Bentzin, Anke: Die soziale und religiöse Bedeutung der Eheschließung für türkische Frauen der zweiten Generation in der Bundesrepublik Deutschland

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Kapitel 5. Zum sozial-religiösen Hintergrund der Interviewpartnerinnen

Im Mittelpunkt dieses Kapitels stehen die dreizehn Interviewpartnerinnen. Ausgehend von dem für ihre Sozialisation in der Migration relevanten sozialen, traditionellen und religiösen Milieu sowie der Selbstreflexion bezüglich ihrer kulturellen und religiösen Identität wird der Versuch unternommen, ein relativ komplexes Persönlichkeitsbild dieser Frauen zu entwerfen.<194> Es erscheint angemessen, ihre Aussagen zum Themenkomplex ’Heirat‘ nicht ohne diesen Kontext offenzulegen, da sich daraus Konstanten und Wandlungsprozesse in den Biographien der Interviewpartnerinnen darstellen und erklären lassen.

Aus Gründen des Datenschutzes, vorrangig aber aus Respekt gegenüber der Privatsphäre der türkischen Frauen, die sich zu einem Gespräch bereit erklärt haben, habe ich ihre Namen verändert.

Die Gesprächspartnerinnen werden in der chronologischen Reihenfolge der Interviews vorgestellt. Dabei werden wesentliche biographische Eckdaten der jeweiligen Gesprächspartnerin genannt, die anhand des Kurzfragebogens ermittelt wurden. Ferner werden die Umstände der Kontaktaufnahme und gegebenenfalls die Interviewsituation beschrieben.

5.1 Vorstellung der einzelnen Interviewpartnerinnen

Rana

Die zweiundzwanzigjährige Rana lernte ich in einem Berliner ’Stadtteilladen‘ kennen, in dem sie als Erzieherin tätig ist. Sie tritt selbstbewußt auf, kleidet sich modisch, raucht und besitzt ein eigenes Auto.

Unser Gespräch führten wir in Anwesenheit ihres Verlobten in seiner Wilmersdorfer Wohnung, die als gemeinsames Zuhause nach der Hochzeit dienen soll. Ihre Familie


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stammt aus einem kleinen Ort in der Nähe Mersifons<195>. Rana ist in Berlin geboren, hat eine ältere Schwester (Selin) und einen jüngeren Bruder. Sie hat die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt und plant ihre Zukunft in Deutschland.

Über die Religiosität ihrer Eltern urteilt Rana: „Sie sind schon religiös, aber nicht extrem. Sie haben mich nicht extrem erzogen, extrem religiös. Sie haben mir schon Freiheiten gelassen.“ Interessant ist, daß sie „extrem religiös“ mit Verboten und Einschränkungen gleichsetzt. Der Vater geht „zum Freitagsgebet“ in eine Moschee der türkisch-islamischen Organisation Millî Görüş.<196> Er scheint diese Moschee nicht aus rein pragmatischen Gründen aufzusuchen, z.B. weil sie sich in der Nähe der Wohnung befindet; vielmehr ist er ein zahlendes Mitglied: „Er zahlt jeden Monat zehn Mark, weil die Moschee auch irgendwie finanziell weiterlaufen muß.“

Alle Familienmitglieder fasten im islamischen Fastenmonat Ramadan. Während die Eltern auch der Pflicht des Gebets nachkommen, hat Rana es nach mehreren Versuchen aufgegeben, denn: „Das kommt einfach nicht von innen. Das muß einfach von innen kommen. Ich schaff‘ das nicht, weil ich das wahrscheinlich noch nicht so gerne möchte.“

Obwohl der Vater regelmäßig Kontakt zu der allgemein als radikal angesehenen Vereinigung Millî Görüş pflegt, bewertet Rana die Einflußnahme der traditionellen Normen und des sozialen Umfelds auf ihre Erziehung als entscheidend und weniger den Einfluß islamischer Vorstellungen: „Also eher Tradition. Sie sagen zwar manche Sachen, verbieten sie zum Beispiel, das ist Sünde und so, obwohl es aus Tradition ist. Das steht gar nicht im Koran. Das ist eher wegen der Umgebung.“

Im Elternhaus, wo Rana bis zu ihrer Hochzeit wohnte, fühlte sie sich immer wohl. Jedoch äußert sie sich bedauernd darüber, daß persönliche Fragen in der Familie nicht besprochen werden: „Wir reden nie über irgendwas. Wir reden nur formale Sachen: Hast du dieses Papier schon erledigt und was weiß ich und solche Sachen. Aber über


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meine Probleme hat er noch nie geredet, meine Mutter genauso.“ Dagegen hat sie ein inniges Verhältnis zu ihrer verheirateten Schwester und zu ihren türkischen Freundinnen, auf das ich während der Hennanacht und der Hochzeitsfeier, aber auch bei anderen Gelegenheiten, in denen ich Rana erlebte, aufmerksam wurde. Diese engen Bezugspersonen und zum Teil auch ihr Verlobter, sind eingeweiht, wenn Rana für die Realisierung bestimmter ’Freiheiten‘ ihre Eltern hintergeht<197>.

Der jungen Frau, die seit dem vierzehnten Lebensjahr ihre Haare akkurat mit dem Kopftuch bedeckt, ist ein ambivalentes Verhältnis zu diesem ’Kleidungsstück‘ anzumerken.<198> So führt sie sowohl Probleme, die sie mit der deutschen Gesellschaft als auch mit der türkischen Minderheit hat, auf das Kopftuch zurück. Sie sieht ihre Vermutung, aufgrund des Kopftuchs in der deutschen Schule benachteiligt zu werden, bestätigt, als sich ihre Noten verbessern, nachdem sie das Kopftuch abgelegt hatte. Während der Lehrzeit entschließt sich Rana, das Kopftuch auch wieder an der Ausbildungsstätte anzulegen, weil: „Ich wollte nicht zwei Gesichter haben, einmal mit Kopftuch und einmal ohne.“ Das Kopftuch stellt für sie ein Symbol ihrer islamischen Identität dar: „Ja, das ist meine Persönlichkeit. Mit Kopftuch bin ich Rana.“ Jedoch ist sie bezüglich des Kopftuchs einen anderen Kompromiß eingegangen. Besucht sie eine türkische Disko, legt sie es ab, da ihr dort aufgrund ihres Bekleidungsstils<199> wiederholt mit Unverständnis begegnet wurde.

Ranas islamische Identität gerät für sie in einen Widerspruch zu dem Wunsch nach Öffnung und selbständiger Verfügung über ihre Freizeit. Dieser innere Konflikt drückt sich eben auch durch ihr kontrastreiches äußeres Erscheinungsbild aus.


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Refya

Refya, zu der ich bereits vor dem Interview Kontakt hatte, ist dreißig Jahre alt, hat eine Optikerlehre absolviert und war mehrere Jahre in ihrem Beruf tätig. Sie war von 1990 bis 1993 verheiratet. Nach dem Umzug nach Berlin und der Scheidung begann sie ein Studium. Seit einem Jahr hat sie die deutsche Staatsbürgerschaft.

Die Familie von Refya stammt aus einem Dorf in der türkischen Schwarzmeerregion, in der Nähe Zonguldaks. Der Vater ist in das Ruhrgebiet gekommen, wo er bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung als Arbeiter im Bergbau tätig war. Als Refya mit den übrigen Familienmitglieder in die Bundesrepublik zog, war sie vier Jahre alt. Sie hat zwei jüngere Brüder und eine jüngere Schwester. Ihre Mutter ist zu keiner Zeit einer Erwerbstätigkeit nachgegangen. Aus Gründen der sozialen Sicherheit und wegen der Kinder, die in der Bundesrepublik leben, haben die Eltern keine endgültigen Rückkehrabsichten, sondern pendeln zwischen den beiden Ländern.

Bei dem Interview mit Refya hatte ich den Eindruck, daß sie meine Fragen nutzte, um sich bewußt die Stationen und Wendepunkte in ihrer Biographie in Erinnerung zu rufen.

Refya blickt auf eine traditionelle Erziehung zurück, mit der ihre Eltern versucht haben, ihre Kinder vor „dem Fremden aus der deutschen Gesellschaft fernzuhalten. Weil sie das als Gefahr gesehen haben. Weil das ein großer Einfluß auf uns sein könnte.“

Zu Hause betete der Vater selten, begab sich indes freitags in die Moschee.<200> Beginnend mit dem fünften Lebensjahr und bis ins Alter von etwa zwanzig Jahren besuchte Refya regelmäßig den Koranunterricht in dieser Moschee, von der sie nicht mehr genau weiß, welcher Organisation sie untersteht; vermutlich ist es eine DITIB-Moschee.<201> Lachend erzählt sie, daß sie in der Zeit, in der sie an den Korankursen teilnahm, frommer als ihre Eltern war. Beispielsweise sprach sich ihr Vater gegen ihren Wunsch aus, das Kopftuch in der Schule zu tragen: „Ich hätte sogar auch in der Schule


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damals ein Kopftuch tragen wollen. Ich dachte: ’Wenn du das schon machst, dann soll es schon richtig sein!‘“ Sie legte das Kopftuch dann privat zu Hause und in einer Art und Weise an, „daß man kein Haar sehen konnte.“ Die religiösen Pflichten, wie z.B. das Gebet, befolgte sie gewissenhaft: „Und ich hab‘ fünf Mal am Tag gebetet. Und wenn ich mal eins ausfallen lassen hab‘, dann hab‘ ich ein schlechtes Gewissen gehabt.“ Als ihr das Tragen des Kopftuchs während der kundenbezogenen Tätigkeit als Optikerin untersagt wurde, empfand sie ihr Verhalten hinsichtlich der ’Kopftuchfrage‘ als inkonsequent und „nicht seriös“. Denn einige der türkischen Kunden, die sie als Besucher im Elternhaus nur mit Kopftuch kannten, sahen sie nun im Geschäft unverhüllt. Eine Lösung dieses inneren Konflikts sah sie darin, das Kopftuch abzulegen. Hintergrund ihrer Entscheidung gegen das Kopftuch war also nicht eine distanziertere Haltung gegenüber der Religion. Der Verzicht auf das Kopftuch war dann aber doch einer der Faktoren, der eine Veränderung ihres Verhältnisses zum Islam bedingte: „Also es war nicht so, daß ich es abgelegt hab‘, weil ich nicht mehr dran glaube, sondern ich wollte mich jetzt für das Eine oder das Andere entscheiden, zumindest was das Kopftuch betrifft. Das hat dann wahrscheinlich mit dazu geführt, daß ich mich immer von der Religion dann auch distanziert hab‘.“

Neben der Koranschule übten auch das deutsche Umfeld und die deutschen Freunde erheblichen Einfluß auf Refya aus. Parallel zu ihrem religiösen Leben entwickelte sie Bildungsziele (Abitur, Studium) und Ansprüche auf eine freizügigere Freizeitgestaltung, und es gelang ihr teilweise, diese nach Auseinandersetzungen im Elternhaus durchzusetzen. Sie führt ihre relativ strenge Erziehung und das Festhalten an traditionellen Vorstellungen auf die ländlich-konservative Herkunft ihrer Eltern sowie auf das hohe Maß an sozialer Kontrolle innerhalb der türkischen Minderheit in dem kleinen Ort, in dem sie aufwuchs, zurück.

Die endgültige Distanzierung von den türkischen Traditionen und ihrem bisherigen Leben als ’wohlerzogenes Mädchen‘ und ’gute Ehefrau‘ war das Resultat eines jahrelangen Prozesses. Dieser führte zur Trennung von dem Ehemann, den sie gegen ihren Willen geheiratet hatte und zum Ausbruch aus der türkischen Gesellschaft, um ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben zu beginnen.

In ihrer heutigen Lebensweise räumt sie dem Islam keinen Platz mehr ein: „Also die Entwicklung ist soweit gegangen, daß ich nicht nur diese ganzen religiösen Pflichten


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nicht mehr mache, sondern daß sich mir die Frage stellt: ’Glaube ich denn überhaupt noch an Gott?‘“ Obwohl Refya das Praktizieren der Religion eingestellt hat sowie sogar an der Existenz eines Gottes zweifelt und obschon sie außerhalb der türkischen Gesellschaft lebt, kann sie eine mehr oder weniger bewußte Präsenz islamischer und traditioneller Einflüsse nicht negieren.<202>

Man kann sagen, daß Refya, die sich als Jugendliche mit den islamischen Idealen identifiziert hatte, nach der Trennung von ihrem Mann und ihrer Familie ein ausgesprochen unabhängiges Leben führt, in dem auf den ersten Blick religiöse und traditionelle türkische Werte keine Rolle mehr spielen. Der äußerlich kategorische Bruch mit der ’Vergangenheit‘ impliziert nicht, daß die in Elternhaus und Koranschule erfahrene Sozialisation vollends ihre Einflußnahme verloren hat.

Nilay

Nilay lernte ich auf einem türkischen Fest kennen, wo ich sie spontan um ein Interview bat. Wir verabredeten uns für die Mittagspause vor der Bibliothek der Freien Universität, wo sich die Jura-Studentin auf ihr Examen vorbereitete.

Nilay ist vierundzwanzig Jahre alt und seit Mai 1996 verheiratet. Sie ist deutsche Staatsbürgerin und beabsichtigt, auch in Zukunft in der Bundesrepublik zu leben.

Nilays Vater stammt aus einem Dorf in der Nähe Ankaras und ist 1960 als Gastarbeiter in die Bundesrepublik gekommen, wo er Nilays in Izmir geborene Mutter kennenlernte, die 1969 ebenfalls als Gastarbeiterin nach Deutschland gezogen war. Nilay sowie ihre ältere Schwester und ihr jüngerer Bruder sind in Berlin geboren. Von ihren Rückkehrabsichten haben die Eltern Abstand genommen, nachdem ihnen bewußt geworden war, daß ein Leben in der früheren Heimat für sie nicht mehr in Frage komme. Nilay begrüßt diese Entscheidung ihrer Eltern.


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In der Familie wird nicht gebetet. Während die Mutter in der Türkei gefastet und es dann in Deutschland aufgegeben hatte, fastet der Vater erst seit drei Jahren. Die Moschee sucht er nur im Ramadan oder zu anderen islamischen Festen auf.

Die erste Reaktion auf die Frage, worauf die Eltern bei der Erziehung Wert gelegt haben, ist, daß sie lachend sagt: „Also, bei uns haben sie darauf geachtet, daß wir keinen Freund haben.“ In Relation zu anderen türkischen Familien bewertet Nilay ihre Erziehung als nicht streng. Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester versucht sie, ihre Ansprüche gegenüber den Eltern durchzusetzen: „Also wir haben uns auch langsam unsere Freiheit erkämpft, muß ich sagen [...] Ja, es war schon schwer. Man hat sich auch ein bißchen gestritten. Aber dadurch, also meine Schwester ist eineinhalb Jahre älter als ich, dadurch, daß wir zu zweit waren ging es eigentlich. Wir waren dann auch immer jedes Wochenende aus, Freitag, Samstag auf Feten und so [...] Mein Vater wußte das, natürlich. Das war nichts Heimliches. Außer wenn wir uns mit Jungs verabredet hatten und so (lacht). Aber es war auch nichts dabei. Es ist ja normal.“ Nilay ist sich durchaus bewußt, daß ihr ein größerer Aktionsradius als anderen türkischen Mädchen eingeräumt wurde. Dennoch sieht sie einen deutlichen Unterschied zu den Möglichkeiten deutscher Mädchen: „Ich kann nicht sagen, daß ich so frei erzogen worden bin wie ein deutsches Mädchen. Da ist schon ein großer Unterschied. [...] Man hatte schon so seine Freiheiten, aber die waren doch irgendwie begrenzt.“

Erst als ich sie gezielt danach frage, spricht sie über die Religion, schildert dann aber lediglich das Verhältnis ihrer Eltern zum Islam. Ebenso thematisiert Nilay in keiner Weise das Problem des Lebens zwischen zwei Kulturen, mit dem sich insbesondere die zweite Generation auseinanderzusetzen hat. Vielmehr vermittelt sie einen sehr ausgeglichenen und zufriedenen Eindruck. Sie sieht sich als junge Frau, die in einem türkischen und bedingt auch in einem islamischen Kontext sozialisiert wurde. Ihre Gegenwart und Zukunft ist eindeutig von dem Ziel bestimmt, als Juristin ihren Platz in der deutschen Gesellschaft zu finden.


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Zeynep

Zeyneps Bekanntschaft machte ich bei einem ’Frauenfrühstück‘ in einem sozio-kulturellen Zentrum in Berlin-Schöneberg. Nach mehreren Begegnungen dort bat ich die dreißigjährige alevitische Türkin um eine Befragung zum Thema ’Heirat‘. Im Verlauf des Interviews wurde deutlich, daß sie es als eine Gelegenheit sah, über ihre Probleme zu reden. Während des zweistündigen Gesprächs geriet sie wiederholt in lange Monologe, in denen sie in einem ’Wechselbad‘ der Gefühle zwischen Verzweiflung, Melancholie und Glück über ihr Leben berichtete.

In der Türkei, in Adana, arbeitete Zeyneps kurdischer Vater in der Gastronomie. Ihre Mutter, die bereits im Alter von dreizehn Jahren begonnen hatte zu arbeiten, stellte die Berufstätigkeit nach der Heirat ein. Aufgrund von materiellen Nöten und Eheproblemen ließ sie sich als Gastarbeiterin nach Deutschland anwerben. Der Vater folgte mit der elfjährigen Zeynep, ihrem jüngeren Bruder und ihren beiden jüngeren Schwestern.

Zeynep war nach ihrem Hauptschulabschluß als ungelernte Arbeiterin in einem großen deutschen Konzern tätig und zum Zeitpunkt des Interviews aktiv auf Arbeitsuche. Ihre zweite Scheidung lag neun Monate zurück. Während die ersten beiden Gatten Türken waren, mit denen sie insgesamt neun Jahre in der Türkei gelebt hatte, ist ihr dritter Mann ein Deutscher.

Auf meine Frage nach der Rolle der Religion in ihrer Familie reagiert die alevitische Frau mit der Bemerkung, sie wisse im Grunde nichts über den Islam. In der Tat sind ihr als Alevitin die Inhalte der eigenen Glaubenslehre nicht geläufig.<203>

Der Alkoholabhängigkeit des Vaters ist es zuzuschreiben, daß dieser wenig Einfluß auf die Erziehung seiner Kinder hatte. Als Älteste bemühte sich Zeynep, die Mutter im Rahmen ihrer Möglichkeiten als junges Mädchen zu entlasten und regelte viele Angelegenheiten für sie. Die frühe Verantwortung für die Geschwister ließ Zeynep weder Zeit noch Kraftreserven, persönliche Freiheiten anzustreben, wie andere


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türkische Mädchen sie ihren Eltern gegenüber durchzusetzen versuchten. Zeynep bewertet den Einfluß der deutschen Gesellschaft auf ihre Persönlichkeitsentwicklung als minimal. Die soziale Kontrolle innerhalb der türkischen Gemeinschaft in Berlin empfindet sie als sehr belastend, aber immerhin weniger reglementiert als in der Türkei.

Die schmerzlichen Erfahrungen, die Zeynep während ihrer Kindheit und ihrer beiden gescheiterten Ehen gemacht hat, haben nicht zu einer stärkeren Hinwendung zur religiösen Komponente oder einer intensiven Auseinandersetzung mit den ethischen Prinzipien und den kulturellen Elementen des Alevitums geführt. Zwei Faktoren, die für Zeyneps Annahme einer alevitischen Identität hinderlich gewesen sein könnten, sind der Mangel an Informationsmöglichkeiten über die eigene Glaubensgemeinschaft und ihre Schwierigkeiten, mit dem negativen Image umzugehen, das Aleviler bei Sunniten haben.<204>

Aufgrund gesundheitlicher Probleme<205> fühlt sie sich emotional von einem Mann abhängig. Zeynep ist erschöpft von den Enttäuschungen und Anstrengungen der vergangenen Jahre und sehnt sich nach Ruhe und Familienglück. Die Ehe mit einem deutschen Mann stellt für sie einen bewußten Bruch mit der Türkei dar. Diese Abkehr vom Heimatland möchte sie mit dem Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit besiegeln. Zur Erfüllung ihrer Wünsche riskiert sie eine Außenseiterposition innerhalb ihres türkischen Umfelds. Sowohl der Glauben als auch kulturell bedingte Traditionen spielen offenbar keine Rolle bei der Bewältigung ihres alltäglichen Lebens.

Selin

Selin ist im Gegensatz zu ihrer jüngeren Schwester Rana nicht in Berlin geboren, sondern im Alter von sechs Jahren nach Deutschland gekommen. Sie ist siebenundzwanzig Jahre alt, hat einen Hauptschulabschluß und widmet sich seit ihrer


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Heirat vor sieben Jahren der Erziehung ihrer beiden Kinder und der Erledigung des Haushalts. Selin hat die deutsche Staatsbürgerschaft erworben, denkt jedoch über eine Rückkehr in die Türkei nach. Da Selin sich selbst nicht für kompetent genug hielt, um über religiöse Themen zu sprechen, hatte sie ihre in religiösen Fragen bewanderte Freundin Emine ebenfalls zu dem Treffen gebeten.

In Selins Familie ist der Einfluß der Tradition ebenso wie der der Religion bedeutsam<206>. Als Mitglied bei Millî Görüş war Selins Vater an einer islamischen Erziehung seiner Kinder interessiert. Seine strengen Vorschriften, die er seinen Töchtern ohne jede Begründung auferlegt, scheinen dazu geführt zu haben, daß diese ein zwiespältiges Verhältnis zum Islam entwickelt haben. So wünschte sich Selin einerseits mehr Freiheiten und kritisiert die Erziehungsmaßnahmen ihres Vaters, die sie stets als „Druck“ empfunden hatte. Andererseits wollte sie nicht weiter „in der Mitte stehen“, sondern sich mit dem Islam identifizieren. Sie schätzt ihre Religiosität wie folgt ein: „Also ich finde, daß ich Islam nicht lebe. Ich glaube - elhamdülillah<207> - ich bin Muslima. Aber ich finde, ich müßte viel mehr tun. Viel mehr, z.B. mehr eigentlich die Hauptregeln. Z.B. Beten - das muß ich unbedingt! [...] Wenn man Moslem ist, dann muß man erst mal die Regeln richtig praktizieren.“ Während Selin sich an das Fastengebot im Ramadan hält, tadelt sie ihre Kleiderordnung als inkonsequent. Zwar gebe sie sich durch das Tragen des Kopftuchs bewußt als muslimische Frau zu erkennen, bewertet aber ihre Körperkleidung als nicht-islamisch, da sie Hosen trägt.

Selin empfindet angesichts der Konfrontation mit den zwei Kulturkreisen eine innere Zerrissenheit. Dieser Konflikt, der sie schon seit Jahren bewegt und den sie nicht zu lösen vermag, läßt sie zunehmend unzufriedener werden. Für sie scheinen das islamische Bekenntnis und ein ’modernes‘ Leben unvereinbar.

Emine

Zum Zeitpunkt des Interviews erwartete die Achtundzwanzigjährige, die seit sieben Jahren verheiratet ist, ihr drittes Kind. Sie selbst ist die jüngste von vier Geschwistern. Ihre Familie ist 1972 - als Emine drei Jahre alt war - aus Denizli zunächst nach


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Bielefeld und 1985 nach Berlin gezogen. Emines Vater hat als Maurer gearbeitet. Auch ihre Mutter war früher berufstätig, ist jetzt aber Hausfrau. Anders als ein Großteil der Arbeitsmigranten haben sich Emines Eltern die Rückkehr in die Türkei realisieren können. Emine besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Rückkehr in die Türkei ist für sie „eigentlich ein Traum“.

Die Eltern ließen ihre Kinder am Koranschulunterricht teilnehmen. Emines heutiger Einschätzung zufolge sind es eher traditionelle als religiöse Werte, an denen sich ihre Eltern orientieren. Sie berichtet, daß die inkonsequenten Bekleidungsvorstellungen der Eltern sie veranlaßten, die von ihnen als islamisch angesehenen Maßstäbe kritisch zu betrachten: „Also soweit ich sechzehn, siebzehn wurde, dann also hat es [die Religion; d.V.] mich schon interessiert. Meine Eltern hatten gesagt, ich sollte dann auch langsam Kopftuch tragen. Aber ich konnte Hosen anziehen. Was weiß ich! Ich konnte kurzärmlig anziehen. Ich konnte nur einen Schal auf meinen Kopf tun, obwohl hinten Haare rauskommen. Das war egal. Also nur ein Tuch auf dem Kopf - das reicht schon. Und daran merkte man eigentlich schon: Also das kann nicht der richtige Islam sein, weil das hat ja keinen Sinn - einfach ein Tuch auf den Kopf!“ Als Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema der für sie in Frage kommenden Kleiderordnung fiel ihre Wahl auf weite lange Röcke und ein das gesamte Kopfhaar bedeckendes Kopftuch.

Emine empfand ihre Erziehung als „frei“, was sie darauf zurückführt, daß sie das jüngste Kind war. Eine Lösung des persönlichen Konflikts, zwischen den Kulturen zu stehen, sah die junge türkische Frau in dem Bekenntnis zur islamisch-türkischen Identität: „In der Mitte wollte ich auf keinen Fall stehen. Das hat mich genervt. Ich stand ja in der Mitte. Und das wollte ich ja nicht, weil da hat man auch kein Selbstbewußtsein, wenn man in der Mitte steht. [...] Ich wollte mich für irgend etwas entscheiden, und da hatte ich mir auch überlegt: ’Soll ich mich nun für den Islam entscheiden oder nicht für den Islam entscheiden?“ Nach dieser Entscheidung nahm Emine gegen den Willen ihrer Familie<208> ein dreijähriges religiöses ’Studium‘ in einem dergah der Nakşibendi-Tarikat in der Türkei auf. Nachdem sie im ersten Jahr die fünf


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Pflichten des Islam erlernt hatte, widmete sie sich in den beiden darauffolgenden Jahren der sufischen Lebensweise.

Den Einfluß des Islam auf ihr Leben erlebt sie als universell. Wesentlicher als Äußerlichkeiten und die Einhaltung der Grundpflichten sind ihrer Meinung nach die innere Liebe zu Gott und ethische Werte. Sie vertritt den Standpunkt, daß eine muslimische Frau nicht berufstätig, sondern ausschließlich für Familie und Haushalt verantwortlich sein sollte. Auch nach ihrer Rückkehr nach Deutschland fühlt sie sich dem Nakşibendi-Orden verbunden und plädiert wie er für die Einführung der _arî`a in der Türkei. Nach ihrem Studium hat sie zunächst für ein Jahr in einer Moschee der islamischen Organisation Millî Görüş in Berlin<209> sonntags für Frauen gepredigt. Diese Zusammenkünfte der Frauengruppe, die auch zur Nakşibendi-Tarikat gehört, finden seit ihrer Schwangerschaft nicht mehr in der Moschee, sondern in einer Privatwohnung statt. Neben der eigenen Lehrtätigkeit besucht sie auch Kurse und Predigten weiblicher Hocas.

Deniz

Der Kontakt zu der dreiundzwanzigjährigen Deniz kam durch Vermittlung eines gemeinsamen Bekannten zustande. Nach dem Abitur zog Deniz allein nach Berlin, um dort ein Politologie-Studium aufzunehmen. Das Interview führte ich in ihrer Kreuzberger Einzimmerwohnung durch, die sie seit ihrer fingierten Hochzeit im Frühjahr 1997 mit ihrem ’Ehemann‘ bewohnt.

Deniz‘ Eltern stammen aus einem Dorf bei Yozgat und sind zunächst nach Ankara gezogen, bevor sie 1972 aus Ankara in die Bundesrepublik emigrierten. Die Migration nach Deutschland erfolgte aus materieller Motivation. Ihre Rückkehrwünsche bestehen nicht mehr. Deniz‘ Vater, der in der Anfangszeit als Bauarbeiter tätig war, hat sich später in der Baubranche selbständig gemacht. Die Mutter - sie ist Analphabetin - ist


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ebenfalls berufstätig; als Arbeiterin in einer Fabrik. Deniz wurde in einer kleinen Stadt in Bayern geboren. Sie hat zwei jüngere Brüder.

Deniz charakterisiert ihre Erziehung wie folgt: „Also ich kann mich erinnern, wo ich noch ein Kind war, hatte ich Abneigung gegenüber den patriarchalischen Verhältnissen, was ja in unserer Gesellschaft ziemlich verbreitet ist, auch in meiner also in meinem Umkreis, in meiner Familie. Und ich hatte immer vor, mich davon zu emanzipieren. Ja und daher kann ich schon sagen, daß ich eine strenge - im Vergleich zu den anderen türkischen Mädchen nicht so strenge - aber für mich schon eine ziemlich strenge Erziehung genossen habe.“ Sie schreibt ihren Eltern ein Festhalten an traditionellen Wertvorstellungen zu und begründet dieses mit dem Milieu<210>, in dem sich die Familie bewegt. Da sich die Kontakte der Eltern auf Leute aus dem Heimatdorf beschränken, erfolgt ihrer Ansicht nach keine wirkliche Auseinandersetzung mit den Bedingungen der deutschen Gesellschaft. Deniz, die sich von diesem Milieu distanzieren wollte, sieht als wesentliches Moment der einsetzenden Veränderung ihrer Wertmaßstäbe und der Herausbildung ihrer gesellschaftlichen und politischen Orientierung den Einfluß des Gymnasiums, das sie als „sehr alternative Schule“ bezeichnet. Die Zeit an dieser Einrichtung war für sie von einer besonderen individuellen Bedeutung, so daß sie rückblickend einschätzt: „Ich kann sagen, daß ich mich in dieser Schule wirklich emanzipiert habe.“

In der Familie habe die Religion immer eine sekundäre Stellung eingenommen. Dies führt Deniz auf die Zugehörigkeit ihrer Familie zur alevitischen Glaubensgemeinschaft zurück, verweist jedoch auf die Schwierigkeit, die Grenzen zwischen türkischer Kultur und islamischer (alevitischer) Religion zu ziehen. Deniz setzt sich mit der historischen Entwicklung und den sozialen Prinzipien, weniger mit den theologischen Inhalten des Alevitums auseinander. „Also ich kann mich mit der alevitischen Konfession schon irgendwo identifizieren. Alevitum ist ganz kompliziert. Dort steht im Mittelpunkt nicht dein Gott, sondern der Mensch. Das ist eine sehr humanistische Philosophie und meine politischen Richtlinien, meine politischen Ziele kann ich mit dem Alevitentum schon irgendwo vereinigen. Deswegen hat Alevitentum schon eine Rolle in meinem Leben, auch weil ich mit dem Alevitentum irgendwo aufgewachsen bin. - Aber ich würde von


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mir nicht behaupten, daß ich an Gott glaube oder daß ich religiöse Praktiken ausüben möchte. Und Alevitentum hat eine sehr breite kulturelle Seite. Es wird saz<211> gespielt. Es wird viel gesungen, und wenn man sich diese Lieder anhört, sind sie sehr - wie soll ich sagen - humanistisch einfach, gegen patriarchalische Tendenzen, also Dingen, mit denen ich mich identifizieren kann.

Obzwar Deniz die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt hat, vor allem um am politischen Leben der Bundesrepublik zu partizipieren, kann sie sich durchaus vorstellen, in einem anderen Land zu leben, „in einem Land, wo sich die Wärme auf die Menschen überträgt, wo die Menschen gelassener sind vielleicht, wo Gesellschaftlichkeit und Beisammensein im Mittelpunkt steht, nicht nur arbeiten und diszipliniert sein und pünktlich und diese ganzen - wie soll ich sagen - diese ganzen Werte, die eigentlich für Industrieländer spezifisch sind. Also ich hab‘ auf die Dauer keine Lust auf eine solche Lebensweise.“

Deniz ist eine zielstrebige und engagierte junge Frau, die über ihre Persönlichkeit sowie ihre soziale und politische Rolle reflektiert. Ihre Identität bewegt sich zwischen dem Bekenntnis zur türkischen und alevitischen Kultur, mit der sie aufgewachsen ist, und dem Bestreben, individuelle Emanzipation und politische Partizipation in Deutschland zu erlangen. Sie artikuliert ihre Vermutung, daß das Dilemma der zweiten Generation für sie persönlich eine permanente Fragestellung darstellen wird: „Also das Problem wird mich wahrscheinlich mein Leben lang begleiten. Das ist ein ziemlich großes Problem, zwischen den Kulturen zu sein.

Fatime

Den Kontakt zu Fatime vermittelte ein Freund. Die sechsundzwanzigjährige türkische Alevitin hat vor der Aufnahme ihres Medizinstudiums eine Ausbildung zur Medizinisch-Technischen Assistentin abgeschlossen. Seit ihrem zehnten Lebensjahr wohnt sie in Deutschland und erwartet zum Zeitpunkt des Interviews ihr erstes Kind. Sie ist seit Ende 1993 verheiratet.


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Die Familie stammt aus einem Dorf nahe der ostanatolischen Stadt Erzincan. Fatimes Vater kam 1968 als Gastarbeiter nach Berlin in der Absicht, Geld zu verdienen und nach fünf Jahren in die Türkei zurückzukehren, um dort in einem eigenen Haus mit der Familie zusammenzuleben. Er arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Maurer. Fatimes Mutter, die neun Kinder zur Welt brachte, war zu keiner Zeit berufstätig. Gemeinsam mit den Kindern folgte sie ihrem Mann im Jahre 1981 in die Bundesrepublik. Die Eltern haben die deutsche Staatsbürgerschaft erworben, um jedes Jahr für sechs Monate im Heimatland leben zu können. Eine endgültige Rückkehr planen sie nicht mehr. Fatime ist seit 1992 deutsche Staatsbürgerin. Eine Zukunft in der Türkei kann Fatime sich nicht vorstellen, da sie sich in Berlin zu Hause fühlt. Sie schließe aber nicht aus, für eine Zeitlang dort zu arbeiten.

Fatime trägt wie auch alle Frauen der Familie kein Kopftuch. Zwar habe der Vater in der Türkei den Koran studiert und lese ihn auch in Deutschland morgens<212>, aber religiöse (alevitische) Praktiken und Themen spielen im familiären Alltagsleben keine Rolle. Unterschiede zwischen dem sunnitischen Islam und dem Alevitum betont Fatime nicht; möglicherweise sind ihr diese nicht ausreichend bekannt, worauf folgendes Zitat schließen lassen könnte: „Also wir wissen, daß wir der islamischen Religion angehören. Das war‘s dann. Aber wir üben die Religion nicht aus.

Die Bildung der Kinder hatte für den Vater bei der Erziehung Priorität. Die sehr ausgeglichen wirkende Fatime begründet ihre nicht strenge Erziehung damit, daß sie zum einen die Vorteile der jüngsten Tochter hatte. Zum anderen führt sie ihre Freiheiten auf das deutsche Umfeld und den Einfluß der progressiven älteren Brüder auf den Vater zurück. Fatime erhielt die Erlaubnis, mit Freundinnen auszugehen, auf Parties zu gehen und an Klassenfahrten teilzunehmen und fühlte sch nicht ’eingeengt‘: „Also ich hab‘ keine Begrenzung für mich gesehen, also niemals.“ Anschließend relativiert sie die Aussage: „Also natürlich durfte ich keinen Freund haben oder bis ein Uhr oder so


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ausgehen. Solche Sachen durfte ich natürlich auch nicht. Da gab es auch Grenzen.

Sie negiert für ihre Person ein Gefühl der Zerrissenheit zwischen der deutschen und der türkischen Kultur: „Dieser Identitätsverlust und so kommt für mich nicht in Frage.“ Ihre Identität definiert sie als türkisch. Die eindeutige Zuordnung resultiert sicher auch aus der Tatsache, daß ihr Freundeskreis ausschließlich türkisch ist und sich ihr Kontakt zu Deutschen auf das Studium beschränkt.

Zekiye

Zekiye lernte ich auf geradezu kuriose Weise kennen: In einem Neuköllner Laden für islamische Bekleidung kam ich Anfang Juli 1997 mit einer jungen türkischen Verkäuferin ins Gespräch. Als ich ihr von dem Thema der vorliegenden Arbeit erzählte, gab sie mir die Telefonnummer ihrer seit dem Frühjahr 1997 verheirateten Schwägerin Zekiye.

Der Geburtsort der zwanzigjährigen Abiturientin Zekiye ist Ankara. Sie hat zwei ältere (Lale und Hülya) und fünf jüngere Schwestern.

Zekiyes Eltern stammen aus einem Dorf in der Nähe von Çankırı.<213> Ihr Vater hat in Ankara an der Theologischen Fakultät (ılâhiyat Fakültesi) studiert. Der türkische Staat delegierte ihn 1979 nach Europa, wo er fünf Jahre im Türkischen Konsulat als „Sozialattaché“ in Berlin, Dänemark, Düsseldorf und Köln arbeitete. Heute ist er in Berlin als „freiberuflicher Hoca“ für DITIB tätig. Er gibt Korankurse, vollzieht islamische Eheschließungen sowie rituelle Waschungen bei Beisetzungen und wird von der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion vor allem während des Ramadan als Imam angestellt. Zekiyes Mutter ist Hausfrau. Aufgrund des Mangels an weiblichen Gelehrten hatte sie in der Anfangszeit ihres Aufenthalts in Deutschland zwei Jahre lang selbst Koranunterricht gegeben. Die Eltern haben ihre Rückkehrabsichten bis heute nicht realisiert. Finanzielle Erwägungen, aber vor allem familiäre Bindungen halten sie in Berlin. Zekiye ist seit ungefähr einem Jahr deutsche Staatsbürgerin. Gemeinsam mit ihrem Mann möchte sie nach seinem Medizinstudium in die Türkei oder ein arabisches Land ziehen.


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Ihre Erziehung charakterisiert Zekiye als: „[...] natürlich auf jeden Fall religiös - aber traditionell - kommt immer drauf an eben wieweit traditionell, weil man kann ja auch nicht mehr die Tradition, die man im Dorf mal gelernt hat, hier noch anwenden. Auf irgendwelche muß man verzichten. Auf die guten, die uns einfach noch passen, auf die verzichtet man nicht, will man auch nicht verzichten. Auf einige, die einfach nicht klappen würden - sag ich mal - verzichtet man direkt, also automatisch. Man denkt einfach nicht mehr darüber nach. Beide, so gemischt, aber mehr religiös als traditionell.“

Seit der siebenten Klasse bedeckt die Abiturientin ihr Haar in der Öffentlichkeit mit einem Tuch, so daß kein Haar zu sehen ist. Angesichts der stark islamisch geprägten familiären Atmosphäre übernahm sie bereits als junges Mädchen mit Selbstverständlichkeit islamische Alltagsriten. Zekiyes Selbstbild in bezug auf die Religion kommt in folgendem Zitat zum Ausdruck: „Ich kann nie behaupten, daß ich wirklich die richtig Religiöse wäre. Aber ich versuche, soweit wie möglich einfach alles, was so in Religion ist, wirklich auch auszuüben. Aber es ist eigentlich gar nicht so schwer [...] Aber man betet fünf Mal am Tag, aber das reicht keinesfalls aus - sag ich mal. Das ist so eine Art Selbstbefriedigung, nicht was, was man für Gott tut, sondern für sich selbst. Man fühlt sich einfach danach gut. Und donnerstags abends z.B. da lesen wir auch gemeinsam Koran meistens [...] Im Islam ist es wirklich so, daß man über Dinge nachdenkt, einfach: was wird aus morgen?

Ohne es zu betonen, wird Zekiyes inniges Verhältnis zu ihrem Elternhaus deutlich. Den Erziehungsmaßnahmen ihrer Eltern gegenüber zeigte sie sich einsichtig und empfand diese nicht als einengend: „Ich durfte wirklich fast alles machen, was ich haben wollte, und das hat mir auch gereicht. Das, was ich nicht machen durfte, wollte ich auch gar nicht.“ Auf die Frage nach eventuellen Schwierigkeiten, ihren Platz als Türkin und Muslima in Deutschland zu finden, antwortet sie lachend: „Nee, ich hab‘ überhaupt gar keine Probleme gehabt. Nee auf gar keinen Fall. Ich wußte genau: Ich bin türkisch, ich bin moslemisch, auch wenn ich jetzt die deutsche Staatsangehörigkeit habe, fühle ich mich kein bißchen deutsch, auf gar keinen Fall.


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Elif

Die Bekanntschaft Elifs ergab sich über eine ihrer Freundinnen, die ich bereits kannte. Die Neunundzwanzigjährige hat nach der Ausbildung zur Erzieherin und dem Fachabitur ein Sozialpädagogik-Studium aufgenommen. Die feste Partnerschaft mit ihrem Verlobten, den sie bereits seit mehreren Jahren kennt, besteht seit einem Jahr. Die Hochzeit wurde dann am 06.03.1998 gefeiert.

Elif wurde in einem Dorf nahe der zentralanatolischen Stadt Ereðli bei Konya geboren. Die Migration der Familie erfolgte 1973/74. Ihr Vater arbeitete in einer Schokoladenfabrik; ihre Mutter als Reinigungskraft. Seit fünf Jahren leben die Eltern wieder in der Türkei, wo sie in der Landwirtschaft tätig sind. Elifs vier Geschwister wohnen wie sie in Berlin.

Religiöse Themen und Praktiken prägen nicht das alltägliche Leben in ihrer Familie. So gab es im elterlichen Haushalt niemals einen Koran; Koranunterricht, Fasten und Beten oder das Tragen des Kopftuchs wurden nicht in Erwägung gezogen. Die religiösen Festlichkeiten werden vordergründig als türkische Feste begangen.

Elifs Vater sympathisierte hingegen stets mit sozialistischen und kommunistischen Ideen. Sie führt diese politisch-ideologische Orientierung auf die Herkunftsregion zurück, die traditionell mit sozialistischem Gedankengut und kemalistischen Prinzipien verbunden ist. Aufgrund des geringen Stellenwerts islamischer und traditioneller Einflüsse in ihrer Familie zeichnete sich die Erziehung durch Liberalität aus.

Das Verbot einer vorehelichen Beziehung zu einem Mann galt jedoch auch für Elif. Lachend erzählt sie, daß sie sich nicht an diese Vorschrift hielt: „Man hat zwar einen Freund gehabt, aber man hat es vor Eltern verheimlicht. Also offen durften wir keinen Freund haben und auch nicht mit ihm schlafen, war klar.

Elif empfand das Aufeinandertreffen der beiden Kulturen als individuellen Konflikt, den sie zunächst durch rigorose Ablehnung der deutschen Gesellschaft und später durch Distanzierung von der türkischen Kultur zu lösen versuchte: „Ich hab‘ gewehrt, mir die deutsche Sprache irgendwie nahekommen zu lassen, versuchen anzunehmen, versuchen zu lernen. Irgendwann hab‘ ich gemerkt, ich kann da nichts ändern. In der Pubertät hab‘ ich erst mal so alles nur auf deutsch reduziert. Die türkische Kultur total


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irgendwie weggelassen, fern gelassen von mir und dann erst mal so eben mich hier in Deutschland einzuleben. Ich mußte auch eine Identität für mich finden, so halb türkisch, so halb deutsch, hab‘ ich gemerkt, das ging nicht irgendwie.“ Im Alter von achtzehn Jahren haben sich diese beiden extremen Positionen so weit relativiert, daß sie eine Identität findet. Selbstbewußt vertritt sie heute ihr Selbstbild: „Ich bin Türkin und ich achte meine Kultur, ich ehre meine Kultur und daß ich da nicht sage, daß ich als Türkin unterdrückt werde.“ Elif begann, allein oder mit Freunden in die Türkei zu reisen, um ihr Geburtsland kennenzulernen. Im Freundeskreis setzt sie sich über die Eindrücke und Erfahrungen dieser Aufenthalte auseinander und diskutiert über zukünftige Alternativen ihrer Generation. Sie stellt die Werte der deutschen Leistungs- und Individualgesellschaft in Frage und spielt „mit dem Gedanken, zurückzugehen.

Die deutsche Staatsbürgerschaft, die sie seit drei Jahren besitzt, hatte sie angestrebt, um das Wahlrecht zu erwerben. Darüber hinaus gebe ihr der deutsche Paß die Möglichkeit, komplikationsloser zu reisen und über einen längeren Zeitraum in der Türkei zu bleiben.

Lale

Lale lernte ich über ihre jüngere Schwester Zekiye kennen. Sie ist fünfundzwanzig Jahre alt, seit sechs Jahren verheiratet und hat eine zweijährige Tochter. Lale ist in Ankara geboren, hat in Berlin ihr Abitur abgelegt und beabsichtigt, ihr Studium der Islamwissenschaft und Erziehungswissenschaft 1998 abzuschließen.

Als Schwester von Zekiye ist Lale in demselben familiären Milieu aufgewachsen wie diese. Das nachfolgende Zitat drückt zum einen Lales religiöses Selbstbild aus und läßt zum anderen ihre selbständige Auseinandersetzung mit dem islamischen Glauben erkennen: „Also ich kann sagen, daß ich religiös bin. Und ich versuche schon, in meinem Leben den Islam einfach zu leben, wie es möglich ist [...] Also für viele wirken wir bestimmt sehr religiös. Aber es gibt auch, wenn ich mich mit anderen Frauen oder Menschen vergleiche, dann gibt es immer Leute, die zu beneiden sind. Dann denke ich mir: ’Du machst da etwas wenig.‘ Also ich würd‘ mich gläubig und religiös bezeichnen, aber das ich jetzt sage: ’Ich lebe nur nach dem Islam und beachte den Rest der Welt nicht.‘ Das würde ich dann wieder nicht akzeptieren.“ Ihr ist die Verquickung von Religion und Tradition in der türkischen Gesellschaft bewußt, und sie macht auf die


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Notwendigkeit der Differenzierung zwischen den beiden Faktoren aufmerksam: „Aber in der türkischen Gesellschaft sehe ich das Problem eher immer diese Trennung von Religion und Tradition. Das wird nicht gut durchgezogen. Was Tradition ist, heißt es immer: ’Das ist die Religion‘. Und ich würd‘ mir sehr wünschen, daß die religiösen Menschen, die sich so bezeichnen, auch mal den wahren Islam einfach auch mal kennen und diese Tradition irgendwo liegenlassen, weil es gibt viele Traditionen, die sind dem Islam so fremd, dem Islam so entgegengesetzt.

Lale ist noch türkische Staatsbürgerin, hat aber die deutsche Staatsbürgerschaft bereits beantragt. Der Frage einer Rückkehr in die Türkei steht sie unentschlossen gegenüber.

Ihr eindeutiges Bekenntnis zu einer islamisch-türkischen Identität möchte sie nicht im Widerspruch zur deutschen Gesellschaft verstanden wissen. Sie betont die Dringlichkeit einer gegenseitigen Öffnung und Annäherung der beiden überwiegend immer noch getrennten Lebenswelten.

Hülya

Hülya, die dreiundzwanzigjährige Schwester von Lale und Zekiye, ist in Istanbul geboren. Nach dem Realschulabschluß absolvierte sie das Fachabitur und anschließend die Ausbildung zur Erzieherin. In ihrem Beruf arbeitet sie seit einigen Monaten in einem Kreuzberger Schülerladen. Sie ist seit drei Jahren verheiratet.

Hülya ist in ein Elternhaus hineingeboren, das in allen Bereichen vom Islam beeinflußt ist. Sie trägt auch im Berufsalltag das Kopftuch. Als praktizierende Muslima habe sie Probleme mit der deutschen Gesellschaft, z.B. wenn sie sich an ihrem Arbeitsplatz zum Gebet zurückzieht. Um Konflikte und Mißverständnisse zu vermeiden, schloß sie in der Schule ausschließlich mit türkischen Mädchen Freundschaft, denn „die kannten ja meine Probleme, all die Kultur, alles. Da mußt du nicht alles mit Hintergründen und so erzählen.“ Sie sei mit der Zeit aber offener für deutsche Einflüsse geworden und erkenne, daß sie unbewußt Elemente der ’deutschen Kultur‘ rezipiert. Die religiöse Erziehung bewertet sie als positiv: „Ich find‘ es heute sehr schön, daß ich eigentlich doch so religiös erzogen bin.“ Ihr inniges Verhältnis zum Islam basiert auf der Art und Weise, wie ihr theologisch ausgebildeter Vater seine Kinder an religiöse Themen heranführte: „Also ich sehe mich als gläubig - inşallah. (lacht) Und wir wurden auch


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religiös erzogen. Aber nicht, wie in manchen Familien - vielleicht kommt das durch Unwissen - also nicht durch schlechte Absicht. Die meinen das vielleicht nicht schlecht. Aber auch so mit Liebe, weißt du. Mein Vater ist echt ein sehr, der kann nicht hart sein und zu etwas strikt ’nein‘ sagen und so einen verletzen. Das hat er ganz so raffiniert schön gemacht. Deshalb sind wir auch so schön da reingeleitet worden.“ Für Hülya, die wie ihre Schwestern die Koranschule besuchte, beinhaltet die islamische Lebensweise ein Vielfaches mehr als die bloße Einhaltung der Hauptpflichten: „Es ist so: wenn man wirklich mit Liebe und mit Wille betet, dann denkt man auch automatisch über vieles nach oder man wird sozialer.“ Das Fasten und das Spenden von Almosen (arab.: zakât) sind für sie eine Selbstverständlichkeit. Hülyas Religiosität, deren Grundlage zweifelsohne der Erziehungsanspruch der Eltern bildet, kann durchaus auch als Strategie zur Bewältigung des Konflikts des Lebens in zwei Welten interpretiert werden. Darüber hinaus versteht sie Religion als Lebensphilosophie: „Für mich ist es persönlich wirklich wichtig, daß die Leute einen Glauben haben. Also wo man sich fest verankern kann und sagt: Mit Liebe, weißt du, dem anderen Menschen mit Liebe dich gegenüber verhalten. Irgendwie, daß man zu Pflanzen, zu Tieren, daß man die so akzeptiert und nicht so brutal wie die heutigen Kinder wirklich die Pflanzen betreten und keiner so‘ne innere Beziehung dazu hat, daß das wirklich wichtig ist für ’ne Erzieherin. So, ich suche in der Religion für viele Seiten eine Antwort. Und für vieles finde ich auch und für alles kann man ja nicht gleich finden [...] Das heißt nicht, daß man alles blind übernimmt, weißt du. Man kann trotzdem alles noch lesen und in Frage stellen oder sich in dem Bereich erweitern oder auch einige Sachen nicht so akzeptieren. Ich hab z.B. auch Meinungen oder vertrete Meinungen, die meine Mutter z.B. nicht vertritt, weißt du, die ich mir vielleicht mit den Jahren selber gebildet habe durch die zwei Welten. Ich hab‘ vielleicht mehr dafür gebraucht. Vielleicht war der Weg mühsamer, weißt du, zwei Kulturen, zwei Religionen.“

Erziehungsmaßnahmen der Eltern, z.B. das Verbot, an Klassenreisen teilzunehmen, begegnete Hülya mit Verständnis und betont, daß sie sich nicht in ihrer Freiheit beschnitten gefühlt habe.


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Hülya besitzt den deutschen Paß. Sie schließt ihre Rückkehr in die Türkei nicht aus. In Frage kämen aber nur Regionen, in denen die islamische Lebensweise toleriert wird.<214>

Nermin

Das Interview mit Nermin kam durch Vermittlung einer anderen Interviewpartnerin zustande. An einem Freitagnachmittag besuchte ich sie in Kreuzberg, wo sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern bei den Schwiegereltern wohnt. Da ihre Familie auf das Essen wartete, hatte sie wenig Zeit für das Gespräch. Darüber äußerte sie sich bedauernd, bedeutete so eine Befragung doch eine angenehme Abwechslung für sie.

Nermin wurde in einer Kleinstadt (türk.: kasaba) in der Nähe Konyas geboren. Nach der fünften Klasse kam sie mit ihren Eltern in die Bundesrepublik. Nach dem Hauptschulabschluß besuchte sie für zwei Jahre eine Hauswirtschaftsschule. Ein Versuch, den Realschulabschluß nachzuholen, um eine Ausbildung zur Rechstanwaltsgehilfin zu absolvieren, scheiterte. Seitdem arbeitet sie, anfangs mit ihrem Vater und seit der Heirat mit ihrem Ehemann in einem Imbiß, welcher der Familie gehört.

Nermin erfuhr eine Erziehung, die sie sowohl in religiöser als auch in traditioneller Hinsicht als „normal und nicht streng“ bezeichnet. Sie konnte Freunde besuchen und hatte sich keinen Bekleidungsvorschriften zu beugen. Daß sie keinen Freund haben durfte, war selbstverständlich. Im Vergleich zu der Zeit im Elternhaus empfindet die Neunundzwanzigjährige ihr Leben als Ehefrau vor allem durch die damit entstandenen Pflichten als wesentlich eingeschränkter. Nermin, die in der Türkei die Koranschule besucht hatte, versteht sich als muslimische Frau, die ihre Zugehörigkeit zum Islam durch die Geburt erwarb; ihr islamischer Glauben ist Selbstverständlichkeit. Äußerlichkeiten wie das Kopftuch sind ohne Bedeutung für sie. Einzig an das Fastengebot hält sich Nermin. Bedenkt man, daß sie ihren Mann als nicht-religiösen Menschen beschreibt, kann davon ausgegangen werden, daß der Islam kaum Einfluß auf das alltägliche Familienleben hat.


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Eine Rückkehr in die Türkei käme für Nermin, die seit drei Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, erst in Frage, wenn die Kinder Schule und Ausbildung abgeschlossen haben werden.

5.2 Typisierung nach Religiosität und biographischer Kontinuität

Ausgehend von den oben skizzierten sozial-religiösen Lebensverhältnissen soll eine Typisierung der Frauen des Sample in zweierlei Hinsicht unternommen werden: Zunächst zeichnen sich bezüglich der individuellen Religiosität drei Gruppen ab:

  1. Türkinnen, die sich als praktizierende Muslima bezeichnen, als da sind Emine, Hülya, Lale und Zekiye
  2. Türkinnen, die sich als gläubige Frauen charakterisieren und ihrer Religiosität äußerlich durch das Tragen des Kopftuchs Ausdruck verleihen. Allerdings ist für die Frauen dieser Gruppe bezeichnend, daß sie einen Konflikt empfinden zwischen dem, was ihr islamischer Glauben ihnen vorschreibt und den ’Orientierungsangeboten‘ der deutschen Gesellschaft. Dieser Kategorie sind die Schwestern Rana und Selin zuzuordnen. Möglicherweise läßt sich diese Zerrissenheit mit dem Erziehungsstil des Vaters erklären, der Religion als Druckmittel einsetzte.
  3. Türkische Frauen ohne oder mit minimalen religiösen Ambitionen, wie Refya, Nermin, Nilay, Zeynep, Fatime, Deniz und Elif. Die Letztgenannte stammt als einzige aus einer Familie, die als laizistisch bezeichnet werden kann. Zeynep, Deniz und Fatime nehmen als Alevitinnen eine Sonderstellung innerhalb dieser Gruppe ein.

Bezugnehmend auf die im dritten Kapitel betrachteten türkisch-islamischen Organisationen und religiösen Gruppen ergibt sich folgende Differenzierung:

  1. Die Türkinnen Refya, Zekiye, Lale und Hülya haben den Koranschulunterricht bei DITIB besucht. Ausschlaggebend dafür war die Position der Väter, welche die Organisation zudem finanziell unterstützen.

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  2. Selin und Rana erfuhren in Korankursen bei Millî Görüş an denen sie aufgrund der Mitgliedschaft ihres Vaters in dieser Vereinigung teilnahmen, islamistische Einflüsse.
  3. Zeynep, Deniz und Fatime gehören der alevitischen Glaubensgemeinschaft an. In ihren Familien spielt die religiöse Komponente keine entscheidende Rolle. Obwohl bei den Eltern von Fatime und Zeynep Anpassungstendenzen an die sunnitische Mehrheit zu erkennen sind und es den Töchter an konkreten Kenntnissen über die alevitische Glaubensgemeinschaft zu mangeln scheint, ziehen sie ’instinktiv‘ Grenzen zum sunnitischen Islam.
  4. Schließlich ist Emine zu nennen, die Mitglied des islamischen Derwischordens der Nakşibendiyye ist.
  5. Nermin, Nilay und Elif gehören keiner religiösen Gruppe oder Organisation an.

Eine andere Klassifizierung bezieht sich auf Kontinuität und Diskontinuität in der Biographie<215>:

  1. Die Geschwister Zekiye, Lale und Hülya gehen mit den Erziehungsvorstellungen ihrer Eltern konform. Auch Nermins Bericht gibt keinen Hinweis auf ernsthafte Konfrontationen. Vielmehr drückt sie ihre Dankbarkeit gegenüber dem Erziehungsstil ihrer Eltern aus. Hingegen berichten die Schwestern Rana und Selin wie auch Fatime, Nilay und Elif von Konflikten im Elternhaus, die sich aufgrund der Diskrepanz zwischen eigenen Wünschen und Ansprüchen und den Ansichten der Eltern ergaben. Ein derartiges Spannungsverhältnis zwischen Jugendlichen und ihren Eltern ist auch in deutschen Familien ein geläufiges Phänomen. Ungeachtet der teilweise divergierenden Auffassungen hinsichtlich der Erziehung und der Gewährung von Freiräumen verlief die Persönlichkeitsentwicklung der Frauen, die ich dieser ersten Gruppe zuordne, insgesamt im Sinne ihrer Eltern.
  2. Während sich Emine bewußt dem Islam und einer intensiven theologischen Ausbildung zuwandte, verlor die zuvor so bedeutsame Religion zunehmend an Einfluß auf Refyas Leben. Ihr Ausbruch aus der Ehe, der Familie und der türkischen Gesellschaft war das Resultat eines sich sukzessiv vollziehenden

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    Prozesses, in dem sie sich sowohl von den Werten einer islamischen als auch einer traditionell-türkischen Lebensweise zu distanzieren begann. Auch Deniz brach bewußt - wenn auch weniger konsequent als Refya - mit den traditionellen Normen ihrer Familie. Demgegenüber legt Zeynep in ihre Entscheidung für ein Leben außerhalb der traditionellen Verhaltensregeln der türkischen Gesellschaft ihre letzte Hoffnung auf ein privates Glück. Wie absolut diese Wandlungsprozesse auch anmuten, so ist doch kein Individuum in der Lage, seiner Sozialisation vollständig zu ’entfliehen‘.

Betrachtet man das Bildungsniveau und die selbst gesteckten Bildungsziele, kommt man zu dem Schluß, daß der Wunsch nach Qualifikation durch ein Hochschulstudium oder nach einer anerkannten Berufsausbildung unabhängig vom Grad der Religiosität besteht. Ins Auge fällt auch die Tatsache, daß alle Interviewpartnerinnen an dem Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft interessiert waren bzw. sind.

Die Aussagen der Frauen legen die Vermutung nahe, daß die von der zumeist ländlichen Heimatregion geprägten traditionellen und islamisch-sunnitischen bzw. alevitischen Erziehungsvorstellungen der Elterngeneration in der deutschen Migration nicht mehr ungebrochen zum Tragen kommen. Den jungen Türkinnen ist die doppelte Sozialisation nicht nur bewußt, sondern sie entwickeln auch Strategien zur Lösung dieses Spannungsverhältnisses, die sie im Gespräch mit mir auch artikulierten. Faktoren, auf die sie auf ihrer Suche nach der eigenen Identität zurückgreifen, sind das Bekenntnis zum Islam, die Wahrung bestimmter Elemente der türkischen Kultur, die Identifikation mit alevitischen Leitsätzen und mit progressiven Ideologien sowie die Realisierung beruflicher Ziele. Schließlich begreifen sich die Frauen als eigene Gruppe in Abgrenzung zur Generation der Eltern, die ihre Sozialisation ausschließlich in der Türkei erfahren haben.


Fußnoten:

<194>

Diese Informationen wurden anhand des ersten Fragekomplexes des Interviews ermittelt. vgl. 4.2.

<195>

Mersifon liegt ungefähr 250 km nordöstlich von Ankara und 80 km südwestlich vom am Schwarzen Meer gelegenen Samsun. Die nächste größere Stadt ist Amasya.

<196>

In Berlin tritt unter der Bezeichnung ’Millî Görüş‘ keine Vereinigung auf. Die Auslandsorganisation der Refah Partisi trägt in Berlin den Namen ’Islamische Föderation‘. (vgl. 3.2.3) In unserem Gespräch bezeichnet Rana die Organisation, in der ihr Vater Mitglied ist, durchgehend als ’Millî Görüş‘.

<197>

Rana besucht ohne Erlaubnis ihrer Eltern Diskotheken und Feiern. Während ihrer Ausbildungszeit ist sie mit einer Freundin für eine Woche in einen türkischen Ferienort gefahren. Die Eltern wähnten sie auf einer Klassenfahrt.

<198>

Mit ’akkurat‘ ist hier gemeint, daß kein einziges Haar zu sehen ist. Einige muslimische Frauen bevorzugen es, das Kopftuch so zu binden, daß der Haaransatz oder auch ein Teil der Frisur zu erkennen ist. Rana gehört zu der Gruppe von Frauen, die das Kopftuch ’akkurat‘ tragen, aber gleichzeitig darauf bedacht sind, ihm die Funktion einer modischen Ergänzung zu verleihen.

<199>

Rana kombiniert modische und figurbetonte Kleidung mit dem Kopftuch, das sie - wie bereits

beschrieben - auch modebewußt anlegt.

<200>

Da Refya seit dem Umzug nach Berlin kaum Kontakt zu ihrem Vater hat, kann sie seine gegenwärtige Religiosität nicht einschätzen. Sie vermutet eine stärkere Orientierung am Islam. Z.B. erfuhr sie, daß er die Pilgerfahrt nach Mekka plane.

<201>

„Ich glaub‘, unsere Moschee, die war auf jeden Fall auch vom Staat her, ja, die regelmäßig aus der Türkei die Hocas geschickt bekam. Mitglied in dem Sinne war mein Vater, Mitglied kann man vielleicht nicht so sagen, aber eigentlich gilt er schon als Geldgeber.“

<202>

Beispielsweise ißt sie kein Schweinefleisch. Oder sie versucht, die Frage nach der Existenz eines Gottes zu verdrängen. In der Koranschule wurden immer wieder die schrecklichen Konsequenzen, die Existenz Gottes in Frage zu stellen, illustriert: „Aber schon die grundsätzliche Frage [gibt es einen Gott?; d.V.], daß ich nicht gern unbedingt darüber nachdenken möchte, weil halt eben meine traditionelle Erziehung und auch die religiöse Erziehung durch die Moschee doch irgendwo immer noch da ist, die ich mit Sicherheit nicht einfach so abschütteln kann, daß ich wahrscheinlich auch Angst vor der Frage hab‘. Es wurde auch immer gesagt: ’Es ist schon eine Todsünde überhaupt anzuzweifeln, daß Gott eben nicht existiert‘, daß das also immer noch da ist, diese Angst.“ (Refya)

<203>

So erzählt sie ganz selbstverständlich, daß die Mutter in der Türkei den Koran gelesen und die Moschee besucht hat. Der Vater legte seinen Kindern nahe, den Koran lesen zu lernen, um sich nicht „vor den Leuten zu blamieren“. Da das Alevilik Moscheen ablehnt und Vorbehalte gegenüber dem Koran hat, läßt sich vermuten, daß die Familie entweder tatsächlich sehr begrenzt mit den Leitsätzen der alevitischen Glaubensgemeinschaft vertraut ist oder sich gegenüber der sunnitischen Mehrheit nicht als Aleviten zu erkennen geben will. (Prinzip der taqîya).

<204>

Während des Interviews erwähnt Zeynep mehrfach, daß sie in Berlin nicht selten mit den weit verbreiteten Vorurteilen und Ressentiments der alevitischen Glaubensgemeinschaft gegenüber konfrontiert wird und sich isoliert fühlt.

<205>

Zeynep leidet an Epilepsie und Depressionen und ist sowohl in ärztlicher als auch in psychologischer Behandlung.

<206>

Vgl. Rana

<207>

elhamdülillah ist ein Ausdruck des Bekenntnisses zum Islam. wörtlich: „Gott sei Dank!“

<208>

Emines Eltern räumten zwar dem Islam einen vorderen Platz in ihrem Familienleben ein. Sie sind gleichzeitig aber auch Befürworter des Reformwerks Atatürks, als dessen entschiedener Gegner der Nakşibendi-Orden gilt. Damit und mit dem reaktionären Image läßt sich die Mißbilligung seines Einfluß auf ihre Tochter erklären.

<209>

Emine distanziert sich von allen türkisch-islamischen Organisationen: „[...] weil ich sehe in jeder Gruppe etwas, was mir nicht paßt. Also jetzt in Millî Görüş sind auch manche Sachen, die mir nicht passen, die ich auch mit dem Islam irgendwie nicht, die ich irgendwie falsch sehe.“ Sie möchte unabhängig ihre Themen behandeln und lehnt jede Bezahlung ab: „Wenn man nämlich Geld nimmt, dann fühlt man zu irgendetwas sich gezwungen. Also dann haben sie das Sagen über dich. Das wollte ich von vorneherein verhindern.“

<210>

Die Eltern wohnen in einer Vorstadtsiedlung mit Bewohnern überwiegend türkischer und kurdischer Herkunft.

<211>

Die saz ist ein Saiteninstrument mit einem birnenförmigen Korpus und einem angesetzten langen

Hals. Sie ist das typische Instrument in der alevitischen Musiktradition.

<212>

Wie schon bei Zeynep deutlich geworden ist, sehen junge Aleviten offenbar keinen Widerspruch zwischen der Koranlektüre und der Zugehörigkeit zur alevitischen Glaubensgemeinschaft. Es bleibt zu fragen, inwieweit die Beschäftigung mit dem Koran ein Hinweis auf die Anpassung von Aleviten an die sunnitische Mehrheit sein könnte (taqîya) und wie sich das alevitische Selbstbewußtsein in der Migration - zum einen aufgrund der relativ hohen Anzahl von Aleviten unter den Migranten türkischer Herkunft und zum anderen infolge der in den achtziger Jahren begonnenen Renaissance der alevitischen Identität - verändert hat bzw. sich in einem Wandlungsprozeß befindet.

<213>

Çankırı liegt ca. 120 km nordöstlich von der Hauptstadt Ankara.

<214>

Also ich würde dann niemals in Bodrum leben können oder in Antalya.[...] Ich sag nicht: ’Die werden dann von den Touristen beeinflußt oder so.‘ Da ist der Islam nicht so bekannt wie in Anatolien oder Istanbul. Istanbul würde ich mir vorstellen können. Da ist wirklich, wie in Berlin, alles durcheinander.

<215>

Diese Kategorien erschienen mir als relevant für die Einschätzung der in den Interviews getroffenen Aussagen. Die Schilderungen, Wertungen und Interpretationen der Frauen sind im Kontext mit ihren Erfahrungen und Veränderungsprozessen zu sehen, die die Retrospektive auf ihre Heirat ’färben‘. Sie sind somit ein Spiegel ihrer aktuellen Betrachtungsweise.


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Wed Sep 18 15:30:32 2002