Beyrau, Dietrich; Hochgeschwender, Michael; Langewiesche, Dieter (Hrsg.): Formen des Krieges. Von der Antike bis zur Gegenwart. Paderborn u.a.: Ferdinand Schöningh Verlag 2007.
ISBN: 978-3-506-76368-6; 522 S. Rezensiert von: Werner Bührer, Technische Universität München Der „umgangssprachliche Krieg“ taucht in dieser Typologie zwar noch nicht auf, doch ansonsten bietet der im Zusammenhang mit dem Tübinger Sonderforschungsbereich „Kriegserfahrungen – Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit“ entstandene Sammelband einen umfassenden und hochaktuellen Überblick über Erscheinungsformen und Charakteristika des Krieges seit dem 8. Jahrhundert v.Chr. Die Besonderheit dieses Forschungsvorhabens ist es, Erfahrungen ins Zentrum zu rücken, also „Handlungen, Wahrnehmungen und Reflexionen von Personen..., sei es der Akteure während des Geschehens oder in rückblickender Deutung“ (S. 10). Eine solche erfahrungsgeschichtliche Typologisierung von Kriegen ist zwar sehr reizvoll und auf jeden Fall erkenntnisträchtiger als eine Unterscheidung etwa anhand waffentechnischer Kriterien – aber auch, wie Christoph Mick, einer der Autoren, lakonisch anmerkt, „schwierig“ (S. 325).
Erfahrung als eine „Vermittlungsinstanz zwischen subjektiver – individueller oder kollektiver – deutender Wahrnehmung und einem dadurch geleiteten Handeln liegt“, so konstatieren die Herausgeber in ihrer Einführung, die aber auch als Zusammenfassung der folgenden 21 Beiträge gelesen werden kann, „quer zur gängigen Typisierung von Kriegen nach ihren dominanten Mustern“ (S. 12). Typenbildung ist bekanntlich nur möglich, „indem das Geschehen durch Hervorhebung und Ausblendung von Aspekten in seiner Komplexität reduziert“ wird, um so „übergreifende Muster“ erkennen zu können (S. 13). Epochengrenzen verlieren deshalb an Bedeutung, erfahrungsgeschichtliche Ansätze entdecken eher Kontinuitäten. Der Widerspruch, den die These von den „Neuen Kriegen“ des ausgehenden 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts von den fünf Autorinnen und 19 Autoren fast ausnahmslos erntet, überrascht insofern nicht – ebenso wenig wie die Neigung, bisher gängige Zäsuren zu relativieren, wie Ute Planert dies am Beispiel der Französischen Revolution mit Verve demonstriert.
Nach einem begriffsgeschichtlich angelegten Beitrag – Nikolaus Buschmann, Christoph Mick und Ingrid Schierle zeigen anhand einer Untersuchung deutscher, russischer und sowjetischer Lexika, wie die „typologische Erfassung des Krieges“ vom 18. ins 20. Jahrhundert „an historischer Tiefenschärfe und systematischer Komplexität“ (S. 48) gewann – gehorchen die folgenden Aufsätze einer lockeren chronologischen Ordnung. Martin Zimmermann provoziert in seinem Beitrag über „antike Kriege zwischen privaten Kriegsherren und staatlichem Monopol auf Kriegführung“ mit der These, dass die „vermeintlich neuen Kriegstypen beinahe kontinuierlich in den letzten drei Jahrtausenden nachweisbar“ seien (S. 52). Mit dem „mittelalterlichen Krieg“ setzt sich auf hohem methodisch-theoretischem Niveau Hans-Henning Kortüm auseinander, indem er zunächst allgemeine Überlegungen zu den Problemen einer Typologisierung anstellt, ehe er sich eventuellen Spezifika dieses Kriegstyps zuwendet und zu dem Ergebnis gelangt, dass es „keine spezifisch mittelalterlichen Kriegstypen, sondern nur Kriege im Mittelalter“ gebe (S. 98). Die nächsten Stationen sind die Frühe Neuzeit und die Kabinettskriege insbesondere des 18. Jahrhunderts mit Beiträgen von Anton Schindling und Frank Göse. Anschließend setzt sich Ute Planert, wie erwähnt, kritisch mit der gängigen Auffassung von den Kriegen im Gefolge der Französischen Revolution bis hin zu den napoleonischen Kriegen als einer Zäsur zwischen „Kabinettskrieg alten Stils“ und „Volkskrieg“ auseinander (S. 149). Ihr Fazit lautet, dass sich „die Französischen Kriege besser in ein Konzept evolutionären Wandels als in ein Schema revolutionärer Veränderung einordnen“ ließen (S. 162). Nikolaus Buschmann und Dieter Langewiesche begreifen die „meisten Kriege“ im Europa des 19. Jahrhunderts als „gehegte Staatenkriege“, die von den kriegführenden Nationen indes als „Volkskriege“ wahrgenommen worden seien, mit anderen Worten: „der gehegte Staatenkrieg wurde als nationaler Volkskrieg imaginiert und erfahren“ (S. 163). Im deutsch-französischen Krieg von 1870/71, den manche Forscher als Vorboten des „totalen Krieges“ deuten, seien zwar nach dem republikanischen Aufruf zum „guerre à la outrance“ die Trennlinien zwischen Kombattanten und Zivilisten verwischt worden, doch sei es nicht zu einer „systematischen Enthegung des Krieges“ gekommen (S. 194).
Die folgenden Aufsätze lenken den Blick vom Zentrum an die Peripherie Europas oder auf andere Kontinente. Katrin Boeckh beschäftigt sich mit den serbischen Aufständen von 1804 bis 1815 und deren Formwandel von der lokalen zur nationalen Revolte. Michael Riekenberg rekapituliert das Kriegsgeschehen in Lateinamerika und wendet sich dabei gegen die gängige Sicht einer Dominanz von Bürgerkriegen. Die englischen Kolonisierungskriege in Virginia und Neu-England, die im Unterschied zu den damaligen Konflikten in Europa rasch den Charakter von Vernichtungskriegen mit dem Ziel der völligen Unterwerfung der Indianer annahmen, thematisiert Georg Schild. Michael Hochgeschwender widerspricht der These, die Kolonialkriege der europäischen Mächte, der USA und Japans seien „Experimentierstätten“ der rassischen oder weltanschaulichen Vernichtungskriege des 20. Jahrhunderts gewesen, und deutet sie statt dessen „typologisch eher als – wenngleich brutaler – Ausfluss paternalistischer ‚Zivilisierungsmissionen‘“ (S. 275) imperialen Zuschnitts. Allein drei Beiträge widmen sich dem osteuropäischen Raum: Jörg Baberowski kommt zu dem Ergebnis, dass es der „staatsferne Gewaltraum“ gewesen sei, der die „Entgrenzung und Brutalisierung“ des Krieges in Russland und der Sowjetunion in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts „nicht nur ermöglichte, sondern erzwang“ (S. 309). Dietrich Beyrau präsentiert am Beispiel des deutsch-sowjetischen Krieges eine differenzierte Aufschlüsselung des Begriffs „totaler Krieg“, während Christoph Mick das Osteuropa der Jahre 1918-1921 durch „vielerlei Kriege“ gekennzeichnet sieht. Nicola Spakowski schließlich befasst sich mit dem Volkskriegskonzept der chinesischen Kommunisten bis zum Sieg der Revolution 1949.
Die restlichen sechs Aufsätze haben übergreifende Fragen zum Gegenstand: Andreas Holzem und Hans G. Kippenberg untersuchen aus unterschiedlichen inhaltlichen und zeitlichen Blickwinkeln das Verhältnis von Religion und Krieg. Annegret Jürgens-Kirchhoff erweitert das thematische Spektrum mit ihrem durch ein Dutzend Schwarz-Weiß-Abbildungen angereicherten Aufsatz über den Wandel der Schlachtenmalerei und deren Beitrag zur Konstruktion von Kriegstypen. Michael Bothe zeichnet die Versuche nach, den Krieg völkerrechtlich zu definieren und einzuhegen, während Sven Chojnacki die politikwissenschaftlichen Bemühungen um plausible und trennscharfe Kriegstypologien vorstellt. Im letzten Beitrag des Bandes referiert der Zoologe Gerhard Neuweiler die Forschung über „Kriege“ im Tierreich, die bislang nur bei Ameisen und Schimpansen entsprechende Fähigkeiten und Handlungen belegen kann.
Der Band zeichnet sich durch eine differenzierte, im guten Sinne „streitlustige“ Auseinandersetzung mit den Problemen der Typologisierung von Kriegen aus. Großes Lob verdient auch die interdisziplinäre Anlage des Bandes: Neben einer breiten Phalanx von Historikern und Historikerinnen kommen auch andere Disziplinen wie Kunstgeschichte, Politikwissenschaft, Kirchengeschichte oder Rechtswissenschaft zu Wort. Angesichts der unterschiedlichen Zugriffe fällt es schwer, gemeinsame Befunde und Thesen zu entdecken. Die größte Einigkeit herrscht noch in der bereits erwähnten Ablehnung des Theorems von den „Neuen Kriegen“ vor: „Die sogenannten neuen Kriege sind die alten Kriege“ (S. 14), resümieren deshalb die Herausgeber. Lediglich Chojnacki appelliert an die „Fundamentalkritiker/innen der neuen Kriege“, die „Veränderungen im Kriegsgeschehen nicht vorschnell“ zu verwerfen (S. 502). Ungeachtet dieser eindeutigen Tendenz besitzt der Band durchaus handbuchartigen Charakter. Ein gewisses Unbehagen verursacht eher, dass der Untersuchungsgegenstand mitunter auf die Wortwahl abzufärben scheint: „In all diesen Kriegen konnte nur bestehen“, schreibt Baberowski in seinem Beitrag, „wer den Gegner vernichtete und ihn der Möglichkeit beraubte, sich je wieder zu erheben“ (S. 300). Friedenspolitisch sensible Leserinnen und Leser mögen darin nicht nur ein Übermaß an Einfühlungsvermögen erkennen, sondern auch einen Mangel an kritischer Distanz. HistLit 2010-2-242 / Werner Bührer über Beyrau, Dietrich; Hochgeschwender, Michael; Langewiesche, Dieter (Hrsg.): Formen des Krieges. Von der Antike bis zur Gegenwart. Paderborn u.a. 2007. In:
H-Soz-u-Kult 30.06.2010
Ceadel, Martin: Living the Great Illusion. Sir Norman Angell, 1872-1967. Oxford: Oxford University Press 2009.
ISBN: 978-0-19-957116-1; 438 S. Rezensiert von: Karl Holl, Institut für Geschichte, Universität Bremen Mit seiner 1909 veröffentlichten Schrift “Europe’s Optical Illusion“, die Norman Angell im folgenden Jahr als Buch mit erweitertem Umfang unter dem Titel „The Great Illusion“ erscheinen ließ, hatte der britische Autor die internationale Friedensbewegung um wichtige theoretische Überlegungen bereichert. Infolge der Krisenhaltigkeit der weltpolitischen Lage erwies sich das Buch am Vorabend des Ersten Weltkrieges als Bestseller. Alfred Hermann Fried rühmte den Scharfsinn von Norman Angells Argumentation, deren Wirkung über die zustimmende Aufnahme im organisierten Pazifismus Großbritanniens und Kontinentaleuropas weit hinausreichte.
Die zentrale These des Autors, die den ökonomisch kontraproduktiven Charakter militärischer Eroberungen und der Herrschaft über unterworfene Staaten behauptete, konnte begeisterter Aufnahme in der internationalen Friedensbewegung gewiss sein. Zugleich beflügelte sie pazifistisches Wunschdenken, so die Erwartung, der Krieg als historisches Phänomen sei zum Absterben verurteilt. Sein selbstkritischer Blick auf Schwächen und Lücken seiner Argumentation und heftige öffentliche Kritik veranlassten Norman Angell zu neuen Erweiterungen und Überarbeitungen seines Buches, ohne dass er dessen Kernaussagen zurücknahm. Mittlerweile hatte er die Chance entdeckt, seine Eloquenz zur Verbreitung seiner Botschaft einzusetzen und eine ausgedehnte Redetätigkeit im In- und Ausland begonnen. Das bevorzugte Land, in dem er in zahllosen Vorträgen seine Ideen präsentierte, wurden die USA, die er fast alljährlich, manchmal zweimal im Jahr, bereiste.
Als Sohn eines erfolgreichen Einzelhändlers in einer Kleinstadt in Lincolnshire geboren, hatte er die Fesseln der mütterlichen Erziehung abgestreift, die Enge seines anglikanischen Herkunftsmilieus zugunsten agnostischer Überzeugungen hinter sich gelassen und eine starke Neigung zur Bekräftigung seiner intellektuellen Unabhängigkeit entwickelt. Er hatte früh Lebenserfahrung, ja, Weltläufigkeit erworben durch Schulbesuch in Frankreich, flüchtige universitäre Studien und Theateraktivitäten in Genf, durch landwirtschaftliche Unternehmungen in Kalifornien, als Reporter regionaler Zeitungen in den USA, schließlich durch journalistische Arbeit in Paris im Dienste Lord Northcliffes und seines Blattes Daily Mail. Problemen der Außenpolitik galt von nun an sein oberstes Interesse. Die Arena politischer Publizistik betrat er 1909 absichtsvoll und endgültig mit der Veröffentlichung von „Europe’s Optical Illusion“. Er machte seinen Schritt unübersehbar, indem er anstelle seines Geburtsnamens Ralph Norman Angell Lane hinfort den Namen Norman Angell führte. Während seine Ehe mit einer Amerikanerin alsbald gescheitert war, erhielt sich seine erotisch getönte Anziehung auf gleichgesinnte Frauen, die seinen Aufstieg zu öffentlicher Anerkennung tatkräftig förderten.
In der Juli-Krise wurde Norman Angell mit seiner unverzüglich ins Leben gerufenen „Neutrality League“ zur treibenden Kraft, welche die britische Regierung vergeblich auf einen Nichteinmischungskurs festzulegen versuchte. Das Scheitern der Anstrengung führte im August 1914 zur Gründung der „Union of Democratic Control“ (UDC) und fand Norman Angell dabei in führender Rolle an der Seite von Ramsay MacDonald, Edmund D. Morel, Arthur Ponsonby und G.M. Trevelyan in ihrer Kritik an der Geheimdiplomatie. Zugleich meldeten sich bei ihm Zweifel an der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands, da er diesen Krieg eher verursacht sah durch die Hochrüstung der weltpolitischen Akteure und durch die daraus erwachsene Instabilität der Verhältnisse. Von einem Kriegsziel wie dem der Überwindung des preußischen Militarismus zeigte er sich wenig überzeugt, da er „Militarismus“ auch anderswo, so in seinem eigenen Land, am Werke sah.
Das war keine Entscheidung für einen radikalen Pazifismus. Norman Angell bestritt nicht die Notwendigkeit der Landesverteidigung. Er glaubte seine patriotische Pflicht erfüllen zu sollen, indem er sich Ende 1914 kurzfristig in den Sanitätsdienst einreihen ließ. Aber er trat nicht der „No – Conscription Fellowship“ bei, erwies jedoch den Kriegsdienstverweigern seine Sympathie. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung, die ihn nur als lästigen Pazifisten behandelte und scharfer Kritik aussetzte, reichte die Perspektive seiner Kommentierung politischer Vorgänge weiter, um sich – fast bis zum Ende seines langen Lebens – in immer neuen Wortmeldungen, so zu Fragen der Finanzpolitik, der politischen Massenbildung, der Arbeitslosigkeit, zu manifestieren.
Pragmatisches Urteil leitete Norman Angell, als er die USA zur Preisgabe ihres Isolationismus aufforderte und für ihren Kriegseintritt an der Seite der Entente warb. Mit manchen Ergebnissen des Ersten Weltkrieges, besonders mit den Auswirkungen der Friedensschlüsse für die Weltökonomie sah er seine Illusionstheorie bestätigt. Wie die UDC insgesamt gehörte er zu den Kritikern der Deutschland auferlegten Reparationsverpflichtungen.
In den 1920er-Jahren ließ Norman Angell sich in die Politik der Labour Party, zeitweilig als Mitglied des Unterhauses, involvieren, wobei er Konflikte mit der parteioffiziellen Linie, auch mit MacDonald, in Kauf nahm. Er trat Tendenzen innerhalb der Parteilinken entgegen, die Auflösung des Empire zu fördern, da er die Entstehung und Verfestigung von Nationalismus in den aus diesem Prozess hervorgehenden neuen Staaten voraussah. Angesichts der kaum verminderten Labilität der Weltlage trat er als Anhänger eines Internationalismus für eine Stärkung des Völkerbundes und für ein System kollektiver Sicherheit ein, wobei er seine führende Stellung in der League of Nations Union (LNU) zu nutzen verstand.
Den aggressiven europäischen Rechtsbewegungen begegnete er mit Misstrauen und Abwehr. Er ließ sich darin auch nicht beirren, als sich im öffentlichen Diskurs Großbritanniens gutmeinende Stimmen bereit fanden, auf die Floskel von den „Habenichtsen“ – dem faschistischen Italien und NS-Deutschland – ernsthaft einzugehen. An der berühmt-berüchtigt gewordenen „King and Country“-Debatte der Oxford Union am 9. Februar 1933 war er nicht beteiligt, obwohl er als Hauptredner vorgesehen war. Wahrscheinlich hätte er dabei auf der Seite der großen Mehrheit gestanden, die mit ihrer Resolution jede Beteiligung an einem künftigen Krieg Großbritanniens kategorisch ausschloss, denn er hätte darunter wohl die Absage an einen mit nationalistischen Argumenten geführten Krieg verstanden.
Indes blieb er sich treu, indem er sich nie auf Appeasement-Stimmungen einließ. Bereits vor dem Scheitern von Neville Chamberlains Außenpolitik stellte sich zwischen Norman Angell und Winston Churchill Sympathie ein. Eine präzise politische Verortung Norman Angells ist schwierig; sie irgendwo, irgendwie zwischen der Labour-Rechten und den Liberalen zu suchen, würde einem so unabhängigen Geist kaum gerecht. Seine Bedeutung für den politischen Diskurs des Landes wurde 1931 durch seine Erhebung in den Adelsstand gewürdigt. Sein Rang als friedenspolitischer Denker fand 1934 durch die Auszeichnung mit dem Friedens-Nobelpreis verdiente Anerkennung. Es war ihm wichtig, dass seine Ausgangsposition in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg nicht in Vergessenheit geriet. Daher die wiederholte Bemühung um die Aktualisierung seiner Illusions-Theorie durch ihre Adaption an neue Realitäten: „The Great Illusion 1933“ als Warnung vor ökonomischem Nationalismus und vor der ökonomischen Begründung expansionistischer Außenpolitik, aktuell geworden durch die japanische Ausdehnung in der Mandschurei; 1938 angesichts zunehmender außenpolitischer Aggressivität Hitlers: „The Great Illusion Now“. Die Unmenschlichkeit von Hitlers Innenpolitik spornte ihn an zur Hilfe für die aus Deutschland und Österreich nach England gelangten Flüchtlinge.
Anders als zu Beginn des Ersten Weltkrieges zweifelte er im September 1939 nicht an der Legitimität des britischen Kriegseintritts. Oberster Auftrag britischer Kriegführung war nun für ihn die Verteidigung der Freiheit, so seine Antwort auf die Frage „For What Do We Fight?“ (1939). Die Begründung hatte sich seit 1917, als seine Schrift „Why Freedom Matters“ erschienen war, nicht geändert, - er ließ sie 1940 unverändert erneut erscheinen. Abermals setzte er sich in den USA für deren Beteiligung am Krieg gegen Deutschland ein.
Ungeachtet seiner schwächlichen Gesundheit, die ihm seit Kriegsende häufiger Krankheitspausen auferlegte, verfügte er noch immer über soviel Energie, dass er sich an den großen Debatten der Zeit mit der Lust an der Kontroverse beteiligte. Der Kalte Krieg erlebte ihn als Bannerträger der Freiheitswerte bester britischer Tradition, unbeirrbar in der Ablehnung des Kommunismus. Nicht zu übersehen war seine Annäherung an konservative Positionen.
Martin Ceadel, der beste Kenner der Geschichte der britischen Friedensbewegung, hat mit der Biographie Norman Angells eine stupende Leistung biographischer Forschung und Darstellung erbracht, beeindruckend durch die dichte Nähe zu einer Vielzahl von Quellen und durch die Urteilskraft des Autors. Leider erschwert die Fülle ungewichteter Informationen gelegentlich den Überblick und den Zugang zum Verständnis der Zusammenhänge. Anerkennung verdient Ceadel für die Einfühlsamkeit, mit der er Norman Angells Charakterstruktur und Temperament zu erhellen vermag. Sein Werk ist eine unverzichtbare Ergänzung zu Norman Angells Autobiographie „After All“. HistLit 2010-2-093 / Karl Holl über Ceadel, Martin: Living the Great Illusion. Sir Norman Angell, 1872-1967. Oxford 2009. In:
H-Soz-u-Kult 04.05.2010
Sammelrez: Humanitäre Intervention und Rotes Kreuz Dempfer, Robert: Das Rote Kreuz. Von Helden im Rampenlicht und diskreten Helfern. Wien: Zsolnay Verlag 2009.
ISBN: 978-3-552-06092-0; 318 S. Walker, Peter; Maxwell, Daniel G.: Shaping the Humanitarian World. London: Routledge 2008.
ISBN: 978-0-415-77371-3; 177 S. Wilson, Richard Ashby; Brown, Richard D. (Hrsg.): Humanitarianism and Suffering. The Mobilization of Empathy. Cambridge: Cambridge University Press 2008.
ISBN: 9780521883856; 328 S. Forsythe, David P.; Ann J. Rieffer-Flanagan, Barbara: The International Committee of the Red Cross. A Neutral Humanitarian Actor. London: Routledge 2007.
ISBN: 978-0-415-34151-6; 122 S. Rezensiert von: Florian Hannig, Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Dass humanitäres Engagement nicht nur ein zentraler Aspekt der internationalen Ordnung, sondern auch des Selbstverständnisses westlicher Gesellschaften ist, hat zuletzt die Reaktion auf das Erdbeben in Haiti bewiesen. Allerdings hat die Geschichtswissenschaft bisher nur marginal wahrgenommen, dass diese Form der Hilfe eine Geschichte besitzt und damit selbst historisch ist. Aus diesem Grund sollen hier einige kürzlich zum Thema erschienene Darstellungen besprochen und Perspektiven einer historischen Auseinandersetzung aufgezeigt werden. Noch werden die Geschichten einzelner Hilfsorganisationen weitgehend von ehemaligen Aktivisten oder Politikwissenschaftlern geschrieben, so auch bei den hier zu besprechenden Büchern.
Einer der wichtigsten und der älteste humanitäre Akteur ist das Rote Kreuz. Die Politikwissenschaftler Barbara Ann J. Rieffer-Flanagan und David P. Forsythe legen in der Global-Institutions-Reihe von Routledge eine schmale Einführung über das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) vor. Das Buch stellt eine komprimierte Form von Forsythes 2005 erschienenem Buch „The Humanitarians“
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dar und gliedert sich in ein Kapitel über die historische Entwicklung und vier Kapitel zu einzelnen Aufgabenbereichen, die jeweils chronologisch beschrieben werden. Diese Struktur führt zwangsläufig zu einigen Redundanzen, was bei dem geringen Umfang des Buches etwas ärgerlich ist. Insgesamt unterscheiden die Autoren drei Aufgaben des IKRK: Entwicklung des humanitären Völkerrechts, Gefangenenbesuche und Humanitäre Unterstützung (das heißt Bereitstellung von Nahrung, Wasser, Kleidung, Unterkunft und medizinische Versorgung, aber auch Familienzusammenführungen).
Während die Darstellung aus der Global-Institutions-Reihe eine systematische, aber trockene Einführung in die Geschichte der Rotkreuzbewegung bietet, besticht „Das Rote Kreuz. Von Helden im Rampenlicht und diskreten Helfern“ von dem Rotkreuz-Mitarbeiter Robert Dempfer durch Lesbarkeit und Innensicht. Die Publikation richtet sich dezidiert an einen Leserkreis, der sich in der humanitären Szene betätigen will und stellt deshalb im umfangreichen Anhang unterschiedliche Hilfsorganisationen mit Adressen vor. Nach einem historischen Teil, in dem jeweils Problemfelder angesprochen werden, die bis heute aktuell sind, wird die Bandbreite der Rotkreuzarbeit anhand von Biographien aus jüngster Vergangenheit beschrieben: neben internationaler Krisen- und Fluchthilfe auch der Rettungssanitätsdienst. Abschließend werden prominente Unterstützer humanitärer Arbeit kontrovers bis polemisch diskutiert. Stärker als die Darstellung von Rieffer-Flanagan und Forsythe geht Dempfer auf die nationalen Gesellschaften (vor allem die deutsche und österreichische) und die Liga der Rotkreuzgesellschaften ein.
Um eine Geschichte des Humanitarismus insgesamt geht es in Peter Walkers und Daniel Maxwells „Shaping the Humanitarian World“, das ebenfalls in der Global-Institutions-Reihe erschienen ist. Das Buch gliedert sich in zwei annähernd gleich große Teile. Zunächst wird die Geschichte der humanitären Hilfe von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis ins 21. Jahrhundert geschildert und danach werden mit Staaten, internationalen und Nichtregierungsorganisationen unterschiedliche Akteure mit ihren Handlungsfeldern vorgestellt. Dabei wird in der Darstellung konsequent zwischen Hilfe bei Naturkatastrophen (natural disasters) und bei Kriegen (man-made disasters) getrennt. Insgesamt liefern Walker und Maxwell einen nützlichen Überblick vor allem über die Zeit nach 1945. Allerdings gelingt es ihnen nur selten übergreifende Aussagen über die humanitäre Bewegung zu treffen, meistens bleibt die Darstellung bei den Entwicklungen einzelner Organisationen stehen.
In dem Sammelband „Humanitarianism and Suffering. The Mobilization of Empathy”, den der Historiker Richard D. Brown und der Anthropologe Richard Ashby Wilson herausgegeben haben, werden mit der Definition von Humanitarismus und humanitären Narrativen zwei weitere Aspekte angesprochen, die in den übrigen Darstellungen keine Rolle spielen, aber für die geschichtswissenschaftliche Beschäftigung eine wichtige Perspektive aufzeigen und deshalb erst am Ende dieser Sammelrezension vorgestellt werden.
Der Gründungsmythos moderner humanitärer Hilfe setzt 1859 auf dem Schlachtfeld in der Nähe von Solferino ein. Alle drei Darstellungen (Forsythe / Rieffer-Flanagan, Dempfer und Walker / Maxwell) nehmen den Krieg zwischen Österreich auf der einen und Piemont und Frankreich auf der anderen Seite als Ausgangspunkt ihrer Erzählung. Angesichts des Grauens von unzähligen Verwundeten leistete der Schweizer Geschäftsmann Henry Dunant als neutraler Außenstehender zusammen mit Anwohnern Hilfe und schrieb seine Erfahrungen in dem 1862 erschienen Buch „Erinnerungen an Solferino“ nieder. Darin plädierte er dafür, dass bereits zu Friedenszeiten eine neutrale Hilfsorganisation bestehen solle, und dass dessen Helfer durch ein internationales Abkommen geschützt werden sollten. Forsythe und Rieffer-Flanagan zeigen aber, dass Dunants Plädoyer zu dieser Zeit nicht so singulär und originell war, wie er es zu suggerieren suchte.
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Neben dieser Vision einer Zivilisierung des Krieges gab es aber auch ganz pragmatische Interessen, die von allen Darstellungen angeführt werden, die 1863 zur Gründung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK, seit 1875 trägt es diesen Namen) und 1864 zur Verabschiedung der Genfer Konventionen führten. Durch eine Krankenversorgung der verwundeten Soldaten sollte die öffentliche Kritik an Kriegen gemildert werden, die durch schnellere und bessere Kommunikationsmöglichkeiten gewachsen war. Gleichzeitig hatte dies auch einen militärischen Nutzen, wie Robert Dempfer ausführt. Denn gekennzeichnete und neutralisierte Lazarette mussten nicht mehr weit hinter der Front liegen, was lange Transportwege ersparte, eine raschere Versorgung sicherstellte und damit militärische Ressourcen schonte. Neben das rote Kreuz traten 1929 der rote Halbmond und 2005 der rote Kristall als Schutzzeichen für Sanitätsdienste im Krieg. Allerdings versorgte das IKRK im 19. und in weiten Teilen des 20. Jahrhunderts nicht selbst die Verwundeten, sondern überließ dies den einzelnen sich schnell gründenden nationalen Rotkreuzgesellschaften. Diese wurden zunehmend abhängiger von den eigenen Regierungen und damit auch unabhängiger von der Kontrolle des IKRK.
Der Erste Weltkrieg wird von allen drei Darstellungen als Zäsur begriffen. So erweiterte das IKRK während des Krieges seinen ursprünglichen Einsatzbereich, indem es Suchdienste einrichtete und sich auch um Zivilisten und Kriegsgefangene kümmerte. Und angeregt durch das enorme Wachstum in den Kriegsjahren versuchte das Amerikanische Rote Kreuz 1919 mit der Gründung der Liga der Rotkreuzgesellschaften (seit 1991 Internationale Föderation) einen Dachverband der nationalen Gesellschaften als eine Konkurrenz zum IKRK zu schaffen. Seither wurde – mit unterschiedlichem Erfolg – eine Arbeitsteilung zwischen den beiden Organisationen vereinbart. Das internationale Komitee beschränkte sich fortan vor allem auf Hilfe bei kriegerischen Auseinandersetzungen und die Liga auf Unterstützung bei Naturkatastrophen, Epidemien etc.
Aus dem Ersten wie auch aus dem Zweiten Weltkrieg ging das IKRK als respektierte moralische Instanz hervor, die nur von humanitären Prinzipien gelenkt schien und erhielt dafür 1917 und 1944 den Friedensnobelpreis. Während Walker und Maxwell auf die Arbeit humanitärer Akteure während des Zweiten Weltkriegs nicht eingehen, thematisieren die beiden Arbeiten über das Rote Kreuz dessen Rolle angesichts des Mords an den europäischen Juden. Beide Darstellungen heben hervor, dass das IKRK der Ermordung hilflos gegenüberstand, was die Organisation noch Jahrzehnte verfolgen sollte. Außerdem hält Dempfer fest, dass sich angesichts staatlichen Terrors wenig Handlungsspielräume für humanitäre Hilfe ergäben und sich Hilfsorganisationen auf die Bedingungen des verbrecherischen Regimes einlassen müssten, um Zugang zu den Opfern zu erhalten.
Die Arbeit der Rotkreuzbewegung im Kalten Krieg ist einerseits durch eine Weiterentwicklung des humanitären Völkerrechts gekennzeichnet und andererseits durch eine Globalisierung des Handlungsbereichs. Walker und Maxwell erweitern in ihrer Darstellung aber in der Nachkriegszeit den Blick auf das Akteursfeld. Die gegenwärtige humanitäre Ordnung sehen die Autoren dabei in einer formativen Phase zwischen Zweitem Weltkrieg und dem Ende der 1960er-Jahre begründet. In dieser Zeit entstanden die wichtigsten UN-Organisationen (zum Beispiel UNHCR, UNICEF) und NGOs (zum Beispiel Oxfam, World Vision und CARE).
Der konflikthafte Prozess einer sich entkolonisierenden Welt globalisierte das Einsatzgebiet der humanitären Akteure und zwang auch das IKRK zu organisatorischer Straffung und Anpassung. Gerade der Biafra-Konflikt (1967-1970) wird von allen Darstellungen als ein Wendepunkt in der Geschichte humanitärer Hilfe begriffen. Für das IKRK war er nicht nur der erste große Konflikt, bei dem es selbst operativ tätig wurde, sondern in ihm offenbarte sich nach Rieffer-Flanagan und Forsythe ein Strategiebedarf angesichts neuer Herausforderungen wie gesteigerter Medienaufmerksamkeit, Konkurrenz durch andere humanitäre Akteure im Feld und der politischen Implikationen von Entscheidungen. Darauf reagierte die Organisation mit einer Professionalisierung des Mitarbeiterstabs. So ging zunehmend die Macht von der Versammlung (Assemblée), die bis heute ausschließlich aus 20-25 Schweizern besteht, auf den Präsidenten, die Direktion und andere Vollzeitmitarbeiter über. Für Walker und Maxwell markierte der Konflikt den Beginn einer bis heute andauernden Debatte über Neutralität oder Solidarität mit einer Opferpartei, über die Instrumentalisierung von Humanitarismus für politische Ziele und über negative Konsequenzen der Hilfe. Für Dempfer führte der Konflikt gar zum Schisma der humanitären Bewegung, da er eine neue Form der medienorientierten und solidarischen humanitären Hilfe eingeleitet habe, die sich mit der Gründung von Médicins Sans Frontières (MSF) 1971 institutionalisierte.
Maxwell und Walker gehen auf weitere wichtige humanitäre Konflikte während der Zeit des Kalten Krieges ein. So auf die Hungersnot in der Sahelzone in den 1970er-Jahren, die mit dazu führte, dass sich die humanitäre „Hungerlandkarte“ von Asien nach Afrika verschob; die Flüchtlings- und Hungerkrise in Kambodscha 1979 und die beiden Hungerkatastrophen in Äthiopien 1972-74 und 1984-85.
Das Ende des Kalten Kriegs wird wiederum von allen Autoren als Zäsur angesprochen. Für Maxwell und Walker sind die 1990er-Jahre einerseits durch enormes finanzielles Wachstum, aber auch durch Missbrauch und Misserfolg der humanitären Hilfe gekennzeichnet. Neu ist auch, dass vor allem westliche Regierungen in Krisengebiete militärisch intervenieren, um sicherzustellen, dass humanitäre Hilfe geleistet werden kann. Die Jugoslawienkriege beendeten den Optimismus nach dem Ende des Kalten Krieges und führten Helfer erstmals wieder auf europäischen Boden. Auch dass gerade in einer humanitären Sicherheitszone in Srebrenica ein Massaker stattfand und dass Hilfsorganisationen von allen Kriegsparteien in ihrer Arbeit behindert wurden, führte der humanitären Bewegung schmerzlich die Grenzen ihrer Tätigkeit vor Augen. Außerdem wurde an diesem Konflikt deutlich, wie selektiv die Wahrnehmung von und die Reaktion auf humanitäre Krisen sind. Während die europäische Krise wesentliche mediale und finanzielle Aufmerksamkeit erhielt, weckten nahezu zeitgleiche Krisen im Kongo und in Ruanda kaum Interesse. In Somalia geriet die humanitäre Ursache, die Hungersnot, für die internationale Intervention schnell in Vergessenheit und in Erinnerung blieb Somalia als Symbol für wohlmeinende Intervention, in der sich die internationale Gemeinschaft verfing. Und für Dempfer gerät die humanitäre Hilfe in den 1990er-Jahren trotz und wegen des massiven Bedeutungsgewinns in eine „Midlife-Crisis“. Humanitäre Hilfe sei zunehmend zu einem Alibi der westlichen Staaten geworden, um nicht politisch oder militärisch in Konflikte zu intervenieren. Gleichzeitig sei sie – vor allem im neuen Jahrtausend – immer stärker in militärische Operationen eingebunden worden, was zu einer enormen Gefährdung der Helfer geführt habe.
Die Periodisierungsversuche der drei Darstellungen orientieren sich weitgehend an bisherigen Arbeiten zur Geschichte der humanitären Hilfe, denen ein Expansionsnarrativ zugrunde liegt. Nach diesem erweitern sich schrittweise die Aufgaben, der geographische Zuständigkeitsraum und die Zahl der humanitären Akteure.
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Einzig der Versuch von Walker und Maxwell die Phase zwischen dem Zweitem Weltkrieg und dem Ende der 1960er-Jahre als Einheit zu sehen, ist originell, überzeugt allerdings nicht vollständig. So ist diese Zeit doch durch eine Zäsur in den 1950er-Jahren gekennzeichnet: Während humanitäre Organisationen bis dahin vor allem mit dem Wiederaufbau und den Folgen des Zweiten Weltkriegs in Europa beschäftigt waren, wendeten sie sich – auch um ihrer Auflösung zu entgehen – in den 1950er-Jahren vor allem der Entwicklungshilfe zu, also der Veränderung von strukturellen Ursachen von Armut und Not. Erst mit den Konflikten in der neuentstehenden „Dritten Welt“ wandten sich viele NGOs in den 1960er-Jahren wieder der humanitären Nothilfe nun auch außerhalb Europas zu. Diese Verschiebungen manifestierten sich auch in Namensänderungen. So strich UNICEF 1953 das ‚Emergency‘ aus seinem Namen und CARE wandelte sich von ‚Cooperative for American Remittances to Europe‘ zu ‚Cooperative for American Relief Everywhere‘. Ein Narrativ kontinuierlicher Expansion überdeckt solche Brüche und Diskontinuitäten, die noch stärker herausgearbeitet werden müssten. Andererseits können die späten 1960er-Jahre tatsächlich als eine Zäsur begriffen werden, die den gegenwärtigen Humanitarismus einleitete, dessen Fokus auf der so genannten Dritte Welt liegt und bei dem die UN eine wichtige Rolle spielen. Die späten 1960er-Jahre können insofern als zweiter Schub einer „Unoisierung“ des humanitären Feldes begriffen werden. So wurde 1967 erstmals im Sicherheitsrat Bezug auf das humanitäre Völkerrecht genommen
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, die Diskussionen um eine Rolle des Sekretariats bei humanitärer Hilfe kamen durch die Konflikte in Biafra, das Erdbeben in Peru (1970) und den Zyklon (1970) und Bürgerkrieg in Ostpakistan (1971) wieder in Gang und führten 1971 zum Beschluss ein ‚United Nations Disaster Relief Office‘ zu schaffen.
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Auch UNICEF wandte sich seit den späten 1960er-Jahren wieder humanitärer Hilfe zu
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und der UNHCR – bis dahin ein eher unbedeutender Akteur – nahm während der Flüchtlingskrise, die durch den Bürgerkrieg in Ostpakistan ausgelöst wurde, eine koordinierende Rolle der Hilfsaktionen ein.
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Im Unterschied zur ersten Phase der „Unoisierung“ der humanitären Hilfe in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die durch die Errichtung von zeitlich befristeten Institutionen bestimmt war, die sich auf Europa konzentrierten, zeichnet sich der zweite Schub dadurch aus, dass UN-Einrichtungen humanitäre Aufgaben nun dauerhaft und global wahrnehmen wollten.
Die Diskussion um die Neutralität von humanitärer Hilfe beherrscht alle drei bisher angesprochenen Bücher. Neutralität wurde 1965 als einer von sieben Grundsätzen für humanitäres Handeln vom IKRK festgelegt, war aber seit Beginn der Organisation ein handlungsleitendes Prinzip. Neutralität bedeutet, dass die humanitäre Organisation während eines Konfliktes (und beim IKRK auch danach) für keine Seite Partei ergreift, was auch Schuldzuweisungen miteinschließt. Dies soll das Vertrauen aller Kriegsparteien in die Arbeit der Hilfsorganisationen sicherstellen. Zu unterscheiden ist Neutralität von Unparteilichkeit, die auch als einer der sieben Grundsätze festgehalten ist und gewährleisten soll, dass bei der Zuteilung von Hilfe nur das Kriterium der Not ins Gewicht fällt.
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Aber bereits während des Biafra-Konflikts wurde Neutralität als Grundsatz nicht nur angegriffen, sondern selbst von Rotkreuzmitarbeitern gebrochen. Eines der interessantesten Kapitel von Dempfers Buch ist dem französischen Außenminister und Gründer von Ärzte ohne Grenzen, Bernard Kouchner gewidmet. Kouchner arbeitete während des Biafra-Konfliktes für das Französische Rote Kreuz. Doch das dem Neutralitätsgrundsatz geschuldete Schweigeabkommen konnte Kouchner in dem Bürgerkrieg zwischen der Bundesrepublik Nigeria und der sezessionistischen Republik Biafra nicht halten, da ihn dieses seiner Meinung nach zum Komplizen eines Gemetzels machte. Aus diesem Verständnis heraus wurde 1971 Médicins Sans Frontières gegründet. Diese neue Organisation wollte, laut Dempfer, zwar auch unparteilich, aber eben nicht neutral sein.
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Zeugenschaft gehörte für sie zur Hilfe und die neue Bedeutung des Fernsehens kam MSF dabei zugute, da es dies für seine Zwecke besser als alle anderen Hilfsorganisationen zu nutzen wusste. Dempfer sieht in der Abwendung vom Neutralitätsgrundsatz – die er auch als eine Folge von „1968“ bzw. als eine von 68ern vorangetrieben Entwicklung begreift – eine Gefahr für den Humanitarismus, weil sie nicht nur seine Voraussetzung – den Zugang zu Opfern –, sondern auch die Helfer bedrohe. Die Grenze zwischen politisch-militärischem und humanitärem Handeln ist für Dempfer, aber auch für Forsythe und Rieffer-Flanagan essentiell. Aus dieser Unterscheidung leiten sie einerseits ein humanitäres Selbstverständnis ab, nach dem Humanitarismus auf Notlinderung beschränkt ist und die Ursachenbekämpfung von Not gerade nicht humanitär sei. Andererseits manifestiere sich dieses Humanitarismusverständnis nur noch in der Rotkreuzbewegung, wodurch neutrale und diskrete Hilfe ihr Alleinstellungsmerkmal markiert und damit das IKRK heute relevanter denn je mache.
Walker und Maxwell gehen ebenfalls auf die Debatten um Neutralität vor allem seit der Jahrtausendwende ein. Aus den Misserfolgen der 1990er-Jahre entwickelte sich eine breite und kontroverse Diskussion, die unter dem Stichwort „new humanitarianism“ für Erneuerungen bzw. Rückbesinnungen plädiert. Dabei geht es einerseits um einen reflexiveren Humanitarismus, der anerkennt, dass alle Hilfe politisch ist und sich bewusst macht, dass diese genauso viel Schaden wie Nutzen bringen kann. Andererseits geht es auch um die Frage, ob Nothilfe stärker in politisch-militärische und entwicklungspolitische Ziele eingebunden werden soll. Allerdings ist der Ausgang der Debatte weniger entschieden als Walker und Maxwell glauben machen wollen. Und dass sich die humanitäre Bewegung zunehmend vom Prinzip der Neutralität verabschiedet hat, kann auch nicht behauptet werden, was auch die Darstellungen von Dempfer und Forsythe / Rieffer-Flanagan zeigen.
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Für Historiker eröffnet sich gerade anhand der Debatten um Neutralität die Möglichkeit, diese zu analysieren und in den jeweiligen historischen Kontext zu stellen, ohne – wie bisher üblich – selbst an der Debatte teilzuhaben. Außerdem wäre zu fragen, inwieweit die Abneigung gegenüber dem Neutralitätsprinzip einen Teil der humanitären Helfer dazu geführt hat, humanitär begründete militärische Interventionen zu befürworten.
Über Motive für humanitäres Handeln erfährt man aus den drei Darstellungen nur sehr wenig. Rieffer-Flanagan und Forsythe erwähnen lediglich, dass es ein Spannungsverhältnis zwischen staatlichen Eigeninteressen und humanitären Zielen gibt. Maxwell und Walker leiten die Motivation, humanitär zu handeln aus einem anthropologischen Altruismus ab. Allerdings sehen sie auch, dass dieses Handeln von politischen Interessen gelenkt wird. Am deutlichsten werden diese Interessen von allen fünf Autoren anhand der Konflikte in den 1990er-Jahren herausgearbeitet. So wurde humanitäre Hilfe für viele westliche Staaten ein Alibi, um nicht politisch-militärisch in diese Krisenherde eingreifen zu müssen. Am ausführlichsten thematisiert Dempfer humanitäre Motivationen, wobei er einerseits anthropologische und andererseits historische Motive anführt: So sieht er in dieser Form des Handelns eine generelle Möglichkeit, um die Sinnsuche des Menschen zu befriedigen. Dieses Sinnstiftungsbedürfnis lenke sich aber gerade in der modernen, utopiefreien Welt auf humanitäre Hilfe, um sich mit dieser „aus der Umklammerung des Banalen zu befreien und den Intensitätsverlust in der Tretmühle des modernen Lebens auszugleichen“ (S. 14). Insgesamt werden in allen drei Darstellungen die Motive gesetzt und nicht untersucht. Eine Ausnahme bildet Dempfers Kapitel über Bernard Kouchner. Bei der Motivation zur Gründung von MSF thematisiert Dempfer darin auch Aspekte, die jüngst ebenfalls von der Geschichtswissenschaft diskutiert wurden. So sieht er die Attraktivität des MSF-Humanitarismus einerseits in einer Neuorientierung der französischen Linken begründet, die sich vom kommunistischen Revolutionär ab- und zum politischen Dissidenten hinwandte
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und andererseits in einer neuen Form des persönlichen Engagements, die er als „Idealismus mit begrenzter Erwartungshaltung“ (S. 229) bezeichnet.
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Hier könnte eine geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung ansetzen und Motive für humanitäres Handeln jenseits von anthropologischen Vorstellungen historisieren. Dazu gälte es zu untersuchen, was die Akteure sich von ihren Hilfsaktionen versprachen.
Ebenso wie über Motive ist über Effekte von humanitärem Handeln aus den Darstellungen nur wenig zu erfahren. Dempfer geht auf humanitäre Kampagnen ein und kritisiert vor allem Rockstars wie Bono und Bob Geldof wegen ihres „Charitainment“ (S. 245), also der Vorstellung, dass sich mit Hilfe von Mega-Events Probleme wie Unterentwicklung, Armut und Hunger tatsächlich lösen ließen. Anhand der Live-Aid-Konzerte von 1985 zugunsten der Hungersnot in Äthiopien zeigen Dempfer, Maxwell und Walker, dass solches Engagement mehr schaden als nützen kann, da die massive mediale Berichterstattung über die „biblische Hungersnot“ über die politischen Ursachen des Hungersterbens hinweg täuschte, die Arbeit der Hilfsorganisationen für Zwangsumsiedlungen missbraucht wurde und die Hilfe auch den Konfliktparteien zugutekam. Auch in Bosnien waren Hilfsorganisationen unfreiwillig an ethnischen Säuberungen beteiligt und die humanitären Hilfsaktionen infolge des Genozids und der Flüchtlingskatastrophe in Ruanda waren durch mangelnde Kontrolle der Flüchtlingslager durch die Hilfsorganisationen gekennzeichnet. So wurden die Lager zu Rückzugsbastionen und die Hilfe kam vor allem den Verursachern der Krise zugute. Allgemein ist unser empirisches Wissen über Auswirkungen von humanitärer Hilfe gering. Historikern bietet das die Möglichkeit vor allem auch unintendierte Konsequenzen von humanitärer Hilfe herauszuarbeiten. Die anregenden Überlegungen von Alex de Waal und Trutz von Trotha
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, dass die Internationalisierung von humanitärerer Hilfe zu einer Schwächung von Staatlichkeit und direkter Verantwortlichkeit in den betroffenen Ländern geführt habe, können einen möglichen Ausgangspunkt für empirische Untersuchungen bilden. Der Fokus auf die Wirkung der Hilfe bietet auch eine Möglichkeit die (zeitgenössische) Perspektive aufzubrechen, die humanitäre Unterstützung in einem Spannungsverhältnis zwischen altruistischen und strategischen Zielen diskutiert.
Wie humanitäre Krisen und menschliches Leid erzählt werden, steht in dem interdisziplinären Sammelband „Humanitarianism and Suffering“ im Vordergrund. In der instruktiven Einleitung der Herausgeber Richard D. Brown und Richard Ashby Wilson versuchen diese zunächst, Humanitarismus vor allem auch in Auseinandersetzung und Abgrenzung zum Menschenrechtsgedanken zu definieren. Gemein sei beiden Konzepten der Ursprung im Naturrechtsdenken des 18. Jahrhunderts, eine ähnliche Vorstellung über menschliche Würde und die Menschheit als Rechtsgemeinschaft. Außerdem sähen beide eher das Individuum als den Staat als Träger von Rechten an und durchbrächen damit die Vorstellung von nationaler Souveränität. Unterschiede ergäben sich durch die jeweilige Legitimation. Während Humanitarismus stärker moralisch und emotional legitimiert werde, fordere der Menschenrechtsgedanke Rechte ein. Daraus ergebe sich auch ein unterschiedliches Bild der Nutznießer beider Konzepte. Humanitarismus degradiere seine Objekte zu hilflosen Opfern, der Menschenrechtsgedanke dagegen mache aus ihnen Rechtssubjekte.
Oft sei dieser Unterschied gleichbedeutend mit dem Unterschied zwischen sofortigen Aktionen und Aktionen von langer Dauer, das heißt der emotionale Lohn sei bei Humanitarismus häufig schneller erreichbar, was auch Margaret M. R. Kellow anhand der Antisklaverei-Bewegung in den USA zu zeigen versucht. Während sich in dieser zunehmend die Überzeugung durchsetzte, dass das Freikaufen von Sklaven abzulehnen sei, weil eine Kompensation für Sklaven die Legitimität der Sklaverei implizit bestätige, unterliefen selbst erbittertste Kritiker dieses Gebot, wenn es um den Freikauf der eigenen Angehörigen bzw. von Bekannten ging. Neben dem Unterschied zwischen Menschenrechtsgedanken und Humanitarismus und übergreifenden Aspekten wie der Geschichte der humanitären Intervention im 19. und 20. Jahrhundert (Michael Marrus) und einem Überblick über die humanitäre Bewegung (David Forsythe) stehen humanitäre Narrative im Zentrum des Bandes, denen von den Herausgebern für die Mobilisierung bzw. Nichtmobilisierung von Empathie und Hilfe eine entscheidende Rolle beigemessen wird. Dabei scheint der Schlüssel für die Mobilisierung weniger in der Darstellung von Leiden per se, sondern in der Unschuld des Leidenden zu liegen.
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Thomas W. Laqueur zeigt, wie humanitäre Narrative Empathie mit entfernten Menschen möglich machten, indem diese Narrative den „circle of the we“ – also der Kreis, der als Menschheit verstanden wurde – erweiterten. Auch Flora A. Keshgegian zeigt, wie US-Hilfsorganisationen hungernde Armenier zu Beginn des 20. Jahrhunderts als den US-Amerikanern ähnlich zu zeichnen versuchten. Die Kehrseite dieser Narrative war, dass die Türken als das absolut Andere erschienen. Mehrere Beiträge weisen auf die Passivierung und Viktimisierung als zentrale Elemente der humanitären Narrative hin, die diejenige zu hilflosen Opfern machen, die humanitäre Krisen erleiden (Keshgegian, Laura Suski, Ron Dudai). Außerdem wird anhand von Menschenrechtsberichten, Flüchtlingsbefragungen und Gerichtsverfahren gezeigt, wie Genre-Konventionen und formale Wahrheitskriterien das Sprechen und Schreiben über Leiden beeinflussen bzw. offizielle Wahrheiten unterlaufen (Dudai, Kristin Bergtora Sandvik, Lars Waldorf). Des Weiteren arbeiteten Susan Slyomovics und Elizabeth Jelin heraus, wie Anträge auf Kompensationsleistungen für Menschenrechtsverletzungen das Sprechen über Leiden überhaupt ermöglichten und welche Stimmen als legitime Sprecher für Opfer wahrgenommen wurden. In dem Beitrag des Literaturwissenschaftler Joseph R. Slaughter stehen dagegen nicht die Opfer, sondern die Helfer im Mittelpunkt des Interesses. Anhand von Dunants „Erinnerungen an Solferino“ arbeitet Slaughter heraus, dass darin eben diese und nicht die Opfer die Identifikationsfiguren für den Leser darstellen. Diese Erkenntnis könnte auch eine Erklärung für eine Einsicht liefern, die sowohl Dempfer als auch Forsythe / Rieffer-Flangan teilen. So spenden Menschen mehr Geld, wenn Helfer aus ihrem Land an der humanitären Hilfe beteiligt sind. Möglicherweise entspricht einer Viktimisierung der Opfer eine Ermächtigung der Helfer und Beobachter. Insgesamt scheint der Fokus auf humanitäre Narrative fruchtbar und gerade auch für die Historisierung von humanitären Krisen interessant. Krisennarrative teilen auch etwas über die zeitgenössischen Problemwahrnehmungen von humanitären Katastrophen mit, also über die historischen Komplexitätsreduktionen, die für Helfer sinnstiftend und handlungsleitend sind, die bestimmen, wer verantwortlich, wer Täter und Opfer ist. Doch geht vielen Beiträgen der Bezug zum Humanitarismus verloren und teilweise – so zum Beispiel bei Keshgegian – scheinen gerade konkurrierende Begriffe wie Philanthropie zeitgenössisch das dargestellte Phänomen zu beschreiben. Auch widersprechen die Ergebnisse der einzelnen Kapitel häufig der in der Einleitung präsentierten Unterscheidung zwischen Menschenrechtsgedanken und Humanitarismus. Es sind gerade auch die Berichte von Amnesty International – einer Menschenrechtsorganisation –, die zur Viktimisierung der Opfer führen und mit eingebetteten Selbstzeugnissen versuchen, an Gefühle der Leser zu appellieren. Die Begriffsarbeit von Humanitarismus scheint deshalb noch entwicklungsfähig. Neben der Abgrenzung zu anderen Konzepten wie Menschenrechtsgedanke, Philanthropie oder auch Entwicklungspolitik sollte stärker in den Blick kommen, was jeweils zeitgenössisch unter dem Begriff verstanden wurde. Außerdem könnte das Herausarbeiten von unterschiedlichen Konjunkturen und spezifischen Praktiken für eine Unterscheidung der Konzepte hilfreich sein.
Die Lektüre neuerer Publikationen zur Humanitären Hilfe macht deutlich, dass Fragen der Neutralität, der Motive und der Effekte wichtige Ansatzpunkte für eine geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Feld darstellen. Abschließend sollen noch zwei Kontexte genannt werden, die bei einer historischen Untersuchung des Gegenstandes beachtet werden könnten und die in den besprochenen Darstellungen kaum eine Rolle spielen. Erstens müsste noch genauer die historische Rolle und Bedeutung von Humanitarismus in der internationalen Politik bzw. deren Rückwirkung auf humanitäre Organisationen bestimmt werden. So ist zum Beispiel zu fragen, welche Beziehung zwischen dem Entstehen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und den ungefähr zeitgleich einsetzenden militärischen Interventionen im Namen von Humanität bestehen. Des Weiteren liegen in bisherigen Darstellungen die Konfliktlinien der internationalen Politik meist außerhalb der Organisationen. Was aber bedeutet es zum Beispiel für die Arbeit des IKRK im Kalten Krieg, dass die Mehrheit ihrer Führungsmitglieder scharfe Antikommunisten waren (vgl. Forsythe / Rieffer-Flanagan, S. 28)? Zweitens sollte die Geschichte der humanitären Hilfe stärker in die Entwicklung westlicher Gesellschaften eingebettet werden, die die größten Ressourcen zur Verfügung stellten. Dass während der Teilung Indiens und Pakistans 1947 und der anschließenden massiven Flüchtlingskrise die Weltgemeinschaft nur zusah (oder noch nicht einmal das), aber die UN bei der Teilung von Bangladesch und Pakistan 1971 ihren bis dato größten humanitären Hilfseinsatz hatten, lässt sich nicht allein aus der Geschichte einzelner Hilfsorganisationen erklären, sondern mitberücksichtigt werden müssen dabei auch Veränderungen der Rezeptionsbedingungen von humanitären Krisen in westlichen Gesellschaften. Damit könnte eine Geschichte des „Westens“ um einen weiteren nicht unwesentlichen Aspekt erweitert werden und die Geschichtswissenschaft einen Beitrag zu einem reflektierteren Humanitarismus leisten.
[1] Vgl. David P. Forsythe, The Humanitarians. The International Committee of the Red Cross, Cambridge 2005.
[2] Eine umfassende Kontextualisierung von Dunants Plädoyer liefert Caroline Moorehead, Dunant’s Dream. War, Switzerland an the History of the Red Cross, London 1998, S. 23-38.
[3] Vgl. z.B. Michael Barnett / Thomas G. Weiss, Humanitarianism. A Brief History of the Present, in: Dies. (Hrsg.): Humanitarianism in Question. Politics, Power, Ethics, Ithaca 2008, S. 1-48; W.R. Smyser, The Humanitarian Conscience. Caring for Others in the Age of Terror, New York 2003; David Rieff, A Bed for the Night. Humanitarianism in Crisis, New York 2002; Hans Haug (Hrsg.), Menschlichkeit für Alle. Die Weltbewegung des Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds, Bern 1991.
[4] Vgl. Christine Bourloyannis, The Security Council of the United Nations and the Implementation of International Humanitarian Law, in: The Denver Journal of International Law and Policy 20.3 (1992), S. 335-355.
[5] Vgl. Thomas W. Stephens, The United Nations Disaster Relief Office. The Politics and Administration of International Relief Assistance, Washington 1978.
[6] Vgl. Maggie Black, Den Kindern zuliebe. 40 Jahre Unicef Geschichte, Zürich 1986.
[7] Vgl. Gil Loescher, The UNHCR and World Politics. A Perilous Path, Oxford 2001. Außerdem ließe sich das Zusatzprotokoll von 1967 zur Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 in dieser Richtung lesen: Die Konvention von 1951 beschränkte den Handlungsraum des UNHCRs auf Europa und auf Menschen, die vor 1951 zu Flüchtlingen geworden waren. Im Zusatzprotokoll wurden diese Einschränkungen aufgehoben und damit nachträglich eine in der Praxis schon vollzogene Wende legitimiert.
[8] Vgl. z.B. Haug, Menschlichkeit.
[9] Tatsächlich wurde Neutralität allerdings in die Gründungscharta von MSF aufgenommen. Vgl. Dan Bortolotti, Hope in Hell. Inside the World of Doctors Without Borders, New York 2004.
[10] Einen guten Überblick über die aktuelle Debatte liefern Michael Barnett / Jack Snyder, The Grand Strategies of Humanitarianism, in: Michael Barnett / Thomas G. Weiss (Hrsg.), Humanitarianism in Question. Politics, Power, Ethics, Ithaca 2008, S. 143-171.
[11] Vgl. dazu Robert Horvarth, “The Solshenitsyn Effect”. East European Dissidents and the Demise of the Revolutionary Privilege, in: Human Rights Quarterly 29 (2007), S. 879-907.
[12] Jan Eckel arbeitet dieses Phänomen anhand des Menschenrechtsaktivismus heraus und bezeichnet es als post-revolutionären Idealismus, vgl. Jan Eckel, Utopie der Moral, Kalkül der Macht. Menschenrechte in der globalen Politik seit 1945, in: Archiv für Sozialgeschichte 49 (2009), S. 437-484.
[13] Vgl. Alex de Waal, Famine Crimes. Politics & Disaster Relief Industry in Africa, Bloomington 1997; die Überlegungen von Trotha stammen zwar aus der Entwicklungspolitik, können aber meines Erachtens auch für humanitäre Organisationen geltend gemacht werden. Vgl. Trutz von Trotha, Über den Erfolg und die Brüchigkeit der Utopie staatlicher Herrschaft. Herrschaftssoziologische Beobachtungen über den kolonialen und nachkolonialen Staat in Westafrika, in: Wolfgang Reinhard (Hrsg.): Verstaatlichung der Welt? Europäische Staatsmodelle und außereuropäische Machtprozesse, München 1999, S. 223-251.
[14] Vgl. dazu auch Fritz Breithaupt, Kulturen der Empathie, Frankfurt am Main 2009. HistLit 2010-2-116 / Florian Hannig über Dempfer, Robert: Das Rote Kreuz. Von Helden im Rampenlicht und diskreten Helfern. Wien 2009. In:
H-Soz-u-Kult 12.05.2010 HistLit 2010-2-116 / Florian Hannig über Walker, Peter; Maxwell, Daniel G.: Shaping the Humanitarian World. London 2008. In:
H-Soz-u-Kult 12.05.2010 HistLit 2010-2-116 / Florian Hannig über Wilson, Richard Ashby; Brown, Richard D. (Hrsg.): Humanitarianism and Suffering. The Mobilization of Empathy. Cambridge 2008. In:
H-Soz-u-Kult 12.05.2010 HistLit 2010-2-116 / Florian Hannig über Forsythe, David P.; Ann J. Rieffer-Flanagan, Barbara: The International Committee of the Red Cross. A Neutral Humanitarian Actor. London 2007. In:
H-Soz-u-Kult 12.05.2010
Herzog, Dagmar (Hrsg.): Brutality and Desire. War and Sexuality in Europe's Twentieth Century. Houndmills: Palgrave Macmillan 2009.
ISBN: 9780230542532; 290 S. Rezensiert von: Thomas Kühne, Strassler Center for Holocaust and Genocide Studies, Clark University Auf den engen Zusammenhang von kriegerischer und sexueller Gewalt hat die Amerikanerin Susan Brownmiller bereits 1975 in einem auch ins Deutsche übersetzten Buch aufmerksam gemacht, aber erst durch die Massenvergewaltigungen in Bosnien 1992/93 ist er wirklich Gegenstand politologischer, soziologischer, psychologischer und historischer Forschung geworden. Während Brownmiller wie auch jüngere Forscher und Forscherinnen oft auf ahistorische und essentialistische Erklärungsmodelle rekurrieren und einen vermeintlich ewigen Gegensatz von männlicher Aggressivität und weiblicher Friedfertigkeit beschwören, erkundet der hier zu besprechende, wegweisende Sammelband Möglichkeiten der Historisierung jenes Zusammenhangs. Sexuelle Gewalt war, wie Dagmar Herzog in der Einleitung feststellt, ein integrierender Bestandteil der Kriege und Genozide des 20. Jahrhunderts, aber sie trat historisch und räumlich in unterschiedlichen Formen auf. Kollektive Vergewaltigung, Verstümmelung von Genitalien, erzwungene Schwangerschaften, Zwangsprostitution, Zwangsheiraten und sexuelle Demütigungsrituale wechselten sich ab, je nach politischem und kulturellem Kontext. Indem der Band einen weiten Bogen schlägt, der zeitlich vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende des 20. Jahrhunderts und räumlich von Armenien und Algerien bis Dänemark und England reicht, gleichzeitig nicht auf erzwungene Sexualität begrenzt ist, sondern freiwillige Liebesbeziehungen einbezieht und nicht zuletzt sehr unterschiedliche Quellenarten auswertet, erfüllt er tatsächlich den von der Herausgeberin formulierten Anspruch, zu zeigen, dass das, „was Menschen als erlaubt oder empörend, als erotisch oder ekelhaft ansehen, erheblichem zeitlichen Wandel unterworfen ist,“ dass kriegerische und genozidale Gewalt diesen Wandel in Gang setzen, beschleunigen, abbremsen oder rückgängig machen können, und dass umgekehrt sexuelle Beziehungen auch wieder rückwirken können auf Ideologien und Praktiken kriegerischer Gewalt (S. 6).
Wie rassische Stereotype und koloniale Hierarchien durch Liebesbeziehungen aufgeweicht wurden, zeigt Richard S. Fogarty in einem Beitrag, der Romanzen zwischen Französinnen (Prostituierten ebenso wie Krankenschwestern) und in Frankreich eingesetzten Soldaten aus Indochina, Tunesien und Madagaskar analysiert. Die französischen Zensurbehörden, die Liebesbriefe auswerteten, bekundeten Abscheu und Entsetzen. Energischer reagierte der faschistische italienische Staat auf die lange Zeit relativ offenen Beziehungen seiner weißen Siedler mit einheimischen Frauen in Äthiopien. Bezeichnenderweise allerdings wurden 1937 nicht jedwede solcher Beziehungen kriminalisiert, sondern nur die auf Dauer gestellten, da sie die koloniale Sozial- und Geschlechterhierarchie in Frage stellten, wie Marie-Anne Matard Bonucci zeigt. Prostitution und anderer Gelegenheitssex blieben geduldet. Warum Amouren zwischen deutschen Besatzungssoldaten und Däninnen im Zweiten Weltkrieg relativ unkompliziert waren, analysiert Lulu Anne Hansen. Aus der Sicht der Deutschen waren die Däninnen rassisch kompatibel, und letzteren war es nicht nur um Spaß, sondern auch um politische Aufwertung qua Fraternisierung mit den Besatzern zu tun. Wie Homosexualität im britischen Militär im Zweiten Weltkrieg ‚gelebt‘ werden konnte, indem sie einerseits überall da, wo sie Anstoß erregt hätte, kaschiert, gleichzeitig aber aufgrund des Mobilisierungsbedarfs im Totalen Krieg geduldet wurde, beleuchtet Emma Vickers.
Neben diesen vier Schlaglichtern auf mehr oder weniger freiwillige Liebesbeziehungen stehen sechs Kapitel, die gewaltsamen Sex analysieren. Wie fast immer in Sammelbänden sind nicht alle Beiträge gleichermaßen theoretisch und methodisch ausgefeilt. Das liegt hier nicht so sehr am unterschiedlichen wissenschaftlichen Potential der Autoren und Autorinnen, sondern an der zum Teil kümmerlichen Forschungslage. Dass Vergewaltigungen sowohl im Genozid an den Armeniern 1915/16 wie im französischen Algerienkrieg 1954-62 vorkamen, ist bekannt und gleichzeitig doch kaum analysiert, schon weil die Quellenlage dürftig ist. Die Beiträge von Matthias Bjornlund zum armenischen Genozid und von Raphaelle Branche zum Algerienkrieg diskutieren umsichtig diese Quellenprobleme und werfen interpretatorische Fragen, vor allem jene nach dem „Sinn“ sexueller Gewalt für die Täter auf. War diese schlicht das Resultat sadistischer Vergnügungssucht und spontaner Omnipotenzgelüste? Oder war sie ein planmäßiges Mittel des Terrors, der Vertreibung und der Vernichtung des zum Todfeind erklärten Gegners? Oder aber muss sie im Kontext zeitlich umfassender und regional übergreifender politischer Symboliken von Geschlechterhierarchien gesehen werden? Indem sie gegnerische Frauen vergewaltigten, demonstrierten die ‚Sieger‘ der gesamten gegnerischen Nation deren Unfähigkeit, die etablierte Geschlechterordnung, die um den Schutz der Frauen durch die Männer kreiste, zu wahren. Mit der Vergewaltigung ihrer Frauen brach die kulturelle Identität der Gegner zusammen.
Anders als der Holocaust waren die genozidalen Kriege gegen die Armenier und die Bosnier nicht in biologistische Rassismen eingebunden. Armenische und bosnische Frauen konnten gewaltsam ‚türkifiziert‘ oder ‚serbifiziert‘ werden, und insbesondere waren aus Vergewaltigungen hervorgegangene Kinder in den Terrorgesellschaften willkommen, weil in deren paternalistischen Ideologien nur die männlichen, nicht aber die weiblichen Gene zählten. Auch wenn „Brutality and Desire“ einen substantiellen Beitrag zur historischen Verflüssigung solcher Ideologien leistet, ist der Forschungsbedarf offensichtlich. Dieser besteht allerdings auch auf der schieren Faktenebene. Ein generelles, von den meisten Beiträgen diesen Band nicht gelöstes (und aufgrund der Forschungs- und Quellenlage auch noch kaum lösbares) Problem ist das der Quantifizierung. Zumindest rudimentäre Vorstellungen von der quantitativen Dimension sexueller Gewalt (wie viele Vergewaltigungen, wie viele Vergewaltiger) sind nötig, um ihren Stellenwert im Gefüge historisch unterschiedlicher physischer, psychischer, sozialer und kultureller Kriegs- und Vernichtungsstrategien bestimmen zu können. Für Bosnien-Herzegowina sind solche und andere Fakten ermittelt (20.000 bis 50.000 Vergewaltigungen, S. 266) und bieten der minutiösen Fallstudie von Teresa Iacobelli eine Grundlage, um am Beispiel der bosnischen Stadt Foca, der ersten, die den Serben 1992 in die Hände fiel, die (von den Tätern bestrittene) Planmäßigkeit der Vergewaltigungen anhand zahlreicher und sorgfältig kombinierter Indizien nachzuweisen.
Drei Beiträge untersuchen sexuelle Gewalt im Holocaust und im nationalsozialistischen Krieg im Osten – dem einzigen der in diesem Band ins Blickfeld genommen Ereignisse massenhafter Gewalt, in dem der um das Stigma der „Rassenschande“ kreisende ideologische und pseudolegale Kontext Vergewaltigung gegnerischer oder unterworfener Frauen (Jüdinnen und Angehörige slawischer „Rassen“) dezidiert ausschloss und mit Strafe bedrohte. Auch wenn sie an der Menschen- und hier insbesondere Frauenverachtung der Täter keinen Zweifel lassen, relativieren diese drei Beiträge den Stellenwert sexueller Gewalt im Gefüge deutscher Kriegs- und Vernichtungspraktiken. Regina Mühlhäuser untersucht sexuelle Gewalt, (Zwangs-) Prostitution und „konsensuelle“ Liebesbeziehungen im Vernichtungskrieg der Wehrmacht und in der deutschen Okkupationspolitik in der Sowjetunion. Dabei wird einmal mehr das Spannungsverhältnis zwischen rassistischen und militärischen Zielen deutlich: um die Soldaten bei Laune und einsatzfähig zu halten, waren Ausnahmen von der Regel der Reinhaltung deutschen Blutes üblich. Aber wie oft? Zu Recht relativiert Mühlhäuser die Äußerung eines Divisionskommandeurs, wonach jeder zweite der rund sechs Millionen deutscher Soldaten im Osten sexuelle Beziehungen zu einheimischen Frauen unterhalte und demzufolge pro Jahr mit etwa 1,5 Millionen „gemischtrassigen“ Babys zu rechnen sei (S. 211).
Ähnlich übertriebene Vorstellungen von der quantitativen Bedeutung sexueller Gewalt und insbesondere der Vergewaltigung und Zwangsprostitution von jüdischen Frauen in den Konzentrations- und Todeslagern kursieren in der populären Gedächtniskultur und selbst in der Wissenschaft. Zur Korrektur steuert Robert Sommer einen Aufriss der Geschichte der der primär männlichen Häftlingselite zugänglichen Bordelle in den Konzentrationslagern bei. Sommer schätzt die Gesamtzahl der dort eingesetzten, fast auschließlich deutschen oder polnischen Frauen auf 210. Ausweislich der Quellenlage war keine davon jüdisch (S. 175). In einem der düstersten, aber inhaltlich anregendsten und methodisch, insbesondere quellenkritisch durchdachtesten Beiträge dieses Bandes zeigt Na’ama Shik, dass in Auschwitz Vergewaltigung eine Randerscheinung war, die zudem vermutlich überwiegend von Nicht-Deutschen (Russen, Ukrainern, Ungarn und andere) begangen wurde, für die die NS-Rassengesetze keine Bedeutung hatten. Dieser Befund hellt das dunkle Bild vom Sadismus deutscher Wachmannschaften und Konsequenz ihres Terrors keineswegs auf. Lange vor ihrer physischen Ermordung wurde jüdischen Frauen im Zuge vielfältiger Demütigungsrituale Stück für Stück die weibliche Identität geraubt, bis ihre Körper nur noch Fleisch waren (S. 240).
Nicht viele Sammelbände schaffen es, ein derart dichtes Netz von Schneisen schlagenden und gleichzeitig weitere Forschung herausfordernden Beiträgen zu versammeln. Dagmar Herzogs „Brutality and Desire“ steht an der Schnittstelle zwischen Körpergeschichte, Geschlechtergeschichte und Militärgeschichte und wird auf geraume Zeit ein Referenzpunkt für jeden sein, der sich mit der Geschichte kollektiver Gewalt befasst. HistLit 2010-2-059 / Thomas Kühne über Herzog, Dagmar (Hrsg.): Brutality and Desire. War and Sexuality in Europe's Twentieth Century. Houndmills 2009. In:
H-Soz-u-Kult 21.04.2010
Sammelrez: Cambridge History of the Cold War Leffler, Melvin; Odd Arne Westad (Hrsg.): The Cambridge History of the Cold War. Volume I: Origins, 1945-1962. Cambridge: Cambridge University Press 2010.
ISBN: 9780521837194; XVIII, 643 S. Leffler, Melvin; Odd Arne Westad (Hrsg.): Cambridge History of the Cold War. Volume II, Conflicts and Crises, 1962-1975. Cambridge: Cambridge University Press 2010.
ISBN: 9780521837200; XVIII, 662 S. Leffler, Melvin; Odd Arne Westad (Hrsg.): Cambridge History of the Cold War. Volume III, Endings, 1975-1991. Cambridge: Cambridge University Press 2010.
ISBN: 978052183721-7; XVIII, 694 S. Rezensiert von: Jost Dülffer, Historisches Seminar, Universität zu Köln Eine solche Geschichte des Kalten Krieges hat es noch nicht gegeben, monumental ist fast alles an ihr. Insgesamt haben 73 Autoren aus 18 Staaten hierzu beigetragen. Jeder Aufsatz umfasst zwischen 20 und 23 Seiten, offenbar gab es streng eingehaltene Vorgaben. Beide Herausgeber der gesamten Serie sind hervorragend ausgewiesene Autoritäten auf dem Feld: Melvyn Leffler lehrt an der University of Virginia und hat neben einer Maßstäbe setzenden Geschichte des Konflikts von 1945 bis Anfang der 1950er-Jahre erst 2007 eine profunde knappe Gesamtdarstellung vorgelegt. Odd Arne Westad von der London School of Economics ist ein Spezialist für China, hat immer wieder methodisch anregend publiziert und die derzeit maßgebliche Geschichte des „Global Cold War“ mit einem Schwerpunkt auf der Zeit seit den 1960er-Jahren vorgelegt.
Das Team der Beiträger ist erfreulicherweise gleichfalls bestens ausgewiesen. Auch wenn ihr überwiegender Anteil aus Großbritannien und den USA stammt, so ist doch ein bemerkenswert breites Spektrum auch an regionaler Verteilung der Autoren zu konstatieren. Oft stammen sie aus den Regionen, die sie abhandeln, ohne dass daraus ein Zwang spezifisch nationaler oder regionaler Sicht entstünde. So sind hier zum Beispiel vier Deutsche vertreten: Hans-Peter Schwarz schreibt über den Weg zur deutschen Teilung 1945-1949, Jessica Gienow-Hecht handelt über „Culture and the Cold War in Europe“ – mit einem Schwerpunkt auf den ersten beiden Jahrzehnten und zumal auf Deutschland. Wilfried Loth bekam den Part übertragen, den Kalten Krieg in die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts einzuordnen und schließlich behandelt Helga Haftendorn „the Unification of Germany 1985-1991“. Im Übrigen ist kein weiterer Beitrag speziell der deutschen Frage gewidmet, die jedoch insgesamt in viele Aufsätze angemessen integriert wird.
Die drei Bände sind, grob gesagt, chronologisch aufgebaut, I, „Origins“, reicht bis Anfang der 1960er-Jahre, II, „Crises and Détente“, bis ca. Mitte der 1970er-Jahre und III, „Endings“, erfasst die Jahre bis 1990/91. Doch auch das stimmt nur bedingt: jeder Band enthält eingangs oder am Ende jeweils einen oder mehrere zeitlich übergreifende sektorale Bände – der genannte von Loth ist der letzte von Band II. Insgesamt stellt das Werk einen geglückten Versuch dar, netzwerkartig den ganzen „Cold War“ abzubilden. Das heißt, es kommen alle Weltregionen je nach Bedeutung mehrfach und in unterschiedlichen Kontexten vor, denn die Perspektiven wechseln laufend und ferner entsteht so insgesamt auch ein pluralistisches Geflecht an kontroversen Forschungsmeinungen. Jeder Aufsatz hat ein eigenes Narrativ, aber gerade wenn die Autoren umstrittene Ansichten begründen, geben sie selbst abweichende Deutungen an. Wenn bei manchen, dankenswerterweise aufgenommenen Themen der Bezug zum „Cold War“ eher indirekt gegeben ist, wird dieser auf wenigen Seiten zum Schluss der Beiträge ausdrücklich kontextualisiert. Fast alle Autoren schreiben einen wenig mit Theorien befrachteten Stil, stützen sich auf intensive Quellenkenntnis und natürlich die vorausgegangene Forschung. Eine Ausnahme macht da nur der renommierte Politikwissenschaftlers Robert Jervis, wenn er nationale oder regionale „Identitäten“ von Staaten oder Gesellschaften insgesamt im Wandel zeigen will und dabei letztlich zwar eine geistreiche, aber doch recht beliebige Konstruktion liefert.
Herausgeber Westad referiert einleitend bemerkenswerte Grundzüge dieser Sammlung. Man wolle keine gültige Fortschrittsgeschichte in der Tradition etwa von Lord Acton liefern, der vor hundert Jahren eine Cambridge Modern History mit diesem Anspruch einleitete, sondern eine skeptische Geschichte, die offen für neue Erkenntnisse sei und daher nur vorläufig bündeln könne. Cold War History sei einzubetten in die „main axes“: „political and economic history, the history of science and technology, and intellectual and cultural history“ (I, S. 2). In der Forschung sei der frühe antistalinistische, dann antikommunistische Konsens seit den 1960er-Jahren von einem “realist approach“ abgelöst worden, der mit „balance of power“-Ansätzen operiert habe. Seit 1991 habe sich ein „conceptualism“ (I, S. 6) durchgesetzt. Das bedeute, dass jede Gesellschaft oder Region „sets of concepts or ideas“ entwickelt, welche sie konstituierte.
Damit werde ein sehr viel breiterer Ansatz menschlichen Handelns einbezogen, die sich in dem Grundkonflikt gemischt hätten. Dazu gehörten auch innenpolitische Entwicklungen, Generationenerfahrungen sowie gelegentlich „imagined communities“. Gerade außerhalb der europäisch-nordamerikanischen Perspektive hätten sich andere Blickwinkel ausgebildet. In China etwa sehe man den Cold War als Teil einer Europäisierung, in Afrika oder in Teilen des Nahen Osten gebe es Tendenzen, die Popularität von Marxismus und sowjetischem Einfluss damit zu erklären, dass man damit die traditionelle Eigenart gegenüber den Ideen und wirtschaftlichen Praktiken des Westen zu bewahren trachtete. In einigen Weltregionen – etwa im Nahen Osten, im Fall Indien-Pakistan und in Lateinamerika – träten ganz andere definitorische Auseinandersetzungen auf, unter denen gegenüber Cold-War-Deutungen „fluidity and hybridity“ hervor stechen würden. Der Staat sei aus den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts gestärkt hervorgegangen, so dass die USA und die Sowjetunion danach „symbolized two modern extremes in the way politics was conducted domestically“ (I, S. 9). Kapitalische Krisen und die Weltkriege hätten die Kolonialreiche destabilisiert, so dass sich die USA und die Sowjetunion beide um den politischen und wirtschaftlichen Einfluss in jenen Regionen bemüht hätten, erstere jedoch immer mit den weit überlegenen Ressourcen. Wissenschaft und Technologie hätten die Ausweitung des Konfliktes verstärkt.
„The global market revolution of the late twentieth century, which did much to end the Cold War, would have been impossible without these advances“ (I, S. 12). In ideologischen Herausforderungen, die mit den Namen Marx und Darwin (er habe die Analogie von Natur und menschlicher Entwicklung postuliert) pointiert zusammengefasst sind, hätten die beiden wichtigsten Protagonisten unterschiedliche Erfolge gehabt. Während die Sowjetunion und die USA mit den daraus entwickelten Ideologien innerhalb ihrer jeweiligen Gesellschaften neue Eliten integrieren konnten, hätten im Weltmaßstab nur die USA auf demokratischem Wege transnationale Institutionen von Japan bis Europa bilden können, während die Sowjetunion mit ihren Methoden von Deutschland bis China auf der ganzen Linie gescheitert sei.
Beide Hauptgegner im Wettbewerb hätten Alternativen von Anfang an als engen Nationalismus oder unvernünftige Religion abgelehnt und damit „their support for the steamroller of modernization in the Third World (capitalist or socialist) never faltered as the number of enemies increased“, was zu Kriegen geführt habe (I, S. 16). Der Fortschritt, den die jeweiligen Modernisierungsprojekte gemeint hätten, hätte letztlich Expertenherrschaft bedeutet und sich damit in Teilen demokratischer Kontrolle – nach den je unterschiedlichen Deutungen des Begriffs in Ost und West – entzogen. In einem umfassenden Sinne bedeute die Verortung des Cold War im 20. Jahrhundert zugleich, den globalen Wandel insgesamt zu verstehen. Das gelte für Ursprünge wie für die Folgen. Letztlich sei mit ihm und durch ihn ein fundamentaler Wandel auf drei Sektoren durchgesetzt worden: Stimmrecht, kapitalistischer Markt und Ende des Kolonialismus.
So weit seien einige von Westads vorsichtigen Formulierungen für den Rahmen der drei Bände wiedergegeben. Man kann in der Tat das ganze Werk von einem solchen breiten Ansatz inspiriert sehen, einlösen lässt sich das jedoch nicht immer. Die Grenzen zu einer allgemeinen Geschichte der Zeit würden verschwimmen, was sie hier auch gelegentlich tun. Gerade die überblickenden großen Essays tun das jedoch zumeist ausgezeichnet. Exemplarisch sei der Sektor Wirtschaft hervorgehoben: Im Band I rekonstruiert Charles Maier die Weltwirtschaft und deren Wettbewerbszenarien in den Jahren unmittelbar nach dem Weltkrieg, während David Painter die Rolle des Öls und damit auch den weltweiten Umgang für die beiden Jahrzehnten untersucht. In II ist es Richard N. Cooper, der vor allem, aber nicht nur aus US-amerikanischer Sicht die Wirtschaftsleistungen untersucht. Daran anschließend legt Giovanni Arrighi in III dar, wie sehr das amerikanische Modell der Weltwirtschaft durch „‚catching-up‘ of latecomers“ und die neoliberale Konterrevolution in Schwierigkeiten geraten sei. Am Ende dieses Bandes steht ein profunder Beitrag von Emily Rosenberg, der den Verbraucherkapitalismus zum Thema hat.
Was bei diesen Beiträgen jedoch zu wenig diskutiert wird, ist die Frage, inwieweit grundlegender weltwirtschaftlicher Wandel, anderswo auch gelegentlich mit dem Begriff einer (neuen) Globalisierung gefasst, eine Rolle für den historischen Wandel, möglicherweise sogar für den ganzen Kalten Krieg spielte. Das ist gewiss eine aktuelle Forschungsfrage, und die relevanten Daten hierfür stehen auch in den Bänden. Dieser Einschnitt wird ja oft auch an den Ölpreiskrisen von 1973/79 festgemacht. Diese wiederum findet in Beiträgen über den Nahen Osten Platz (vor allem Douglas Little, der den Cold War von Suez 1956 bis zu den Camp-David-Abmachungen von 1978 thematisiert; Ennio di Nolfo, der den ganzen Mittelmeerraum von 1960-1975 abhandelt, tut dies auch am Rande), aber auch das wird doch nicht pointiert zum Thema gemacht, wie auch die Tiefe der Zäsur in den 1970er-Jahren nicht erörtert wird.
Andere, durchweg wohl gelungene Aufsätze haben Geheimdienste, die Medienrevolution als solche, Wissenschaft und Technologie, die ganze Biosphäre und so fort zum Thema. Die meisten Aufsätze sind staatszentriert und hier wieder von den führenden Personen her angelegt, aber gerade die (neuen) sozialen Bewegungen finden einige Beachtung und zeigen somit auch die Bedeutung transnationaler Geschichte. Eurokommunismus lässt sich nur bedingt unter ersteres fassen (Silvio Pons), aber die Rebellion gegen die Ordnung des Kalten Krieges ist bei Jeremi Suri ebenso gut aufgehoben, wie Matthew Evangelista mit anderem Ansatz die transnationalen Organisationen in einem sehr weiten Überblick abhandelt. Besonders informativ ist der Beitrag zur wachsenden Bedeutung der Menschenrechte (Rosemarie Foot). Aber gerade hier hätte man sich doch einen stärkeren Fokus auf das zentrale und globale Ereignis „1968“ gewünscht oder aber auch den Einfluss der Bürgerrechtsbewegungen insgesamt erörtert gesehen. Die KSZE wird zwar in ihrer Entstehung und Folgekonferenzen ausgebreitet, hätte aber auch einen eigenen Artikel verdient gehabt. Besonders wichtig sind die Themen von Matthew Connelly, der in langer Sicht „global migration, public health and population control“ abhandelt. Jedes dieser Themen hätte einen gesonderten Aufsatz verdient.
Gewiss, Einzelereignisse haben die Herausgeber in der Regel nicht zum Thema gemacht, nur die Kubakrise als solche macht dabei als wohl gefährlichste Krise des gesamten Zeitraums eine Ausnahme. Überraschend wenig Platz ist den unterschiedlichen Dimensionen von Wettrüsten als solchem gewidmet (Nuclear Weapons and the Escalation of the Cold War – David Holloway; Nuclear competition 1963-1975 – William Burr / Emily Rosenberg; Nuclear proliferation and non-proliferation – Francis J. Gavin). War aber nicht die Erkenntnis des Atomaren Patts um 1962 („MAD“) ein fundamentaler Einschnitt für die Bedrohungsperspektiven des gesamten Cold War? Weiter: ein Beitrag über das konventionelle Wettrüsten in Bezug zum atomaren, die zunehmende Verlagerung auf die Meere oder den Weltraum wäre erwünscht gewesen. Oder aus einem anderen Blickwinkel: die Betonung liegt sehr auf der Diplomatiegeschichte der „hardware“. Die Bedrohungs- oder Angstdiskurse, welche die Gesellschaften zumindest in Schlüsselregionen entscheidend prägten, hätten eine gesonderte Behandlung verdient, auch wenn sie in den Kapiteln über „cold war culture“ vorkommen.
Das Aufkommen von Islamismus wird in einem Beitrag thematisiert, doch hat Amin Saikal damit zugleich die iranische Revolution und den sowjetischen Afghanistankrieg im diachronen Durchgang abzuhandeln. Wäre es nicht wichtiger – im Sinne der Kriterien von Westad – gewesen, diese neue Rolle von Religion, gleichsam quer zu den „Fronten“ liegend - seit den 1960er-Jahren gesondert zu behandeln und nicht allein in den Mittleren Osten gleichsam zu „verbannen“? HistLit 2010-2-234 / Jost Dülffer über Leffler, Melvin; Odd Arne Westad (Hrsg.): The Cambridge History of the Cold War. Volume I: Origins, 1945-1962. Cambridge 2010. In:
H-Soz-u-Kult 28.06.2010 HistLit 2010-2-234 / Jost Dülffer über Leffler, Melvin; Odd Arne Westad (Hrsg.): Cambridge History of the Cold War. Volume II, Conflicts and Crises, 1962-1975. Cambridge 2010. In:
H-Soz-u-Kult 28.06.2010 HistLit 2010-2-234 / Jost Dülffer über Leffler, Melvin; Odd Arne Westad (Hrsg.): Cambridge History of the Cold War. Volume III, Endings, 1975-1991. Cambridge 2010. In:
H-Soz-u-Kult 28.06.2010
Riehle, Bert: Eine neue Ordnung der Welt. Föderative Friedenstheorien im deutschsprachigen Raum zwischen 1892 und 1932. Göttingen: V&R unipress 2009.
ISBN: 3-89971-558-6; 390 S. Rezensiert von: Reinhold Lütgemeier-Davin, Kassel Bert Riehle, nach dem Abschluss seines Studiums an der Universität Tübingen Sachbearbeiter im Archiv für christlich-demokratische Politik in St. Augustin, untersucht in seiner Dissertation sechzig Autoren, die im deutschsprachigen Raum zwischen 1892 und 1932 auf sehr unterschiedlichem Reflexionsniveau, mit sehr unterschiedlicher gedanklicher Durchdringung und politischer Wirksamkeit »föderative Friedenstheorien« entwickelt haben; alle miteinander Entwürfe, die durch die Schaffung einer globalen oder regionalen Staatenföderation internationalen Frieden erreichen wollten. Um die Übersichtlichkeit zu erleichtern, werden die Theorieansätze den Ideenkreisen Pazifismus, Nationalismus, Imperialismus, Kontinentalismus und Sozialismus zugeordnet. Innerhalb dieser Ideenkreise wird eine alphabetische Ordnung nach Autoren vorgenommen und folglich nicht nach der Bedeutung, Reichweite oder Wirksamkeit der jeweiligen Ideen differenziert.
Nach einem darstellenden Teil werden die Konzeptionen unter Rückgriff auf Theorien Internationaler Beziehungen miteinander verglichen. Bert Riehle beansprucht für sich, einen Beitrag zur Historischen Friedensforschung, zur Historischen Europaforschung, zur deutschen Ideengeschichte, zur Theoriegeschichte der Internationalen Beziehungen und zur Historischen Komparatistik zu leisten.
Nach diesen vollmundig vorgetragenen Ankündigungen dürfte eine systematisierte Einführung in den Vergleich unterschiedlicher Forschungsansätze zur Friedenssicherung auf globaler wie europäischer Ebene im diachronen Vergleich ebenso erwartet werden wie eine Bewertung des wissenschaftlichen Ertrages und der politischen Wirkungsmächtigkeit. Nichts davon wird eingelöst, wenngleich Bert Riehle eine Fülle von Theorien Internationaler Beziehungen anspricht, diese aber nur unzureichend und oberflächlich auf die ausgewählten historischen Entwürfe herunterbricht.
Allein seine Auswahlkriterien sind unscharf: Die Konzeptionen sollen einen politischen Bund vorsehen, der mindestens Frieden, definiert als Abwesenheit zwischenstaatlicher Gewalt, anstrebt; sie sollen ein Mindestmaß an Gehalt und Struktur aufweisen, in den zeitlichen Rahmen passen und von einem identifizierbaren Autor publiziert worden sein. In unterschiedlicher Ausführlichkeit werden die Ansätze vorgestellt, nachdem in einem oft wertlosen und unvollständigen „Biogramm“ der Autor mit Geburtsjahr, Ort und Beruf genannt wird, wenn überhaupt. Häufig erhebt Riehle in seinen Anmerkungen Vorwürfe gegen die dargestellten Ansätze, zum Beispiel, dass sich „nur wenige wirklich substantielle Aussagen“ finden ließen, „keine neuartigen Gedanken“ formuliert würden, der Autor „an der Oberfläche“ bleibe, eklektisch arbeite, wenig originell sei, überhaupt „geringe Substanz“ konstatiert werden müsse. Gewiss, diese harschen Vorwürfe dürften in der Mehrzahl der Fälle zutreffen. Es fragt sich dann allerdings, weshalb die Entwürfe es überhaupt verdienen, analysiert zu werden. Und überdies: Diese Anwürfe treffen auf die Dissertation selbst in erheblichem Maße zu.
Die Zuordnung mancher Konzepte zu den Ideenkreisen erscheint überaus befremdlich, zum Beispiel: Neben ausgewiesenen und in der Friedensbewegung aktiven Autoren wie Schücking, Wehberg, Umfrid und Nippold wird auch Erzberger als Vertreter eines pazifistischen Ansatzes gewertet. Als Verfechter einer Mitteleuropa-Konzeption wird Richard von Kralik dem nationalistischen Ansatz zugewiesen, zugleich aber zugegeben, dass man ihn „trotz seiner massiven Ausrichtung auf das Deutsche“ „nicht als typischen Nationalisten“ bezeichnen könne (S. 118). Kurios das Verdammungsurteil – anders kann man es nicht nennen –, der Sozialphilosoph und Gründer der Österreichischen Liga für Menschenrechte Rudolf Goldscheid vertrete einen imperialistischen Ansatz. Später wird immerhin einräumt, sein Konzept stelle „eine recht ungewöhnliche Mischung aus Imperialismus und Pazifismus dar, wobei er von einem engen Zusammenhang zwischen Frieden und Demokratie ausgeht.“ (S. 304) Völlig abwegig schließlich die Zuordnung von Walther Borgius und Harry Graf Kessler zum sozialistischen Ansatz. Die genannten Einordnungen können überhaupt nicht nachvollzogen werden, sie erscheinen willkürlich, es mangelt an hinreichender Differenzierung.
Hinzu kommen nicht ausreichende Recherchen im Detail: Die meist banalen Bemerkungen zur Biographie wurden bereits erwähnt. In den Text eingestreut ist zum Beispiel folgende Aussage: „Lammasch und Schücking sind auch Politiker und zudem maßgeblich an der internationalen (Schieds-)Gerichtsbarkeit beteiligt, während sich Nippold vor dem Ersten Weltkrieg im ‚Verband für internationale Verständigung’ für zwischenstaatliche Verständigungsmaßnahmen einsetzt.“ (S. 241f.) Hierbei bleibt Wesentliches unerwähnt: zum Beispiel, dass Lammasch niemals einer pazifistischen Organisation angehörte und mehrfach als Berater des österreichischen Hofes fungierte; oder dass der liberale Völkerrechtler Schücking ebenfalls führend zum „Verband für internationale Verständigung“ gehörte. Welchen Aussagewert soll also der vorgebrachte Befund haben?
Dürftig oder gar wertlos sind solche Erkenntnisse wie diese: „In räumlicher Hinsicht liegt die Mehrzahl der Geburtsorte [der Autoren] in einem Gebiet, das ungefähr durch die Eckpunkte Bern - Wien - Berlin - Osnabrück begrenzt wird.“ (S. 179) Oder: „Auch wenn die genaue politische Orientierung vieler Autoren nicht bekannt ist, kann man annehmen, dass die meisten in den Bereich ‚liberal bis sozialistisch’ einzuordnen sind.“ (S. 180)
Sein Gesamtergebnis: Die Konzepte könnten als „Fundgrube“ für aktuelle Problemfelder dienen, dabei sei aber „die Forderung nach ausreichender Fachkompetenz bei der Erstellung der Konzeptionen zu nennen - ‚engagierter Dilettantismus’ allein genügt nicht.“ (S. 310f.) Dem ist nun wirklich nichts hinzuzufügen. HistLit 2010-2-219 / Reinhold Lütgemeier-Davin über Riehle, Bert: Eine neue Ordnung der Welt. Föderative Friedenstheorien im deutschsprachigen Raum zwischen 1892 und 1932. Göttingen 2009. In:
H-Soz-u-Kult 22.06.2010
Segesser, Daniel M.: Recht statt Rache oder Rache durch Recht?Die Ahndung von Kriegsverbrechen in der internationalen fachwissenschaftlichen Debatte 1872-1945. Paderborn: Ferdinand Schöningh Verlag 2010.
ISBN: 978-3-506-76399-0; 472 S. Rezensiert von: Lars Hüning, University of Sheffield, Department of History Der am 1. Juli 2002 ins Leben gerufene Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag sorgt unvermindert für ein breites öffentliches Interesse und kontroverse Debatten. Zentraler Diskussionsgegenstand ist der Vorwurf, dass durch den IStGH international ein doppelter Maßstab angelegt werde, wie dies Gerd Hankel schon 2003 angedeutet hatte.
[1]
Insbesondere steht hier die nicht-Ratifizierung des Statuts des IStGH durch bedeutende Staaten der internationalen Gemeinschaft (hier besonders der USA, aber auch China, Russland, Indien) einer glaubwürdigen Vermittlung seines universellen Anspruches der Jurisdiktion des IStGH deutlich im Weg. Folglich kommt auch Daniel Marc Segesser im Vorwort seiner historischen Untersuchung zu dem Urteil, dass das Ziel einer internationalen strafrechtlichen Verfolgung von Kriegsverbrechen „allenfalls ansatzweise erreicht worden“ sei (S. 11). Ausdrücklich will Segesser aus diesem Grunde mit seiner Habilitationsschrift über die Ideengeschichte des Völkerrechts in der Zeit zwischen dem Deutsch-Französischen Krieg und den Nürnberger Prozessen (1872-1945) die Hintergründe für ein besseres Verständnis der aktuellen Diskussionen liefern (S. 11; S. 22). Den Ausgangspunkt seiner Studie bildet die implizite Verwunderung über die sich im Verlauf des Zweiten Weltkrieges durchsetzende Haltung unter den Alliierten, dass die als beispiellos empfundenen Kriegsverbrechen der Deutschen unbedingt auf dem Rechtsweg zu ahnden seien; Recht statt Rache sollte also maßgeblich für das alliierte Vorgehen sein (S. 17-20). Für den Leser ergeben sich demnach folgende zentralen Fragen: Auf welcher rechtshistorischen Grundlage fällten die alliierten Politiker und Diplomaten ihre Entscheidung? Wo sind die historischen Wurzeln dieser Vorstellungen der Errichtung eines internationalen Strafgerichtshofes für die Verbrechen der Nationalsozialisten zu verorten; wie ist deren langfristige Entwicklung nachzuvollziehen? Primäres Ziel Segessers ist es daher, die Fülle der von Völkerrechtlern in die internationalen Diskussionen eingebrachten Ideen über mögliche Formen der Ahndung von Kriegsverbrechen zu rekonstruieren. Dementsprechend eng gebunden an den historischen Kontext und der parallel fortschreitenden Entwicklung des Rechts im Kriege soll dabei besonders der Einfluss dieser rechtswissenschaftlichen Diskurse auf die Entscheidungsfindungsprozesse der Regierungen berücksichtigt werden (S. 20-21).
Segesser gelingt es im Rahmen seiner Studie aufzuzeigen, dass für die Ahndung von Kriegsverbrechen im Zeitraum vor 1945 die „formellen wie informellen Netzwerke von Juristen [...] für die Form der Ahndung von Kriegsverbrechen [...] eine wichtige Rolle spielten“ (S. 415). Im Kern des breiten Spektrums der von europäischen und amerikanischen Völkerrechtlern eingebrachten Gedanken zur strafrechtlichen Verfolgung von Kriegsverbrechen konnte sich trotz wiederholter Rückschläge die Idee der Errichtung eines internationalen Strafgerichtshofes zur Ahndung von Kriegsverbrechen herauskristallisieren und zu einem gewissen Grad auch politisch durchsetzten. Gerade hierfür ermöglicht Segessers minutiöse historische Studie ein kontextabhängiges Verständnis der wechselseitigen Beziehung zwischen den in internationalen Zusammenschlüssen vertretenen Völkerrechtlern und den diplomatischen und politischen Kreisen. Dementsprechend ist es den Bemühungen der zentral beteiligten Völkerrechtler zu verdanken, „dass es während und am Ende von Kriegen immer schwieriger, wenn nicht unmöglich wurde, willkürlich Rache oder Rache durch Recht zu üben“ (S. 415).
Den äußeren Rahmen bilden eine ausführliche Einführung in den historischen sowie historiographischen Kontext der Studie (S. 17-75) und ein Schlussteil, in dem Segesser überprüft inwiefern die historischen Konzepte einer Ahndung von Kriegsverbrechen „in Nürnberg und später auch in Den Haag wirklich eine Umsetzung erfuhren“ (S. 34; S. 394-416). Die sinnvolle chronologische Einteilung der vier aufeinander folgenden Hauptteile erfasst die Zeit nach dem Deutsch-Französischen Krieg bis zur zweiten Haager Friedenskonferenz im Jahre 1907 (2. Kapitel), die Ereignisse um den Ersten Weltkrieg (3. Kapitel), die Zwischenkriegszeit (4. Kapitel) und den Zweiten Weltkrieg (5. Kapitel). Gestützt auf eine große Vielfalt von rechtswissenschaftlichen Fachzeitschriften und allgemeineren zeitgenössischen Publikationen treten die großen in Europa geführten Kriege als die grundsätzlich treibende Kraft hinter der Verrechtlichung von Kriegsverbrechen hervor. Diese Kriege und die damit verbundene, „als exzessiv empfundene Gewalt“ selbst waren es, die „Politiker und Diplomaten“ auf der Grundlage der von Völkerrechtlern geführten Diskussionen „zum Handeln zwangen“ (S. 414). Nicht zufällig ist der Deutsch-Französische Krieg (1870-1871) der Ausgangspunkt für Segessers Analyse, war dieser Krieg doch Anlass für den Völkerrechtler Gustave Moynier die Einführung eines internationalen Strafgerichtshofes zu fordern (S. 90-95; 414). Insbesondere im Verlauf des Ersten Weltkrieges jedoch ergaben sich „im Hinblick auf die Ahndung von Kriegsverbrechen [...] erhebliche[n] Veränderungen“, wobei Segesser die „langfristig [...] wichtigste Veränderung auf der Ebene der Begrifflichkeit“ ausmacht (S.409-410).
Anders als bei den Erfahrungen vorheriger Kriege in denen ebenfalls exzessive Gewaltausübung eine große Rolle spielte, die aber keinen Einfluss auf die Weiterentwicklung der strafrechtlichen Ahndung von Verstößen im Krieg hatten, wie zum Beispiel der Burenkrieg (1899-1902), oder der Krieg gegen die Herero und Nama (1904-1908), trafen im Ersten Weltkrieg allgemein als „zivilisiert“ anerkannte Staaten aufeinander (S. 129-140). Unter den „zivilisierten“ Staaten, so Segesser, hatte die Überzeugung dominiert, „dass sie sich in einem Krieg anders verhalten würden als un- oder halbzivilisierte Völker“ (S. 150). Vor allem die wirkungsmächtigen Gräueltaten der deutschen Soldaten in Belgien zu Beginn des Krieges hatten umgehend alliierte Untersuchungskommissionen zur Folge und „rüttelte[n] die Öffentlichkeit auch in neutralen Staaten auf“ (S.158; 157-170). Vieles deutet darauf hin, dass es dieser Einschnitt war, der die begriffsgeschichtliche Durchsetzung des Terminus Kriegsverbrechen während und am Ende des Ersten Weltkrieges entscheidend forcierte. Vielleicht hätte Segesser hier mit Rückgriff auf Reinhart Koselleck diese begriffliche Etablierung anschaulicher darzustellen vermocht. Insofern könnte der Begriff „Kriegsverbrechen“ als „Kollektivsingular“ aufgefasst werden, der nicht nur Erfahrungen registrierte, sondern vielmehr als politischer „Vorgriff in die Zukunft“ fungierte.
[2]
Die deutschen Verbrechen hatten zweifellos verdeutlicht, dass auch zivilisierte Staaten zu exzessiver Gewaltausübung untereinander in der Lage waren (S. 410). Für viele zeitgenössische Völkerrechtler schien es daher endgültig geboten, die ehemals als Verstöße gegen die Regeln des Krieges (Ius in Bello) aufgefassten Gräueltaten zukünftig als strafbare Handlungen - als Verbrechen - zu ahnden und somit auch grundsätzlich zu ächten (S. 231).
Die forthin mit dem Konzept Kriegsverbrechen verknüpften und vom politisch-gesellschaftlichem Kontext abhängigen veränderlichen Erwartungen bedingten seither eine starke Ambivalenz in der Bestimmung und Anwendung des Begriffes. Beispielhaft hierfür sind die Diskussionen während des Ersten Weltkrieges in denen eine Ausweitung von Kriegsverbrechen von den klassischen Regeln des Krieges auf das Auslösen von Kriegen als Tatbestand angeregt wurde. Obwohl sich diese Position zunächst nur teilweise durchsetzen konnte, wurde der Angriffskrieg „als größte Bedrohung der Gegenwart“ zum „wichtigsten Anklagepunkt“ in den Nürnberger Prozessen (S. 400). Unter dem veränderten politischen Kontext des Kalten Krieges verschoben sich die Prioritäten jedoch nachhaltig (S.401-402), so dass es erst auf der Tagung der Vertragsstaaten des IStGH im Mai 2010 wieder möglich erscheint, die Aufnahme des Angriffskrieges als Straftatbestand durchzusetzen und somit „eine empfindliche Lücke im Völkerstrafrecht“ zu füllen.
[3]
Es sind nicht zuletzt historische Einsichten wie diese, die Segessers Arbeit als eine wichtige Orientierungshilfe für die heutigen völkerrechtlichen Debatten ausweisen. Darüber hinaus besetzt Segessers Studie über die für das Völkerrecht in der heutigen Form grundlegende Periode eine wichtige Nische in der Historiographie. Diese Studie ist daher eindeutig für alle an der Entwicklung des Völkerrechts im Allgemeinen und der Idee der Ahndung von Kriegsverbrechen auf internationaler Ebene im Besonderen Interessierten zu empfehlen.
[1] Gerd Hankel, Internationale Strafgerichtsbarkeit. Ein Garant für mehr Sicherheit und Frieden oder politische Spiegelfechterei?, in: Mittelweg 36 (2003), S. 77-91, hier S. 91.
[2] Reinhart Koselleck, Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache, Frankfurt am Main 2006, S. 85.
[3] Prof. Dr. Claus Kress (Universität Köln) zitiert in: Deutscher Bundestag, Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe: Strafbestand Angriffskrieg, <http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2010/29479373_kw17_menschenrechtsausschuss/index.html> (15.05.2010). HistLit 2010-2-243 / Lars Hüning über Segesser, Daniel M.: Recht statt Rache oder Rache durch Recht?Die Ahndung von Kriegsverbrechen in der internationalen fachwissenschaftlichen Debatte 1872-1945. Paderborn 2010. In:
H-Soz-u-Kult 30.06.2010
Stiasny, Philipp: Das Kino und der Krieg. Deutschland 1914-1929. München: Edition Text + Kritik im Richard Boorberg Verlag 2009.
ISBN: 978-3-86916-007-8; 443 Seiten Rezensiert von: Thomas F. Schneider, Erich Maria Remarque-Friedenszentrum Osnabrück Über die dominante Rolle des Ersten Weltkrieges für die Diskurse in der Zwischenkriegszeit und für die Zustimmung oder Ablehnung des politischen Systems der Weimarer Republik herrscht in den Geschichts-, Literatur und Medienwissenschaften umfassender Konsens. Für den deutschen Film ist dies bereits seit den 1990er-Jahren durch die grundlegenden Arbeiten von Rainer Rother und Bernadette Kester und ihnen nachfolgenden zahlreichen Studien untersucht und nachgewiesen worden. Hieran schließt auch Philipp Stiasnys Studie „Das Kino und der Krieg“ an, allerdings mit dem fundamentalen Unterschied, sich nicht mit Frontfilmen zu beschäftigen, sondern den Spuren des Weltkrieges im „populären Kino“ im Zeitraum 1914 bis 1929 nachzuspüren, also bis zur Einführung des Tonfilms, die Stiasny quasi als Paradigmenwechsel wertet und demzufolge als Zäsur setzt. Im Fokus stehen in vier zentralen Kapiteln, die jeweils aus Überblicksdarstellungen und detaillierten Analysen von einzelnen als signifikant verstandenen Filmen bestehen, daher im Ersten Weltkrieg produzierte Unterhaltungsfilme, Filme, die sich mit den revolutionären Ereignissen 1918/1920 beschäftigen, Filme, die in der frühen Weimarer Republik einen zukünftigen Krieg imaginieren, und schließlich Historienfilme.
Diese freiwilligen Reduktionen beinhalten einige nicht genauer diskutierte Implikationen und Konsequenzen. Grundsätzlich sind im Fortgang der Untersuchung die Arbeiten zu den Frontfilmen jeweils ebenso parallel zu denken wie die internationale Filmproduktion, die zwar verschiedentlich erwähnt, aber für die Untersuchungsergebnisse kaum eine Rolle spielen. Die deutsche Filmproduktion erscheint so weitgehend isoliert (was für den Zeitraum 1914–1918 kriegsbedingt auch zutreffen mag), die für Stiasny so überaus wichtige Publikumsorientierung des „populären Kinos“ aber ebenso unbeeindruckt von Filmimporten wie das Kriegsbild des deutschen Films und Publikums.
Das „populäre Kino“ bleibt als Terminus technicus nebulös. Stiasny weist zu Recht auf die Übernahme von Elementen des Melodrams, des Krimis, der Spionage- und Abenteuergeschichten in Erzählungen über den Krieg hin, liefert aber keine Begründung, warum dies die Bezeichnung „populär“ rechtfertigen könnte. Implizit schwingt hier eine längt überholte Trennung in Unterhaltungs- und Kunstkino mit, die zwar in der Filmkunstdebatte in den Anfangsjahren der Emanzipation des Films als eigene Kunstform von einiger Relevanz gewesen sein mag, in der Gegenwart seit den 1920er-Jahren jedoch jegliche Substanz verloren hat. Dennoch sind nur aufgrund dieser impliziten und die Untersuchung eher behindernden Annahme Stiasnys abschließende Bemerkungen zu verstehen: „Der Film besitzt Wärme, womöglich Feuer. Damit ist eine Schlüsselqualität der in diesem Buch untersuchten Filme bezeichnet: Ihr Vermögen, zugleich die Schaulust zu befriedigen, die Distanz zwischen dem Zuschauer und den Figuren auf der Leinwand verschwinden zu lassen und allen Genrekonventionen zum Trotz Gefühle und Emotionen zu wecken. Die Filme gestatten sinnliche Erlebnisse und bringen Menschen zum Lachen, Weinen, Staunen, vielleicht auch zum Grübeln, Ärgern und Mitleiden.“ (S. 397) Zumindest gestattet sei die Frage, wie denn ein Film aussehen sollte, der all dies nicht erfüllt.
Die Zäsur des Jahres 1929 bleibt unbelegt, nicht nur ungeachtet der Tatsache, dass Filme wie „All Quiet on the Western Front“ sowohl als Ton- als auch als Stummfilm vertrieben wurden, Darstellungsmodi aus dem Stumm- in den Tonfilm und die Muster der Auseinandersetzung um die Bewertung des Ersten Weltkrieges nahtlos in das partiell neue Medium übernommen wurden. Stiasny bringt sich mit dieser frei gesetzten Zäsur um die Möglichkeit, die von ihm für den Zeitraum 1914–1929 in den gewählten Teilbereichen brillant aufgezeigten Auseinandersetzungen um die Deutungshoheit über den Ersten Weltkrieg bis zum vorläufigen Abschluss Ende Januar 1933 fortzuführen. Seine Studie hängt am Ende gewissermaßen in der Luft. Denn dass diese Auseinandersetzungen um die Deutungshoheit von BuFA und Ufa als von der deutschen militärischen Führung initiierte und dominierte Institutionen bereits während des Krieges begannen, durch die Transformierung der Darstellung des Krieges in andere thematische Bereiche des Films als die direkte Repräsentation der Front zu favorisieren, weist Stiasny im ersten Kapitel überzeugend nach. Ebenso detailliert wie erhellend demonstriert er anhand des bereits während des Krieges unter dem Titel „Der Adler von Flandern“ begonnenen, erst 1919 als „Ikarus“ in die Kinos gebrachten Films, also eines „Überläuferfilms“, die von der Änderung des politisch-gesellschaftlichen Systems unbeeindruckten Kontinuitäten zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik – eine „Stunde Null“ hat es demnach im deutschen Kino 1918 nicht gegeben.
Diese bruchlose Kontinuität dominiert nach Stiasny auch die Filme, die sich in den frühen 1920er-Jahren mit den revolutionären Ereignissen beschäftigen und von einem „antibolschewistischen“ Konsens geprägt sind, der wiederum seine Ursprünge in Anti-Streikfilmen des Ersten Weltkrieges findet (anhand von „Unsühnbar“, „Nerven“ und „Die entfesselte Menschheit“). Spätestens hier hätte ein von Stiasny explizit vermiedener Seitenblick auf andere Medien wie Literatur und Photographie der Untersuchung geholfen: „Überläufer“ in diesen Medien existieren in Literatur und Photographie in unübersehbarer Anzahl; die quantitativ hoffnungslos unterlegenen pazifistischen Produkte sahen sich einer von den Kontinuitäten der Darstellungsmodi aus dem Kaiserreich dominierten Übermacht gegenüber. Dass imaginierte zukünftige Kriege, unabhängig vom gewählten Medium, stets mit einem Sieg Deutschlands und der Revision des Versailler Vertrages endeten, überrascht daher ebenso wenig wie das Primat der Konsensstiftung in den von Stiasny gewählten Filmen wie „Welt ohne Krieg“ oder „Giftgas“.
Als ein weiteres Vehikel der in diesem Sinne Revisionisten identifiziert Stiasny die Filme, die sich mit historischen Ereignissen auseinandersetzen, speziell Langs „Nibelungen“ und die „Fridericus-Rex“-Tetralogie. Stiasny zeigt überzeugend, dass speziell in den äußerst populären Preußen-Filmen Geschichte als Muster für die Interpretation der Gegenwart verwendet wurde, „nationale Mythen und Führerfiguren“ installiert (der Gedanke, „_Nibelungen“ als nationales Denkmal des unbekannten Soldaten des Weltkrieges zu interpretieren, scheint bei Stiasny auf) und so die Grundlagen für die Hegemonie des entsprechenden Kriegsbildes in den Filmen der 1930er- und 1940er-Jahren gelegt wurden, die die Darstellungsmodi aus den historisierenden Filmen übernahmen. Auch dies findet seine Parallele in der historisierenden Literaturproduktion und der Geschichtsschreibung am äußersten rechten politischen Rand der Weimarer Republik und im „Dritten Reich“ – es handelt sich somit nicht um isolierte Phänomene in der deutschen Filmproduktion der 1920er-Jahre, sondern um gesamtmediale Deutungsmuster und Argumentationsschemata, die wiederum auf die deutschnational und letztlich faschistisch dominierte Auseinandersetzung um die Deutungshoheit über den Ersten Weltkrieg in der Weimarer Republik zurückzuführen wären.
Hieran hätten sich Fragen angeschlossen, die die trotz aller Detailgenauigkeit und erhellender Ergebnisse weitgehend auf das Kino konzentrierte Perspektive Stiasnys erweitern könnten: Wie sind die für den Weimarer Film herausgearbeiteten Ergebnisse im Medienkonglomerat der 1920er-Jahre einzuordnen? Welche Personen und Institutionen haben maßgeblich Einfluss auf die Gestaltung der Medienprodukte genommen und welche Verflechtungen gab es? Welche Bilderverbote gab es und von wem wurden sie installiert und protegiert? Im abschließenden Fazit reißt Stiasny das Thema am Beispiel der physisch und psychisch körperlich versehrten Kriegsteilnehmer an und behauptet ein implizites Darstellungsverbot: „In den Wochenschauen sind dokumentarische Aufnahmen so grauenhaft entstellter Gesichter wohl nie gezeigt worden, und die Spielfilme meiden sie ebenfalls.“ (S. 394) Stiasny schließt sich hier einem weit verbreiteten Irrtum an: Repräsentationen der „Gueules Cassées“ gab es bereits im Ersten Weltkrieg in Photographie und bildender Kunst, Repräsentationen stießen auf ein überragendes Publikumsinteresse, was die in die Hunderttausende gehenden Auflage von Ernst Friedrichs Photoband „Krieg dem Kriege“ in den frühen 1920er Jahren belegt, und schließlich: im Kompilationsfilm „Pour la Paix du Monde“ (Frankreich 1926) sind in der im Filmmuseum Amsterdam überlieferten niederländischen Fassung zu Beginn in zivil gekleidete Gesichtsverletzte zu sehen. Ob der Film auch in Deutschland lief und mit welchem Echo, ist mir nicht bekannt; festzuhalten bleibt jedoch, dass entsprechende Bilder existierten und massenhaft verbreitet wurden, ebenso dass sie bekämpft wurden, was unmittelbar die Frage nach den Urhebern des Bilderverbotes stellt, dessen Spuren sich auch in Stiasnys Arbeit finden. Alternative Bildangebote waren demnach stets vorhanden und wurden letztlich erfolgreich von den Kriegsbefürworten, die zugleich die Republikgegner waren, unterdrückt. Philipp Stiasny hat mit seiner umfangreichen, detaillierten, in weiten Teilen erhellenden und vor allem gut lesbaren Arbeit den status quo der Kriegsdarstellung in bislang wenig beachteten Teilbereichen der deutschen Filmproduktion der Jahre 1914–1929 identifiziert. Die Beschreibung der Ursachen, Gründe und gesellschaftlichen, historischen wie mediengeschichtlichen Konsequenzen dieses unzweifelhaft dominanten revisionistischen Kriegsbildes bleibt jedoch weiteren Arbeiten vorbehalten. HistLit 2010-2-107 / Thomas F. Schneider über Stiasny, Philipp: Das Kino und der Krieg. Deutschland 1914-1929. München 2009. In:
H-Soz-u-Kult 10.05.2010
Warburg, Jens: Das Militär und seine Subjekte. Zur Soziologie des Krieges. Bielefeld: Transcript - Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis 2008.
ISBN: 978-3-89942-852-0; 378 Seiten Rezensiert von: Philipp Münch, Forschungsgruppe Sicherheitspolitik, Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Berlin Als einen Beitrag zur bislang mangelhaften sozialwissenschaftlichen Theoretisierung des Krieges will der Soziologe Jens Warburg sein Werk über soldatische Subjekte verstanden wissen. Nicht nur dieses Postulat, sondern auch die historische Perspektive seiner Studie lassen sie interessant für die geschichtswissenschaftliche Forschung erscheinen. Ausgangspunkt Warburgs ist die insgesamt vergleichsweise seltene Beschäftigung der Sozialwissenschaften mit Krieg und Militär westlicher Staaten. Resultat dieses Mangels sei unter anderem, dass Soldaten bestenfalls bei non-konformem Handeln als selbständig handelnde Subjekte betrachtet würden, und nicht in ihrer Rolle als militärische Funktionsträger. Neben verbreiteten philosophischen Vorstellungen von angeblich mangelhafter subjektiver Erkenntnisfähigkeit des Beherrschten, führt er diese Forschungstendenz auf eine Überbetonung ‚zweckrationalen‘ Handelns zurück. Da der militärische Zweck im äußersten Fall in der Aufopferung des Soldaten liegen würde, wäre es nicht möglich, ihn bei konformem Handeln als Subjekt zu bezeichnen. Warburg entgegnet dem, dass auch Konformität subjektive Entscheidungen erfordert, nämlich schlicht, entsprechend der Vorgaben zu handeln. Er zieht es daher vor, mit Michel Foucault den Umgang des Subjekts mit seiner eigenen „historischen Gewordenheit“ unter den Bedingungen der Objektivierung durch Herrschaft zu betrachten. Hierdurch kann er das soldatische Subjekt nicht nur als Leidenden und Ertragenden betrachten, sondern auch als aktiv Handelnden.
Vor dem Hintergrund seiner theoretischen Überlegungen stellt Warburg die – allerdings wohl nur unter strikten Strukturalisten umstrittene – These auf, dass es sich auch bei Soldaten um Subjekte handelte. Er will daher genauer untersuchen, wie es im Laufe der Geschichte gelungen ist, eben jene Subjektivität mit der Objektivierung des Soldaten als Kampfinstrument in Übereinstimmung zu bringen. Überzeugend schränkt er seine Studie auf die Kriegführung als Daseinszwecks des Militärs ein. Historisch beginnt Warburg hierbei im Mittelalter und endet schließlich in der Gegenwart. Naturgemäß kann er aufgrund des langen Zeitraumes für den empirischen Teil nicht eigene detaillierte Quellenstudien heranziehen, sondern muss sich auf die vorhandene Literatur abstützen.
Im Zuge seiner historischen Analyse konstatiert er eine zunehmende Wertschätzung für die Subjektivität des Soldaten durch die militärische Führung. Vom Mittelalter bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts hätten dieser Entwicklung jedoch zunächst gegenteilige Bemühungen gegenübergestanden. Demnach wären schon die Ritterheere und noch stärker die frühneuzeitlichen Gewalthaufen von einer Einschränkung des Subjektcharakters ihrer Kämpfer gezeichnet gewesen. Dies sei jedoch nicht als reiner Zwang zu verstehen, sondern wäre auch durch die Einsicht der Beteiligten gestützt worden, die sich hiervon eine größere Überlebenswahrscheinlichkeit im Kampf versprochen hätten. Die Tendenz der Objektivierung des einzelnen Kämpfers hätte sich mit der Disziplinierung des Söldnerwesens, die in der Schaffung stehender Heere mündete, weiter fortgesetzt. Auf die Spitze getrieben wurde diese Entwicklung demnach durch die Herausbildung der Lineartaktik, der das Ideal vom Staats- und daher auch Militärwesen als perfekt abgestimmter Maschine zugrunde lag. Zumindest der Konzeption nach, sollte der Soldat hierin nur noch als Zahnrädchen wirken, das geradezu willenlos die befohlenen Handlungen vollzieht. Warburg bringt diesen historischen Prozess auf die überzeugende Faustformel, dass die Subjektivität des einfachen Soldaten bis zum Ende der Lineartaktik in der Vorstellungswelt der militärischen Führung bestenfalls als Lückenbüßer fungierte. Derart verstanden, sollte der Soldat nur eigenständig handeln, sofern keine Befehle vorhanden waren. Subjektivität als kreative Gefechtsführung wurde hingegen nur den höchsten militärischen Führern im Sinne eines ‚Feldherrengenies‘ zugestanden.
Das militärische Scheitern der Lineartaktik im Zuge der Napoleonischen Kriege erklärt Warburg schließlich mit der negativen Sicht auf soldatische Subjektivität und damit auf die Eigeninitiative der Untergebenen. Erst die Erfolge der die persönliche Motivation ihrer Soldaten nutzenden französischen Revolutionsheere hätten zu einem langsamen Umdenken auch in den anderen Streitkräften geführt. In der höchsten Form führte dies im Laufe des 19. Jahrhunderts demnach in Preußen zur so genannten Auftragstaktik, die dem Soldaten in einem vorgegebenen Rahmen eine größtmögliche Freiheit zur Erfüllung seines Auftrags gewährte. Anfangs bezog sich dies zwar nur auf Truppenführer, erstreckte sich aber bis zum Ersten Weltkrieg schließlich sogar auf die Ebene des einzelnen Soldaten. Warburg verdeutlicht an diesem Prozess das Auseinandertreten der noch zu Zeiten der Lineartaktik funktionellen, auf das Vollziehen bestimmter Handgriffe gerichteten Disziplin, die hiernach jedoch zu einer reinen, bis heute im Militär zu findenden, Haltungsdisziplin wurde. In dem – auf deutscher Seite am weitesten vorangetriebenen – Nutzen der Selbsttätigkeit des Soldaten für die Kriegführung und dessen Ausrichtung als Operator von Maschinenwaffen, gepaart mit einer auf seine Optimierung ausgerichteten Wehrpsychologie, sieht Warburg entscheidende Merkmale des modernen Krieges ab 1914.
Als weitere Elemente im Umgang des Militärs mit der Subjektivität des Soldaten sind laut Warburg nach 1945 vor allem eine an den Bedürfnissen des „Bedarfsträgers“ orientierte Militärsoziologie sowie weitere Dimensionen der Technisierung hinzugekommen. Zu Letzteren zählen die schon seit den 1950ern-Jahren betriebenen Versuche, mit Hilfe technischer Artefakte Soldaten als ‚Cyborgs‘ zu optimieren, was jedoch bisher an den Grenzen des Leibes gescheitert sei. Hinzu träte die Vision einer ‚Network Centric Warfare‘ (NCW), die den Soldaten bis zur untersten Ebene durch informationelle Vernetzung ermöglichen soll, das eigene Handeln gegenseitig im Sinne der übergeordneten Führung zu synchronisieren. Treffend weist Warburg darauf hin, dass diese Vision von NCW noch nirgendwo Realität geworden ist und dies auch eher unwahrscheinlich ist, setze dies doch eine völlig neue Qualität der freiwilligen Selbstgefährdung voraus. Schließlich diskutiert er noch die sehr überzeugend als „paradoxe Verhaltensanforderungen“ (S. 346) charakterisierten Aufträge an Soldaten in den heutigen Interventionen zur Kriegsbeendigung oder „Stabilisierung“ durch westliche Streitkräfte. Paradox sei daran die Erwartung, soldatische Subjekte könnten ohne größere Probleme zwischen der Rolle als Helfer und der des tödliche Gewalt ausübenden Kämpfers wechseln. Hinzu käme wieder eine stärkere Kontrolle des Soldaten in derartigen Missionen durch auf höchster politischer Ebene beschlossene Regeln der Gewaltanwendung.
Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die meisten geschichtswissenschaftlichen Arbeiten noch immer auf eine theoretische Konzipierung des Militärs als soziales Handlungsfeld verzichten, sozialwissenschaftliche Beiträge hingegen die historische Entstehung ihres Gegenstandes tendenziell vernachlässigen, stellt Warburgs Studie einen großen Schritt in die richtige Richtung dar. Dennoch soll auf einige Defizite hingewiesen werden. Hierzu zählt insbesondere der subjektzentrierte theoretische Ansatz, der nur teilweise sinnvoll erscheint, da Warburg doch in weiten Teilen die Strukturen des Handelns der militärischen und politischen Führungen westlicher Staaten im Umgang mit Soldaten als Subjekten schildert. Zudem erwähnt er zwar an einigen Stellen kurz den nicht weiter theoretisierten soldatischen ‚Habitus‘, kann aufgrund seines Ansatzes aber dessen historische „Gewordenheit“ gerade nicht plausibel machen. Die Subjektivität des Soldaten an sich erscheint insgesamt also als geringer gewichtet. Besonders deutlich wird dies an der Vernachlässigung der mittlerweile in den Fokus vieler neuerer Arbeiten gerückten Frage, weshalb Soldaten töten. Außer der Annahme, dass die „Fähigkeit, Gewalt auszuüben, […] dem Menschen angeboren sein“ mag (S. 84), geht er jedoch nicht auf Gewalttheorien ein. Gerade die jüngere historische Forschung zum Ersten Weltkrieg bietet hierfür einiges Anschauungsmaterial, das Warburg allerdings außer Acht lässt.
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Eine genauere Sichtung der Literatur über diese Zeit hätte ihn auch davor bewahrt, mittlerweile widerlegte Mythen wie den vom ‚Sozialmilitarismus‘ des deutschen Kaiserreichs oder den Nervenärzten als ‚Maschinengewehren hinter der Front‘ zu reproduzieren. Trotz allem ist Warburgs Studie sowohl durch ihre theoretische Fundierung als auch historische Perspektive letztlich als herausragender Beitrag zur Erforschung von Krieg und Militär zu würdigen, die hoffentlich viele Folgearbeiten animieren wird.
[1] Als unverzichtbar kann die brillante, sozialwissenschaftlich angelegte Studie von Tony Ashworth, Trench Warfare 1914-1918. The Live and Let Live System, London 1980, gelten. Er untersucht hierbei das Spannungsverhältnis zwischen den weit verbreiteten Bestrebungen von Frontsoldaten, an ruhigeren Einsatzorten durch (implizite) Vereinbarungen mit dem Gegner das eigene Überleben zu sichern, und dem Ziel der militärischen Führungen, die Gewaltbereitschaft aufrecht zu erhalten. Als jüngeres Beispiel sei hier nur die Arbeit von Ralph Winkle, Der Dank des Vaterlandes. Eine Symbolgeschichte des Eisernen Kreuzes 1914 bis 1936, Essen 2007, genannt. Hier wird die Absicht, mit militärischen Auszeichnungen zur Kampfmotivation beizutragen, mit deren tatsächlicher Bedeutung für die Soldaten verglichen. HistLit 2010-2-061 / Philipp Münch über Warburg, Jens: Das Militär und seine Subjekte. Zur Soziologie des Krieges. Bielefeld 2008. In:
H-Soz-u-Kult 21.04.2010
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