Bentzin, Anke: Die soziale und religiöse Bedeutung der Eheschließung für türkische Frauen der zweiten Generation in der Bundesrepublik Deutschland

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THEORETISCHER TEIL

Kapitel 1. Ehe und Eheschließung im islamischen Recht

Der Islam prägt den Alltag seiner Anhänger in einer Weise, daß häufig eine Trennung zwischen Religion und Alltagskultur nicht ohne weiteres vollzogen werden kann. Wichtige Ereignisse wie „Geburt, Beschneidung, Hochzeit und Tod erhalten bei gläubigen Menschen eine religiöse Dimension, die ihm sein Wesen und den Sinn und Zweck seines Daseins enthüllt.<13> Diese Vorgänge sind sozial-religiöse Höhepunkte im Lebenslauf .

Das islamische Recht (_arî’a<14>) hat Vorschriften, Verbote und Regelungen entwickelt, die alle Bereiche und Etappen im Leben der Gläubigen berücksichtigen. Der für Muslime heilige Koran ist die primäre Quelle der islamischen Rechtsordnung. Zahlreiche Koranverse behandeln das Geschlechterverhältnis, das Familienleben und die juristischen und finanziellen Konsequenzen einer Scheidung.<15> Weitere Wurzeln der _arî’a sind die Lebensweise des Propheten Muhammad (sunna)<16>, die in den Hadithen (hadît/ahâdît)<17> tradiert wird, der Konsens der Gemeinde bzw. der Gelehrten hinsichtlich einer Rechtsfrage (iğmâ‘)<18> und der Analogieschluß (qiyâs)<19>.

Anhand der beiden Hauptquellen der _arî’a - dem Koran und den Hadithen - sowie der Beiträge zu Fragen des islamischen Rechts<20> sollen in diesem Kapitel die islamischen


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Momente der Eheschließung herausgearbeitet werden. Diese Vorgehensweise vernachlässigt die äußerst vielfältigen Hochzeitsbräuche und regionalen Besonderheiten, die nicht religiösen Ursprungs sind. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die hanafitische Rechtsschule (hanafîya), da die sunnitischen Türken dieser Richtung angehören. Unter den in der Bundesrepublik lebenden Muslimen beträgt der Anteil der Hanafiten ca. 90 %.<21> Die von Abû Hanîfa<22> gegründete Rechtsschule gilt als die liberalste der vier gängigen sunnitischen Rechtsschulen (madhab/madâhib) im Islam, weil in ihrer Rechtsfindung die persönliche Meinung (ra‘y) und das ’Für-Gut-Halten‘ (istihsân)<23> eine große Rolle spielen. Muslime aus der Türkei, die sich nicht zum sunnitischen Islam und zur hanafitischen Rechtsschule bekennen, sind die Aleviten (türk.: Alevi/Aleviler). Das Bekenntnis der Aleviten zu der nach dem sechsten Imam ğa’far as-Sâdiq<24> benannten zwölferschiitischen Rechtsschule der ğa´farîyaist lediglich nominell, denn sie befolgen - ohne sich allerdings dieses Widerspruchs bewußt zu sein - weder Theologie noch Gesetz der Zwölferschia“.<25> Aus diesem Grund und weil die alevitische Glaubensgemeinschaft eigene Glaubenssätze und gesetzliche Regelungen entwickelt hat, kann die schiitische ğa´farîya hier unberücksichtigt bleiben. Im dritten Kapitel (3.2.1) werden die wesentlichen Prinzipien des Alevitums dargestellt.

1.1 Charakter und Sinn der Heirat im Islam

Während die ursprüngliche Bedeutung des arabischen Wortes ’nikâh‘ ’Beischlaf‘ war, wird es in der modernen arabischen Sprache sowohl für ’Hochzeit‘ und ’Eheschließung‘ als auch für ’Ehe‘ und ’Ehevertrag‘ verwendet.<26> Im Koran meint nikâh ausschließlich


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den Ehevertrag.<27> Dieser arabische Begriff hat Eingang in die türkische Sprache gefunden und bedeutet ’Eheschließung‘, ’Trauung‘, ’Heirat‘ sowie ’die festgesetzte Summe, die der Mann im Falle einer Scheidung an seine Frau zu zahlen hat‘.<28> Heute dominiert im alltäglichen Sprachgebrauch das türkische Wort ’evlenme‘ für Heirat und Ehe.<29> Die standesamtliche Eheschließung wird in der Türkei mit ’resmî nikâh‘ und die religiöse Eheschließung mit ’dînî nikâh‘ bzw. als ’Imâm nikâhı‘ (Imam-Ehe) bezeichnet.

In der islamischen Welt ist nikâh ein Vertrag zwischen den gesetzlichen Vertretern der Eheschließenden. Abû Hanîfa und der Prophet Muhammad definieren die Eheschließung im Islam als einen Vertrag des gegenseitigen Austauschs von Vermögenswerten, der jederzeit aufgelöst werden kann.<30>

Der islamische Glaube verlangt die Ehe, um in diesem Rahmen eine Familie zu gründen. Sie dient der Zeugung legitimer Nachkommen.<31> Die Familie - mit dem Vater als Oberhaupt - dem sich nach islamischen Vorstellungen die anderen Familienmitglieder unterzuordnen haben, bildet den Kern der muslimischen Gemeinschaft (umma). Nur ein geregeltes und sittliches Familienleben kann der umma ein festes Fundament bieten.<32> Die Heirat ist auch in der islamischen Gesellschaft keine rein private Angelegenheit, sondern der Muslim übernimmt mit der Eheschließung eine soziale Verantwortung. Das Nichteingehen einer Ehe trotz des Vorhandenseins aller Voraussetzungen für eine Eheschließung wird nicht gutgeheißen.<33> Es kann von einer Pflicht des Muslims zur Heirat gesprochen werden, was folgender Koranvers unterstreicht: „Und verheiratet diejenigen von euch, die (noch) ledig sind, und die Rechtschaffenden von Euren Sklaven und Sklavinnen.“<34>

Ein Zölibat für hohe geistliche Würdenträger kennt der orthodoxe Islam nicht. Vielmehr


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bejaht er die Sexualität. Diese soll in der Ehe ausgelebt werden, um die Ordnung der muslimischen Gemeinschaft nicht zu gefährden.<35> Im Koran sind mehrere Belege für die positive Bewertung des Geschlechtstriebes im Rahmen der Ehe zu finden: „Eure Frauen sind euch ein Saatfeld. Geht zu (diesem) euren Saatfeld, wo immer ihr wollt!<36> Islamischen Vorstellungen zufolge hat Gott die beiden Geschlechter zur Zeugung von Nachkommen erschaffen: „Und zu seinen Zeichen gehört es, daß er euch aus euch selber Gattinnen geschaffen hat (indem er zuerst ein Einzelwesen und aus ihm das ihm entsprechende Wesen machte), damit ihr bei ihnen wohnet. Und er hat bewirkt, daß ihr (d.h. Mann und Frau) einander in Liebe und Erbarmen zugetan seid.“<37> An anderer Stelle werden die Gläubigen ermahnt, sich des Geschlechtsverkehrs zu enthalten „außer gegenüber ihren Gattinnen, oder was sie (an Sklavinnen) besitzen, (denn) dann sind sie nicht zu tadeln.- Diejenigen aber, die darüber hinaus (andere Frauen) für sich haben wollen, machen sich offensichtlich einer Übertretung schuldig“.<38>

Obwohl die angeführten Koranverse sich ausschließlich an männliche Muslime richten, kommt Frauen im Bereich der Sexualität keineswegs eine passive Rolle zu. Die marokkanische Soziologin Fatima Mernissi, welche die Stellung der Frau in der vor- und frühislamischen sowie der zeitgenössischen islamischen Gesellschaft aus feministischer Perspektive untersucht, analysiert in ihrem Werk „Geschlecht, Ideologie, Islam“ das Verhältnis des Islam zur weiblichen Sexualität. Grundsätzlich befürwortet die islamische Religion die Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse beider Geschlechter, und Impotenz des Ehemanns ist einer der wenigen Scheidungsgründe, den muslimische Frauen geltend machen können. Ein ausgefülltes eheliches Sexualleben schützt vor zinâ‘<39>, denn sexuell unzufriedene Frauen und Männer gelten als bedrohlich. Das islamische Konzept der weiblichen Sexualität geht davon aus, daß die feminine Attraktivität und Anziehungskraft eine ständige Bedrohung für die Männerwelt bedeutet. Insbesondere sexuell erfahrene Frauen stellen eine Gefahr dar.<40> Laut Mernissi bekämpft der Islam die Frau, denn „sie ist fitna, die Inkarnation des


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Unbeherrschbaren, der lebende Beweis für die Gefahren der Sexualität und ihrer unermeßlichen Zerstörungskraft“.<41> Die Geschlechtertrennung soll die Kontakte der Geschlechter untereinander unterbinden. Die Bekleidungsvorschriften dienen als Schutz der Männer vor der erotischen Anziehungskraft der Frauen. Das Recht muslimischer Männer, zur gleichen Zeit mit vier Frauen verheiratet zu sein und außereheliche sexuelle Beziehungen einzugehen<42>, ist für Mernissi ein Mittel zur Erniedrigung der Frauen.<43>

Das islamische Recht unterscheidet zwischen Frauen und Männern bezüglich der konfessionellen Bindung des Ehepartners. Während muslimische Männer Nicht-Musliminnen heiraten dürfen, ist muslimischen Frauen die Ehe mit einem Mann, der sich nicht zum Islam bekennt, verboten.<44> Dieses Verbot beruht auf der islamischen Auffassung, daß die Konfessionszugehörigkeit über den Vater weitergegeben wird und folglich das Kind einer Muslima und eines Nicht-Muslims aller Wahrscheinlichkeit nach der Religionsgemeinschaft seines Vaters angehört. Den muslimischen Männern empfiehlt der Koran ebenfalls, eine Gläubige zu heiraten und die Töchter und Schwestern mit Muslimen zu verheiraten: „Und heiratet nicht heidnische Frauen, solange sie nicht gläubig werden! Eine gläubige Sklavin ist besser als eine heidnische Frau, auch wenn diese euch gefallen sollte. Und gebt nicht (gläubige Frauen) an heidnische Männer in die Ehe, solange diese nicht gläubig werden! Ein gläubiger Sklave ist besser als ein heidnischer Mann, auch wenn dieser euch gefallen sollte.“<45> Jedoch verbietet er dem Mann nicht, mit einer Angehörigen einer der sogenannten Buchreligionen die Ehe einzugehen: „Und (zum Heiraten sind euch erlaubt) die ehrbaren gläubigen Frauen und die ehrbaren Frauen (aus der Gemeinschaft) derer, die vor euch die Schrift erhalten haben, wenn ihr ihnen ihren Lohn gebt, (wobei ihr euch) als ehrbare (Ehe)männer (zu betragen habt), nicht als solche, die Unzucht treiben und sich Liebschaften halten.“<46>


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1.2 Bedingungen einer rechtskräftigen Eheschließung

Im islamischen Rechtswesen werden drei Kategorien von Ehen unterschieden: Auf der Skala der Rechtmäßigkeit rangiert die rechtmäßige (sahîh) Ehe auf der obersten Stufe, gefolgt von der fehlerhaften (fâsid) und nichtigen (bâşil) Ehe. Während eine ’bâşil-Ehe‘ als Nichtehe gilt, kann eine ’fâsid-Ehe‘ voll wirksam werden.<47> Die Rechtsquellen legen die Modalitäten für das Zustandekommen einer rechtsgültigen Eheschließung fest, wobei darauf hingewiesen werden sollte, daß Aussagen und Anweisungen in Koran und Hadithen häufig als Reaktionen auf die private Situation Muhammads sowie die frühislamischen sozialen Verhältnisse in Mekka und Medina entstanden sind.<48> Das islamische Eherecht hat außerdem wesentliche Elemente des arabischen Gewohnheitsrechts übernommen, das in vorislamischer Zeit seine Anwendung fand.<49>

1.2.1 Bereitschaft zur Eheschließung und Ehefähigkeit der Brautleute

Die Ehefähigkeit ist mit dem Erreichen der Geschlechtsreife gegeben, die das hanafitische Recht bei Knaben auf fünfzehn Jahre und bei Mädchen auf neun Jahre festgelegt hat. Mit der Heirat erwerben die Eheschließenden ihre Mündigkeit.<50>

Grundlage einer rechtsgültigen Ehe bildet die Bereitschaft der beiden Ehepartner zu der Verbindung, die in einer Absichtserklärung zum Zeitpunkt der Eheschließung unzweideutig und öffentlich zum Ausdruck kommen muß.<51> Folgende Beispiele der Interpretation verschiedener Reaktionen eines jungfräulichen Mädchens (bikr) auf ein Eheangebot zeigen, daß nach Auffassung anerkannter hanafitischer Rechtsgelehrter die Braut das Recht auf Ablehnung hat. Ihr Weinen drückt ihre Zurückweisung des


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Heiratsangebotes aus, was nach As-Sarahsî bedeutet, daß die Eheschließung nicht zulässig ist. Ein Hadith, der sich auf die Prophetengefährten (ansâr) Abû Huraira und Abû Mûsâ al-A_’arî <52> beruft, besagt, daß der Prophet die Eheschließung einer Jungfrau ablehnte, die ihr Vater ohne ihr Einverständnis verheiratete.<53> Während das Lachen der jungen Frau auf ihre Zustimmung hinweist, gilt ein „spöttisches“ Lachen dagegen nicht als Bestätigung.<54> Mit einem „Schweigen aus Schüchternheit“ signalisiert sie ihre bejahende Haltung gegenüber dem Eheangebot.<55> Bei Männern ersetzt das Schweigen nicht die Einwilligung. Vielmehr ist es tadelnswert, weil dies als „weibisch“ angesehen wird.<56> Als Minderjährige sind jungfräuliche Mädchen nicht legitimiert, rechtskräftige Willensentscheidungen zu treffen und müssen deshalb durch den walî muğbir<57> verheiratet werden. Nach hanafitischer Rechtsauslegung ist jeder als walî (türk.: veli)<58> auftretender Blutsverwandter befugt, das minderjährige Mädchen ohne ihr Einverständnis zu verheiraten. Wurde eine Frau von einem anderen als ihrem Aszendenten verheiratet, dann erwirbt sie mit der Volljährigkeit das Recht, ihre Ehe durch einen Richter (qâdî) als nichtig erklären zu lassen. Ebenso kann der walî muğbir den noch minderjährigen Bräutigam verheiraten.<59>


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1.2.2 Zur Rolle der Anwesenden bei einer Eheschließung

Die Anwesenheit zweier Zeugen bei der islamischen Eheschließung wird im Koran nicht ausdrücklich verlangt. Diese Forderung erscheint erst in der Tradition.<60> Da nikâh als ein ziviler Vertrag angesehen wird, kann davon ausgegangen werden, daß in bezug auf die Eheschließung die gleichen Bestimmungen wie z.B. bei Kauf- oder Schuldnerkontrakten zwischen zwei Parteien gelten. Die Brautleute oder zwei gesetzliche Vertreter (walî) sowie zwei männliche Zeugen müssen bei der Erklärung von Angebot (îğâb) und unmittelbarer Annahme (qubûl) anwesend sein und diese hören.<61> Der nachstehende Koranvers gebietet die schriftliche Besiegelung der vertraglichen Vereinbarungen: „Und nehmt zwei Männer von euch zu Zeugen! Wenn es nicht zwei Männer sein können, dann sollen es ein Mann und zwei Frauen sein, solche, die euch als Zeugen genehm sind,- (zwei Frauen) damit (für den Fall), daß die eine von ihnen sich irrt, die eine (die sich nicht irrt) die andere (die sich irrt, an den wahren Sachverhalt) erinnere [...] Und laßt euch nicht verdrießen, es aufzuschreiben, (die Summe) klein oder groß (damit es) bis zu einer Frist (festgelegt sei)!<62>

In den Hadithen wird die Gegenwart von Zeugen bei der Heirat angeordnet. So habe Muhammad gesagt: „Es gibt nur eine Eheschließung mit Zeugen!<63> Auch Frauen sind berechtigt, als Zeuginnen aufzutreten. Allerdings diskriminiert der Islam hier die Frauen, denn zwei Zeuginnen entsprechen einem männlichen Zeugen.<64> Die Eheschließung ist nicht statthaft, wenn als Zeugen zwei Sklaven, Ungläubige, Kranke, Frauen oder zwei junge Männer, die noch nicht die Geschlechtsreife erreicht haben, zugegen sind.<65>

Eine auf die Prophetengattin ’Âi‘_a zurückgehende Tradition berichtet, daß Muhammad geäußert haben soll: „Welche Frau auch immer ohne die Genehmigung ihres Vormunds heiratet, deren Eheschließung ist nichtig, nichtig, nichtig!“ und „Es gibt nur eine Eheschließung mit einem walî.“<66> Der arabische Terminus walî bedeutet u.a.


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’Vormund‘, ’Schutzherr‘, ’Freund‘. Im Zusammenhang mit nikah meint er den Bevollmächtigten der Braut bei Abschluß des Ehekontrakts. In der Regel fungieren der nächste männliche Verwandte oder der nächste männliche Verwandte in der männlichen Linie unter den Nachkommen des Vaters oder Großvaters als walî. Der walî übernimmt die Verfügungsgewalt über Minderjährige, Waisenkinder und Menschen mit psychischen Erkrankungen. Sobald seine Mündel die Volljährigkeit erreicht haben, gibt er die Vormundschaft ab. Veruntreut er das von ihm verwaltete Vermögen, kann er abgesetzt werden.<67> Ein Vormund, der bei einer islamischen Eheschließung die Braut bzw. den Bräutigam vertritt, handelt als wakîl. Diese Stellvertreterfunktion bei einer Eheschließung oder bei einer Scheidung darf nur eine ’unbescholtene‘ Person ausüben, da andernfalls die Ehe nichtig ist<68>.

Obwohl die Gegenwart eines islamischen Geistlichen bei Ehevertragsschluß nicht verlangt wird, ist in der Türkei im allgemeinen ein Imam zugegen, der die Eröffnungsansprache (arab.: hutba, türk.: hutbe) und das Trau- oder Schlußgebet (nikah duası) hält.<69> Auch Muhammad soll die hutba bei der Eheschließung nahelegt haben. Dennoch dient sie wie auch das nikah duası lediglich der Ausschmückung der Formalitäten. Beide sind rechtlich ohne Belang.<70> Nach Jäschke erklärt sich die Funktion des türkischen Imam bei der Eheschließung aus der hutba. Der Zeitpunkt des Aufkommens dieser zur Tradition gewordenen hutba ist bisher noch nicht geklärt.<71> Ferner gehört das Rezitieren der Eröffnungssure des Korans (fâtiha) zu den nicht erforderlichen, aber zur Regel gewordenen Zeremonien bei einer islamischen Eheschließung.<72>


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1.2.3 Morgengabe

Nach islamischem Recht ist die Morgengabe (arab.: mahr, sadâq, türk.: sıdak, mehir, mihir) ein vor der Heirat festgesetzter Betrag, den der Bräutigam seiner zukünftigen Frau bei Abschluß des Ehevertrags zu entrichten hat. Die mahr ist ein wesentlicher Bestandteil des Ehekontrakts, ohne den die Ehe nichtig ist. Daß der Braut die Morgengabe zu zahlen ist, verfügt der Koran: „Und gebt den Frauen ihre Morgengabe als Geschenk (so daß sie frei darüber verfügen können)!<73> Der Termin der Auszahlung der Summe an die Frau ist nicht festgelegt. Sie kann der Ehegattin bei der Eheschließung oder kurz danach ausgehändigt oder auch in Raten gezahlt werden. Diese Gabe an die Braut dient ihrer finanziellen Absicherung im Falle einer Scheidung. Da es im islamischen Recht das Prinzip der Gütertrennung in der Ehe gibt, gehört der Frau diese Summe allein.<74>

Es werden zwei Formen der mahr unterschieden: Während der Betrag der mahr musammâ (bestimmte mahr) beim Ehevertragsschluß genau festgelegt wird, entspricht die mahr al-mitl dem Vermögen, der Abkunft und den ’Eigenschaften‘ der Braut. Generell nennt die _arî’a hinsichtlich der Höhe der Brautgabe keine obere und untere Grenze. Jedoch haben die Rechtsschulen Mindestbeträge vorgeschrieben.<75>

Bei der islamischen Eheschließung spricht der beauftragte Imam folgende Worte: „Ich verheirate dich x in Gehorsam zu Gott, der den Ehestand angeordnet hat, an y, Tochter von z, für die ihr genehme Morgengabe und mit Erlaubnis ihres Vaters!“ Die Antwort des Bräutigams lautet: „Ich willige ein, mit ihr für die erwähnte Morgengabe verheiratet zu werden.“ Der Ehevertrag wird durch seine Unterzeichnung, die Zahlung der Morgengabe und den Vollzug der Ehe in der Hochzeitsnacht rechtskräftig.<76>


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1.3 Hindernisse einer Eheschließung nach islamischem Recht

Nach islamischem Rechtsverständnis ist es dem muslimischen Mann unter den folgenden Bedingungen verboten, eine Ehe einzugehen: Die Hochzeit mit einer Frau, mit welcher der eigene Vater bereits verheiratet gewesen war, ist laut Koran nicht erlaubt, wo es heißt: „Und heiratet keine Frauen, die (vorher einmal) eure Väter geheiratet haben, abgesehen von dem, was (in dieser Hinsicht) bereits geschehen ist! Das ist etwas Abscheuliches und hassenswert - eine üble Handlungsweise!<77> Eindeutig untersagt der Koran die Ehe mit den Tanten väterlicher- sowie mütterlicherseits und mit den Töchtern der Geschwister. Die Eheschließung zwischen Cousin und Cousine ist dagegen gestattet und ist bis in heutige Tage in verschiedenen Regionen der islamischen Welt eine gängige Praxis. Schwiegermütter und -töchter wie auch die Mütter der Stieftöchter kommen als Gattinnen ebenfalls nicht in Frage. Rechtswidrig ist auch die Verbindung mit den Ammen und mit den Milchschwestern, d.h. den Mädchen, die von derselben Amme gestillt wurden. Die gleichzeitige Ehe mit zwei Schwestern ist nicht zulässig.<78>

Kommt es vor, daß ein Muslim von der Möglichkeit Gebrauch macht, mit maximal vier Frauen zum gleichen Zeitpunkt verheiratet zu sein, darf er darüber hinaus keine weitere Ehe schließen. Um eine neue Ehe eingehen zu können, muß er sich von einer seiner bisherigen Ehefrauen trennen. Hat ein Mann seine Ehefrau durch die dreimalige Scheidungsformel (şalâq) verstoßen, oder ist die Frau verwitwet, darf sie erst nach Einhaltung einer Wartezeit (’idda) wieder geheiratet werden.<79>

Schließlich kann soziale Ungleichheit ein Ehehindernis darstellen. Der Mann sollte sozial nicht unter der Frau stehen, es sei denn der walî der Frau hat nichts gegen die Eheschließung einzuwenden.


Fußnoten:

<1>

Angaben des Statistischen Bundesamts Wiesbaden vom 31.12.1996 zufolge leben in der BRD 2,049 Mio. türkische Einwohner. Diese Zahl berücksichtigt nicht die Einwanderer und deren Nachkommen, die die deutsche Staatsangehörigkeit erworben haben. Im Jahre 1995 erfolgte z.B. die Einbürgerung von 31.578 Migranten türkischer Herkunft. Vgl. Statistisches Bundesamt Wiesbaden (1997), 67f. Laut einer im Oktober 1997 veröffentlichten Studie über türkische Jugendliche in Berlin leben 137.216 Türken in der Stadt. Vgl. Ausländerbeauftragte des Senats (1997), 39.

<2>

Ins Literaturverzeichnis sind empirische Studien zu diesen Themen aufgenommen worden, die ich in der Vorbereitungsphase für meine Arbeit gelesen habe. Für einen Überblick über die Publikationen zur türkischen Migration in der BRD sei Knapp, A. (1996), 4ff empfohlen.

<3>

Heitmeyer,W.; Müller, J.; Schröder, H. (1997).

<4>

Der Spiegel (14.04.1997) Nr. 16, 78-97.

<5>

Problematisch ist der Gebrauch von Bezeichnungen wie ’türkisch‘ oder ’Türke/in‘ im Hinblick auf die Generationen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. In der vorliegenden Arbeit bezieht sich das Attribut ’türkisch‘ oder die Bezeichnung ’Türke/in‘ auf die Herkunft der Familie. Obwohl ich für einen bedachten Umgang mit diesen Bezeichnungen plädiere, verwende ich sie dennoch angesichts der Tatsache, daß die Interviewpartnerinnen sich selbst mit dem Attribut ’türkisch‘ identifizieren.

<6>

Unter der ’zweiten Generation‘ versteht man die Kinder der Arbeitsmigranten unabhängig von ihrem Geburtsort. Die besondere Situation türkischer Migrantinnen der zweiten Generation, im Elternhaus gemäß den kulturellen und religiösen Normen und Wertvorstellungen des Herkunftslandes erzogen zu werden und außerhalb des Familienkreises mit den Einflüssen der deutschen Gesellschaft konfrontiert zu werden, wird in diversen Arbeiten untersucht. Vgl. z.B. Holtbrügge, H. (1975), Karpf, M. (1979), König, K. (1989), Otyakmaz, B.Ö. (1994), Riesner, S. (1990), Rödig, S. (1988).

<7>

Die Beweggründe für die Teilnahme am Interview waren unterschiedlich. Einige Frauen bezweckten mit ihren Aussagen, die Situation und Probleme ihrer Generation publik zu machen. Andere legten Wert auf eine differenzierte Darstellung der ’Rolle der türkischen Frau‘. Die religiösen Interviewpartnerinnen intendierten, sich gegen das negative Image des Islam in der deutschen Öffentlichkeit zu engagieren. Insgesamt war der Wunsch nach einem Dialog zwischen deutscher und türkisch-muslimischer Gesellschaft erkennbar. Und natürlich war ein Motiv für die Teilnahme am Interview auch persönliche Neugier.

<8>

Jäschke, G. (1940), (1953), (1955), (1961).

<9>

Vgl. Hierold, A. (1984), Kotzur, H. (1988), Miksch, J. (1980), Sekretariat der deutschen Bischofskon-ferenz (1982) u.a.

<10>

Befragt wurden Şaban Özbudak als Attaché für Religiöse Angelegenheiten beim Türkischen Generalkonsulat in Berlin, der zugleich DITIB-Vorsitzender ist, sowie der Libanese Sheih Muhammad al-Khaled, der sich als islamischer Rechtsgelehrter ausgibt und sunnitische Muslime in juristischen Fragen berät.

<11>

Als Imame werden im sunnitischen Islam die Vorbeter beim Freitagsgebet bezeichnet. Darüber hinaus haben sie eine Vielzahl weiterer Aufgaben im religiösen und rechtlichen Bereich.

<12>

Ein Hoca ist ein islamischer Geistlicher, der an einer Medrese ausgebildet wurde. Auch Lehrer und ’Gesundbeter‘ werden mit Hoca angesprochen. Vgl. Steuerwald (1990), 394.

<13>

Gieringer, F. (1982), 21.

<14>

Ausgenommen von auch im Deutschen verwendeten Wörter wie Koran, Imam und Hadith, erscheinen die arabischen und türkischen Begriffe in kursiv gedruckten Kleinbuchstaben und in der den Transliterationsregeln der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft entsprechenden Umschrift. Vgl. Brockelmann, C. (1935).

<15>

Z.B. die Suren 2:228-237, 2:240f, 296, 33:49. Vgl. Der Koran (1989), 34ff, 36f, 296.

<16>

Wensinck, A.J. (1934), 601ff.

<17>

Hadithe sind die Überlieferungen von der Lebensweise (sunna) und den Aussprüchen des Propheten. Die anfangs mündlich tradierten Hadithe wurden ab dem 7. Jahrhundert gesammelt. Im 9. Jahrhundert entstanden die Kanonischen Hadith-Sammlungen. Als Quelle dient hier die umfangreiche Hadithsammlung „Kitâb al-mabsût“ _ams as-Sarahsîs, in dem er die Lehre Abû Hanîfas zusammenfaßte. Der fünfte Band enthält ausschließlich Hadithe und Kommentare zum Thema Eheschließung und Scheidung. Die Lebensdaten as-Sarahsîs sind umstritten. Man nimmt an, daß er im 11. Jahrhundert lebte, in Buchara studierte und in Transoxanien wirkte. Vgl. Khoury, A.T. (1985) 28, vgl. auch Calder, N. (1995), 35f.

<18>

Fleisch, H. (1971), 1023ff.

<19>

Bernand, M. (1986), 238ff.

<20>

Z.B. Rauscher, T. (1987).

<21>

Baliƒ, S. (1994), 273.

<22>

al-Nu’mân Ibn Tâbit Abû Hanîfa ist vermutlich persischer Abstammung. Er wurde um 700 in Kufa geboren und starb 767 im Gefängnis in Baghdad. Das von ihm entwickelte Rechtssystem wurde erst von seinen Schülern schriftlich fixiert. Vgl. Khoury, A.T. (1985), 27, vgl. auch Schacht, J. (1960), 123f.

<23>

Das Prinzip des istihsân ermöglicht dem Rechtsgelehrten, seine Meinung nach nochmaligem Überlegen zu revidieren. Vgl. Paret, R. (1978),255ff.

<24>

Schiiten verwenden den Terminus ’Imam‘ für ihren religiösen Führer. ğa’far as-Sâdiq war der Urenkel al-Husains, des Sohnes des vierten Kalifen ’Alîs. Er wurde um 700 geboren, lebte in Medina und starb dort 765. Da wesentliche Elemente der schiitischen Rechtssprechung auf seine Entscheidungen und Aussagen zurückgehen, gilt er als Begründer des schiitischen Rechts. Vgl. Halm, H. (1988), 34f.

<25>

Kehl-Bodrogi, K. (1988), 120.

<26>

Wehr, H. (1985), 1313.

<27>

Schacht, J. (1993), 26ff.

<28>

Steuerwald, K. (1990), 697.

<29>

Ebd., 286.

<30>

as-Sarahsî, _. (1978), 19.

<31>

Rauscher, T. (1987), 30.

<32>

Heidarpur-Ghazwini, A. (1986), 240.

<33>

Abdul-Rauf, M. (1979), 43, Weische-Alexa, P. (1982), 91, Heidarpur-Ghazwini, A (1989), 86.

<34>

Der Koran (1989), 246, 24:32.

<35>

Heidarpur-Ghazwini, A. (1986), 74, 77, 85.

<36>

Der Koran (1989), 34, 2:223.

<37>

Ebd., 283, 30:21.

<38>

Ebd., 238, 23:6f.

<39>

Der Begriff zinâ' umfaßt sowohl sexuelle Beziehungen nicht-verheirateter Personen als auch Ehebruch. Vgl. Ebd., 51. Vgl. auch Schacht, J. (1934), 1328.

<40>

Mernissi, F.(1991), 26f.

<41>

Ebd., 29.

<42>

„..., dann heiratet, was euch an Frauen gut ansteht, (ein jeder) zwei, drei oder vier. Wenn ihr aber fürchtet, (so viele) nicht gerecht zu behandeln, dann nur eine, oder was ihr an Sklavinnen besitzt! So könnt ihr am ehesten vermeiden, unrecht zu tun.“ Dieser Vers wird kontrovers diskutiert. Die einen verstehen ihn als Erlaubnis für die gleichzeitige Ehe mit bis zu vier Frauen, andere Gelehrte interpretieren ihn als Aufforderung zur Monogamie. Vgl. Der Koran (1989), 60, 4:3.

<43>

Mernissi, F. (1991), 35.

<44>

Der Koran (1989), 392, 60:10.

<45>

Ebd., 33, 2:221.

<46>

Ebd., 79, 5:5.

<47>

Als ’sahîh‘ wird eine Ehe bezeichnet, die vollständig fehlerfrei zustande gekommen ist. Bei einer ’fâsid - Ehe‘ handelt es sich um eine Verbindung, die aufgrund eines Ehehindernisses zunächst nicht wirksam ist, aber durch die Beseitigung dieses zeitlich begrenzten Hindernisses vollwirksam werden kann. Sie zieht auch ohne die Eliminierung des Mangels juristische Konsequenzen nach sich, wenn die Ehe vollzogen wurde. Beispielsweise hat die Frau Anspruch auf die mahr. Außerdem hat sie die gesetzliche Wartezeit (’idda). Das Attribut ’bâşil‘ wird einer Ehe zugeordnet, deren Hindernisse nicht ausgeräumt werden können. Sie bleibt dauerhaft eine nichtige Ehe. Vgl. Rauscher, T. (1987), 39ff.

<48>

Muhammads Lebensführung stand teilweise in Widerspruch zu seinen Forderungen. Vgl. Mernissi, F. (1991)44ff.

<49>

Schacht, J. (1993), 26.

<50>

Weische-Alexa, P. (1982), 58.

<51>

Jäschke, G. (1955), 164f, Rauscher, T. (1987), 33.

<52>

Abû Huraira lebte ungefähr in dem Zeitraum von 614 bis 678/69. Vgl. Robson, J. (1960), 129f. Abû Mûsâ al- A_’arî, wurde um 614 geboren. Vgl. Veccia, V. L. (1960), 695f.

<53>

as-Sarahsî (1978), 2.

<54>

Ebd., 4.

<55>

Ebd., 3.

<56>

Ebd., 6.

<57>

Ein zum Zwang befugter Vormund. Vgl. Schacht, J. (1993), 27.

<58>

Unter 1.2.2 wird näher auf die Funktion des walî eingegangen.

<59>

Schacht, J. (1993), 27.

<60>

Jäschke, G. (1953), 156.

<61>

Rauscher, T. (1987), 32 f, vgl. auch Khoury, A. (1981b), 28.

<62>

Der Koran, 42, 2:282.

<63>

as-Sarahsî, _. (1978), 30.

<64>

Ebd., 33.

<65>

Ebd., 35.

<66>

Ebd., 11.

<67>

Heffening, W. (1934), 1232.

<68>

Ebd., 1184ff.

<69>

Kartzke (1995), 21.

<70>

Jäschke, G. (1961), 247.

<71>

Jäschke, G. (1955), 167f.

<72>

Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (1993), 57, 59.

<73>

Der Koran, 60, 4:4.

<74>

Spies, O. (1991), 78.

<75>

Ebd., 79.

<76>

Küper-Başgöl, S. (1992), 45f.

<77>

Der Koran, (1989), 62, 4: 22.

<78>

Ebd., 62, 4: 23.

<79>

Rauscher, T. (1987), 54 f.


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Wed Sep 18 15:30:32 2002