3 Entwicklungsprozesse durch das Adoptionsverfahren

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Die deutsche Adoptionsgesetzgebung und die Empfehlungen der BAGLJÄ zur Adoptionsvermittlung schaffen einheitliche Rahmenbedingungen für Inlandsadoptionen in Deutschland, mit denen angehende Adoptiveltern konfrontiert werden und die sie prägen. Die ausformulierten Eignungskriterien für Adoptionsbewerber werden im Adoptionsverfahren zu Normen, aus denen Standards51 abgeleitet werden, an denen Bewerber im Adoptionsverfahren gemessen werden. Im Folgenden werde ich am Beispiel dreier (angehender) Adoptivelternpaare52 untersuchen, wie sich das Adoptionsverfahren in Berlin konkret gestalten kann, welche Entwicklungsprozesse dabei ausgelöst werden und welche Folgen dies für das Selbstverständnis der (angehenden) Adoptiveltern hat.

3.1 Schmieds – Der Entwicklungsprozess im Eignungsverfahren

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Herr und Frau Schmied sind mit Anfang 30 wesentlich jünger als der Durchschnitt der Adoptionsbewerber.53 Frau Schmied ist als Industriekauffrau in einer Firma angestellt, Herr Schmied arbeitet als Nachrichtentechniker. Beide kommen aus Ostdeutschland und sind wegen eines guten Stellenangebots für Herrn Schmied nach Berlin gezogen. Im Vergleich zu den meisten meiner anderen Interviewpartner, haben sich Schmieds wenig mit der Adoptionsthematik auseinander gesetzt, bevor sie sich bei einer der Berliner Vermittlungsstellen beworben haben. Die von den Vermittlungsstellen intendierte Sensibilisierung für bestimmte Adoptionsfragen lässt sich darum an ihrem Beispiel gut zeigen.

Schmieds wohnen in einem Mehrfamilienhaus mit Garten. Zum Zeitpunkt der Interviews haben sie sechs Gespräche mit ihrer Adoptionsvermittlerin in anderthalb Jahren hinter sich gebracht und befinden sich gerade am Beginn der Wartephase. Die von ihrer Vermittlerin angekündigte zweijährige Wartezeit bis zur Vermittlung eines Kindes empfinden sie zwar als „Dämpfer“ (I-Schmied_1), insgesamt sind Schmieds jedoch zunächst einfach erleichtert, dass sie die Vermittlungsgespräche überstanden haben und nun anerkannte Adoptionsbewerber sind. Beide Interviews mit Schmieds finden in gelöster Stimmung bei Tee und selbstgebackenem Kuchen in ihrem Garten statt.

Der Weg zur Adoptionsbewerbung verläuft bei Schmieds wie bei den meisten Adoptionsbewerbern. Das sei eben der „normale Werdegang“ (I-Schmied_1), so Frau Schmied:

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Frau Schmied: „Man lernt einen Job, sucht sich einen Job, arbeitet ein paar Jahre und irgendwie passiert es dann und wenn es nicht passiert, dann macht man sich langsam Gedanken.“ (I-Schmied_1)

Schmieds lernen sich während der Ausbildung kennen und wünschen sich gemeinsame Kinder, sobald sie sich beruflich bzw. finanziell ausreichend abgesichert fühlen. Wie die meisten meiner Interviewpartner beginnen sie eine reproduktionsmedizinische Behandlung, als auch nach längerer Wartezeit keine Schwangerschaft eintritt. Nach mehreren erfolglosen Versuchen der künstlichen Befruchtung brechen sie die Behandlung jedoch ab, da sie sich von weiteren Versuchen nur geringe Erfolgschancen versprechen. Der Gedanke zu adoptieren, sei „automatisch“ gekommen. “Es gab ja bloß noch die Lösung Adoption“ (I-Schmied_1), so Herr Schmied. Als sie dies der sie behandelnden Ärztin gegenüber erklären, erhalten sie von ihr einen Zettel mit den Adressen der Berliner Adoptionsvermittlungsstellen. Außerdem verfasst die Ärztin für Schmieds ein Schreiben, in dem sie der Vermittlungsstelle erklärt, dass das Paar die künstliche Befruchtung beendet habe und eine bevorzugte und schnelle Adoptionsvermittlung ärztlich zu befürworten sei. Frau Schmied erzählt, zu ihrem ersten Termin bei der Adoptionsvermittlungsstelle seien sie sehr zuversichtlich mit der Einstellung gegangen:

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„Wir sind noch jung, wir sind eigentlich ein perfektes Pärchen, weil wir eine Wohnung haben, einen Job, wir haben keinen [polizeilichen] Eintrag und alles toll bei uns […].“ (I-Schmied_1)

Das erste Treffen verläuft für beide jedoch schockierend. Als Schmieds der Vermittlerin ihr ärztliches Schreiben zeigen, „[d]a hat sich unsere Sozialarbeiterin erstmal halb kribbelig gelacht und gesagt, das muss sie sich kopieren, das hat sie ja noch nie gesehen!“ (I-Schmied_1). Die Vermittlerin fragt Schmieds, was für ein Kind sie sich für sich vorstellen würden. Schmieds versuchen humorvoll zu reagieren, indem sie offensichtlich ironisch antworten: „Ein blondes Kind mit blauen Augen, sportlich“ (I-Schmied_1). Die Vermittlerin überhört die Ironie und kontert, dass sie sportliche Kinder nicht vermitteln würde.

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Anstatt schon Daten des Paares aufzunehmen, schreibt die Vermittlerin – dadurch, dass sie am Tisch dicht beieinander sitzen, für beide sichtbar – auf einem Schmierzettel mit, wer von ihnen wie auf ihre Fragen reagiert. Schließlich schickt die Vermittlerin sie mit den Worten nach Hause, sie sollten sich noch einmal überlegen, ob sie wirklich adoptieren wollten. Schmieds verlassen das Gespräch stark verunsichert. Sie erinnern sich:

Herr Schmied: [W]ir sind da wirklich rausgegangen und haben gedacht…“

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Frau Schmied: „… wir sind im falschen Film“

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Beide: „Wollen wir überhaupt noch oder wollen wir nicht?“ (I-Schmied_1)

Eigentlich sind sie weiterhin entschlossen zu adoptieren, sie trauen sich jedoch nicht, sofort einen neuen Termin zu machen, da die Vermittlerin ja gemeint hatte, sie sollten noch mal nachdenken. Sie warten eine Woche und vereinbaren dann telefonisch den zweiten Gesprächstermin. Aus der Mitschrift im ersten Treffen und auch aus Bemerkungen in den späteren Gesprächen schließen Schmieds, dass der Vermittlerin das Engagement beider Partner für eine Adoption sehr wichtig sei. Darum achten sie darauf, die Telefonate mit ihr immer abwechselnd zu führen.

Beim zweiten Termin ist die Vermittlerin sehr viel freundlicher. Schmieds meinen, sie habe ihnen nun endlich geglaubt, dass es ihnen ernst mit der Adoption sei. Die Vermittlerin nimmt ihre Daten auf und sie beginnen mit den im Verfahren vorgesehenen Gesprächen. Als es darum geht, bis zu welchem Alter Schmieds ein Kind annehmen würden, geben sie als Obergrenze zunächst drei Jahre an. Als sich jedoch im weiteren Gespräch herausstellt, dass sie im Alltag kaum Kontakt zu Familien mit Kleinkindern haben, gibt die Vermittlerin ihnen die ‚Hausaufgabe’, zu Adoptionsvorbereitungskursen und den Treffen der Berliner Adoptionsselbsthilfegruppe zu gehen, um sich über Adoptivkinder zu informieren. Außerdem sollen sie nach Möglichkeit Orte aufsuchen, wo Kinder sind, um „Erfahrung [zu, S.H.] sammeln“ (I-Schmied_1) und besser einschätzen zu können, wie weit Kinder in welchem Alter entwickelt sind.

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Schmieds gehen zu mehreren Treffen von Adoptivfamilien. Bei diesen Gelegenheiten erleben sie sowohl Adoptiveltern mit Säuglingen, als auch mit älteren Kindern. Von den Adoptiveltern lassen sie sich erzählen, wie es ihnen ergangen ist. Ein Junge, der als Kleinkind adoptiert wurde und Schmieds zufolge vor seiner Adoption “schon so einiges hinter sich gehabt“ (I-Schmied_1) habe, hält Herrn Schmied bei einem dieser Treffen in Atem. Durch eine Bekannte erhalten Schmieds sogar die Möglichkeit, einen Nachmittag lang den Kindern in einem Kinderheim beim Spielen zuzusehen. Die Erzieherin erklärt ihnen die Probleme der Kinder in den unterschiedlichen Altersstufen und ob bzw. aus welchen Gründen bei ihnen Entwicklungsverzögerungen feststellbar sind. Beim nächsten Termin mit ihrer Vermittlerin ziehen sie ihre Bereitschaft zur Adoption eines Kindes bis zum Alter von drei Jahren zurück und lassen sich für die Altersgruppe der Säuglinge bis zu einem Jahr vormerken.

Als neue ‚Hausaufgabe’ erhalten Schmieds den Fragebogen der Vermittlungsstelle, den sie ausgefüllt zum nächsten Gesprächstermin mitbringen sollen. Ein großer Fragenblock bezieht sich auf die Vorgeschichte und die möglichen Krankheiten oder Behinderungen von Adoptivkindern. Schmieds müssen erklären, welche potenziellen Probleme sie glauben bewältigen zu können und welche nicht. Die Vermittlerin macht jedoch deutlich, dass die Ablehnung von Behinderungen und Krankheiten eines Kindes gut begründet sein müssten:

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Herr Schmied: „[…] Wie hat sie gesagt? ‚Wir wollen ja nicht bloß Adoptiveltern, die ein gesundes Kind adoptieren wollen, sondern welche, die sich etwas zutrauen.’ […] Das ist was, wo man dann schon schluckt.“ (I-Schmied_1)

Zuhause beantworten Schmieds die betreffenden Fragen dahingehend, dass sie mit ‚kleineren physischen Fehlbildungen’, die durch therapeutische Förderung oder medizinische Behandlungen „reparabel“ (I-Schmied_1) seien, ‚kein Problem’ hätten. Beim nächsten Gesprächstermin hinterfragt die Vermittlerin ihre Antworten im Fragebogen jedoch noch einmal in Bezug auf konkrete Behinderungsformen und dabei stellt sich heraus, dass Schmieds bei den meisten Behinderungen nicht einschätzen können, wie sie sich auswirken. Um sicher zu gehen, dass Schmieds sich über die Konsequenzen ihrer Wahl im Klaren sind, gibt die Vermittlerin ihnen Aufklärungsbroschüren über den Einfluss von Alkoholkonsum und Drogen in der Schwangerschaft mit nach Hause und rät ihnen, einen Kinderarzt zu besuchen, um sich ein genaueres Bild über den Effekt möglicher Schäden und Fehlbildungen zu machen.

Auch diese Anregung ihrer Vermittlerin greifen Schmieds auf und lassen sich einen Kinderarzttermin für ein Beratungsgespräch geben. Der Kinderarzt rät ihnen davon ab ein Kind zu nehmen, das vermeintlich harmlose äußere Fehlbildungen habe. Mit jeder Fehlbildung am Körper wie Klumpfuß, Hasenscharte, Wolfsrachen oder Gaumenspalte, gehe zu einem hohen Prozentsatz auch ein „schwer wiegenderes Syndrom“ (I-Schmied_1) einher, das man im Säuglingsalter noch gar nicht feststellen könne. Frau Schmied beschreibt den Kinderarzt sogar als „erbost“ (I-Schmied_1) darüber, dass von Adoptiveltern gefordert werde, behinderte Kinder aufzunehmen. Sie gibt den Kinderarzt mit den Worten wieder:

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„Wir hätten es doch schon schwer genug, versuchen und machen und tun um ein Kind zu kriegen, da haben wir doch verdammt noch mal auch das Recht, ein gesundes Kind zu bekommen. Warum sollen wir uns da mit einem halbkranken Kind abgeben?“ (I-Schmied_1)

Auf der einen Seite spricht der Arzt Schmieds aus der Seele, denn, was sie im Adoptionsverfahren „über [sich] ergehen lassen müssen“, empfinden sie als „krass“ (I-Schmied_1). Auf der anderen Seite ist Schmieds jedoch klar, dass die Vermittlungsstelle auch für kranke Kinder Familien finden will. Dennoch streichen sie nach diesem Arztbesuch die meisten Krankheiten von ihrer ‚Akzeptanzliste’, denn „je tiefer man in die Materie hineinschaut“, so Herr Schmied, „desto bewusster wird einem, was dahinter steckt, was noch kommen kann, gerade bei Krankheiten“ (I-Schmied_1).

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Insgesamt fällt es Schmieds sehr schwer, den Fragebogen auszufüllen:

Herr Schmied: „Wenn man da hingeht als Pärchen, weiß man ja schon, dass die da einiges verlangen, dass man sich etwas zutrauen sollte. Und wenn man dann diesen Fragebogen ausfüllt ist schon der Druck da, was schreibt man jetzt dahin? Vor allen Dingen: Man will ja was. Und dann kann man ja auch denken: Musst du das jetzt hinschreiben, damit du ein Kind kriegst oder kannst du wirklich ehrlich sein und sagen ‚geht nicht’? Also, es ist schon psychologisch nicht einfach, diesen Fragebogen auszufüllen.“ (I-Schmied_1)

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Herr Schmied spricht an dieser Stelle aus, was sehr viele Adoptionsbewerber belastet: Eigentlich wünschen sich Schmieds einen gesunden Säugling und fühlen sich auch nach dem Besuch beim Kinderarzt von den meisten anderen Behinderungen überfordert. Gleichzeitig signalisieren ihnen der Fragebogen und die Vermittlerin aber von Anfang an sehr deutlich, dass von Adoptionsbewerbern die Bereitschaft zur Toleranz und Offenheit gegenüber Kindern, die nicht diesem Wunschbild entsprechen, gefordert wird. Indem sie sich bereit erklären, etwas ältere oder leicht körperlich behinderte Kinder aufzunehmen, versuchen sie dem Anspruch an „belastbare Eltern, die sich etwas zutrauen“ zu genügen. Als die Vermittlerin sie jedoch auffordert, sich in Bezug auf konkrete Beispiele klar zu machen, ob sie sich den Umgang damit zutrauen würden, werden sie vor allem durch die rigorose Schilderung des Kinderarztes eingeschüchtert. Bei vielen Faktoren, die sie sich vorher zugetraut hätten, seien sie durch die genauere Beschäftigung mit dem Thema zu dem Schluss gekommen, dem nicht gewachsen zu sein, so Frau Schmied. Im Sinne gelungener Prävention durch das Adoptionsverfahren gestehen Schmieds sich und der Vermittlerin ein, dass sie sich mit älteren und behinderten Kindern potenziell überfordert fühlen würden. Die Angst davor, am Ende an der Erziehung des Kindes zu scheitern, bringt sie dazu „ehrlich“ zu sagen, „geht nicht“ (I-Schmied_1). Der Fragebogen und die Gespräche mit der Vermittlerin, die sie eigentlich als belastende Kontrolle empfinden, erhalten dadurch die Zusatzfunktion, ihre Interessen zu wahren: Faktoren, die sie potenziell belasten würden, können sie auf diese Weise ausgrenzen.

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Auch den von der Vermittlerin empfohlenen Adoptionsvorbereitungskurs finden Schmieds hilfreich. Zum einen erhalten sie durch ihn eine weitere Gelegenheit mit Ärzten über mögliche Entwicklungsschäden von Adoptivkindern zu sprechen, zum anderen erlebt vor allem Frau Schmied die Erfahrungsberichte älterer Adoptiveltern, die zu einzelnen Terminen eingeladen werden, als bereichernd:

Frau Schmied: „[…]Einfach mal zu sehen, wie andere Menschen das sehen, diese ganze Adoptionsgeschichte. Dass es noch Menschen gibt, die ganz andere Wünsche haben oder die in eine ganz andere Richtung gehen aus dem und dem Grund. Das schärft sozusagen den Weitblick ein bisschen, dass man nicht nur sein eigenes Ding sieht und denkt, wir machen das so und das ist so richtig, sondern einfach… Das, was die anderen machen, ist auch richtig. […]“ (I-Schmied_1)

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Beim Adoptionsvorbereitungskurs hören Schmieds auch zu ihrem Erstaunen, wie andere Adoptionsbewerber fast demonstrativ ihren „Respekt“ (I-Schmied_1) für die Herkunftsmütter von Adoptivkindern verkünden, da die Entscheidung, das Kind zur Adoption freizugeben selbstlos und verantwortungsvoll im Interesse des Kindes gedacht sei. Schmieds finden das zunächst befremdlich. Ihre Beurteilung der Herkunftsmutter ist eher negativ, weil sich diese Frau ja, so Frau Schmied, ihrer Verantwortung entziehe. Dennoch werden Schmieds durch die Diskussion zum Nachdenken angeregt. In den Verfahrensgesprächen betont die Vermittlerin immer wieder, dass es für das Adoptivkind später sehr wichtig sein werde, dass die Adoptiveltern Offenheit gegenüber der Herkunftsfamilie signalisierten. Irgendwann nämlich werde das Kind sich fragen, woher es komme. Frau Schmied beginnt, Romane über die Entwicklung von Adoptivkindern zu lesen. Was sie von der Vermittlerin und im Adoptionsvorbereitungskurs gelernt hat, findet sie, nachvollziehbar geschildert, auch hier wieder. Die Bücher machen zwar deutlich, dass es unterschiedliche Bedürfnisse im Umgang mit der Adoptionssituation gibt, für alle beschriebenen Adoptivkinder spielt aber das Wissen um ihre Herkunft eine wichtige Rolle. Um das Kind später nicht in Konflikt zu bringen, so Frau Schmieds Schlussfolgerung, sei es daher wichtig, sich an die Wünsche der leiblichen Mutter in Bezug auf die religiöse oder kulturelle Prägung des Kindes und dessen Aufklärung über die Herkunftsfamilie und die Gründe für die Adoption zu halten. Die Fallbeispiele, von denen Schmieds mir aus der Erinnerung des Gehörten und Gelesenen erzählen, suggerieren, dass die Beziehung zur Herkunftsfamilie die Adoptivfamilie nicht in Frage stellt, wenn die Adoptiveltern dem Kind die Freiheiten geben, die es braucht, um seine Herkunft zu erforschen.54 Im Gegenteil riskieren gerade Paare, die versuchen, die Adoption zu verheimlichen, in der Phase der Identitätssuche schwere Beziehungskrisen. Schmieds erklären, selbst aus eigenem Antrieb zwar keine Beziehung zur Herkunftsfamilie eines Adoptivkindes aufbauen zu wollen, aber wenn ihr Kind später das Bedürfnis habe, seine Herkunftsfamilie kennen zu lernen, würden sie es auf jeden Fall darin unterstützen.

Aus der Vermittlerperspektive ermöglichen es die sechs Vermittlungsgespräche, an unterschiedlichen Beispielen direkt und indirekt zu beurteilen, inwieweit Schmieds die in den Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung geforderten Eignungskriterien für Adoptiveltern erfüllen: Dadurch, dass sie sich nach dem ersten Gespräch mit der Adoptionsvermittlerin nicht haben abschrecken lassen, sondern versucht haben, ihre Position zu erklären und sich auf die Gesprächsebene der Vermittlerin einzustellen, haben sie gezeigt, dass sie mit Druck und Konfliktsituationen einigermaßen umgehen können. In den anderthalb Jahren des Eignungsverfahrens haben sie Durchhaltevermögen bewiesen, und die Vermittlerin davon überzeugt, dass es ihnen mit der Entscheidung zur Adoption ernst ist. Durch das Aufgreifen der Vermittleranregungen zu Besuchen von Adoptionstreffen und Experten haben sie sich offen für Austausch und Hilfestellung gezeigt und in der Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Themen auch Reflexionsbereitschaft und Toleranz signalisiert.

In der, nur an wenigen Beispielen vorgestellten, Zeit des Eignungsverfahrens durchlaufen Schmieds einen Lernprozess, der durch die verfahrensbedingte Beschäftigung mit dem Adoptionsthema ausgelöst wird: Durch den Fragebogen und die Gespräche mit der Adoptionsvermittlerin werden Schmieds – nicht nur in medizinischer Hinsicht – die potenziellen Probleme und Herausforderungen bewusst, die ein Adoptivkind mit sich bringt. Am Beispiel von Problemfällen, wie den oben geschilderten Krankheiten, haben sie zu zweit und mit der Vermittlerin über ihre persönlichen Grenzen diskutiert. Indem sie der Vermittlerin gegenüber begründen, warum sie welche Probleme und Eigenschaften eines Adoptivkindes nicht mittragen könnten, machen sie sich selbst ihre Wünsche und Erwartungen in Bezug auf ein Adoptivkind bewusst. Auf diese Weise wird – wie in den Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung von 2003 gefordert – „Kollisionen zwischen den Wünschen der Bewerber und der Entwicklung des Kindes“ vorgebeugt und verhindert, dass „völlig unrealistische bzw. nicht kindgemäße Zielvorstellungen mit der Absicht, ein Kind aufzunehmen, verbunden werden“ (BAGLJÄ 2003: 19). Auch entwickelt sich bei Schmieds durch die Auseinandersetzung mit dem Thema Adoption ein Bewusstsein für diese besonderen Bedürfnisse eines Adoptivkindes. Was ihre eigenen Gefühle gegenüber Herkunftsfamilien angeht, sind sie zwar weiterhin ambivalent, die Fallbeispiele haben ihnen jedoch deutlich gemacht, „wie elementar wichtig es ist, dass ihr Kind ‚seine Geschichte’ von seinen Adoptiveltern erzählt bekommt“, und dass „[e]ine Aufdeckung der Adoption, die zu spät, in kritischen Situationen oder durch Dritte erfolgt […] das Vertrauen der Adoptierten [erschüttert] und […] zu schweren Störungen in der gegenseitigen Beziehung führen [kann]“ (BAGLJÄ 2006: 30). Gleichzeitig haben Schmieds auch hinsichtlich ihrer Selbstdarstellung gelernt, sich vor der Vermittlerin als ‚gute potenzielle Adoptiveltern’ zu präsentieren: Durch abwechselnde Telefonate mit der Vermittlungsstelle demonstrieren sie beispielsweise ein gleichstarkes Interesse an der Adoption.55 Aber auch wenn Schmieds ein strategisches Image von – aus Sicht der Vermittlungsstelle – ‚perfekten Adoptiveltern’ aufbauen, wird in den Interviews, die ich mit ihnen führe, deutlich, dass Schmieds tatsächlich verinnerlicht haben, dass sich ihre Wünsche und Erziehungsvorstellungen, wenn es dann so weit ist, nach den Bedürfnissen des Kindes richten müssen. Seit dem Eignungsverfahren lesen sie Bücher zum Thema Adoption und haben auch vor, dies in Zukunft zu tun, da ihnen in der Verfahrenszeit bewusst geworden sei, so Frau Schmied, dass sie das Thema von nun an in irgendeiner Form immer begleiten werde. Aus Sicht der Vermittlungsstelle ließe sich im Falle Schmieds also von einer erfolgreichen Sensibilisierung für adoptionsspezifische Themen sprechen. Das Durchlaufen des zeitaufwändigen Adoptionsverfahrens sensibilisiert die Bewerber um ein Adoptivkind jedoch nicht nur für bestimmte Themen, sondern erzeugt ein ausgeprägtes Problembewusstsein, das bei vielen Bewerbern Ängste auslöst. In den beiden nächsten Unterkapiteln werde ich am Beispiel zweier weiterer Ehepaare herausarbeiten, welche Ängste (angehende) Adoptiveltern belasten können und wie sie sich damit auseinandersetzen.

3.2 Lerchs – Ängste I

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Herr und Frau Lerch sind zum Zeitpunkt der Interviews beide 40 Jahre alt. Frau Lerch ist selbstständige Künstlerin, Herr Lerch arbeitet als Wirtschaftswissenschaftler in einer Firma. Der Wunsch nach Kindern kam bei beiden erst wesentlich später als bei Schmieds. Bis sie Mitte 30 war, so Frau Lerch, habe sie grundsätzlich keine Kinder haben wollen. Auch heute noch sind Frau und Herr Lerch sich in manchen Momenten nicht sicher, ob das Leben mit einem Kind ihnen soviel Erfüllung geben kann, wie es Beruf und Freizeit tun. Der Kinderwunsch wird bei beiden seit einigen Jahren immer konkreter; bisher genießt jedoch vor allem Frau Lerch es, ganz in ihrem Beruf aufzugehen. Lerchs haben sich schon überlegt, wie sie sich die Erziehungszeit aufteilen können, damit beide in ihren Berufen bleiben können, dennoch sehen sie durch das Leben mit einem Kind Einschränkungen in Beruf und Freizeit voraus. Trotz dieser ambivalenten Gefühle haben sie sich – wie Schmieds nach einer erfolglosen medizinischen Behandlung – für eine Adoption entschieden. Das Eignungsverfahren haben sie schon vor anderthalb Jahren abgeschlossen und warten seitdem auf einen Kindervorschlag. Obwohl ihnen eine zweijährige Wartezeit angekündigt wurde, schleicht sich immer wieder die Angst ein, vielleicht „durchs Raster“ (I-Lerch_2) zu fallen – wegen des Alters oder aus anderen Gründen.

Lerchs ist sehr bewusst, dass es neben ihnen noch viele andere Bewerber in der Wartephase gibt, und dass bei der Vermittlung eines Kindes letztendlich auch viel davon abhängt, an welche Paare die Vermittlerin zuerst denkt. Darum versuchen sie sich der Vermittlerin durch Telefonate, Briefe und beigelegte Fotos, die sie vorzugsweise mit Kindern zeigen, in Erinnerung zu rufen. Bewerber in der Wartephase sollen sich ohnehin in regelmäßigen Abständen bei ihrer Vermittlerin melden, um zu signalisieren, dass weiterhin Interesse an einer Adoption besteht. Dennoch widerstrebt es ihnen, sich durch allzu häufige Anrufe in der Vermittlungsstelle aufzudrängen – sie möchten nicht gefühlsmäßig zu Bettlern um ein Kind werden. Es ist ihnen wichtig deutlich zu machen, dass sie auch unabhängig von einem Kind glücklich sind. Das eigentlich Belastende an der Wartezeit, stellen Lerchs übereinstimmend fest, sei für sie nicht das Leben ohne Kind, sondern der Dauerzustand der Unsicherheit.

Obwohl Lerchs ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihrer Vermittlerin haben und die Vermittlungsgespräche aus der Erinnerung heraus als hoffnungsfroh beschreiben, erzählt Frau Lerch, dass der „mütterliche[…] Typ“ (I-Lerch_1) ihrer Vermittlerin sie zunächst verunsichert habe:

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Frau Lerch: „[…] [D]ie erzählt dann auch viel von sich und [ihrem] Leben […] und was sie gerne tut, und dass sie gern über den Flohmarkt geht und dann hier und da und am liebsten Kaffee trinkt und ich merke halt, das sind so Sachen, die ich… Ich bin nicht so ein… Und ich hatte anfangs das Gefühl: […] muss ich jetzt so sein? So einen mütterlichen Typ abgeben? Und irgendwann hat die das auch, beim zweiten oder dritten Treffen hat sie zu mir gesagt: ‚Mensch, Frau Lerch, Sie werden mir ja von Mal zu Mal sympathischer.’ Ich denke mal, das ging so in die Richtung… die hat mich wahrscheinlich als ehrgeizige. . . Ich bin auch ehrgeizig, aber ich weiß auch, wo eine Grenze ist. Ich bin halt nicht so: ‚Seit Jahren will ich Kinder haben!’ Das ist auch ein Prozess. Ich wollte früher überhaupt keine Kinder […] Und das hat sie schon sehr schnell, glaube ich, gemerkt und da fühle ich mich manchmal so ein bisschen unterhöhlt. (lacht) Ich hatte ihr nicht die Erlaubnis dazu gegeben, sozusagen. Auf der anderen Seite bist du in dieser Bittsteller-Rolle […] und dann kommt es zu einer Interessenskollision, also, gefühlsmäßig, wo ich denke: ‚Mensch, wir müssen uns jetzt hier natürlich outen, aber man darf ja nicht dafür bestraft werden, dass man nicht so eine Glucke ist!’“ (I-Lerch_1)

Das ‚Mutterbild’, das Frau Lerch in ihrer Vermittlerin sieht, ist das Stereotyp der ‚perfekten Mutter und Hausfrau’, die durch ihre „ein bisschen beleibter[e]“ (I-Lerch_1) Gestalt Weiblichkeit, Warmherzigkeit und Güte ausstrahlt. Schon rein körperlich – geht es mir während des Interviews durch den Kopf – hebt sich die große, schmale Frau Lerch von ihrer Beschreibung der Vermittlerin scharf ab. Die Leidenschaften ihrer Vermittlerin, so Frau Lerchs Wahrnehmung, konzentrieren sich auf haushaltsnahe Tätigkeiten wie einkaufen oder Kaffee trinken und Gespräche. Obwohl Lerchs selbst das Ideal der Vereinbarkeit von Beruf und Kindern haben und ihre Vermittlerin als eine Frau einschätzen, die großen Wert auf eine gleichberechtigte Partnerschaft legt, fürchtet Frau Lerch als Muttertyp den Maßstäben der Vermittlerin nicht zu genügen. Sie empfindet es der Vermittlerin gegenüber als Defizit, nicht schon immer den Wunsch nach Kindern gehabt zu haben. Ihr beruflicher Ehrgeiz passt nicht in das Selbstlosigkeit einfordernde Mutter-Ideal, das sie durch die Vermittlerin propagiert sieht. Frau Lerch sieht sich durch die Vermittlerin mit Gefühlen der Mangelhaftigkeit konfrontiert und in eine Bittsteller-Rolle versetzt, dadurch fühlt sie sich in ihrem Selbstbild als selbstsichere und gefestigte Persönlichkeit in Frage gestellt. Im Gegenzug grenzt sie sich von dem potenziellen Anspruch, eine ‚Klischee-Mutter’ sein zu müssen, ab und wehrt sich dagegen ‚bestraft’ zu werden, weil sie keine „Glucke“ sei. Dies ändert jedoch nichts am Bewusstsein ihrer Abhängigkeit von der Vermittlerin: Die Vermittlerin hat die Macht ihre und die in den Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung formulierten Ansprüche an Adoptiveltern durchzusetzen, indem sie darüber bestimmt, ob sie Lerchs ein Kind vermittelt oder sie von der Adoptivelternschaft ausschließt. Obwohl nicht klar ist, ob die Vermittlerin eine „Glucke“ tatsächlich einer berufstätigen Mutter vorziehen würde, und obwohl sie auch keine deutlich erkennbare Kritik an Lerchs formuliert, ist die Macht der Vermittlerin in allen Gesprächen gegenwärtig. Wie Schmieds und die meisten anderen Adoptivelternpaare, mit denen ich sprach, reagieren auch Lerchs darauf, indem sie versuchen, sich beispielsweise durch Fotografien mit Kindern als ‚ideale’ potenzielle Adoptiveltern zu präsentieren. Gleichzeitig setzen sich Lerchs aktiv mit gesellschaftlich und durch die Adoptionsstelle vermittelten Ansprüchen an Elternschaft auseinander. Soweit nicht vorher schon geschehen, führt dies in vielen Punkten zu einer Verinnerlichung dieser Ansprüche an Elternschaft. Indem Frau Lerch beispielsweise betont, dass sie trotz großen Ehrgeizes fähig sei, ihre beruflichen Ambitionen den Bedürfnissen eines Kindes anzupassen, hebt sie ihr Bewusstsein dafür hervor, dass ein (Adoptiv-)Kind, „die seinem Entwicklungsstand entsprechende und seine Vorgeschichte berücksichtigende elterliche Zuwendung [braucht], die einer zeitlichen Abwesenheit der Eltern Grenzen setzt“ (BAGLJÄ 2006: 25).

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Aus den Unwägbarkeiten des Verfahrens erwachsen für Lerchs jedoch noch weitere Ängste: Bei Bekannten haben sie erlebt, wie die leibliche Mutter einen Säugling nach mehreren Wochen in der Adoptivfamilie zurückholte.56 Die Möglichkeit eines solchen Kindesverlustes und der damit verbundene Schmerz, den sie bei ihren Bekannten miterlebt haben, belastet Lerchs und veranlasst sie nach eigenen Aussagen, ihre Vorfreude auf ein Kind zu unterdrücken, um später nicht zu sehr enttäuscht zu werden. Neben den Ängsten, kein Kind zu bekommen oder das Kind wieder zu verlieren, bewegt vor allem Herrn Lerch jedoch auch die Angst, das ‚falsche’ Kind vermittelt zu bekommen oder gar zu einem adoptierten Kind keine ‚elterlichen’ Gefühle entwickeln zu können:

Herr Lerch: „[…] Ich hatte mal für mich persönlich eine Angst, dass ich gefragt habe: Kann ich das Kind denn annehmen? Oder: Werde ich zu dem Kind genau solche Gefühle entwickeln wie zu einem eigenen Kind? Wobei ich das ja gar nicht beurteilen könnte, aber das war schon bei mir ein Punkt, wo ich gesagt habe, hoffentlich klappt das. Weil ich auch am Anfang stärker ambivalent war und dachte: Was ist, wenn du nach zwei Wochen merkst, du hast kein Gefühl für das Kind?“ (I-Lerch_1)

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In Ermangelung persönlicher Erfahrungen kann Herr Lerch sich schwer vorstellen, wie es ist, ein Adoptivkind großzuziehen. Während er bei leiblichen Kindern selbstverständlich davon ausgeht, dass durch genetische Vererbung so viele Gemeinsamkeiten vorhanden sind, dass er liebevolle Gefühle für das Kind entwickeln kann, fürchtet er bei einer Adoption, sich an ein Kind zu binden, das es ihm emotional nicht erlaubt, in die erhoffte Vater-Rolle hineinzuwachsen:

Herr Lerch: „[…] Viele der Kinder kommen ja aus sozial ganz schwachen Familien und da sind wir schon auch manchmal so ein bisschen abschätzig gegenüber solchen Leuten. […] Da kommt dann wieder die Angst hoch […]: Was ist, wenn man das Kind jeden Tag anguckt und sagt: ‚Kann ich das jetzt gern haben das Kind oder lieben?’ Und man weiß eigentlich immer, woher es kommt. Dass man guckt: Hoffentlich wird das jetzt nicht so… Wie viel ist jetzt wirklich Prägung in der Erziehung und wie viel ist genetisch vererbt?“ (I-Lerch_1)

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Die Frage des Einflusses genetischen Erbes auf die Persönlichkeit eines Menschen ist wissenschaftlich bisher nicht beantwortet. Während Frau Lerch davon ausgeht, dass Charaktereigenschaften auf die Prägung durch das soziale Umfeld zurückzuführen seien, fürchtet sich Herr Lerch davor, im Laufe der Zeit eine Person heranwachsen zu sehen, deren Persönlichkeit Vorurteile oder Antipathien bei ihm hervorruft. Er hat die Sorge, das Kind vielleicht dauerhaft als Fremdkörper zu empfinden und dadurch nicht die familiäre Zusammengehörigkeit erleben zu können, die die Einschränkungen in Freizeit und Berufsleben durch die Bedürfnisse eines Kindes aufwiegen soll.

Ein immer noch theoretisches, aber konkreteres Bild möglicher Herkunftssituationen eines Adoptivkindes erhalten Lerchs durch die Erzählungen ihrer Vermittlerin von Kindern, die zur Adoption freigegeben wurden. Fast immer handelt es sich bei den Herkunftsfamilien dieser Kinder um die sozial schwachen Familien, denen gegenüber Herr Lerch fürchtet, nicht genug Toleranz aufbringen zu können. Die meisten Geschichten erzählt die Vermittlerin im Zusammenhang mit dem Fragebogen, damit Lerchs sich ein konkretes Bild möglicher Vorgeschichten und potenzieller Probleme eines Kindes machen können. Einige Geschichten beleuchten jedoch auch die Situation, Beweggründe und den Trennungsschmerz der abgebenden Mütter bzw. ihrer Familien:

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Frau Lerch: „Es gab ein konkretes Beispiel, das ich sehr beeindruckend fand. […] Das war diese Situation, wo sie gesagt hat, das Kind war schon drei Monate alt, und die Mutter ist damit nicht klargekommen. Und die Übergabe erfolgte innerhalb dieser Familie. Da kam dann so ein Adoptions-Elternpaar, und ist mit [der Vermittlerin, S.H.] in diese Familie gegangen, und dann hat sich diese [Herkunfts-, S.H.]Familie von dem Kind verabschiedet und die haben [das Kind, S.H.] praktisch in die Arme dieser Adoptionseltern gegeben. […] [Mit solchen Fallbeispielen will sie uns, S.H.], glaub ich, den Horizont dahingehend erweitern, dass du in Situationen kommen kannst, die du dir bislang kognitiv überhaupt nicht vorstellen kannst. Und jegliche Vernunft-Argumente überhaupt nicht greifen. Also: ‚Was? Warum verhüten die denn nicht?’ Oder irgendwie so was. Das kannst Du alles vergessen. Diese bürgerlichen Überzeugungen oder wie wir geprägt worden sind, das musst du über den Haufen werfen. Es gibt ganz andere Lebensformen, andere Lebenserscheinungen, vor allem ganz andere Lebensentwürfe und… das haben wir noch nie berührt. Und deswegen, glaube ich, erzählt sie uns das, damit man nicht abwertend ist. Sie versucht diese Vorurteile, die man vielleicht auch notgedrungen hat – einfach, weil man bislang nicht diese Wahrnehmung hatte – mit solchen Fallbeispielen zu erweitern.“ (I-Lerch_2)

Frau Lerch selbst interpretiert die Erzählungen als Versuch der Vermittlerin, ihre negativen Vorurteile gegenüber potenziellen Herkunftsfamilien durch Verständnis und Mitgefühl für deren schwierige Situation aufzulösen. Durch die Fallbeispiele verortet Frau Lerch sich selbst in einem Milieu, dass sie als ‚bürgerlich’ bezeichnet. Sie macht sich bewusst, dass ihre Moralvorstellungen und Konzept sinnvoller Lebensgestaltung nicht absolut sind, sondern gebunden an ein bestimmtes soziales Umfeld und eine davon beeinflusste persönliche Biographie. Menschen, die unter anderen Lebensbedingungen entgegen diesen „bürgerlichen“ Vorstellungen handeln, dürfen Frau Lerch zufolge nicht verurteilt werden, weil auch ihre Lebensformen und Handlungen milieugebunden seien. Anhand dieser Fallbeispiele setzen sich Lerchs sehr konkret damit auseinander, ob sie zu einer solchen Herkunftsfamilie ihres Kindes ein positives Verhältnis entwickeln könnten. Angesichts der unbekannten Herkunftssituation ihres zukünftigen Kindes bleibt bei Lerchs jedoch die Unsicherheit darüber, ob es ihnen möglich sein wird, ein positives Verhältnis zu dessen Herkunftsfamilie zu entwickeln – eine Sorge, die umso belastender ist, als ihnen überzeugend vermittelt wurde, wie wichtig es sei, „sich und dem Kind altersgerecht seine Geschichte nahe zu bringen, damit es die Tatsache der Adoption versteht und diese und seine Herkunft akzeptieren kann“ (BAGLJÄ 2006: 28).

Im Zusammenhang mit all diesen Ängsten empfinden Lerchs die Notwendigkeit einer bewussten Entscheidung für ein bestimmtes Kind sehr ambivalent: Auf der einen Seite müssen sie in kürzester Zeit, in einer Situation, in der sie die Entwicklung ihrer Beziehung zum Kind noch nicht abschätzen können, eine Entscheidung für ihr restliches Leben treffen. Erst „nach zwei Wochen“ zu merken, dass sie „kein Gefühl für das Kind“ (I-Lerch_2) entwickeln können, würde für sie bedeuten, vielleicht dauerhaft mit ihrer Situation unglücklich zu sein, weil mit dem Kind immer neue Probleme auftauchten. Würden sie das Kind in einer solchen Situation jedoch zurückgeben, würden Lerchs mit großer Sicherheit kinderlos bleiben, da die Vermittlungsstelle einem Paar, dass einem Kind durch Unentschlossenheit nach dem Verlust der leiblichen Mutter einen weiteren ‚Bruch’ zufügt, keine Kinder mehr vermitteln würde.

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Auf der anderen Seite beruhigt es Lerchs bis zu einem gewissen Grad, dass sie ein Kind ablehnen könnten, zu dessen familiärer Herkunft und Vorgeschichte sie auf der Basis der Informationen, die die Vermittlerin ihnen geben wird, keine positive Beziehung entwickeln zu können glauben. Ihre Vermittlerin hat ihnen deutlich signalisiert, dass sie eine solche schnelle Entscheidung im Interesse des Kindes sehr positiv bewerten würde. Auch diesen positiven Aspekt der Entscheidungsfreiheit sehen Lerchs jedoch ambivalent, denn erstens müsse man sich sehr schnell über seine Gefühle im Klaren sein, und zweitens frage man sich, ob man überhaupt wieder ein Kind angeboten bekomme, wenn man zu oft nein sage. Auch fürchten sie, zu anspruchsvoll zu erscheinen, so dass die Vermittlerin bei keinem Kind das Gefühl habe, dass es „zu uns passt“ (I-Lerch_1).

Trotz dieser Unsicherheiten und Ängste erklären Lerchs, die Zeit seit den Vermittlungsgesprächen nur selten bewusst als Belastung oder Wartezeit wahrzunehmen. Im Alltag rücke der Gedanke an die Adoption in den Hintergrund und sie machten weiter ‚wie immer’. Dennoch stellen sie fest, dass gerade die lange Wartezeit dazu führe, dass sie ihre Entscheidung zur Adoption immer wieder gemeinsam hinterfragen:

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Herr Lerch: „[…] Wir haben auch zwischendurch immer wieder Gespräche gehabt wo wir uns gefragt haben: Stehen wir noch dazu? Wollen wir eigentlich noch weiter? Wo wir dann feststellen, man muss es einfach probieren. Man macht sich natürlich viel mehr Gedanken durch diese Situation, dass man jetzt anderthalb Jahre wartet und jeden Tag kann es klingeln. Das ist sicherlich auch psychisch anders als wenn eine Frau schwanger wird und sagt, in neun Monaten ist es so weit. Da kann man sich drauf einstellen und sagen, es kommt jetzt auf jeden Fall. Und hier, bei so einer Situation fühle ich das so, dass man sich mehr Gedanken macht und viel mehr ambivalent ist. Was aber zum großen Teil, denke ich, auch normal ist.“

Frau Lerch: „Na ja, vielleicht ist es auch so ein bisschen eine Schutzreaktion… Wobei es wirklich definitiv bei uns so ist. Wir sitzen nicht jeden Tag da und warten und leiden und starren auf das Telefon. […] Wo ich mich manchmal schon gefragt habe, na ja…“

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Herr Lerch: „…reicht das denn? Ich denke auch… ob da irgendetwas fehlt.“

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Frau Lerch: „Kippt das?“

Herr Lerch: „Müsste man nicht mehr… Ich denke auch: Hat man jetzt zu wenig Gefühl oder zu wenig Wunsch? […]“ (I-Lerch_1)

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Selbst die auf den ersten Blick positive Ausgeglichenheit, mit der sie die Wartezeit erleben, anstatt „jeden Tag“ dazusitzen und „auf das Telefon“ – das Medium mit dem sie bei einem Kindervorschlag benachrichtigt werden – zu „starren“, verunsichert sie angesichts der Unwägbarkeiten, die das Adoptionsverfahren mit sich bringt. Innerhalb von anderthalb Jahren rücken die Gespräche und Entschlüsse, die sie im Zusammenhang mit dem Verfahren gefällt haben, in so weite Ferne, dass sie sich immer wieder fragen, ob das, was sie mit ihrer Vermittlerin verabredet haben für sie noch aktuell ist, bzw. ob sie überhaupt noch zu ihrer Adoptionsentscheidung stehen. Auf der einen Seite halten sie es für notwendig, sich bewusst oder unbewusst keinen Träumereien über das Leben mit einem Kind hinzugeben, damit die Wartezeit nicht zu einer allzu großen Belastung wird. Auf der anderen Seite verstärkt diese Distanz die Zweifel an der eigenen Entscheidung: Vielleicht, so ihre Sorge, ist der im Alltag nur schwache Kinderwunsch ein Indikator dafür, dass ihnen die Gefühle fehlen, um in einer Elternrolle aufzugehen? Ausgelöst wird diese Befürchtung von einem, diesmal beide betreffenden Ideal, bedingungslos und grenzenlos liebender ‚normaler’ Eltern, die in ihrer Fürsorger-Rolle aufgehen. Es gelingt ihnen, diese Befürchtung zu relativieren, indem Herr Lerch feststellt, dass es „normal“ sei, sich eine Distanz zum eigenen Kinderwunsch zu bewahren, bevor man sicher sei, ein Kind zu bekommen. Auch hier taucht wieder der Vergleich mit biologischer Verwandtschaft auf: Ein Paar, das ein leibliches Kind erwartet, kann sich, wie Herr Lerch feststellt, neun Monate lang auf das Eltern-Werden einstellen und Gefühle zu dem immer präsenter werdenden Kind im Bauch entwickeln. Angehende Adoptiveltern erhalten dagegen zu keinem Zeitpunkt die Zusage, sich innerhalb einer bestimmten Zeit auf ein Kind einstellen zu können. Jederzeit könnten sie telefonisch die Nachricht erhalten, dass die Vermittlerin ein Kind für sie ausgesucht hat und dann würde sich ihr Leben von einem Tag auf den anderen verändern – theoretisch ist es jedoch auch möglich, dass das Telefon nie klingelt. Symbol dieser Ungewissheit ist für Herrn Lerch die Tatsache, während des Eignungsverfahrens oder bei dessen Abschluss „überhaupt kein offizielles Papier oder eine Rückmeldung“ erhalten zu haben, die ihnen bestätige: „Okay, Sie sind jetzt bei uns hier drin in den Mühlen und hier sind Ihre Daten […]“ (I-Lerch_2)

Für Lerchs sind es die Unwägbarkeiten der Wartezeit, das Unwissen darüber ob, wann und welches Kind die Vermittlungsstelle ihnen anvertrauen wird, die sie dazu bringt, sich und ihre Motivation zur Adoption immer wieder zu hinterfragen. Im folgenden Unterkapitel werde ich herausarbeiten, dass auch nach der Adoption Ungewissheiten bestehen bleiben, die durch das im Adoptionsverfahren geförderte Problembewusstsein Ängste bei den Adoptiveltern auslösen können.

3.3 Försters – Ängste II

Försters sind zum Zeitpunkt der Interviews beide Anfang 40 und glückliche Eltern des vierjährigen Leon. Herr Förster ist als Jurist tätig, Frau Förster ist Beamtin im öffentlichen Dienst. Während Herr Förster ein nüchterner Typ mit trockenem Humor ist, macht seine Frau im Interview keinen Hehl daraus, eher emotional zu sein. Auch Försters kamen nach einer erfolglosen medizinischen Behandlung zur Adoption. Nach einem einjährigen Eignungsverfahren warteten sie knappe zwei Jahre auf ihren Sohn. In dieser gesamten Zeit war Frau Förster die treibende Kraft bei dem Versuch ihren vehementen und seinen eher zögerlichen Kinderwunsch zu erfüllen – eine Konstellation, die beide heute mit viel Humor kommentieren. Während Frau Förster immer das abstrakte Wunschbild einer glücklichen Familie vor Augen hatte und sich erst durch das Adoptionsverfahren mit möglichen konkreten Konstellationen und Problematiken des Lebens mit einem (Adoptiv-)Kind auseinandersetzte, erinnert sich Herr Förster sehr genau an die Angst ein „süß[es] und klein[es]“ Kind zur Adoption angeboten zu bekommen, das sich „zu einem Wesen [entwickelt], mit dem man überhaupt nichts anfangen kann“ (I-Förster_1). Ähnlich wie Lerchs fürchteten auch Försters ein Kind vermittelt zu bekommen, das es ihnen nicht erlauben würde, ihre Vorstellung einer, wie Frau Förster es formuliert, nicht überdurchschnittlich konfliktbeladenen, „ganz normale[n] Familie“ (I-Förster_1) zu verwirklichen. Eine Sorge, die durch das Bild des adoptierten ‚Problemkinds’ ausgelöst wird, das in vielen Medienberichten57, aber auch im Fragebogen des Eignungsverfahrens und in den Geschichten über Adoptivkinder, die sie im Adoptionsvorbereitungskurs hören, enthalten ist:

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Herr Förster: „Ich hatte eher immer das Gefühl, dass bei den Kindern, die zur Adoption freigegeben werden, sehr viele problematische Fälle dabei sind und wir möglicherweise für solche problematischen Fälle zu normal sind. Dass so was nur Leute mit Pädagogik [machen können, S.H.].“ (I-Förster_1)

Schon vor dem Beginn des Adoptionsverfahrens ist Försters die besondere Bedürfnislage von Adoptivkindern bewusst. Sie fürchten, nur fachlich gebildete „Sozialpädagogen“ oder „Physiotherapeuten“ (I-Förster_1) könnten die problematische Adoptionssituation angemessen bewältigen. Sie selbst fühlen sich „zu normal“ für diese Anforderungen, sowohl, was ihre ungeschulten Fähigkeiten der Kindererziehung angeht, als auch in ihren Wünschen nach einer „normale[n] Familie“, in der Kindererziehung, Berufsleben und Freizeitaktivitäten miteinander vereinbar sind. Die Vorstellung, als Adoptivfamilie in der Öffentlichkeit überall sofort als ‚unnormal’ erkannt zu werden und dadurch einen Sonderstatus zu erhalten, empfinden beide damals wie heute als belastend. Hilfreich sind für Försters bei der Bewältigung dieser Ängste die Besuche bei der Adoptionsselbsthilfegruppe. Dort mitzuerleben, dass die Kinder, die anderen Bewerbern vermittelt werden, „immer irgendwie zu den Paaren pass[en]“ (I-Förster_2) beruhigt sie sehr. Auch zu sehen, dass der Alltag mit adoptierten Kindern sich nicht nennenswert von dem mit leiblichen Kindern unterscheidet, bestärkt sie in ihrer Entscheidung zur Adoption:

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Frau Förster: „Ich habe einmal neben einem Papa gesessen, der mit seiner Tochter da war, das war für mich unheimlich schön, weil die das übliche Programm machte: Papa auf die Hosen sabbern und so. Das war unheimlich niedlich. So ein bisschen dieses Beruhigende: Ein ganz normales Kind.“ (I-Förster_2)

Dennoch ist die Nachricht, dass die Vermittlerin ein Kind für sie gefunden habe, ein Schock für Herrn Förster:

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Herr Förster: „Woran das liegt, weiß ich nicht, Adoption ist ja ein langes Verfahren, aber wenn der Anruf kommt, dann ist da so wenig Zeit… […] Man könnte sagen, […] irgendwann muss man sich doch an den Gedanken gewöhnt haben. Aber ich fand es eigentlich doch ziemlich heftig. Ich habe zwei Nächte lang nicht geschlafen, da ging mir alles durch den Kopf, […] was einem so durch den Kopf gehen kann. Der Fluchtinstinkt war sehr wach und musste niedergerungen werden.“ (I-Förster_1)

Wie Lerchs fürchtet sich auch Herr Förster davor, eine nicht nur sein weiteres Leben, sondern auch das gesamte Leben des Kindes betreffende Entscheidung innerhalb kürzester Zeit zu treffen. Obwohl alles für eine Annahme des angebotenen Kindes spricht, fühlt Herr Förster sich außer Stande, sich bewusst und ‚für immer’ für eine Konstellation zu entscheiden, deren Auswirkungen er nicht abschätzen kann:

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Herr Förster: „Als wir dann Leon gesehen haben, als ich die Hintergrundgeschichte gehört habe, wusste ich, das passt genau zu uns! Und in dem Moment war der nächste Gedanke: Das passt so gut zu uns, dass du jetzt ja sagen musst! Und das hat mich tierisch gestresst.“ (I-Förster_1)

Als sich jedoch die ‚Entscheidungssituation’ nach dem ersten Gespräch mit der Vermittlerin während zwei Besuchstagen im Krankenhaus entspannt, sie Leon „eingepackt“ haben und er in seiner Tragetasche einfach „mit dabei“ (I-Förster_1) ist, erinnert Herr Förster sich, „plötzlich“ (I-Förster_1) glücklich und stolz über seine Verantwortung für dieses kleine Baby gewesen zu sein. Nach den jahrelangen theoretischen Überlegungen, welche Situationen sie potenziell überfordern würden, ein „süß[es]“ Kind in den Armen zu halten, an dem „alles ganz normal“ (I-Förster_1) ist, und zu spüren, dass sie sich schon nach wenigen Tagen als Eltern dieses Kindes fühlen, löst die Bedenken in Bezug auf die eigenen Gefühle, die Herrn Förster das Verfahren hindurch begleitet haben, auf. Was jedoch bleibt, ist eine Sensibilisierung für die Problematik des Adoptivkindes, das durch die Trennung von der leiblichen Mutter und der Herkunftsfamilie einen biographischen ‚Bruch’ erfahren hat, für dessen positive Verarbeitung es besonderer Unterstützung bedarf. Das erste, was Herr Förster von einem Arbeitskollegen hört, als er diesem von seinem Adoptivsohn erzählt, ist die Geschichte eines Bekannten mit einem Adoptivkind, das „völlig ausgekreist“ (I-Förster_2) sei. Zwar versucht Herr Förster, sich von Geschichten dieser Art nicht beeindrucken zu lassen, dennoch beunruhigt ihn die Unsicherheit darüber, wie Leon reagiere, wenn er sich seiner Adoption immer mehr bewusst werde. Seine „Hauptangst“ (I-Förster_1) sei es, dass Leon „den Boden unter den Füßen verliert“ (I-Förster_1) und sie ihn in einer solchen Situation nicht ausreichend unterstützen könnten:

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Herr Förster: „Für mich wäre das Wichtigste, dass wir das so hinkriegen, dass er dann mit dem, was er da schon als Päckchen aufgeladen bekommen hat… das tut mir immer wieder ein bisschen weh, wenn ich den kleinen Knaben angucke, was er eigentlich schon, obwohl er es noch gar nicht weiß, verarbeiten muss. Dass man das so hinbekommt, dass er damit auch klarkommt.“ (I-Förster_1)

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In der Vermittlungsstelle, im Adoptionsvorbereitungskurs und in der Adoptionsselbsthilfegruppe haben Försters – zum Teil aus dem Mund erwachsener Adoptierter selbst – in vielen Erzählungen gehört, wie Adoptivkinder sich mit ihrem Adoptionsstatus und ihren Herkunftsfamilien bewusst auseinandersetzen mussten, um zu Selbstbewusstsein und innerer Stabilität zu finden. Die Phase der Identitätssuche in der Pubertät – ohnehin eine Zeit der Konflikte zwischen Eltern und Kindern – sei für Adoptivfamilien häufig besonders schwierig, da zur ‚normalen’ Identitätskrise noch die Problematik der Adoption hinzukomme. Aus diesem Grund sei es sehr wichtig, den Kindern schon früh ein positives Verhältnis zur eigenen Adoptionsgeschichte zu vermitteln – ein Anspruch an die Adoptiveltern, den Försters verinnerlicht haben.

Wie mehrere der Adoptiveltern, mit denen ich gesprochen habe, bewegt Försters die Frage, wann und wie sie ihrem Kind am besten von seiner Adoption erzählen sollen. Aus den Informationen der Vermittlungsstelle und der Adoptionsselbsthilfegruppe haben Försters die Ansicht übernommen, dass es zwar wichtig sei, das Kind so früh wie möglich über seine Adoption aufzuklären, dass man ihm das Thema aber nicht aufdrängen solle, wenn es kein Interesse daran zeige. Aus den Erzählungen anderer Adoptiveltern wissen sie, dass die meisten Kinder im Alter Leons von sich aus anfangen zu fragen, ob sie im Bauch der Mutter gewesen seien. Dies sei eine gute Gelegenheit, dem Kind auf sanfte Weise verständlich zu machen, dass es adoptiert wurde. Da Leon bisher jedoch nicht gefragt habe, erzählt Frau Förster, sei sie schon dazu übergegangen, ihn auf jede schwangere Frau hinzuweisen und „Baby im Bauch“ (I-Förster_2) zu sagen. Aber das „motivier[e] ihn zu gar nichts“ (I-Förster_2), momentan interessiere er sich nur für ICEs und andere Züge. Inzwischen erkundigen sich Försters nach Kinderbüchern, die das Thema Adoption spielerisch verarbeiten. In der Selbsthilfegruppe haben sie den Tipp erhalten, ein Fotoalbum für Leon zu basteln, das bei seinen ersten Lebenstagen beginnt – etwas, worauf Frau Förster eigentlich gar keine Lust hat. Dennoch nimmt sie das ‚Projekt’ Fotoalbum in Angriff, da sie es für eine gute Möglichkeit hält, das Thema Adoption „ins Gespräch zu bringen“ (I-Förster_2). In Bezug auf die Aufklärung Leons über seine Adoption sind Herr und Frau Förster hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, ihm die Situation so bald wie möglich zu offenbaren, um es „hinter [sich]“ (I-Förster_1) zu bringen, und der Sorge, dass Leon unter seinem ‚Sonderstatus’ als adoptiertes Kind leiden oder deswegen von anderen Kindern gehänselt werden könnte. Eigentlich, so Herr Förster, wolle er sich manchmal gar nicht mit dem Thema Adoption beschäftigen, er spüre aber die schwerwiegende Verantwortung dafür, seinen Sohn stark zu machen, damit er das Thema bewältigen könne.

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Wie erhofft, erleben Försters ihren Alltag als den einer „ganz normale[n] Familie, wo es manchmal drunter und drüber geh[e]“ (I-Förster_1). Adoptionsspezifische Fragen, wie die Heranführung Leons an die Adoptionsthematik, spielen für sie zumeist keine Rolle – ein Zustand, den Försters sehr genießen. Dennoch, so Herr Förster, mache er sich manchmal Gedanken darüber, „ob man der Situation Adoption […] ein spezielles Programm darbieten müsste“ (I-Förster_2).

Herr Förster: „Ich erfreche mich auch, wenn ich abends um halb sechs nach Hause komme und da steht Leon vor dem Auto und ich weiß, der hopst jetzt gleich da rein, erstmal genervt zu sein, ganz banal genervt. Eigentlich ist es nicht der Unterschied ‚Adoption’, aber daraus resultiert ein schlechtes Gewissen: ‚Ob man sich da nicht doch ganz speziell verhalten müsste?“ Und dann kommen die Zweifel: ‚Vielleicht muss man sich gerade nicht speziell verhalten, sondern ganz normal?’[…] Das schlechte Gewissen [überwiegt]. (lacht) Ja, das ist dieses: ‚Wie ist das, wenn er älter ist? Macht man das auch richtig?’ Das beschäftigt mich doch sehr.“ (I-Förster_2)

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Die Sensibilisierung und ‚Vermittlung der besonderen Bedürfnisse von Adoptivkindern’ in der Zeit des Adoptionsverfahrens löst bei Försters eine verunsichernde Ambivalenz aus. Auf der einen Seite halten sie es für wichtig, ihrem Sohn nicht durch Betonung der Adoptionssituation das Gefühl zu geben ‚anders’ als die Kinder in seiner Umgebung zu sein. Auf der anderen Seite drängt sich der Anspruch an Adoptiveltern, adoptionsspezifische Themen zu befördern und dem Kind auf diese Weise eine positive Einstellung zu seiner Adoptionsgeschichte zu vermitteln, immer wieder in ihr Bewusstsein. Angesichts der lang ersehnten Elternschaft erscheint es Herrn Förster geradezu als illegitim, nach einem langen Arbeitstag – wie andere Eltern auch – manchmal von seinem Sohn genervt zu sein. Frau Förster spürt in der ersten Zeit mit dem Kind in ihrem sozialen Umfeld die Erwartung, „vor Glück förmlich aus den Socken spring[en]“ (I-Förster_2) zu müssen – wiederum eine Erwartung, die damals Selbstzweifel bei ihr auslöste, da es ihr in dieser Zeit aufgrund der neuen Anstrengungen und radikalen Veränderung ihres Lebens häufig nicht besonders gut gegangen sei.

Wie Adoptiveltern sich von diesen, sowohl verinnerlichten als auch von ihrem sozialen Umfeld an sie herangetragenen Ansprüchen distanzieren, werde ich im vierten Teil herausarbeiten. Im folgenden Abschnitt werde ich jedoch zunächst einen Konflikt untersuchen, der sich für alle meine Interviewpartner aus dem Adoptionsverfahren heraus ergab.

3.4 Das Paradox der ‚erforderlichen Wahl’ eines Kindes

Ein wichtiger Bestandteil des Eignungsverfahrens ist es, dass die Bewerber zunächst abstrakt ausformulieren, die Adoption welcher Kinder mit welchen potenziellen Problemen und Eigenschaften sie sich vorstellen könnten. Haben die angehenden Adoptiveltern einen Kindervorschlag erhalten, müssen sie in Bezug auf dieses Kind noch einmal sehr rational in sich gehen und überlegen, ob sie sich vorstellen können, dieses Kind ‚für immer’ als ‚ihres’ anzunehmen. Für angehende Adoptiveltern geht es dabei nicht um eine allgemeine Toleranz gegenüber Behinderungen oder kulturellen, religiösen und ethnischen Unterschieden. Sie müssen sich bewusst machen, welche Auswirkungen bestimmte Eigenschaften eines Kindes auf ihr weiteres Leben haben werden und inwiefern sich dies mit ihren persönlichen Zukunftsplänen und Wünschen vereinbaren lässt. Präventiv, um einem Scheitern der Adoption vorzubeugen, müssen sie aus dem ‚Angebot’ potenzieller Adoptivkinder diejenigen ablehnen, die nicht mit ihrer persönlichen Lebensplanung vereinbar sind. Die Ablehnung oder Entscheidung für ein Kind aus persönlichen Präferenzen heraus, wird jedoch sowohl seitens der Adoptionsvermittler als auch seitens der (angehenden) Adoptiveltern mit denen ich sprach, häufig mit Warenkonsum assoziiert – einem Verhalten, das in Bezug auf Kinder moralisch verurteilt wird. Sowohl die Ausbeutung von Kindern58, als auch der Handel mit Kindern ist gesellschaftlich tabuisiert, wie sich beispielsweise in den Reaktionen deutscher Medien auf die Adoptionsabsichten des US-amerikanischen Popstars Madonna zeigt. Die Frage, ob Madonna ihren malawischen Adoptivsohn gekauft habe, bewegte nicht nur die Regenbogenpresse, sondern auch Klatschspalten und Meinungsseiten ‚seriöser’ Tageszeitungen über mehrere Wochen.59 Die Kritiker Madonnas warfen ihr vor, sie versuche sich „Mutterglück“ zu kaufen (Wolf et al. 23. 10. 2006) sie hätte ihren Adoptivsohn ausgesucht, „als wäre sie auf einer Shopping-Tour“ (Thor 17. 10. 2006) und für die „Auswahl des Jungen“ habe sie „wenig länger gebraucht als für die Auswahl einer Handtasche“ (Koydl 16. 10. 2006). Von Befürworterseite wurde angeführt, dass der leibliche Vater des Kindes sich in liebevoller Selbstversagung von dem Kind getrennt habe, um ihm eine bessere Zukunft zu ermöglichen, die durch den Wohlstand Madonnas und ihre diesbezüglichen Absichtserklärungen gewährleistet scheine. Madonna selbst verteidigte die Adoption in den Medien, indem sie erklärte, dem Kind „ein besseres Leben“ schenken zu wollen (dpa 26. 10. 2006) und warf ihren Kritikern ihrerseits Rassismus vor. Viele Menschen hätten „ein Problem mit dem Umstand, dass [sie] […] ein Kind mit einer anderen Hautfarbe“ (RPO 1. 11. 2006) als der ihren adoptiert habe.

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Interessant an diesen publikumswirksamen Mediendarstellungen zur Adoption Madonnas ist, dass sich in ihnen die Themen in polarisierter Form widerspiegeln, mit denen sich auch meine Interviewpartner auseinandersetzen müssen: Der Wunsch nach Kindern ist – wie die rege Beteiligung der Medien zeigt – einem gesellschaftlichen Elternideal zufolge nur legitimierbar, wenn er mit dem Wunsch verbunden ist, unabhängig von ‚egoistischen Wunschvorstellungen’ dem Wohl des Kindes zu dienen. ‚Egoistische Wunschvorstellungen’ sind solche, die keine Rücksicht auf andere, insbesondere die Bedürfnisse des Kindes nehmen. Konsum-Metaphern und Konsum-Vorstellungen werden im Zusammenhang mit dem Kinderwunsch als besonders unangemessen angesehen, weil mit ihnen die Orientierung des Dienstleistungssektors an den Wünschen des zahlenden Kunden verknüpft wird. Der Käufer einer Ware darf erwarten, seine Vorstellungen verwirklicht zu sehen, ohne sich in ein Dankbarkeits- und damit verbundenes Verpflichtungsverhältnis zu begeben. In Schlagzeilen wie „Meine Gucci-Schuhe, mein Malawi-Kind“ (Thor 17. 10. 2006) wird Madonna eine solche ‚Konsumentenhaltung’ unterstellt. Indem die Multimillionärin Madonna sich diesen Darstellungen zufolge mit Hilfe ihres Geldes ein Kind wie eine Ware ‚besorgt’, wird ein Eltern- bzw. Mutterbild gezeichnet, das im Kontrast zu dem gesellschaftlichen Idealbild steht. Dieses Idealbild stimmt mit der schon in den 1960er bis 1980er Jahren vorgenommenen Analyse des Anthropologen David Schneider für die Symbolsprache der US-amerikanische Gesellschaft in Bezug auf Familie überein:

„[A]ll of the symbols of American kinship seem to ‘say’ one thing; they provide for relationships of diffuse, enduring solidarity.’Diffuse’ because they are functionally diffuse rather than specific in Parsons’ terms. That is, where the ‘job’ is to get a specific thing ‘done’ there is no such specific limitation on the aim or goal of any kinship relationship. Instead the goal is ‘solidarity’, that is, the ‘good’ or ‘well being’ or ‘benefit’ of ego with alter. Whatever it is that is ‘good for’ the family, the spouse, the child, the relative, is the ‘right’ thing to do. And ‘enduring’ in the generalized sense symbolized by ‘blood’; there is no built-in termination point or termination date. Indeed, it ‘is’ and cannot be terminated. But although a marital relationship can be terminated by death or divorce, it is, as the saying goes, ‘til death do us part’; it is supposed to endure and persevere and it is not to be regarded as transient or temporary or conditional. ”(Schneider 1977: 67)

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Ob durch ‚Blut’ oder durch ‚Gesetz’ – nicht nur bei Eheschließungen, sondern auch im Fall von Adoptionen – familiärer Zusammenhalt soll diesem Familienideal zufolge durch unbegrenzte Solidarität und die gegenseitige Sorge der Familienmitglieder untereinander geprägt sein. Eine besondere Verpflichtung obliegt Eltern bei der Sorge für das Wohl ihrer Kinder, da diese noch nicht für ihr eigenen Interessen einstehen können. Eine diesem Familien- und Elternideal angemessene Sprache in Bezug auf Kinder, ist die der „Gabe“ 60 bzw. des Geschenks. Im Gegensatz zur gekauften Ware bringt das Geschenk den Empfänger in ein Verpflichtungsverhältnis – nicht nur gegenüber dem Geber, sondern auch in Bezug auf die Gabe, derer er sich würdig erweisen muss. Im Gegensatz zu ‚Warenangeboten’ unter denen sich der Käufer aussuchen darf, was ihm am besten gefällt, darf ein Geschenk nicht abgelehnt werden. (Vgl. Mauss 1990: 25, 28f., 36f.). In der ‚Bildsprache der Gabe’ sind die Eltern verpflichtet das empfangene Geschenk anzunehmen – indem sie es in seiner Persönlichkeit respektieren – und zu erwidern – indem sie liebevoll für das Wohl des Kindes sorgen, auch wenn sie dafür eigene Bedürfnisse zurückstellen müssen.

Auch meine Interviewpartner haben die oben ausgeführten, gesellschaftlich vermittelten Vorstellungen und Ansprüche an Elternschaft verinnerlicht. Lerchs61 sprechen explizit vom Kind als einem „Geschenk“ (I-Lerch_1). Herr Förster macht deutlich, dass für ihn die Erfüllung eines Kinderwunsches nur legitimierbar sei, wenn sie mit dem Wohl des Kindes vereinbar ist: Für eine Adoption Wege zu gehen, bei denen Kinderhandel nicht ausgeschlossen werden könnte, sei die „Perversion des Kinderwunsches“ (I-Förster_1), erklärt er beispielsweise im ersten Interview. Als ich Frau Förster frage, welche Erwartungen sie an ihre Familie habe, sagt sie:

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Frau Förster: „[…] Ich habe keine materiellen Erwartungen in dem Sinne. Oder auch nicht die Vorstellung, dass jeden Sonntagmorgen etwas Bestimmtes passiert. Nee, ich möchte einfach mit meiner Familie ein schönes Leben haben und mich wohl fühlen, und dass alle anderen sich auch wohl fühlen. Jetzt habe ich zuerst an mich gedacht, wie egoistisch! […]“ (I-Förster_1)

Entsprechend der Formulierung der an sie gerichteten Frage, reflektiert Frau Förster über ihre persönlichen Erwartungen an ihre Familie. Während sie ihre Überlegungen jedoch ausspricht, stellt sie fest, dass es nicht dem Bild der „diffuse, enduring solidarity“ entspricht, persönliche Erwartungen an die Familie an erster Stelle zu nennen, denn als Mutter wäre es „the ‚right’ thing to do“ gewesen, zunächst an das Wohlergehen der anderen Familienmitglieder zu denken. Individueller ‚Egoismus’ ist in Bezug auf Kinder ‚nicht vertretbar’. Auch Schmieds grenzen sich von einer Käufer-Einstellung’ oder ‚Waren-Vorstellung’ in Bezug auf den Kinderwunsch ab, indem Frau Schmied erklärt, eine Auslandsadoption sei für sie schon deshalb undenkbar gewesen, weil die damit verbundenen hohen Kosten62 ihnen das Gefühl vermittelt hätten, ein Kind gekauft zu haben. Ebenso wie meine Interviewpartner stufen auch die Adoptionsvermittlungsstellen ein ‚Konsumenten-Verhalten’ von Seiten der Adoptionsbewerber als inakzeptabel ein – so inakzeptabel, dass auch Witze in dieser Richtung als vollkommen unangemessen disqualifiziert werden, wie Schmieds anlässlich ihrer ironisch gemeinten Äußerung, sich ein „blondes Kind mit blauen Augen, sportlich“ (I-Schmied_1) zu wünschen, feststellen müssen. Dennoch ist es gerade die Frage der Vermittlerin, die Schmieds zu ihrer ironischen Äußerung veranlasst, denn sie ist es, die Schmieds bittet ihr zu sagen, an was für ein Kind sie bei einer Adoption dächten. Schmieds fühlen sich aufgefordert, entgegen dem ‚Egoismus- und Konsumtabu’ der Vermittlerin gegenüber konkrete Wünsche in Bezug auf ein Kind zu formulieren. Sie geraten in einen Konflikt, den sie vor dem ‚Erlernen der Spielregeln’ des Adoptionsverfahrens versuchen, mit offensivem Humor zu bewältigen. Wie alle Adoptionsbewerber sehen sich Schmieds in dieser Situation mit einem Paradox konfrontiert, das in der Adoptionssituation begründet ist. Auf der einen Seite wird auch und gerade im Adoptionsverfahren betont, wie wichtig es sei, das Kind in seiner Persönlichkeit zu akzeptieren und fähig zu sein, die eigenen Interessen auf die Bedürfnisse des Kindes abzustimmen. Auf der anderen Seite müssen sich Adoptiveltern zur Prävention sehr intensiv damit beschäftigen, welche Wünsche und Vorstellungen sie in Bezug auf ein Kind haben. Sie sollen bewusst die Vorgeschichte, Merkmale oder Eigenschaften eines Kindes ausschließen, die sie potenziell überfordern würden. Angesichts dieser widersprüchlichen Erwartungen ist es für die Bewerber besonders wichtig, die ‚richtigen Worte’ zu finden, wenn es darum geht, ein Kind ‚zu wählen’.

Besonders schwer fällt es den meisten meiner Interviewpartner, ihre Wünsche in Bezug auf das Aussehen eines Kindes in angemessener Weise zu formulieren. Ausnahmslos alle meine Gesprächspartner wünschten sich ein Kind, das nicht durch sein Aussehen von Außenstehenden als Adoptivkind identifiziert werden kann. Ein wichtiger Punkt für viele ist dabei der Schutz der Privatsphäre. Frau Förster beispielsweise erklärt:

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Frau Förster: „[…] Wir sind damit [mit Leons Adoption, S.H.] relativ offen umgegangen und tun es auch jetzt insgesamt immer noch, aber ich möchte nicht, dass man das auf zehn Kilometer sieht. Also, hier in der Nachbarschaft zum Beispiel, weiß es niemand. Und ob das mal später anders ist, das wird Leon selbst entscheiden. Aber ich will nicht, dass man es gleich sieht, das will ich nicht.“ (I-Förster_1)

Die Vorstellung von Unbekannten in der Öffentlichkeit als offensichtliche Adoptivfamilie beobachtet zu werden, empfindet Frau Förster als Belastung und als Faktor, der den Sonderstatus ihres Sohnes als Adoptivkind verstärken würde. Außerdem geht es ihr darum, die Kontrolle über intime Informationen zu bewahren. Denn als Teil der Familienbildung gehört die Adoption zum Kern dessen, was gesellschaftlich als Privatsphäre anerkannt ist.63 Ihr Sohn Leon, als die Person, deren Selbstbild nach Ansicht Frau Försters am stärksten von der Adoption betroffen ist, soll später die Möglichkeit haben, selbst zu entscheiden, wer davon erfährt.

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Auch die Assoziation eines bestimmten Aussehens mit bestimmten ‚Kulturen’ spielt für viele meiner Interviewpartner bei der ‚Wahl’ des Adoptivkinds eine Rolle. Sie haben die auch in der Vermittlungsstelle bestätigte Vorstellung, dass Adoptivkinder sich mit großer Wahrscheinlichkeit für die Gruppen interessieren würden, denen sie ähnlich sähen. Damit käme auch auf die Adoptiveltern eine Notwendigkeit zu, die viele meiner Interviewpartner vor allem in Bezug auf den außereuropäischen Raum nicht leisten können oder wollen: Auf Grund der Nähe zu ihrem Kind müssten sie sich mit dem Herkunftsland bzw. ‚der’ Kultur, Ethnie und/oder Religion der jeweiligen, mit ihrem Kind assoziierten Gruppe, auseinandersetzen und bis zu einem gewissen Grad identifizieren. Gerade dieser Aspekt jedoch, der beispielsweise Schmieds und Försters besonders wichtig ist, setzt sie dem Verdacht aus, rassistisch und diskriminierend gegenüber Minderheiten eingestellt zu sein – ein weiteres Tabu-Thema, das in der Mediendiskussion um Madonnas Adoption aufgegriffen wird. Försters gelingt es schnell, ihrer Vermittlerin deutlich zu machen, dass ihre Ablehnung bestimmter Kinder nicht in rassistischer Diskriminierung begründet sei, sondern in dem Bewusstsein, nicht die den Bedürfnissen des Kindes entsprechende Kenntnis und Begeisterung für dessen Herkunftsland, -kultur, -ethnie oder -religion aufbringen zu können. Schmieds dagegen ringen über mehrere Vermittlungsgespräche hinweg um die ‚richtigen’ Worte bei der Formulierung ihrer Beweggründe. Herr Schmied erklärt, auf manche Fragen der Vermittlerin in Bezug auf ein potenzielles Adoptivkind, hätten er und seine Frau nur aus einem bloßen „Bauchgefühl“ (I-Schmied_2) heraus antworten können, ohne dass sie eine Begründung dafür gehabt hätten. Durch ihre wiederholten Nachfragen zwingt die Vermittlerin sie jedoch immer wieder, ihr „Gefühl“ (I-Schmied_2) zu reflektieren und in einem Sprachmodus zu begründen, der dem Vermittlungskontext ‚angemessen’ ist. Im Adoptionsvorbereitungskurs, an dem Schmieds teilnehmen, werden auch Motivationen, ein Kind zu adoptieren thematisiert. Anhand dieser Diskussion wird Schmieds deutlich, dass es negative, egoistische Beweggründe gebe ein Kind zu adoptieren, und positive, die die bedürfnisgerechte Förderung des Kindes mit dem Wunsch nach Bereicherung des eigenen Lebens verbänden. Als Ergebnis dieses Reflexionsprozesses müssen sich Schmieds eingestehen, dass ihr Wunsch, durch ein Kind eine „vollständige Familie bilden [zu] können“ (I-Schmied_2) egoistisch sei. Wenn man es genau nehme, so Schmieds, seien alle ihre Beweggründe für eine Adoption egoistisch. Die Erkenntnis der eigenen Egoismen wiederum veranlasst Schmieds, den Wunsch nach Kindern durch ‚positive’ Gründe zu legitimieren. Schmieds erklären, ihnen sei es „einfach wichtig“ ein „Kind großziehen und unterstützen [zu] können“ (I-Schmied_2), ihm „Erfahrungen weiter[zu]reichen“ und „Liebe [zu] geben“ (I-Schmied_1). Sensibilisiert im Rahmen des Eignungsverfahrens denken und argumentieren auch sie in der ‚Bildsprache der Gabe’.

Diese bewusste Reflexion über positive und negative Adoptionsgründe ist es schließlich, die Schmieds hilft, ‚angemessene’ Argumente für ihre Ablehnung eines Kindes zu formulieren, dem man eine süd- oder außereuropäische Herkunft deutlich ansieht. Sie erklären, dass sie in ihrem Wohnumfeld Angst vor diskriminierenden Reaktionen einem ‚ausländisch’ aussehenden Kind gegenüber hätten. Sie seien sich nicht sicher, das Kind in solchen Situationen schützen und ausreichend unterstützen zu können. Auch glaubten sie nicht, einem solchen Kind einen so positiven Bezug zu seiner Herkunft vermitteln zu können, dass es genug Selbstsicherheit entwickeln werde, dass es sich in ihrem Wohnumfeld gegen rassistische Diskriminierungen ausreichend abgrenzen und durchsetzen könne. Diese Argumentation ist es schließlich, die ihre Vermittlerin zufrieden zu stellen scheint.

Da die ‚Wahl’ eines bestimmten Adoptivkindes aus Sicht der Vermittlungsstelle nur für die Prävention zum Wohle des Kindes notwendig und durch sie legitimierbar ist, müssen die Adoptionsbewerber – intuitiv oder in einem Lernprozess – überzeugend darstellen, dass auch sie sich in ihrer Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Kind nicht nur von persönlichen Präferenzen leiten lassen, sondern auch im Interesse des Kindes denken. Der Sprachmodus über das Kind ist dabei von großer Bedeutung. Durch eine bewusste Abgrenzung von einer ‚Konsumentenhaltung’ und einem Vokabular, das mit Warenkonsum assoziiert wird, machen die Adoptionsbewerber deutlich, das sie die ‚erforderliche’ Wahl eines Adoptivkindes als das verstehen, was sie nach Ansicht der Vermittlungsstelle sein muss: Eine realistische und selbstreflektierte Einschätzung der eigenen Kapazitäten aus der Motivation heraus, den Bedürfnissen des Adoptivkinds gerecht zu werden.

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Der Konflikt zwischen einem egoistischen Wunsch nach Kindern, um die eigenen Träume zu erfüllen, und dem – von allen meinen Interviewpartnern – verinnerlichten Ideal, altruistisch für das Wohl des Kindes zu sorgen, betrifft nicht nur (angehende) Adoptiveltern. Durch die im Interesse der Prävention geschaffene Möglichkeit und Notwendigkeit der ‚Wahl’ eines Kindes, müssen sich Adoptionsbewerber jedoch besonders intensiv mit diesem Paradox auseinandersetzen.64

3.5 Standardisierung von Elternschaft

Durch die Adoptionsgesetzgebung, vor allem aber durch die – auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Kindeswohl beruhenden – Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung werden Normen geschaffen, die Adoptionsbewerber erfüllen müssen. Der Ausschluss von Bewerbern, die für ungeeignet erachtet werden und der bei den Bewerbern im Adoptionsverfahren ausgelöste Entwicklungsprozess, soll Adoptivkindern einen guten ‚Familienstandard’ gewährleisten. Adoptivkinder sollen in Familienkonstellationen vermittelt werden, die ihrer Entwicklung besonders förderlich sind. Die Standards, an denen Adoptiveltern gemessen werden, gelten zum größten Teil auch für Eltern leiblicher Kinder, wie ich im Kapitel zum Kindeswohl gezeigt habe. Die im Adoptionsverfahren gegebene Möglichkeit der Auswahl geeigneter Eltern und deren ‚Qualifizierung’ durch die Auseinandersetzung mit Themen, die für erziehungsrelevant erachtet werden, ermöglicht jedoch eine staatlich initiierte Form der Standardisierung von Elternschaft: Um eine Vergleichbarkeit unter den Adoptionsbewerbern herzustellen wird – wie im Kapitel über die Vorbedingungen der Adoption beschrieben – ein durch den Fragebogen und festgelegte Gesprächsthemen bis zu einem gewissen Grad vereinheitlichtes Eignungsverfahren durchgeführt. ‚Eignungsrelevante Faktoren’, wie Altersgrenzen, psychische und physische Gesundheit, bestimmte erforderliche Charaktereigenschaften etc., die bei allen Bewerbern abgefragt werden, ermöglichen es, für ungeeignet erachtete Bewerber auszuschließen und Adoptivelternschaft so bis zu einem gewissen Grad zu standardisieren. In Anlehnung an Elizabeth Dunn lässt sich feststellen, dass die von der BAGLJÄ festgelegten ‚Familien-Standards’ Adoptivelternschaft deswegen beeinflussen können, weil sie es ermöglichen, Individuen (den Bewerbern) die ausformulierten Normen zu vermitteln.65 Zwar können und sollen Adoptionsbewerber nicht genötigt werden, durch Buchführung und regelmäßige ‚Persönlichkeits-Proben’ einen ‚gleich bleibenden’ Standard ihrer Erziehungsfähigkeit unter Beweis zu stellen, wie es die bei Elizabeth Dunn beschriebenen audits 66 für Fleischproduktionsfirmen tun. Außerhalb der Verfahrensgespräche sind Adoptionsbewerber frei von Kontrollen durch die Vermittlungsstelle, aber festgelegte Ausschlusskriterien bezüglich für ungeeignet erachteter Adoptionsbewerber sorgen für ein bis zu einem gewissen Grad normiertes Adoptivelternprofil. Dazu gehören auch verfahrensbedingte Selektionsmechanismen, wie beispielsweise die Durchhaltevermögen erfordernde Wartezeit. Ebenso entscheidende Voraussetzungen sind das Erfordernis der Bereitschaft zur Offenheit und Selbstreflexion vor der Adoptionsvermittlerin oder die Fähigkeit des Paares, die eigenen Beweggründe für die Adoption in einer für die Vermittlungsstelle angemessenen Form schriftlich und mündlich zu artikulieren.

Die Sensibilisierung für adoptionsspezifische Problematiken und die Darstellung bestimmter Bedürfnisse von Adoptivkindern erzeugen bei meinen Interviewpartnern ein Verständnis für die von Adoptiveltern geforderten Standards. Dadurch akzeptieren und verinnerlichen sie die Ansprüche an Adoptiveltern, die in den von der BAGLJÄ und den Vermittlern aufgestellten Standards impliziert sind. Dies bedeutet nicht, dass Adoptionsbewerber bzw. Adoptiveltern alle von Vermittlern aufgestellten Normen und Verhaltensregeln für gut erachten oder befolgen. Bei meinen Interviewpartnern habe ich jedoch zumindest einen Grundkonsens bezüglich des Bildes der Bedürfnisse von Kindern allgemein und Adoptivkindern im Besonderen und sich daraus ergebenden Elternpflichten feststellen können. Der Wunsch nach einem harmonischen Familienleben, das durch dauerhaft unzufriedene oder unglückliche Kinder unmöglich gemacht würde, führt dazu, dass (angehende) Adoptiveltern – auch ohne audits – versuchen, den im Adoptionsverfahren vermittelten Bedürfnissen des Kindes gerecht zu werden. Das Adoptionsverfahren etabliert also eine Form der Gouvernementalität im Sinne Foucaults, indem es durch die Auferlegung aber auch Einvernehmen erzeugende Vermittlung von Normen einen Subjektivierungsprozess 67 bei den Adoptionsbewerbern auslöst:

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„Regierung [Gouvernementalität, S.H.] im Sinne Foucaults bezieht sich […] vor allem auf ihre ‚(Selbst)Produktion’, oder genauer: auf die Erfindung und Förderung von Selbsttechnologien, die an Regierungsziele gekoppelt werden können. Sie operiert nicht ausschließlich und notwendig über explizite oder implizite Verbote von Handlungsoptionen, sondern auch und gerade durch ihre Macht, Subjekte zu einem bestimmten Handeln zu bewegen: ‚Sie ist ein Ensemble von Handlungen in Hinsicht auf mögliche Handlungen; Sie operiert auf dem Möglichkeitsfeld, in das sich das Verhalten der handelnden Subjekte eingeschrieben hat: sie stachelt an, gibt ein, lenkt ab, erleichtert oder erschwert, erweitert oder begrenzt, macht mehr oder weniger wahrscheinlich; im Grenzfall nötigt oder verhindert sie vollständig; aber stets handelt es sich um eine Weise des Einwirkens auf ein oder mehrere handelnde Subjekte, und dies, sofern sie handeln oder zum Handeln fähig sind. Ein Handeln auf Handlungen.’ (Foucault 1987: 255) […]“ (Bröckling/Krasmann/Lemke 2000: 29f.)

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Präventiv-Denken spielt in diesem Subjektivierungsprozess eine zentrale Rolle, denn gerade die Angst vor dem Scheitern der Adoption ist es, die Adoptionsbewerber und Adoptiveltern ‚aktiviert’ (Vgl. Bröckling 2004: 214), die sie immer wieder dazu bringt, sich selbst und ihre Motivation zur Adoption zu hinterfragen. Die im Fall Lerchs herausgearbeitete Sorge, sich an ein Kind zu binden, dessen Bedürfnisse die Umsetzung der eigenen Vorstellungen zur Lebensgestaltung nicht zulassen, führt zu einer ständigen Selbstprüfung der eigenen Grenzen und Wünsche. Auch gegenüber den Vermittlern führt die Angst vor dem ‚falschen Kind’ zu offenen Eingeständnissen der eigenen Schwächen und verhindert realitätsferne Selbstdarstellungen als ‚Hochleistungs-Eltern’. Gleichzeitig erklären mehrere meiner Interviewpartner wie Herr Förster, dem Adoptivkind gegenüber eine besondere Verantwortung zu spüren, weil sie ihren Kinderwunsch durch das Adoptionsverfahren intensiv reflektieren- und sich vor ihrer Vermittlerin als über alle Zweifel erhabene, ‚gute’ potenzielle Eltern präsentieren mussten, um überhaupt ein Kind vermittelt zu bekommen. Soweit nicht schon vorher vorhanden, hinterlässt das Adoptionsverfahren bei meinen Interviewpartnern ein starkes Bewusstsein dafür, durch bedürfnisgerechtes Verhalten die Entwicklung des Kindes positiv beeinflussen zu können bzw. zu müssen. Wenn sie, wie Försters, über die beste Möglichkeit der Heranführung ihres Kindes an das Adoptionsthema nachdenken, dann handeln sie aus eigenem Antrieb und in der eigenverantwortlichen „Selbstsorge“ ‚aktivierter’ Bürger (Bröckling 2004: 214).


Fußnoten und Endnoten

51  Unter Norm verstehe ich als verbindlich geltende Verhaltensregeln oder Vorschriften (Vgl. Opp 2001; Waldschmidt 2004: 191). Unter Standard verstehe ich einen allgemeinen oder vereinbarten Maßstab bzw. ein Leistungs-, Qualitäts- oder Lebensführungsniveau  (Vgl. Hartfiel/Hillmann 1982: 729; auch Waldschmidt 2004: 191). Im Kapitel 3.5 werde ich noch einmal genauer darauf eingehen, welche Rolle Normen bzw. Standards für (Adoptiv-) Eltern bei meinen Interviewpartnern spielen.

52  Die Paare, an deren Beispiel ich bestimmte Themen untersuche, habe ich ausgewählt, weil sich diese Themen – die viele meiner Gesprächspartner aus Interviews und der Adoptionsselbsthilfegruppe betreffen – am Beispiel des ausgewählten Paares besonders gut herausarbeiten lassen. Im Gegensatz zu meiner reduzierten Darstellung der Paare, die sich zwangsläufig aus der Fokussierung auf ein Thema ergibt, sind jedoch die Themen und Fragestellungen sehr vielfältig, mit denen sich die (angehenden) Adoptiveltern auseinandersetzen.

53  Das durchschnittlich höhere Alter der meisten Adoptionsbewerber lässt sich m.E. zum einen mit längeren Ausbildungswegen als bei Schmieds erklären. Zum anderen spielen jedoch sicherlich auch unterschiedliche Familienplanungsmodelle der ehemaligen DDR bzw. der BRD, von denen die Betroffenen geprägt wurden, eine Rolle. Der amerikanische Sozialanthropologe John Borneman spricht in Bezug auf diese staatlich propagierten Familienmodelle von master narratives (Borneman (1992), S. 19). In diesem Zusammenhang wäre es auch interessant zu untersuchen, inwieweit die beruflichen Vorstellungen meiner Interviewpartner von master narratives geprägt sind. Bis auf Frau Koch (Kapitel 4.2), die sich die Erziehungszeit mit ihrem Mann teilt, schränken sich beispielsweise alle meine Interviewpartnerinnen an Stelle ihres Mannes für ihre Kinder ein. Meine in Ostdeutschland sozialisierten Interviewpartnerinnen gingen jedoch in den Gesprächen zumindest theoretisch selbstverständlich davon aus, Kinder und Beruf verbinden zu können bzw. zu dürfen. Meine in Westdeutschland sozialisierten Interviewpartnerinnen hatten dagegen in den Gesprächen ein stärkeres Bedürfnis, sich für den eventuellen Wunsch, beruflich aktiv zu bleiben, zu rechtfertigen.

54  Frau Schmied erinnert sich beispielsweise aus dem Buch „Schattenmütter“ an die Geschichte zweier Adoptivtöchter, denen das Kennenlernen der leiblichen Mutter zwar wichtig ist, die aber beide feststellen, dass sie sich letztendlich nur ihren Adoptivfamilien wirklich zugehörig fühlen. (I-Schmied_1)

55  Im Kapitel 3.4 werde ich auch auf einen Lernprozess bezüglich des Sprachmodus über das Adoptivkind eingehen.

56  Säuglinge können frühestens im Alter von acht Wochen endgültig zur Adoption freigegeben werden und erst dann, wenn die leibliche Mutter dies mit ihrer Unterschrift bestätigt hat. Näheres zu diesem Punk im Kapitel 2.1.3. Vgl. auch BGB §§ 1747, 1748.

57  Z.B. die durch die Presse gegangene Nachricht des Selbstmordes des 17jährigen Adoptivsohns Willi Bogners (dpa 4.10.2005 (Süddeutsche Zeitung) , dpa 4.10.2005 (Die Welt), dpa 29.11.2005 (F.A.Z.) u.v.a.). Auch in Fernsehreportagen taucht dieses Thema immer wieder auf, z.B. in der BBC-Dokumentation von 2002: „Kinder des Zorns“ (Taming the Problem Child), die am 24.3.2003 auf VOX ausgestrahlt wurde (http: //www.adoption.de/aktu_tvtipps.htm) oder in der WDR-Produktion „Aruns Wut – Ein indisches Adoptivkind klagt an“, ausgestrahlt am 30.11.2005 (http: //www.wdr.de/tv/menschen-hautnah/archiv/2005/11/30.phtml). Die Inhaltszusammenfassung der ZDF-Dokumentation „Nicht ohne meine Mutter – Adoptivkinder auf Spurensuche“ erklärt gar, Experten für nationale und internationale Adoption warnten davor, Kinder von ihren biologischen Müttern zu trennen, da dies auch für Neugeborene ein Trauma sei.“Affenbabys sterben bei dieser Trennung. Menschenkinder sterben nicht, aber es ist, nach Meinung der Wissenschaftler, für sie ein schwerwiegender Prozess.“ (http: //www.zdf.de/ZDFde/inhalt/24/0,1872,3927064,00.html)

58  Vgl. hierzu Zelizer (1988), die auf der Basis ihrer Analyse des Verhältnisses zwischen Geld und sozialen Beziehungen ‚unterschiedliche Arten von Geld’ unterscheidet: „Different monies are used differently […]“. Umgekehrt gilt: „Different uses can transform the meaning of money.“ (Zelizer 1988: 26) Einnahmen durch ein Kind, beispielsweise in Form von Kindergeld, sind gesellschaftlich nur dann legitimierbar, wenn sie zu seinem Wohl eingesetzt werden.

59  Z.B. titelt die Berliner Zeitung: „Heim und Hoffnung“ (Cosack 18.10.2006), „Weiter Wirbel um Madonnas Adoptivsohn“ (AFP 24.10.2006), „’Ich habe nichts Falsches getan.’ Madonna verteidigt die Adoption des kleinen David im Fernsehen“ (BLZ 26.10.2006), „Kleine Bärchen“ (Ehlert 27.10.2006), „Madonna. Nach der Aufnahme des Jungen David wetteiferte die Popsängerin (48) angeblich mit einem australischen Ehepaar um die Adoption eines Mädchens aus Malawi“ (AFP 22.11.2006), „Klage gegen Adoption in Malawi zugelassen“ (AFP 30.11.2006). Die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung titelt: „Madonna. Möchtegern-Mutter der Armen“ (Koydl 16.10.2006), „Madonna verteidigt sich. Die Antwort der Pop-Königin“ (dpa 26.10.2006), „Madonna. Vater gegen Rückkehr des kleinen David“ (AFP 27.10.2006), „Weltreise zum Wunschkind“ (Rubner 29.10.2006) . Unter vielen anderen deutschen Zeitungen und Zeitschriften greifen Der Tagesspiegel, F.A.Z., Focus, Der Spiegel das Thema genauso auf, wie B.Z., Bild und Bunte.

60  Vgl. Mauss, Marcel, Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Frankfurt am Main 1990. (französische Erstveröffentlichung 1950) Im Folgenden kann ich mit Rücksicht auf den Umfang meiner Magisterarbeit leider nur sehr auschnitthaft auf die Theorie Marcel Mauss’ eingehen.

61  Auch Kochs und Englers, die ich im nächsten Teil vorstellen werde, bezeichnen ihre Kinder als „G e schenk“.

62  Abhängig vom Herkunftsland des Kindes und der Vermittlungsorganisation können Auslandsadoptionen durch Flugkosten, Übersetzungskosten, Gutachten etc. zwischen 10000 und 20000 Euro kosten. Vgl. http: //www.wunschkinder.net/infosammlung/Adoption#h125-11 oder http: //www.moses-online.de/web/90.

63  Vgl. Einleitung und Fußnote 1.

64  Die Aufforderung zur Prävention besteht im Schwangerschaftskontext ebenso wie im Kontext des Adoptionsverfahrens. Prävention im Adoptionsverfahren berücksichtigt jedoch die Biographie und das zukünftige soziale Umfeld eines konkreten Adoptivkindes, Prävention in der Schwangerschaft wird m.E. dagegen eher medizinisch betrieben und besteht darin, Behinderungen und Krankheiten beispielsweise durch Verzicht auf Alkohol oder, im Falle schon diagnostizierter Behinderungen, durch einen Schwangerschaftsabbruch, zu vermeiden. Spekulativ (da mir seine Einstellung nur mittelbar bekannt ist) ließe sich die Reaktion des von Schmieds konsultierten Kinderarztes (Kapitel 3.1) als ‚medizinische’ Präventionsvorstellung interpretieren. Der Kinderarzt überträgt somit eine im Schwangerschaftskontext als legitim geltende Präventionsvorstellung auf die Adoptionssituation, in der die Betonung des Kindeswohls ein solches Verständnis von Prävention verbietet. (Vgl. bezüglich präventiver Maßnahmen im Schwangerschaftskontext Beck-Gernsheim 2002, Graumann 2003 und Helfferich 2003; bezüglich der Stellung des Kindeswohls in Reproduktionsmedizin und Adoption vgl. Kapitel 2.1.6)

65  Die Original-Formulierung Elizabeth Dunns lautet: “Standards work to shape economies because they are able to drive new norms down to the level of the individual.” (Dunn 2005: 183). Zwar untersucht die Anthropologin Elizabeth Dunn ein gänzlich anderes Feld als ich – die Veränderung polnischer Schweinefarmen im Zuge der Eingliederung Polens in die EU – ihre Erkenntnisse über Standardisierungsprozesse im Allgemeinen lassen sich jedoch mit Einschränkungen auch auf die Entwicklung angehender Adoptiveltern übertragen, wie ich im Folgenden ausführe.

66  Audits (von lat.“Anhörung") sind von Zeit zu Zeit durchgeführte Untersuchungen, mit Hilfe derer die Erfüllung von Anforderungen und Richtlinien bei Prozessabläufen in Firmen oder in Unternehmen überprüft werden. Die Standardisierung von Prozessabläufen bedeutet eine große Erleichterung bei diesen Überprüfungen. Die von Elizabeth Dunn untersuchten Fleischproduktionsfirmen sind beispielsweise verpflichtet, die einzelnen standardisierten Produktionsschritte in ‚Produktionslogbüchern’ zu dokumentieren. Anhand dieser Logbücher kann auch nachträglich während der audits festgestellt werden, ob alle Richtlinien erfüllt wurden. (Vgl. Dunn 2005: 185f.) Audits werden inzwischen in den meisten großen Firmen und Unternehmen eingesetzt und gern als Qualitätsgaranten angeführt, wie beispielsweise in den Internetauftritten von BASF, Roche, Beyer, Schering u.v.a.

67  Unter Subjektivierung im Sinne Foucaults verstehe ich im Kontext meiner Arbeit einen durch Gouvernementalität ausgelösten Prozess, bei dem das Individuum von einem, äußeren Reglementierungen unterworfenen, Objekt, zu einem eigenständigen Subjekt wird, das die diesen Regeln zugrunde liegenden Normen so weit verinnerlicht hat, dass es aus eigenem Antrieb danach handelt. Gouvernementalität oder Regierung ist, wie im obenstehenden Zitat angeführt, die Förderung von Selbsttechnologien (Formen der Selbstregierung), die zur Verinnerlichung von Normen führen, die den Regierungszielen entsprechen. Der Begriff Regierung ist dabei nicht ausschließlich im politischen Sinn zu verstehen, sondern bezieht sich auf alle Bereiche gesellschaftlichen Lebens, in denen „Apparate, Verfahren, Institutionen, Rechtsformen etc. […] es erlauben sollen, die Objekte und Subjekte einer politischen Rationalität entsprechend zu regieren“. (Lemke 2000: 31, 33; vgl. auch Braun 2000: 20, Brand 2004: 112)



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06.08.2008