Bentzin, Anke: Die soziale und religiöse Bedeutung der Eheschließung für türkische Frauen der zweiten Generation in der Bundesrepublik Deutschland

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Einleitung

In den letzten Jahren hat das Interesse der westlichen Öffentlichkeit am Islam zugenommen. Die Meldungen und Berichte über soziale, politische und religiöse Verhältnisse und Entwicklungen in islamischen Ländern vermitteln ein überwiegend auf Extremismus, Aggressivität und Rückständigkeit reduziertes Bild des Islam und der islamisch geprägten Gesellschaften. Im Zuge der Migrationsprozesse der zurückliegenden Jahrzehnte haben sich in einigen Staaten Westeuropas quantitativ starke muslimische Minderheiten niedergelassen. Mit ihren Treffpunkten, Geschäften, Lokalen und Moscheen, ihren eigenen Medien und nicht zuletzt mit ihrem äußeren Erscheinungsbild, das sie als Muslime erkennen läßt, haben diese Einwanderer den Charakter westeuropäischer Städte verändert. Angesichts des hohen Anteils muslimischer Migranten sehen manche Vertreter der Politik, der Presse sowie Teile der Bevölkerung eine islamische ’Bedrohung‘ nicht mehr nur von der islamischen Welt ausgehen, sondern in unmittelbarer Nähe ’lauern‘.

In der Bundesrepublik Deutschland hat sich infolge des Hauptanteils<1> türkischer Arbeitnehmer und ihrer Familien unter den muslimischen Migranten ein Islam etabliert, der die religiöse Vielfalt des Heimatlandes widerspiegelt. Da von einer dauerhaften Präsenz von Muslimen türkischer Herkunft in der Bundesrepublik ausgegangen werden kann, ist es notwendig, eine neue Qualität des Zusammenlebens anzustreben, das nicht wie bisher von Vorurteilen, Ängsten und Unverständnis der anderen Kultur und Religion gegenüber gekennzeichnet ist.

Neben der öffentlichen Debatte über Fragen der Integration und über Konsequenzen des ’Kulturkonflikts‘ hat die deutsche Migrationsforschung zahlreiche theoretische Abhandlungen und empirische Studien zur Lebenssituation türkischer Einwanderer hervorgebracht. Die türkische Migration in Deutschland wurde und wird unter


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psychologischen, erziehungs-, sozial- und religionswissenschaftlichen Gesichtspunkten untersucht.<2> Gegenstand der Forschungen sind beispielsweise Identitätskonflikte, Integrationsprobleme, Veränderungstendenzen der weiblichen Rolle der Migrantinnen und der Religiosität unter den Bedingungen der christlich-deutschen Mehrheitsgesellschaft. Die Ergebnisse der Anfang 1997 unter dem Titel „Verlockender Fundamentalismus. Türkische Jugendliche in Deutschland“ veröffentlichten Studie unter der Leitung des Bielefelder Soziologen und Gewaltforschers Wilhelm Heitmeyer<3> provozierte sowohl Diskussionen in der Presse<4> als auch innerhalb der Sozialwissenschaften, die Migrationsforschung betreiben. Die Debatte über den Einfluß dieser Untersuchung auf die deutsche öffentliche Meinung über den Islam und die Kritik an den geschlossenen Fragestellungen, die Ansichten außerhalb des vorgegebenen Antwortenspektrums ausschließt, zeigt die Notwendigkeit qualitativ orientierter Untersuchungen zur Bedeutung des Islam für junge Türken<5> in der BRD.

Eine Zielsetzung dieser Magisterarbeit ist es, aktuellen Einblick in einen Bereich des privat-familiären Lebens der in Berlin ansässigen Türken zu nehmen, über den größtenteils pauschalisierte und klischeehafte Vorstellungen herrschen. Die Arbeit beschäftigt sich mit der sozialen und religiösen Dimension der Heirat für sunnitische und alevitische Frauen der sogenannten zweiten Generation türkischer Migranten in Deutschland.<6> Es wird der Frage nachgegangen, ob die Eheschließung für Türkinnen dieser Migrantengeneration einen religiösen Hintergrund hat oder ob sie lediglich zu den profanen, von der türkischen Gesellschaft erwarteten Etappen im Lebenslauf gehört.


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Die thematische Eingrenzung auf die Gruppe der weiblichen Migranten der zweiten Generation resultierte in erster Linie aus meiner Position als Frau und Nicht-Angehörige sowohl der islamischen als auch der türkischen Gemeinde, die nahezu über keine Kontakte zur türkischen Gemeinschaft in Berlin verfügte. Unter diesen Bedingungen erwies es sich als einfacher, Zugang zu Türkinnen als zu türkischen Männern zu finden. Zudem haben meine Gespräche mit türkischen Frauen ihr persönliches Interesse an der Thematik und das Bedürfnis, sich dazu zu äußern, bestätigt.<7> Ausgangspunkt der Konzentration der Untersuchung auf die weibliche Gruppe der zweiten Generation war ferner die Annahme, daß die Hochzeit für türkische Frauen mehr Veränderungen nach sich zieht als für türkische Männer. Auch nach der Trauung bleibt häufig die enge Bindung an das Elternhaus bestehen. Jedoch nehmen Einfluß und Kontrolle des Vaters und der Brüder ab. Viele Frauen empfinden deshalb die Eheschließung als einen befreienden Schritt in ein unabhängiges Leben mit einer gleichberechtigten Partnerschaft.

Für die Abfassung dieser Arbeit wurden verschiedene Materialien verwendet:

Die Grundlage der Definition der Heirat im Islam bilden der Koran sowie Literatur mit dem Schwerpunkt ’Islamisches Recht‘. Obwohl die Artikel Jäschkes<8> über die Formen der Eheschließung in der Türkei und deren juristische Aspekte vor dreißig und mehr Jahren entstanden sind, werden sie mangels jüngerer Abhandlungen zu diesem Themenkomplex hier herangezogen, um deutlich zu machen, welche Komplikationen hinsichtlich der bis dahin üblichen Form der Eheschließung die laizistische Politik der türkischen Republik nach sich zog.

Neben den oben angeführten wissenschaftlichen Publikationen existiert eine beachtliche Zahl der sogenannten christlichen Informationsliteratur über den Islam, mit der zum einen aufklärend für Verständnis für die andere Religion geworben wird. Zum anderen verfolgt sie angesichts der zunehmenden Zahl türkisch-deutscher Eheschließungen das


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Ziel, deutsche Frauen auf die Konsequenzen und möglichen Probleme einer solchen Verbindung hinzuweisen.<9>

Die Darstellung der Rolle der Heirat für Frauen türkischer Herkunft und der Faktoren, die sie bedingen, basiert auf von mir erschlossenen Quellen. Die Daten wurden in Interviews mit dreizehn türkischen Frauen der zweiten Generation, die zum Zeitpunkt der Befragung verlobt, verheiratet oder geschieden waren, gewonnen. Darüber hinaus habe ich Gespräche mit zwei in Berlin tätigen islamischen ’Gelehrten‘ geführt<10> und verarbeite eigene Beobachtungen.

Weitere Materialien, die für die vorliegende Arbeit herangezogen wurden, sind Statistiken, Pressedokumente und der 1995/96 in Berlin entstandene Dokumentarfilm von Antonia Lerch „Vor der Hochzeit“.

Die Arbeit läßt sich in zwei Teile gliedern, die jeweils drei Kapitel umfassen:

Im ersten Kapitel wird das Wesen und der Zweck der Eheschließung im Islam definiert. Mit Hilfe primärer Quellen des islamischen Rechts wird das islamische Moment der Heirat herausgearbeitet. Es wird den Fragen nachgegangen, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, um eine rechtsgültige Ehe zu schließen und welche Ehehindernisse nach islamischem Recht existieren.

Das zweite Kapitel geht zunächst auf den Verlauf einer traditionellen türkischen Hochzeit ein. Daran schließt sich eine Gegenüberstellung der religiösen und der standesamtlichen Form der Eheschließung in der Türkei an. Es ist in diesem Zusammenhang notwendig, die besondere Stellung des Islam in der Türkischen Republik deutlich zu machen. In dem am 29.10.1923 gegründeten Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches konnte der Islam trotz der laizistischen Reformen unter Leitung des ersten Präsidenten Mustafa Kemal (Atatürk) seine Rolle für die Bevölkerung behaupten. Im Rahmen der Bestrebungen, die türkische Gesellschaft in eine säkulare Ordnung umzugestalten, wurde offiziell die bisher praktizierte islamische


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Eheschließung durch den Imam<11> bzw. den Hoca<12> von der standesamtlichen Trauung abgelöst. Da die fromme Bevölkerung bis heute nicht auf die Imam-Ehe (türk.: Imam Nikahı) verzichtet, gab es immer wieder sogenannte Nichtehen. In diesem Kapitel wird dargestellt, welche juristischen Konsequenzen und öffentlichen Diskussionen dieser Widerspruch zwischen staatlich propagiertem Laizismus und persönlicher Religiosität in der Türkei in Vergangenheit und Gegenwart zur Folge hatte bzw. hat.

Das dritte Kapitel gibt einen knappen Abriß über ’Färbungen‘ des türkischen Islam in der Türkei und in der Bundesrepublik Deutschland. Dabei werden insbesondere die alevitische Glaubensgemeinschaft und die drei sunnitischen Vereinigungen betrachtet, denen einige der Interviewpartnerinnen angehören bzw. zu denen sie in Verbindung stehen.

Diesem theoretischen Abschnitt folgt der zweite Teil der Arbeit, der eine empirische Untersuchung zur sozialen und religiösen Bedeutsamkeit der Heirat in der Biographie türkischer Frauen der zweiten Generation in Deutschland- speziell in Berlin - ist.

Den empirischen Teil einleitend erfolgt im vierten Kapitel die Veranschaulichung der Methode zur Datenerfassung. Dieses Kapitel beinhaltet weiterhin die Begründung des methodischen Vorgehens, die Beschreibung des Samples und der Interviewsituation sowie die Erläuterung der Kriterien der Auswertung der mit den Frauen geführten Interviews.

Bevor in dem umfangreichen letzten Kapitel die Auswertung der auf der Basis von Befragungen und Beobachtungen ermittelten Daten vorgenommen wird, stellt das fünfte Kapitel die dreizehn Interviewpartnerinnen vor. Im Zentrum stehen die religiös und traditionell bedingten Erziehungsvorstellungen der Eltern und ihr Einfluß auf die Töchter sowie das Selbstbild der von mir befragten Frauen in bezug auf Religiosität, Traditionalität und Identität.

Die empirische Recherche verfolgt unter anderem folgende Fragestellungen:

Sicher kann es nicht Anspruch dieser Magisterarbeit sein, aus den anhand der Interviews gewonnenen Informationen allgemeingültige Aussagen über den Prozeß bis zur Hochzeit sowie über ihre soziale und religiöse Rolle abzuleiten. Vielmehr sollen einzelne Frauen zu Wort kommen, aus deren familiärem Hintergrund, ihrem Verständnis von Religion und Tradition, ihrer Einstellung gegenüber der Heirat und Ehe sowie ihrer individuellen Visionen die Vielfältigkeit der türkischen bzw. der türkisch-islamischen Lebenskultur in Deutschland zum Ausdruck gebracht wird. Da in der türkischen Gesellschaft die Heirat offenbar ein Ereignis von sozial-religiöser Tragweite


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im Lebenslauf des Individuums sowie der Gemeinschaft darstellt, kann ein Wandel der Bedeutsamkeit der Eheschließung bei türkischen Migrantinnen der zweiten Generation Umbrüche im Geschlechterverhältnis und zukünftige Formen des partnerschaftlichen und familiären Zusammenlebens einleiten und auf diese Weise Veränderungsprozesse innerhalb der türkischen Gemeinde in der Bundesrepublik bewirken.

Das Beispiel der Relevanz der Eheschließung für in der Bundesrepublik sozialisierte Musliminnen kann dazu dienen, zu ergründen, welchen Rang die Religion im Alltag türkischer Migrantinnen einnimmt. Daraus können sich auch Hypothesen über den Charakter des Islam in Deutschland entwickeln lassen.


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Wed Sep 18 15:30:32 2002