
[3] Vgl. die neueste Publikation: Hamann, Christoph; Janowitz, Axel (Hgg.), Feindliche Jugend? Verfolgung und Disziplinierung Jugendlicher durch das Ministerium für Staatssicherheit. Unterrichtseinheiten zu ausgewählten Fällen, Berlin 2006.
[4] Vgl. Rüsen, Jörn, Zerbrechende Zeit. Über den Sinn der Geschichte, Köln 2001, insb. S. 152-157.
[5] Vgl. dazu insbes. Mätzing, Heike Christina, Schulbuchanalyse als Methode der Geschichtsdidaktik – Diktaturerfahrung und Erinnerung am Beispiel spanischer Geschichtsbücher, in: Handro, Saskia; Schönemann, Bernd (Hgg.), Methoden geschichtsdidaktischer Forschung, Münster 2002, S. 187-197; dies., Die Diktatur als Gegenstand historischer „Meistererzählungen“. Spanische Schulbücher vor und nach 1975, in: Ruchniewicz, Krzysztof; Troebst, Stefan (Hgg.), Diktaturbewältigung und nationale Selbstvergewisserung. Geschichtskulturen in Polen und Spanien im Vergleich, Warschau 2004, S. 113-119.
[6] Mahler, Elke, Handlungsorientierung im Geschichtsunterricht. Theorie – Praxis – Empirie, Idstein 2006.
[7] Völkel, Bärbel, Handlungsorientierung im Geschichtsunterricht, Schwalbach am Taunus 2005.
[8] Vgl. z.B. Mayer, Ulrich, Handlungsorientierung als Prinzip und Methode historischen Lernens, in: Henke-Bockschatz, Gerhard (Hg.), Geschichte und historisches Lernen, Kassel 1995, S. 117-130.
[9] Kölbl, Carlos; Tiedemann, Joachim; Billmann-Mahecha, Elfriede, Die Bedeutung der Lesekompetenz für Sachfächer, in: Psychologie in Erziehung und Unterricht 53 (2006), 3, S. 201-212.
[10] Gautschi, Peter; Bonhage, Barbara; Hodel, Jan; Spuhler, Gregor, Hinschauen und Nachfragen. Die Schweiz und die Zeit des Nationalsozialismus im Licht aktueller Fragen, Zürich 2006.
[11] Vgl. Schneider, Gerhard, In der Schweiz. Ein Geschichtslehrbuch macht Furore, in: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik (2006), S. 198-206.
[12] Z.B. Uffelmann, Uwe, Problemorientierter Geschichtsunterricht. Grundlegung und Konkretion, Villingen-Schwenningen 1990; demnächst: Barricelli, Michele, Problemorientierung, in: Mayer, Ulrich u.a. (Hgg.), Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht, neubearb. Aufl., Schwalbach am Taunus 2007 (i. Ersch.).
[13] Vgl. v.a. Gies, Horst (Hg.), Nation und Europa in der historisch-politischen Bildung, Schwalbach am Taunus 1998; Geschichte und Geschehen Sekundarstufe I, Bd. 3, Leipzig 2004, S. 10-41. Das Rahmenthema der letzten Zweijahrestagung der Konferenz für Geschichtsdidaktik 2005 lautete ebenso „Europa“.
[14] Der luxemburgische Ministerpräsident anlässlich der Verleihung des Aachener Karlspreises im Juni 2006.
[15] Vgl. z.B. Bernhardt, Markus u.a. (Hgg.), Bilder – Wahrnehmungen – Konstruktionen. Reflexionen über Geschichte und historisches Lernen, (Fs. Ulrich Mayer), Schwalbach am Taunus 2006; Sauer, Michael, Bilder im Geschichtsunterricht. Typen, Interpretationsmethoden, Unterrichtsverfahren, Seelze-Velber 2000; Hamann, Christoph, Bilderwelten und Weltbilder. Fotos, die Geschichte(n) mach(t)en, Berlin 2002; demnächst Pandel, Hans-Jürgen, Bildinterpretation, (Methoden historischen Lernens), Schwalbach am Taunus 2007 (i. Ersch.).
Stadtgeschichte
Monica Neve
Besprochene Sektionen:
"Die europäisch und die amerikanische Stadt seit dem späten 19. Jahrhundert: Geschichtsbilder-Trugbilder-Leitbilder"
"Stadt und Migration. Europäische Beispiele seit dem 20. Jahrhundert"
Urban spaces have often served as the stage on which people of the past enacted their dramas, be they large or small, intimate affairs or public displays. Cities are the places in which dreams and hopes are realised or denied, leaving powerful legacies on the urban landscape. While urban space is the most commonly experienced feature of the city, it possesses different meanings and serves various purposes for the individuals engaging with it. The urban landscape is thus a space moulded according to the influences of its inhabitants. As a dynamic space, it carries the narratives and symbolic meanings of the past, present, and future. The economic, social, and cultural uses of space create a visual tapestry which can be interpreted using different analytical categories. Under the umbrella theme Geschichtsbilder, a selection of these interpretative possibilities was presented in the session “Die europäische und die amerikanische Stadt seit dem späten 19. Jahrhundert: Geschichtsbilder-Leitbilder-Trugbilder”, which examined the production and evolution of visual images in European and North American cities and in the session entitled “Stadt und Migration. Europäische Beispiele seit dem 20. Jahrhundert”.
The subject of urban planning is one which raises important issues pertaining to the access to and use of public space. The models of the European and American cities, as discussed in the first part of the session, both present a range of urban planning issues which occupy town planners, architects, and historians in particular. Environmental problems such as pollution and the distribution of resources in densely populated European cities and, on the other end of the spectrum, the increasing demand for land and need to provide sufficient facilities in the sprawling urban periphery of the American city are only a few examples of problems which continually demand new, innovative solutions. Further, the urban sprawl of the American city raises the question of how the vitality of the city centre as a dynamic focus point for all residents can be maintained. The European city, by comparison, grapples with problems relating to the livability and sustainability of highly utilised urban space.
A comparative analysis of the European and North American cities in the first session focusing on urban history provided a useful approach with which to outline two very different modes of urban development. The European and American models of the late nineteenth and twentieth centuries not only reflected certain elements of each other, but also shared common approaches to urban planning or a similar starting point, only to develop certain elements differently according to the needs and desires of the society in which they were implemented. Gisela Mettele’s (Washington) transatlantic comparison of the Garden City movement provided a case in point. The desire for a healthy and natural living environment provided the backdrop for the international debates about the concept of the Gartenstadt, or Garden City, in the late nineteenth century. On both sides of the Atlantic the idea of a ‘garden city’ was a vision aimed at successfully creating carefully planned, low-density urban communities combined with wedges of open space. It was a concept which represented a primarily middle-class longing for the natural environment while not wanting to relinquish the possibility of engagement with the city. A flexible, experimental space, the garden city is an example of a project in which urban space was shaped to address the longings and dreams of its inhabitants. While the garden city has sometimes been described as a banal, socially and visually monotonous space characterised by indifference and homogeneity, newer research has shown that in the search for a different lifestyle, inhabitants were highly active in planning and moulding these spaces. In the German context in particular, the garden city not only attracted a broad cross-section of the middle-class, but was a socially and politically heterogeneous constellation. According to Mettele, the garden city was a suburban space which was not necessarily anti-urban and which certainly displayed characteristics of civil society. The suitability of the concept of civil society is itself one which needs to be critically examined and which drew criticism in the subsequent discussion. While the term has a myriad of definitions and thus runs the danger of being too unspecific and all-encompassing, the elements of collective action and shared interests contained in the idea of civil society suggest that, when defined in the context of urban space shaped by a particular type of suburban ideal, the term is a useful theoretical concept with which to address the construction of purpose-built urban spaces.
The transatlantic exchange of ideas on urban planning occurred through information collected by diplomatic, professional and government networks. As highlighted in the paper delivered by Pierre-Yves Saunier (Lyon), this dialog resulted in various forms of exchange including informal transfers, competitive mazes, and organised co-operation. Not only were ideas discussed and compared, but the exchange itself generated professions and institutions concerned with common transnational problems in the area of urban planning. Jan Behrends’ (Berlin) example of the dialog between the Russian metropolis Moscow and Western Europe and America in the early twentieth century provided a particularly dramatic example of politically disparate systems engaged in transnational discourse in order to develop solutions for the rapidly expanding city of Moscow before 1917. Read by Friedrich Lenger (Gießen) due to Jan Behrends’ unforeseen absence, the paper highlighted the challenge that rapid urban expansion posed to the autocratic Russian regime. Struggling with insufficient infrastructure and social problems – in particular the integration of migrants from rural regions – Russia began to look outside its boarders at solutions implemented in other countries seen to be battling with similar issues. Interesting was Behrend’s outline of the Russian autocracy’s comparison of its own social problems with those of the Unites States. Large scale immigration in America was viewed as sharing parallels with the influx of migratory labourers from rural regions to Moscow. Problems such as criminality, poverty, and housing were seen by Russian observers as affecting both countries, thus making the North American city, in particular Chicago and New York, a model for Russian social reforms. However, as Behrends emphasised, the complexity of implementing US-style reforms in the tsardom should not be underestimated and raises the question of how, and to what extent, aspects of state intervention and commitment to ideas of civil society were employed in order to address the social problems of the ever-expanding Russian metropolis. Massive migration from rural to urban regions in Eastern European cities was a theme continued by Thomas Bohn (Munich/Jena) in the afternoon session focusing on the city and migration. The rapid shift from an agricultural to an industrial society resulted in the evolution of a specifically ‘socialist’ city. Common characteristics included the erection of monuments in public places, identical residential areas, and the migration of large populations from the surrounding rural regions. An urban environment presupposes a certain amount of knowledge necessary for life in the city. The Eastern European city thus provides a particularly interesting case study, which not only outlines the problems arising from rapid and uncontrolled urban growth, but also the difficulty of integrating of a large peasant population with little experience of urban life.
Both Saunier and Behrends’ papers highlighted the way in which the transatlantic comparisons and observations of experts engaged in questions of urban planning created labels and categories used to describe the American and European cities, and how common ideas or new concepts were developed in order to manage what were considered to be mutual, transatlantic problems. In the immediate postwar period however, and despite strong American involvement in projects of European reconstruction, the stamp of US urban planning and design on the European city was not explicit. A careful second glance can nevertheless uncover more indirect US influences in the reconstruction of cities in Europe, the topic of Axel Schild’s (Hamburg) paper. The propagation of neighbourhood concepts and residential structures as well as the debate about rational construction, specifically ideas about prefabricated housing – accepted in America but viewed with scepticism in Europe – were stimulated through US involvement. As a forerunner in the area of domestic technology, the US also had an indirect but nonetheless influential effect on aspects of domestic life. While the American influence may initially be difficult to recognise, Schildt’s comprehensive presentation highlighted the importance of taking into account less obvious signs as well as the complexity of the transatlantic transfer processes in the development of postwar urban lifestyles in Europe.
Concluding the morning session on urban history, Werner Sewing’s (Berlin) paper examining New Urbanism and the European city brought us back to the central theme of the Historikertag – Geschichtsbilder. The built environment reflects historical trajectories which have evolved as the result of social or political shifts, or which have been planned for purposes of symbolic representation. A transatlantic exchange which, according to Sewing’s reading, has undoubtedly been successful is the concept of New Urbanism. As an urban design movement, New Urbanism in America entailed the development of new suburbs which mimicked the characteristics – both aesthetic and structural – of a small historical city without actually providing these structures in reality. Sewing sees strong parallels between New Urbanism and urban planning projects in European cities in an effort to produce a sanitised, idyllic cityscape. New Urbanism thus attempts to construct an historical city or suburban landscape which has little or nothing to do with the historical background of the urban context to which it belongs. This is perhaps the most intriguing and undoubtedly contentious element of the New Urbanism movement. Somewhat more emphasis on the symbolic meaning of the pseudo-historicisation of suburban space for planners and inhabitants, as well as for the larger urban realm to which these suburbs belong, could allow for further consideration about the role of history and visual representations of a certain nostalgic past in the visual landscape of the modern city.
The built environment provides perhaps the most immediate visual impression of a city. However, it is not only the physical structures, residential areas, and public spaces which shape a city, but also its inhabitants. City residents imprint their own mark on urban spaces through everyday interaction with the environment in which they live. Inextricably bound up with the changing face of the city is migration. Migrants bring with them own cultures, experiences, and histories through which they shape the new environment in which they settle. This important phenomenon, both from an historical and contemporary perspective, was the focus of the afternoon session “Stadt und Migration”.
While migration is often thought of in the context of the postwar era, it is by no means a phenomenon specific only to the second half of the twentieth century. Lars Amenda’s (Hamburg) paper on Chinese migration to Europe beginning around 1900 offered a fresh and innovative perspective on the spatial concentration and perception of a specific minority group in Western European ports, particularly Hamburg, Rotterdam, and London. Amenda highlighted the way in which Chinese migration brought to the fore concepts of cultural difference and ‘otherness’, which challenged the ideas of social membership in the ‘native’ population of a city. While Chinese migrants were frequently perceived as a threat, the simultaneous fascination with Chinese culture led to the success of Chinese cuisine in Europe. A symbol of exoticism, Amenda’s illustration of the culinary success of Chinese food in postwar Europe provided an excellent example of the mixed meanings and perceptions of foreign cultures in the city.
Synnøve Bendixsen (Berlin) approached the question of cultural difference and minority identity construction in an urban framework from an ethnographical perspective. Using contemporary Berlin as a case study, Bendixsen outlined the way in which the Muslim community has shaped the city’s public spaces through cultural rituals and religious practice. Mosques and businesses serving the particular needs of the Muslim community are examples of spaces in which minority groups feel accepted while not necessarily segregating themselves from the rest of the city. Bendixsen argued that rather than resort to ethnic and religious reductionism, these spaces must be considered within a broader understanding of social membership. Spaces in which ethnic and religious minorities groups live, work, or feel a sense of belonging, do not necessarily exist parallel to the majority society. Rather, members can move between minority and majority communities and spaces of representation. It is therefore possible to interpret the visualisation of an ethnic and religious minority – Islam in this case – as a cultural diversification of urban space rather than the creation of parallel worlds.
The concept of ‘parallel universes’ was the point of departure for Imke Sturm-Martin’s (Berlin) paper on the discursive construction of ethnic urban space in British cities post 1945. A country with a long history of immigration, Britain experienced an influx of migrants in the postwar period and associated changes in the visual composition of the urban environment through the development of so-called parallel communities. For first generation migrants, these communities provided a certain level of security and sense of belonging, while the second generation increasingly distanced itself to form independent identities. Unfortunately, the public perception of migrant enclaves received only fleeting attention, the main message being the well-known fact that, as is the case in most countries, ethnic communities frequently suffer distrust and discrimination. By the 1960s multiculturalism – a term referred to, but not defined – became an increasingly relevant and slowly accepted concept in Britain. This aspect could have been discussed in somewhat more detail in order to consider to what, if any, extent the idea of a ‘multicultural’ British society was accepted and supported on a political level, and what impact this might have had in facilitating the successful integration of second generation migrants.
The problems of segregated communities belonging to the periphery of an urban metropolis, but disowned and rejected by urban planners and political decision-makers, was presented by Martin Baumeister (Munich) using the examples of Italy and Spain. The paper not only examined the development of urban slums on the periphery of the Italian cities Milan and Rome and in Spain, Barcelona and Madrid, but went a step further to address their pathological status as chaotic spaces of degradation and decay in the minds of politicians and urban planners. However, as central themes in film and literature of the 1950s and 1960s, these outer-suburban communities introduced new interpretations of urban space, allowing for a redefinition of the meaning of city centre and urban periphery. Uncovering the communities on the outskirts of these cities thus encouraged a re-evaluation of their role in the city proper and the society to which they belonged.
It can be difficult to conceive the multitudinous ways in which the urban landscape constantly adapts to the fluidity of dreams and aspirations of its inhabitants and creators. The sessions discussed above not only provided a range of vantage points from which to approach urban history, but also showed the way in which research questions posed can be enhanced through a comparative approach.
Particularly pertinent to the urban landscape are city suburbs – an aspect touched upon to a larger or smaller extent in several papers. In both the American and European cases, suburban living represented a desire to make private dreams and social autonomy a reality without relinquishing a connection to the city. A refuge from the hectic pace of the city, suburbs allow their residents to combine a desire for natural, spacious, and private surrounds with access to a certain amount of controlled doses of city life. The session on the European and American city addressed this question from a comparative perspective, highlighting both similarities but also distinct attitudes towards suburban living. One could go on to ask to what extent suburban sprawl means that suburbs further away from the inner city are by definition ‘disconnected’, and how these suburbs can develop own identities which together form a multilayered picture of the city to which they belong. Suburban living is often associated with negative aspects of urban life, with private dreams disappearing in the homogeneity, mediocrity, and isolation of the suburban jungle. However, both film and literature have taken the subject of suburban life as their central theme and, while not necessarily espousing the benefits of the suburban lifestyle, portray the way in which everyday life and the visual form of suburbs can take on their own specific shape, thereby contributing to the diversity of city itself.
[1]
Lars Amenda’s statement that urban history needs also to be considered in the context of immigration history, and vice versa, indicated the way in which access to urban space, and language and culture as a constituent of the active social being are inextricably linked. The act of migration entails leaving one place for another and necessarily adapting to new cultural surroundings. Feelings of isolation and foreignness are sometimes eased through the construction of spaces within the urban environment – where the majority of migrants at least initially reside – which allow for the possibility of speaking or acting differently. Furthermore, in moving to a new country, migrants bring with them not only their own cultures and languages, but their own histories. Immigration offers new and alternative interpretations of the past and of historical narratives. The city can therefore be read as space in which narrative construction transgresses the built, planned environment to embrace both individual and collective experiences, as well as the perspectives on and visual manifestations of life in a new city.
A perhaps unsurprising omission in the discussion about comparative research on urban structures, suburban sprawl, and migration in the city was reference to Australian studies dealing with similar questions. The frame for the sessions was clearly stipulated, however as a highly urbanised and suburbanised country in which urban sprawl, garden city movements, the gentrification of inner city slums, and immigration have all been the topics of much research, a very brief mention of the Australian case when discussing comparative research would provide those studying the European or North American cities with a further, fertile comparative perspective.
[2]
The impact of global forces, local agency, and the internal morphology of cities creates a complexity and energy in urban centres. The papers discussed were presented within a thematic framework defined not only by the question of how cities are designed, but also how they are experienced to produce a specific visual profile, a conglomeration of influences from the past and present. Through a range of approaches, the sessions addressed the production of and interaction between economic, cultural, and social spaces in the city from an historical, but also contemporary perspective. Further categories such as ethnicity, class, and gender were incorporated to provide what was a well-rounded, comprehensive insight into the range of research areas occupying academics in the area of urban history and urban studies. The subsequent discussions – while sometimes somewhat compressed due to time constraints – showed the interest in the research presented, sparking debates and raising new and alternative perspectives for further scholarly work.
Monica Neve is a Ph.D. candidate at the University of Konstanz, Department of History and Sociology. Her research project is titled: "Sold! Advertising and the middle-class female consumer in Munich, 1900-1914". E-Mail: <monicaneve@gmx.net>
[1] See for example the film Three Dollars (directed by Robert Connolly, 2005) based on the novel of the same name by Elliot Pearlman (Sydney 1998) depicting the seemingly monotonous, but essentially complex, uncertain, often fragile nature of middle-class suburban life; Andrew Lachlan McCann’s glum portrayal of suburban life in: Subtopia, Carlton North, Vic. 2005, or John Berger’s recent book: Here is Where We Meet, London 2005 the storyline of which weaves across the urban centres of Europe.
[2] I mention this omission not only because of my own obvious bias in that I would have liked to have heard brief mention of the relevant research from my own country of origin, but because very relevant studies by Australian scholars indeed belong to the corpus of work in the area of urban history and urban studies. See for example Davison, Graeme, Car Wars. How the Car Won Our Hearts and Conquered Our Cities, Crows Nest 2004 and, edited with Tony Dingle and Seamus O’Hanlon, The Cream Brick Frontier. Histories of Australian Suburbia, Melbourne 1995; Brown-May, Andrew, Melbourne Street Life. The Itinerary of Our Days, Melbourne 1998; Peel, Mark, Good Times, Hard Times: the Past and the Future in Elizabeth, Melbourne 1995; Lozanovska, Mirjana, Emigration/Immigration. Maps, Myths Origins, in: Cairns, Stephen (ed.), Drifting. Migrancy and the Limits to Architecture, London 2004 and Low, Nicholas; Gleeson, Brendan, Australian Urban Planning. New Challenges, New Agendas, Sydney 2000 amongst others, the work of whom has most certainly contributed to the body of academic writing on twentieth century urban history, including the questions of suburbanisation and immigration.
Kunstgeschichte/Bildwissenschaft
Steffen Bogen
Besprochene Sektionen:
"Die historische Bildwissenschaft in Deutschland 1880-1930 und ihr Neubeginn nach 1945
"TechnikBilder und TechnikTexte in Spätmittelalter und Renaissance
"Umstrittene Bilder. Visualisierung und Wissenschaft in der Moderne"
Als Kunsthistoriker auf dem Historikertag ist man – um das Motto eines anderen Großereignisses dieses Jahres aufzugreifen – zu Gast bei Freunden. Wechselseitige Einladungen zu Fachtagungen haben eine lange Tradition. Auf den Historikertagen von 1904 und 1909 sprachen zum Beispiel auch Alois Riegl und Georg Dehio. Ihre Vorträge gehörten allerdings zum unterhaltsamen Teil, liefen außerhalb des Tagungsprogramms und blieben ohne Diskussion. An einigen Sektionen des diesjährigen Historikertages zum Thema GeschichtsBilder waren auch KunsthistorikerInnen beteiligt, ohne dass man dies bei einer weitgehenden Annäherung von Arbeitsfeldern und Methoden hätte markieren müssen. Zum Abschluss sprach Horst Bredekamp zum Thema „Bild – Akt – Geschichte“. Als Abendveranstaltung gehörte auch dieser Vortrag zum festlichen Teil. Der Gastgeber Peter Funke begrüßte den Eingeladenen freundlich und würdigte ihn als „Wunschkandidaten“, so dass kaum noch auffiel, dass er die Kunstgeschichte noch einmal als „Hilfswissenschaft“ bezeichnete, allerdings als „Hilfswissenschaft des Sehen-Lernens“. Horst Bredekamp überging dieses doppelbödige Kompliment und antwortete mit einem Vortrag, der das Paradigma der Hilfswissenschaft weit hinter sich ließ und die traditionelle Auffassung von Bildern als sekundären Hilfsquellen fundamental in Frage stellte. Der lang anhaltende Beifall, mit dem ihm das Auditorium dankte, deutete darauf hin, dass sich am Verhältnis von Geschichte und Kunstgeschichte etwas geändert hat.
Diese Veränderung ist nicht zuletzt auf den iconic turn der letzten Jahre zurückzuführen. Der antragsrhetorisch bereits stark strapazierte Begriff hat vor allem philosophische und historische Ansätze zusammengeführt: philosophische Ansätze, die nach Bildphänomenen mit Bezug auf allgemeine Wahrnehmungs- , Erkenntnis- und Kommunikationsprozesse fragen, historische Ansätze, die sich von konkreten Artefakten auch jenseits kanonisierter Grenzen der Kunst beeindrucken lassen und die Macht der Bilder im ursprünglichen Kontext und in der eigenen Gegenwart analysieren. Mitunter stehen sich beide Ansätze im Weg, wenn der eine als unsensible Begriffsdefinition, der andere ohne Sinn für die Verallgemeinerbarkeit medialer Prozesse betrieben wird. Richtig verstanden greifen sie jedoch ineinander. Es lässt sich nämlich nie allein begriffstheoretisch entscheiden, wie sich imaginäre, materielle und soziale Anteile am Bildprozess historisch zueinander verhalten haben. Umgekehrt werden die eigenen Augen vielfach geöffnet, wenn man historische Objekte mit Blick auf aktuelle bildtheoretische Probleme befragt. Oft wird man erst dann erkennen, welche Bedeutung den Artefakten in einer Zeit zukam, als diese Fragen noch nicht an einen akademischen Diskurs delegiert waren, sondern im Handwerk des Bildermachens selbst beantwortet wurden. Praktiken des Kultbildes, der Repräsentation von Herrschaft oder der Generierung von Wissen mit den Exponaten einer Schausammlung (um nur einige Beispiele zu nennen), werfen immer schon bildtheoretische Fragen ersten Ranges auf, verhandeln sie jedoch nicht in Begriffssystemen, sondern agieren sie in den visuellen Praktiken selbst aus. Mit einer bildwissenschaftlich geschärften Sensibilität wird man in ihnen hochkomplexe Techniken erkennen können, der im Kern immer singulär und persönlich bleibenden Imaginationskraft einen sozialen Ort zu geben. Das bildtheoretische Reflexionspotenzial, das die Beispiele gerade im Abbruch der ursprünglichen Praktiken freisetzen, steht den Erkundungen, die in den bildwissenschaftlichen Laboratorien der modernen Künstler betrieben wurden, vielfach nicht nach.
Eine derart historisch gewendete Bildwissenschaft vollzieht eine vollständige Abkehr vom Versuch, Bilder als Hilfsquellen in historische Forschungen einzubinden. Nimmt man den Titel des 46. Historikertags auf diese Weise ernst, ist er sogar geeignet, den historischen Quellenbegriff selbst herauszufordern. Das machte besonders die von Jens Jäger und Martin Knauer geleitete Sektion „Die historische Bildwissenschaft in Deutschland 1880 – 1930 und ihr Neubeginn nach 1945“ in einer Reihe von gut aufeinander abgestimmten Vorträgen deutlich. Dass die quellenkritische Haltung, in der das Selbstverständnis der Geschichtswissenschaften gründet, bis zu einem gewissen Grad quer zum Phänomen der Bilder formuliert ist, scheint Historikern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts intuitiv bewusst gewesen zu sein. Grenzgänger wie Karl Lambrecht haben sich zwar intensiv um die Integration von Bildern bemüht, sich dabei aber sofort auf ein methodisch ungesichertes Terrain begeben. In der Regel haben Historiker Bilder, wie Jens Jäger es formulierte, als „nice to have“ angesehen, als Illustration dessen, was bereits aus anderen Quellen erschlossen war. Eine solche Auffassung wurde mit einer gewissen Paradoxie gerade durch den Beschluss des Historikertrags in Oslo 1928 zementiert, eine internationale ikonographische Kommission (IIK) einzurichten. Explizit wurde hier an Bilder das Kriterium herangetragen als „historisch bedeutsame Quellen“ und „Zeugnis des Abgebildeten“ gelten zu können. Mit diesem Beschluss drückte man sozusagen die Hoffnung aus, ein naives Verständnis der modernen Fotografie mit quellenkritischen Methoden bis in die graue Vorzeit verschieben zu können. Eine solche Auffassung ging von einer Arbeitsteilung aus, in der die Kunstgeschichte dann nur noch für den „ästhetischen Mehrwert“ der historischen Dokumente zuständig gewesen wäre. Da aber stets umstritten blieb, welche Bilder sich überhaupt für ein solches arbeitsteiliges Vorgehen eignen sollten, gingen vom Projekt kaum entscheidende Impulse aus.
Da das Methodenarsenal der Geschichtswissenschaft Bildphänomenen gegenüber eher verschlossen blieb, war in der Frühphase der Geschichtswissenschaften eine jenseits der Kunstgeschichte angesiedelte Beschäftigung mit Bildern meist eine individuelle, an persönliche Bedingungen gebundene Leistung. Der Vortrag von Lucas Burkart zeichnete nach, wie Percy Ernst Schramm durch den Kunst- und Bildhistoriker Aby Warburg und seine kulturwissenschaftliche Bibliothek in Hamburg zu den Bildern geführt wurde. Warburg hielt die schützende Hand über den jungen Schüler, der sich häufig in seiner Bibliothek aufhielt, und verteidigte dessen Verhalten gegenüber dem karrierebesorgten Vater, dem Bürgermeister der Hansestadt. Im Stil des Warburg-Hauses bezieht auch der ausgebildete Historiker Schramm Elfenbeintafeln, Beispiele aus der Buchmalerei, heraldisches und numismatisches Material in seine Forschungen ein. Dass mit der Feststellung einer prinzipiellen Aufgeschlossenheit gegenüber Bildern jedoch noch wenig gesagt ist, lässt sich gerade an der Gegenüberstellung von Warburg und Schramm zeigen. Denn es bleibt immer noch die Frage, für welche Bilder man sich begeistert. Lucas Burkart verwies auf das Krönungsbild aus dem Evangeliar Ottos III., das Schramm auf besondere Weise für die Mittelalterforschung gewonnen habe (Wie viele Historiker mögen ihre Themen auch aus einer Faszination für Bilder heraus gewählt haben, ohne dies jemals explizit in ihren Schriften geäußert zu haben?). Die bekannte, über eine Doppelseite hinweg geführte Buchmalerei zeigt, wie sich die weiblich personifizierten Reichsteile mit eingezogenem Kopf dem thronenden Herrscher nähern, um ihre Gaben darzubringen. Eine undomestizierte Kraft des Blickes scheint nur dort auf, wo sich unvermutet Gesichter zeigen: an den Armlehnen des Throns und über den Säulen der Palastarchitektur, also ohne Ausnahme dort, wo die Machtvollkommenheit des thronenden Kaisers unterstrichen werden soll. Warburgs Faszination für die Florentiner Nymphen, jene bereits in der Antike kursierenden Gestalten, die mit aufflatterndem Gewand und wallenden Haaren in eine ganz anders kodifizierte Bildwelt einbrechen, sind in jeglicher Hinsicht ein Gegenbild zu den Huldigungsdamen des Herrscherkodex. In einer solchen Gegenüberstellung werden nicht nur abweichende Forschungsschwerpunkte sichtbar, wie es Lucas Burkart konstatierte: bei Schramm das Mittelalter, bei Warburg das Nachleben der Antike, bei Schramm das Interesse für einen deutschen Sonderweg, bei Warburg eine aufs Universelle zielende Kulturgeschichte. Hinter den wissenschaftlichen Programmen stehen andere Arten, sich von Bildern affizieren zu lassen, die weit in die Gegenstandswahl, Hypothesenbildung und die Anlage der Argumentation hereinreichen. Dass Schramm den Bruch mit dem Warburg-Kreis etwas fadenscheinig am Symbolbegriff festmacht und in einem Moment bekundet, in dem die gemeinsame Publikation mit den emigrierten Forschern politisch unmöglich wurde, ist ein beklemmender Zug dieser Wissenschaftsgeschichte.
An jeder Bildwahrnehmung ist die eigene Imaginationskraft immer schon beteiligt (sonst bliebe das Bild auf die materiellen Funktionen des Bildträgers reduziert). Jedes Bild ist als Bild also bereits ist in eine lebendige Gegenwart hineingeholt, so dass es sich ab einem gewissen Punkt gegen die Reduktion auf das Relikt eines historischen Faktums sperrt und zukunftsoffen bleibt. Für den zögerlichen Neubeginn der historischen Bildforschung in Deutschland nach 1945, mit dem sich der Vortrag von Martin Knauer beschäftigt hat, bleibt diese grundsätzliche Diskrepanz zwischen Quellenbegriff und Bildphänomenen entscheidend. Die Kriterien für die Auswahl und Auswertung von Bildern bleiben unsicher. Das gilt auch für den Einsatz von Bildern in historischen Museen, obwohl die Museumsdidaktik dem Material naturgemäß aufgeschlossener gegenüberstand als der akademische Diskurs. Der 1998 verstorbene Historiker Hartmut Boockmann, der in seinen Forschungen in besonderem Maß Bilddokumente erschlossen hat, war zugleich Mitherausgeber der Zeitschrift für Kunstgeschichte. Seine eigenen Arbeiten zeugen jedoch von einer großen Abgrenzungsenergie. Er spricht sich gegen kunsthistorische Präsentationsstrategien von Bildern aus und versucht Bilder so zu kontextualisieren, dass historische Sachverhalte erschlossen werden können. Der Sinn für die Historizität der Bildobjekte geht dabei eigenartig verloren. So sucht man in seinen Bildkommentaren, wie Martin Knauer mit einer gewissen Verwunderung anmerkte, vergeblich nach genauen Angaben zur Entstehungszeit und Entstehungsgeschichte der abgedruckten Bilder.
Reiner Wohlfeils historische Bildkunde adaptiert Ende der 80er Jahre das bereits in die Jahre gekommene ikonografisch-ikonologische Interpretationsmodell des Kunsthistorikers Erwin Panofsky und hofft hier das lang gesuchte Instrument einer auf Bilder anwendbaren Quellenkritik gefunden zu haben. Die Ebenen des Interpretationsmodells, von dessen rigidem Begriffsraster sich Panofsky zuletzt selbst distanziert hat, werden noch einmal durchdekliniert, um die Schichten des historischen Sachgehalts einer Bildquelle zu erschließen. Ein solcher Übernahmeversuch wirkt schon fast anachronistisch inmitten von Bestrebungen der Literatur- und Kunstwissenschaft, die Ikonologie phänomenologisch neu zu begründen (Max Imdahl), rezeptionsästhetisch zu erweitern (Wolfgang Kemp) oder mit Blick auf die Mediendifferenz von Bild und Schrift zu reformulieren (William J. T. Mitchell). Diese Ansätze zielen darauf ab, mediale und intermediale Phänomene zu thematisieren, womit auch die historisch wandelbaren Bedingungen von Wahrnehmung und Kommunikation in den Blick geraten. Wohlfeils Bildkunde schafft dagegen keinen systematischen Ort für solche Fragen, wie auch Martin Knauer kritisch anmerkte.
Im letzten Vortrag der insgesamt erfrischend selbstkritischen Sektion über den Stellenwert von Bildern in der Entwicklung der Geschichtswissenschaften in Deutschland verwies Gerhard Paul darauf, dass der iconic turn auch aktuelle Fragestellungen von Historikern gedreht habe – eine Einschätzung, die der Konstanzer Historikertag durchaus eindrucksvoll bestätigte. Viele Vorträge nahmen Bilder nunmehr nicht mehr allein als Quellen der Ereignisgeschichte, sondern als historische Formationen eigener Art in den Blick. Eine solche Form von Bildkritik mit einem erweiterten Quellenverständnis abzugleichen, scheint freilich eine Herkulesaufgabe, die noch kaum auf einer grundsätzlichen methodologischen Ebene angegangen ist. Dennoch blitzte in vielen Sektionen auf, was im Rahmen eines solchen Ansatzes vielleicht einmal selbstverständlich werden könnte.
In der von Horst Kranz und Rainer Leng geleiteten Sektion über „TechnikBilder und TechnikTexte in Spätmittelalter und Renaissance“ wurde eine weit zurückreichende Schicht von Maschinenzeichnungen vorgestellt, die darauf hindeutet, dass Konstruktionsskizzen bereits im europäischen Mittelalter des 13. und 14. Jahrhunderts eine wichtige Rolle bei der Planung handwerklicher Tätigkeiten gespielt haben. Was überliefert ist, sind jedoch (meist) keine ephemeren, mit der Fertigung überflüssig gewordene Skizzen, sondern Lehrfiguren und Schaubilder, die von Anfang an als Fertigung eigener Art intendiert waren. Im Verbund mit Formen der literarischen Stilisierung wird hier an neuen Bildkonzepten gearbeitet, wie im faszinierenden Maschinenbuch des Konrad Gruter von Werden aus dem Jahr 1424, über dessen Entschlüsselung am Ostersonntag 2005 Ulrich Alertz mit noch immer nachwirkender Begeisterung berichtete. Wenn Gerhard Dohrn-van Rossum feststellte, die Technikgeschichte benötige keinen iconic turn, weil sie sich immer schon der Bedeutung ihrer Bildquellen bewusst gewesen sei, dann ist dem in einer Hinsicht zu widersprechen: Gerade beim Thema Technikbilder können bildtheoretische Überlegungen dazu anhalten, den Stellenwert der überlieferten Beispiele neu zu bestimmen und angemessen zu würdigen. Nimmt man die konstruktive Seite der Maschinenbilder ernst, wird nämlich deutlich, dass die Idee, Mechanismen in Bildern vorzuführen, nicht nur das Verständnis der Maschinen, sondern auch den Aufbau der Bilder verändert hat. Mitunter scheint den Technikhistorikern noch kaum bewusst zu sein, welch kunsthistorisch brisantes Material sie da erschließen. Wenn Horst Kranz das Münchner Maschinenbuch des Giovanni Fontana mit stupender Detailkenntnis in den Kontext der weniger bekannten Schriften des Autors einordnet, wird deutlich, dass der technikbegeisterte Arzt aus Padua eine auf Maß und Zahl gegründete Bildwelt entwirft, die einer entsprechend geschulten Imaginationskraft verspricht, die materielle Wirklichkeit selbst in den Griff zu bekommen. Im Rahmen einer mnemotechnisch ausgerichteten Bildkultur ist das eine Revolution, die dem neuzeitlichen Kunstbegriff nicht, wie noch Samuel Edgerton glaubte, nach-folgt, sondern ihn geradezu ein-leitet.
Während die Historisierung des Bildbegriffs auf den Gebieten des Kultbildes und der Herrschaftsrepräsentation bereits weit entwickelt ist, scheint gerade die lange Zeit vernachlässigte Bilderproduktion der Technik und Wissenschaft eine noch keineswegs abgeschlossene interdisziplinäre Anstrengung herauszufordern, wie auch die von Martina Heßler und Alexander Nützenadel geleitete Sektion „Umstrittene Bilder. Visualisierung und Wissenschaft in der Moderne“ zeigte. Gerade dort, wo der Bildstatus der Beispiele kritisch hinterfragt werden kann, sind philosophische Ansätze zur Modellierung des Bildphänomens gefragt. Martina Heßler zeigte, wie die neuzeitlichen Wissenschaften erst einmal einen Raum des Unsichtbaren erzeugen mussten, bevor die eigenen Instrumente und Bilder als mediale Mittler eingesetzt werden konnten. Bildern wurde eine neue epistemische Funktion der Sichtbarmachung von empirischen und nicht nur transzendenten Qualitäten zugesprochen.
Während es zur historischen Allgemeinbildung gehört, die Erfindung der zentralperspektivischen Konstruktion mit der Renaissance verbinden zu können, ist die heute weit verbreitete Technik des Kurvendiagramms noch kaum im historischen Bewusstsein verankert. Sie scheint sozusagen vom Himmel gefallen. Wie viel Aufklärungsarbeit hier noch zu leisten ist, zeigte Alexander Nützenadel mit seinem Vortrag über die „Bildsprache und Modelldarstellung in der Ökonomie seit dem 18. Jahrhundert“. Im Zuge des Vortrags und auch durch den Kommentar von Hans-Jörg Rheinberger herausgefordert, wurde deutlich, dass die Abstrakta „der Wirtschaft“ und „der Ökonomie“ mit den dünnen Linien von Kurvendiagrammen stehen und fallen. Man kann also behaupten, dass die Diagramme den Ökonomen nicht nur eine an den mathematischen Naturwissenschaften orientierte Modellbildung nahe gelegt, sondern überhaupt erst ihren Gegenstand geschenkt haben. Eine solche Erkenntnis wird man freilich nicht dem Selbstverständnis der Wissenschaft entnehmen können, sondern in der Fremdbeschreibung gewinnen müssen. Auch die Kulturwissenschaften haben hier noch ein gutes Stück selbstkritischer Arbeit vor sich, wie Astrit Schmidt-Burckhardt anhand von ideologisch befrachteten Diagrammen zur (kunst)historischen Epochengliederung zeigte.
Wenn man erkennt, dass die Macht starker Bilder immer noch andauert, wird man auch die eigenen Präsentationsstrategien neu reflektieren. Gerade auf einem Historikertag, der GeschichtsBilder heißt, hätte man zum Beispiel erwartet, dass an der Jury, die die Poster des Doktorandenforums prämiert hat, auch GrafikerInnen beteiligt gewesen wären. Von der schwierigen Aufgabe, wissenschaftliche Reflexion und öffentlichkeitswirksame Vermittlung zusammenzubringen, zeugte auch die Podiumsdiskussion zum Thema „Geschichte im Fernsehen – Herausforderung für die Geschichtswissenschaft?“, in der die akademisch tätigen Historiker der eher stumpfen Praxis der Fernsehmacher keine differenzierte Medienanalyse an die Seite stellen konnten.
Die alten Paradigmen wirkten mitunter noch in den Präsentationsformen der Vorträge weiter. In kunsthistorischen Seminaren wird eine Haltung eingeübt, in denen die Vortragenden als Mittler zu den gezeigten Bildern auftreten. Dort wo die projizierten Bilder erscheinen, schließt sich der Raum. Ein guter Vortrag konzentriert die Blicke auf die Bilderwand und lässt das aufmerksame Sehen zu einer kontrollierten Handlung werden. Mit dem Thema Geschichtsbilder hat dieses Dispositiv Einzug in die historischen Sektionen gehalten. Die Vortragenden fühlten sich nicht immer wohl dabei. Da konnte es auch geschehen, dass ein Bild nach einem Vortrag einfach stehen blieb, und den gar nicht mehr passenden nächsten Vortrag untermalte.
Viele Vorträge zeugten jedoch von einem souveränen Umgang mit den neuen Themen und Medien der Präsentation. Christian Fuhrmeister führte in einer Serie von Bildern die Konstruktion eines nationalen Märtyrers im Übergang von der Weimarer Republik zum Nationalsozialismus vor. Sven Reichardt analysierte das Paradox eines medial vermittelten Authentizitätsanspruchs der 68er Generation. Petra Terhoeven zeigte eindrucksvoll die Entwicklung von Bildstrategien im Terror der Roten Brigaden und RAF, um nur einige Beispiele zu nennen.
Den Schlusspunkt setzte der Abendvortrag von Horst Bredekamp mit dem Titel „Bild – Akt – Geschichte“. Bredekamps Begriff der „Bildakte“ kursierte bereits zuvor in einer Vielzahl von Beiträgen, bringt er doch das Unbehagen an der alten Vorstellung vom Bild als illustrativ eingesetzter Hilfsquelle auf den Punkt. Im Abendvortrag entfaltete Bredekamp die Idee in einer Serie von acht beeindruckenden Fallstudien. Dabei fokussierte er stets die prägende, nicht illustrative Kraft von Bildern. Besonders drastisch wird sie durch aktuelle Terrorstrategien vor Augen geführt, die auf die Schaffung massenmedial wirksamer Schreckensbilder abzielen.
Nach dieser Ouvertüre, die die tagespolitische Relevanz des Forschungsprojekts vor Augen führt, analysierte Bredekamp Beispiele, die durch ein ausbalanciertes Verhältnis von Form und Funktion gekennzeichnet sind. Ziel war es, die Sensibilität des Publikums für die formbezogene Eigenaktivität der Bilder zu schärfen. Besonders eindringlich gelang dies bei einer Bauzeichnung Bramantes, die sich in der verführerischen Demonstration einer machtvollen Baugeste als wahrer „Mauerbrecher von Alt St. Peter“ erwiesen hat. Bredekamp spitzte zu, dass die formschaffende Qualität dieser Zeichnung und der von ihr stimulierte Bau der neuen Peterskirche gleichsam ganz Europa in der Reformation gespalten haben. Eine weitere Fallstudie gründete in einem päpstlichen Dokument, das Michelangelos einzigartige Vollmachten in einer bisher kaum zur Kenntnis genommenen Deutlichkeit formuliert: Herrscher und Künstler spiegeln sich wechselseitig als souveräne Universalmächte, die Schöpfungen aus dem Nichts hervorbringen können. Die Reihe der Beispiele reichte von Jan van Eycks Mann mit dem Turban bis zu Frank Gehrys Gebäude der DG Bank am Pariser Platz in Berlin, dessen eigenwillig geformter Konferenzsaals durch die spätmittelalterlichen Figuren von Claus Sluter angeregt wurde. Die in den berühmten Pleurants gefasste Formidee war in ihrer materiellen Realisierung stark genug, um die Jahrhunderte zu überspringen und an anderem Ort in der monumentalen Form einer Konstruktion aus Stahl und Glas wiederzukehren. Während der Transfer von Sluter zu Gehry sich auf Ebene einer Bildform vollzieht, die nur von Kennern als Akt der Erinnerung erkannt werden wird, erreichen die Bildakte in anderen Fällen eine körperliche Wirklichkeit, die sich für die Leidtragenden jenseits aller imaginären Qualitäten aufdrängt. In dieser Hinsicht hat der Vortrag ein Feld für weitere Differenzierungen geöffnet. Die Grundtendenz lässt sich bereits jetzt mit Horst Bredekamp als antiplatonische Zielrichtung formulieren: Bilder sind keine Epiphänomene, sie verdoppeln nicht, sondern sie erzeugen, was sie zeigen. Eine solche These kann durchaus auch als Resümee am Ende dieses bildwissenschaftlichen Kommentars zum Historikertag stehen.
Dr. Steffen Bogen, von 1997-2006 wissenschaftlicher Assistent im Fach Kunstwissenschaft/Kunstgeschichte an der Universität Konstanz; Habilitationsschrift zu einer Kunstgeschichte gezeichneter Maschinen (eingereicht Juli 2006), ist gegenwärtig im Forschungsprojekt "Visuelle Navigation. Entwicklung und Kritik schematischer Karten" in Konstanz tätig. Weiteren Forschungsschwerpunkte: Bilderzählung, Bildsemiotik, Diagrammatik. E-Mail: <Steffen.Bogen@uni-konstanz.de>
Kulturgeschichte/Bildanalyse
Wenke Nitz
Besprochene Sektionen:
"Beruhen Geschichtsbilder auf Bildern?"
"Staatskult und Nationenbildung. Die Visualisierung politischer Herrschaft in den napoleonischen Satellitenstaaten Deutschlands und Italiens"
"Die historische Bildwissenschaft in Deutschland 1880-1930 und ihr Neubeginn nach 1945"
"(Geschichts)Bilder als Argument. Image, Imagebildung und Imagetradierung von Herrschenden in der Geschichte"
"Visuelle Konstruktion von Märtyrern in der Zwischen- und Nachkriegszeit"
Das Logo des diesjährigen Historikertages scheint symptomatisch für einen veränderten Umgang mit Bildquellen: Nicht ein besonders aussagekräftiges Gemälde, eine wohlbekannte Fotografie oder ähnliche Werke der bildenden Künste sind ausgewählt worden den Kongress zu versinnbildlichen, sondern vielmehr eine Art Archivsystem, der Lagerraum einer Galerie, eines Museums. Der Betrachter schaut seitlich auf die Bilder, ihre vorderseitigen Schätze sind nicht erkennbar. Nicht das Staunen und Bewundern des einen Meisterwerkes, das eigentliche Sujet sind von Bedeutung, der Blick wird stattdessen auf die Rahmungen im wörtlichen – wie übertragenen – Sinn gelenkt. Dabei wurde der Begriff „GeschichtsBilder“ auf dem Historikertag bewusst in seiner gesamten Breite verstanden: Der Blick sollte geöffnet werden für materielle Bilder wie auch deren mentale Entsprechungen. Dementsprechend weit gefasst war das Themenspektrum der einzelnen Sektionen des Historikertages angelegt. Da ich mich in meiner Dissertation mit der fotografischen Visualisierung von Politik beschäftige und somit die Probleme im Umgang mit Bildquellen aus „erster Hand“ kenne, trieb mich eine große Neugier auf die Tagung. Ich erhoffte mir Denkanstöße, Austausch, Inspiration.
Mein Erstaunen nach dem aufmerksamen Durchblättern des Programms war groß: Zu den verschiedenen Methoden der Analyse von Bildquellen war keine explizite Sektion vorgesehen. Gerade vor dem Hintergrund der vielfach beklagten Methodenarmut der Geschichtswissenschaften mutete mir dieser Umstand befremdlich an.
Im Folgenden werde ich auf die von mir besuchten Sektionen eingehen, wobei ich nicht zu jedem Beitrag Stellung beziehe. Vielmehr habe ich die unter meinem speziellen Fokus – die methodischen Schwierigkeiten im Umgang mit und in der Analyse von Bildquellen – eindrücklichsten (positiv wie negativ) Vorträge herausgepickt. Mich trieb einerseits ein allgemeines Interesse an Reflexionen über die Visualisierung von Herrschaft, andererseits aber auch die Neugier auf konkrete Bildanalysen um. Aus diesem Grund bilden die ausgesuchten Sektionen eine Mischung aus eher abstrakten, allgemeinen Überlegungen zum Thema „Geschichte und Bilder“ und konkreten Fallbeispielen.
Die Sektion „Beruhen Geschichtsbilder auf Bildern?“ umfasste sieben in ihrer thematischen und epochenspezifischen Konzeption sehr unterschiedliche Vorträge. Betont wurde themenübergreifend, dass die Geschichtswissenschaften seit dem iconic/pictorial turn zunehmend auch auf Bildquellen zurückgriffen und durch diese Erweiterung eine Bereicherung erführen. Entscheidend im Umgang mit Bildern aber sei, deren eigene mediale Struktur zu erkennen und sie nicht schlicht wie Textquellen zu behandeln (Lucas Burkart, Basel). Die Verschränkung von Vorstellungen und Bildlichkeit, also die enge Verbindung von innerer und äußerer Bildproduktion, spiele eine herausragende Rolle (Achatz von Müller, Basel). Die eigentliche Bedeutungszuschreibung, so wurde nach der Diskussion zum Vortrag von Lucas Burkart betont, geschehe durch den Betrachter. Darauf, dass dies jedoch keine einspurige Bewegung sei, verwies der Vortrag von Norbert Schnitzler (Chemnitz), der als Beispiel für die visuelle Überzeugungskraft von Bildern einen mittelalterlichen Holzschnitt präsentierte. Die visuelle Evidenz desselben hatte in diesem Fall eine so eingängige Bildhaftigkeit, dass sie justizielle Verfahren und Vorstellungen beeinflusste.
Bilder prägen also Normen und Werte, sie wirken durch ihre visuelle Evidenz und Einprägsamkeit auf den Betrachter zurück und sind deswegen nicht bloß passive Illustratoren. Darauf wies auch der Vortrag von Lucas Burkart über "Auratik der Geschichte" noch einmal deutlich hin, da die Reichskrone nicht bloß etwas momentan Abwesendes repräsentierte, sondern durch ihre Präsenz eine besondere Macht vermittelte. Vor dem Hintergrund der visuellen Evidenz einerseits und der Uneindeutigkeit von Bildern andererseits, so wurde in diesem Vortrag betont, muss eine Kontextualisierung mit anderen Bildern für die Dechiffrierung geschehen. Der szenische Wert eines Gemäldes wurde im Vortrag zu Rembrandts „Anatomie des Dr. Tulp“ von Claus Volkenandt (Basel) offenbar, der mir das Vergnügen des Miterlebens kunsthistorischen Sehens bescherte.
Die Sektion verblieb jedoch nicht beim stehenden Bild, sondern vollzog auch Stippvisiten bei den bewegten Bildern. So machte Achatz von Müller in seinem Vortrag „Geschichtspolitik – Geschichtsbild – Bildgeschichte. Fabriziert das Fernsehen Geschichtsbilder?“ im Hinblick auf historische Dokumentarfilme deutlich, dass aus seiner Sicht ein Dreischritt im Umgang mit Bildern vollzogen werden müsse: nach der Präsentation des Materials solle die Analyse folgen, die schließlich durch die Präsentation gekrönt werde. Als Beispiel für diese Vorgehensweise zeigte er einen Ausschnitt aus seinem gemeinsam mit Eric Hobsbawm gedrehten Dokumentarfilm „Social Bandits“, der zur Veranschaulichung auf Spielfilmausschnitte zurückgriff. Von Müller verwies auf die Differenz zwischen „erlebter Geschichte im Fernsehen“ und dem Leseerlebnis: der Blick fülle die Leere des Erwartungsraumes; der Betrachter konstruiere während dieses Vorgangs auf der Folie kollektiver Erwartungen das jeweilige Geschichtsbild.
Die Sektion „Staatskult und Nationenbildung. Die Visualisierung politischer Herrschaft in den napoleonischen Satellitenstaaten Deutschlands und Italiens“ lockte mich u.a. auch dadurch, dass hier ein konkreter musealer Kontext für den Umgang mit Bildern bestand. Die Referenten arbeiten im Umfeld der für 2008 in Kassel geplanten Ausstellung „König Lustik?!“.
Die in der Sektion stark gemachte These lautete: Politik und „style Empire“ seien nicht voneinander trennbar. Dies wurde an verschiedenen Beispielen durchexerziert. Thorsten Schmidt (Kassel) setzte sich beispielsweise mit der Formstrenge dieses imperialen Stils als Programmbild der konstitutionellen Monarchie in Westphalen auseinander. Der Export der französischen Staatsidee und die Verbreitung dieses Stils waren eng miteinander verbunden und strebten eine Durchdringung des Staates an – durchaus mit Erfolg, wie die gezeigten Beispiele der Verbreitung des formstrengen Zierrats eindrücklich belegten. Die Verbindung von „Werbung“ mit einem bestimmten (künstlerischen) Stil erscheint hier als ebenso wichtig wie die Anpreisung einer neuen Staatsidee.
Arnulf Siebeneicker (Kassel) wiederum verdeutlichte den Zusammenhang zwischen Staatsidee und Parlamentsbau. Das Legitimationskonzept musste nicht nur konstruiert, sondern auch (visuell) verbreitet werden. So ist die Kasseler Rotunde ein Beispiel für einen Regierungssitz, der als bauliche Versinnbildlichung der neuen Staatsidee auch erkennbar ist. Die Sitzordnung im Rund verdeutlicht visuell die Auflösung der Ständevertretung.
Armin Owzar (Münster) legte in seinem Vortrag „Der Kampf der Bilder“ den Fall der politischen Inszenierung Napoleons dar, der sich auf ein Patchwork verschiedenster traditioneller, aber eben auch innovativer Darstellungsstrategien stützte. Interessant war hierbei v.a., dass die Gegner Napoleons in ihren harschen Karikaturen eben diese verschiedenen Rollen wieder aufgriffen und konterkarierten, um Napoleon der Lächerlichkeit preiszugeben. Leider ist es nicht möglich, die Reichweite und Zirkulation dieser Darstellungen, der Inszenierung und ihrer Gegeninszenierung, zu beurteilen. Hierfür fehlen die entsprechenden empirischen Daten.
Die Sektion „Die historische Bildwissenschaft in Deutschland 1880-1930 und ihr Neubeginn nach 1945“ beschäftigte sich mit den ersten Versuchen in Deutschland seit den 1920er Jahren Bilder als Quellen zu verwenden. Deutlich wurde, dass diese Anfänge zumeist von Kulturhistorikern, so genannten „Grenzgängern“ (Jens Jäger, Köln) der Geschichtswissenschaften verwendet wurden, die trotz ihrer innovativen Herangehensweise mit einem sehr eingeschränkten Bildbegriff arbeiteten.
Jens Jäger konstatierte vier Symptome für diese weitgehende Vernachlässigung von visuellen Quellen: Erstens war die historische Wissenschaft traditionell textgebunden, ihr fehlte das Instrumentarium zur Analyse von Bildern. Zweitens dominierte inhaltlich die Politikgeschichte; allenfalls die Kulturgeschichte griff zu Analysezwecken auf die Ikonografie zurück. Drittens wurden Bilder bestenfalls als supplementäre Quelle verstanden, sie illustrierten einen bereits durch Texte belegten Sachverhalt. Schließlich wurden, viertens, auf Historikertagen zwar gern Kunsthistoriker zu Vorträgen eingeladen – allerdings diente dies weniger der Fachdebatte, sondern vorrangig der abendlichen Unterhaltung. Die angestrebten Projekte der Internationalen Ikonographischen Kommission waren vor diesem wissenschaftshistorischen Hintergrund v.a. Sammlungen und Verzeichnisse von Bildern.
Auch die folgenden Vorträge von Lucas Burkart (Basel) und Martin Knauer (Hamburg) gaben am Beispiel von Schramm und der Warburg-Schule Einblick in die Schwierigkeiten im Umgang mit Bildern. Gerhard Paul (Flensburg) schließlich zeichnete einen Überblick über die Entwicklungen der historischen Bildforschung der letzten 20 Jahre und plädierte für eine Methodenvielfalt im Umgang mit visuellen Quellen – der Forschungsgegenstand bestimme die verwendete Methode.
Die Sektion „(Geschichts)Bilder als Argument. Image, Imagebildung und Imagetradierung von Herrschenden in der Geschichte“ wiederum lockte mich aufgrund ihrer epochen- und nationenübergreifenden Breite. Die vier Vorträge behandelten England, die USA, Schweden und die Sowjetunion. Gerade die Verbindung von Image und Herrschaftslegitimation spielt auch in meinem eigenen Forschungsprojekt eine herausragende Rolle. Die Einführung in die Sektion klang vielversprechend: Es wurde ausgeführt, dass zur Herrschaftslegitimation der Aufbau eines speziellen Images nötig sei; „Image“ wurde definiert als ein Vorstellungsbild, in dem eine emotionale Erwartungshaltung inbegriffen sei. Hierbei spielen kognitive, visuelle und emotionale Komponenten ineinander, die wiederum durch Kommunikation vermittelt und deswegen nicht statisch, sondern dynamischem Wandel unterworfen sind. Gerade das denkbare Spannungsfeld zwischen Herrschaftsentwurf und -realität erscheint in diesem Zusammenhang interessant, weswegen die Sektion besonderes Augenmerk auf Umbruchszeiten legte.
Leider musste ich jedoch während der Vorträge feststellen, dass der Begriff „Image“ auf die Einbeziehung historischer Ereignisse in den Kanon der tradierten Wissensbestände bezogen wurde und sich dabei vorrangig auf die schriftliche Überlieferung stützte, die ihren Niederschlag wiederum in den mentalen Bildern fand. Die Überlegungen zur Imagebildung fußten fast ausschließlich auf Textquellen, die visuelle Inszenierung spielte in den Vorträgen keine Rolle. Dementsprechend enttäuschend war die Verwendung von Bildern: Wenn sie überhaupt verwendet wurden, dann lediglich illustrativ, als supplementäre Quelle. So präsentierte Volker Depkat (Regensburg) in seinem Vortrag „Die Erfindung der republikanischen Präsidentschaft im Zeichen des Geschichtsbruchs“ zwar durchaus Bilder – diese dienten jedoch nicht als eigenständig zu analysierende Quelle, sondern lediglich der Veranschaulichung. Auch Jan Kusbers (Mainz) griff in seinem Vortrag „Gewandeltes Herrscherbild, veränderte Inhalte“ verstärkt auf Bildmaterial zurück, ohne dieses jedoch methodisch in die Argumentation einzubauen oder zumindest einen historischen Kontext zu liefern; bisweilen wurde das Publikum selbst über den entsprechenden Maler im Unklaren gelassen. Es blieb dem Zuhörer selbst vorbehalten, die Veränderungen der visuellen Herrschaftsinszenierung durch Anschauung mit der vorgebrachten These in Einklang zu bringen. Auch hier diente das Bildmaterial vorrangig der Illustration.
Zum Abschluss wählte ich die Sektion „Visuelle Konstruktion von Märtyrern in der Zwischen- und Nachkriegszeit“, auch in der Hoffnung, dass ein weniger breiter Untersuchungszeitraum der genaueren Analyse des Bildmaterials förderlich sein würde.
Christian Fuhrmeister (München) sprach in seinen einleitenden Worten kritisch davon, dass der Historikertag zwar in einigen Sektionen die angestrebte Aufweichung der Disziplingrenzen vollzogen habe; andere hätten jedoch, so Fuhrmeister, „Etikettenschwindel“ betrieben, da die eigenständige mediale Struktur der Bilder eben nicht ernst genommen worden sei. Ins Thema einleitend verwies er darauf, dass gerade die Konstruktion von Märtyrern auf Bilder angewiesen sei, die an religiöse Bilder ebenso anknüpften wie an Heldendarstellungen oder auch Bildern von Bismarck. Sein Vortrag „Die Konstruktion eines Märtyrers: Albert Leo Schlageter (1894-1923) und seine Bilder (1923-1945)“ verknüpfte in beeindruckender Weise kunsthistorische Bildanalyse und historische Kontextualisierung miteinander. Es wurde deutlich, dass aufgrund des Mangels an Bildern von Schlageter die Inszenierung verstärkt konstruiert werden musste. Eindrucksvoll belegte Fuhrmeister den Wandel der bildkünstlerischen Strategien anhand des Bildmaterials: Stand zunächst die Inszenierung als Soldat im Vordergrund, so wurde Schlageter später in wachsendem Maße für die Zwecke des Regimes in Szene gesetzt. Fuhrmeister betonte zudem, dass es sich bei diesem Mythos um ein „veritables Konjunkturphänomen“ handelte – nach 1935 ist er kaum noch aufzufinden.
Im folgenden Vortrag hingegen wurde das Filmmaterial fast vollständig unterschlagen: Kurt Schilde (Siegen) zeichnete v.a. die Unterschiede in den Erzählungen zum Tod des Hitlerjungen Herbert Norkus nach, konkret: wie die historischen Fakten im Buch und später auch im Film umgedeutet und uminterpretiert wurden. Was der Vortrag jedoch nicht leistete, war eine weitergehende Analyse, warum und zu welchem (Darstellungs-) Zweck die historischen Ereignisse derart für den Märtyrerkult verändert worden waren. Die Darstellung der „Verwandlung des Roman- und Filmhelden“ Quex verblieb damit auf der Ebene der historiografischen Deskription.
Der Vortrag von James van Dyke (Portland/Oregon) „Die Kommemoration von Toten der SA in der Kunst der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus“ beschäftigte sich mit dem Fakt, dass eben jene Toten keine herausragende Rolle in den Kunstdarstellungen spielten. Van Dyke machte zwei Faktoren für diese Tatsache aus: (1) die zunehmenden Spannungen zwischen der NSDAP und der SA; (2) den nationalsozialistischen Kampf gegen den um sich greifenden Handel mit Kitschobjekten. Er untermauerte seine Ausführungen durch die Analyse des seltenen Bildmaterials.
Den Abschluss bildete der Abendvortrag von Horst Bredekamp (Berlin) zum Thema „Bild – Akt – Geschichte“. Er verwies zu Beginn auf die Verbindung von klassischem Ikonoklasmus und der Medialisierung des Krieges, beispielsweise in Afghanistan. Durch die Entgrenzung des Krieges über den Sehsinn werde der Betrachter in die Kriegshandlung eingebunden. Die Historiker hätten oft Vorbehalte, die Form der Visualisierung einzubeziehen. Bredekamp betonte jedoch, dass gerade die formbezogene Eigenaktivität von Bildern Geschichte und Geschichtsbilder erst hervorbringe. Er belegte eindrücklich an einigen Beispielen die konstruktive historische Kraft von Bildern, beispielsweise an Bauplänen zum Umbau des Petersdoms in Rom. Damit hob er seine These hervor, dass Bilder Geschichte schaffen und konstruieren.
Für mich war der Historikertag in der Summe sehr informativ, da ich in viele verschiedene Bereiche historischer Forschung Einblick erhalten habe und diese durchaus Inspiration boten. Unter einem strengen methodischen Gesichtspunkt, wie er vielleicht manchem als zu streng erscheinen mag, würde ich mich jedoch Christian Fuhrmeisters Kritik anschließen wollen: Kann man bei einigen Vorträgen mit Fug und Recht von einem Zugehen der Geschichtswissenschaft auf andere Disziplinen sprechen, so beschränkte sich diese Öffnung der historischen Wissenschaften jedoch auf die Grenze zur Kunstgeschichte, da, meines Wissens nach, sozialwissenschaftliche Vorgehensweisen fehlten. Auch die Sozialwissenschaften beschäftigen sich in zunehmendem Maße mit Bildern und greifen hierzu auf spezielle Methoden zurück. Analysen unter Einsatz der sozialwissenschaftlichen Hermeneutik oder des narratologischen Ansatzes fanden sich jedoch nicht. Die Anknüpfungspunkte werden also augenscheinlich vorrangig zwischen der Geschichte und der Kunstgeschichte gesucht – was zugegebenermaßen aufgrund der engen Verbindungen durchaus auch naheliegend ist.
In anderen Sektionen hingegen wurde zumindest methodisch „Etikettenschwindel“ betrieben, da das verwendete Bildmaterial lediglich der Illustration bereits aufgestellter Thesen diente und keine Kontextualisierung der Bilder vorgenommen wurde. Bisweilen wurde das Publikum selbst über den jeweiligen Maler in Unkenntnis gelassen und/oder über den Aufhängungsort des Bildes, seine Zirkulation und andere entscheidende Details nicht aufgeklärt. Diese Vorgehensweise steht jedoch der Forderung nach Einbeziehung von Bildern als eigenständige und aussagekräftige Quellen eklatant entgegen.
Das beschriebene Problem mag aber auch daher rühren, dass viele Sektionen zu viele Vorträge umfassten und die Zeit für den einzelnen Beitrag im Grunde zu kurz bemessen war. Eine ausgiebige Analyse des Bildmaterials war deswegen auch schwer möglich.
Wenke Nitz M.A. arbeitet als wissenschaftliche Angestellte im Teilprojekt B13 "Transformationen von politischen Bildprogrammen" im Rahmen des SFB "Norm und Symbol" an der Uni Konstanz. E-Mail: <wenke.nitz@uni-konstanz.de>
Osteuropäische Geschichte
Stefan Rohdewald
Besprochene Sektionen:
"Bilder vom eigenen Raum: Die mentale Aneignung des Russländischen Imperiums"
"Freiheit – Libertät – Liberalität. Universalisierung und Nationalisierung eines politischen Grundbegriffes im östlichen Europa"
"Bild, Konsum und Kosmos. Inszenierungen modernen Lebens in der sowjetischen visuellen Kultur der Sechzigerjahre"
"Supermänner, Superfrauen, Supermächte. Sport als Medium des Kalten Krieges"
"Der Krieg um die Bilder 1941-2005: Mediale Darstellungen des ‚Großen Vaterländischen Krieges’ der Sowjetunion"
"Das Bild des Moslems im westlichen und östlichen Europa in der Frühen Neuzeit"
Vorbemerkungen
Ein Historikertag mit dem Motto "GeschichtsBilder" ließ Sektionen zur Erinnerungskultur, Diskurs- oder Historiografiegeschichte erwarten, insbesondere aber den geschichtswissenschaftlich reflektierten kulturwissenschaftlichen Umgang mit Bildern. Historiker sollten sich laut den Organisatoren u. a. Fragen der "Geschichtsproduktion" und -vermittlung stellen. Mit Blick auf das Feld der osteuropäischen Geschichte war zu hoffen, dass der Historikertag auch hier alle Epochen thematisieren würde.
Die Durchsicht der Themen der Osteuropasektionen des Programms bestätigte allerdings die Befürchtung, dass osteuropageschichtliche Mediävistik abwesend und die Frühneuzeitforschung stark unterrepräsentiert sein würden. Die weitgehende Absenz des Mittelalters ist ein Phänomen der jüngsten Osteuropahistoriografie, die Neueste Geschichte war auf dem Historikertag in Konstanz jedoch insgesamt überrepräsentiert. Dies spiegelt sicherlich die Situation an den Universitäten wider, ist aber nicht selbstverständlich. Die Nonchalance, mit der sich die Tagung auf ihren Webseiten als "größten geisteswissenschaftlichen Kongress Europas" bezeichnet, ist symptomatisch – immerhin pflegt der jährliche (allerdings internationale) Mediävistenkongress in Leeds (IMC) jeweils nicht weniger Referenten anzuziehen: Dieses Jahr wurden dort etwa 350 Panels vorgestellt.
[1]
Noch stärker als im historiografischen und universitären Alltag dominierte in Konstanz somit hinsichtlich Osteuropas die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Dieses zeitliche Ungleichgewicht ging auch in Konstanz mit einem geografischen einher: osteuropäische Geschichte ist in der Praxis vornehmlich russische, respektive sowjetische Geschichte. Weder der südost- noch der ostmitteleuropäischen Geschichte war ein eigenes Panel gewidmet. Mehrere Vorträge zu diesen Geschichtsräumen fanden aber in anderen Sektionen Raum.
Panels mit einzelnen Beiträgen zur osteuropäischen Geschichte
Zu nennen sind ein Beitrag zur osmanischen Geschichte in einer mediävistisch/frühneuzeitlichen Sektion über Krieg und Gewalt in Bilderwelten (Peter Burschel), sowie, in die Neuzeit voranschreitend, die Darstellung der Moskauer Sicht auf das Ende des Alten Reichs (Jan Kusber). Im Panel zur Konstruktion und Inszenierung von Geschichte im europäischen Musiktheater des 19. Jahrhunderts trugen Philipp Ther zu russischen und tschechischen (Anti-)Helden und Moritz Csáky zur Wiener Operette im Habsburgerreich vor. Unter dem Obertitel "Geschlecht als Medium von Geschichtserzählung" wurden auch populäre galizische Erzählungen um 1900 berücksichtigt (Dietlind Hüchtker). Überdies schloss das Panel zur europäischen und amerikanischen Stadt vor 1917 ein Referat zu Moskauer Stadtdiskursen ein (Jan C. Behrends). Ein weiteres Panel, zum Wiederaufbau jüdischen Lebens in Europa 1945-1967, ging auch auf Ungarn (Andras Kovacs [die Schreibweise der Namen hält sich an das Programmbuch]) ein, das Beispiel Polen wurde im Panel über Diktaturerfahrungen nach 1945 thematisiert (Pawel Machcewicz). In der Sektion "Stadt und Migration" stellte Thomas Bohn die sozialistische Stadt in Osteuropa vor; im epochenübergreifenden Panel zum Image von Herrschern sprach Jan Kusber über Stalin und Chruščev. Stefan Zwicker trug im Rahmen des Panels zu visuellen Konstruktionen von Märtyrern zur kommunistischen Deutung des tschechischen Komponisten Julius Fučik in der Nachkriegszeit vor. Zudem wurden in einer Sektion zum Wandel von Geschichtsbildern die Veränderung der Wahrnehmung Osteuropas in Deutschland untersucht (Andreas Helmedach) sowie in einem Panel zum Geschichtsbild Europas im Geschichtsunterricht das Beispiel Polen (Manfred Mack) besprochen.
Diese, wie anzunehmen ist, nicht durch zentrale Planungsentscheide entstandene, sondern durch Überlegungen der Panelorganisatoren begründete Teilhabe der osteuropäischen Geschichte an Sektionen der allgemeinen Geschichte bezeugt eine enge Zusammenarbeit von Osteuropahistorikern und Allgemeinhistorikern, die nicht immer praktiziert wird, aber immer nahe lag. Derzeit wird sie auch mithilfe von Konzepten wie der histoire croisée und der Transnationalität reflektiert.
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Bedauerlich ist, dass die Sowjetunion in einem Panel zu staatlicher Planung im 20. Jahrhundert nicht mit einem selbständigen Beitrag besprochen werden konnte – auch wenn der Sozialismus mit dem Beispiel der DDR vertreten war (Peter Caldwell).
Nur eines dieser crossover Panels sei hier ausführlicher erwähnt: Die von Ludolf Pelizaeus und Gabriel Haug-Moritz geleitete Sektion zum Bild der Moslems in der frühneuzeitlichen Geschichte umfasste neben Beiträgen zur europäischen und österreichischen Wahrnehmung der "Türkengefahr" auch Vorträge zu Portugal und Ungarn. Während zunächst anhand des vornehmlich mitteleuropäischen Türkenbildes auf die Konfrontation zwischen Osmanen und "Europa" eingegangen wurde, stellte András Forgo die ambivalente Perzeption der Osmanen als Gegner und Verbündete in Ungarn vor. Als die ungarische Adelsnation nach der Mitte des 17. Jahrhunderts erkannt hatte, dass Ungarn Wien in erster Linie als Aufmarschgebiet diente, wandelte sich der muslimische Gegner zum "Zwangsverbündeten". Orientalische Einflüsse spiegelten sich in der Kleidung des ungarischen Adels, aber auch im Transfer von Kaffee- und Tabakkonsum westwärts wider. Wird man der daraus hervorgegangenen Wiener Adaption der Kaffeekultur in Gestalt des Kaffeehauses gewahr, kann dies dazu beitragen, guteuropäische antitürkische Reflexe im Österreich der Gegenwart in einen relativierenden Rahmen zu stellen.
Osteuropasektionen
Unter den Panels, die sich ganz der osteuropäischen Geschichte widmeten, umfasste die von Claudia Kraft geleitete Sektion zu osteuropäischen Freiheitsdiskursen (1750-1848) Osteuropa am großflächigsten: Hans-Jürgen Bömelburg untersuchte, mit welchen bildlichen Mitteln die Grenze zwischen Polen-Litauen und seinen westlichen Nachbarn zu einer zivilisatorischen umgedeutet wurde, und wie aus positiv bewerteter polnischer, aber auch ruthenischer und livländischer "Freiheit" "Unordnung" und "Anarchie" wurden. Maciej Janowski schilderte die Genese des emphatischen polnischen Freiheitsbegriffs. Die Herleitung staatsbürgerlicher Freiheit aus adligen, ständischen Freiheiten stand damals wie in der heutigen Historiografie neben der These, moderne Freiheit sei nur nach einem gänzlichen Bruch mit dem Ständestaat möglich geworden. Andreas Lawaty stellte ein Nähe von "polnischer" und "deutscher" Freiheit nach 1800 fest, sowie ihre durch nationalhistorische "Sendungen" bedingte Unvereinbarkeit. Den Autonomieansprüchen der Deutschbalten im Russländischen Reich wie den Unabhängigkeitsforderungen des polnischen Adels schadete der Vorwurf westeuropäischer Beobachter, die Freiheit der Bauern zu wenig in die Staatsbürgerkonzepte integriert zu haben. Mit der Einbeziehung des literarischen Diskurses und der Begrifflichkeit von Aufständischen konnte Yvonne Kleinmann die bisherige Forschungsmeinung über die Entwicklung im Russländischen Reich differenzieren. In der Diskussion wurde in dieser Aushebelung der Rede von der russischen Despotie ein Verdienst der Sektion erkannt, allerdings blieb die imagestiftende Lexik der aufgeklärten Monarchen womöglich doch zu konsequent ausgeblendet. Das Hauptaugenmerk der Sektion lag auf Polen und Russland, (Österreich-) Ungarn rückte erst in der Fragerunde ins Zentrum des Interesses.
Die Sektion zur "mentalen Aneignung des Russländischen Imperiums" (Leitung: Ricarda Vulpius, Moderation: Martin Schulze Wessel) untersuchte "Bilder vom eigenen Raum". Ricarda Vulpius skizzierte die Ausbildung eines zeitlich der territorialen Expansion nachfolgenden imperialen Diskurses. Konkret beschrieb sie die Übernahme der Rede von einer zivilisatorischen Mission aus den westeuropäischen imperialen Diskursen durch die russische Elite. Zudem grenzte sie die Rede vom modernen Imperium gegenüber älteren, pragmatischeren Diskursen territorialer Herrschaft ab. Dieser Prozess wurde von der Forschung bisher im Rahmen von Modernisierungsvorgängen verstanden, war aber dem Funktionieren des interethnischen Zusammenlebens im Vielvölkerreich abträglich. Letztlich diente er zu einer diskursiven Eingliederung Russlands in den Kreis der anderen Kolonialmächte, und förderte die Allianzfähigkeit.
Anknüpfend an postkoloniale Ansätze wurde eine vielfältige Palette von Aneignungsstrategien und kulturellen Praktiken der Inbesitznahme sehr anregend interpretiert – das Spektrum reichte bis hin zum Vergraben von Metallplatten als Zeichen der imperialen Aneignung (Martina Winkler). Susi Frank erkannte gerade im Wandel der Funktion von Regionen, namentlich der Krim und Sibiriens, die Entstehung eines imperialen Diskurses. So unzweifelhaft die Wahrnehmung des Raumes differenziert untersucht wurde, hätte die zusätzliche Interpretation bildlicher Darstellungen, etwa Karten, sehr nahe gelegen. Die Unterscheidung des europäischen Russland vom asiatischen Sibirien, die für eine imperiale und koloniale Umdeutung des Vielvölkerreiches herangezogen wurde, ist nicht zuletzt mithilfe der wissenschaftlichen Kartografie inszeniert worden.
[3]
Möglicherweise wäre u. a. dieser Aspekt durch den ausgefallenen Vortrag von Claudia Weiss zur Geographischen Gesellschaft beleuchtet worden. In der präsentierten Form war dieses Panel das einzige Osteuropapanel, das das Motto des Historikertags rein metaphorisch-diskursiv und nicht auch mithilfe von Abbildungen umsetzte.
Basler und Bielefelder Historiker/innen nahmen das Motto des Historikertages zum Anlass, im Rahmen des Themas "Inszenierungen modernen Lebens in der sowjetischen visuellen Kultur der Sechzigerjahre" Bilder ganz in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit zu stellen (Bild, Konsum und Kosmos, geleitet von Monica Rüthers und Carmen Scheide, moderiert von Carsten Goehrke).
Der Gegensatz der Logik der Bilder und ihrer Sprache gegenüber den sie begleitenden, überwiegend stereotypen und normativen Texten etwa in der Zeitschrift "Turist" (Christian Noack) ließ die Fotografien als Medium einer eskapistischen subkulturellen Teilöffentlichkeit im Rahmen offiziöser Printmedien erscheinen. Auch Anna Tikhomirova konnte dank des auf das Bild konzentrierten Zuganges eine Unvereinbarkeit von Text und Bild herausarbeiten: Während die Texte der Zeitschrift "Žurnal Mod" den Lebenssehnsüchten junger Frauen in den 1960er Jahren Raum gaben, entsprachen die nüchternen Modefotografien diesen Sehnsüchten so offensichtlich nicht, dass in der Diskussion dieses Scheitern mit dem späteren Untergang der Sowjetunion direkt in Verbindung gebracht wurde. Die auf technische Aspekte der Kleidung beschränkten, attributlosen Abbildungen scheinen die Diskrepanz von Lebenssehnsüchten und defizitären Leistungen des Staates geradezu demonstrativ herauszustellen.
Julia Richers führte in Bilder und Diskurse um Kosmos, Raumfahrt, Technikkult und Transzendenz ein. Mit einer von den Bildern ausgehend rekonstruierten "Bildchronologie des Himmelssturms" skizzierte sie Perspektiven einer kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Kosmos. Das Referat machte die mobilisierende Funktion von Abbildungen und ihre Instrumentalisierung zur Darstellung gesellschaftlicher Zielutopien augenscheinlich. Der schon während der Entstehung der Sowjetunion imaginierten Inbesitznahme des Kosmos durch die sozialistische Revolution folgte erst einige Jahrzehnte später der tatsächliche Weltraumflug.
Was eine eindringliche Bildinterpretation für geschichtswissenschaftliche Zwecke zu leisten vermag, zeigte Monica Rüthers an wenigen Beispielen zum Thema Konsum und Kosmos. Ihr Referat – wie das Panel insgesamt – ergründete exemplarisch den Mehrwert, den eine Wahrnehmung von Bildern als Quellengattung für eine kulturwissenschaftliche historische Analyse auch für die Neueste Geschichte zugänglich macht. Nicht weniger verdienstvoll ist, dass die Sektion den Blick auf bisher kaum thematisierte Lebensstile und Lebenswelten der poststalinistischen Sowjetunion richtete. Diese Epoche steht in der Aufmerksamkeit der Forschung insgesamt immer noch ganz im Schatten der frühen und der stalinistischen Sowjetunion.
Thematische, methodische und ‘epochale’ Innovativität fand sich auch in der Sektion zu "Sport als Medium im Kalten Krieg" (Leitung: Nikolaus Katzer), die überdies der so häufigen Russlandfixiertheit der deutschen Osteuropahistoriografie auswich. Vermutlich aufgrund einer Unachtsamkeit der Organisatoren der Tagung fand sie gleichzeitig mit dem Panel über Konsum und Kosmos statt. Die Sektion setzte sich aus Teilnehmern/innen der vor einem Jahr in Zürcher, Warschauer und Passauer Kooperation organisierten Tagung "Sport zwischen Ost und West" zusammen, deren Sammelband gerade in den Druck übergeben werden konnte.
[4]
Sport wurde hier wie dort als ein Kernbereich von Modernekonzepten verstanden, in dem sich – sowohl in Diktaturen als auch in Demokratien – technische, physiologische, biologische, medizinische und hygienische Diskurse über die vollkommene Ausgestaltung des menschlichen Körpers kreuzten. Anders als in der älteren Sporthistoriografie stehen nicht mehr der Sport an sich und die Anzahl der gewonnenen Medaillen im Vordergrund, sondern er interessiert als Medium zahlreicher unterschiedlicher Handlungs- und Sprachfelder moderner Gesellschaften.
Uta Balbier machte deutlich, wie die BRD unter dem Druck der sportlichen Erfolge der DDR deren Sportverständnis übernahm und dem Sport die Funktion staatlicher Repräsentation zuschrieb: Der Erfolg und die Modernität einer Gesellschaft sollte sich nicht nur im Osten, sondern auch im Westen in sportlichen Höchstleistungen widerspiegeln. Die insbesondere von der sportmedizinischen Forschung in der DDR mit wissenschaftlichem Wahrheitsanspruch vertretene Idee, die menschliche Leistungsfähigkeit könne über bisher als natürlich betrachtete Grenzen ausgeweitet werden, schien sich nach und nach weltweit durchzusetzen.
Eva Maurer analysierte die Rezeption der Erstbesteigung des Mount Everest in der Sowjetunion, die nicht zuletzt durch Bilder getragen wurde
[5]
, und sprach diesem Vorgang eine wichtige Rolle bei der Reintegration des sowjetischen Alpinismus in ein internationales Umfeld zu. Im neuen Kontakt und in der Konkurrenz veränderte sich das Selbstbild der sowjetischen Sportler insgesamt.
Auch in der Sowjetunion war das Feld des Sports unterschiedlichsten Sinnzuschreibungen ausgeliefert und sogar geeignet, Individualisten unter dem sozialistischen Banner Raum zur Selbstentfaltung zu geben. Evelyn Mertin unterschied mehrere Typen sowjetischer Sportler und Sportlerinnen, denen als gesellschaftliche Vorbilder in der Populär- und Massenkultur die Multiplikation sowjetischer Identität und Ideale zukamen. Bei der staatlichen Inszenierung der Sportler als sozialistische Menschen wurden abweichende Eigenschaften konsequent ausgeblendet.
Während westliche Zeitungen bis zur Einführung von Geschlechtertests Ende der 1960er Jahre den sozialistischen Staaten vorwarfen, sog. Intersexe bei Frauenwettbewerben einzusetzen, unterstellte man später, laut Stefan Wiederkehr, systematisches Doping. Die Beschreibung des "männlichen Aussehens" von Sportlerinnen aus dem Ostblock und der Attraktivität von Athletinnen des eigenen Lagers bildete eine argumentative Strategie zur Abwertung des sozialistischen Gesellschaftsmodells als menschenverachtend. Wiederkehr stellte dabei eine Diskrepanz zwischen der Seltenheit der bildlichen Abbildung und der Häufigkeit der sprachlichen Beschreibung der Sportlerinnen fest.
Das Panel insgesamt exemplifizierte innovative Zugänge zur Analyse zentraler Aspekte nicht nur der sozialistischen modernen Gesellschaften, deren Relevanz die Sportgeschichte im engeren Sinn bei weitem übersteigen. Johan Schloemann, der noch vor dem Stattfinden des Panels einen der Beiträge zum Anlass nahm, in der Süddeutschen vom 19. September eine Engführung des historischen Interesses zu beklagen, wäre der Besuch der Sektion zu empfehlen gewesen.
[6]
Auch das Panel zum Krieg um die Bilder 1941-2005, das mediale Darstellungen des "Großen Vaterländischen Krieges" der Sowjetunion untersuchte (Leitung: Beate Fieseler), akzentuierte kulturwissenschaftliche Zugänge zur russländischen Zeitgeschichte.
Jörg Ganzenmüller skizzierte, wie unter Brežnev Stalin bald aus der Kriegserinnerungskultur verschwand, und die bis heute dominierende Rolle der alten Generäle im offiziellen Geschichtsbild die Oberhand gewann.
Carmen Scheide forderte systematische Untersuchungen zu einem kollektiven Kriegsbildgedächtnis, und leitete mit dem Beispiel der sowjetischen "Nachthexen" (Pilotinnen) in den ikonografischen Kanon ein. Obschon während des Krieges etwa eine Million Frauen mobilisiert waren, war Weiblichkeit in der Roten Armee keine Normalität. Nach dem Krieg dienten traditionelle Rollenbilder zur Wiederherstellung der Geschlechterrollen. Die Referentin zeigte auf, wie die Interpretation von Abbildungen Bestandteil der Analyse gesellschaftlicher Bilder sein kann.
Beate Fieseler wies auf die Bedeutung der Integration von Filmen in den geschichtswissenschaftlichen Quellenkanon hin. Anhand der Darstellung von Invalidität in sowjetischen Spielfilmen zeigte sie den Wandel der Erinnerung an Kriegsopfer auf. Auch Carola Tischler stellte die geschichtswissenschaftliche Arbeit mit Filmen als Bildquellen vor, indem sie mehrere sowjetische Nachkriegsfilme in einem internationalen Zusammenhang als "chaplinesk" interpretierte.
Klaus Waschik zeichnete auf der Grundlage von Plakaten Aspekte der komplexen gegenwärtigen Erinnerungskultur an den "Großen Vaterländischen Krieg" nach. Mit der fortschreitenden Gleichschaltung der Medien wurde Plakatkunst in den letzten Jahren zu einer der Möglichkeiten, die Zensur zu unterlaufen und postmoderne Referenzen auf die erodierende Erinnerungskultur zu entwickeln.
Schlussbemerkung
Unter den thematischen Absenzen fällt auf, dass Panels oder einzelne Beiträge mit einem Bezug zu religiösen Handlungs- und Sprachfeldern ganz fehlten. Hält man die Zusammensetzung der am Historikertag vertretenen Sektionen für repräsentativ, scheint die kulturwissenschaftliche Beschäftigung mit Religion weiterhin im Schatten der sozialistischen Moderne zu stehen. Bedauerlicherweise blieb auch südosteuropäische Geschichte innerhalb der ‘reinen’ Osteuropasektionen ganz außen vor. Ob den Organisatoren zu raten ist, solchen Lücken wie auch derjenigen der osteuropageschichtlichen Mediävistik und der Forschung zum 17. Jahrhundert mit ausdrücklichen Ermutigungen, etwa über H-Soz-u-Kult, in Zukunft entgegenzuwirken, sobald sie sich abzuzeichnen drohen? Das Motto des Historikertages wäre jedenfalls auch für eine Fortsetzung der Reflexion der methodischen Zugänge zu diesen Zeiten und Räumen vorzüglich geeignet gewesen.
Andererseits war die Osteuropahistoriografie mit nicht wenigen Referaten vertreten, und die beobachteten Ungleichgewichte in der thematischen und epochalen Zusammensetzung der Panels geben einen deutlichen Trend zu erkennen: Mit den drei zuletzt besprochenen Sektionen, die sich auf die Nachkriegszeit konzentrierten, scheint sich eine Abkehr von der im letzten Jahrzehnt so markanten Konzentration der osteuropageschichtlichen Forschung auf den Stalinismus abzuzeichnen. Alle drei rückten thematische Bereiche des poststalinistischen sozialistischen Alltags ins Zentrum des geschichtswissenschaftlichen Interesses, die bislang wenig beachtet geblieben waren. Mehrere Beiträge dieser Panels versuchten exemplarisch, und ohne Zweifel mit Gewinn, die reflektierte Arbeit mit Bildquellen in den Methodenschatz der neuen Kulturgeschichte aufzunehmen.
Dr. Stefan Rohdewald ist seit 2003 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte Osteuropas und seiner Kulturen an der Universität Passau; Habilitationsprojekt: Nationale religiöse Erinnerungsfiguren der orthodoxen Südslawen bis 1945. E-Mail: <Stefan.Rohdewald@Uni-Passau.de>
[1] <http://www.leeds.ac.uk/ims/imc/IMCNewsletteraugust06.pdf> (18.10.2006)
[2] <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1069> (18.10.2006).
[3] Cecere, Giulia, Wo Europa endet. Die Grenze zwischen Europa und Asien im 18. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Thomas Ganschow, in: Dipper, Christof; Schneider, Ute (Hgg.), Kartenwelten. Der Raum und seine Repräsentation in der Neuzeit, Darmstadt 2006, S. 127-145 (hervorgegangen aus einer Sektion des Historikertages 2004 in Kiel).
[4] Malz, Arié u.a. (Hgg.), Sport zwischen Ost und West. Beiträge zur Sportgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, (Einzelveröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau 16), Osnabrück [im Druck, Erscheinen für 2006 geplant], s.a. den Tagungsbericht: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=975> (17.10.2006).
[5] Vgl. <http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/88/12076/> (17.10.2006).
[6] Eine elektronische Spur: <http://www.perlentaucher.de/feuilletons/2006-09-19.html> (17.10.2006), vgl. auch Anm. 5.
Alte Geschichte
Jan Timmer
Besprochene Sektionen:
„Lokale Eliten unter den hellenistischen Königen“
„Klio polytropos: Geschichtsbilder vor und neben der Geschichtsschreibung“
„Zur Konstruktion von Biographien in der Antike“
„Feiern und Erinnern. Geschichtsbilder im Spiegel antiker Feste“
Vorbemerkungen
Nach mittlerweile zehn Jahren H-Soz-u-Kult haben sich die Leser an eine Reihe von Leistungen dieses Internetorgans gewöhnt: an Rezensionen, Informationen zu hochschulpolitischen Fragen oder schließlich Tagungsberichte. Hierzu gehören auch diejenigen von den Historikertagen, in denen, so jedenfalls die Arbeitsanweisung der Herausgeber an die Autoren, „Trends in einem speziellen Arbeitsgebiet der Geschichtswissenschaften“ aufgespürt und mit den vor dem Historikertag bestehenden Erwartungen an denselben in Beziehung gesetzt werden sollen.
Nun besteht das erste Problem dieser Anweisung bereits darin, rückblickend eine Erwartung an diesen Historikertag zu formulieren. Das Motto „GeschichtsBilder“ ist – und dies war sicher auch von den Verantwortlichen intendiert – ein weiter Begriff.
[1]
So verweist er zum ersten auf die in den letzten Jahren zu beobachtende steigende Bedeutung nicht-schriftlicher Quellen und die Betonung der sozialen Konstruktion des Sehens, die unter den Schlagworten iconic bzw. pictorial turn diskutiert werden. Er bezeichnet zum zweiten aber auch jede Form der Vorstellung von der Vergangenheit, die ihrerseits wiederum zur Grundlage für die Konstruktion von Identitäten wird. Zum dritten ermöglichte der Leitbegriff die Auseinandersetzung mit denjenigen Kräften, die außerhalb der Fachwissenschaft die Geschichtsbilder einer weiteren Öffentlichkeit prägen, also vor allem denjenigen, die über das Fernsehen ihre Geschichtserzählungen verbreiten. So kann von einer klaren „Erwartung“ hinsichtlich eines neuen Trends, mit der man zum Historikertag reiste, nicht gesprochen werden.
Um das Ergebnis gleich vorweg zu nehmen: Es war vor allem der zweite Bereich, die Bedeutung von Geschichtsbildern für kollektive Identitäten, an dem sich die althistorischen Beiträge an das Leitthema des Historikertages anschlossen. Der iconic turn hat die Altertumswissenschaft bislang nicht erreicht, und das wurde besonders dort deutlich, wo „GeschichtsBilder“ nicht metaphorisch verstanden wurde, was aber nur selten, etwa in den Beiträgen von Peter Scholz und Ortwin Dally, der Fall war.
Auch eine Auseinandersetzung mit populären Formen der Vermittlung historischen „Wissens“ fand aus einer speziell althistorischen Perspektive nicht statt, wohl nicht zuletzt deshalb, weil man als Althistoriker zwar alljährlich – häufig zur Weihnachtszeit – mit „Caesar“, „Augustus“, „Kleopatra“ oder „Vercingetorix“ konfrontiert wird, allein vom Umfang her das Problem aber weitaus weniger ausgeprägt ist als in der Zeitgeschichte.
Dass darüber hinaus auch die zweite Anforderung an einen Querschnittsbericht, nämlich das Aufspüren von aktuellen Forschungstrends innerhalb des Historikertages, kein ganz einfaches Unterfangen ist, soll im Folgenden beim „Durchgang“ durch die Sektionen begründet werden.
Überblick über die Sektionen
Den Beginn machte am 20. September die Sektion „Klio polytropos: Geschichtsbilder vor und neben der Geschichtsschreibung“.
[2]
Ausgehend von der vor allem außerhalb der Alten Geschichte virulenten Frage nach der Bedeutung nichthistoriografischer Memoria wurde interdisziplinär nach der sozio-politischen Bedingtheit von Vergangenheitsvorstellungen und dem Verhältnis derselben zu den Formen ihrer Medialität gefragt. Diese beiden Komplexe erörterte zunächst Hans-Joachim Gehrke, der einen Überblick über die augenblickliche Forschungsdiskussion gab, und sein Konzept der „intentionalen Geschichte“, also von Geschichte im Sinne eines für eine Gesellschaft formativen Textes, vorstellte.
[3]
An diese einleitenden Überlegungen schlossen sich die Vorträge der Sektion an: Zunächst widmete sich Jonas Grethlein mit seinem Beitrag „‚Reading’ the Archaeology of the Past. Die Hermeneutik von Monumenten und Überresten in der Ilias” der Bedeutung von materiellen Hinterlassenschaften als einer Form von „Vorvergangenheit“ vor der Vergangenheit der Epen. Ortwin Dally, der das Motto des Historikertages, wie gesagt, in nicht-metaphorischer Weise verstand, ging in seinem Vortrag auf die „Visualisierung von Vergangenheitsvorstellungen im antiken Griechenland“ ein. Sebastian Brather beschrieb frühmittelalterliche Bestattungen als performative Akte, in denen die Stellung des Verstorbenen nicht allein kenntlich gemacht, sondern zugleich in die Zukunft reichende Ansprüche seiner Verwandtschaft angemeldet wurden, und Sri Kuhnt-Saptodewo zeigte abschließend am Beispiel Javas, wie im Tanz Vergangenheit bewahrt und vergegenwärtigt wird.
Am Nachmittag widmete sich Peter Scholz im Rahmen der Sektion „Adelsbilder von der Antike bis zur Gegenwart“ mit seinem Beitrag zu „Vom kouros zum togatus. Öffentliche Bildnisse griechischer Aristokraten und römischer Senatoren“ der bildlichen Darstellung Adliger und verglich archaische Kouroi-Statuen, eine hellenistische Reiterstatue Alexanders des Großen, eine römische Toga-Statue und ein kaiserzeitliches Reiterstandbild unter der Fragestellung, inwieweit sich aus diesen Rückschlüsse auf den Habitus der griechischen und römischen Führungsschicht ziehen ließen.
[4]
Dabei versuchte er zu zeigen, wie über die kouroi die arete der Verstorbenen, über die hellenistischen Reiterstatuen die militärische Tüchtigkeit des Dargestellten hervorgehoben werde, während in Rom die politische Tüchtigkeit betont werde. Allerdings blieb er mit seiner Analyse – und das ist an dieser Stelle durchaus nicht abwertend gemeint – im Rahmen konventioneller Bildanalysen, wobei darüber hinaus die Frage erlaubt sein muss, ob die gewählten Darstellungen tatsächlich als repräsentativ für das Bild des Adligen in einer bestimmten Zeit gelten dürfen.
Aus dem DFG-geförderten wissenschaftlichen Netzwerk „Die lokalen Eliten unter den hellenistischen Königen“ ging die gleichnamige Sektion des Donnerstagmorgens hervor.
[5]
Das Ziel dieses Netzwerkes ist die „zusammenfassende und strukturierende Analyse der Bedeutung lokaler Eliten für das Funktionieren der hellenistischen Monarchien“
[6]
, wie sie für die griechisch-makedonischen Monarchien in den letzten Jahren vorgelegt worden ist. Dagegen haben die Eliten außerhalb Makedoniens und unterhalb der an den Höfen der hellenistischen Monarchen angesiedelten Verwaltung bisher weitaus weniger Beachtung gefunden. In den Vorträgen von Stefan Pfeiffer, Peter Franz Mittag, Boris Dreyer und Raimund Schulz standen vier Komplexe im Mittelpunkt: das Verhältnis der lokalen Eliten zur übrigen Bevölkerung der Region, die Erwartungen der lokalen Eliten an den König, die Erwartungen der hellenistischen Könige an die Eliten und schließlich die Ziele, die die lokalen Eliten verfolgten. Diese Komplexe wurden anhand der Stellung der Tobiaden im ptolemäischen Koilesyrien (Pfeiffer), Bayloniens unter den Seleukiden (Mittag), der lokalen Eliten unter der Herrschaft der Attaliden (Dreyer) und den Verhältnissen der griechischen Eliten unter der Herrschaft Roms (Schulz) verfolgt. Dabei sicherte das gemeinsame Frageraster die Vergleichbarkeit der erzielten Ergebnisse.
Diese Kohärenz wurde am Freitagvormittag in der Sektion „Zur Konstruktion von Biographien in der Antike“ sicherlich nicht erreicht. Dazu unterschieden sich die Vorträge nicht nur zeitlich, sondern auch in Hinblick auf die soziale Verortung der untersuchten Zielgruppen und schließlich auch von den gewählten Ansätzen her zu stark voneinander. Zunächst widmete sich Christoph Schuler dem „Bürgerbild in der hellenistischen Polis“ und untersuchte die Entwicklung der so genannten „Lebenswerkdekrete“, also ehrenden Inschriften, in denen das gesamte Leben des Geehrten aufgezeichnet wurde. Schuler verglich diese mit literarischen Formen biografischer Erzählungen und fragte nach ihrer Stellung für die Darstellung des Einzelnen innerhalb der polis. Im zweiten Beitrag thematisierte Johannes Nolle Ursachen für die weitgehend negative Rezeption Kaiser Hadrians innerhalb der antiken Geschichtsschreibung, bevor sich Rudolf Haensch dem Selbstverständnis des subalternen Personals der römischen Reichsadministration zuwandte. Den Abschluss der Reihe bildete der Vortrag von Claudia Rapp „From Stone to Vellum: Epigraphy and Hagiography in Late Antiquity“. In diesem standen die Verbindung von Grabinschriften und hagiografischen Texten sowie die Vergleichbarkeit ihrer Funktion im Mittelpunkt der Untersuchung.
Die letzte Sektion am Freitagnachmittag behandelte das Thema „Feiern und Erinnern. Geschichtsbilder im Spiegel antiker Feste“ unter der Fragestellung, wie in Festen Geschichtsbewusstsein geschaffen, Geschichte und Gegenwart miteinander sinnvoll verknüpft und auf diese Weise kollektive Identitäten reproduziert wurden. Diese Form der Entstehung von Identität wurde in vier Vorträgen durch Hans Beck, der leider erkrankt war und dessen Beitrag durch Uwe Walter verlesen wurde, für die griechische polis in klassischer Zeit, Hans-Ulrich Wiemer für die Zeit des Hellenismus, Rene Pfeilschifter für die römische Republik und schließlich Ralf Behrwald für die Kaiserzeit verfolgt.
Trends in der Alten Geschichte?
Geht man von diesem Überblick aus, so ist ein erster „Trend“ sofort erkennbar: Es lässt sich eine zeitliche Verschiebung ausmachen. Im Gegensatz zu anderen Historikertagen war die Epoche des Hellenismus mit einer eigenen Sektion und regelmäßiger Berücksichtigung in den anderen althistorischen Sektionen stark vertreten, während etwa die Spätantike eher schwach repräsentiert wurde. Dies entspricht einem Eindruck, den man in letzter Zeit auch über den Historikertag hinaus gewinnen konnte.
Deutlich schwieriger wird es mit den Themen und Ansätzen, denen man zuschreiben möchte, aktueller Forschungstrend zu sein. Fasst man die Sektionen unter diesem Kriterium zusammen, so lassen sich die Sektionen unter drei Überschriften subsumieren: „Biografie“, „Eliten“ und „Erinnerung“. Nun handelt es sich hierbei zwar um Themen der aktuellen Forschung in der Alten Geschichte, wie sie sich auf dem Historikertag darstellten, ob sich aber zu Recht von „Forschungstrends“ sprechen lässt, die es nach der Arbeitsanweisung durch die Herausgeber von H-Soz-u-Kult aufzuspüren galt, darf bezweifelt werden. Wenn man von einem „Trend“ spricht, so intendiert dies doch wohl eine Bewegung auf etwas zu, oder in diesem speziellen Fall neue Themenfelder, Fragestellungen, Theorieansätze oder Methoden, die in den Horizont der Forschung gelangen, und von denen man erwarten darf, dass sie in den kommenden Jahren die Diskussion prägen werden. Dies gilt aber für alle oben dargestellten Forschungsfelder nur in sehr eingeschränktem Maße.
Zunächst zum Themenschwerpunkt „Biografie“: Die Beschäftigung mit der Konstruktion von Lebensbildern und dem dazugehörenden literarischen Genre der Biografie ist, wie Christoph Schuler in seiner Einleitung zur Sektion selbst ausführte, nicht gerade per se ein Desiderat der althistorischen Forschung. Seit Friedrich Leos grundlegender Untersuchung „Die griechisch-römische Biographie nach ihrer litterarischen Form“ sind eine ganze Reihe von Arbeiten zu diesem Bereich erschienen, wobei gerade in den letzten Jahren etwa mit dem Sammelband „La biographie antique“ oder Holger Sonnabends „Geschichte der antiken Biographie. Von Isokrates bis zur Historia Augusta“ einschlägige Publikationen erschienen sind.
[7]
Dagegen wurde nun versucht, die Frage nach der Konstruktion von Lebensbildern an neuem Material, so etwa durch Wolfgang Schuler anhand von hellenistischen Inschriften, sichtbar und die Beziehung zwischen verschiedenen Medien, wie etwa der Lebensbeschreibung und epigrafischem Material, deutlich zu machen.
Gleiches gilt sicher auch für den Bereich der Vorträge zu Eliten in der Sektion „Lokale Eliten unter den hellenistischen Königen“ und dem althistorischen Beitrag von Peter Scholz in der epochenübergreifenden Sektion „Adelsbilder von der Antike bis zur Gegenwart“. Allein aufgrund der Quellenlage für antike Gesellschaften, die in erster Linie Auskünfte über die Lebensumstände von Oberschichten gibt, sind Eliten als Forschungsthema in der althistorischen Forschung schon immer prominent vertreten gewesen. Dies gilt auch für die Eliten der zweiten Reihe, also etwa städtische Oberschichten. Gewinnbringend an der Sektion waren insofern die Untersuchung bisher wenig berücksichtigter Gesellschaften und die klarere Systematisierung des Fragerasters.
Am deutlichsten zeigt sich das Fehlen auf Anhieb als "neu" einzuschätzender Forschungstrends beim Thema der „Erinnerung“, die sowohl in der Sektion „Klio polytropos: Geschichtsbilder vor und neben der Geschichtsschreibung“ als auch in der Sektion „Feiern und Erinnern. Geschichtsbilder im Spiegel antiker Feste“ den Leitbegriff der vorgetragenen Überlegungen bildete. Nun ist „Erinnerung“ und ihre Bedeutung für die Konstruktion kollektiver Identitäten zwar sicher eines der zentralen Themen der Alten Geschichte, aber das ist mittlerweile auch schon seit einer ganzen Reihe von Jahren. Seit mit Jan Assmanns Monografie über das kulturelle Gedächtnis die Ideen von Maurice Halbwachs in Deutschland bekannt gemacht und nur wenig später auch innerhalb der Alten Geschichte rezipiert wurden, sind mittlerweile 14 Jahre vergangen, in denen es zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den grundlegenden Thesen sowie zur Anwendung des Ansatzes auf die einzelnen Abschnitte antiker Geschichte gekommen ist.
[8]
Die Folgen dieser eingehenden Beschäftigung mit dem Thema "Erinnerung" in den letzten Jahren zeigten sich, wie auch bei den anderen Bereichen, darin, dass auf dem Historikertag versucht wurde, die vertrauten Fragen an neue Quellen heranzutragen, also neue und bisher nicht untersuchte Orte der Identitätsstiftung aufzutun, an denen die bekannten Kausalbeziehungen nachgewiesen werden können. Die Schwierigkeiten ergeben sich nun daraus, dass einige Einzeluntersuchungen mit Blick auf die disparate Quellenlage bisher aus guten Gründen noch nicht unternommen worden sind. Dass etwa Feste Orte der Identitätsstiftung darstellen, ist prinzipiell nicht zu bestreiten und gehört in dieser Allgemeinheit zu den unbestrittenen basics des Faches. Ob sich diese Funktion jedoch an Festen nachweisen lässt, von denen im Wesentlichen zwar der Name bekannt, aber schon der Ablauf nur noch in groben Umrissen überliefert ist und sich zu Ausmaß der Beteiligung, Perzeption durch die Anwesenden, unterschiedlichen Deutungen innerhalb der Beteiligten usw. keinerlei Aussagen treffen lassen, ist kritisch zu bewerten.
Insgesamt sollte hier nicht der Eindruck vermittelt werden, dass bei jedem Historikertag ein neuer Trend notwendig oder auch nur wünschenswert sei. Ganz im Gegenteil wäre bei solchen Trends, deren Halbwertzeit gerade einmal zwei Jahre betrüge, an ihrer Nachhaltigkeit zu zweifeln; aber das weitgehende Fehlen neuer Impulse in den althistorischen Sektionen war in Konstanz auffällig. Wenn man also in dieser Perspektive danach fragt, welche „Forschungstrends“ der Konstanzer Historikertag sichtbar gemacht hat, so wird man feststellen dürfen, dass vor allem die Ausweitung des Quellenkorpus und die Systematisierung der Frageraster im Mittelpunkt standen. Ansonsten war der 46. Historikertag – zumindest aus althistorischer Perspektive – wohl primär ein geschäftiges Warten auf den nächsten großen Trend.
Jan Martin Timmer M.A. ist wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Geschichtswissenschaften, Abt. Alte Geschichte, der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Seine Forschungsschwerpunkte sind: In-/Exklusion in antiken politischen Systemen sowie Antikenrezeption im Film. E-Mail: <jtimmer@uni-bonn.de>
[1] Vgl. die Eröffnungsrede zum Historikertag von Peter Funke, einzusehen unter: <http://www.uni-konstanz.de/historikertag/download/Funke_Eroeffnungsrede.pdf> (17.10.2006).
[2] Vgl. <http://www.uni-konstanz.de/historikertag/programm.php?menu=programm&sektion=ag&veranstaltung=ag2> (17.10.2006).
[3] Vgl. Gehrke, Hans-Joachim, Mythos, Geschichte, Politik: antik und modern, in: Saeculum 45 (1994), S. 239-264.
[4] Vgl. <http://www.uni-konstanz.de/historikertag/programm.php?menu=programm&sektion=eu&veranstaltung=eu6&id=219&abstract=1> (17.10.2006).
[5] Vgl. <http://www.dfg-netzwerk-elite.uni-frankfurt.de/index.html> (17.10.2006).
[6] Ebd.
[7] Leo, Friedrich, Die griechisch-römische Biographie nach ihrer litterarischen Form, Leipzig 1901; Ehlers, Widu Wolfgang (Hg.), La biographie antique, Genf 1998; Sonnabend, Holger, Geschichte der antiken Biographie. Von Isokrates bis zur Historia Augusta, Stuttgart 2002.
[8] Assmann, Jan, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, 5. Aufl., München 1999.
Mediävistik
Dorothea Weltecke
Besprochene Sektionen:
"TechnikBilder und TechnikTexte in Spätmittelalter und Renaissance"
"Bilderstreit als Argumentationsrepertoire"
"GerechtigkeitsBilder. Spiegelungen eines gesellschaftlichen Ideals im späteren Mittelalter"
Vorbemerkungen
Es war nicht der Historikertag der Mediävisten. Dabei hätte sich das Generalmotto „GeschichtsBilder“ für diese Disziplin allerdings angeboten. Denn Mediävistik befasst sich mit Kulturen, in denen Schriftlichkeit ein relativ exklusives Medium ist. Leben im Alltag, Gestaltung am Feiertag, Kommunikation und Gedächtnis, rechtliche, politische und soziale Praxis mittelalterlicher Gesellschaften wurden weithin von visuellen Mitteln, von Zeichen und Abzeichen, von Farben und Formen, von Bildern, von Gesten und bildhaften Handlungen strukturiert. Viele Einzelfragen ließen sich nennen, in denen Mediävistik in buchstäblicher oder übertragener Weise mit Bildern und bildhaftem befasst ist – nicht zuletzt mit den mittelalterlichen Geschichtsbildern selbst. Und natürlich befasst sie sich mit den modernen Bildern vom Mittelalter, mit dem Mittelalter als Metapher, mit dem sich die modernen und nachmodernen Welten durch Abgrenzung und Projektion ihrer selbst versichern.
Gerade im Augenblick werden in Deutschland zahlreiche größere und kleinere Projekte verfolgt, die sich mit dem Bereich des Sichtbaren und des Bildhaften und dem buchstäblichen Bild vom Mittelalter befassen. Bernhard Jussens Edition der Sammelbilder von Liebig ist ein aktuelles Beispiel.
[1]
Eine rege Beteiligung und eine Darstellung der verschiedenen Projekte und Ereignisse hätte man deshalb mit Bestimmtheit auf diesem Historikertag erwarten sollen. In München 1996, in Frankfurt am Main 1998, in Aachen 2000 wurden übrigens bereits Komplexe zur Geschichtskonstruktion und zum Verhältnis von Kunstwissenschaft und Geschichtswissenschaft diskutiert, die in Konstanz hätten aufgegriffen werden können. Aber man hat sich anders entschieden. Die Sektionen blieben aus, die Köpfe jedoch deshalb nicht notwendigerweise zu Hause. Überraschenderweise wurde es der Historikertag, an dem im Publikum der mittelalterlichen Sektionen zum Teil mehr etablierte Häupter zu sehen waren als auf den Podien. Auf den Podien hingegen, auch der epochenübergreifenden Sektionen, fanden sich eine Reihe jüngerer Mediävisten, die sich auch schon in Kiel beteiligt hatten und zum Teil an ihre dort vorgestellten Ergebnisse anknüpften.
Das hat Folgen für diesen Bericht. An den drei mittelalterlichen Sektionen und den drei epochenübergreifenden Sektionen lässt sich schlechterdings nichts über neuere Entwicklungen in der Mediävistik orakeln, abgesehen von der unabsehbaren und spätestens seit Kiel unübersehbaren Tendenz, den Historikertag anderen Disziplinen zu überlassen. Es kann auch keine Rede davon sein, inhaltliche Lücken aufzeigen zu wollen. Selbst Schwerpunktbildungen lassen sich nicht ausmachen. Denn die tatsächlich gebotenen Themen können bei dieser Menge weder methodisch noch inhaltlich näher miteinander zu tun haben. Sie wichen übrigens interessanter Weise auch von dem ab, was man als zentrale mediävistische Themen anzusehen sich gewöhnt hat, wenn man die aktuelle Ausstellungslandschaft und die mediävistischen Großveranstaltungen der letzten Jahre betrachtet. Das könnte im Rückblick sogar von Vorteil sein, fällt doch auf diese Weise Licht auf Bereiche, die sonst in Gefahr sind, übersehen zu werden.
Die gebotenen Ergebnisse zeigen also höchstens die methodische, inhaltliche und chronologische Vielfalt an, mit der es Historiker im Mittelalter zu tun haben. Statt also die allgemeinen Entwicklungen zu erörtern, die hier nicht abgebildet wurden, soll nach einer Übersicht über die tatsächlich behandelten Themen und Herangehensweisen die geringe mediävistische Beteiligung am Schluss wenigstens kurz problematisiert werden.
Mediävistische Sektionen
Drei Sektionen waren ausgewiesen, und damit ist die Mediävistik sogar gegenüber der traditionell eher schmal vertretenen Alten Geschichte (mit vier Sektionen) ins Hintertreffen geraten. In der chronologischen Reihenfolge ihres Stattfindens waren dies erstens eine Sektion der Technik- und Wissenschaftsgeschichte unter der Leitung von Horst Kranz (Aachen) und Rainer Leng (Würzburg) zum Thema „TechnikBilder und TechtnikTexte in Spätmittelalter und Renaissance.“ Die inhaltlich dicht gepackte Sektion vermittelte mit den Beiträgen von Uta Lindgren (Bayreuth), Gerhard Dohrn-van Rossum (Chemnitz), Horst Kranz, Ulrich Alertz (Aachen), Rainer Leng, Wolfgang Lefèvre/Marcus Popplow (Berlin) einen Einblick in die außerordentlich vielgestaltigen und auch schier unüberschaubare Menge von Bildern technischer Geräte. Sie ließ die sehr unterschiedlichen Funktionen erkennen, die diese Bilder, oder vielleicht besser Zeichnungen, für die mittelalterlichen Zeichner und Betrachter selbst hatten. Die Beiträge vermittelten außerdem eine Ahnung von den unterschiedlichen Zugängen, mit denen sie heute erschlossen und für die Technikgeschichte genutzt werden. Buchstäblich wird dies z.B. durch systematische Beschreibungen technischer Handschriften oder in Kürze mit der Hilfe einer Datenbank zu Maschinenzeichnungen möglich.
Damit meldete sich eine Spezialdisziplin zu Wort, die augenscheinlich am Anschluss an allgemeine historische Fragestellungen interessiert ist, und die, wie sich zeigte, diesen auch einiges zu bieten hat. Besonders in der Diskussion der Beiträge wurde der Kontrast zwischen den Vorstellungen von Technik im Mittelalter deutlich, die Technikhistoriker im Gegensatz zu anderen Historikern inzwischen entwickelt haben. Das lässt diese selbstbewusst auftreten: Kulturwissenschaftliche Interpretationen technischer Innovationen wie etwa der Schlaguhr als disziplinierendes Herrschaftsinstrument wurden ebenso scharf kritisiert wie das Bild vom technikfeindlichen Scholastiker. Das Bild vom Mittelalter wandelte sich erheblich, wenn die Ergebnisse der Wissenschaftsgeschichte stärker beachtet würden. Die Präsenz von Technik, Industrie (und Umweltzerstörung) im späten Mittelalter störte hier ebenso die Idylle modernisierungsgeschichtlicher Narrative wie die technische Phantasie und die Experimentierfreudigkeit spätmittelalterlicher Erfinder. Dazu gehören auch die innovativen Formen der Wissensvermittlung und der Erkenntnisgewinnung, die beide durch das Medium der Zeichnung erfolgten. Sowohl Techniker aus dem Universitäts- wie aus dem Laienmilieu bedienten sich dieses Mediums für unterschiedliche Bereiche und Stadien technischer Erfindung, Entwicklung oder Utopie. Die technischen Zeichnungen und besonders ihre Funktion als Mittel zur Erkenntnisgewinnung durch zeichnerisches Experiment stehen schließlich in äußerst anregender Weise quer zu kulturgeschichtlichen Debatten um mittelalterliche Bilder, die bisher stark von den Gemälden dominiert werden.
Es folgte eine frühmittelalterliche Sektion, die weit nach Osten ausgriff und das byzantinische Reich unter dem Titel „Bilderstreit als Argumentationsrepertoire. Zur Instrumentalisierung von Denkmustern und Begriffen der byzantinischen Bilderdiskussion im 8./9. Jahrhundert“ in den Mittelpunkt stellte. Die meisten Beiträge, von Stefan Esders (Berlin), Beate Fricke (Zürich), Bissera V. Pentcheva (Stanford) und Thomas Ertl (Berlin/Rom) kreisten um Fragen zur mittelalterlichen Bildtheorie. Diese hatte durch den Streit um die Verehrung der Bilder beziehungsweise der Ikonen in der Zeit des Ikonoklasmus in Byzanz wichtige Impulse erhalten. Für die Gegenwart zeigt die extrem differenzierte byzantinische Bildtheorie analytische Zugänge auf, die auch für andere Fragestellungen genutzt werden können. Besonders zur Geschichte von Herrschaftslegitimation in Ost und West wurde sie in dieser Sektion fruchtbar gemacht.
Byzanz wird in der Forschung und vor allem in der Lehre regelmäßig aus der Betrachtung der mittelalterlichen Welt ausgeschlossen und den Spezialdisziplinen Gräzistik und Byzantinistik überlassen, obwohl die Welt des oströmischen Kaisertums mit der lateinischen Welt bekanntlich vielfältige Kontakt hatte und auch langfristig die Geschichte und Gestalt Europas geprägt hat. Ausnahmen wie die Forschungsprojekte im aktuellen DFG-Schwerpunktprogramm 1173 „Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter“ (Michael Borgolte/Berlin; Bernd Schneidmüller/Heidelberg) bestätigen bisher noch diese Regel. Die Sektion auf dem Historikertag wurde allerdings unabhängig von diesem Schwerpunktprogramm von Thomas Ertl geleitet, der sich auch andernorts um eine geographische Öffnung der Mediävistik bemüht hat.
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Es folgte schließlich die Sektion „GerechtigkeitsBilder. Spiegelungen eines gesellschaftlichen Ideals im späteren Mittelalter“, in der sich eine anscheinend voreilig totgesagte historische Disziplin als sehr lebendig erwies und bereichert um neue Methoden, Fragestellungen und Texte zu Wort meldete. Sie wurde von Gabriele Annas (Frankfurt am Main) und Petra Schulte (Köln) geleitet. Sie führte wieder ins späte Mittelalter und konzentrierte sich auf die ausdifferenzierten Gesellschaften in Burgund, Frankreich und den italienischen Städten. Hier wurden Bilder der hohen Kunst auf ihre Auseinandersetzung mit Gerechtigkeitsidealen untersucht, namentlich Exempla-Darstellungen aus der altniederländischen Malerei und das Fresko „Buon Governo“ aus dem Palazzo Pubblico in Siena in den Beiträgen von Gabriele Annas und Ulrich Meier (Bielefeld). Diese Beiträge wurden kontrastiert durch Analysen von Petra Schulte und Michael Hohlstein (Nijmegen) von zum Teil bisher unbekannten französischen Traktaten und Stücken der italienischen Pastoralliteratur zum Problem der Gerechtigkeit. In allen Beiträgen wurden philosophie- und kunsthistorische Ergebnisse und Methoden mit einbezogen. Die Gerechtigkeitsvorstellungen wurden zugleich zu spezifischen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen am französischen Hof und in den italienischen Städten in Beziehung gesetzt. So wurden überregionale Überschneidungen und wiederkehrende gemeinsame Probleme mittelalterlichen Denkens über Gerechtigkeit sichtbar. Besonders deutlich wurde etwa die Spannung zwischen einer unbeirrbaren und ohne Ansehen der Person wirkenden und einer persönlichen, durch Umstände und Beziehungen spezifisch urteilenden Gerechtigkeit. Die Geschichte der Ideen zeigte sich hier also keineswegs als rein selbstreferenzielle, gar überholte Forschungsperspektive, sondern in neuer Weise als methodisch offene Disziplin, die wiederum das Bild vom Mittelalter und die dieser Epoche zugeschriebenen politischen und sozialen Vorstellungen zu korrigieren imstande ist.
Fragt man nach Gemeinsamkeiten zwischen diesen Sektionen, so war bereits zu sehen, dass sie weder in den Inhalten, den behandelten Regionen, noch in den Epochen zu finden sind. Auch boten sie sich nicht im vorgeführten Bildmaterial. Technische Zeichnungen, byzantinische Ikonen und monumentale, repräsentative Gemälde in städtischen Räumen, die Tugenden und antike Exempla darstellen, haben in Wirklichkeit wenig miteinander gemein. Über die nichtschriftlichen Hinterlassenschaften hinaus war in den mittelalterlichen Sektionen unter der Bezeichnung „Bild“ ebenfalls sehr unterschiedliches versammelt, von der einfachen Dar- oder Vorstellung bis hin zur entfalteten Theorie, sowohl des Mittelalters als auch der Gegenwart. Begriffliche Differenzierungen neben dem Wort „Bild“ waren auf diesem Historikertag nicht gefragt und werden hier auch nicht eingeklagt. Denn es sollte der Blick gerade durch die Entgrenzung geschärft werden, die ein sehr offenes Wort leisten kann, und eben diese Anregung haben alle drei Sektionen außerordentlich überzeugend umsetzen können.
Gemeinsam war den Sektionen vielmehr eher eine erfrischende Unbekümmertheit in Bezug auf die sonst besonders hoch gehandelten Themen und eben auch die aktuellen Tabus. Kulturwissenschaftliche Terminologie existierte friedlich neben ideengeschichtlichen, sozial-, kunst- und wissenschaftsgeschichtlichen Fragestellungen. Die Ergebnisse ganz unterschiedlicher Regional- und Spezialdisziplinen wurden gekonnt miteinander verbunden und für die Analyse fruchtbar gemacht. Im Mittelpunkt standen überall klar benannte, spezifische Probleme, die quellenkonzentriert und sprachlich wie theoretisch reflektiert entwickelt wurden.
Mediävistische Präsenz in epochenübergreifenden Sektionen
Ergänzend seien die übergreifenden Veranstaltungen betrachtet, in denen mittelalterliche Themen aufgegriffen waren. Diese sollen nur kurz gestreift, doch nicht im Detail aufgezählt werden, um sie im Hinblick auf die Präsenz der Mittelalterstudien auf dem Historikertag zu betrachten. Denn die Bandbreite der in Konstanz vertretenen mittelalterlichen Fragestellungen und Disziplinen erhöht sich durch diese Beiträge durchaus. Hier zeigten sich dann auch die Themen, die auf dieser Veranstaltung zu erwarten waren und die womöglich eher als repräsentativ gelten mögen.
So waren selbstverständlich Mediävisten auf der Sektion von Michael Matheus (Rom) zu „Eigenbild im Konflikt: Zur Selbstdeutung von Päpsten in Mittelalter und Neuzeit“ vertreten. Auch zu Fragen der Entwicklung des Bildes vom Adel und zur Herrschaftsrepräsentation im Allgemeinen beteiligten sie sich jeweils mit Spezialuntersuchungen. Dies war auch in der großen Sektion „Kriegs-Bilder“ von Ulrich Gotter (Konstanz), Birgit Emich (Freiburg) und Gabriela Signori (Konstanz) und in der übergreifenden Sektion zur Geschlechtergeschichte der Fall. Und auch in methodischen Sektionen wie „Beruhen Geschichtsbilder auf Bildern“ von Achatz von Müller (Basel) und Lucas Burkart (Basel) waren Mediävisten zu finden. Norbert Schnitzler (Chemnitz)/Ulrich Meier (Bielefeld) befassten sich hier mit der narrativen und ikonografischen Produktivität einer Exempelerzählung in einer judenfeindlichen Agitation und in späteren historischen Legitimierungsstrategien. Besonders zu nennen ist außerdem die in der Neuen Geschichte aufgeführte Sektion „Die historische Bildwissenschaft in Deutschland 1880-1930 und ihr Neubeginn nach 1945“ von Jens Jäger (Köln) und Martin Knauer (Hamburg). Wissenschaftsgeschichtlich aufgearbeitet wurde hier von Lucas Burkart die Position des Mediävisten Percy Ernst Schramm für die Historische Bildwissenschaft und seine Beziehungen zur Warburgschule.
In diesen epochenübergreifenden Sektionen ließen sich ähnliche Gemeinsamkeiten beobachten wie in den mittelalterlichen Sektionen: Nicht so sehr die großen, inhaltlichen Fragen, selbst, wenn es solche nach Herrschaft, Papsttum, Adel oder Geschlecht sind, scheinen die Forschungsinteressen der Mediävisten zu bündeln. Es sind auch nicht ähnliche Quellen, die im Vordergrund stehen. Exempla, literarische Texte und Selbstzeugnisse im weitesten Sinn werden ebenso herangezogen wie Rechtsquellen oder theoretische Traktate unterschiedlichster Provenienz. Ähnlich wie an den vergangenen Historikertagen lässt sich insgesamt eine etwas größere Dichte an Beiträgen im späten Mittelalter beobachten, doch erscheint das frühe und hohe Mittelalter keineswegs abgekoppelt. So sind es nicht die Themen und Epochen, sondern eher eine methodische Ungebundenheit, die die Beiträge aneinander annähert. Es herrschte auch hier in der Regel die Konzentration auf die Fragestellung, für die die analytischen Mittel der Wahl je nach Nutzen eingesetzt wurden. Gleichzeitig gingen die Beiträge inhaltlich durch punktuelle Forschungen eher getrennte Wege.
Diesem doch bemerkenswerten Stand der Dinge wurden die übergreifenden methodischen oder wissenschaftsgeschichtlichen Vorträge oft nicht gerecht. Dort wurde vielmehr zum Beispiel die wohlfeile und inzwischen auch nicht mehr ganz neue Kritik an der methodischen Unbeholfenheit und Unwilligkeit der Historiker im Umgang mit Bildern wiederholt, denen man erst noch beibringen muss, dass Bilder keine Fenster zur Wirklichkeit sind, beziehungsweise denen man umgekehrt zeigen muss, in welcher Weise sie es eben doch sein können, je nach theoretischem Ausgangspunkt. Strategische Abgrenzungen dieser Art drohen höchstens methodische Erfahrungen und Ergebnisse des letzten Jahrhunderts wie der aktuellen Gegenwart zu verdecken, als dass sie sie nutzbar machen würden. So zeigten diese übergreifenden Beiträge gerade im Kontrast zu den Sektionen, in denen die Entwicklung längst über diese strategischen Debatten hinaus gegangen ist und in denen die Zusammenarbeit problemzentriert offenbar bestens funktioniert, dass es in der Gegenwart womöglich vor allem an gründlichen Bestandsaufnahmen und an neuen Synthesen fehlt. Die Arbeit in den Sektionen und auch der mediävistische Beitrag zum Habilitandenforum (Sabine von Heusinger (Mannheim) haben jedenfalls gezeigt, dass solche Synthesen in Zukunft überraschende, neue Bilder vom Mittelalter produzieren könnten. Diese werden das Mittelalter womöglich weniger mittelalterlich erscheinen lassen.
Fazit
Woran hat es nun gelegen, dass so wenige Sektionen angemeldet worden sind? Die Gelegenheit war günstig, in den Pausen und auf den Gängen nach Einschätzungen zu fragen. Einige Antworten seien hier zusammengefasst. Der Anmeldungsprozess wird gerade von etablierten Herrschaften des Faches als gängelnd empfunden. Doch sind von diesen Bedingungen die anderen historischen Disziplinen in derselben Weise betroffen. Viele nahmen an, dass es inzwischen für Mediävisten andere Verpflichtungen gibt, die die Kollegen davon abgehalten haben, in Konstanz eine Sektion aufzustellen. Eigene Standesorganisationen existieren, deren Zusammenkünfte Energien binden. Auch das gilt für die anderen Disziplinen in derselben Weise. So erscheinen dergleichen formale Überlegungen die eigentliche Frage nur zu verschieben.
Verspricht sich die Mediävistik etwas von der Institution des Historikertages oder nicht? Welche Rolle soll er in der Zukunft für die Präsentation des Faches spielen? Soll und kann er in der Forschung und in der Kommunikation der Forschungsergebnisse von Bedeutung sein? Oder sind inzwischen für Mediävisten andere Konstellationen interessanter geworden? Sollten die Fachvertreter die Vermittlung ihrer Ergebnisse im Rahmen der Geschichtswissenschaft und der Geschichtsdidaktik nicht ernster nehmen? Das Mittelalter ist in den Schulen immer weiter zurückgedrängt worden. Ähnliches wiederholt sich im Augenblick bei der Aufstellung der neuen Studienordnungen. An vielen Orten wird, gemäß der neuen Bachelor- und Masterstudienordnungen, alternativ zwischen Veranstaltungen zur Alten oder Mittelalterlichen Geschichte gewählt. Beide zusammen erreichen kaum einen den neuzeitlichen Disziplinen vergleichbaren Umfang, obwohl die Verständnishürden und also der didaktische Bedarf erheblich sind – von der Zeitspanne, die auf diese Weise in einigen Semesterwochenstunden zusammengedrängt ist, ganz abgesehen. Es gäbe daher Grund genug, gerade auf dem Historikertag über methodische Fragen und die Relevanz der eigenen Disziplin zu reflektieren. So wird man abschließend nur noch hoffen dürfen, dass die Anzahl von drei Sektionen die Grenze ist, unter die die mediävistische Präsenz auf dem Historikertag nicht mehr sinken kann.
Dr. Dorothea Weltecke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Geschichte des Mittelalters der Georg-August-Universität Göttingen. Aktuelle Forschungsbereiche: Wissenschafts- und Historiografiegeschichte, Grenzgänge zwischen Orient und Okzident, Geschichte der religiösen Devianz. E-Mail: <dweltec@gwdg.de>
[1] Jussen, Bernhard, Liebig’s Sammelbilder. Vollständige Ausgabe der Serien 1 bis 1138 (Atlas des Historischen Bildwissens 1), Berlin 2003.
[2] Vgl. u.a. Ertl, Thomas, Der China-Spiegel. Gedanken zu Chinas Funktionen in der deutschen Mittelalterforschung des 20. Jahrhunderts, in: Historische Zeitschrift 280 (2005), S. 305-344.
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