Bentzin, Anke: Die soziale und religiöse Bedeutung der Eheschließung für türkische Frauen der zweiten Generation in der Bundesrepublik Deutschland

47

EMPIRISCHER TEIL

Kapitel 4. Vorstellung des Konzepts der empirischen Untersuchung

Vor der Auswertung der Untersuchungsergebnisse, die ich von Ende Februar bis Ende Dezember 1997 in Berlin ermittelt habe, sehe ich die Erläuterung der Methode zur Datengewinnung als zweckmäßig an. Außerdem möchte ich im Vorfeld das Sample charakterisieren und die Interviewsituationen schildern.

4.1 Methodisches Vorgehen

Den Impuls zur Durchführung einer empirischen Studie gab die Literaturlage zum Thema, die sich für die Beantwortung der Fragestellungen dieser Arbeit als unzureichend erwies. Neben der Absicht, gegenwärtige Bedingungen türkisch-islamischer Alltagskultur in Deutschland zu erfassen, verfolgt die eigenständige Datenerhebung das Ziel der Veranschaulichung individueller Lebensmodelle junger türkischer Frauen. Dabei stehen die Themen, welche die Hochzeit betreffen, im Zentrum des Interesses. Der Untersuchung des mir nahezu unbekannten Forschungsfeldes ging die Aneignung der theoretischen Grundlagen für die Durchführung qualitativer Methoden der empirischen Sozialforschung voraus. Unter Verwendung der Methodenkombination von teilnehmender Beobachtung und Befragung soll die religiöse, soziale und individuelle Bedeutung der Heirat für türkische Frauen der zweiten Generation ermittelt und analysiert werden.<191> Analog zur Zielsetzung der vorliegenden Arbeit - der Darlegung eines breiten Spektrums individueller Lebensentwürfe, die türkische Frauen der zweiten Generation im Rahmen der traditionellen und islamischen Normen der türkischen Gesellschaft in Deutschland zu realisieren versuchen - wählte ich die qualitative Befragungsmethode des problemzentrierten Interviews. Qualitative Methoden ermöglichen die Einbeziehung


48

zusätzlicher Auskünfte informeller Art, die ich im Laufe der Untersuchung durch Gespräche und Beobachtungen erhielt.

Da diese Arbeit einen sehr privaten Lebensbereich zum Gegenstand hat, bemühte ich mich um den Aufbau persönlicher Kontakte zu türkischen Familien, durch die mir ein Einblick in ihre relevanten Alltagsthemen gewährt wurde. Im Verlauf dieses Prozesses der Einfühlung in das Forschungsfeld führte ich drei teilnehmende Beobachtungen ohne strukturiertes Beobachtungsschema durch. So hatte ich die Gelegenheit, als Gast an einer Hennanacht, einer Hochzeitsfeier in einer Moschee und in einem Hochzeitssalon teilzunehmen.

Das problemzentrierte Interview ermöglicht, wie auch andere persönlich geführte mündliche Formen der Befragung, die Beschreibung der Interviewsituation und die Registrierung von Reaktionen auf Fragen. Es basiert auf einem strukturierten Leitfaden, der eine relative Vergleichbarkeit der Interviews ermöglicht. Die Abfolge der offen und zielorientiert formulierten Fragen ist von der Situation abhängig. Der Interviewer ist sowohl passiver Zuhörer als auch aktiv Fragender. Charakteristisch für einen qualitativen Forschungsansatz ist die Offenheit gegenüber Modifikationen und Korrekturen während des Forschungsprozesses. Bei der von mir durchgeführten Untersuchung stellte sich nach den ersten Befragungen die Zweckmäßigkeit eines Kurzfragebogens heraus, der einleitend der Ermittlung der sozialstatistischen Daten dienen sollte. Dadurch mußte das Interview nicht mit diesen Fragen unterbrochen werden und erleichterte beiden Seiten den Einstieg in das Gespräch.

Alle Gespräche wurden mit Wissen und Einverständnis der befragten Frauen auf Kassette aufgezeichnet. Die in deutscher Sprache geführten Interviews wurden wortgetreu transkribiert.<192> Für die Wiedergabe im Text nahm ich mir die Freiheit, die Zitate in eine Form zu bringen, die den Lesefluß gewährleistet. Pausen und Betonungen sind im Druck hervorgehoben. Beschreibungen von Reaktionen der Interviewpartnerinnen erfolgen in runden Klammern. Falls die Notwendigkeit besteht, werden zum Verständnis kurze Erklärungen in eckigen Klammern nachgestellt. Wenn


49

Passagen eines Zitats ausgelassen wurden, ist dies mit Auslassungszeichen in eckigen Klammern gekennzeichnet.

Angesichts des Umfangs der Transkriptionen der Interviews sind diese nicht im Anhang angefügt. Die Interviews stehen aber jedem Interessierten als Kassettenaufzeichnung oder in schriftlicher Form zur Einsicht offen.

4.2 Fragestellungen der Interviews

Der Kurzfragebogen, der den Interviewpartnerinnen vor dem Interview vorgelegt wurde, erfragte ihr Alter, ihren Geburtsort, ihren Ausbildungsweg sowie ihren momentanen sozialen Status. Darüber hinaus informierte ich mich nach dem Herkunftsort, dem Zeitpunkt und der Motivation der Migration der Eltern in die Bundesrepublik. Ich erkundigte mich nach ihrer beruflichen Qualifikation und ihrer gegenwärtigen Tätigkeit. Von Interesse waren ferner Fragen nach der Einstellung zum Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft und nach eventuell bestehenden Rückkehrabsichten.

Das Interview stützte sich auf einen Leitfaden mit den im Anschluß genannten vier Schwerpunkten, deren Reihenfolge während der Gespräche weitgehend eingehalten wurde:

  1. 1. Erziehungsvorstellungen der Eltern, Verhältnis von Religion und Tradition in der Familie, Identität und Selbstbild der türkischen Frauen
  2. 2. Bedingungen des Kennenlernens des Ehepartners, Kriterien der Partnerwahl, ’Versprechen‘, Verlobung, Verlobungszeit
  3. 3. Formen der Eheschließung, Ort, Zeitpunkt, Ablauf und Bedeutung der jeweiligen Eheschließungsform, Hochzeitsfeierlichkeiten
  4. 4. Rolle der Ehe in der Biographie, allgemeine und individuelle Perspektiven und Tendenzen, Relevanz der Thematik „Heirat als ein möglicher Indikator türkisch-islamischen Lebens in der Bundesrepublik“ für türkische Frauen der zweiten Generation, Begründung der Teilnahme am Interview


50

4.3 Sample und Interviewsituation

Das Sample umfaßt dreizehn Frauen im Alter von zwanzig bis dreißig Jahren, die als Kinder türkischer Arbeitsmigranten als zweite Generation in Berlin leben. Allen gemeinsam ist die türkische Herkunft.<193> Erwähnenswert ist, daß ich in zwei Fällen Schwestern befragt habe, um der Frage nachzugehen, welchen Einfluß dieselbe Sozialisation auf zwei Individuen ausübt. Von Interesse ist in diesem Kontext auch, ob die Eltern bezüglich der mit der Eheschließung zusammenhängenden Themenkreise ihren Töchtern gegenüber ein ähnliches Verhalten an den Tag legen. Mehr als die Hälfte der von mir befragten Türkinnen hat das Abitur abgeschlossen und ein Studium aufgenommen. Ein Mädchen besucht noch die letzten Abiturklasse und beabsichtigt, im Anschluß ebenfalls zu studieren. Von den drei Frauen, die den Realschulabschluß absolviert haben, haben zwei eine Ausbildung beendet und sind in ihrem Beruf tätig. Die Dritte hat drei Jahre in der Türkei in einem dergah der Nakşibendiyye ’studiert‘. Zwei Frauen haben den Hauptschulabschluß erworben. Eine der beiden hat im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme an einem Schreibmaschinen- und Nähkurs teilgenommen und ist seit der Heirat Hausfrau. Die andere Frau mit einem Hauptschulabschluß hat sich nicht weiterqualifiziert und verrichtet zeitweilig ungelernte Tätigkeiten. Sie alle haben die deutsche Staatsbürgerschaft erworben oder diese beantragt.

Während die Mehrzahl sich zum sunnitischen Islam bekennt, sind drei Frauen Angehörige der alevitischen Glaubensgemeinschaft. Zwei der Frauen waren zum Zeitpunkt des Interviews verlobt. Beide heirateten im Zeitraum der Abfassung dieser Arbeit. Zwei Türkinnen sind geschieden und leben - die eine wieder verheiratet, die andere unverheiratet - in einer Partnerschaft mit einem deutschen Mann. Die Ehemänner der anderen Frauen sind türkischer oder kurdischer Herkunft.

Da ich - mit einer Ausnahme - über keine Kontakte zu türkischen Frauen verfügte, bestand die Notwendigkeit, diese Verbindungen aufzubauen. Die Kontaktaufnahme mit


51

Institutionen, wie z.B. sozio-kulturellen Zentren, und einzelnen Personen war grundsätzlich von positiven Reaktionen auf meine Anfragen gekennzeichnet. Ausnahmslos alle von mir wegen eines Interviews angesprochenen Türkinnen haben ohne Zögern einem Treffen zugestimmt, nachdem ich ihnen das Anliegen der Untersuchung dargelegt hatte. In der Regel wurde ich in die Wohnung der Interviewpartnerinnen eingeladen. Dort konnten die Interviews in vertrauter Atmosphäre erfolgen, und ich hatte die Möglichkeit, einen Eindruck von den Lebensverhältnissen türkischer Familien zu bekommen. Zwei der Interviews fanden in Räumen der Universität statt. Die Gespräche dauerten zwischen dreißig Minuten und drei Stunden. Auf ihren Wunsch hin befragte ich in zwei Fällen zwei Frauen gemeinsam.

Unmittelbar nach jedem Interview fertigte ich ein Postskript an, das der Rekonstruktion der Interviewsituation und der Protokollierung persönlicher Eindrücke dient.

4.4 Datenauswertung

Nach der Durchführung und Verschriftlichung der Interviews ergab sich die Notwendigkeit, das vorher erarbeitete theoretische Konzept zur Auswertung der Daten dem konkreten Material gegenüberzustellen. Neue Aspekte, die im Forschungsprozeß hervortraten, mußten berücksichtigt und in die auswertende Analyse aufgenommen werden. Die Auswertung erfolgt in zwei Phasen: Zunächst wird der sozial-religiöse Hintergrund der einzelnen Frauen rekonstruiert. Dabei werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich der Religiosität, der Bildungsziele, des Selbstbilds sowie biographischer Kontinuität bzw. Diskontinuität herausgestellt. Daraus schlußfolgernd soll der Versuch einer Typisierung vorgenommen werden.

Ausgehend von den Fragestellungen dieser Arbeit und auf der Basis des in den Befragungen ermittelten Materials wurden die Kriterien zur Auswertung festgelegt. Anhand dieser Kategorien wird im umfangreichen sechsten Kapitel mit der inhaltlichen Analyse der Interviews die zweite Auswertungsphase realisiert. Im Vordergrund stehen dabei die Schilderungen und Bewertungen der türkischen Frauen, die in Form von Zitaten wiedergegeben werden.


Fußnoten:

<191>

Lamnek, S. (1995), 74; vgl. auch Dieckmann, A. (1995), 450f.

<192>

Da die Türkinnen in ihrem Studien- bzw. Arbeitsalltag in erster Linie die deutsche Sprache verwenden, wählte ich Deutsch als Interviewsprache.

<193>

Die Frauen bezeichnen sich selbst als Türkinnen bzw. als türkische Alevitinnen. Das Sample schließt Kurdinnen und Angehörige anderer in der Türkei ansässiger ethnischer Minderheiten aus.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Wed Sep 18 15:30:32 2002