Bentzin, Anke: Die soziale und religiöse Bedeutung der Eheschließung für türkische Frauen der zweiten Generation in der Bundesrepublik Deutschland

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Kapitel 2. Die Eheschließung in der türkischen Gesellschaft

2.1 Traditioneller Verlauf einer türkischen Hochzeit

Obwohl in der Türkei in den verschiedenen Regionen die unterschiedlichsten Hochzeitsbräuche gepflegt werden, sind durchaus gemeinsame Elemente zu erkennen. Ist ein junger Mann im heiratsfähigen Alter, beginnen seine Mutter oder seine weiblichen Verwandten nach einer geeigneten Braut für ihn Ausschau zu halten. Diesbezüglich wird die Familie eines in Frage kommenden Mädchens von den sogenannten Brautschauerinnen (türk.: görücü) besucht, um sich bei dieser Gelegenheit einen Eindruck von der Tochter zu verschaffen. Über das Mädchen werden Erkundigungen hinsichtlich ihrer Ehre, ihrer Gesundheit, ihres Fleißes, ihrer Geschicklichkeit und ihrer Folgsamkeit angestellt. Ebenso erkundigt sich die andere Seite über den Ruf und die finanzielle Situation der Familie des werbenden Mannes.<80>

Während die Brautschau von den Frauen vorgenommen wird, ist es Aufgabe der Männer, zumeist des Vaters oder männlicher Verwandter des Bräutigams, beim Vater des Mädchens um die Hand seiner Tochter zu werben (türk.: dönürcülük). Dabei ist das dreimalige Ablehnen der Brauteltern zur Sitte geworden. „Wird dieses Ritual nicht eingehalten, so entstehen Komplikationen für die Ehre des Betreffenden, weil eine vorschnelle Annahme deutungsrelevant ist.<81> Kommt es zum Einverständnis, ist das Mädchen ’versprochen‘ (türk.: sözlü). Es ist Brauch, daß das Mädchen dem Bewerber ein Pfand für ihr Versprechen - zum Beispiel ein von ihr besticktes Taschentuch - überreicht. Die Väter verhandeln über die finanziellen Leistungen und die Formalitäten der Heirat.<82> In der Türkei wird aufgrund der differenzierten Auslegung der betreffenden islamischen Grundsätze die in arabisch-islamischen Regionen übliche mahr durch den Brautpreis (türk.: ba_lık) ersetzt. Im Unterschied zur mahr zahlen die Eltern des Bräutigams den vor der Verlobung zu vereinbarenden Brautpreis nicht an die Braut, sondern an deren Eltern. Im Falle der Auflösung des Verlöbnisses muß der Brautpreis


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zurückerstattet werden.<83> Nach dem ’Versprechen‘, das in ländlichen Regionen zum Teil bereits im Kindesalter erfolgt, findet die eigentliche Verlobungsfeier statt. Zu diesem Anlaß erhält das Mädchen ein Geschenk - häufig einen Verlobungsring oder ein anderes Schmuckstück. Während der Verlobungszeit statten sich die Familien gegenseitig Besuche ab, bei denen sie gleichwertige Geschenke austauschen.

Eine traditionelle türkische Hochzeit beginnt an einem Montag und endet an einem Freitag, wobei in der Nacht von Donnerstag zu Freitag die Hochzeitsnacht stattfindet.<84> Am Dienstag oder auch am Vorabend der Hochzeit wird die sogenannte Hennanacht (türk.: kına gecesi) zelebriert. Anläßlich dieser Feier werden die Handflächen und die Füße der Braut mit Henna bemalt<85>. Auch die anderen Teilnehmerinnen färben sich ihre rechte Handfläche mit Henna. Die Frauen tanzen und singen vor allem traurige Lieder, mit denen sie die Braut zum Weinen über den bevorstehenden Abschied von ihrer Familie bringen. Die Hennanacht, die Männer und Frauen traditionell getrennt voneinander abhalten, wird heute in städtischen Kreisen häufig von beiden Geschlechtern gemeinsam gefeiert.<86>

Bevor die Braut in einem festlichen Umzug in das Haus ihres Mannes geleitet wird, wird ihre Aussteuer dorthin überführt. Sie selbst begibt sich ins Bad zur rituellen Waschung. Ebenso im Vorfeld des Übergangs vom elterlichen Haushalt in den der Familie des Gatten finden die standesamtliche Trauung und die religiöse Eheschließung statt.<87> Bei der Überführung trägt die Braut einen Hochzeitsschleier, der nach türkischem Brauch rot ist, jedoch allmählich von dem weißen und durchsichtigen Schleier abgelöst wird. Die anderen Frauen legen der Braut den Hochzeitssschleier an, und der Bräutigam übernimmt die Entschleierung. Der Brautschleier hat die Funktion, die Braut vor ’dem bösen Blick‘ zu schützen, dient aber auch der Verhüllung ihrer Ausstrahlung. Die Farbe Rot mit der doppelten magischen Bedeutung, das Gute herbeizuführen und das Übel abzuwehren, dominiert die Hochzeitszeremonie. Neben


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dem Rot vom Henna auf Händen und Füßen und dem Rot des Brautschleiers sind traditionsgemäß das Kleid, der Gürtel sowie der aus Perlen und Blumen bestehende Kopfschmuck rot. Einen Abschluß findet die Symbolik der roten Farbe mit dem Blutzeichen auf dem Hochzeitslaken als Beweis der Jungfräulichkeit der Braut.<88> Mit der Hochzeitsnacht gilt die Ehe als vollzogen. Heute findet in Städten und zunehmend auch in Dörfern die Hochzeitsfeier in gemieteten Salons mit Musik und Tanz statt.

2.2 Bedeutung der Eheschließung in der türkischen Gesellschaft

Hochzeiten als rites de passage<89> stellen einen Höhepunkt im individuellen und sozialen Leben dar. Insbesondere in türkischen Dörfern gehören sie zu den größten und kostspieligsten Festen. In der traditionellen türkischen Gesellschaft ist die Heirat nicht nur eine Vereinbarung zwischen den beiden Gatten, sondern auch eine Verbindung zwischen den zwei Familien. Mehr als das Brautpaar steht die ökonomische Gemeinschaft der Familien im Mittelpunkt.<90> Sirman definiert die Ehe als „Produktions- und Konsumeinheit“.<91> Die traditionelle geschlechtsspezifische Arbeitsteilung sieht ein Leben außerhalb des Familienverbandes nicht vor. Bevorzugt wurden und werden zum Teil noch Ehepartner aus der Verwandtschaft und aus der nächsten Umgebung, um den Status, die materiellen Verhältnisse und den Zusammenhalt der eigenen Familie zu stabilisieren. Da die Arbeitskraft der Tochter von der elterlichen Familie auf die Familie des Ehemannes übergeht, wird darauf geachtet, daß in dieser kein Mangel an weiblichen Arbeitskräften herrscht.<92> Die Schwiegertochter (türk.: gelin) nimmt in der Hierarchie der Familie, in die sie eingeheiratet hat, zunächst den untersten Rang ein. Diese geforderte Unterordnung ist ein weiterer Grund, die Tochter mit einem Mann aus dem Verwandten- oder Bekanntenkreis zu verheiraten, um die Tochter in der Nähe zu wissen und ihr bei


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eventuellen Konflikten mit der Familie des Ehemannes behilflich sein zu können.

Die Notwendigkeit zur Heirat ergibt sich ferner aus dem Prinzip der Ehre (türk.: namus)<93>, welches das Geschlechterverhältnis in der türkischen Gesellschaft bestimmt. Demnach ist eine Frau, die ihre Ehre durch vor- oder außereheliche sexuelle Beziehungen ’verliert‘, sozial geächtet. Eine Frau, deren Ehre angezweifelt wird, kann diese wiederherstellen, indem sie den Mann, der sie ’entehrt‘ hat, heiratet. Anderenfalls sind Tod oder Flucht an einen Ort, wo man sie nicht kennt, die einzigen Auswege.<94> Mit Mißtrauen wird Frauen begegnet, die dank eines eigenen Einkommens die Möglichkeit haben, unverheiratet und von ihrer Familie unabhängig zu leben. Dies bringt auch ein türkisches Sprichwort zum Ausdruck: „Eine Frau ohne Mann findet keinen Platz.<95>

Abgesehen von diesem sozialen Druck, eine Ehe einzugehen, ist das Eheleben nach Empfinden der türkischen Bevölkerung unbedingt erstrebenswert. Das Heiraten gehört derart zum Leben, daß auf Ehelosigkeit mit Mitleid und Unverständnis reagiert wird. „Die Ehe als zentraler Wert islamischer Religion hat somit auch für heutige Türken nichts an Verbindlichkeit eingebüßt.“<96>

Der sich mit einer Heirat vollziehende Übergang von einem sozialen Status in einen anderen wird von Ritualen begleitet, die den Übergangsprozeß in einen religiösen Kontext stellen. Beispielsweise werden in dem von Schiffauer untersuchten Dorf Subay die Männer zum Schroten des Weizens in den hüfthohen Steinmörsern für die Hochzeitssuppe über den Lautsprecher der Moschee eingeladen. Diese Tätigkeit beginnen sie mit der basmala.<97> Ein Ritus des Übergangs in Subay ist z.B. die Bekleidungszeremonie des Bräutigams: „Zunächst wird ein Arm in den Ärmel gesteckt, der andere Ärmel baumelt lose herunter. Ein Gebet wird gesprochen; erst dann wird der Bräutigam vollständig bekleidet.<98> Der Übergang der Braut wird ebenfalls durch bestimmte rituelle Handlungen unterstrichen. So umkreist sie auf einem Pferd oder Esel


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sitzend dreimal die Moschee oder ein Heiligengrab, nachdem sie ihr Elternhaus verlassen hat. Oder sie läßt bei Betreten der Schwelle des Hauses ihres Bräutigams einen Koran um ihren Kopf kreisen. Bevor die Brautleute mit dem Vollzug der Ehe in der Hochzeitsnacht den Übergang vollenden, beten sie.<99> Die Hochzeitsnacht erhält eine religiöse Dimension auch dadurch, daß das Bett im Hochzeitszimmer in Richtung Mekka weist.<100>

2.3 Formen der Eheschließung in der Türkei

Die Proklamation der Republik Türkei am 29.10.1923 leitete unter der Führung Mustafa Kemals (Atatürk) auf politischer, ökonomischer, juristischer und religionspolitischer Ebene eine Orientierung an westeuropäischen Systemen ein. Ein wesentliches Prinzip des neuen türkischen Nationalstaates war der Laizismus<101>, mit dem ein rigoroser Bruch mit dem religiösen Erbe des Osmanischen Reiches vollzogen werden sollte. Wenige Monate nach der Gründung der Türkischen Republik wurde im März 1924 das Kalifat abgeschafft. Weitere fundamentale anti-islamische Maßnahmen<102> wurden in der Folgezeit ergriffen. Die bis dato geltende _arî’a wurde durch zivile, an europäischen Modellen angelehnte Gesetze abgelöst. Mit einigen Modifikationen wurde am 17.02.1926 unter Berücksichtigung der türkischen Verhältnisse das schweizerische Zivilrecht rezipiert. Das Türk Medenî Kanunu - das türkische Zivilgesetzbuch - trat am 04.10.1926 in Kraft.<103> Damit griffen die Reformen der Kemalisten in das Leben jeder türkischen Familie ein. Es entstand ein Widerspruch zwischen den staatlichen Anordnungen und den religiösen Traditionen, welche die Bevölkerung auf privater Ebene pflegte. In diesem Zusammenhang ist ferner zu beachten, daß die große Zahl der Analphabeten nur schwer mit den Zivilgesetzen vertraut gemacht werden konnte. Aus diesem Grund, aber auch aufgrund bewußter Übertretungen sollte es in der Folgezeit zu


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Komplikationen im Sektor der Eheschließungen kommen.

2.3.1 Resmî Nikah - Die standesamtliche Trauung

Die Einführung der neuen Gesetzgebung in der Türkischen Republik hatte in bezug auf die bisher praktizierte islamische Eheschließung zur Folge, daß diese zur Nichtehe degradiert wurde. Die Zivilehe wurde obligatorisch. Voraussetzungen für eine gültige Eheschließung sind nach türkischem Zivilgesetzbuch zum einen der Ausschluß von Ehehindernissen, wie z.B. Urteilsunfähigkeit<104>, Verwandtschaft<105> oder eine bereits bestehende Ehe<106>, und zum anderen die Ehemündigkeit, die Männer mit siebzehn und Frauen mit fünfzehn Jahren erlangen.<107>

Die Auflagen des türkischen Eheschließungsrechts waren durch Bürokratismus gekennzeichnet. Die Trauung mußte bei den staatlichen Behörden beantragt werden. Die angeforderten Geburtsurkunden waren zum Teil gar nicht vorhanden oder konnten nur auf umständlichen Wegen besorgt werden. Außerdem waren die Verlobten verpflichtet, sich einer medizinischen Untersuchung zu unterziehen, um den Nachweis zu erbringen, nicht an einer unheilbaren Geschlechtskrankheit zu leiden.<108> Mit dem Ziel der Vereinfachung dieser Formvorschriften wurde 1985 eine neue Eheschließungsverordnung erlassen, nach der das Eheversprechen nicht mehr öffentlich bekannt gegeben werden muß. Die Anmeldung beim Standesamt ist nach wie vor erforderlich.<109> Weiterhin ist die Vorlage der Geburtsurkunde, des Totenscheins des verstorbenen Ehepartners oder des Nachweises über die Scheidung notwendig. Ist einer der Eheschließenden noch nicht im ehefähigen Alter, muß die Einverständniserklärung des Vormunds eingereicht werden. Zusätzlich sind vier Paßbilder vorzulegen. Der Standesbeamte hat das Recht, eine Bescheinigung einzufordern, die den Nachweis erbringt, daß keine Ehehindernisse vorliegen. Ein ärztliches Zeugnis ist nur vonnöten,


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wenn einer der Partner sich über den gesunden Zustand des anderen vergewissern möchte.<110>

Das türkische Familienrecht verlangt zur Eheschließung die persönliche oder schriftlich beglaubigte Erklärung der Heiratsabsicht gegenüber dem Bürgermeister oder gegenüber seinem Vertreter bzw. dem Gemeindevorsteher.<111> Wird binnen vierzehn Tagen kein Einspruch gegen das Aufgebot erhoben, steht der Eheschließung nichts mehr im Wege. Bejahen beide Partner in Anwesenheit zweier mündiger Zeugen die vom Standesbeamten an sie gerichtete Frage, ob sie die Ehe miteinander eingehen wollen, gilt die Ehe als geschlossen. Im Unterschied zum islamischen Recht sind Frauen und Männer gleichwertige Zeugen und für die Rechtmäßigkeit der Ziviltrauung ist die Anwesenheit beider Verlobter erforderlich. Nach der Registrierung der Ehe im Eheregister und im Personalausweis, unterzeichnet der Beamte den Eheschein. Diese Bescheinigung ist ein wichtiges Dokument, weil z.B. die religiöse Trauung nur unter ihrer Vorlage erfolgen darf.<112> Personen, die unberechtigt einen Eheschein ausstellen, eine gesetzlich verbotene Ehe schließen oder eine religiöse Trauung ohne den Nachweis über die standesamtliche Eheschließung vornehmen, müssen mit Gefängnisstrafen rechnen.<113>

Das türkische Zivilrecht verbesserte durch Maßnahmen wie das Verbot der Polygamie, das gleiche Scheidungsrecht für beide Geschlechter und das Festsetzen des Mindestalters die rechtliche Situation der türkischen Frau. Jedoch behält der Mann seine Stellung als Familienoberhaupt, denn auch das türkische Zivilgesetz verpflichtet die Frau zum Gehorsam gegenüber ihrem Gatten, weist ihr den Platz im Haushalt zu, schreibt ihr vor, nur mit der Erlaubnis ihres Mannes einer Erwerbsarbeit nachzugehen, und räumt dem Mann das Recht der alleinigen Entscheidung über den gemeinsamen Wohnort ein.<114>


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2.3.2 Imam Nikahı - Die Imam-Ehe

Obwohl das islamische Ehe- und Familienrecht durch die Einführung der zivilen Gesetzgebung keine Gültigkeit mehr besitzt und damit auch die Imam-Ehe nicht als rechtsgültige Ehe anerkannt wird, hat der Islam seinen Einfluß in diesem Bereich nicht verloren. Auf privater Ebene hat die Imam-Ehe als religiöses Zeremoniell insbesondere bei der Landbevölkerung kaum an Ansehen eingebüßt. Nach Abadan-Unat gibt es isoliert lebende Gemeinden, nach deren Auffassung die religiöse Eheschließung die einzig legitime Zeremonie darstellt. Während in den fünfziger Jahren die Imam-Ehen geduldet wurden, wurde die Bevölkerung in den beiden darauffolgenden Jahrzehnten seitens der Millî Selamet Partisi (MSP)<115> und der Adalet Partisi (AP)<116> zu dieser Form der Eheschließung ermutigt.<117> Einer offiziellen Schätzung von 1957 zufolge wurden die Hälfte aller Eheschließungen ausschließlich nach religiösem Ritus geschlossen, was auf die geringe Akzeptanz der für die Bevölkerung teilweise sehr komplizierten Zivilgesetze zu diesem Zeitpunkt hinweist.<118> Eine Studie ergab, daß in türkischen Großstädten 24,7 % der Ehen nur standesamtlich und 4,0 % nur religiös geschlossen werden. 69,8 % der Paare wählen beide Formen. In den ländlichen Regionen lassen sich lediglich 5,8 % der Brautleute ausschließlich standesamtlich, dagegen 21,6 % ausschließlich religiös trauen. Sowohl standesamtlich als auch religiös heiraten auf dem Lande 70,8 %.<119>

Wurde in früheren Zeiten der islamische Ehevertrag von den gesetzlichen Vertretern abgeschlossen, sind heute gemeinhin beide Ehepartner bei der religiösen Eheschließung anwesend.<120> Es können eine Reihe von Gründen für ein Festhalten an der Imam-Ehe angeführt werden: Die türkisch-sunnitische Bevölkerung orientiert sich trotz der


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säkularen Politik des Staates weiterhin an islamischen Werten. Krüger geht so weit, das türkische Zivilgesetzbuch Mitte der siebziger Jahre als ein „teilweise totes Recht“ zu bezeichnen, da es von der Landbevölkerung weitestgehend nicht akzeptiert wird. Die Imam-Ehe und die vereinzelt noch praktizierte Polygynie seien Beispiele für den „passiven Widerstand“ gegen den säkularen Staat und die Orientierung am islamischen Familienrecht.<121> Eine Übersicht über zivile Eheschließungen in der Türkei im Zeitraum von 1950 bis 1974 zeigt allerdings, daß ihre Zahl in den Städten aller untersuchten Provinzen zugenommen hat.<122> Jäschke erklärt sich das Beharren der Landbevölkerung auf der Imam-Ehe aus ihrem Glauben an die Kraft der hutbe und des nikah duası.<123> Für weite Teile der Bevölkerung steht der Aufwand der Formalitäten für eine standesamtliche Trauung in keinem Verhältnis zu der Bedeutung dieses weltlichen Vertrags. Dagegen ist die islamische Eheschließung ohne größere Vorbereitungen durchführbar. Die persönliche Einstellung türkischer Frauen und Männer zur Imam-Ehe geht aus der vorhandenen Literatur nicht hervor. Es kann hier nur die Vermutung geäußert werden, daß selbst weniger gebildete und informierte Frauen der Imam-Ehe wegen der ungleichen Scheidungsrechte und der Polygynie ablehnend gegenüberstehen.

Infolge der fehlenden Akzeptanz der staatlich verfügten standesamtlichen Eheschließung und der annähernd ungebrochenen Anerkennung der islamischen Eheschließung ergaben sich folgenschwere Probleme, die zum Teil bis in die Gegenwart bestehen. Weil eine ausschließlich religiös geschlossene Ehe vor dem türkischen Gesetz nichtig ist, gelten die aus dieser Verbindung hervorgegangenen Kinder als unehelich. Da es sich bei diesem Phänomen nicht um vereinzelte Fälle handelte, sah sich die türkische Regierung gezwungen, wiederholt Amnestiegesetze zu erlassen.<124> Dem Sondergesetz von 1974 zufolge können Paare, die in einer Imam-Ehe oder eheähnlichen Beziehung leben, auf Antrag die straf- und gebührenfreie Registrierung ihrer Partnerschaft als amtliche Ehen erwirken. Bestehen Ehehindernisse oder liegt Kinderlosigkeit vor, gilt die Regelung nicht, sondern das Paar muß vor dem


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Eheschließungsbeamten standesamtlich getraut werden.<125> Im Ausland nehmen die türkischen Konsulate diese Registrierungen vor.

Diskussionen in türkischen Medien über die Imam-Ehe verdeutlichen, daß siebzig Jahre nach Inkrafttreten des im türkischen Zivilgesetzbuch verankerten neuen Familienrechts die religiöse Eheschließung noch immer ein aktuelles Thema ist. So ist das Titelblatt einer Ausgabe des in Deutschland herausgegebenen türkischsprachigen Boulevardblattes „Haftasonu“ im Januar 1997 mit „Imam nikahı şoku“ („Schock: Imam-Ehe!“) überschrieben. Die Zeitung nimmt die religiöse Eheschließung der prominenten türkischen Schauspielerin und Sängerin Hülya Avşar zum Anlaß, die Imam-Ehe bzw. die ’wilde Ehe‘ zahlreicher anderer Prominente aufzudecken. Dem Artikel ist zu entnehmen, daß im türkischen Fernsehen seit Wochen über die Imam-Ehe und die Polygynie debattiert wurde. Hülya Avşar, die nach dem Bekanntwerden ihrer religiös geschlossenen Ehe vor die Staatsanwaltschaft geladen wurde, äußerte sich verwundert darüber, daß nach den wochenlangen Auseinandersetzungen ausgerechnet gegen sie eine Anklage erhoben wurde, wo doch viele andere Personen des öffentlichen Lebens in einer Imam-Ehe leben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Hülya Avşar in keiner Weise den Eindruck einer religiösen Frau erweckt. In türkischen Magazinen ist sie zumeist knapp bekleidet abgebildet. Vor der Presse betont sie nun, daß ihre Religiosität ausschlaggebend für das Eingehen der Imam-Ehe gewesen sei. Andere dagegen wählten diese Form der Eheschließung, „um ohne schlechtes Gewissen freizügigen Sex erleben zu können“.<126>

Der Fall Avşar ist in mehrfacher Hinsicht von Interesse. Zunächst scheint das Bekanntwerden der Imam-Ehe einer prominenten Person eine ’Titelstory‘ wert zu sein; obwohl das Privatleben von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, von der Boulevardpresse jederzeit und überall verfolgt wird. Die Anklage, mit der Hülya Avşar infolge der fehlenden amtlichen Registrierung konfrontiert wurde, macht auf die Gesetzwidrigkeit der Imam-Ehe aufmerksam. Der Beitrag in „Haftasonu“ zeigt, daß die Zahl der türkischen Künstler und Prominenter, die nur islamisch verheiratet sind, alles andere als gering ist. Da diese Persönlichkeiten als ’modern‘ und ’verwestlicht‘ gelten, geht man davon aus, daß die Imam-Ehe nicht aus religiösen Gründen eingegangen


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wurde. Falls dem so sein sollte, ist es doch interessant, daß weniger fromme Türken auf die religiöse Eheschließung zurückgreifen, um ihre Partnerschaft moralisch abzusichern. Es liegt die Vermutung nahe, daß in der Türkei junge Leute mit progressiven Vorstellungen von einer Partnerschaft die Imam-Ehe einer anderen Form der Lebensgemeinschaft vorziehen.

Wie junge Türken heute eine Form der religiösen Eheschließung für ihre Bedürfnisse nutzen, zeigt auch folgendes Beispiel: Vor allem Studenten sollen die sogenannte Zeit- oder Genußehe (mut’a) praktizieren, die in der Zwölferschia anerkannt ist und von sunnitischer Seite heftig kritisiert wird.<127> Sunnitische Türken übernehmen diesen von ihren Rechtsgelehrten als legalisierte Prostitution angesehenen Ehetyp, um mit reinem Gewissen sexuelle Beziehungen eingehen zu können.<128>

Neben moralischen Einwänden gegen die Imam-Ehe wird sie in der Öffentlichkeit zum Beispiel von türkischen Frauenorganisationen wegen ihrer Nachteile für Frauen angeprangert. Laut der türkischen Frauenzeitschrift „Kadınca“ steigt vor allem im Ostteil der Türkei die Zahl der Imam-Ehen: Eine zwischen 1988 und 1993 durchgeführte Studie des Instituts für Demographie (Nüfüs Etütleri Enstitüsü) der Hacetepe Üniversitesi stellte fest, daß sich 1989 der Anteil der Imam-Ehen in den westlichen Gebieten der Türkei auf 3,2 % und im Ostteil auf 20,8 % belief. Im Jahre 1993 sank der Anteil der Imam-Ehen im Westteil auf 2,2 %, stieg dagegen in den östlichen Regionen auf 22,4 %. Diese Zunahme im Osten des Landes führten türkische Soziologen auf den Einfluß des Gewohnheitsrechts (arab.: ’urf, türk.: örf) und des Brauchtums (arab.: ’âda, türk.: âdet) zurück.<129>


Fußnoten:

<80>

Metzger, A.; Herhold, P. (1982), 12.

<81>

Mihciyazgan, U. (1986), 306.

<82>

Metzger, A.; Herhold, P. (1982), 12.

<83>

Kartzke, N. (1995), 22.

<84>

Den detaillierten Ablauf der Zeremonien an diesen fünf Tagen beschreiben z. B. Endress, F. C.(1916), 123-127, Kossiwg, L. (1960/61), Schiffauer, W. (1987), 16-22.

<85>

Henna (türk. kına) ist ein rötlich-braunes Pulver, das mit Wasser zu einer Paste verarbeitet wird, mit der Haare und Haut rot gefärbt werden können.

<86>

Weische-Alexa, P. (1982), 98.

<87>

In dem einhundert Kilometer nördlich von Ankara gelegenen Dorf, das Schiffauer Subay nennt, erfolgt die religiöse Eheschließung am Donnerstag. Vgl. Schiffauer, W. (1987), 21, vgl. auch Weische-Alexa, P. (1982), 98f.

<88>

Burkhart, D. (1985), 450ff.

<89>

Rites de passage sind Rituale und Zeremonien, die den Übergang eines Individuums von einem Lebensabschnitt zu einem anderen unterstreichen. Vgl. Hirschberg, W. (1988), 494. Da nach traditionellen Vorstellungen für Mädchen bis zur Hochzeit das strikte Gebot der Jungfräulichkeit gilt, beinhaltet die Heirat für sie Verletzung (des Hymens). Die Bedeutung entspricht der Beschneidung der Knaben. Vgl. Petersen, A. (1985), 22.

<90>

Weische-Alexa, P. (1982), 93.

<91>

Sirman, N. (1991), 249.

<92>

Schiffauer, W. (1987), 191, 199.

<93>

Während ein ’ehrenhafter‘ türkischer Mann sich durch physische Stärke, Selbstbewußtsein und die Fähigkeit, seine Familie zu ernähren und zu schützen auszeichnet, definiert sich die Ehre der Frau über ihre Keuschheit. Die Ehre des Mannes hängt von der Ehre seiner Frau, seiner Tochter oder seiner Schwester ab. Vgl. Schiffauer, W. (1983), 74ff.

<94>

König, K. (1987), 249; Marburger, H. (1987), 308.

<95>

Eri olmayan2n yeri olmaz. Vgl. Yurtbaşı, M. (1994), 65.

<96>

Marburger, H. (1987), 297.

<97>

Schiffauer, W. (1987), 17f Die basmala ist die arabische Formel „bimillahi‘r-rahmâni‘r-rahîm“, die mit „Im Namen Gottes des Gnädigen, des Barmherzigen“ zu übersetzen ist.

<98>

Ebd., 36.

<99>

Ebd., 36f.

<100>

Ebd., 21.

<101>

1928 erklärte sich die Türkei zum säkularen Staat. Der Islam war nicht länger die Staatsreligion, sondern die Religion wurde zur privaten Angelegenheit.

<102>

Mit dem Verbot der islamischen Bekleidung (1935) und der religiösen Orden (1925), mit der Auflösung der religiösen Hochschulen (arab.: madrasa; türk.: medrese) und der religiösen Gerichtshöfe, mit der Einführung des Sonntags als wöchentlichen Ruhetag und mit dem Ersetzen des islamischen Kalenders durch den europäischen (christlichen) seien hier nur einige der Maßnahmen genannt.

<103>

Abadan-Unat, N. (1993), 30.

<104>

Türk Medenî Kanunu (1993), 77, Art. 89.

<105>

Ebd., 78, Art. 92.

<106>

a.a.O., Art. 93.

<107>

Ebd., 76, Art. 88.

<108>

Dilger, K. (1976/77), 196.

<109>

Zevkiler, A. (1987), 100.

<110>

Ebd., 101.

<111>

Türk Medenî Kanunu (1993), 79, Art. 97.

<112>

Türk Medenî Kanunu (1993), 82, Art. 109. Vgl. auch Abadan-Unat, N. (1993), 30ff, Jäschke, G. (1940), 24f, Kartzke, N. (1995), 28ff.

<113>

Jäschke, G. (1940), 26.

<114>

Abadan-Unat, N. (1993), 31f. vgl. auch Özkara, S. (1988), 34ff, Weische-Alexa, P. (1982), 61ff.

<115>

Millî Selamet Partisi - Nationale Heilspartei. Die MSP gründete sich 1972 in Ankara als Nachfolgepartei der Millî Nizam Partisi, die ein Jahr zuvor verboten wurde. Ihre Ziele waren die Abschaffung des laizistischen Staates und die Einführung der _arî’a. Sie wurde nach dem Militärputsch von 1980 aufgelöst und 1983 als Refah Partisi neu gegründet. Vgl. Gür, M. (1993), 31.

<116>

Adalet Partisi - Gerechtigkeitspartei. Die Partei des ehemaligen Premierministers Süleyman Demirel verfolgte einen prowestlichen und wirtschaftsliberalen Kurs. Ihr gehörten Industrielle, Händler, Handwerker, Großgrundbesitzer, Bauern, islamische Traditionalisten und westlich orientierte Liberale an. Diese Partei, die in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre die dominierende politische Kraft in der Türkei darstellte, wurde - wie alle Parteien - nach dem Militärputsch 1980 verboten. Vgl. Steinbach (1996), 186f, 202.

<117>

Beide Parteien nutzten den Islam für ihre politischen Zwecke. Vgl. Abadan-Unat, N. (1993), 34.

<118>

Scheinhardt, S. (1986), 76.

<119>

Dies sind Angaben einer Untersuchung von F. Özbay, die ohne Jahresangabe zitiert ist bei Abadan-Unat, N. (1993), 34.

<120>

Bainbridge, M. (1982), 7.

<121>

Krüger, H. (1976), 287f.

<122>

Berücksichtigt werden die Provinzen Ankara, Istanbul, Izmir, Afyon, Aydın, Burdur, Ağri, Bingöl und Van. Quelle: T.C. Evlenme ıstatistikleri 1932-60 sowie T.C. Evlenme ıstatistikleri 1974. Vgl. Ebd., 36.

<123>

Jäschke, G. (1955), 192 .

<124>

Diese Amnestien erfolgten 1933, 1945, 1950, 1956, 1965 und 1974. Vgl. Jäschke, G. (1955), 184ff, vgl. auch Dilger, K. (1976/77), 197f.

<125>

Krüger, H. (1976), 293.

<126>

Haftasonu“ vom 31.01. 1997, 1, 13.

<127>

Die Dauer der Zeitehe kann im Ehevertrag von einem Tag bis zu 99 Jahren festgelegt werden. Der Mann ist zur Zahlung der mahr verpflichtet. Die Anwesenheit von Zeugen bei Vertragsschluß ist nicht notwendig. Nach Ablauf der vereinbarten Zeit endet die Ehe, ohne daß der Mann die Scheidungsformel aussprechen muß. Während die Kinder, die aus dieser Verbindung hervorgegangen sind, erbberechtigt sind, hat die Frau keinen Anspruch auf Unterhalt und Wohnraum. Vgl. Heffening, W. (1992), 758f.

<128>

Kadınca“, Februar 1997, 36.

<129>

a.a.O.


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Wed Sep 18 15:30:32 2002