1 Einleitung

↓1

Die „deutsche Familie“ wird in der Politik und den Medien seit einiger Zeit als „Problemfall“ wahrgenommen. Den „Abschied vom Idyll“ proklamiert der Spiegel im Dezember 2006 und fügt hinzu: „Die Familie ist ein unheimlicher Ort geworden. Sie liefert wenig beruhigende Nachrichten“. (Fleischhauer et al. 49/2006: 20) Nicht nur Szenarien einer „dramatisch alternden Gesellschaft“ (Zylka 7. 12. 2006; vgl. Gatterburg et al. 10/2006: 84) werden dabei gezeichnet, auch die Frage nach der „Erziehungskompetenz“ (Miller/Kopietz 5. 1. 2006) der Eltern wird diskutiert. Auf der einen Seite konstatiert beispielsweise der Soziologe Thomas Meyer eine zunehmend „professionalisierte Elternschaft“ und spricht von einer „an die Eltern gerichtete[n] Erwartungshaltung, die Fähigkeiten des Nachwuchses vom ersten Tag an voll zu entfalten“ (Meyer 2002: 41). Auf der anderen Seite werfen immer neue Schlagzeilen über Misshandlungen, Verwahrlosungen und Tötungen von Kindern die Frage auf, ob der Staat mehr Einfluss auf die Erziehung von Kindern ausüben sollte. In der politischen Debatte, wie auch in der Mediendiskussion wird dabei die Ambivalenz zwischen dem Vorrang des Kindeswohls und der Wahrung von Elternrechten deutlich. (Vgl. Richter 20. 12. 2006; Schlandt/ Vestring 28. 12. 2006)

Die Vorstellung einer familiären Privatsphäre im Zusammenhang mit Elternrechten existiert seit dem 19. Jh. Insbesondere liberale Politiker verteidigten die Familie damals vehement gegen staatliche Eingriffe, und bis heute wird die Familie häufig, wie von Bundespräsident Köhler in seiner Rede vom Dezember 2006, als „Keimzelle der Gesellschaft“ (Zylka 7. 12. 2006) bezeichnet. Durch den Artikel 6 des Grundgesetzes ist der familiäre Binnenraum staatlich geschützt. Aufgabe des Staates ist es, die Rahmenbedingungen für den optimalen Schutz der ‚sozialen Institution’ Familie bereitzustellen, ohne selbst regulierend in deren Privatsphäre einzugreifen. Nur wenn die Familie ihren Aufgaben nicht gerecht wird – beispielsweise im Falle der Vernachlässigung von Kindern – darf der Staat zum Wohle des Kindes eingreifen.1 (Gestrich 2003: 385f.; Zitelmann 2003: 133-140) Während jedoch die Sanktionierung der familiären Privatsphäre eine staatliche Überprüfung angehender Eltern verhindert, ist für Adoptionsbewerber in Deutschland schon seit der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts das Bestehen eines immer aufwändiger werdenden Eignungsverfahrens2 die Voraussetzung für die ‚Zulassung’ zur (Adoptions-)Elternschaft. Um ein Kind vermittelt zu bekommen, müssen Berliner Adoptionsbewerber gegenwärtig über einen Zeitraum von neun bis 18 Monaten in vier bis sechs Paargesprächen mit einem Adoptionsvermittler über ihre Kindheit und Entwicklung, ihre Partnerschaft, ihr soziales Umfeld und vieles andere mehr reflektieren. Sie müssen einen ausführlichen Lebenslauf verfassen, einen Fragebogen ausfüllen, ein ärztliches Attest und ein polizeiliches Führungszeugnis einreichen; am Ende des Eignungsverfahrens steht ein Hausbesuch durch den Vermittler3. Diese Kontrollprozedur legt die Assoziation mit anderen staatlichen Überprüfungsverfahren wie dem TÜV nahe. Lässt sich also beim Adoptionseignungsverfahren, wie im Titel dieser Arbeit vorgeschlagen, von einer Art ‚Eltern-TÜV’ sprechen? In meiner Forschung gehe ich der Frage nach, von wem die Kriterien bzw. Normen aufgestellt werden, an denen die Adoptionsvermittler im Inlandsadoptionsverfahren potenzielle (Adoptiv-)El-tern messen. Auf der Basis von Interviews und Gesprächen mit Berliner Adoptionsvermittlern und (angehenden) Adoptiveltern werde ich untersuchen, wie diese Kriterien bzw. Normen im Adoptionsverfahren vermittelt werden und in welcher Funktion die von mir interviewten Adoptionsvermittler sich selbst sehen. Es ist nicht Ziel dieser Arbeit, staatliche Einmischungen zum Schutz von Kindern zu verurteilen. Den Adoptionsregelungen liegt meines Erachtens eine sehr reflektierte Diskussion um das sogenannte Kindeswohl zugrunde. Angesichts der Zahl der Adoptionsbewerber, die die Zahl der in Deutschland zur Adoption freigegebenen Kinder weit übersteigt, ist es zudem unumgänglich, dass nur einem Teil der Bewerber ein Kind vermittelt werden kann.4 Bei meiner Untersuchung geht es mir nicht darum, die Legitimität des Adoptionsverfahrens in Frage zu stellen. Vielmehr möchte ich untersuchen, mit welchen, im Adoptionsverfahren vermittelten gesellschaftlichen Vorstellungen von Familie und (Adoptiv-)Kindern sich (angehende) Adoptiveltern auseinandersetzen müssen. Zu diesem Zweck untersuche ich, wie sich Adoptionsanwärter darstellen müssen, um von Vermittlern als akzeptables zukünftiges Elternpaar anerkannt zu werden. Wie erleben Adoptionsbewerber das Adoptionsverfahren? Welche Aspekte bzw. Ebenen des Verfahrens werden als Zumutung empfunden und welche nicht? Wie wird Elternschaft in den von mir befragten Adoptivfamilien vor dem Hintergrund dieser Erfahrung und in Auseinandersetzung mit dem über Elternrechte und -pflichten stattfindenden Diskurs verstanden und gelebt? Unter Rückgriff auf theoretische Konzepte, die sich an Foucaults Begriff der Gouvernementalität anlehnen, werde ich untersuchen, inwiefern von einer Standardisierung bzw. einer Normalisierung von Elternschaft im Zusammenhang mit dem Adoptionsverfahren gesprochen werden kann. Was bedeuten in diesem Zusammenhang die Begriffe ‚öffentlich’ und ‚privat’ und wo verlaufen ihre Grenzen? Welches Verhältnis von Staat und Familie ergibt sich aus den Antworten auf diese Fragen?

Elternschaft bzw. Mutterschaft und Vaterschaft sind nicht ‚genderneutral’, dies zeigt sich auch in meinen Interviews.5 Die gesetzlichen Regelungen in Bezug auf die Adoption, die Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter und die Aussagen der Adoptionsvermittler, mit denen ich im Rahmen meiner Magisterarbeit gesprochen habe, gehen zwar vom Modell einer heterosexuellen Familie aus, sie differenzieren jedoch nicht zwischen Aufgaben der Adoptivmutter und Aufgaben des Adoptivvaters. Unabhängig von der internen Rollenverteilung der Partner ist das Adoptionsverfahren darauf ausgelegt, stabile Paare als Eltern für Adoptivkinder zu finden. Für die Adoptionsvermittlungsstellen wie auch für die (angehenden) Adoptiveltern unter meinen Interviewpartnern steht die gemeinsame Elternwerdung und die gemeinsame Bewältigung der Adoptionssituation im Vordergrund. Im Folgenden werde ich daher nicht explizit auf Genderverhältnisse bzw. Gendervorstellungen in Bezug auf Adoptivfamilien eingehen.

1.1 Methodische Vorgehensweise

↓2

Meine Forschungsergebnisse beruhen auf Interviews mit Berliner Adoptionsvermittlern und anderen Adoptionsexperten, Interviews mit (angehenden) Adoptiveltern und teilnehmender Beobachtung in einer Adoptionsselbsthilfegruppe und bei einem Adoptivelterntreffen eines der beiden Berliner Adoptionsvorbereitungskurse. Das von mir erhobene Material habe ich anhand der Analyse ausgewählter Zeitungs- und Ratgeberliteratur zu Adoption und Elternschaft in den vorherrschenden Diskurs eingeordnet und mit Hilfe sozial- und kulturanthropologischer, rechtswissenschaftlicher, sozialwissenschaftlicher, psychologischer sowie erziehungswissenschaftlicher Arbeiten zu adoptions- und erziehungsrelevanten Fragestellungen kontextualisiert bzw. dazu in Bezug gesetzt.

Erste Kontakte zu Adoptionsbewerbern und Adoptiveltern erhielt ich durch eine Rundmail im E-Mail-Verteiler einer Adoptionswebsite Ende Februar 2006. Auf meine Anfrage, ob sich jemand bereit erklären würde, in einem Interview mit mir über die Wahrnehmung der Zeit des Adoptionsverfahrens zu sprechen, bekam ich drei Rückmeldungen aus denen sich Telefoninterviews ergaben: Das erste Telefoninterview führte ich mit einer Adoptionsbewerberin aus Halle, das zweite mit einer Hamburger Mutter zweier aus Chile adoptierter Kinder und das dritte mit der Mutter inlandsadoptierter Zwillinge aus einem Dorf in Franken. Aus diesen Interviews erfuhr ich, dass die Dauer des Eignungsverfahrens, die Anzahl der Verfahrensgespräche, die Wartezeiten für Bewerber und die Chancen, ein Kind vermittelt zu bekommen, sich in Abhängigkeit von dem Verhältnis zwischen Bewerbern und zur Adoption freigegebenen Kindern in den jeweiligen Regionen sehr unterscheiden. Meine Hallenser Interviewpartnerin beispielsweise war unverheiratet und lebte ohne ihren Partner in einer Wohngemeinschaft – ein bewusster Lebensentwurf ihrerseits, der in Berlin und den meisten anderen Regionen Ausschlusskriterium für das Adoptionsverfahren wäre. Halle, so meine Interviewpartnerin, sei jedoch ein sozialer Brennpunkt mit wenigen Adoptionsbewerbern. Das Adoptionsverfahren sei mit mehreren intensiven Pflichtvorbereitungsseminaren sehr aufwändig, die Kriterien für Adoptionsbewerber würden jedoch zumindest von jüngeren Adoptionsvermittlern flexibler gehandhabt (I-Maiwald_1).6

Auf Grund dieser regionalen Unterschiede, insbesondere aber weil es mir schwer fiel, die im Zusammenhang mit der Adoption teils sehr persönlichen Fragen zu stellen, ohne meine Interviewpartnerinnen sehen und so den richtigen Ton finden zu können, konzentrierte ich mich bei meiner Feldforschung auf den Zuständigkeitsbereich der Berliner Inlands-Adoptionsvermittlungsstellen. Den Bereich der Auslandsadoptionen klammerte ich aus zwei weiteren Gründen aus meiner Forschung aus: Erstens erschien es mir wichtig, persönliche Eindrücke der Vermittlungsstellen meiner Interviewpartner zu sammeln und mit den dortigen Adoptionsvermittlern zu sprechen. Bewerber um Auslandsadoptionen können sich jedoch deutschlandweit bei unterschiedlichen Auslandsvermittlungsstellen bewerben. Dies hätte Kontakte zu den Vermittlungsstellen für mich sehr erschwert. Zweitens spielen migrationsspezifische Diskussionen und Aspekte in den Bereich der Auslandsadoptionen hinein – wichtige Themen, die aber über meine Ausgangsfrage des Einflusses des Adoptionsverfahrens auf das Selbstverständnis von Adoptiveltern, hinausgehen.

↓3

Im Verlauf des Forschungsprozesses führte ich Interviews mit Mitarbeitern beider Berliner Inlands-Adoptionsvermittlungsstellen. Mit zwei Mitarbeiterinnen der einen Adoptionsvermittlungsstelle (Vermittlungsstelle des Caritasverbandes und des Diakonischen Werkes) hatte ich einmal Gelegenheit zu einem einstündigen Gespräch, bei dem ich mitschreiben, jedoch nicht aufnehmen konnte. Mit dem Leiter der anderen Adoptionsvermittlungsstelle (Adoptionsvermittlungsstelle des Berliner Senats) führte ich ein zweistündiges Interview (I-Senat_1) und konnte ihn und zwei Adoptionsvermittlerinnen dieser Adoptionsvermittlungsstelle noch einmal während einer Teamsitzung in einem einstündigen Interview befragen (I-Senat_2).7 Über die Senatsvermittlungsstelle erhielt ich auch die Telefonnummer der Leiterin einer Adoptionsselbsthilfegruppe, die sich an Adoptionsbewerber und junge Adoptiveltern richtet. Im Verlauf meiner Forschung besuchte ich fünf der monatlichen Treffen dieser Berliner Adoptionsselbsthilfegruppe als teilnehmende Beobachterin. Außerdem war ich bei einem Halbjahrestreffen für Adoptiveltern eines der zwei Berliner Adoptionsvorbereitungskurse8. Nach all diesen Veranstaltungen fertigte ich ausführliche Beobachtungsprotokolle an.

Durch Kontakte über die Adoptionsselbsthilfegruppe, das Adoptivelterntreffen und Bekannte von Bekannten in Berlin hatte ich die Gelegenheit, zwei- bis dreistündige problemzentrierte, leitfadengestützte Interviews9 mit acht Berliner Adoptivelternpaaren und zwei Berliner Adoptionsbewerberpaaren zu führen, sowie mit einem Bewerberpaar, das den Adoptionsantrag aufgrund einer unerwartet eingetretenen Schwangerschaft zurückgezogen hat. Mit vier der Adoptivelternpaare und den beiden Adoptionsbewerberpaaren hatte ich Gelegenheit, Zweitinterviews durchzuführen, in denen ich Fragestellungen, die sich aus der Auswertung der ersten Interviewrunde ergeben hatten, aufgreifen konnte. In meiner Analyse konzentriere ich mich auf diese sechs Interviewpaare, die ich durch zwei Interviews und teilweise auch wiederholte kurze Treffen und Telefonate am besten kennen lernen konnte. Auch die Beobachtungen aus der Selbsthilfegruppe, dem Adoptivelterntreffen und den anderen Interviews fließen in die Auswahl der Themen, die ich am Beispiel der vorgestellten Paare herausarbeite, mit ein.

Die Interviews mit den Adoptionsbewerbern und Adoptiveltern fanden bei ihnen zuhause in freundschaftlicher und humorvoller Atmosphäre statt. Mit den meisten meiner Interviewpartner duzte ich mich spätestens beim zweiten Interview. Um dem Leser die Orientierung zu erleichtern, stelle ich meine Interviewpartner jedoch durchgehend mit anonymisierten Nachnamen vor.10 Die Interviews selbst sind dadurch strukturiert, dass sie als Paarinterviews geführt wurden. Allerdings sprach ich bei keinem der ersten Kontakte davon, Paarinterviews führen zu wollen. Die Paarkonstellation wurde in allen Fällen selbstverständlich von meinen Interviewpartnern vorausgesetzt, und auch wenn ich die Möglichkeit von Einzelinterview ansprach, bestand kein Interesse – teils sicherlich wegen des zeitlichen Mehraufwands, den Einzelinterviews für meine Interviewpartner bedeutet hätten, teils aber auch, weil das Adoptionsverfahren auf einen gemeinsamen Entwicklungsprozess des Bewerberpaares ausgerichtet ist und meine Interviewpartner diese Zeit sehr bewusst gemeinsam durchstehen mussten. Dennoch trägt auch meine Fragestellung und die von mir gewählte Form der Vorstellung meiner Interviewpartner in Paarporträts dazu bei, diesen Eindruck zu verstärken. Insofern ist diese Forschungsarbeit und das Material, auf dem sie beruht, Ausdruck meiner persönlichen Perspektive und Umgangsweise mit der Frage des Einflusses des Adoptionsverfahrens auf (angehende) Adoptiveltern. (Vgl. Kaschuba 2003: 200f.)

1.2 Forschungsstand zum Thema Adoption und Aufbau der Arbeit

↓4

Adoption ist ein von den Sozial- und Kulturwissenschaften bisher relativ wenig beachtetes Gebiet. Die umfassendste deutschsprachige Untersuchung zu diesem Thema ist die von den Soziologen Egon Golomb und Helmut Geller 1992 herausgegebene Studie Adoption zwischen gesellschaftlichen Regelungen und individuellen Erfahrungen. Sie beruht auf der Auswertung von 114 Gesprächen mit erwachsenen Adoptierten, Adoptionsvermittlern, Adoptiveltern und abgebenden Müttern, die zwischen 1985 und 1986 geführt wurden, und bezieht auch Umfragen des Emnid Instituts von 1988 ein. Der erste Band dieser fünfbändigen Reihe untersucht die Vorbedingungen der Adoption in Deutschland im Hinblick auf Stichwörter wie „Institutionenkonkurrenz“ und „Institutionenschut[z]“ im Verhältnis zur biologisch gewachsenen Familie (Golomb/Geller 1992: 343). Die anderen Bände befassen sich mit Ursachen, Entscheidungsprozessen und Folgen von Adoptionen für alle an einer Adoption Beteiligten. Der vierte Band (Beierling 1992) ist den Erfahrungen und Problemen von Adoptiveltern gewidmet, untersucht jedoch nicht die Auswirkungen und Mechanismen des Adoptionsverfahrens. Birgit Beierling fokussiert ihre Analyse auf die Gründe für das Gelingen oder Nicht-Gelingen der Adoption aus Sicht dreier von ihr interviewter Adoptivelternpaare. Das Selbstverständnis ihrer Interviewpartner bzw. die Aushandlungsprozesse zwischen der Verinnerlichung von Ansprüchen an Adoptiveltern und der Abgrenzung davon werden von ihr nicht untersucht.

Neben der von Egon Golomb und Helmut Geller herausgegebenen Darstellung der Adoptionssituation in Deutschland gibt es meines Wissens keine deutschsprachige Ethnographie, die eine über die Schilderung von Fallbeispielen hinausgehende Analyse gesellschaftlicher Interpretationen und Praktiken der Adoption oder des Adoptionsprozesses liefert. In ihrer ethnologischen Doktorarbeit zur Frage der Kulturelle[n] Konstruktion von Verwandtschaft unter den Bedingungen der Reproduktionstechnologien in Deutschland beschäftigt sich Iris Schröder zwar auch mit Adoption; über einen kurzen rechtshistorischen Überblick hinaus verwendet sie die untersuchten Adoptionsbeziehungen aber nur als Kontrastfolie zur biologischen, durch künstliche Befruchtung entstandenen Verwandtschaft. In Bezug auf die von ihr befragten Adoptivfamilien kommt sie lediglich zu dem Ergebnis, dass in deren familiären Beziehungen der Stellenwert der sozialen Verwandtschaft besonders betont werde. (Schröder 2003: 111, 148)

In der anglo-amerikanischen kulturanthropologischen Adoptionsliteratur lassen sich grob vier Hauptthemen herausarbeiten: Der Einfluss gesellschaftlicher Familienbilder bzw. -ideale auf Adoptionspraxen, Neudefinitionen von Verwandtschaft in Adoptionsbeziehungen, die Suche nach der Herkunftsfamilie und – im Zusammenhang mit Auslandsadoptionen – eine Diskussion der Immigrationspolitik und der In-/ Exklusion von Ausländern. Mit der Suche nach den Herkunftsfamilien beschäftigen sich vor allem die Ethnographien Kaja Finklers und Janet Carstens, sowie die Studie Katarina Wegars.11 Immigrationspolitische Themen bzw. In- und Exklusionsmechanismen gegenüber Ausländern werden in den Arbeiten Ann Anagnosts, Claudia Castañeda und Signe Howells erörtert.12 Da die Suche und Begegnung erwachsener Adoptierter mit ihren Herkunftsfamilien sowie die Diskussion von Auslandsadoptionen nicht Inhalt meiner Fragestellung sind, werde ich im Folgenden nur auf Forschungsarbeiten eingehen, die sich mit den ersten beiden Themen auseinandersetzen.

↓5

Die wohl umfassendste englischsprachige Ethnographie, in der alle Beteiligten des so genannten ‚Adoptionsdreiecks’ (Herkunftseltern, Kind, Adoptiveltern) berücksichtigt werden, ist die 1994 in Berkeley erschienene Studie von Judith Modell. Die meisten neueren Studien beziehen sich auf die Untersuchung Judith Modells und bestätigen ihre Ergebnisse.13 Fokus dieser Studie ist der Einfluss gesellschaftlicher Familienbilder auf Adoptionen in der US-amerikanischen Gesellschaft und sich in Abgrenzung dazu entwickelnde Neudefinitionen von Verwandtschaft. Anhand einer historischen Analyse kommt Judith Modell zu dem Schluss, dass Adoption in den USA vor allem seit den 1950er Jahren ‚wirkliche Verwandtschaft’ imitierte. Nur durch offene Adoptionsformen, so das Resümee ihrer Analyse, könne die Adoptivfamilie als etwas Anderes, aber dennoch der biologischen Familie Gleichwertiges anerkannt werden. Judith Modell sagt voraus, dass der Stellenwert von ‚Arbeit’ in der Form bewusster Beziehungsbildung und -pflege in verwandtschaftlichen Verhältnissen größer werde, je häufiger offene Formen von Adoption praktiziert würden. (Modell 1994)

Mehrere US-amerikanische Studien beschäftigen sich mit dem Einfluss gesellschaftlicher Familienbilder bzw. -ideale auf die Adoption in den USA aus historischer Perspektive.14 Die ausführlichste Monographie zu diesem Thema ist die Barbara Meloshs von 2002. Barbara Melosh arbeitet mit den Akten einer Adoptionsvermittlungstelle im US-amerikanischen Bundesstaat Delaware. Sie wählt aus 2000 Akten 400 Fälle aus, die ein möglichst großes Spektrum abdecken sollen, und untersucht mit Hilfe dieser Akten Beweggründe, Ziele und Familienbilder, die die Adoptionsvermittlung im Zeitraum von 1900 bis Ende der 1980er Jahre beeinflussten. Mit Judith Modell kommt Barbara Melosh zu dem Schluss, dass Adoption bis heute nur als Notlösung betrachtet werde, die sich an dem Ideal der biologischen Familie orientiere. (Melosh 2002)

Eine mit der Barbara Meloshs vergleichbare Studie zur Adoptionsvermittlung in Deutschland gibt es nicht. Die soziologischen Arbeiten Egon Golombs und Helmut Gellers, Angelika Wittland-Mittags und Martin Textors15 bieten zwar rechtshistorische bzw. sozial- und politikgeschichtliche Abrisse über die Entwicklung der Adoptionsvermittlung in Deutschland, es werden jedoch keine Adoptionsakten ausgewertet, um zu untersuchen, in welcher Form die gesetzlichen Regelungen umgesetzt wurden und welche gesellschaftlichen Vorstellungen sich darin widerspiegelten. Die meisten Veröffentlichungen zum Adoptionsthema sind psychologische, erziehungs- oder sozialwissenschaftliche Arbeiten mit sehr ähnlichem Erkenntnisinteresse. Mit geringen Unterschieden in der Schwerpunktsetzung analysieren alle drei Disziplinen Gründe für das Gelingen oder Nicht-Gelingen von Adoptionen: Während der Fokus der sozial- und erziehungswissenschaftlichen Arbeiten stärker auf der Integration von Adoptivkindern in ihre Adoptivfamilien liegt16, konzentrieren sich die psychologischen Arbeiten eher auf die Identitätsfindung von Adoptivkindern17. Im rechtswissenschaftlichen Bereich gibt es wenige Veröffentlichungen, die dem Thema Adoption gewidmet sind, die meisten diskutieren den Schutz des Kindeswohls im Zusammenhang mit Auslandsadoptionen. (Vgl. Generalbundesanwalt 1993; Hohnerlein 1991; Klingenstein 2000) Zudem gibt es Adoptionsratgeber, die Adoptioninteressenten über die gesetzliche Lage unterrichten. Von den Berliner Vermittlungsstellen empfohlen werden vor allem die Arbeiten der juristischen Adoptionsexpertin Helga Oberloskamp. (Oberloskamp 2000)

↓6

Für den Adoptionsbereich sind jedoch auch psychologische, erziehungs- und rechtswissenschaftliche Arbeiten von Bedeutung, die nicht explizit dem Thema Adoption, sondern dem allgemeineren Begriff des Kindeswohls gewidmet sind. Zum besseren Verständnis der Adoptionsvoraussetzungen in Deutschland werde ich darum mit den rechtswissenschaftlichen Arbeiten Stefan Günthers (1996) und Anabel Eva Hiebs (2005), sowie mit den erziehungswissenschaftlichen Untersuchungen Harry Dettenborns (2001) und Maud Zitelmanns (2001) arbeiten, die sich mit unterschiedlichen Dimensionen des Kindeswohlbegriffs befassen.

Die englischsprachige ethnologische Adoptionsforschung untersucht die Vielfalt der Adoptionsformen in unterschiedlichen Gesellschaften aus verwandtschaftsethnologischer Perspektive. Auf einige dieser Arbeiten, darunter die malaysische Forschung Janet Carstens, werde ich im zweiten Kapitel kurz eingehen, um zu verdeutlichen, dass die Bedeutung, die der Adoption beigemessen wird, stark kulturell geprägt ist und in Deutschland von Familienvorstellungen beeinflusst wird, die sich im 19. Jahrhundert immer mehr ‚biologisierten’. Vor diesem Hintergrund untersuche ich, unter welchen rechtlichen Voraussetzungen Adoptionen in Deutschland stattfinden. Ich werde zeigen, dass die Verankerung des Kindeswohlbegriffs als adoptionsleitendes Prinzip die Adoptionsgesetzgebung stark beeinflusst hat und dazu führt, dass im Bereich der Adoption rechtswissenschaftliche, psychologische, sozial- und erziehungswissenschaftliche Forschungen eng zusammenarbeiten. Im Weiteren stelle ich die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter (BAGLJÄ) als die Institution vor, die in Deutschland die vagen Kriterien an Adoptionsbewerber ausformuliert und für die Adoptionsvermittlungstellen operationalisierbar macht. Auf der Basis der Veröffentlichungen der BAGLJÄ arbeite ich heraus, inwiefern die Kriterien für Adoptiveltern vom Begriff des Kindeswohls und psychologischem und erziehungswissenschaftlichem Fachwissen geprägt sind. Ich untersuche in einem kleinen Exkurs, worin sich der Einfluss der Diskussion um den Kindeswohlbegriff im Zusammenhang mit reproduktionsmedizinischen Maßnahmen vom Einfluss des Kindeswohlbegriffs in der Adoptionsvermittlung unterscheidet. Nach einer kurzen Vorstellung der Berliner Inlands-Adoptionsvermittlungsstellen beschreibe ich die Berliner Vermittlungspraxis auf der Basis der Veröffentlichungen der Berliner Vermittlungsstellen und meiner Interviews mit deren Mitarbeitern. Im Zusammenhang mit dem Selbstverständnis der von mir interviewten Adoptionsvermittler werde ich auf den von den Gouvernementalitätsstudien geprägten Begriff der Prävention eingehen und dessen Einfluss auf die Umsetzung der Adoptionsregelungen durch die Vermittler im Adoptionsverfahren herausarbeiten. Am Ende des zweiten Kapitels arbeite ich die Spannungen heraus, die zwischen dem in der Adoptionsgesetzgebung und in der Adoptionspraxis vermittelten Bild der Adoptivfamilie bestehen und setze sie in Beziehung zu den verwandtschaftsethnologischen Arbeiten David Schneiders, Janet Carstens und Judith Modells.

Im dritten und vierten Kapitel arbeite ich den Einfluss des Adoptionsverfahrens und gesellschaftlicher Vorstellungen von Adoptivkindern am Beispiel von sechs interviewten Adoptionsbewerber- und Adoptivelternpaaren heraus. Zunächst zeige ich im dritten Kapitel am Beispiel des Ehepaars Schmied, wie sich das Eignungsverfahren für die Bewerber selbst darstellt. Am Beispiel des Adoptionsbewerberpaares Lerch arbeite ich heraus, welche Ängste sich im Adoptionsverfahren durch die Erzeugung eines besonderen Problembewusstseins für die Adoption bei den Bewerbern entwickeln können. Dieses Problembewusstsein greife ich am Beispiel des Ehepaars Förster auf und untersuche, inwiefern es auch nach der Adoption die Handlungen meiner Interviewpartner weiter beeinflusst. Unter Rückgriff auf David Schneiders verwandtschaftsethnologisches Konzept der diffuse enduring solidarity und Marcel Mauss’ Theorie der Gabe analysiere ich im darauf folgenden Unterkapitel mit dem Aspekt der ‚erforderlichen Wahl eines Kindes’ ein Paradox des Adoptionsverfahrens, mit dem sich alle meine Interviewpartner auseinandersetzen müssen. Abschließend untersuche ich im dritten Kapitel mit Hilfe der theoretischen Ergebnisse der Ethnographie Elizabeth Dunns über Fleischproduktionsfirmen und Foucaults Konzept der Gouvernementalität, inwiefern sich von einer Standardisierung von Adoptivelternschaft im Adoptionsverfahren sprechen lässt.

↓7

Im vierten Kapitel werde ich am Beispiel Englers, Kochs und Borcherts unterschiedliche Praktiken der Normalisierung von Adoptivelternschaft im Adoptionsalltag herausarbeiten. Bei Englers steht mit ihrer einjährigen Tochter zum Zeitpunkt der Interviews die Abgrenzung gegen ein als übertrieben empfundenes Problembewusstsein im Vordergrund. Für Kochs spielt in den Interviews das Abwägen zwischen zwei Perspektiven auf die Adoptionssituation eine Rolle: Auf der einen Seite halten sie es für wichtig, Besonderheiten in der Beziehung zu ihren beiden Kindern durch die Adoptionssituation anzuerkennen und aufzufangen, auf der anderen Seite sind sie der Überzeugung, dass die Probleme von Adoptivfamilien sich kaum von denen biologischer Familien unterscheiden. Am Beispiel Borcherts werde ich die Abgrenzung von Perfektionsansprüchen herausarbeiten, die durch das Adoptionsverfahren ausgelöst werden. Auch die Abgrenzung von Reaktionen des sozialen Umfelds auf die Adoptionssituation ist für Borcherts zentral. Im letzten Abschnitt des vierten Teils werde ich auf den stark von Michel Foucault, aber auch von Judith Butler geprägten Begriff der Normalisierung eingehen. Unter Rückgriff auf zwei medizinanthropologische Ethnographien, die den theoretischen Normalisierungsbegriff auf der Basis ihres Materials konkretisieren, werde ich unterschiedliche Ebenen und Dimensionen der Normalisierung von Adoptivelternschaft am Beispiel meiner Interviewpartner herausarbeiten. Im fünften Kapitel werde ich die Ergebnisse meiner Forschung im Zusammenhang mit meinen eingangs formulierten Fragen zusammenfassend resümieren.


Fußnoten und Endnoten

1  Der Kindeswohlbegriff ist darum leicht zu missbrauchen für die Durchsetzung staatlicher Kontrollen und Maßnahmen im familiären Bereich. In der rechtswissenschaftlichen Diskussion wird das Kindeswohl von Kritikern als „staatliches Einfallstor“ (Zitelmann 2001: 133) in private Erziehungskonzepte angesehen. Vor dem Hintergrund dieser Diskussion und als Reaktion auf die totalitäre Politik der Nationalsozialisten erhält der Schutz der familiären Privatsphäre in der bundesrepublikanischen Diskussion einen besonderen Stellenwert. Mit Art. 6 GG wird die Familie unter den Schutz der Verfassung gestellt. (Gestrich 2003: 385f.; Zitelmann 2003: 133-140)

2  Eignungsverfahren ist der Begriff, mit dem der Zeitraum vom ersten Vermittlungsgespräch bis zum abschließenden Hausbesuch bezeichnet wird. Am Ende des Eignungsverfahrens erhalten die Bewerber den Status anerkannter Adoptionsbewerber. Mit Vermittlungsverfahren oder Adoptionsverfahren bezeichne ich den gesamten Zeitraum der Adoptionsbewerbungsphase bis zur endgültigen Vermittlung eines Kindes. Vgl. Empfehlungen 2006: 21.

3  Bis auf den Leiter der Adoptionsvermittlungsstelle des Landesjugendamts Berlin sind derzeit in Berlin nur weibliche Adoptionsvermittlerinnen tätig. Dennoch behalte ich im Folgenden die Formen „Vermittler“, „Adoptionsvermittler“, „Mitarbeiter“ etc. bei, solange ich mich nicht auf bestimmte Personen beziehe. Nur wenn der Text sich auf konkrete Adoptionsvermittlerinnen bezieht, verwende ich die Endungen „-in“ oder „-innen“.

4  Nach Angaben des statistischen Bundesamtes standen im Jahr 2005 rein rechnerisch einem zur Adoption vorgemerkten Minderjährigen 12 Adoptionsbewerber gegenüber. 2004 war das Verhältnis 1: 11, 2003 betrug es 1: 13. (www.destatis.de/presse/deutsch/pm2006/p4330082.htm) Innerhalb Deutschlands unterscheidet sich dieses Verhältnis jedoch abhängig von der sozialen Lage und der gesellschaftlichen Struktur der Region. Bei der Vorstellung meines Feldes werde ich auf diesen Punkt kurz eingehen.

5  Es ist auffällig, dass beim Großteil der von mir interviewten Paare die Frau in der Anfangszeit der Adoption zuhause bleibt bzw. ihre berufliche Tätigkeit einschränkt. Dadurch ist es bei meinen Interviewpartnern auch häufig die Adoptivmutter, die sich im Alltag stärker mit Reaktionen des sozialen Umfelds auf ihr Adoptivkind auseinandersetzen muss. Häufig wird diese Rollenaufteilung durch finanzielle Zwänge begründet, denn in den meisten Fällen hat der Mann den besser bezahlten bzw. sichereren Beruf. Eine genaue Untersuchung des Einflusses gesellschaftlicher Strukturen und Machtverhältnisse auf die Rollenverteilung und Genderverhältnisse in Adoptivfamilien wäre an dieser Stelle sehr interessant, würde jedoch den Rahmen meiner Magisterarbeit sprengen.

6  Von meiner Interviewpartnerin aus Franken erfuhr ich dagegen, dass im Zuständigkeitsbereich ihrer Adoptionsvermittlungsstelle nur ein oder zwei Kinder pro Jahr zur Adoption freigegeben würden, da in den Dörfern die Sozialkontrolle noch so stark sei, dass es kaum zur Adoptionsfreigabe käme. Die Chance in ihrer Region ein Kind vermittelt zu bekommen sei darum sehr gering. (I-Fränkel_1) Auch meine Hamburger Interviewpartnerin, die für eine Inlandsadoption abgelehnt wurde und ihre Kinder darum aus dem Ausland adoptierte, vermittelte das Bild eines nach sehr strengen Ausschlusskriterien betriebenen Adoptionsverfahrens aufgrund der Tatsache, dass die Zahl der Adoptionsbewerber in Hamburg die Zahl der zur Adoption freigegebenen Kinder teils um das 25fache übersteige. (I-Bach_1)

7  Da ich keinen der Adoptionsvermittler persönlich vorstelle, zitiere ich die Aussagen der Mitarbeiter der Adoptionsvermittlungsstellen anonym. Aussagen der Mitarbeiter des Senats zitiere ich mit dem Zusatz „Vermittlerin“ und „Leiter der Vermittlungsstelle des Senats“. Die Aussagen der Mitarbeiterinnen der Adoptionsvermittlungsstelle des Caritasverbandes und des Diakonischen Werkes zitiere ich indirekt mit dem Zusatz „Caritas/Diakonie“.

8  Auch mit den Leiterinnen dieser Adoptionsvorbereitungskurse führte ich Interviews, diese fließen jedoch nur indirekt in meine Analyse ein.

9  Diese qualitative Erhebungsmethode ist eher als quantitative Methode für die „Untersuchung alltäglicher Situationen“ geeignet und ermöglicht die für eine Beantwortung meiner Fragen angeratene „Subjektbezogenheit“ und „Offenheit bezüglich der Fragen, Antworten und Methoden“. (Diekmann 2000: 444, Vgl. auch Rerrich 1991: 348-351; Hopf 2000: 350f.; Bausinger 1980: 20)

10  Auch die immer mit Vornamen genannten Kinder meiner Interviewpartner sind anonymisiert.

11 

Katarina Wegar beispielsweise untersucht die US-amerikanische Debatte über das Verbot der Einsicht erwachsener Adoptierter in ihre Geburts- und Adoptionsakten und kommt auf der Basis ihres mehr aneinander gereihten als analysierten Materials zu dem Ergebnis, dass Befürworter und Gegner der sealed birth records nicht berücksichtigten, dass ‚Blutsverwandtschaft’ in hohem Maße sozial konstruiert sei. (Wegar 1996)

Bezüglich der Beziehung erwachsener Adoptierter zu ihren Herkunftsfamilien sind die Ethnographien Kaja Finklers (2000) und Janet Carstens (2000) hervorzuheben. Beide nutzen ihre Erfahrungen aus vorhergegangenen ethnologischen Forschungen als Vergleichsperspektive, die ihnen einen distanzierten Blick auf die eigene Gesellschaft ermöglicht, sie kommen jedoch zu recht unterschiedlichen Ergebnissen. Die Studie Kaja Finklers arbeitet heraus, wie durch die gängige medizinische Vorsorgepraxis das ohnehin genetisierende US-amerikanische Verständnis von Verwandtschaft auch bei Adoptierten verstärkt wird. Janet Carsten grenzt das Ergebnis ihrer Forschung explizit gegen den ‚genetisierenden’ Blick der Interviewpartner Kaja Finklers ab. Die erwachsenen Adoptierten suchten in den biologischen Verwandten eigenen Aussagen zufolge nicht ‚ihre Familie’, sondern wollten durch den Kontakt zur Herkunftsfamilie Kontrolle über ihre Vergangenheit gewinnen. Meines Erachtens ist dies jedoch mindestens z. T. darauf zurückzuführen, dass der Fokus der Studie Kaja Finklers beim Umgang mit Krankheiten liegt, die auf genetische Ursachen zurückgeführt werden. (Vgl. Finkler 2000; Carsten 2000)

12  Ann Anagnost untersucht am Beispiel einer Gruppe chinesische Kinder adoptierender US-amerikanischer Paare die Kommunikationsformen der Mitglieder einer Cyber-Community im Web. In diesem Zusammenhang diskutiert sie auch den Umgang der Adoptiveltern mit der fremden Herkunftskultur ihres Kindes im Kontrast zum Umgang mit Immigranten. Die Adoptiveltern, so Anagnost, stellten die Herkunftskultur ihrer Kinder mit kleinen, als reizvoll empfundenen Symbolen dar und integrierten sie in die eigene, die so – im Gegensatz zur ‚unportionierten’ Kultur von Immigranten – ihre Bedrohlichkeit verliere. (Anagnost 2000) Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die britische Kulturwissenschaftlerin Claudia Castañeda in Incorporating the Transnational Adoptee (Essay). In Abgrenzung zu den Arbeiten der auf Familienrecht spezialisierten US-amerikanischen Juristin Elizabeth Bartholet macht sie deutlich, dass Auslandsadoptionen keine Form seien, durch die Rassismus überwunden werde, sondern dass Adoptivkinder zur ‚Inkorporation’ in die Adoptivfamilie und in die Gesellschaft zu unschuldigen, rassenlosen Wesen gemacht würden. (Castañeda 2001) Für die norwegische Anthropologin Signe Howell dagegen ist Rassismus in ihrer Forschung über die Integration auslandsadoptierter Kinder in norwegische Familien kein Thema. Ihr Fokus bei der Beobachtung dieser Familien liegt eher auf der ‚Re-Produktion’ von Idealen der biologischen Familie. (Howell 2001)

13  Neben der unten vorgestellten Studie vgl. auch die Arbeit Christine Ward Gaileys, die eine Abwertung von Adoption durch die (US-amerikanische) Gesellschaft und Adoptierte durch die als Ideal dargestellte biologische Familie konstatiert. (Ward Gayley 2000)

14  Siehe beispielsweise den von E. Wayne Carp herausgegebnen Sammelband Adoption in America. Historical Perspectives.

15  Martin Textor bietet einen knappen aber recht informativen Überblick über die Entwicklung der internationalen Adoption in (West)Deutschland vom Dritten Reich bis Ende der 80er Jahre. Wie in den meisten anderen Untersuchungen geht es jedoch nicht um die Analyse gesellschaftlicher Vorstellungen, sondern um eine Auswertung der gesellschaftlichen Bedingungen, die die psychische Gesundheit des Adoptivkindes beeinflussen. (Textor 1991)

16  Beispielsweise Ade 2000, Kühl 1990, Baran/Pannor/Sorosky 1982 und Swientek 1993a und 1993b. Die Perspektive der abgebenden Mütter wird seit den 1980er Jahren fast ausschließlich durch die m. E. polemisierend deren soziale Benachteiligung beschreibenden Arbeiten Christine Swienteks abgedeckt. Vgl. Swientek 1986, 1988, 1990, 1993b, 2001.

17  Beispielsweise Ebertz 1987, Mimra 1997, Wiemann 1994 und 2001.



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
06.08.2008