Bentzin, Anke: Die soziale und religiöse Bedeutung der Eheschließung für türkische Frauen der zweiten Generation in der Bundesrepublik Deutschland

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Kapitel 3. Zum türkischen Islam in der Türkei und in der Bundesrepublik Deutschland

Zehn der von mir zu dem Thema ’Eheschließung‘ befragten türkischen Frauen sind Angehörige einer islamischen Gruppierung wie der alevitischen Glaubensgemeinschaft oder sie stehen einer islamischen Organisation nahe, weil sie bei dieser Vereinigung die Koranschule besuchten. Ungeachtet der direkten oder indirekten Einflußnahme der jeweiligen Gruppe darf vor allem nicht ignoriert werden, daß viele Muslime über ein individuelles Islamverständnis verfügen. Die Interviewpartnerinnen, deren Verhältnis zur Religion im fünften Kapitel erörtert wird, repräsentieren die Vielgestaltigkeit des Islam in bezug auf einzelne religiöse Gruppierungen sowie bezüglich eines subjektiven Zugangs zur Religion. Daher ist es im Zusammenhang mit den Fragestellungen der vorliegenden Arbeit relevant, einen Überblick über die Ausprägungen und die Stellung des türkischen Islam in der Türkei und der Bundesrepublik Deutschland zu geben.

Das Gebiet der heutigen Republik Türkei zeichnet sich durch das Zusammenleben vieler ethnischer und religiöser Gruppen aus. Zum Teil besteht das ethnisch- und sozial-kulturelle Nebeneinander bereits seit Jahrhunderten, teilweise erfolgte die Einwanderung von Minderheiten in der jüngeren Vergangenheit oder findet gegenwärtig statt.<130> Die Mehrheit der Einwohner der Türkei sind Türken, die sich zum sunnitischen Islam und der hanafitischen Rechtsschule bekennen. Auch in Deutschland bilden die sunnitischen Türken mit etwas mehr als 68% die größte Gruppe innerhalb der muslimischen Minorität.<131> Die Kurden nehmen unter den ethnischen Gruppen und die Aleviten unter den religiösen Glaubensgemeinschaften den zweiten Platz ein.

Bereits im Osmanischen Reich war eine Differenz zwischen dem sogenannten Volksislam und dem orthodoxen Islam, der primär auf der Einhaltung der Hauptpflichten und der Grundsätze der _arî’a beruht, festzustellen. Der ’Volksislam‘ ist ein Konglomerat aus regionalen Traditionen, mystischen und folkloristischen Elementen sowie islamischen Verhaltensregeln.<132> Die mit der Republiksgründung


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einsetzenden Maßnahmen zur Trennung von Religion und Politik und zur Reduzierung des Einflusses des Islam vergrößerten die alte Kluft zwischen dem ’Volksislam‘ und dem orthodoxen Islam bzw. dem nunmehr staatlich verordneten Islam. Trotz der offiziellen Abkehr von religiösen Traditionen war es dem türkischen Staat nicht gelungen, die Orientierung weiter Teile der Bevölkerung an religiösen Werten zu brechen. Die Schließung der religiösen Institutionen und Bildungseinrichtungen zog einen Mangel an ausgebildeten Theologen und Verwaltungsinstanzen religiöser Belange nach sich. Zur Füllung dieses Vakuums, zur Verwaltung und Kontrolle der Religion wurde 1924 das „Präsidium für religiöse Angelegenheiten“ (Diyanet ışleri Reisliği später Diyanet ışleri Bakanlığı) gegründet. Jener vom Diyanet propagierte orthodoxe hanafitische ’Staatsislam‘ verfolgt vor allem seit dem Militärputsch von 1980 eine vereinheitlichende Religionspolitik, die dem heterodoxen Islam - wie z. B. den mystischen Orden - und dem Alevitum gegenüber mit Ignoranz und Repressalien agiert.<133> Die Geschichte der türkischen Republik hat gezeigt, daß trotz der Säkularisierungsmaßnahmen unmittelbar nach dem Tod Atatürks ein auch von staatlicher Seite befürworteter Reislamisierungsprozeß<134> einsetzte, der vorerst seinen politischen Höhepunkt in dem Sieg der Refah Partisi bei den türkischen Parlamentswahlen im Dezember 1995 fand.

Die türkischen Migranten sind in religiöser und kultureller Hinsicht maßgeblich durch ihr Herkunftsgebiet beeinflußt. Es gibt in der Türkei Ortschaften und Landstriche, die als besonders fromm und konservativ gelten. In anderen Gegenden leben überwiegend sich vom sunnitischen Islam distanzierende Aleviten. Ebenso gibt es fest in der Tradition des Kemalismus<135> stehende Regionen, wo man konsequent für säkulare Strukturen eintritt. In der Migration leben häufig Verwandte und Familien in nächster


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Nähe, die aus der gleichen Region in der Türkei stammen. Auf diese Weise wird ein privates Umfeld geschaffen, das die Sicherung des traditionellen kulturellen und religiösen Systems ermöglicht.

3.1 Allgemeine Aussagen zur Religiosität sunnitischer Türken in Deutschland

Zahlreiche Autoren gehen davon aus, daß die religiöse Praxis und die Einhaltung der religiösen Pflichten für einen beträchtlichen Teil der Türken in der Migration von größerer Bedeutung ist als im Heimatland. Als Hauptgrund für eine Hinwendung muslimischer Migranten zu ihrer Religion kann angeführt werden, daß sie zu einem wesentlichen Faktor bei der Identitätssuche in der deutschen Gesellschaft geworden ist. Der Anteil der praktizierenden Muslime türkischer Herkunft ist mit etwa einem Drittel relativ niedrig.<136> Ebenso wie die Republik Türkei bekennt sich der deutsche Staat zum laizistischen Prinzip. Im Unterschied zur Türkei, wo das Gros der Bevölkerung muslimisch ist, ist der Islam in der Bundesrepublik der Glauben einer Minderheit. Die deutsche Umgebung reagiert häufig mit Unverständnis auf religiöse Praktiken der Muslime in der Bundesrepublik und die islamische Gemeinschaft mit dem Rückzug in die Isolation. Die Familie nimmt bei der Bewahrung der islamischen und der kulturellen Identität in der deutschen Mehrheitsgesellschaft einen zentralen Platz ein.

Den Ergebnissen der jüngsten umfangreichen empirischen Studie zufolge, die der Soziologe Wilhelm Heitmeyer<137> zur Situation türkischer Jugendlicher in Nordrhein-Westfalen durchführte, befolgt der überwiegende Teil der Befragten die Hauptpflichten der islamischen Religion<138> und hat eine Koranschule besucht.<139> Drei Viertel der


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Jugendlichen verbringen ihre Freizeit in der Moschee bzw. im religiösen Versammlungsort der Aleviten (cemevi).<140> Die Resultate der Untersuchung zeigen, daß sich viele junge Türken mit dem Islam identifizieren. Der deutsche Muslim Abdullah veröffentlichte allerdings Werte zur Religiosität türkischer Jugendlicher, die belegen, daß zur gleichen Zeit zu beobachten ist, daß die Religion an Bedeutung einbüßt. So können 12 % der Jugendlichen unter 16 Jahren sich vorstellen, die religiöse Tradition der Eltern aufzugeben. 58 % haben sich bereits distanziert. 22 % praktizieren den Islam entweder aus Rücksicht auf die Eltern bzw. auf deren Druck hin.<141>

3.2 Religiöse Gruppen und islamische Organisationen in Deutschland

Den in Deutschland organisierten türkisch-islamischen Gruppen ist bislang die Bildung einer Dachorganisation nicht gelungen. Die Konsequenz des Fehlens einer repräsentativen Gemeindeorganisation mit erkennbaren Strukturen, die den lokalen Vereinsgesetzen entsprechen müssen, ist, daß die Anerkennung des Islam als Körperschaft des Öffentlichen Rechts nach wie vor aussteht. Die Tatsache der Nichtexistenz dieses Dachverbands zeigt auch, daß von einem monolithischen türkischen Islam keineswegs die Rede sein kann. Mit dem Verweis auf Publikationen jüngeren Datums über die Tätigkeit türkisch-islamischer Organisationen in Deutschland<142> wird sich an dieser Stelle darauf beschränkt, in alphabetischer Reihenfolge diejenigen religiösen Vereinigungen und Glaubensgemeinschaften vorzustellen, zu denen sich ein Teil der interviewten Frauen familiär bedingt zugehörig fühlt oder, wie in einem Fall, sich die junge Frau bewußt für die Mitgliedschaft in einem Derwischorden entschieden hat. Der Abschnitt über das Alevitum ist deshalb am umfangreichsten, weil es eine nicht-sunnitische Glaubensgemeinschaft mit einem eigenständigen Rechtssystem ist. Die anderen religiösen Vereinigungen sind der sunnitischen Glaubensrichtung zuzuordnen. Im ersten Kapitel sind die Aussagen der sunnitisch-hanafitischen Rechtsschule zum Themenkomplex ’Ehe/Eheschließung‘ bereits ausführlich geschildert worden.


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Ungefähr 10% der türkischen Einwohner in der BRD sind Mitglieder in türkischen bzw. türkisch-islamischen Organisationen.<143> 26 % der von Heitmeyer interviewten türkischen Jugendlichen haben regelmäßig, 43,0 % haben gelegentlich Kontakt zu türkischen oder islamischen Vereinigungen.<144> In einer telefonischen Befragung im Auftrag der Ausländerbeauftragten des Senats, Barbara John, unter 1.000 Berliner Jugendlichen türkischer Herkunft im Oktober 1997 wurde ebenfalls die Frage nach der Mitgliedschaft in einem Verein gestellt. Die Ergebnisse dieser Umfrage illustrieren, daß von den 23,5 % der in einer Vereinigung organisierten Jugendlichen mit 81,8 % die deutliche Mehrheit Mitglied in einem Sportverein ist. Hingegen gehören 5,4 % einer politischen Organisation und nur 1,7 % einer religiösen Vereinigung an.<145> Es muß auch berücksichtigt werden, daß die Anbindung an eine islamische Organisation nicht immer aus religiösen Gründen erfolgt, sondern vielfach aus pragmatischen Erwägungen. So nutzen die Muslime häufig die sozialen Dienste und kulturellen Angebote der nächst gelegenen Moschee bzw. Organisation.

3.2.1 Alevilik - Alevitum

Inoffiziellen Schätzungen zufolge ist ungefähr jeder vierte türkische Staatsbürger Angehöriger der alevitischen Glaubensgemeinschaft.<146> Überträgt man das in der Türkei herrschende Verhältnis von sunnitischer und alevitischer Bevölkerung auf die Bundesrepublik, könnte auf 500.000 Aleviten geschlossen werden.<147> Nach eigenen Angaben beträgt der Anteil der Aleviten unter den in Deutschland lebenden Migranten türkischer Herkunft 40 %.<148> Diese Angabe schließt die aus der Türkei emigrierten kurdischen und arabischen Aleviten ein, die in Deutschland aber nicht als Angehörige der kurdischen bzw. arabischen Minderheit, sondern als ’Türken‘ registriert werden. Man kann davon ausgehen, daß der Anteil der Aleviten unter der Bevölkerung türkischer Herkunft in Deutschland höher ist als in der Türkei, weil sich


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überproportional viele Angehörige religiöser und ethnischer Minderheiten von der BRD als Arbeitsmigranten anwerben ließen. Die exakte quantitative Erfassung der Aleviler ist nahezu unmöglich, da sie in der Türkei marginalisiert und diskriminiert sind und zum Teil das schiitische Prinzip der taqîya<149> praktizieren. Es läßt sich vermuten, daß das Verhältnis von sunnitischen und alevitischen Türken in der Bundesrepublik in ähnlicher Weise durch Abgrenzung und Antipathie gekennzeichnet ist.

Der Koran ist nach alevitischem Verständnis nicht die wahre göttliche Offenbarung, sondern zuungunsten des vierten Kalifen ’Alî verfälscht. Aleviten halten sich weder an das Fastengebot im Ramadan noch an die Pflicht des fünfmaligen täglichen Gebets. Ebenso ablehnend stehen sie der Pilgerfahrt und der Zahlung der Almosensteuer gegenüber. Ihr Glaubensbekenntnis enthält den Zusatz „Aliyyün Veliyullah“ (’Alî ist der Freund Gottes) zur Huldigung ’Alîs.<150> Angesichts ihrer Nichtanerkennung wesentlicher islamischer Grundsätze wird die Zugehörigkeit der Aleviler zum Islam sowohl von sunnitischer als auch von schiitischer Seite in Frage gestellt. Diffamiert man sie als Nicht-Muslime, erklären die Aleviten ihre Anlehnung an die Zwölferschia (itnâ ’a_arîya)<151>, die sich in der Verehrung ’Alîs sowie der zwölf Imame und ihrer Zuordnung zur Rechtsschule der ğa’farîya ausdrückt. Bereits erwähnt worden ist, daß dieses Bekenntnis lediglich nomineller Art ist und die Aleviten ein eigenständiges Rechtssystem entwickelt haben.

Die jahrhundertelange Marginalisierung hatte die Aleviten in die Isolation und zur Geheimhaltung ihrer Glaubenssätze gezwungen. Eine Verletzung des Gesetzes der Geheimhaltung der alevitischen Lehre zog strenge Strafen nach sich. Das strikte alevitische Gebot der Endogamie sollte der Wahrung der geheimen Lehre und dem Fortbestand der Glaubensgemeinschaft dienen. Die Familie als kleinste soziale Einheit soll auch bei den Aleviten die Geschlossenheit aller in der Gemeinschaft garantieren. Die Zugehörigkeit zum Alevitum, das patrilinear weitergegeben wird, kann strenggenommen ausschließlich durch die Geburt erworben werden.<152> Dazu im Widerspruch steht die Möglichkeit, das Alevitum auf einem anderen Weg anzunehmen;


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und zwar ungeachtet des Endogamiegebots über eine exogame Verbindung. Verheiratet zum Beispiel ein Vater seine Tochter auf ihren Wunsch mit einem Nicht-Mitglied der alevitischen Glaubensgemeinschaft, so wird er mit fünf Jahren Ausschluß aus der Gemeinde bestraft. Die Strafe wird erst aufgehoben, wenn der Schwiegersohn das alevitische Gelübde ablegt und damit in die Kultgemeinschaft aufgenommen wird.<153> Welche Bedeutung der Ehe im Alevilik zukommt, wird darin deutlich, daß der Glauben eines ledigen Alevi als unvollständig gilt. Nur verheiratete Aleviten können „volle Mitglieder der Kultgemeinschaft“ werden.<154> Das Alevitum akzeptiert nur die monogame Ehe und verbietet die Scheidung. Eine Mißachtung hat den Ausschluß aus der Gemeinschaft zur Folge.<155>

Nach der Gründung der Republik Türkei warb Atatürk bei den Aleviten, die im Nationalen Befreiungskampf die Partei der Kemalisten ergriffen hatten, um Unterstützung seines Reformwerks. Für Mustafa Kemal verkörperte das Alevilik die türkisch-nationale Identität und galt als Bewahrer der ursprünglichen türkischen Kultur und Sprache.<156> Zudem erwiesen sich die Alevi als bereitwillige Bündnispartner im Kampf gegen die orthodox-sunnitischen Traditionen des Osmanischen Reiches. Infolge der Herauslösung des Alevitums aus der Isolation durch die Bemühungen Atatürks um ihre Gunst wurden die Grenzen zum Schutz der Glaubensgemeinschaft abgebaut. Atatürk wird von den Aleviten als ’Mahdi<157> der Moderne‘ verehrt und er „wurde ins Pantheon alevitischer Heiliger aufgenommen“.<158> Damit ging ein sukzessiver Bedeutungsverlust der religiösen Komponente des Alevilik einher. Mit der Schließung von tekkeler des Bektaşi-Ordens<159>, mit dem sich ein Teil der Alevi eng verbunden fühlt, wurden der Gemeinschaft wichtige Zentren ihrer religiösen Gelehrsamkeit entzogen.


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Eine neue Generation wuchs ohne das Wissen um die alevitischen Glaubenssätze heran, da deren mündliche Tradierung vernachlässigt wurde. Die politischen Verhältnisse in der Türkei trugen ebenfalls dazu bei, daß sich Aleviten stärker mit revolutionären Ideologien als mit religiösen Inhalten zu identifizieren begannen. Um Anhänger aus den Reihen der Alevi für ihre Bewegung zu gewinnen, schrieben Sozialisten und Kommunisten der alevitischen Lehre sozialistische Werte zu.<160>

Während jahrelang von einer Krise des Alevitums gesprochen wurde und man seinen Fortbestand als Glaubensgemeinschaft gefährdet sah - was sich z.B. in der Vernachlässigung der religiösen Zusammenkünfte, dem Abbau der Heiratsschranken und den Autoritätseinbußen der religiösen Führer zeigte - ist seit Ende der achtziger Jahre dieses Jahrhunderts eine Renaissance der religiösen und kulturellen Elemente des Alevilik festzustellen.<161> Mittels einer Fülle von Publikationen über die Genese, die Glaubensinhalte und Praktiken des Alevitums werden die bis dahin nur Angehörigen der Glaubensgemeinschaft anvertrauten geheimen Leitsätze nun allen Interessierten zugänglich gemacht. Die der geistigen Elite der alevitischen Gemeinschaft angehörenden Publizisten bemühen sich u.a. um eine Definition des Alevilik/Bektaşilik und damit um eine Bestimmung seines religiösen, kulturellen, philosophischen und ideologischen Aspekts sowie um eine Stellungnahme zum Verhältnis von Alevitum zum schiitischen und sunnitischen Islam. Bei aller Divergenz der Meinungen besteht Einigkeit hinsichtlich der Notwendigkeit einer Reformierung des Alevilik. Zu Überdenken sei, ob unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft religiöse Führungspositionen nach wie vor aufgrund der Abstammung legitimierbar seien und ob es nicht angezeigt ist, die Möglichkeit einzuräumen, die Zugehörigkeit zur alevitischen Gemeinschaft durch Konversion zu erwerben. Schließlich muß die Frage nach dem Erfordernis der Gruppenendogamie neu beantwortet werden, zumal die Heiratsschranken ohnehin nicht mehr durchgängig eingehalten werden.<162>


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Die zahlreichen Untersuchungen über den türkischen Islam in der Bundesrepublik vernachlässigen häufig die alevitische Glaubensgemeinschaft. Neben den unter sunnitischen Türken herrschenden Ressentiments und Vorurteilen gegenüber den Aleviten führt vor allem das Fehlen von Moscheen - die religiösen Zusammenkünfte (ayn-i cem) erfolgen im cemevi - dazu, daß ihr religiöses Leben kaum in der Öffentlichkeit stattfindet.<163>

1991 wurde die Vereinigung der Aleviten-Gemeinden e.V. (Alevi Birlikleri Federasyonu) als bundesweiter Dachverband alevitisch-bektaşitischer Vereine gegründet. Diese Organisation, die Angehörigen aller Gruppierungen und Konfessionen offensteht, bekennt sich zu den laizistischen Prinzipien der Türkischen Republik und tritt für die Religionsfreiheit ein. Eines ihrer Ziel ist es, die alevitische Jugend in Deutschland mit den Glaubensinhalten des Alevitums bekannt zu machen, zum einen um die Traditionen und Lehren zu bewahren, und zum anderen um Identitätsangebote zu unterbreiten. Ferner ist das Engagement für eine Entspannung des Verhältnisses von türkischen Aleviten und Sunniten eines der Hauptanliegen der Föderation.<164> In Berlin gibt es fünf alevitische Vereine.<165>

Unter den aus politischen Gründen emigrierten Türken ist der Anteil der Aleviten besonders hoch. Alevitische Migranten der ersten Generation, bei denen die Religion eine größere Rolle spielt als bei den politisch engagierten Aleviten, versuchen, ihre religiösen Rituale zu konservieren. Auch in der Bundesrepublik ist ein neu erwachtes alevitisches Selbstbewußtsein erkennbar. Ob es sich in größerem Maße auf die religiösen Inhalte oder auf die humanistischen und progressiven alevitischen Ideale stützt, kann hier nicht beantwortet werden. Eigenen Beobachtungen zufolge versuchen türkische Aleviten, sich ausdrücklich von sunnitischen Türken zu distanzieren, indem sie den sunnitischen Islam kritisieren, beispielsweise hinsichtlich der Stellung der Frau


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in der şarî’a. Alevitische Jugendliche verleihen seit einigen Jahren ihrer alevitischen Identität symbolisch Ausdruck, z.B. durch das Tragen einer Halskette mit einem Anhänger, der ’Alîs Namen in arabischer Schrift oder sein sagenumwobenes Schwert ’Zülfikar‘ darstellt. In Stadtbezirken wie Kreuzberg bezeugen beschriebene Häuserwände - wenn auch nur in Form von Straßenparolen - alevitisches Engagement für eine Stimme in der Öffentlichkeit Berlins. Des weiteren nutzen Aleviten verschiedenartige Medien zur Information über ihre Glaubensgemeinschaft.<166>

3.2.2 Diyanet ışleri Türk Islam Birliði - Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB)

Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion ist mit 700 Gemeinden, 200 Moscheen und - eigenen Angaben zufolge - mit über 90.000 Mitgliedern und mit 350.000 bis 400.000 nichtorganisierten Anhängern die zahlenmäßig stärkste und einflußreichste türkisch-islamische Vereinigung in der Bundesrepublik.<167> Sie wurde am 12. Januar 1982 in Berlin gegründet und ist damit die jüngste türkisch-islamische Organisation in Deutschland. In Köln wurde am 12. Mai 1985 ein zweites Zentrum eröffnet. Obwohl sie eine Institution des türkischen Staates ist - sie untersteht der staatlichen Behörde Diyanet ışleri Başkanlığı (DIB) - betont die Organisation, Muslimen aus allen Ländern offenzustehen. Die Aleviten fühlen sich jedoch von der den ’Staatsislam‘ repräsentierenden und ihre Glaubensrichtung ignorierenden Organisation nicht vertreten. In einer DITIB-Selbstdarstellung heißt es, daß die Vereinigung die deutschen Rechtsnormen achte und sich sowohl für den Dialog mit „toleranten Nicht-Muslimen“ als auch für die Integration der türkischen Muslime in die deutsche Gesellschaft engagiere. DITIB erklärt die Notwendigkeit ihrer Gründung mit dem Mangel an Gebetsstätten für türkische Muslime in der deutschen Migration und mit


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der fehlenden Qualifikation der Imame in den bestehenden Gebetsräumen. Ferner verfolgte die Schaffung dieser Institution das Ziel, eine Alternative zu extrem-islamischen Organisationen, die das religiöse Vakuum für ihre Zwecke mißbrauchten, anzubieten.<168>

Aufgabe der Türkisch-Islamischen Union ist die Koordinierung islamischer, sozialer und kultureller Dienste. Beispielsweise organisiert sie Pilgerfahrten nach Mekka und die Überführung von in Deutschland verstorbenen Muslimen in das Heimatland. Die bei DITIB angestellten Prediger geben Koranunterricht, führen Bestattungen und Eheschließungen nach islamischem Ritus durch. Laut Aussage des gegenwärtigen Vorsitzenden von DITIB in Berlin, Şaban Özbudak, der gleichzeitig als Attaché für Religiöse Angelegenheiten beim Generalkonsulat der Stadt tätig ist, findet die islamische Eheschließung in der Regel in der Wohnung der Eltern von einem der Ehepartner statt. Für Hochzeitsfeiern stellt die Union ihre Räume zur Verfügung. Befragt danach, welche Personen berechtigt sind, eine religiöse Trauung vorzunehmen, antwortet er: „Jeder, der ein bestimmtes Potential an Wissen über den Islam hat, kann die Ehe schließen. Ein Grundwissen muß schon vorhanden sein.“ Die Frage, ob es in der BRD Paare türkischer Herkunft gibt, die auf die staatliche Eheschließung verzichten, läßt er unbeantwortet. Seine Grundhaltung zur Imam-Ehe geht mit den türkischen Gesetzen konform: „Wenn z.B. eine Frau und ein Mann hier vorbeikommen und sagen, sie möchten jetzt heiraten, die Ehe schließen. Woher sollen wir wissen, daß beide das Recht dazu haben, die Ehe zu schließen? Es könnte sein, daß z.B. der Mann oder die Frau schon eine Eheschließung vollzogen haben und hier verdeckt und illegal eine zweite Ehe eingehen. Dafür ist die staatliche Eheschließung da, damit man solche Situationen ausschließen kann.... Für den Muslim ist es wichtig, seine Ehe auf einer festen Basis zu errichten. Daher ist es für ihn auch wichtiger, daß er erstmal vom Staat die Bescheinigung bekommt, daß er geheiratet hat. Denn es kommen später im Leben viele Probleme auf ihn zu. Kinder werden geboren. Sie müssen registriert werden. Es könnte sein, daß der Mann stirbt - das Erbe, wie wird es aufgeteilt? Alles Probleme, die entstehen können, wenn Muslime nicht rechtlich heiraten. Diese Probleme werden dadurch vermieden, daß er rechtlich heiratet.“<169>


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Die Imame der DITIB-Moscheen, die Beamte des türkischen Staates sind, wurden in der Türkei an einer theologischen Fakultät oder an der Hochschule für Islamwissenschaften ausgebildet und werden vom Diyanet für den Zeitraum von vier Jahren in Deutschland eingesetzt.<170> Nach Ablauf der Dienstzeit kommt es immer wieder vor, daß einige Mitarbeiter des Diyanet kündigen und im Anschluß nicht selten in Organisationen aktiv sind, die als religiös-extremistisch bezeichnet werden können.<171>

Ein Beispiel dafür gibt der Vater dreier von mir befragter Schwestern, der in Istanbul islamische Theologie studiert hatte und als Beamter des Diyanet nach Deutschland delegiert wurde. Er quittierte seinen Dienst bei DITIB und arbeitete „selbständig“ für Millî Görüş. Nachdem er seine Tätigkeit dort ebenfalls aufgegeben hatte, weil er sich „nicht unterordnen konnte“, gibt er mittlerweile seit über zehn Jahren Korankurse in den Räumlichkeiten der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, nimmt islamische Eheschließungen und Bestattungen vor. Das Prinzip der zeitlich begrenzten Einstellung von Imamen aus der Türkei hat zur Folge, daß dort vor sich gehende politische und religiöse Entwicklungen in der Bundesrepublik reproduziert werden. Mit dem Sieg der islamistischen Refah Partisi bei den Parlamentswahlen im Dezember 1995 stellte erstmalig in der Geschichte der Republik Türkei eine Partei die Mehrheit im Parlament, deren Ziel die Errichtung eines islamischen Staates ist. Die von dieser türkischen Regierung zur Tätigkeit bei DITIB nach Deutschland delegierten Geistlichen und Imame repräsentieren mit großer Wahrscheinlichkeit die islamistischen Ideen und Ziele der Refah Partisi. Die Übernahme des Ministerpräsidentenamtes durch Mesut Yılmaz (ANAP)<172> im Frühjahr 1997 könnte durchaus erneut personelle Veränderungen und damit einhergehend eine Neudefinition des ’islamischen Auftrags‘ der Religionsbehörde in der Bundesrepublik einleiten.


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3.2.3 ıslam Toplumu Millî Görüş - Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş e.V. (IGMG)

Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş nannte sich bis 1995 Avrupa Millî Görüş Teşkilatı Organisation der Nationalen Sicht in Europa (AMGT). Ihre Gründung als Auslandsorganisation der Millî Selamet Partisi erfolgte 1976 in Köln.<173> Heute ist sie die Unterorganisation der MSP-Nachfolgepartei Refah Partisi, dementiert allerdings kontinuierlich die organisatorische Verbindung mit ihr. Gegenwärtiger Generalsekretär der IGMG ist Sabri Erbakan, der Neffe des Vorsitzenden der Wohlfahrtspartei Necmettin Erbakan. Sowohl die Refah Partisi als auch Millî Görüş verfolgen das Ziel, die _arî’a einzuführen. Die IGMG agiert gegen die Integration der türkischen Muslime in die deutsche Gesellschaft. Ihre Ideologie ist anti-israelisch und begrüßt die islamische Revolution im Iran.

Nach eigenen Angaben hat die Organisation 25.000 Mitglieder, 85.000 Anhänger und 200 Hocas.<174> Sabri Erbakan, 1988 noch als Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit zur Mitgliederzahl befragt, gibt diese mit 50.000 bis 60.000 an.<175> Der Verfassungsschutz, der Millî Görüş seit Jahren beobachtet, spricht von 19.000 Mitgliedern. Die IGMG verfügt über mehr als 145 Moscheen in der Bundesrepublik.<176>

Wie DITIB organisiert auch die IGMG Pilgerfahrten, nimmt islamische Beisetzungen und Eheschließungen vor. Neben Koranschulunterricht bietet sie Sport- und Informatikkurse an. Sie ist vor allem daran interessiert, die muslimische Jugend für sich zu gewinnen.<177> Die Vereinigung unterhält in Deutschland mehrere Internate zur Vorbereitung auf Bildungsstätten für Imame und Prediger in der Türkei.<178> Die Berliner Organisation „Föderation islamischer Vereinigungen und Gemeinden in Berlin“ („Berlin ıslamî Cemiyet ve Cemaatlar Federasyonu“) ist dem IGMG-Dachverband


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angegliedert. Sie betreibt ein Islam-Kolleg und eine private islamische Grundschule.

Ihren Einfluß übt die IGM auch mit Hilfe der Medien aus. Die in Frankfurt publizierte Tageszeitung „Millî Gazete“, die das Presseorgan der Refah Partisi ist, wird europaweit von über 7.000 Abonnenten bezogen.<179> Außer der „Millî Gazete“ vertreibt Millî Görüş die vierzehntägig erscheinende Zeitschrift „Hicret“ des Islamischen Zentrums Köln, das enge Kontakte zur IGMG pflegt.<180> Am 01.10.1989 wurde das „Türkische Fernsehen in Deutschland“ (TFD) von Repräsentanten der IGMG gegründet. Dieser Sender sendet vornehmlich religiöse Beiträge und Ansprachen.

3.2.4 Nakşibendilik - Nakşibendi-Orden

Die Nakşibendi-Tarikat<181>, deren Anhängerschaft man in allen Regionen der islamischen Welt finden kann, ist die bedeutendste der heute in der Türkei aktiven Tarikat. Der Ordensname geht auf den Gründer Muhammad Baha ud-Dîn zurück, der 1318 in einem Dorf nahe Bucharas geboren wurde und 1389 in demselben Dorf verstarb.<182> Die Nakşibendiyye erweiterte ihren Einflußbereich von Transoxanien nach Anatolien gegen Ende des 15. Jahrhunderts. Einen primären Rang nimmt in diesem sunnitischen Orden die Einhaltung der _arî’a ein. Im Unterschied zu anderen Orden zeichnet er sich in seinen Praktiken durch Schlichtheit und Nüchternheit aus. Während des dikr, der Anrufung Gottes bei den Zusammenkünften der islamischen Mystiker (sûfî), wird auf die Beherrschung der Emotionen und verhaltene Töne geachtet. Die Nakşibendiler befolgen keine spezifischen Vorschriften in bezug auf das Heiraten. Der Verzicht auf Nahrungsaufnahme und Schlaf spielt im Verhältnis zu anderen Orden eine untergeordnete Rolle. Die Mitglieder sollen aber lernen, übertriebene Lüste und Wünsche aufzugeben. Von ihnen wird verlangt, „den Anordnungen Gottes zu folgen, Gottes zu gedenken, und gut gegenüber seinen Kreaturen zu sein“.<183> Die Einstellung


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der Nakşibendi-Tarikat zur Schia muß als widersprüchlich eingeschätzt werden. Einerseits wird ihr eine anti-schiitische Haltung nachgesagt. Andererseits bejaht sie die islamische Revolution im schiitischen Iran und fordert diese auch in der Türkei.<184>

Mit dem Ziel der Restauration der islamischen Souveränität beteiligten sich Scheichs der Nakşibendiyye am Nationalen Befreiungskampf. Die Türkische Republik jedoch vollzog die radikale Abkehr von der _arî’a und intendierte die Schwächung des Einflusses der Religion. Die Konsequenz dieser Religionspolitik für die mystischen Bruderschaften war 1925 das Verbot aller Orden und die Schließung der Derwischkloster (türk.: tekke). Da die Nakşibendi-Tarikat mit der Auflösung der Tekkeler ihre Tätigkeit nicht vollkommen einstellte, leitete der türkische Staat ein härteres Vorgehen gegen die Nakşibendiler ein. Durch Repressalien wie Verhaftungen, Verbannungen und Hinrichtungen sollte die Nakşibendiyye vernichtet werden. Ungeachtet der Restriktionen konnte sich die Ordensgemeinschaft behaupten, vor allem weil sie für die Ausübung ihrer Praktiken - wie z.B. die stille Form des dikr - nicht unbedingt auf Tekkeler angewiesen ist.<185>

Der Nakşibendiyye wird ein reges Interesse an jeglicher sozialen, politischen und kulturellen Bewegung in der Gesellschaft zugeschrieben. Sie beziehe sofort Stellung zu Ereignissen und interpretiere diese. Auf diese Art und Weise übe sie ihren Einfluß aus und erlange eine nicht zu unterschätzende Popularität.<186> Mitglieder des Nakşibendi-Ordens sind parallel in Parteien wie der ehemaligen MSP und ihrer Nachfolgerin, der Refah Partisi, aktiv und wirken so im politischen System in der Türkei. Zwei prominente Mitglieder des Derwischordens sind der bereits verstorbene ehemalige Ministerpräsident Turgut Özal und der Vorsitzende der Refah Partisi, Necmettin Erbakan, der als Student in den vierziger Jahren in den Orden eingetreten ist. Die Nakşibendiyye ist seit längerem im Medienbereich mit der Tageszeitung „Sabah“, der monatlichen Zeitschrift „Islam“ und mindestens einem privaten Fernsehkanal aktiv. Der Orden hat zwei Verlage, eine Druckerei, eine Radiostation und zwei Stiftungen in seinem Besitz und beabsichtigt darüber hinaus die Gründung eines eigenen Krankenhauses.<187>


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Informationen über die Tätigkeit und den Einfluß der Nakşibendiyye in Deutschland sind äußerst dürftig. Die Tarikat ist in der Bundesrepublik mit über 55 Ordenszentren (dergâh) mit ungefähr 750 Mitgliedern vertreten. Annähernd 1.300 Anhänger haben regelmäßigen Kontakt zum Orden.<188> Einer beim Sufi-Archiv Deutschland<189> angeforderten Broschüre über islamische Ordensgemeinschaften zufolge sind die nachstehenden drei Untergruppen der Nakşibendiyye in der BRD vertreten: Die Nakşibendi-Gemeinschaft unter der Führung des in Zypern lebenden Scheichs Nazim Qibrisi. Die Zahl ihrer Anhänger beläuft sich nach Gür auf ca. 100 bis 200; eine Angabe, die mit Sicherheit als zu niedrig zu bewerten ist. Die Nakşibendi-Gemeinschaft um den türkischen Scheich Muhammad Raşid hat ihre Zentrale in Castrop-Rauxel bei Dortmund. Diese Gruppe nennt sich auch „Menzilciler“ nach dem osttürkischen Dorf Menzil, in dem sich ihr Hauptzentrum befindet. Die Mitgliederzahl liegt bei etwa 3.000.

Die Süleymanlı oder Süleymancı ist mit 20.000 Mitgliedern und 60.000 nichtorganisierten Anhängern die größte Gruppe.<190>

Resümierend kann die Aussage getroffen werden, daß sich ein geringer Teil der Muslime türkischer Herkunft in der Bundesrepublik in Vereinigungen organisiert, die sich hinsichtlich ihrer Haltung gegenüber dem türkischen Staat, gegenüber der deutschen Gesellschaft und ihrer religiösen bzw. politischen Zielsetzungen gegeneinander abgrenzen. Eine Sonderstellung nehmen die nicht-sunnitischen Aleviten ein, bei denen die Geburt die Zugehörigkeit zu der Glaubensgemeinschaft bestimmt. Nicht-organisierte türkische Muslime nutzen häufig die sozial-religiösen Angebote von Organisationen, mit denen sie sympathisieren oder die einfach in unmittelbarer Nachbarschaft ihre Moscheen und Räumlichkeiten haben. Die Gegebenheiten in der deutschen Gesellschaft veranlassen türkische Muslime, sich intensiver mit der Kultur ihres Heimatlandes und der Stellung der Religion in ihrem Leben auseinanderzusetzen. Die anschließenden Ergebnisse der in Berlin durchgeführten Untersuchung über die Bedeutung der Heirat für türkische Frauen der zweiten Generation werden unter


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anderem auch eine Antwort darauf zu geben versuchen, welche Rolle die Religion für diese Frauen dabei spielt, ihren Platz in der deutschen Gesellschaft zu finden.


Fußnoten:

<130>

Die Existenz von mindestens 47 ethnischen, religiösen und sprachlichen Gruppen in der Türkei ist nachgewiesen. Vgl. Rumpf, C. (1993), 183.

<131>

Abdullah. M.S. (1993), 27.

<132>

Thomä-Venske, H. (1988), 79.

<133>

Vorhoff, K. (1995), 73.

<134>

1949 begann man mit der Wiedereröffnung der ımam-Hatip-Schulen (mittlere theologische Ausbildung, die dem Erziehungsministerium untersteht, Ausbildung zum Prediger und Vorbeter) und der Einrichtung theologischer Fakultäten. Vgl. Spuler-Stegemann (1985), 597 Die Reislamisierung wurde im Anschluß an den Wahlsieg der Demokratik Partisi (DP - Demokratischen Partei) unter Adnan Menderes von 1950 forciert. So wurde der unter Atatürk aufgehobene Religionsunterricht als Wahlfach angeboten und 1981 an den Grund- und Mittelschulen als obligatorisches Unterrichtsfach eingeführt. Gebetsruf und Koranrezitationen erfolgten wieder in arabischer Sprache. Korankurse wurden wieder zugelassen. Auch auf politischer Ebene wurde ein zunehmender Einfluß des Islam möglich. Mit der Gründung der Millî Selamet Partisi durch Necmettin Erbakan trat offen eine religiöse Partei in Erscheinung, die heute unter dem Namen Refah Partisi aktiv am politischen Geschehen der Türkei partizipiert.

<135>

Der Begriff ’Kemalismus‘ ist von dem Namen des Gründers der Türkischen Republik - Mustafa Kemal (Atatürk) - abgeleitet. Die Prinzipien des Kemalismus sind Republikanismus, Nationalismus, Populismus, Laizismus, Reformismus und Etatismus.

<136>

Ca. 30 % beteiligen sich regelmäßig am Freitagsgebet und 45 % am Fasten. Vgl. Albrecht, A. (1986), 91.

<137>

Befragt wurden 1.221 türkische Jugendliche im Alter von 15 bis 21 Jahren. 13,3 % von ihnen sind Aleviten. Die Ergebnisse dieser Studie sind insbesondere in bezug auf die Religiosität kritisch zu betrachten, da diese mittels geschlossener Fragestellungen ermittelt wurden. Die Jugendlichen hatten nicht die Möglichkeit, ihr Verhältnis zum Islam mit eigenen Worten darzulegen. Vgl. Heitmeyer, W. (1997), 234.

<138>

61,4 % geben an, den ganzen Monat Ramadan, 25,1 % mehrere Tage zu fasten. Dem Beten kommen 21,9 % nie, 26,9 % selten, 20,4 % nur freitags, 7,4 % einmal täglich und 10,2 % mehrmals täglich nach. Die Moschee suchen 21,0 % jede Woche, 10,3 % mehrmals im Monat, 12,1 % mehrmals im Jahr, 22,8 % an Feiertagen und 23,3 % nie auf. Vgl. Ebd., 116.

<139>

31,1 % nahmen für kurze Zeit, 30 % für einen längeren Zeitraum an Korankursen teil. 37,2 % haben nie eine Koranschule besucht. Während mehr als die Hälfte die Teilnahme der eigenen Kinder an Korankursen wünscht, stehen 16,1 % der Koranschule ablehnend gegenüber. Vgl. Ebd., 118.

<140>

Mit 75,4 % liegt der Aufenthalt in der Moschee bzw. im cemevi an fünfter Stelle der Freizeitaktivitäten. Vgl. Ebd., 253.

<141>

Zu beachten ist, daß nicht ersichtlich ist, zu welchem Zeitpunkt und von wem die Daten erhoben wurden. Vgl. Abdullah, M.S. (1993), 31.

<142>

Z.B. Özcan, E. (1989); Gür, M. (1993); Binswanger, K.; Sipahioğlu, F. (1988).

<143>

Özkara, S. (1990), 156.

<144>

Heitmeyer, W. (1997), 260.

<145>

Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales. (1997), 11.

<146>

Die Schätzungen gehen von 6-14 Mio. Alevi aus. Vgl. Kehl-Bodrogi, K. (1988), 94.

<147>

Ca. 300.000 Alevi schätzen Ôen, F.; Goldberg, A. (1994), 86.

<148>

Podiumsdiskussion bei der alevitischen Kulturwoche in Berlin vom 26.04.-31-04.1991. zitiert bei Väth, G. (1993), 211.

<149>

Aus Vorsicht verheimlichen Schiiten in Zeiten der Verfolgung ihre Gesinnung (taqîya). Vgl. Strothmann, R. (1934), 680.

<150>

Kehl-Bodrogi, K. (1988), 120f.

<151>

Nasr, S.H. (1978), 277ff.

<152>

Ebd., 40.

<153>

Ebd., 217.

<154>

Bevor die gewöhnlichen männlichen Alevi (talip) volle Mitglieder der Kultgemeinschaft werden können, sind sie verpflichtet eine Wahlbruderschaft (musahiplik) und eine Ehe einzugehen. Die Wahlbruderschaft schließt die Ehefrauen mit ein. Ebd., 183f.

<155>

Ebd., 227.

<156>

Ebd., 62f. Die Kultsprache der türkischen Aleviten ist das Türkische. Ihre heiligen Bücher (buyruk) sind in Türkisch verfaßt. Aufgrund ihrer ablehnenden Haltung gegenüber dem sunnitisch-orthodoxen Islam haben sie weniger arabisches und persisches Vokabular in ihr Türkisch übernommen als sunnitische Türken. Ebd., 92.

<157>

arab.: al- mahdi (der Rechtgeleitete) bezeichnet die Person, „die den Islam wiederherstellen wird, der durch ungerechte Herrscher und korrupte Religionsgelehrte seinen eigentlichen Charakter verloren hat.“ In der Schia wird angenommen, daß der letzte Imam aus seiner Verborgenheit als Mahdi hervortreten wird, um die gerechte soziale Ordnung wieder zu errichten. Vgl. Khory, A.T.; Hagemann, L. ; Heine, P. (1991), 486, 489.

<158>

Kehl-Bodrogi, K. (1993), 277.

<159>

Der Bektaşi-Orden wurde von dem im 13. Jahrhundert nach Anatolien eingewanderten Haci Bektaş Veli gegründet. Der Orden steht in schiitischer Tradition. Vgl. Kehl-Bodrogi, K. (1988)., 44f.

<160>

Ebd., 66. Vgl. auch dies. (1993), 271.

<161>

Auf die Religionspolitik nach 1980, die eine Negierung der Unterschiede zwischen dem sunnitischen Islam und dem Alevitum betrieb und die alevitische Glaubensgemeinschaft ignorierte, indem sie einen Religionsunterricht sunnitisch-hanafitischer Prägung zur Pflicht für jedes Schulkind erhob und indem sie Moscheen in alevitischen Dörfern errichtete, reagierten die Aleviten mit der Gründung eigener Vereine, Verlagshäuser und Presseorgane. In der türkischen Öffentlichkeit begann man, die kulturelle Vielfalt Anatoliens zu thematisieren. Vgl. Vorhoff, K. (1995), 73f. Die liberale türkische Presse erkennt das Alevilik seit 1989 als eigene Konfession an. Vgl. Ebd., 182. Diese Aufmerksamkeit dem Alevitum gegenüber muß auch vor dem Hintergrund des wachsenden Einflusses islamistischer Kräfte auf politischer Ebene bewertet werden.

<162>

Vorhoff, K. (1995), 164f, 169, 171.

<163>

mandel beschreibt eine ayn-i cem in einem Berliner Hinterhaus. Die Halle, in der sich dreihundert Menschen eingefunden hatten, war mit Teppichen ausgelegt. Neben den Bildern ’Alîs und der zwölf Imame waren das Porträt Atatürks, die türkische Flagge und - vermutlich als Vorsichtsmaßnahme - ein Teppich mit der Abbildung der Kaaba in Mekka angebracht worden. Während der Zusammenkunft, die mit drei Videokameras aufgezeichnet wurde, kam es zu einer Auseinandersetzung mit dem die ayn-i cem leitenden dede. (Der dede leitet als spiritueller Führer die Riten. Er übernimmt die Rechtsprechung sowie die Anleitung und Initiation der Novizen.) Der Zwischenfall, bei dem sich die Mehrheit der Anwesenden gegen die Anweisung des dede aussprach, vermittelt einen Eindruck des Autoritätsverlusts dieser religiösen Führer. Vgl. Mandel, R. (1993), 423ff.

<164>

Şen, F. /Goldberg, A. (1994) 103f.

<165>

Greve, M.; Çınar, T. (1997), 70.

<166>

So publiziert die „Vereinigung der Aleviten-Gemeinden e.V.“ seit Ende der achtziger Jahre „Ehl-i beyt“. Das Verbandsorgan „Mürşid“ wurde im Februar 1992 durch die zweimonatlich erscheinende Zeitschrift „Alevilerin Sesi“ („Stimme der Alevi“) abgelöst. Vgl. Vorhoff, K. (1995), 87. Beim Rundfunksender „Freies Radio Stuttgart“ sendet die „Alevitische Redaktion“ sonntäglich eine Stunde. Auch im Berliner „Offenen Kanal“ sind die Aleviten mit eigenen Sendungen vertreten. Schließlich informieren auch im Internet alevitische Gruppen, wie die Avrupa Alevi Gençler Birliği (Jugendabteilung der „Föderation der Aleviten Gemeinden in Europa e.V.“) auf einer eigenen Homepage über ihre Vereinigung und das Alevitum.

<167>

Gür, M. (1993), 20.

<168>

Selbstdarstellung der Organisation. Vgl. Die Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion e.V. DITIB (1993).

<169>

Interview mit Ş. Özbudak vom 25.02.1997.

<170>

Özcan, E. (1989), 210.

<171>

Binswanger, K. (1988), 75, 90; Gür, M. (1993), 31.

<172>

Anavatan Partisi - (ANAP) Mutterlandspartei. Diese 1982 von Turgut Özal gegründete konservative Partei, bezieht zur Zeit unter Mesut Yılmaz Stellung gegen die islamistischen Bestrebungen der Refah Partisi.

<173>

Den Gründungsnamen „Türkische Union Europa“ änderte die Vereinigung 1982 in „Islamische Union Europa“ und diesen wiederum 1985 in „Avrupa Millî Görüş Tekilatları“. Vgl. Ebd., 90.

<174>

Gür, M. (1993), 37.

<175>

Binswanger, K. (1988), 92.

<176>

Özcan, E. (1989), 200.

<177>

16,0 % der von Heitmeyer befragten Jugendlichen gaben an, daß Millî Görüş ihre Interessen gut vertrete. 17,4 % sahen ihre Interessen teilweise vertreten. 22,5 % distanzierten sich von der Organisation. 18,3 % ist Millî Görüş unbekannt und 25,8 % machten keine Aussage. Vgl. Heitmeyer, W. (1997), 137.

<178>

Binswanger, K. (1988), 101.

<179>

Gür, M. (1993), 38.

<180>

Özcan, E. (1989), 204.

<181>

Die arabische Bezeichnung ist Naq_ibandîya. Tarikat (arab.: şarîqa), eigentlich „der Weg (zu Allah)“, sind religiöse Bruderschaften und Derwischorden.

<182>

Die Bezeichnung „Nakşibend“ leitet sich aus dem Persischen „nakış yapan“ ab, das „sein Herz besticken“ bedeutet. Der Name des Gründers wurde um das Wort „Nakşibend“ erweitert. Güner, A. (1986), 47.

<183>

Ebd., 51.

<184>

Gür, M. (1993), 74.

<185>

Algar, H. (1985), 173ff.

<186>

Güner, A. (1986), 47.

<187>

Seufert, G. (1997), 46ff.

<188>

Gür, M. (1993), 74.

<189>

1990 wurde von einem Kreis deutscher Muslime und Sufis das Institut für Islamstudien - Sufi-Archiv Deutschland e.V. - gegründet. Diese Institution hat ihren Sitz im brandenburgischen Trebbus und sammelt Material über die islamischen Ordensgemeinschaften in der Bundesrepublik. Vgl. Dornbrach, A. H. (1991), 8f.

<190>

Gür, M (1993), 61. Zur Entstehung, den Aktivitäten und Zielen der Süleymanlılar Vgl. auch Bins-

wanger, K. (1988), 49ff; Özcan, E. (1989), 192ff.


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Wed Sep 18 15:30:32 2002