2 Adoptionsbedingungen

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Unterschiedliche Adoptionsformen werden seit der Antike praktiziert und sind in vielen Gesellschaften zu finden. Klassische Ethnologen wie Raymond Firth (1936) berichten beispielsweise von einem hohen Stellenwert der Adoption in den Gesellschaften der südpazifischen Inselwelt, insbesondere Papua Neuguineas. (Golomb/Geller 1992: 59) Auch neuere ethnologische Studien beschreiben Gesellschaften, in denen es für besser gehalten wird, Kinder in Adoptivfamilien aufwachsen zu lassen, als leibliche Kinder selbst zu erziehen.18 Catrien Notermans zufolge leben 30 Prozent der Kinder in Ost-Kamerun nicht bei ihren biologischen Eltern. (Bowie 2004: 4; Alber 2004: 33, Notermans 2004: 48) Die britische Anthropologin Janet Carsten bringt in After Kinship (2004) ähnliche Beispiele, denen zufolge die von ihr untersuchten Gesellschaften in Malaysia und dem ecuadorianischen Hochland biologischer Verwandtschaft keinen höheren Stellenwert beimessen als Adoptivverwandtschaft. (Carsten 2004: 105, 139f.) Am Beispiel einer ortsfremden Krankenschwester, die auf den offenen Umgang mit der Adoption eines Kindes im ecuadorianischen Hochland schockiert reagiert19, verweist Janet Carsten jedoch auch auf den Kontrast zum ‚euro-amerikanischen’ Diskurs, in dem Adoption immer mit der Assoziation eines Stigmas oder psychischer Belastungen für alle Beteiligten verbunden ist. Ebenso verweisen die Soziologen Egon Golomb und Helmut Geller darauf, dass aus dem Alter und der kulturellen Verbreitung von Adoptionen nicht automatisch auf eine „Stabilität und Eindeutigkeit“ (Golomb/Geller 1992: 57) der ‚gesellschaftlichen Institution20’ der Adoption in Deutschland bzw. im europäischen Raum geschlossen werden dürfe:

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„An dem Verhältnis zu anderen gesellschaftlichen Institutionen der Filiation21 und der generationsmäßigen Mitgliederrekrutierung bemisst sich die entscheidende Frage, ob Adoption als ganz normaler Weg gesellschaftlicher Entwicklung eingeschätzt wird, oder ob nicht gerade umgekehrt die gesellschaftliche Normalität mit den darin anerkannten Formen der Zielerreichungen durch die Möglichkeit der Adoption bedroht wird. Wichtig ist deshalb die Entwicklung eines den gesellschaftlichen Vorbedingungen angemessenen Normalitätsverständnisses von Adoption.“ (Golomb/Geller 1992: 58)

Die in den obengenannten Studien beschriebenen Adoptionsformen dienen der Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls innerhalb der jeweiligen Gesellschaft. Der Kontakt zu den biologischen Eltern bleibt erhalten und stiftet eine neue Bindung zwischen den Adoptierenden und den Abgebenden. Die Adoption leistet damit einen Beitrag zur Sicherung der Sozialstrukturen dieser Gesellschaften und wird dadurch weder gesellschaftlich noch von den Adoptierten selbst als verunsichernder oder ‚Identitätssorgen’22 auslösender Faktor wahrgenommen. Zudem werden in den so beschriebenen Gesellschaften auch Kinder, die nicht adoptiert werden, häufig im Kleinkindalter von der Mutter getrennt und bei unterschiedlichen Pflegepersonen aufgezogen. Die Trennung von Gebären und Aufziehen ist kein allein auf die Adoption beschränktes Geschehen. Ihr wird kein Schaden für das Kind zugeschrieben. Neuere ethnologische Forschungen konstatieren jedoch, dass sich die Adoptionspraktiken vor allem in urbanen Regionen dem ‚euro-amerikanischen’ Adoptionsmodell angleichen. (Golomb/Geller 1992: 59-63; Alber 2004: 36f.)

2.1 Ausgangsbedingungen der Adoption in Deutschland

Das in Adoptionsgesetzgebungen verankerte Adoptionsverständnis in Deutschland hat seine Wurzeln in den Ausgangsbedingungen, die das antike römische Recht hinterlassen hat.23 Adoption dient hier der Sicherung „familialer und ökonomischer Kontinuität“ (Wild 1998: 264). Bis Ende des 19. Jahrhunderts beinhaltet Adoption keinen fürsorgerischen Aspekt. Findelkinder werden in staatlichen Institutionen oder bei Pflegefamilien untergebracht, familienintern können Kinder aus armen Familien ohne vertragsrechtliche Absicherung bei wohlhabenden Verwandten aufgezogen werden. Quantitativ spielt Adoption vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert in Europa nur eine sehr geringe Rolle. (Golomb/Geller 1992: 65, 72f., Wild 1998: 264)

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Nach der „Entdeckung der Kindheit“ (Golomb/Geller 1992: 120) als eigenständiger Lebensphase im 17. Jahrhundert rückt die im 18. und 19. Jahrhundert mit der Trennung von Arbeit und Privatleben entstehende bürgerliche Kleinfamilie das Kind immer mehr in den Mittelpunkt des Familienlebens. (Vgl. Beck-Gernsheim 2002: 12-14) Die bürgerliche Familie zieht sich in eine häusliche „Sphäre der Privatheit“ (Gestrich 2003: 469) zurück.24 Die sich nun durchsetzende ausdrückliche Zuwendung zum Kind als Kind, fördert ein generelles Bewusstsein von der Schutznotwendigkeit und vom Wohlfahrtsanspruch des Kindes. Gesellschaftlich werden Kinder nicht mehr als „kleine Erwachsene“ (Golomb/Geller 1992: 120) gesehen, sondern als Personen, die noch nicht zum eigenen und familiären Lebensunterhalt beitragen können. In diesem Zusammenhang wachsen die Erwartungen an die Elternrolle. Der Mutter wird der familiäre Innenbereich mit Kinderpflege und -erziehung zugewiesen, denn durch Schwangerschaft und Geburt, so die zugrunde liegende Überzeugung, entsteht ein unauslöschliches Band zwischen Mutter und Kind. (Golomb/Geller 1992: 120, Wild 1998: 266)

„Gerade der in den sexuellen Bezügen mitangelegte physiologisch-biologische Zusammenhang als Grundlage der inneren Homogenität der Familie und das damit zusammenhängende und darauf bezogene Rekrutierungsmuster über die Blutsbande der Filiation bieten konstitutive Merkmale, die zwar familienanaloge Situationen des intimen Zusammenlebens einbeziehen, jedoch ausschließen, dass jede willkürliche Gruppenbindung als Äquivalent genommen werden kann und die Institution Familie in Interessenassoziationen zerläuft. Deshalb verbleibt für die Adoptionssituation wegen der fehlenden Einheit und Aufeinanderbezogenheit von Sexualität und Zeugung, Gebären und Aufziehen das Problem der Institutionenkonkurrenz.“ (Golomb/Geller 1992: 103)

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Schon in Meyers Conversationslexikon von 1840 wird die Adoption als Konkurrenz zur Institution der biologischen Familie verstanden, da die Autoren es für notwendig halten, darauf zu verweisen, dass die „natürliche Familienbindung nicht durch die künstliche“ (zitiert nach Golomb/Geller 1992: 77) unterdrückt werden dürfe.

Die Ausgangsbedingung für Adoptionen in Deutschland sind davon geprägt, dass sich die Vorstellungen von einer „biologisch fundierte[n] Kernfamilie“ und einer „Mutteridee mit der Einheit von Gebären und Aufziehen“ (Wild 1998: 267) als gesellschaftlich für ‚normal’ erachtete Familienform durchgesetzt haben. Neben der ‚Biologisierung’ der Familie trägt die wachsende Kindzentrierung der bürgerlichen Kleinfamilie jedoch auch dazu bei, dass sich die deutsche Adoptionsgesetzgebung und die Praxis der Adoptionsvermittlung im Laufe des 20. Jahrhunderts immer mehr am Kindeswohl25 orientiert. (Wild 1998: 267)

2.1.1 Entwicklung der Adoptionsvermittlung in Deutschland

Bis Ende des 19. Jahrhunderts stellt die Vermittlung von Adoptionen durch unbeteiligte Dritte die Ausnahme dar. In der Regel werden Kinder von Verwandten oder Bekannten der leiblichen Eltern oder der leiblichen Mutter adoptiert. Vermittlungen durch Dritte, wie Ärzte oder Geistliche, erfolgen ungeplant. Die erste reichseinheitliche Gesetzgebung zur Adoption tritt mit dem Gesetz zur „Annahme an Kindesstatt“ des Bürgerlichen Gesetzbuches (Staudinger/BGB-Synopse 1896-1998, 8. Titel) von 1900 in Kraft. In diesem Jahr werden auch die ersten Adoptionsvermittlungsstellen von konfessionellen Vereinen gegründet. Auf Grund gesellschaftlicher Vorurteile gegenüber unehelich Geborenen und Kindern aus sozial benachteiligten Familien werden jedoch nur wenige Adoptionen abgeschlossen. Der Erziehungswissenschaftlerin Angelika Wittland-Mittag zufolge setzt um 1915 eine Entwicklung ein, in deren Verlauf die Adoptionsvermittlung zunehmend von der behördlichen Jugendhilfe übernommen wird. Durch kommunale Adoptionsstellen soll die wachsende Zahl der unehelichen Kinder und Kriegswaisen vermittelt werden. Damit beginnt sich auch das Verständnis der Adoption zu wandeln. Während Adoption bei Inkrafttreten des BGB in erster Linie ein Mittel der Tradierung von Familiennamen und Familiengut ist, wird sie im Laufe der Zeit zu einem „Instrument der Sozialpolitik, das hilfsbedürftigen Kindern das Aufwachsen in einer intakten Familie ermöglichen soll“ (Staudinger/Frank (2001) §1743 Rn 1). Die Adoptionszahlen steigen seit Gründung der ersten Adoptionsvermittlungsstellen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs von zunächst 500 auf etwa 900 Adoptionen pro Jahr, zwischen 1920 und 1933 werden sie auf jährlich rund 4000 geschätzt.26

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In der Weimarer Republik wird ein Gesetz konzipiert, das den Adoptionsbereich zu Fürsorgezwecken einer stärkeren öffentlich-rechtlichen Kontrolle unterwerfen soll, um sowohl Missbräuchen durch gewerbliche Vermittler, als auch dem häufigen Scheitern von Adoptionen, in dessen Folge die Kinder wieder im Heim landen, vorzubeugen. Dieser Gesetzesentwurf wird zwar nicht verabschiedet, mit dem Inkrafttreten des Gesetzes für Jugendwohlfahrt vom 14. 2. 1924 wird die öffentliche Fürsorge jedoch zur Zusammenarbeit mit den Adoptionen vermittelnden freien Wohlfahrtsverbänden verpflichtet. Ab 1933 nutzen die Nationalsozialisten die in den adoptionsrechtlichen Bestimmungen der Weimarer Zeit angelegten, staatlichen Eingriffsmöglichkeiten für die Durchsetzung bevölkerungs- und rassenpolitischer Zielsetzungen. Mit dem Gesetz über die Vermittlung der Annahme an Kindes Statt von 1939 wird die Adoptionsvermittlung zum ersten Mal gesetzlich geregelt. (Wittland-Mittag 1992: 29) Dennoch gehen die Adoptionszahlen im Sinne einer „erbbiologischen wie sozialisatorischen Adoptionslenkung“ (Golomb/Geller 1992: 139) zurück.27 

Nach 1945 bleibt das Gesetz über die Vermittlung der Annahme an Kindes Statt in Kraft, die Regelungen nationalsozialistischer Prägung werden jedoch aufgehoben.28 Mit dem Gesetz über die Vermittlung der Annahme an Kindes Statt von 1951 wird die Adoptionsvermittlung zur Pflichtaufgabe der (Landes-)Jugendämter. Auch einzelnen Wohlfahrtsverbänden, wie dem Deutschen Caritasverband und der Arbeiterwohlfahrt, wird die Adoptionsvermittlung gestattet. (Wittland-Mittag 1992: 29f.) In den 1960er Jahren setzt sich auf Grund der Untersuchung über die Entwicklung von Heimkindern die Auffassung durch, dass das Aufwachsen des Kindes in einer Familie die größte Chance für eine positive Entwicklung biete. Ende der 1960er Jahre entbrennt die so genannte ‚Heimdiskussion’, in deren Konsequenz mehr in Kinder- und Jugendheime investiert wird, um die Heimerziehung zu verbessern. Die angestiegenen Heimkosten fördern eine Reform des Adoptionsgesetzes, da man sich von der Vermittlung von Heimkindern in Familien sowohl Kosteneinsparungen als auch eine bessere Entwicklung der Kinder erwartet. Die Gesetzesrevision von 1976 ist die bisher grundlegendste Veränderung der Minderjährigenadoption. Mit dieser Gesetzesänderung wird in der BRD zum ersten Mal die Volladoption eingeführt. Sie soll die Beständigkeit des Annahmeverhältnisses zwischen den Adoptierenden und dem adoptierten Kind stärken und dieses völlig in die Familie der Adoptiveltern integrieren.29 

Der Funktionswandel, den die Institution der Adoption in Deutschland durchläuft, zeigt sich beispielsweise in der Entwicklung des festgelegten Mindestalters Adoptierender. Bis 1961 müssen die Adoptierenden, wie im BGB von 1900 festgelegt, kinderlos und mindestens 50 Jahre alt sein. Da der zu Adoptierende ‚an Kindesstatt’ angenommen wird, soll die Geburt leiblicher Kinder der Adoptiveltern so weit möglich ausgeschlossen werden: Einerseits wird angenommen, dass mit der Geburt leiblicher Kinder das Bedürfnis zur Aufnahme eines Adoptivkindes verschwindet, andererseits werden die Rechte „eheliche[r] Abkömmlinge in erbrechtlicher Hinsicht“ (Mot IV 957, zitiert nach Staudinger/Frank (2001) § 1745 Rn 1) durch ein Adoptivkind ‚beeinträchtigt’. Mit der Entwicklung der Adoption zu einem „Mittel der Fürsorge“ (Schröder 2003: 85) seit dem Ersten Weltkrieg, rückt die Vermittlung in eine Adoptivfamilie zum Wohl des Kindes immer mehr in den Vordergrund. Seit 1950 können Adoptionsbewerber vom Erfordernis der Kinderlosigkeit befreit werden. 1961 wird das Mindestalter der Annehmenden im Interesse anzunehmender Kleinkinder auf 35 Jahre, 1973 auf 25 Jahre herabgesetzt, um den Altersabstand von Adoptiveltern und Adoptivkind dem zwischen biologischen Eltern und Kindern anzunähern. Bei der Festlegung eines Mindestalters geht es nun nicht mehr darum, sicherzustellen, dass die Adoptierenden ohne leibliche Nachkommen bleiben, sondern darum, dass die Annehmenden schon eine gewisse Stabilität in ihrer Persönlichkeit, ihren Lebens- und Familienverhältnissen erlangt haben sollen. 1976 wird das Mindestalter für Adoptionsbewerber bei Ehepartnern für einen der Partner auf 21 Jahre gesenkt, die Kinderlosigkeit als Annahmevoraussetzung wird gestrichen. Das Adoptionsgesetz von 1976 spricht nicht mehr von einer „Annahme an Kindesstatt“, sondern von einer „Annahme als Kind“ (Staudinger/BGB-Synopse 1896-1998, 8. Titel/ 9. Titel) und betont damit, dass das Adoptivkind kein Ersatz für ein leibliches Kind sein soll, sondern rechtlich und sozial einem leiblichen Kind gleichgestellt werden muss. Schon seit 1950 durch ein Reformgesetz Voraussetzung für die Genehmigung von Adoptionen, wird das Wohl des Kindes im Adoptionsgesetz von 1976 schließlich Leitprinzip der Adoption. (Staudinger/Frank (2001) Vorbem zu §§ 1741ff. Rn 3+7-11, § 1743 Rn 1-3; BGB §§ 1761, 1763; Schröder 2003: 84f.)

2.1.2 Kindeswohl

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Der Schutz des Wohls des Kindes ist die juristische Ersatzfunktion für den Willen des Kindes, solange das Kind noch nicht mündig und darum zur Selbstbestimmung seiner Interessen rechtlich noch nicht in der Lage ist. Zum einen ist eine mögliche Gefährdung des Kindeswohls die Legitimation für staatliche Eingriffe in die grundgesetzlich verbürgten Elternrechte und die familiäre Privatsphäre, zum anderen ist das Kindeswohl „entscheidungsleitender Gesichtspunkt für die Auswahl der notwenigen Kinderschutzmaßnahmen“ (Staudinger/Coester (2000) § 1666 Rn 63). Im Falle der Adoption gibt das Kindeswohl auch den Maßstab vor, an dem sich die Auswahl der Adoptiveltern zu orientieren hat. (Staudinger/Coester (2000) § 1666 Rn 63, Rn 71; Zitelmann 2001: 120)

Im § 1666 des BGB zur Gefährdung des Wohls des Kindes durch Pflichtvernachlässigung des (damals noch allein sorgeberechtigten) Vaters, taucht das Kindeswohl schon 1900 als Rechtsbegriff auf. Im Verlauf des 20. Jahrhundert wird der Bereich des Familienrechts vor allem von dem Erfordernis beeinflusst, kindgerechte Bedingungen für die kindliche Entwicklung zu schaffen – einem Paradigma, das durch wissenschaftliche Disziplinen, wie die Entwicklungspsychologie, Psychoanalyse, Pädagogik, (Sozial-)Anthropologie, Sozialisationsforschung und Pädiatrie geprägt wird. Während im BGB von 1900 nur vom „geistigen oder leiblichen Wohl des Kindes“ die Rede ist, wird der Schutz des Kindeswohls 1979 „unter dem Eindruck wissenschaftlicher Erkenntnisse der Kindesentwicklung“ um die „seelische Komponente“ (Staudinger/Coester (2000) § 1666 Rn 67) erweitert. Vor allem die Psychoanalyse übt durch die Erforschung der seelischen Entwicklung und der Bedeutung sozialer Beziehungen und Lebensbedingungen im Kindes- und Jugendalter Einfluss auf das Verständnis des Kindeswohlbegriffs aus. (Zitelmann 2001: 45f.)

Das Kindeswohl ist ein so genannter unbestimmter Rechtsbegriff (Vgl. Zitelmann 2001: 118). Gemäß der Intention des Gesetzgebers kann und soll gegenwärtig und auch in Zukunft keine endgültige Definition von dem, was das Kindeswohl ausmacht, festgelegt werden. Im Einzelfall wird unter Berücksichtigung des individuellen Sachverhalts formuliert, worin das Kindeswohl im konkreten Fall besteht, um dem betroffenen Kind gerecht werden zu können. Das Kindeswohlprinzip beinhaltet sowohl den Vorrang der Kindesinteressen vor allen anderen beteiligten Interessen, als auch den Vorrang von Einzelfallgerechtigkeit vor allgemeinen Regeln. (Staudinger/Coester (2000) § 1666 Rn 64f)

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„Entscheidungsleitendes rechtliches Kriterium des Kindeswohls ist das im GG verankerte Erziehungsziel der selbstständigen und eigenverantwortlichen, zu sozialem Zusammenleben fähigen Persönlichkeit.“ (Staudinger/Coester (2000) § 1666 Rn 68)

Per definitionem weist der Kindeswohlbegriff jedoch über den Bereich des Rechts hinaus. Zur Normkonkretisierung müssen Kindeswohlkriterien innerhalb und außerhalb des Rechts herangezogen werden. (Staudinger/Coester (2000) §1666 Rn 65) Neben „wissenschaftliche[n] Erkenntnisse[n], die im Einzelfall auch mittels Sachverständigengutachten nutzbar zu machen sind“ (Staudinger/Coester (2000) § 1666 Rn 69), kann auch auf „gesellschaftliche Standards, einen gesellschaftlichen ‚Grundkonsens’ über die Bedürfnisse des Kindes und angemessenes Elternverhalten zurückgegriffen werden“ (Staudinger/Coester (2000) § 1666 Rn 69). Die ‚Unbestimmtheit’ des Kindeswohlbegriffs erlaubt es, ihn den Interessen eines bestimmten Kindes flexibel anzupassen. Gleichzeitig sind die jeweiligen Kriterien des Kindeswohls „immer mitbestimmt von gerade dominierenden wissenschaftlichen Erkenntnissen, von ideologiehaltigen Annahmen und aktuellen Dringlichkeiten“ (Dettenborn 2001: 50).

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Der Jurist Rainer Frank verweist darauf, dass bezüglich des Kindeswohls im Adoptionsrecht neben rechtlichen Kriterien vor allem Erkenntnisse entwicklungspsychologischer und kinderpsychiatrischer Forschung zu berücksichtigen seien. Der Gesetzeskommentar fährt fort mit einer kurzen einführenden Beschreibung der Entstehung von Deprivations- und Bindungsstörungen, bei der festgestellt wird, dass „selbst schwere psychische Entwicklungsstörungen“ durch „gezielte Behandlung und Übergang in eine Fürsorge und Anregung bietende Dauerbeziehung reversibel“ (Staudinger/Frank (2001), Vorbem zu §§ 1741ff Rn 47) seien. Auch „Rückstände der körperlichen und geistigen Entwicklung“ könnten relativ schnell wieder aufgeholt werden. Da bei der Unterbringung von Kindern außerhalb der Familie ein „häufiger Wechsel der Bezugspersonen“ drohe, sei die Adoption die bessere Alternative um dem Kind die benötigte „dauerhafte, fürsorgliche und anregende Umgebung“ (Staudinger/Frank (2001), Vorbem zu §§ 1741ff Rn 48) zu gewährleisten.

Bei der Auswahl der Adoptiveltern für ein bestimmtes Kind erfolgt eine so genannte Prognoseentscheidung, bei der abgeschätzt werden muss, in welchem Umfeld sich das Kind voraussichtlich am besten entwickeln wird. Der Begriff des Kindeswohls erhält hier Rainer Frank zufolge eine doppelte Funktion:

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„Eine Zielfunktion kommt ihm insoweit zu, als das Kind durch die Adoption ein beständiges und ausgeglichenes Zuhause bekommen soll. Eine Vergleichsfunktion hat der Begriff insoweit, als sich die Lebensbedingungen des Kindes im Vergleich zur Lage ohne Adoption so verändern müssen, dass eine merklich bessere Persönlichkeitsentwicklung zu erwarten ist.“ (Staudinger/Frank (2001) § 1741 Rn 16)

Die gesetzlich festgelegten Kriterien für Adoptiveltern und deren Auslegung haben sich daran zu orientieren.

2.1.3 Gesetzliche Vorschriften30

Die gegenwärtige Gesetzeslage erfordert eine Einwilligung des Kindes in die Adoption, bei Kindern unter 14 Jahren die des gesetzlichen Vertreters. Auch die Einwilligung der leiblichen Eltern ist erforderlich. Sie kann nur personengebunden für ein schon ausgewähltes adoptionswilliges Paar erteilt werden; das Kind muss zu diesem Zeitpunkt mindestens acht Wochen alt sein. Schon vor Ablauf dieser Acht-Wochen-Frist kann das Kind jedoch durch die Adoptionsbewerber in Pflege genommen werden. In Sonderfällen oder bei Unauffindbarkeit der leiblichen Eltern darf deren Einwilligung ersetzt werden. Mit der Einwilligung in die Adoption verlieren die leiblichen Eltern ihr Recht auf Umgang mit dem Kind. (§§ 1746-1748 BGB)

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Mit der Adoption erhält das Kind den Familiennamen der Adoptivfamilie, sein Vorname darf auf Antrag geändert oder durch einen weiteren ergänzt werden, wenn dies dem Wohle des Kindes dient. Informationen über die Adoption und ihre Umstände dürfen ohne Zustimmung der Adoptiveltern und des Kindes nicht „offenbart oder ausgeforscht“ werden. (§§ 1757f. BGB) In der Geburtsurkunde des Kindes werden die leiblichen Eltern gelöscht und die Adoptiveltern sowie eventuelle Namensänderungen eingetragen. In der Abstammungsurkunde bleiben die Namen der leiblichen Eltern und Nachweise über andere Änderungen jedoch erhalten. Auch die Adoptionsvermittlungsstelle bewahrt alle bekannten Angaben über die Herkunftsfamilie des Kindes in den Adoptionsakten auf. Mit 16 Jahren hat das Kind ein Recht auf Einsicht in die Geburten- und Familienbücher bzw. die Adoptionsakten. (§§ 15, 30, 61 PStG; § 9 AdVermiG; International Social Service GER-II-33, GER-II-41)

Gesetzlich normiert sind nur sehr wenige Kriterien für Adoptiveltern: Das Mindestalter von 25 bzw. 21 Jahren für Adoptierende (§1743 BGB) und die Regelung, dass Ehepaare ein Kind nur gemeinschaftlich annehmen können (§ 1742 BGB).31 Unverheiratete, auch wenn sie in einer eingetragenen verschieden- oder gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft leben, können ein Kind nur allein adoptieren (§ 1742 BGB; Staudinger/Frank (2000), § 1741 Rn 10).32 Es muss außerdem „zu erwarten“ sein, „dass zwischen den Annehmenden und dem Kind ein Eltern-Kind-Verhältnis entsteht“ (§ 1741 BGB), das im Gesetzestext nicht weiter spezifiziert wird, aber während einer – in der Praxis meist einjährigen – Adoptionspflegezeit überprüft werden soll. (§§ 1741, 1744 BGB) Aus dieser Bedingung, vor allem aber aus dem Grundsatz heraus, dass die Annahme durch die Adoptiveltern dem Wohl des Kindes dienen muss (§ 1741 BGB), ergeben sich die weiteren Kriterien für Adoptionsbewerber. Bei der genaueren Festlegung dieser Kriterien beruft sich der Gesetzeskommentar auf Gerichtsurteile von Präzedenzfällen und verweist unter anderem auf die Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter.

2.1.4 Die Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung der BAGLJÄ

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter (BAGLJÄ) ist der Zusammenschluss aller Landesjugendämter der Bundesrepublik Deutschland. Zweimal jährlich treffen sich die Mitglieder der BAGLJÄ zu Arbeitstagungen, bei denen Fachgremien „fachliche Standards“ (BAGLJÄ Arbeitsordnung 2005: 1) zu einzelnen Arbeitsfeldern (weiter-)entwickeln – gegebenenfalls auch mit Hilfe eingeladener „Vertreterinnen und Vertreter fachlicher Institutionen“ (BAGLJÄ Arbeitsordnung 2005: 2). Seit 1982 gibt die BAGLJÄ die 2006 in der fünften, neuüberarbeiteten Auflage erschienenen Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung heraus.33 Die Empfehlungen der BAGLJÄ stellen eine Art Auslegung der Adoptionsgesetzgebung mit Umsetzungsratschlägen dar. Diese Umsetzungsratschläge sind zwar nicht gesetzlich bindend, werden aber von den Berliner Adoptionsvermittlungsstellen neben den gesetzlichen Regelungen auf ihren Internetseiten und in den Gesprächen mit mir ausdrücklich als Grundlage ihrer Tätigkeit angegeben.

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Auch die Empfehlungen der BAGLJÄ verweisen in der Einleitung ausdrücklich darauf, dass das Wohl des Kindes „Leitgedanke der Adoption“ (BAGLJÄ 2006: 7) sei:

„[…] Ausgangsbasis und Ziel aller Bemühungen der Fachkräfte in den Adoptionsvermittlungsstellen sind das Kind und die Wahrung seiner Bedürfnisse. Aufgabe der Vermittlungsstelle ist daher, Kinder zu den am besten geeigneten Adoptionsbewerbern zu vermitteln, nicht aber für Bewerber ‚passende’ Kinder zu suchen. Die Adoptionsbewerber haben keinen Rechtsanspruch auf Vermittlung eines Kindes.

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Die Adoption soll dem Kind Geborgenheit und Zuwendung unter Achtung der eigenen Biographie in einer neuen Familie sichern. Seine Lebensbedingungen sollen sich im Vergleich zur bisherigen Situation durch die Annahme so verbessern, dass eine stabile und positive Persönlichkeitsentwicklung erwartet werden kann.“ (BAGLJÄ 2006: 7)

Adoptionsvermittlung ist demzufolge die letzte Möglichkeit, einem Kind aus schwierigen Verhältnissen dazu zu verhelfen, in einer kindgerechten Umgebung aufzuwachsen. Adoptionsvermittler sind verpflichtet, vor einer Adoptionsvermittlung zu überprüfen, ob die leibliche Mutter bzw. die leibliche Familie tatsächlich keine andere Möglichkeit für sich und das Kind sieht. Für die Mutter und ihr leibliches Kind, so die zugrunde liegende Überzeugung, bedeutet die Trennung voneinander eine Belastung. Dem Kindeswohl ist am besten gedient, wenn das Kind bei seinen leiblichen Eltern aufwachsen kann. Nur wenn die leiblichen Eltern außer Stande sind, den „Bedürfnissen“ des Kindes gerecht zu werden, darf und muss zum Wohle des Kindes eine Adoption in Betracht gezogen werden. Adoptionsbewerber haben keinen Rechtsanspruch auf die Adoption eines Kindes, da die Vermittlung eines Kindes davon abhängig gemacht wird, wo seine „Bedürfnisse“ am besten gewahrt werden können. Adoption wird rechtlich und von institutioneller Seite also nicht – wie beispielsweise in den Studien über Papua Neuguinea konstatiert – als ein Solidarität stiftender Akt verstanden, sondern als ‚Notlösung’. Durch die Adoption werden alle rechtlichen Verbindungen zur Herkunftsfamilie gekappt. Ohne Einwilligung der Adoptiveltern oder des mündigen Adoptierten ist es für die Herkunftsfamilie nicht möglich, in irgendeiner Form am Leben des Kindes teilzunehmen.

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Ein Erfolg ist die Adoptionsvermittlung, wenn sich das Kind zu einer „stabile[n] und positive[n]“ Persönlichkeit entwickelt (BAGLJÄ 2006: 7).“Hilfen bei seiner Identitätsfindung“, so die Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung von 2003, sind für das Adoptivkind „von existentieller Bedeutung“ (BAGLJÄ 2003: 23). Das Kind hat laut der Empfehlung zur AdoptionsvermittlungAnspruch auf eine […] seinem Wohl förderliche und auf Dauer angelegte Lebensperspektive“ (BAGLJÄ 2006: 19). Es braucht „intakt[e] und dauerhaft[e] Familienbeziehungen“ (BAGLJÄ 2006: 23), in denen es seine „Hauptbezugsperson[en]“ (BAGLJÄ 2006: 24) finden kann. Gleichzeitig ist die „bisherige Biographie des Kindes [vor der Adoption, S.H.] für das Verständnis des Kindes bedeutsam“ (BAGLJÄ 2006: 19). Auch wird ausdrücklich und wiederholt darauf verwiesen, dass das „Recht auf Kenntnis seiner genetischen Herkunft“ ein „Grundrech[t]“ (BAGLJÄ 2006: 13, 19) sei. Um dem Kind die „Ausformung der Identität“ (BAGLJÄ 2006: 19) zu erleichtern, so die Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung, müssen ihm alle verfügbaren Informationen über seine Biographie zur Verfügung gestellt werden. Auch der Geburtsname wird als „wichtiges Identitätsmerkmal“ (BAGLJÄ 2006: 20) angesehen. Unter Berufung auf pädagogische und psychologische Erkenntnisse legt die BAGLJÄ Adoptiveltern darum nahe, den ursprünglichen Vornamen des Kindes bei Namensänderungen zu erhalten und höchstens durch einen zusätzlichen Vornamen zu ergänzen. Identität, so lässt sich daraus schließen, setzt sich aus unterschiedlichen Bestandteilen, wie zum Beispiel der genetischen Herkunft, dem Namen, gelebter Biographie und dem Wissen über die Biographie der genetischen Eltern zusammen. Die BAGLJÄ greift damit auf ein psychologisches Identitätsverständnis zurück, das auf den Aufbau des Selbstbildes bei Kindern und Jugendlichen fokussiert ist. In ihrem Ratgeber Adoptivkinder erklärt die auf Adoption spezialisierte Psychologin Irmela Wiemann, dass die „Identifikation“ (Wiemann 1994: 161) mit nahestehenden Personen oder Vorbildern bei der Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen zentral seien. Beziehungen im sozialen Umfeld, insbesondere liebevolle und dauerhafte familiäre Beziehungen seien für die Entwicklung des Adoptivkindes von besonderer Bedeutung, gerade weil in der Adoption die „sozial[e] und biologisch[e] Übereinstimmung“ (Wiemann 1994: 161) in der Familie auseinanderfielen. Adoptierte, so Irmela Wiemann, müssten darum „immer wieder ihre seelische Balance herstellen zwischen realen sozialen Zugehörigkeiten und dem Nicht-kennen wesentlicher Bausteine ihrer selbst“ (Wiemann 1994: 161). Das Adoptivkind sei auf Zugang zu diesen ‚Identitätsbausteinen’ angewiesen. Da die ‚Identität’ diesem Verständnis zufolge ein elementarer Bestandteil der Persönlichkeit ist, muss die „Identitätsfindung“ (BAGLJÄ 2006: 26) positiv verlaufen, damit das Kind bzw. der Jugendliche sich zu einer ‚stabile Persönlichkeit’ entwickeln kann (Vgl. BAGLJÄ 2006: 7).34 

Das in den Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung gezeichnete Bild kindlicher Bedürfnisse deckt sich mit den schon erwähnten Ausführungen des Gesetzeskommentars des BGB und mit allgemeinen Definitionen aus kinderpsychiatrischer Perspektive. Die Sozialpädagogin Maud Zitelmann beispielsweise zitiert Jörg Fegerts Auflistung der Grundbedürfnisse des Kindes aus kinderpsychiatrischer Perspektive. Mit Fegert verweist sie auf das kindliche Grundbedürfnis nach Liebe, Akzeptanz und Zuwendung sowie die Möglichkeit, stabile Bindungen einzugehen. Sie nennt das Bedürfnis nach Ernährung und Versorgung, das Bedürfnis nach Gesundheit, den Schutz vor Gefahren von materieller und sexueller Ausbeutung sowie das Bedürfnis nach Wissen, Bildung und Vermittlung hinreichender Erfahrung. (Zitelmann 2001: 128; Dettenborn 2001: 51f.) Dem fügt die BAGLJÄ in der Auflistung der Bedürfnisse des Adoptivkinds nur die Betonung eines besonderen Bedarfs an „Hilfen“ der Adoptiveltern „bei seiner [des Adoptivkinds, S.H.] Identitätsfi n dung“ hinzu. – Ein Anspruch an Adoptiveltern, der meines Erachtens auf dem Verständnis von Adoption als einer Notlösung beruht, denn die Notlösung impliziert ein damit verbundenes kindliches Trauma und zuvor durchlebte Mangelerfahrungen, die das Kind lernen muss, positiv in seine ‚Identität’ zu integrieren.

2.1.5 Kriterien für Adoptiveltern

Entsprechend der, im juristischen Kindeswohlbegriff vorgesehenen, interdisziplinären Zusammenarbeit zur Bestimmung des Kindeswohls, lassen sich auch bei den Kriterien für Adoptiveltern rechtliche, sozioökonomische, medizinische und psychologische Faktoren unterscheiden. Der Primat entwicklungspsychologischen und kinderpsychiatrischen Wissens ist jedoch auch hier deutlich. Zu den sozioökonomischen Kriterien für Adoptiveltern gehört der nicht weiter spezifizierte „Nachweis […], dass ein Aufwachsen des Kindes in ihrer Familie ökonomisch abgesichert ist“ (BAGLJÄ 2006: 25), um sicherzustellen, dass das Kind vor wirtschaftlicher Not geschützt ist. Ebenfalls für wichtig in sozioökonomischer Hinsicht werden „kindgerechte“ (BAGLJÄ 2006: 25) Wohnverhältnisse erachtet, die dem Kind Kontakte zu anderen Kindern, aber auch Rückzugsmöglichkeiten bieten sollen. Auch eine berufliche Flexibilität der Bewerber verbunden mit der Bereitschaft, die berufliche Tätigkeit den Bedürfnissen des Kindes anzupassen, und ein soziales Umfeld, das als zusätzliches Stützsystem Stabilität im Leben des Adoptivkindes gewährleisten kann, werden vorausgesetzt. Zudem müssen die Bewerber nachweisen, dass sie keine Vorstrafen „z. B. wegen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, Körperverletzungs- oder Gewaltdelikten“ (BAGLJÄ 2006: 25) haben.35 Zu Kriterien wie dem Alter oder partnerschaftlicher Lebensformen, die im Gesetz sehr offen gehalten sind, nehmen die Empfehlungen der BAGLJÄ eine klarere Position ein: Während im Gesetz keine Höchstaltersgrenze festgelegt ist, rät die BAGLJÄ davon ab, an Bewerber zu vermitteln, die über 40 Jahre älter als das Kind sind. Sie begründet diese Grenze damit, dass Flexibilität und Belastbarkeit im Alter nachließen und gerade das heranwachsende Adoptivkind Eltern brauche, die über diese Fähigkeiten verfügten. Bei der Vermittlung von Adoptivkindern an „nichtehelich[e] Lebensgemeinschaften (egal welchen Geschlechts die Partner sind) und eingetragen[e] gleichgeschlechtlich[e] Lebenspartnerschaften“ fordern die Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung eine „besonders eingehend[e] Kindeswohlprüfung unter Einbeziehung der Partnerin bzw. des Partners“ (BAGLJÄ 2006: 24), der das Kind nicht mitadoptieren kann. Generell legen die Empfehlungen nahe, an alleinstehende und in nichtehelichen Lebensgemeinschaften lebende Bewerber nur zu vermitteln, wenn es die Biographie eines Kindes erfordere. Dies treffe beispielsweise zu, wenn schon eine Beziehung zu dem Bewerber bestehe oder Traumata das Zusammenleben mit einem männlichen oder einem weiblichen Elternteil nicht für geraten erscheinen ließen.36 Ebenso wie das Kindeswohl definiert sich auch die ‚kindgerechte’ Familie aus „gesellschaftliche[n] Standards“ bzw. einem „gesellschaftlichen ‚Grundkonsens’“ (Staudinger/Coester (2000) § 1666 Rn 69). Die Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung beziehen aktuelle gesellschaftliche Diskussionen und Entwicklungen hinsichtlich des Lebenspartnerschaftsgesetzes ein, indem sie auf adoptionsrechtliche Bestimmungen für Unverheiratete verweisen. Gleichzeitig definiert die BAGLJÄ an dieser Stelle jedoch indirekt die auf heterosexuelle Partnerschaften beschränkte Lebensform der Ehe als Standard für eine ‚kindgerechte’ Familie. Inwiefern sich noch vom Standard der Ehe für ‚kindgerechte’ Familien als ‚gesellschaftlichem Grundkonsens’ sprechen lässt, ist meines Erachtens angesichts eines Anteils von 28 Prozent nichtehelich geborener Kinder in Deutschland im Jahr 200537 fraglich. Der Verweis auf entwicklungspsychologisches und kinderpsychiatrisches ‚Wissen’ über die Bedürfnisse von Kindern und die gesetzlichen Regelungen zur Adoption durch Unverheiratete verleiht der BAGLJÄ jedoch die Autorität, an einer Privilegierung der Ehe als einem dem Kind Stabilität gewährleistenden Faktor festzuhalten.

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Auf medizinischer Ebene geht es in den Kriterien für Adoptionsbewerber darum, sicher zu stellen und durch ein Attest nachzuweisen, dass die zukünftigen Adoptiveltern über einen langen Zeitraum hinweg physisch und psychisch in der Lage sein werden, für das Adoptivkind zu sorgen. Lebensverkürzende Krankheiten oder Behinderungen, die die Erziehungsfähigkeit potenziell beeinträchtigen könnten, gelten daher als Ausschlussgrund. Wie im Falle homosexueller Partnerschaften sind auch hier Ausschlusskriterien, die außerhalb des Adoptionsverfahrens als diskriminierend sanktioniert würden, im Interesse des Kindeswohls gesellschaftlich legitimierbar.

Die in den Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung der BAGLJÄ aufgelisteten psychologischen Eignungskriterien für Adoptionsbewerber sind:

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Auch diese Kriterien für Adoptiveltern stimmen mit den fünf „Kerndimensionen“ (Zitelmann 2001: 128) der Fertigkeiten überein, die aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht für das Kindeswohl und die Wahrnehmung der kindlichen Interessen notwendig sind. Dabei handelt es sich Maud Zitelmann zufolge erstens um eine emotionale Verfügbarkeit für das Kind und zweitens um Flexibilität und Angemessenheit der Eltern bei Erziehungsmaßnahmen und Verboten. Eine dritte Kerndimension ist ihr zufolge das erzieherische Wissen um entwicklungsabhängige Bedürfnisse und Versorgungsprinzipien bei Kindern. Die vierte und fünfte „Kerndimension“ sind, so Zitelmann, eine angemessene Prioritätensetzung bei der Versorgung der Kinder, gemessen an anderen Aufgaben, sowie eine Persönlichkeitsebene, die nicht durch beispielsweise psychische Erkrankungen gestört wird. (Zitelmann 2001: 128) Analog zu den in den Empfehlungen der BAGLJÄ implizierten zusätzlichen Bedürfnissen des Adoptivkindes werden bei der Auswahl von Adoptiveltern somit zusätzliche Fähigkeiten wie Belastbarkeit, Toleranz und emotionale Ausdrucksfähigkeit gefordert, die dem erhöhten Bedürfnis eines Adoptivkindes nach Unterstützung, Stabilität und Akzeptanz seiner Herkunft durch sein soziales Umfeld gerecht werden sollen.

2.1.6 Exkurs: Reproduktionsmedizin, Adoption und Kindeswohl

Der Großteil der Bewerber, wie auch der Großteil meiner Interviewpartner, hat vor der Adoptionsbewerbung eine reproduktionsmedizinische (Kinderwunsch-)Behandlung durchlaufen. Für die Adoptionsbewerberpaare, die im medizinischen Verfahren keinen Erfolg hatten – dies geht aus den Aussagen meiner Interviewpartner hervor – ist der Adoptionsantrag der logisch folgende nächste Schritt bei dem Versuch, den eigenen Kinderwunsch zu erfüllen. Im Gegensatz zur medizinischen Behandlung, werden die angehenden Adoptionsbewerber in den Adoptionsvermittlungsstellen jedoch mit der Forderung nach Zurückstellung der eigenen Bedürfnisse unter Verweis auf das Kindeswohl konfrontiert. Auch die (Muster-)Richtlinie zur Durchführung der assistierten Reproduktion der Bundesärztekammer misst dem Kindeswohl Bedeutung bei. Im Gegensatz zu den Adoptionsvermittlern jedoch, deren „Ausgangsbasis und Ziel aller Bemühungen […] das Kind und die Wahrung seiner Bedürfnisse“ (BAGLJÄ 2006: 7) sein sollen, hat der Reproduktionsmediziner zudem „die Selbstbestimmungsrechte von Paaren mit Kinderwunsch zu berücksichtigen“ und muss insgesamt „ein hohes Niveau der Gesundheitsversorgung“ (Bundesärztekammer 2006: 1392) sicherstellen.38 In der rechtswissenschaftlichen Diskussion wird darüber hinaus die Zulässigkeit des Kindeswohlbegriffs in der Reproduktionsmedizin angezweifelt, da die Geburt des Kindes bei reproduktionsmedizinischen Maßnahmen in der Zukunft liege. Bei einer familienrechtlichen Entscheidung, wie beispielsweise einer Adoption, sei es möglich, die erforderliche Prognoseentscheidung über das Wohl eines bestimmten Kindes bei der Adoption durch ein bestimmtes Adoptivelternpaar zu treffen. Beim ungeborenen Kind, so der Rechtswissenschaftler Stefan Günther, gehe die Prognose dagegen „ins Blaue“ (Günther 1996: 146). Die die Bedürfnisse eines Kindes betreffende Diagnose, die ihr vorausgehe, könne darum im Vorfeld einer in-Vitro-Fertilisation nicht gestellt werden, denn

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„[e]s lässt sich nicht abstrakt entscheiden, unter welchen Bedingungen sich das Kindeswohl positiv entwickeln wird. Gerade die richterliche Praxis im Familienrecht zeigt auf, dass nur eine individuelle Betrachtung zum Ziel führen kann.“ (Günther 1996: 146)

Ergänzend stellt die Rechtswissenschaftlerin Anabel Eva Hieb in ihrer Dissertation zur verfassungsrechtlichen Zulässigkeit reproduktionsmedizinischer Verfahren zur Überwindung weiblicher Unfruchtbarkeit fest, dass das Kindeswohl „eine dem Wohl des zukünftigen Kindes entsprechende Entwicklung des entstehenden menschlichen Lebens“ (Hieb 2005: 223) sichere. Die Berufung auf die Menschenwürde und das Kindeswohl scheide aus, „wenn diese die Entstehung eines Menschen zum Schutz gerade dieses potenziellen Menschen verhindern soll“ (Hieb 2005: 222). Lediglich das Grundrecht auf Kenntnis der eigenen Abstammung (Art. 2 in Verbindung mit Art. 1 GG) könne im Zusammenhang mit dem Kindeswohl bei reproduktionsmedizinischen Verfahren geltend gemacht werden. In der ärztlichen Berufspraxis wird dem Kindeswohl demnach insofern Rechnung getragen, als bei heterologen Befruchtungsverfahren39 gewährleistet werden muss, dass das Kind zu einem späteren Zeitpunkt eine vollständige Kenntnis seiner genetischen Abstammung erlangen kann. (Hieb 2005: 134, 147f., 222-224) Während die alleinige Funktion des Adoptionsverfahrens die Gewährleistung des Wohls eines bestimmten Kindes unter Berücksichtigung seiner individuellen Bedürfnisse ist, stehen in der medizinischen Praxis die Selbstbestimmungsrechte von Paaren mit Kinderwunsch und deren gesundheitliche Versorgung im Vordergrund. Verbesserte medizinische Techniken ermöglichen es zunehmend auch sogenannten ‚Risikogruppen’, wie beispielsweise HIV-Infizierten, gesunde Kinder zur Welt zu bringen. Durch diese immer neuen reproduktionsmedizinischen Möglichkeiten sehen sich die Adoptionsvermittler, mit denen ich sprach, in eine Rechtfertigungsposition gedrängt, da die Ausschlusskriterien der Adoptionsvermittlungsstellen unvermindert streng bleiben. Der Leiter der Adoptionsvermittlungsstelle des Senats erzählt beispielsweise, dass er häufig als Repräsentant der Adoptionsvermittler zu Kongressen zum Thema Kinderwunsch eingeladen werde und sich dort immer wieder rechtfertigen müsse, warum die Adoptionsvermittlungsstellen im Gegensatz zur Reproduktionsmedizin ihre strengen gesundheitlichen Ausschlusskriterien beibehalten würden (Gesprächsnotiz 17. 3. 2006). In der medizinischen Kinderwunschbehandlung, so auch die Vermittlerinnen der Caritas/Diakonie, werde den Bewerbern die Einstellung vermittelt, dass die Reproduktionsmedizin eine Hilfe bei Erfüllung des Kinderwunsches sei, die die Elternschaft im Nachhinein nicht mehr beeinflusse. Die Ärzte und mit ihnen viele Paare übertrügen diese Einstellung auch auf die Adoption: Wenn die reproduktionsmedizinische Behandlung nicht funktioniere, könne man ja einfach adoptieren. (Gespräch Caritas/Diakonie) Im Adoptionsverfahren sei es jedoch wichtig, dass Bewerber sich bewusst machten, dass sie das in der reproduktionsmedizinischen Behandlung vergeblich erhoffte leibliche Kind durch Adoption nicht bekommen würden. Ein adoptiertes Kind brauche soziale Eltern, aber es bleibe immer ein „fremdes Kind“ (I-Senat_2), da es eine eigene Vergangenheit und leibliche Eltern habe.

2.2 Die lokale Vermittlungspraxis

In Berlin gibt es zwei Vermittlungsstellen, die Inlandsadoptionen durchführen: Die Adoptionsvermittlungsstelle des Landesjugendamtes Berlin befindet sich in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport. Sie wurde 1948 gegründet und ist mit derzeit sechs Mitarbeitern40 die größere der beiden Berliner Inlandsadoptionsvermittlungsstellen. Die zweite Vermittlungsstelle befindet sich in kirchlicher Trägerschaft, sieht sich jedoch – wie die Senatsvermittlungsstelle – als „Ansprechpartner für Menschen unabhängig von Alter, Nationalität, Religion und Weltanschauung“ (http: //www. adoption-pflege. de/). Sie existiert seit 1978 als gemeinschaftliche Adoptionsvermittlungsstelle des Caritasverbandes und des Diakonischen Werkes.41 Beide Vermittlungsstellen arbeiten unabhängig voneinander, sind jedoch über die Zentrale Adoptionsstelle Berlin-Brandenburg miteinander vernetzt. Gemäß den Empfehlungen der BAGLJÄ bestehen die Teams der Vermittlungsstellen aus Sozialarbeitern und Sozialpädagogen mit langjährigen Erfahrungen in der Beratungs- und Vermittlungsarbeit, die zum Teil über psychologische Zusatzqualifikationen verfügen. Alle Mitarbeiter der Vermittlungsstellen kümmern sich sowohl um die Mütter bzw. Familien, die Kinder zur Adoption freigeben wollen, als auch um die Bewerberpaare. Während des Adoptionsverfahrens werden die Bewerber von einem festen Vermittler betreut. In wöchentlichen Teamsitzungen tauschen sich die Vermittler über die unterschiedlichen Bewerber aus und entscheiden gemeinsam darüber, welches Kind an welches Paar zur Adoption vermittelt wird.

2.2.1 Minimierung von Risiken

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Die Adoptionsgesetzgebung lässt den Adoptionsvermittlern durch den abstrakten Begriff des Kindeswohls, aber auch durch die erforderliche Prognose der Entstehungswahrscheinlichkeit eines Eltern-Kind-Verhältnisses einen großen Ermessensspielraum. In der Praxis orientieren sich die Vermittlungsstellen an den Vorgaben der Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung der BAGLJÄ. Die darin enthaltene Präzisierung der Kriterien für Adoptiveltern machen den Begriff des Kindeswohls im Adoptionsverfahren zum einen operationalisierbar, zum anderen wirken die ausformulierten Kriterien auch legitimierend gegenüber Bewerbern, denen ein Adoptivkind versagt wird.42 

Die Vermittler sehen ihre Rolle im Adoptionsverfahren in der „Minimierung von Risiken“ (I-Senat_2). Da die Bewerberzahl die Zahl der Kinder, die zur Adoption freigegeben werden, um ein Vielfaches übersteige, sei man in der Lage und dadurch verpflichtet, familiäre Konstellationen zu vermeiden, unter denen ein Adoptivkind potenziell leiden könnte. (I-Senat_2) ‚Risiko’ im Verständnis der Vermittler lässt sich somit als „eine Art und Weise“ bezeichnen, „bestimmte Elemente der Realität zuzuordnen, sie berechenbar zu machen und gezielt auf sie einzuwirken“ (Schmidt-Semisch 2004: 222). Die „Minimierung von Risiken“ (I-Senat_2) erfordert präventives Handeln. Prävention wiederum, so der Soziologe Ulrich Bröckling, setzt Kenntnisse über die Bedingungen des Eintretens von „Schadensvorfällen“ (Bröckling 2004: 211) voraus:

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„Ohne Ätiologie keine Prognostik, ohne Prognostik keine Prävention. Vorbeugung verlangt daher systematische Wissensproduktion.“ (Ebd.)

Ihre Kenntnisse über kindliche Bedürfnisse und schädliche Faktoren zieht die BAGLJÄ und mit ihr der Gesetzesgeber und die einzelnen Vermittlungsstellen, wie oben dargestellt, aus kinder- und jugendpsychiatrischem Fachwissen und entwicklungspsychologischen Erkenntnissen. In Fortbildungen können sich die Vermittler direkt mit Psychologen austauschen.43 Dem Gesetzesauftrag zufolge müssen Adoptionsvermittler im Interesse des Kindeswohls eine Zukunftsprognose darüber treffen, ob die Bewerber in der Lage sein werden, dem Adoptivkind „ein beständiges und ausg e glichenes Zuhause“ (Staudinger/Frank (2000), § 1741 Rn 16) zu geben. Außerdem sollen die Adoptiveltern dem Kind eine verbesserte „Persönlichkeitsentwicklung“ (Staudinger/Frank (2000), § 1741 Rn 16) ermöglichen. Der Unsicherheit einer solchen Voraussage sind sich die Vermittler jedoch bewusst:

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Vermittlerin: „[…] Das ist auch nur eine Prognose, hellsehen können wir ja nicht, dass diese Leute Stabilität in ihrem Leben haben und es auch mal aushalten, wenn eine schwierige Situation auf sie zukommt, und dass sie die irgendwie miteinander bewältigen können. Das ist das, was wir brauchen, denn ein Kind, ein fremdes Kind – die freuen sich drauf – bringt viel Freude, aber es bringt auch Belastungen mit. Und das müssen die aushalten. Auch die Veränderung, die dann in der Partnerschaft und in ihrem ganzen Leben eintreten wird, müssen sie aushalten.“ (I-Senat_2)

Risikofaktoren für ein stabiles familiäres Umfeld werden dadurch minimiert, dass die Bewerber ein Verfahren durchlaufen müssen, das sich in Berlin über ein Dreiviertel- bis anderthalb Jahre hinzieht. In durchschnittlich vier bis sechs zwei- bis dreistündigen Gesprächen versuchen sich die Vermittler ein Bild von der Persönlichkeit der Bewerber zu machen. Am Ende des Verfahrens steht ein Hausbesuch, bei dem es darum geht, die Bewerber in ihrer vertrauten Umgebung zu erleben und einen Eindruck der vorhandenen Infrastruktur zu erhalten. Die Vermittler belassen es jedoch nicht bei dieser persönlichen Einschätzung der Bewerber, ein weiteres Ziel des Vermittlungsverfahrens ist die Sensibilisierung der Bewerber für die Bedürfnisse des Kindes. Den Adoptiveltern wird dabei immer deutlich gemacht, dass eine Sensibilisierung für adoptionsspezifische Themen und ein entsprechendes Verhalten nicht nur im Interesse des Kindes liege, sondern auch in ihrem Interesse, da sie, genau wie das Kind, unter einer Überforderungssituation zu leiden hätten. Bewerbern wird darum ergänzend zum Verfahren beispielsweise die Lektüre psychologischer Adoptionsliteratur empfohlen.44 Anstelle einer – aus politischen und finanziellen Gründen nicht realisierbaren – dauerhaften Überprüfung des ‚Risikomanagements’ der Adoptiveltern wird auf diese Weise deren „Selbstsorge“ (Bröckling 2004: 214) für das Gelingen der Adoption vorbereitet. Ulrich Bröckling zufolge bezieht die Prävention ihre Legitimation aus dem Versprechen,

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„die gewünschten Effekte mit weniger Aufwand bzw. mit dem gleichen Aufwand größere Effekte zu erzielen als therapeutische Maßnahmen, Sanktionierung von Abweichungen oder Schadensausgleich.“ (Bröckling 2004: 214)

Im Falle der Adoptionsbewerber verspricht Prävention die Vermeidung vielleicht irreparabler familiärer Konflikte. Ulrich Bröckling spricht in diesem Zusammenhang von einem

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„’aktivierenden Staat’, der seine Bürger und Bürgerinnen aus der fürsorglichen Belagerung in die Freiheit der Selbstsorge entlässt und ihnen zumutet, ihre Lebensrisiken eigenverantwortlich zu managen.“ (Ebd.)

Inwieweit das Vermittlungsverfahren Adoptionsbewerber und Adoptiveltern ‚aktiviert’, werde ich im dritten und vierten Teil meiner Arbeit untersuchen.

2.2.2 Ablauf des Adoptionsverfahrens

Der Inhalt des Eignungsverfahrens45 ist zwar durch die Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung der BAGLJÄ festgelegt, der Ablauf kann jedoch von Vermittlungsstelle zu Vermittlungsstelle und von Vermittler zu Vermittler leicht variieren. Generell geht es zunächst darum, den Bewerbern zu verdeutlichen, was eine Adoption in der Praxis bedeutet. Anhand eines Fragebogens und eines Lebensberichts müssen die Bewerber dann von der Vermittlungsstelle für adoptionsrelevant erachtete Fragen erarbeiten. In der Vermittlungsstelle der Diakonie/Caritas besprechen die Bewerber mit den Vermittlerinnen ihre Beziehungen zu Eltern und Verwandten mittels eines Genogramms. In der Vermittlungsstelle des Senats werden diese Beziehungen im Rahmen des Lebensberichts behandelt.

Aufklärung über Adoptivkinder und Herkunftsfamilien

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Die Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung fordern die Adoptionsvermittler dazu auf dafür zu sorgen, dass die Bewerber „alle bekannten Informationen über das Kind und dessen Eltern/Familie erhalten, die für ein Gelingen der Annahme notwendig sein könnten“ (BAGLJÄ 2006: 28). Je nach Kenntnisstand der Bewerber geht es den Adoptionsvermittlern in den ersten Gesprächen darum, den Bewerbern ein Bild davon zu verschaffen, welche Kinder mit welchen Vorbedingungen vermittelt werden. Wichtig ist den Vermittlern dabei herauszufinden, ob die Bewerber den Herkunftsfamilien gegenüber eine positive Einstellung entwickeln und auch dem Kind ein positives Bild seiner Herkunft vermitteln könnten. Beides gilt als Voraussetzung für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung des Kindes, da die Vermittler auf der Basis eigener Vermittlungserfahrung sowie psychologischer Studien davon ausgehen, dass negative Urteile über ihre Herkunftsfamilien eine große psychische Belastung für Adoptivkinder darstellen (Vgl. Wittland-Mittag 1992: 222). Mit Fallbeispielen werden die Bewerber dazu gebracht, sich auf einer emotionalen Ebene mit den Voraussetzungen und Bedingungen von Adoptionen auseinander zu setzen. Beispielsweise erzählte mir der Leiter der Vermittlungsstelle des Senats in Bezug auf die Bedürfnisse von Adoptivkindern die Geschichte einer jungen Frau, deren Adoptiveltern sie von einer vermeintlich förderlichen Aktivität wie Ballett- und Reitunterricht zur nächsten schickten. In der Pubertät sei es zum Bruch zwischen Adoptivtochter und Eltern gekommen, bei dem die Tochter ihnen vorwarf, ihr nie richtig zugehört zu haben:

Leiter der Vermittlungsstelle des Senats: „Die haben sich nicht auf das Kind eingelassen, sonst hätten sie eben auch festgestellt, was das Kind wirklich braucht: Zuwendung vorne weg und dann vielleicht ein bisschen Reiten. Gerade wenn Kinder sich nicht äußern: Die machen das mit, macht ja auch Spaß, aber merken dann irgendwann, dass sie sich nicht angenommen fühlen. Das gibt es ja auch bei leiblichen Kindern, die um ihrer Leistung willen geliebt werden, nicht um ihrer selbst willen.“ (I-Senat_1)

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Durch Geschichten dieser Art wird Adoptionsbewerbern am konkreten Beispiel vermittelt, dass Aufmerksamkeit und Verständnis für die individuellen Bedürfnisse des (Adoptiv-)Kindes bei der Erziehung absoluten Vorrang vor eigenen Planungen bzw. Wunschvorstellungen genießen müssen. Um das Familienglück nicht zu gefährden darf Kindern im Sinne der Prävention nicht das Gefühl gegeben werden, unter Leistungsdruck zu stehen und sich die Liebe ihrer Eltern durch die Erfüllung von Erwartungen erarbeiten zu müssen. Das konkrete Fallbeispiel ermöglicht es den Bewerbern, sich in die jeweilige Situation hineinzudenken, emotional darauf zu reagieren und dadurch einen persönlichen Bezug dazu zu entwickeln.

Sofortige Ausschlusskriterien

An einer Adoption interessierte Paare können sich durch eine Broschüre der Senatsvermittlungsstelle im Vorfeld über den Ablauf des Verfahrens informieren. Auch bei einem informierenden Vorgespräch bzw. im ersten Verfahrensgespräch wird ihnen erklärt, was im Adoptionsverfahren auf sie zukommt. Bei dieser Gelegenheit klären die Adoptionsvermittler, ob die Bewerber die formalen Kriterien erfüllen. Stellt sich im Vorgespräch beispielsweise heraus, dass die Bewerber die 40 Jahre überschritten haben, wird ihnen in der Regel erklärt, dass eine Bewerbung keinen Sinn habe. (I-Senat_2; Landesjugendämter Berlin-Brandenburg o. J.: 5) Auch Bewerber, die sich in einer medizinischen Kinderwunschbehandlung befinden, werden aufgefordert, zunächst mit dem Wunsch nach einem biologischen Kind abzuschließen und sich dann erst wieder zum Adoptionsverfahren zu melden. Vor allem die Vermittlerinnen der Caritas/Diakonie vertraten mir gegenüber die Überzeugung, dass nach einem reproduktionsmedizinischen Verfahren erst etwas Zeit vergehen müsse, in der man wieder zu sich finden und sich über seine Wünsche klar werden könne (Gespräch Caritas/Diakonie). Nach diesen Vorgesprächen melde sich ein Teil der Adoptionsinteressenten erst nach längerer Zeit wieder oder gar nicht mehr. Einige, so Mitarbeiter beider Berliner Adoptionsvermittlungsstellen im Gespräch, empörten sich offen über das als Eindringen in die Privatsphäre empfundene Verfahren. Die meisten ließen sich jedoch davon überzeugen, dass eine sorgfältige Beurteilung und Auswahl von Adoptiveltern sowohl für das Adoptivkind als auch die Adoptiveltern die Voraussetzung dafür sei, die Bedürfnisse beider Seiten erfüllen zu können:

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Vermittlerin: „Anfangs ist vielleicht im Kopf der Bewerber nur da: ‚Wir müssen unser ganzes persönliches Leben ausbreiten.’ Aber noch nicht die Vorstellung, was für einen Sinn das hat. Wenn die verstehen, dass wir das – bis zu einem gewissen Punkt natürlich auch nur – von ihnen wissen wollen, weil wir das einordnen müssen nachher in die Vermittlung eines Kindes. Das kann man ihnen klarmachen. ‚Wir können nur einen passenden Kindervorschlag machen, der dann auch ihre Situation nicht überfordert, wenn wir mehr über sie wissen. Und wenn wir das nicht wissen, dann gibt es möglicherweise später einen falschen Kindervorschlag, an dem alle zu leiden hätten.’“ (I-Senat_2)

Adoptionsinteressierte, die trotz Erklärung das Adoptionsverfahren nicht akzeptierten, blieben „glücklicherweise“ (Gespräch Caritas/Diakonie) meist nach dem Vorgespräch weg. Auch die Nichtakzeptanz des Eignungsverfahrens wird an dieser Stelle als Ausschlusskriterium gewertet: Wer nicht bereit ist, sich gemeinsam mit den Vermittlern zum Wohl des Kindes mit für erziehungs- und adoptionsrelevant erachteten Fragen auseinanderzusetzen, verfügt nach Ansicht der Adoptionsvermittlungsstelle weder über die Offenheit und Flexibilität, noch über die Reflexivität und das Einfühlungsvermögen, das ein Adoptivkind braucht.

Während der Gesetzestext und die BAGLJÄ nur darauf verweisen, dass die Vermittlung eines Adoptivkindes an Einzelpersonen einer besonderen Überprüfung des Kindeswohls bedürfe, gelten eine erst kurze Zeit bestehende Partnerschaft oder Unehelichkeit in der Vermittlungspraxis als zumindest vorläufige Ausschlusskriterien. (Gespräch Caritas/Diakonie; I-Senat_2) Die Senatsvermittlungsstelle fordert ausdrücklich eine seit mindestens vier Jahren unter einem Dach bestehende Partnerschaft. Die ausschließliche Vermittlung an Ehepaare wird mit einer erhöhten Rechtssicherheit für das Adoptivkind begründet. Da im Falle der Unehelichkeit nur ein Partner adoptieren könnte, könne der andere Partner nicht die volle Erziehungsverantwortung für das Kind übernehmen bzw. im Unglücksfall rechtlich die Rolle des anderen Partners ausfüllen. Auch homosexuelle Paare scheiden aus diesem Grund in der Berliner Adoptionspraxis für eine Adoption aus. Gegen die Vermittlung an homosexuelle Paare sprechen aus Sicht der Vermittler jedoch noch zwei weitere Argumente: Zum einen habe man abgebende Mütter nach ihren Vorstellungen befragt und keine der Befragten sei mit der Vermittlung ihres Kindes an ein homosexuelles Paar einverstanden gewesen. Die abgebenden Mütter wollten ihren Kindern durch die Abgabe ermöglichen, was sie selbst ihnen nicht hätten geben können und seien dabei meist an sehr konventionellen Familienformen orientiert. Zum anderen seien Adoptivkinder ohnehin lebenslang mit der Verarbeitung ihrer Adoption beschäftigt. Mit homosexuellen Eltern würden Kinder zusätzlich zur Problematik der eigenen Biographie zumindest potenziell mit gesellschaftlichen Vorurteilen gegen Homosexuelle konfrontiert werden und dadurch mit einem weiteren Problemkomplex belastet werden. (I-Senat_2; Landesjugendämter Berlin-Brandenburg o. J.: 5; I-Senat_1) Hier bestätigt sich, dass Prävention in den Worten Ulrich Bröcklings „als Ausrichtung und Selbstausrichtung an Normalitätsstandards“ funktioniert, „die damit den Status sozialer Normen erlangen. […] Zum Risikosignal und Ausgangspunkt präventiven Handelns kann letztlich alles werden, was von Sollwerten abweicht oder sich als Vorzeichen solcher Abweichungen identifizieren lässt.“ (Bröckling 2004: 212)

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Zu formal begründeten Ausschlusskriterien für Adoptiveltern kommen Vermittlungsstellen spezifische interne Regelungen hinzu, die die von mir interviewten Adoptionsvermittler aus ihrer persönlichen Berufserfahrung und Erfahrungswerten ihrer Vermittlungsstelle ableiten. Während zum Beispiel die Vermittlungsstelle der Caritas/Diakonie auch an Familien vermittelt, in denen schon leibliche Kinder leben, tut dies die Vermittlungsstelle des Senats nicht. Die Gespräche mit erwachsenen Adoptierten hätten ergeben, dass einige Adoptivkinder darunter leiden würden, nicht wie ihre leiblich von den Adoptiveltern abstammenden Geschwister selbstverständlich dazu zu gehören:

Vermittlerin: „Unsere Erfahrung ist, dass es für manche Adoptivkinder schwierig ist zu erleben, dass neben ihnen ein Kind aufwächst, das automatisch und ohne Fragestellung dazu gehört. Das hat nicht mit den Adoptiveltern zu tun sondern mit der Erlebniswelt dieses Adoptivkindes, weil deren Lebensthema ist: Wohin gehöre ich eigentlich? Zu wem gehöre ich? Warum? Und wenn neben ihm so ein Kind aufwächst, bei Geburtstagsfeiern ist das klar… Das machen nicht die Erwachsenen, das findet in der Erlebniswelt des Kindes statt. Möglicherweise ist das auch nicht bei jedem Adoptivkind gleich. Aber das Risiko wollen wir damit ausschließen. Diese Situation, die es komplizierter machen könnte für ein Adoptivkind, die wollen wir damit umgehen.“ (I-Senat_2)

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Wie im Falle einer potenziellen Belastung durch homosexuelle Eltern geht es den Vermittlern der Senatsstelle darum, eine mögliche Belastung durch die Konfrontation mit einem leiblichen Kind der Adoptiveltern zu vermeiden. Während das Adoptivkind nach Ansicht der Senatsvermittlungsstelle jedoch durch homosexuelle Eltern mit Unverständnis gegenüber einer unkonventionellen Familienform konfrontiert werden könnte, wird im Falle leiblicher Kinder von Adoptiveltern gerade deren gesellschaftlich als ‚normal’ verstandene Existenz neben der erklärungsbedürftigen Zugehörigkeit des Adoptivkindes zur möglichen Belastung.

‚Matching’

Die Auswahl der Adoptiveltern für ein bestimmtes Kind, so die Empfehlungen der BAGLJÄ, hat ausschließlich nach fachlichen Gesichtspunkten im Interesse des Kindeswohls zu erfolgen. Soweit die Wünsche der leiblichen Eltern bezüglich der Familie, die ihr Kind aufnehmen soll, dem jedoch nicht entgegenstehen, wird bei der Vermittlung eines Kindes neben der allgemeinen Qualifikation der Bewerberpaare darauf geachtet, dass sich im konkreten Fall die Wünsche der Herkunftseltern mit der Entscheidung für ein bestimmtes Bewerberpaar vereinbaren lassen. (Vgl. BAGLJÄ 2006: 28) Wenn die abgebenden Eltern bzw. die abgebende Mutter befragt werden können, versuchen die Vermittler zudem Informationen über mögliche ererbte Eigenschaften des Kindes zu erfahren, sowohl in Bezug auf Krankheiten und Allergien, als auch in Bezug auf Talente oder Eigenschaften. Gibt beispielsweise die abgebende Mutter bei den Vermittlern an, selbst sehr musikalisch oder sportlich zu sein, wird dies bei der Bewerberauswahl berücksichtigt. Es wird davon ausgegangen, dass das Kind aus frühkindlicher Prägung heraus oder durch Vererbung möglicherweise einen besonderen Zugang zu Musik oder Sport haben könnte. Spricht die abgebende Mutter von familiären Allergien oder Krankheiten, wird darauf geachtet, dass die Bewerber ein allergenarmes oder Krankheit milderndes Umfeld bieten können. Auch Wünsche der Abgebenden in Bezug auf die Religion der Adoptiveltern werden berücksichtigt, soweit sie nach Einschätzung der Vermittler dem Kindeswohl nicht entgegenstehen. Besteht Kontakt zu den abgebenden Müttern, geben die Vermittlerinnen der Caritas/Diakonie ihnen nach Möglichkeit Kurzcharakterisierungen von drei potenziell für geeignet erachteten Bewerberpaaren, unter denen sie sich die Adoptiveltern ihres Kindes aussuchen dürfen. Auf Bitte der abgebenden Mutter organisieren beide Berliner Vermittlungsstellen auch anonyme Begegnungen46 mit den Annehmenden, um es der abgebenden Mutter zu ermöglichen, einen besseren Eindruck von den zukünftigen Adoptiveltern ihres Kindes zu gewinnen. Wenn schon ein früheres Kind einer abgebenden Mutter vermittelt wurde, versuchen die Vermittlungsstellen das zweite Kind in der gleichen Familie unterzubringen, da es sich der Erfahrung zufolge positiv auf die Kinder auswirke, wenn biologische (Halb)Geschwister in einer Familie aufwüchen. Auch optisch wird nach Möglichkeit darauf geachtet, dass Adoptiveltern und Kinder – wie in biologisch begründeten Verwandtschaftsverhältnissen für selbstverständlich erachtet – ‚zusammen passen’. Wenn die anderen Voraussetzungen erfüllt sind, legen die Vermittlungsstellen Wert darauf, beispielsweise Kinder großer Eltern nur an große Adoptiveltern zu vermitteln. Die Vermittler versuchen Konstellationen zu vermeiden, in denen das Kind durch sein Äußeres das Gefühl bekommen könnte, nicht dazu zu gehören.

Auch Wünsche und Vorstellungen der Adoptionsbewerber werden in die Auswahl der Adoptiveltern für ein bestimmtes Kind einbezogen. Die Bewerber müssen im Fragebogen deutlich machen, welche Herkunftsverhältnisse eines Kindes sie verunsichern würden und mit welchen sie gut umgehen könnten. Sie müssen schriftlich erklären ob und warum sie Schwierigkeiten damit hätten, wenn die Eltern ihres Adoptivkindes beispielsweise ausländischer Herkunft wären, psychische Erkrankungen aufwiesen oder „schwach begabt“ (Neuer Fragebogen der Senatsvermittlungsstelle) wären. Wie bei den Ausschlusskriterien für Adoptiveltern geht es darum Konstellationen in der Adoptivfamilie zu vermeiden, die das Kind belasten könnten. Auch die Begründung der Antwort entscheidet jedoch darüber, ob die Einschränkung als positive Selbstprüfung des Paares zum Wohle des Kindes oder negativ als Intoleranz gewertet wird. In diesem Sinne wird die Erklärung, kein persönliches Interesse an bestimmten ausländischen Gruppen zu haben und darum dem Kind keinen positiven Bezug zu diesem Teil seiner Herkunft vermitteln zu können akzeptiert, während abwertende Äußerungen über Migranten und der damit verbundene Wunsch nach einem „rein-deutschen“ (Gespräch Caritas/Diakonie) Kind als Ausschlusskriterium gelten.47

Psychologische Eignungsprüfung

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Bei der psychologischen Eignungsprüfung geht es darum herauszufinden, ob die Bewerber „stabile Persönlichkeiten“ sind, ob sie in einer „stabilen Partnerschaft“ leben und welche Hoffnungen sie in Bezug auf ein Adoptivkind hegen. Der Kinderwunsch beinhalte immer auch ein egoistisches Motiv, so die Vermittlerinnen der Caritas/Diakonie, aber es dürfe nicht darum gehen, eigene Bedürfnisse durch das Kind auszuleben (Gespräch Caritas/Diakonie). Die Vermittler versuchen zu prognostizieren, ob die Bewerber ihr Adoptivkind auch in Krisenzeiten um seiner selbst willen lieben und akzeptieren könnten. Gemäß der Forderung der Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung der BAGLJÄ geht es jedoch auch darum, Belastbarkeit, Toleranz und Flexibilität der Bewerber zu überprüfen. (Vgl. BAGLJÄ 2006: 22)

In den Gesprächen des Eignungsverfahrens beziehen die Vermittler unterschiedliche Kommunikationsebenen in ihre Beurteilung mit ein. Nicht nur die Antworten der Bewerber werden als beurteilungsrelevant gewertet, sondern auch die Interaktion der Bewerber miteinander und mit dem Vermittler:

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Vermittlerin: „Auch wie sie sich hier in den Gesprächen präsentieren. Das sieht man ja… Das sind immer so zweistündige Gespräche, fünf Termine… wie die miteinander umgehen. Wie die sich im Gespräch präsentieren. Nicht, dass einer sagt: ‚Nun halt mal den Mund, ich bin jetzt dran!’“. (I-Senat_2)

Die Fachliteratur, wie auch die Vermittler selbst, bringen das Problem persönlicher Sympathien bzw. Antipathien zwischen Bewerbern und Vermittlern offen zur Sprache. Da die Vermittler sich in einer Machtposition gegenüber den Bewerbern, die auf ein Kind hoffen, befinden, fordert die BAGLJÄ von Vermittlern neben beruflicher Erfahrung und der Schaffung vertraulicher Gesprächssituationen hohe soziale Kompetenzen48: Es solle sich um „lebenserfahrene Menschen mit einer stabilen Persönlichkeit handeln“ (BAGLJÄ 2006: 8), die Eigenschaften wie Zuverlässigkeit, Empathie und Kommunikationsfähigkeit, Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit mitbringen müssten. Zudem sollten sie in der Lage sein, „das eigene Handeln, aber auch die Lebenssituation und das Handeln der anderen Beteiligten zu reflektieren, um eine fundierte Entscheidung im Interesse des Kindes treffen zu können“ (BAGLJÄ 2006: 9; Vgl. Hillegaart 1990). Gesetzlich ist vorgeschrieben, dass eine Vermittlungsstelle über mehr als einen mit der Adoptionsvermittlung beauftragen Mitarbeiter verfügen muss, damit Vermittler sich untereinander über ihre Eindrücke austauschen können. Auch soll Bewerbern dadurch ermöglicht werden, den Vermittler zu wechseln bzw. im Zweifelsfall von unterschiedlichen Personen beurteilt zu werden, um den Einfluss persönlicher Antipathien so gering wie möglich zu halten (§ 3 Abs. 2 Satz 1 AdVermiG). Beide Berliner Vermittlungsstellen entscheiden in Teamsitzungen mit allen ihren Vermittlern darüber, zu welchem Paar ein bestimmtes Kind am besten vermittelt werden könnte. Die Fähigkeit der Bewerber, sich auf ihren Vermittler einzustellen, wird jedoch auch als Indiz für ihre Flexibilität und Toleranz gewertet:

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Leiter der Vermittlungsstelle des Senats: „Es gibt fachliche Kriterien, von denen darf man auch nicht abweichen, es muss für jeden nachvollziehbar sein, was hier passiert und es darf auch nichts Sachfremdes hier einfließen. Aber… die Chemie zwischen den jeweiligen sollte schon irgendwie stimmen, sonst wird es richtig schwierig. Wir haben ja die Möglichkeit, wenn es ganz extrem ist, zu wechseln, aber das bringt meistens nicht viel. Auf ein Kind müssen Sie sich auch einstellen […].“ (I-Senat_1)

Die Vermittlungsgespräche stützen sich teils auf die Diskussion der einzelnen Fragebogenfragen, teils auf die Lebensberichte der Bewerber oder deren Genogramme. Die Vermittler lassen sich beispielsweise erzählen, wie die Bewerber ihre Kindheit erlebt haben und achten darauf, ob es erschütternde Beziehungsabbrüche im Leben der Adoptionsbewerber gab, die es ihnen vielleicht unmöglich machen, selbst die für das Adoptivkind notwendige Stabilität zu vermitteln. Die erziehungswissenschaftlichen und kinderpsychiatrischen Erkenntnisse, die beim Kind das Bedürfnis nach einem stabilen sozialen und emotionalen Umfeld zur gesunden Persönlichkeitsentwicklung voraussetzen, werden somit bei der psychologischen Beurteilung der Bewerber genutzt, um herauszufinden, ob es sich bei den Bewerbern selbst um stabile Persönlichkeiten handelt.

Auch aus der Beschreibung späterer Lebensphasen und einzelnen Lebensbereiche versuchen sich die Vermittler ein facettenreiches Bild der Persönlichkeit der Bewerber zu machen, indem möglichst viele unterschiedliche Faktoren berücksichtigt werden. Sei eine Phase bei einem Bewerber nicht gut verlaufen, müsse das nicht bedeuten, dass es sich nicht um eine stabile Persönlichkeit handle. Wichtig sei es, sich anzusehen, wie es danach weiterging und wie die Bewerber bisher schwierige Lebenssituationen bewältigt haben. Es wird darauf geachtet, ob es auf dem Bildungsweg Abbrüche gab und wie gegebenenfalls damit umgegangen wurde. Auch in Bezug auf Partnerschaften geht es den Vermittlern darum zu sehen, dass die Partner Schwierigkeiten in ihrer Beziehung gemeinsam bewältigt haben, und dass es beispielsweise vor der bestehenden Partnerschaft nicht mehrere Ehen gegeben habe, die aus unerfindlichen Gründen scheiterten. Im beruflichen Bereich wird darauf geachtet, ob die Bewerber sich als belastbar und verantwortungsvoll erweisen. (I-Senat_2)

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Um zu erkennen, ob Bewerber nach außen hin isoliert leben, oder ob ein Adoptivkind bei ihnen innerhalb eines unterstützenden sozialen Netzes groß werden könnte, wird auf Aussagen und Einstellungen in Bezug auf verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen geachtet. (I-Senat_2) Auch die Beschreibung der Freizeit- und Alltagsgestaltung sind für die Adoptionsvermittler relevant. Die Fragebögen beider Vermittlungsstellen fragen explizit danach, wie sich ein Kind in den Paaralltag integrieren lassen würde. Hier, wie auch beim Gesamteindruck des Bewerberpaares, legen die Vermittler ergänzend zu den Aussagen der Bewerber Wert auf ihren subjektiven Eindruck. Es spiele eine große Rolle, ob die Vermittler sich das Bewerberpaar als Eltern vorstellen könnten. Zeichne sich im Alltag der Bewerber beispielsweise ein zu dichtes Netz von Planungen ab, bei dem die Karriere im Vordergrund stehe, dann, so die Vermittlerinnen der Caritas/Diakonie, tendierten sie zu der Einschätzung, dass ein Kind in dieser Partnerschaft keinen Platz mehr habe. (Gespräch Caritas/Diakonie)

Bei der Beantwortung der Fragen des Eignungsverfahrens geht es den Vermittlern nicht nur darum, was die Bewerber antworten, sondern auch darum, wie die Paare sich mit den Fragen auseinandersetzen. Wiederum mit Hilfe kleiner Fallgeschichten versetzen die Vermittler die Bewerber in die Lage, sich eine mögliche Adoptionssituation konkret vor Augen zu führen und so ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie sie in einer entsprechenden Lage fühlen und reagieren würden. Den Vermittlern ermöglicht es die Reflexion über Fallgeschichten, sich ein komplexeres Bild von der Persönlichkeit der Bewerber zu machen. Um die Festigkeit der Entscheidung für die Adoption zu testen, wird das Bewerberpaar immer wieder danach befragt, wie es zu seinem Kinderwunsch komme, was es sich davon verspreche, welche Erwartungen es an das Adoptivkind habe und wie es mit adoptionsbedingten Problemen des Kindes umzugehen gedenke.

2.3 Ambivalente Botschaften: Adoption in Gesetzgebung und Praxis

Die Entwicklung der Adoptionsgesetzgebung im 20. Jahrhundert ist durch den Funktionswandel der Adoption von der Wahrung von Familienkontinuität zu einer Fürsorgeinstitution geprägt; das Kindeswohl wird damit zum Leitprinzip der Adoption. In diesem Zusammenhang passt sich das Modell der Adoptivfamilie durch die Kriterien für Adoptiveltern immer mehr dem Bild einer für natürlich erachteten bürgerlichen Kleinfamilie an: Der Altersabstand zwischen Adoptiveltern und -kindern wird dem zwischen biologischen Eltern und ihren Kindern angenähert. Im Gegensatz zum BGB von 1900, das die Adoption durch Einzelpersonen zur Erbensicherung für unproblematisch hält, beschränkt das Gesetz von 1976 die Adoption durch Einzelpersonen auf Ausnahmefälle, da das Kind sonst „in einer unvollständigen Familie“ aufwachsen „und entgegen der natürlichen Ordnung nur mit einem Familienstamm rechtlich verbunden“ (Staudinger/Frank (2001) §1741 Rn 50) sein würde. Mehr noch als im römischen Recht, das vorschrieb, der Sohn dürfe nicht älter sein als der Vater, gilt für die aktuelle Adoptionsgesetzgebung der aus dem Corpus Iuris Civilis übernommene und in ein heutiges Naturverständnis übersetzte Grundsatz „adoptio […] naturam imitatur“ (Inst. Iust. 1,11,4). Paragraph 1755 des BGB beschreibt die Auswirkung der Volladoption:

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„Mit der Annahme erlöschen das Verwandtschaftsverhältnis des Kindes und seiner Abkömmlinge zu den bisherigen Verwandten und die sich aus ihm ergebenden Rechte und Pflichten. Ansprüche des Kindes, die bis zur Annahme entstanden sind, insbesondere auf Renten, Waisengeld und andere entsprechende wiederkehrende Leistung, werden durch die Annahme nicht berührt; dies gilt nicht für Unterhaltsansprüche.“ (§ 1755 BGB)

Bis zur Adoption des Kindes entstandene finanzielle Ansprüche bleiben im Interesse des Kindes zwar bestehen, ansonsten werden jedoch alle bisherigen und zukünftigen Verbindungen zur Herkunftsfamilie gelöst. Das Adoptivkind wird durch Gesetzesbeschluss vollständig so in die Adoptivfamilie integriert, als sei es ein leibliches Kind der Adoptiveltern.

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Im Gegensatz zur gesetzlich suggerierten Eindeutigkeit der Verwandtschaftsstiftung durch Adoption drängt sich sowohl in den Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung der BAGLJÄ als auch in der Vermittlungspraxis der Eindruck auf, dass es sich bei Adoption doch um eine ‚Annahme an leiblichen Kindesstatt’ und nicht um eine der genetischen Verwandtschaft keine Bedeutung beimessende „Annahme als Kind“ handelt. BAGLJÄ und Vermittler verweisen ausdrücklich darauf, dass Abstammung und Herkunft des Kindes ein grundlegender Bestandteil seiner ‚Identität’ seien. Die Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung heben hervor, dass das Adoptivkind ein „schutzwürdiges, natürliches und rechtliches Interesse [daran habe, S.H.] zu wissen, wer seine Eltern sind“ (BAGLJÄ 2006: 39). Mit „Eltern“ sind an dieser Stelle die genetischen Eltern gemeint, deren Verwandtschaft zum Kind per Rechtsdefinition mit der Adoption „erloschen“ sein sollte. Neben dem grundgesetzlich verbürgten „rechtlichen“ Interesse, Informationen über die genetischen Eltern zu erhalten, habe das Kind auch ein „natürliches“ Interesse daran. Als rechtliches und damit kulturelles Arrangement steht die Adoption hier neben der ‚Naturgegebenheit’ biologischer Elternschaft. Die Empfehlungen der BAGLJÄ vermitteln geradezu den Eindruck, dass es ‚unnatürlich’ und Folge einer ‚behinderten Identitätsentwicklung’ wäre, würde das Adoptivkind oder der/die erwachsene Adoptierte sich nicht für seine/ihre Herkunftsfamilie interessieren.49

Auch durch das Vermittlungsverfahren wird die eindeutige rechtliche ‚Verwandtschaftsauflösung’ bzw. ‚Verwandtschaftsstiftung’ auf den ersten Blick ad absurdum geführt, denn gegenüber den ‚biologischen Fakten’ scheint die rechtliche Institution der Adoption nichts ausrichten zu können:

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Leiter der Vermittlungsstelle des Senats: „[…] Es ist nicht das eigene Kind, es ist ein fremdes Kind mit einer eigenen biologischen Geschichte, und da muss man sich eben gedanklich mit auseinander setzen. Muss ja nicht dramatisch sein. Aber sich dessen bewusst zu sein, keine eigenen Kinder zu haben, sondern von jemand Fremdem, die eine eigene Uhr haben, die auch irgendwie tickt, und dass man sich darauf gut einstellen muss. Das geht nicht anders. Das Bewusstsein: Du kannst noch so viel machen, es wird nicht dein eigenes.“ (I-Senat_1)

Das Kind hat eine „eigene biologische Geschichte“, also eine persönliche Biographie, die durch die Herkunftsfamilie bestimmt ist und auf Grund der biologischen Vererbung auch durch Gesetze nicht von ihr zu trennen ist. Es ist „fremd“ bzw. bringt etwas Fremdes in die Adoptivfamilie, das trotz der übernommenen Erziehungsverantwortung und Fürsorge im Alltag nicht zum Eigenen gemacht werden kann. Diese Geschichte des Kindes und das Erbgut des „Fremden“ hat seine eigene Dynamik, auf die die Adoptiveltern sich einstellen müssen, um das Kind in seiner Identitätsentwicklung nicht zu behindern. Obwohl sich also die Adoptionsgesetzgebung und mit ihr das Modell der Adoptivfamilie an der ‚natürlich’ gewachsenen, nicht durch assistierte Reproduktion entstandenen Familie orientiert, kann Adoption, wie sie von der BAGLJÄ und in der Vermittlungspraxis dargestellt wird, kein gleichwertiges Äquivalent zur biologische Familie sein. Dies bestätigt die These Egon Golombs und Helmut Gellers, dass „[g]erade der in den sexuellen Bezügen mitangelegte physiologisch-biologische Zusammenhang als Grundlage der inneren Homogenität der Familie und das damit zusammenhängende und darauf bezogene Rekrutierungsmuster über die Blutsbande der Filiation […] konstitutive Merkmale“ (Golomb/Geller 1992: 103), der Institution Familie böten. Die Trennung zwischen biologischer Elternschaft und sozialer Elternschaft führt, wie von Golomb/Geller konstatiert, zu einer „Institutionenkonkurrenz“ (Golomb/Geller 1992: 103) zwischen biologischer Familie und Adoptivfamilie, die die Adoptivfamilie in eine „psychologische Sondersituation“ (I-Senat_2) drängt.

Weder die BAGLJÄ noch die Mitarbeiter der Adoptionsvermittlungsstellen beabsichtigen, Adoptivfamilien als minderwertig gegenüber biologischen Familien zu disqualifizieren. So wie die Volladoption dem Adoptivkind durch die Ausrichtung am biologischen Familienmodell die größtmögliche rechtliche Absicherung und Lebensstabilität im Interesse des Kindeswohls gewährleisten soll, versuchen die Vermittler gerade durch die Betonung der Differenzen zur biologischen Familie für den Schutz des Kindeswohls zu sorgen. Denn nach Beobachtung der Vermittler orientieren sich mit dem Adoptionsgesetz auch die Adoptionsbewerber am Modell der biologischen Familie. Adoptionsbewerber sollen sich bewusst darauf einstellen, dass eine Selbstversicherung der Familieneinheit nicht über die in biologischen Familien für normal erachtete Feststellung genetisch vererbter Eigenschaften möglich ist:

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Vermittlerin: „[Es ist ein Kind] das ihnen nicht ähnlich sieht, das auch andere Wesensarten mitbringt, die vielleicht ganz fremd sind. Sie müssen mit der psychologischen Sondersituation umgehen, dass sie auf ein leibliches Kind, verzichten mussten. […] Adoptiveltern haben viele Themen, die bei allen Familien auftauchen: Wie man das Kind erzieht, wie man Regeln festlegt, wie man überhaupt Familienalltag strukturiert. Erziehungssituationen werden sich in diesen Familien ähneln. Aber Sie haben auch Themen, die bei leiblichen Familien nicht vorkommen. Die Fragen: Woher komme ich eigentlich? Warum bin ich weggegeben worden? Was bedeutet das eigentlich? Die ganze Aufklärung später, die ganze Begleitung dieses Kindes. Das haben eben nur Adoptivfamilien. Und für diese besondere Familiensituation müssen sie irgendwie gewappnet sein. Das bedeutet nicht, dass sie etwas Besonderes lernen müssen, aber sie müssen dafür eben eine Offenheit oder ein Bewusstsein mitbringen. Es geht nicht an, das unter den Teppich zu kehren und zu sagen: ‚Das wird schon, so, wie sonst auch.’ Das hilft uns nicht weiter, denn dann kann das Kind möglicherweise später nicht die Fragen stellen, die es fragen muss, um sich gesund zu entwickeln.“ (I-Senat_2)

Mit dem erklärten Ziel der Förderung des Kindeswohls berücksichtigt das von deutschen Adoptionsstellen vermittelte Adoptionsmodell psychologische und erziehungswissenschaftliche Erkenntnisse über die Bedürfnisse von Kindern sehr konsequent. Teil des ‚Programms’ zur Förderung des Kindeswohls ist zum einen die Ausrichtung des Modells der Adoptivfamilie an der ‚natürlich gewachsenen biologischen Familie’. Zum anderen ist es die Sensibilisierung der angehenden Adoptiveltern für die ‚identitätsbestimmende’ Bedeutung der Herkunftsfamilie für das Adoptivkind.

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Der Anthropologe David Schneider stellt in seiner Forschung die These auf, dass Verwandtschaft in der US-amerikanischen Vorstellung auf zwei – von ihm als „substance“ und „code for conduct“ bezeichneten – Elementen basiere.50 Im Rückgriff auf Schneider arbeitet die britische Anthropologin Janet Carsten in ihrer Forschung heraus, dass im Gegensatz zum rein biogenetisch definierten Substanzbegriff Schneiders in malaysischen oder ecuadorianischen Beispielen eine andere Vorstellung von „substance“ deutlich werde:

“If food is gradually transformed into blood in the body, and those who live together come to resemble each other as well as develop emotional closeness then in the long term this is surely a quite literal process of creating kinship. […][In Ecuador,] [a]s in the Malaysian case, there is a local emphasis on feeding in the creation of kinship – the [Ecuadorian, S.H.] Zumbagua family consist of those who eat together [. . .]. Once again, because flesh is locally conceived as formed from food, bodies and substance become linked through prolonged feeding. And so, over time, those who live and eat together come to share flesh and to resemble each other physically. ”  (Carsten 2004: 139)

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Gleichzeitig kritisiert Janet Carsten auf der Basis ihres eigenen Forschungsmaterials die These David Schneiders, dass Verwandtschaft in der US-amerikanischen Gesellschaft immer biogenetisch definiert sei. Am Beispiel der unterschiedlichen Beweggründe von ihre Herkunftsfamilie suchender Adoptierter lasse sich zeigen, dass Verwandtschaftsvorstellungen in den meisten Fällen eine ‚flexible Choreographie’ zwischen vielen unterschiedlichen Faktoren beinhalte, die nicht immer eindeutig als ‚sozial’ oder ‚biologisch’ bezeichnet werden könnten. (Carsten 2004: 165, 187) Mit Blick auf die Adoptionsgesetzgebung und -praxis in Deutschland lässt sich sagen, dass „substance“ aus juristischer und Vermittlerperspektive nicht von biogenetischer Verwandtschaft zu trennen ist. Soziale Verwandtschaft kann auch durch langjähriges Zusammenleben nicht zu biologischer Verwandtschaft werden, wie ich an den obenstehenden Vermittlerzitaten herausgearbeitet habe. Darum bleibt es trotz der adoptionsrechtlichen Gleichstellung sozialer Elternschaft mit biologischer Elternschaft aus Sicht der Adoptionsvermittler und des fachwissenschaftlichen Diskurses notwendig, das für seine Identität konstitutive Recht des Adoptivkindes auf Kenntnis seiner genetischen Abstammung immer wieder hervorzuheben.

In ihrer 1994 erschienen Adoptionsstudie kommt die Sozial- und Kulturanthropologin Judith Modell zu dem Schluss, dass Adoption in den USA vor allem seit den 1950er Jahren ‚wirkliche’ Verwandtschaft imitiere. Das Ziel von Adoptivfamilien sei es, so nah wie möglich an das Vorbild heranzukommen. Diese, von Judith Modell als „as if kinship“ (Modell 1994: 14) bezeichnete Beziehung zieht ihr zufolge alle Beteiligten in ein Paradoxon: Das Kind wird von den Adoptiveltern ‚erwählt’, die Geburt wird verdrängt, da sie auf die Existenz einer biologischen Verbindung verweist, die zwischen Adoptiveltern und Kind nicht besteht. Die Herkunftsmutter hat zwar ein Kind entbunden, soll es jedoch vergessen, da es zum Kind anderer Eltern wird. Sie ist eine Mutter ohne Kind. Die Adoptiveltern dagegen sind Eltern ohne Schwangerschaft und Geburt in einer Gesellschaft, in deren kultureller Vorstellung ‚Blut’ bzw. biogenetische Verwandtschaft die entscheidende Determinante für Elternschaft ist. (Modell 1994: 132, 226-228) Durch die Konkurrenz zur biologisch basierten Verwandtschaft entstünden ‚wirkliche’ und ‚unwirkliche’ Eltern. Offene Adoptionen, so Judith Modell über die US-amerikanische Gesellschaft, seien bedrohlich, weil die ‚Wahl’ eines Kindes die Möglichkeit der Ablehnung oder Trennung von Familienmitgliedern impliziere. (Modell 1994: 231-235, 237) Die Orientierung am Ideal der biologisch basierten Kleinfamilie habe ich auch für die deutsche Adoptionspraxis herausgearbeitet: Im Zuge präventiver Maßnamen wird die biologisch basierte bürgerliche Kleinfamilie als normierende Instanz bestätigt und verschärft so die „psychosoziale Sondersituation“, in der sich Adoptivfamilien befinden. Bewerber, die durch Adoption Familienmodelle anstreben, die von der Norm der bürgerlichen Kleinfamilie abweichen, wie beispielsweise gleichgeschlechtliche Partnerschaften oder in Wohngemeinschaften lebende Paare, werden in der Berliner Adoptionspraxis von der Adoptionsvermittlung ausgeschlossen. In dem von psychologischem, erfahrungswissenschaftlichem und juristischem Wissen geprägten Adoptionsdiskurs entsteht das Bild eines Kindes, das von Mangelerfahrungen ‚gezeichnet’ ist und durch die Freigabe zur Adoption einen oder mehrere Brüche im Leben erfahren hat: Die Trennung von der leiblichen Mutter bzw. den leiblichen Eltern ist für das Kind eine große Belastung, weil sie zum einen den Verlust von Bezugspersonen und der vertrauten Umgebung nach sich zieht und zum anderen eine ‚gesunde Persönlichkeitsentwicklung’ erschweren kann, da ‚Identität’ sich zu einem wesentlichen Teil über die biologische Familie konstituiert. (Vgl. Wiemann 1994: 161; Wiemann 2001: 109-111) Im Interesse der Prävention, so die Schlussfolgerung, die der Fachdiskurs nahe legt, müssen dem ohnehin traumatisierten Kind mögliche ‚Zusatzbelastungen’ – beispielsweise durch ‚unkonventionelle Lebensformen’ – erspart werden. Während Judith Modell jedoch von einer Verdrängung der fehlenden ‚biologischen Basis’ in US-amerikanischen Adoptivfamilien spricht, werden Adoptionsbewerber und -eltern in Deutschland – ebenfalls aus präventiven Erwägungen heraus – durch die Vermittlungspraxis immer wieder gezwungen, sich mit der Adoptionsvergangenheit ihrer Kinder auseinander zu setzen. Halboffene Adoptionsformen werden in Deutschland ausdrücklich befürwortet und zumindest gesetzlich sind Adoptivfamilien biologischen Familien gleichgestellt. Dennoch hat die Orientierung der Adoptivfamilie am Vorbild der biologischen Familie zur Folge, dass (angehende) Adoptivfamilien sich immer wieder mit einem Diskurs über adoptionsbedingte Defizite befassen müssen. Dies erschwert es der Adoptivfamilie sich aus dem Schatten der biologischen Familie zu lösen und von einem defizitären Imitat zu einer Familienform zu werden, die selbstbewusst zu ihrem ‚Anders sein’ steht. Das Ideal der biogenetisch basierten bürgerlichen Kleinfamilie, aber auch die Sonderrolle als Eltern, die ein Eignungsverfahren durchlaufen mussten, konfrontiert Adoptiveltern mit Widersprüchlichkeiten und Erwartungsvorstellungen, aus denen sie für sich Sinn machen müssen und mit denen sie lernen müssen umzugehen.


Fußnoten und Endnoten

18  Beispielsweise Erdmute Albers Forschung über Nord-Benin oder Melissa Demians und Astrid Andersons Forschungen über Papua Neuguinea (Vgl. Alber 2004; Demian 2004; Anderson 2004).

19  Janet Carsten entnimmt dieses Beispiel einer 1995 veröffentlichten Studie der US-amerikanischen Anthropologin Mary Weismantel. (Vgl. Carsten 2004: 139f.)

20  Der Begriff der Institution bezeichnet in diesem Zusammenhang ein Regelsystem, das für Stabiliät in zwischenmenschlichen Interaktionen sorgt, bzw. eine bestimmte soziale Ordnung hervorruft. (Vgl. Voss 2001)

21  Filiation ist die „Beziehung eines Individuums zu Vater und Mutter unabhängig von der kulturspezifischen Abstammung“ (Hirschberg 1999: 126).

22  Auf den Begriff der Identität werde ich im Kapitel 2.1.4 über die Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung der BAGLJÄ noch eingehen.

23  Grundlage für die moderne Adoptionsentwicklung war die Sammlung römischen Rechts des Kaisers Justinian (Corpus Iuris Civilis von 534). Vgl. Golomb/Geller 1992: 65.

24  Auch in der Antike und im Mittelalter gilt der unbefugte Eintritt in den Bereich des Hauses als Vergehen. Die Konzentration des familiären Lebens auf den innerhäuslichen Bereich, ermöglicht nun die stärkere Ausbildung einer familiären Privatsphäre. Handlungen im Haus, so der Historiker Andreas Gestrich, sind Privatsache. Sie sind sowohl der Kenntnis Außenstehender als auch der Kontrolle der öffentlichen Rechtsordnung bis zu einem gewissen Grad entzogen. Der Schutz der Privatsphäre gilt im 19. Jh. als eines der Grundrechte, das besonders liberale Politiker verteidigen. (Gestrich 2003: 463f.)

25  Den Begriff des Kindeswohls werde ich im Kapitel 2.1.2 genauer untersuchen.

26  Wittland-Mittag 1992: 13f., 25-27; zu den Adoptionszahlen Golomb/Geller 1992: 139. Der Anteil der Verwandtenadoptionen ist in den Zahlen zum Deutschen Reich und der Weimarer Republik nicht angegeben, im Verhältnis zu aktuellen Adoptionszahlen war der Anteil von Fremdadoptionen jedoch wahrscheinlich höher. Verwandtenadoptionen machten bis in die 1970er Jahre nur ein Viertel der Adoptionen aus, während sie heute ungefähr die Hälfte aller Adoptionen ausmachen. Golomb/Geller sehen die Zunahme von Verwandtenadoptionen als Ergebnis der Neu- und Umorganisation von Familien im Zusammenhang mit gewachsenen Scheidungszahlen. (Golomb/Geller 1992: 140).

27  Näheres dazu Wittland-Mittag 1992: 14f., 28-30; Golomb/Geller 1992: 139.

28  In der DDR werden Adoptionen seit Inkrafttreten des Familiengesetzbuches 1966 als Volladoptionen ausgestaltet, die Inkognitoadoption ist ausdrücklich vorgesehen und eine Adoptionsfreigabe des Kindes vor Bestimmung der zukünftigen Adoptiveltern ist möglich. (Staudinger/Frank (2001) Vorbem zu §§1741ff Rn. 19-22) Im Folgenden werde ich nicht weiter auf die Adoptionsregelungen der DDR eingehen, da sich die für meine Interviewpartner relevanten Vermittlungsstellen und Regelungen aus den gesetzlichen Entwicklungen in der BRD herleiten.

29  Vor Einführung der Volladoption blieb das Adoptivkind gesetzlich mit der leiblichen Familie verwandt und war rechtlich nicht mit den Familienangehörigen der Adoptiveltern verbunden. Mit dem Gesetz von 1976 werden die Rechtsbeziehungen zwischen Kind und Herkunftsfamilie vollkommen gelöst und dem Adoptivkind der Status eines leiblichen Kindes mit allen Rechten und Pflichten verliehen. Während die Adoption früher durch einen zivilrechtlichen Vertrag zwischen Angenommenen und Annehmenden vereinbart wurde, bei dem bestimmte Vertragsbedingungen frei verhandelbar waren, wird sie seit 1976 durch einen Gerichtsbeschluss ausgesprochen und hat damit eine stärkere Rechtswirkung. Die Möglichkeit, eine Adoption wegen Begründungsmängeln oder wegen späteren Scheiterns aufzuheben, wird damit auf seltene Ausnahmefälle begrenzt und ist fast ausschließlich durch eine nachgewiesene Gefährdung des Kindeswohls zu begründen. Sollte es dennoch zur Aufhebung einer Adoption kommen, erlischt das Verwandtschaftsverhältnis zur Adoptivfamilie und das Verwandtschaftsverhältnis zur leiblichen Familie lebt wieder auf. (Vgl. §§ 1761, 1763f. BGB; Staudinger/Frank (2001) Vorbemerkung zu §§ 1741ff. Rn 7-11, § 1743 Rn 1-3; Wittland-Mittag 1992: 17f.; Schröder 2003: 84f.)

30  Die für die Adoptionsvermittlung relevanten Vorschriften finden sich in den Paragraphen 1741 bis 1766 des Bürgerlichen Gesetzbuches, in der seit 2002 in Deutschland ratifizierten Haager Adoptionskonvention, im 2002 in Kraft getretenen Adoptionsvermittlungsgesetz und in den Empfehlungen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter (BAGLJÄ). Im Folgenden werde ich jedoch nur auf ausgewählte Aspekte der Regelungen zur Adoptionsvermittlung eingehen, die meine Interviewpartner betreffen und für meine Forschung interessant sind. Regelungen zu Auslandsadoptionen, Verwandten- und Stiefkindadoptionen oder zur Volljährigenadoption sowie die genauen Vorschriften, wie die Freigabe eines Kindes zur Adoption zu erfolgen hat, kann ich im Rahmen dieser Arbeit nicht berücksichtigen.

31  Eine Ausnahme kann gemacht werden, wenn der jüngere der Ehepartner noch nicht 21 Jahre alt ist.

32  Diese Angaben beziehen sich auf die Fremdadoption. In eingetragenen homo- oder heterosexuellen Lebenspartnerschaften können nach § 9 Abs. 7 LPartG die leiblichen Kinder der Partnerin oder des Partners durch die andere Partnerin oder den Partner adoptiert werden. Ein Elternstatus für beide Partner ist also nur möglich, wenn eine Partnerin bzw. ein Partner die – aus heterosexuellen Beziehungen oder durch Insemination (Spendersamen) gezeugten – Kinder der anderen Partnerin oder des Partners adoptiert. (Vgl. BAGLJÄ 2006: 24)

33  In der fünften Auflage der Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung wurden in erster Linie Ergänzungen bezüglich gesetzlicher Änderungen eingefügt und kleinere Formulierungen überarbeitet. Inhaltlich wurde wenig verändert. Um die Aktualisierungen mit einzubeziehen, zitiere ich im Weiteren aus der 5. Auflage vom November 2006 (ausgewiesen mit „BAGLJÄ 2006“), sofern ich auf Änderungen eingehe, die der neuen Gesetzeslage geschuldet sind, oder wenn der Inhalt der 4. und der 5. Auflage gleichgeblieben ist. Soweit Aussagen der 4. Auflage jedoch in der 5. Auflage gekürzt wurden, zitiere ich aus der 4. Auflage (ausgewiesen mit „BAGLJÄ 2003), da die 5. Auflage erst nach Abschluss der Eignungsverfahren meiner Interviewpartner in Kraft trat.

34  Wenn ich im Folgenden den Begriff ‚Identität’ verwende, dann beziehe ich mich auf dieses von der BAGLJÄ und auch in den Berliner Adoptionsvermittlungsstellen vertretene Verständnis von ‚Identität’. ‚Identitätskomponenten’, die über die Kinder- und Jugendphase hinaus „verhandelba[r]“ (Kaschuba 2003: 134) bleiben, sind für diesen Identitätsbegriff irrelevant. (Im Gegensatz zum Identitätskonzept der Europäischen Ethnologie, das „Identität als soziale Praxis“, als „Umsetzen allgemeiner Regeln und Vorstellungen des eigenen So-Seins in konkretes kommunikatives und interaktives Verhalten“ versteht, „das sich mit jeder Veränderung der Situation wiederum selbst verändert“. (Kaschuba 2003: 135; Vgl. ebd: 132-136).

35  Abgesehen von diesen Straftaten seien „eventuelle Vorstrafen kein genereller Hinderungsgrund für die Vermittlung eines Kindes“, so die BAGLJÄ, sie erforderten jedoch eine „besonders gründliche Prüfung“ der Bewerber (BAGLJÄ 2006: 25).

36  Die Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung von 2003 führen noch die Kategorie nicht weiter spezifizierter persönlicher, beruflicher, religiöser oder weltanschaulicher „besonderer Lebensformen“ (BAGLJÄ 2003: 18) auf. Die Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung fordern in diesem Zusammenhang eine genaue Prüfung, inwieweit diese „besonderen Lebensformen“ sich „auf die Integration des Kindes in das Familiensystem und das außerfamiliäre Umfeld auswirk[en]“ (BAGLJÄ 2003: 18). In der überarbeiteten Auflage von 2006 wurde dieser Absatz gestrichen. Sofern „besondere Lebensformen“ sich jedoch auf hetero- und homosexuelle uneheliche Partnerschaften beziehen, wird die Notwendigkeit einer besonderen Prüfung des Kindeswohls auch in der aktuellen Auflage hervorgehoben.

37  Die angegebenen Werte stammen vom statistischen Amt der Europäischen Kommission (Eurostat) und beziehen sich auf den Anteil nichtehelich Lebendgeborener an allen Lebendgeburten in Deutschland. In der gesamten EU liegt der durchschnittliche Anteil an unehelich geborenen Kindern mit knapp 32 Prozent noch etwas höher. (http: //epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page?_pageid=1996,39140985&_dad=portal&_schema=PORTAL&screen=detailref&language=de&product=Yearlies_new_population&root=Yearlies_new_population/C/C1/C12/cab13584)

38  Zudem ist nicht zu vernachlässigen, dass Kinderwunsch-Kliniken und -praxen wirtschaftliche Unternehmen sind, deren ökonomischer Gewinn von der Anzahl der durchgeführten Kinderwunschbehandlungen abhängt, während Adoptionsvermittlungsstellen nicht auf ökonomischer Basis arbeiten. Während der Patient in der Kinderwunsch-Klinik zum ‚Kunden’ wird, ist der Adoptionsbewerber ein ‚Bittsteller’. Auf die weiteren Implikationen eines ‚Kundenstatus’ für die Kinderwunschbehandlung kann ich in dieser Arbeit leider nicht weiter eingehen, was die Abgrenzung von einer ‚Kundeneinstellung’ für Adoptionsbewerber und Adoptiveltern bedeutet, werde ich jedoch im Kapitel 3.4 weiter ausführen.

39  Beispielsweise die Samenspende oder die in Deutschland verbotene Eizellspende.

40  Zu meiner Sprachregelung bezüglich der Mitarbeiter der Adoptionsvermittlungsstellen in Berlin siehe Fußnote 3.

41  Seit 1970 existierte in Berlin eine Adoptionsvermittlungsstelle des Diakonischen Werkes, 1978 wurde die Adoptionsvermittlungsstelle des Caritasverbandes gegründet, die im gleichen Jahr mit der Adoptionsvermittlungsstelle der Diakonie zusammengelegt wurde.

42  Vgl. auch Wittland-Mittag 1992: 199-227.

43  Beispielsweise gab die Zentrale Adoptionsvermittlungsstelle Berlin-Brandenburg den Berliner Adoptionsvermittlungsstellen die Möglichkeit, in unterschiedlichen Fortbildungen intensiv mit der psychologischen Adoptionsexpertin Irmela Wiemann zusammenzuarbeiten.

44  Z.B. Irmela Wiemann 1994 und Irmela Wiemann 2001.

45  Vgl. Fußnote 2.

46  Die Beteiligten treffen sich dabei in der Vermittlungsstelle, ohne dass sie voneinander Nachnamen, Wohnort oder andere Informationen erhalten, anhand derer sie ungewollt ausfindig gemacht werden könnten.

47  Im Kapitel 3.4 werde ich diesen Aspekt genauer untersuchen.

48  In welcher Form diese Kompetenzen bei Adoptionsvermittlern überprüft werden, lässt sich den Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung leider nicht entnehmen.

49  Vgl. hierzu Katarina Wegars Forschung zur US-amerikanischen Debatte über das gesetzliche Verbot der Einsicht Adoptierter in ihre Geburts- und Adoptionsakten. Wegar kommt zu dem Ergebnis, dass die Regelung der sealed birth records zwar durch eine Überbewertung biologischer Verwandtschaft entstanden sei, auch deren Gegner biologische Verwandtschaft jedoch dadurch überbewerteten, dass sie die ‚Wurzelsuche’ zum Pflichtprogramm in der Identitätsfindung jedes Adoptierten erklärten. (Wegar 1996)

50  “It is a fundamental premise of the American kinship system that blood is a substance and that this is quite distinct from the kind of relationship or code for conduct which persons who share that substance, blood, are supposed to have. It is precisely on this distinction between relationship as substance and relationship as code for conduct that the classification of relatives in nature, relatives in law and those who are related in both nature and in law, the blood relatives, rests. […] These two elements, substance and code for conduct, are quite distinct. Each can occur alone or they can occur in combination.” (Schneider 1980: 91)



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06.08.2008