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1  Einleitung

In dieser Arbeit dreht es sich um ein negatives Argument, das die beiden amerikanischen Philosophen Hilary Putnam und John R. Searle zeitgleich und unabhängig voneinander um 1990 in die Debatte der Philosophie des Geistes gebracht haben. Bezeichnender­weise befindet sich dieses negative Argument in zwei insgesamt relativ negativen Bü­chern, nämlich Repräsentation und Realität von Putnam (Putnam 1999)1 und Die Wieder­entdeckung des Geistes von Searle (Searle 1993), worin die beiden Philosophen mit vie­len verschiedenen Argumenten unterschiedliche Positionen der Philosophie des Geistes kritisieren. Das Problem der universellen Realisierbarkeit, um das es hier geht, ist eines davon und richtet sich explizit gegen computerorientierte Auffassungen innerhalb des interdisziplinären Forschungsprojektes Kognitionswissenschaft.

In der Kognitionswissenschaft wird der menschliche Geist mitunter mit einem Computer­programm verglichen und das Gehirn mit einem Computer. Mit dem Problem der univer­sellen Realisierbarkeit werfen Putnam und Searle der Kognitionswissenschaft vor, dass man, wenn man das Gehirn mit einem Computer vergleicht, mit dem gleichen Recht alles andere, Wände, Badewannen, Tauben und jedes weitere beliebige physikalische System, auch mit einem Computer vergleichen könne; – damit würde dieser Vergleich sinnlos. Dies ist für die beiden eine Folge aus den Definitionen des Computers bzw. des dem Computer als definierendes abstraktes Modell zugrundeliegenden Endlichen Automaten (EA).

Putnam und Searle hatten leicht verschiedene Positionen im Sinn, als sie das Problem der universellen Realisierbarkeit formulierten. Putnam kritisierte damit den so genannten Funktionalismus und Searle eine Ansicht, die er Kognitivismus nennt und von der er sagt, dass sie die zentrale Position der computerorientierten Kognitionswissenschaft sei. Weil das Problem damit sehr voraussetzungsreich ist, wird in dieser Arbeit besonders viel Wert auf eine ausführliche Darstellung seiner Grundlagen gelegt: Auf die beiden kritisierten An­sätze, Kognitivismus und Funktionalismus (Abschnitt 2.1) und auf das Konzept des End­lichen Automaten (Abschnitt 2.2), das bei diesen beiden Ansätzen die Grundlage für die computerorientierte Vorgehensweise bildet.

In Abschnitt 2, Grundlagen, wird vor allem darauf geachtet, eine genaue Vorstellung da­von zu vermitteln, wie es in der Kognitionswissenschaft gemeint ist, dass der Endliche [Seite 5↓]Automat als Grundlage für die Erforschung des menschlichen Geistes benutzt werden kann. Dabei wird für die Darstellung des Endlichen Automaten bewusst Fachliteratur aus der Theoretischen Informatik, aus der das Konzept das Endlichen Automaten ursprünglich kommt, benutzt und keine aus der philosophischen Debatte selbst, in die es durch die Kognitionswissenschaften importiert wurde. Nur auf diese Art kann man den begrifflichen Unschärfen, die bei diesem Import und seiner Kritik vorkommen, auf die Spur kommen. Schon bei der Darstellung der Grundlagen wird immer wieder parenthetisch auf das Pro­blem der universellen Realisierbarkeit Bezug genommen, um es schrittweise genauer zu erfassen.

In Abschnitt 3, Das Problem der universellen Realisierbarkeit, werden die Argumenta­tionen von Putnam und Searle getrennt voneinander, aber aufeinander aufbauend dar­gestellt, interpretiert und gleichzeitig kritisiert. Der Schwerpunkt liegt auf Searle:

Abschnitt 3.1, Searle: Symbolmanipulationen sind universell realisierbar, stellt Searles Herleitung des Problems der universellen Realisierbarkeit vor. Um die Grundannahme des Kognitivismus: „Das Gehirn ist ein digitaler Computer“ ad absurdum zu führen, führt er eine gedanklich-empiristische Untersuchung durch mit der Frage: „Was würde ich tun, um herauszufinden, dass etwas ein digitaler Computer ist?“ Seine Untersuchung führt ihn zu dem Ergebnis, dass man auf die von ihm vorgeschlagene Weise für jeden beliebigen Gegenstand herausfinden könne, dass er ein digitaler Computer ist; auf dem obendrein jedes beliebige Programm implementiert ist. Es wird gezeigt, dass Searle in seiner Argu­mentation den Computer unzulässig mit der Turingmaschine – einer bestimmten Form des Endlichen Automaten – gleichsetzt, und dass dies das einzig Absurde an seiner Un­tersuchung ist.

In Abschnitt 3.2, Putnam: Jedes beliebige physikalische System ist eine Realisierung je­des beliebigen EA, wird referiert, wie Putnam das Problem der universellen Realisierbar­keit als Theorem beweist. Er stellt dafür einen Beispiel-EA mit zwei Zuständen ohne In- und Output vor und beweist mit Hilfe zweier Axiome aus den Grundsätzen der Physik, dass dieser EA jedes beliebige physikalische System realisiert. Danach überträgt Putnam das Ergebnis seines Beweises auf einen einfachen EA mit In- und Output. Es wird bestä­tigt, dass dieser Beweis Putnams formal in Ordnung ist und die Vermutung geäußert, dass er nicht den Funktionalismus in seiner ersten, von Putnam selbst vorgeschlagenen Version betrifft. Ursprünglich formulierte er mit dem Funktionalismus eine empirische [Seite 6↓]Hypothese, über die dieser Beweis keinerlei Aussagen macht.

In Abschnitt 3.3, Searle: Die Syntax ist der Physik nicht intrinsisch, wird Searles Analyse des tiefen Grundes für die universelle Realisierbarkeit vorgestellt. Der tiefe Grund ist nach Searle der, dass Computer rein syntaktisch definiert seien und also für die Identifikation eines Gegenstandes als Computer eine Zuordnung von Zeichen vorgenommen werden müsse. Solcherlei Zuordnungen seien aber beobachterrelativ. Man könne damit prinzipiell nichts identifizieren, das der Physik wirklich intrinsisch ist. Hier wird Searles Gleichsetz­ung von Computer und Turingmaschine, auf die seine Analyse beruht, korrigiert und ge­zeigt, dass der Computer nicht rein syntaktisch definiert ist. Searles spezielle Version der universellen Realisierbarkeit ist nach dieser Korrektur nicht mehr formulierbar. Seine Fest­stellung, dass die Syntax der Physik nicht intrinsisch ist, wird als wahr anerkannt aber zu­gleich als relativ unproblematisch eingestuft. Sie ist für die Kognitionswissenschaften nicht problematischer als für andere empirische Wissenschaften auch.

Im Fazit, Abschnitt 3.4, wird zum Abschluss festgestellt, dass das Problem der univer­sellen Realisierbarkeit in seiner allgemein formulierbaren Form kein spezielles Problem der Kognitionswissenschaft ist. Es handelt sich dabei um ein altbekanntes, allgemeines Problem, das die Wissenschaft insgesamt immer hat, wenn sie die Dinge in der Welt mit Hilfe von Zeichen – oder auch mit Hilfe von Zeichnungen – beschreiben will. Dabei ist es gleichgültig, ob es um computationale Beschreibungen im Sinne der Kognitionswissen­schaft geht oder um andere Beschreibungsarten. Dieses Problem eignet sich entgegen der Intentionen von Putnam und Searle nicht dazu, besonders die Kognitionswissenschaft zu kritisieren. Um dieses Ergebnis im Allgemeinen zu belegen, wird ein hundert Jahre al­tes Beispiel (1895) gebracht, worin ein seriöser Astronom dem Planeten Mars versehent­lich Zeichen zugeordnete, die nichts von dem beschreiben, was dem Mars intrinsisch ist. Als Beleg für die konkrete Debatte um das Problem der universellen Realisierbarkeit in den Kognitionswissenschaften folgt zum Schuss ein Auszug aus einem aktuellen Dialog (2000) in dem Internetdiskussionsforum PSYCHE-B. Darin stellt ein Philosoph einem computerorientierten Neurobiologen direkt die Frage nach der universellen Realisierbar­keit, und der Biologe reagiert sehr gelassen darauf: Das Problem sei derart allgemein, dass es seine spezifischen Fragestellungen nicht im Besonderen betreffe; er tendiere dazu, es im Alltag seiner wissenschaftlichen Praxis zu ignorieren. Zu Recht, wenn das Ergebnis dieser Arbeit stimmt.


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Es fragt sich vielleicht, wozu diese kleine negative Arbeit über zwei große negative Bü­cher von philosophischem Nutzen sein könnte. Darauf kann der Autor zusammen mit Putnam (vgl. Putnam 1999: 9) antworten, dass er wegen der insgesamt negativen Aus­richtung seiner Arbeit nicht niedergeschlagen ist. Denn eigentlich ist eine negative philo­sophische Arbeit oft auch ein positive Arbeit. Die vorliegende hat neben ihrem negativen Ergebnis, dass das Problem der universellen Realisierbarkeit nicht notwendig die gesam­te Kognitionswissenschaft in unlösbare Schwierigkeiten bringt, durch ihren argumentati­ven Weg dahin auch zwei nützliche positive Ergebnisse. Erstens liefert sie während der Diskussion der Argumentation Searles einen Vorschlag, wie eine in der computerorientier­ten Philosophie des Geistes nach Searle aktuelle und ungelöste Frage zu beantworten ist; – die Frage: „Wie ist die Elektrotechnik mit der Mathematik zu verknüpfen?“ (vgl. Searle 1993: 226). Der Vorschlag, der in Abschnitt 3.3 dazu gemacht wird, ist ein mehr oder we­niger Wittgensteinscher: Wenn die Begriffe, die es in der Theoretischen Informatik seit Alan Turing dazu gibt, so gelassen werden wie sie sind, ergibt sich die gewünschte Ver­knüpfung daraus ganz von selbst; – in diesem Falle ist die Verknüpfung eine klare Trenn­ung. Zweitens kann man diese Arbeit, wenn nicht direkt, dann doch zumindest in ihrem Subtext, als kleines, spezielles, positives philosophisches Plädoyer für den ruhigen allge­meinen praktischen Umgang mit großen negativen philosophischen Büchern lesen.


Fußnoten und Endnoten

1 Zur Zitierweise: Die beiden Bücher, in denen das Problem der universellen Realisierbarkeit erst­mals beschrieben wird, sind im Original auf Englisch erschienen (Putnam 1998 und Searle 1992). Sie liegen aber beide in einer deutschen Übersetzung vor (Putnam 1999 und Searle 1993). Für diese Arbeit wurde entschieden, jeweils aus beiden Versionen dieser Bücher zu zitieren. Die durch die Übersetzungen in die deutsche Debatte gebrachten Fachbegriffe, die zum Teil eigens dafür neu geprägt worden sind (vgl. Abschnitt 3.1), sollen dadurch so gut wie möglich nachvollziehbar in diesen Text übernommen werden. Es werden hierin keine eigenen deutschen Begriffsprägungen benutzt. Weil es bei der Analyse häufig auf die genaue Formulierung ankommt, werden alle zentra­len Zitate im englischen Original gebracht und nur etwas weniger wichtige in der deutschen Über­setzung. Dadurch sollen die deutschen Fachbegriffe einigermaßen fließend in diesen Text überge­hen, ohne ihn dem Verdacht auszusetzen, bei der Analyse der Argumentationen einer möglichen Ungenauigkeit in den deutschen Versionen aufgesessen zu sein. Zur Kennzeichnung der Quellen wird die amerikanische Zitierweise verwendet. Sämtliche zitierten Texte sind alphabetisch nach Nachname des Autors und Erscheinungsjahr geordnet im Literaturverzeichnis aufgeführt. Hinter einem Zitat steht jeweils in Klammern der entsprechende Nachname, das Datum des Textes und, soweit es sinnvoll ist, nach einem Doppelpunkt die Angabe der Seitenzahl, unter der das Zitat zu finden ist. Neben den vielen Vorteilen, die zu der Entscheidung geführt haben, die amerikanische Zitierweise zu benutzen, hat sie auch einige Nachteile. Besonders den, dass mit dem Datum das Erscheinungsjahr der benutzten Fassung gegeben wird und nicht das der Erstveröffentlichung. Das kann leicht zu so merkwürdigen Effekten führen wie dem, dass soeben behauptet wurde, das Pro­blem der universellen Realisierbarkeit stamme aus den Jahren um 1990 und hinter den Zitaten bei Putnam aber „Putnam 1998“ steht. Das liegt daran, dass aus einer Paperbackausgabe zitiert wird, die erste Hardcoverversion war schon 1988 da.



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24.11.2003