4  Normalisierungsprozesse im Adoptionsalltag

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In diesem Kapitel untersuche ich, mit welchen, teils in der Zeit des Adoptionsverfahrens an sie herangetragenen, teils im Zusammenleben mit dem Kind entstehenden und teils durch Reaktionen des sozialen Umfelds ausgelösten Konflikten sich die von mir interviewten Adoptiveltern auseinandersetzen. Durch die Sensibilisierung für die Bedürfnisse von Adoptivkindern und durch von Vorannahmen über Adoptivkinder beeinflusste Reaktionen ihres sozialen Umfelds auf ihre Familie befinden sich Adoptivfamilien in einer „Sondersituation“ (I-Senat_2), die psychologisch als belastend empfunden wird. Eine Situation, auf die Adoptiveltern ausgleichend reagieren müssen. Die Herstellung von Normalität im Alltag spielt dabei eine zentrale Rolle. Am Beispiel von drei Adoptivelternpaaren68 werde ich unterschiedliche Praxen der Normalisierung 69 herausarbeiten, die es meinen Interviewpartnern ermöglichen, Selbstsicherheit als Eltern und Gelassenheit im Umgang mit ihren Kindern zu entwickeln.

4.1 Englers – Abgrenzung I

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Herr und Frau Engler sind beide Anfang 40. Herr Engler arbeitet in einem Wirtschaftswissenschaftsinstitut, Frau Engler war in einer Werbeforschungsagentur tätig, bis Englers ihre damals erst wenige Tage alte Adoptivtochter vermittelt bekamen. Die Interviews mit Englers finden bei Kaffee und Kuchen in Anwesenheit ihrer inzwischen einjährigen Adoptivtochter Dorothee statt, die mit Kleinkindgebrabbel und Versuchen, mit allem, was in ihre Reichweite kommt zu spielen, immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die vor Stolz über ihre Tochter strahlenden Englers erklären selbstironisch, dass Dorothee gerade an einem Buch über „dressierte Eltern“ (I-Engler_1) schreibe. Wann Frau Engler wieder anfangen wird zu arbeiten, will sie ganz von ihrer Tochter abhängig machen, sie selbst setze sich in dieser Beziehung nicht unter Druck. Sie habe zuvor viel Zeit gehabt, sich beruflich zu verwirklichen und da sie sehr lange auf ein Kind gewartet habe, falle es ihr nicht schwer, die nächsten Jahre dem Kind zu widmen und dann in Ruhe weiterzusehen, welche beruflichen Möglichkeiten sich für sie ergäben. Die Entscheidung für eine Adoption nach einer erfolglosen medizinischen Kinderwunschbehandlung fiel Englers nach eigenen Aussagen leicht. Durch ihren kinderreichen Freundeskreis hätten sie im Alltag viel mit Kindern zu tun gehabt, auch mit Adoptiv- und Pflegekindern. Vor allem bei ihren vier Patenkindern hätten sie festgestellt, wie schnell sich intensive Beziehungen zu Kindern ausbildeten, auch wenn es nicht leibliche Kinder seien.

Das Adoptionsverfahren erleben Englers nach eigenen Aussagen als kaum belastend. Vor dem ersten Vermittlungsgespräch informieren sie sich durch Adoptionsratgeber70 darüber, welche Fragen sie im Verfahren erwarten. Insofern sind sie auch von den Gesprächsinhalten des Eignungsverfahrens nicht überrascht. Sie erinnern sich, die Gesprächstermine mit ihrer Vermittlerin immer sehr zuversichtlich verlassen zu haben. Nach einem einjährigen Eignungsverfahren besuchen Englers in der folgenden anderthalbjährigen Wartezeit mehrere Adoptionsvorbereitungskurse um, wie sie sagen, „thematisch [an der Adoption, S.H.] dran zu bleiben“ (I-Engler_2). Den Austausch mit erfahrenen Adoptiveltern in den Adoptionsvorbereitungskursen und die Informationen, die sie im Adoptionsverfahren und durch die Ratgeber erhalten, empfinden Englers als hilfreich. Dennoch äußern sie sich sehr kritisch über die übertriebene Problemzentriertheit des Adoptionsdiskurses, durch den die Adoption zur Erklärung für alle Konflikte und Schwierigkeiten von Adoptivkindern gemacht werde. Auch in den Medien, so nehmen es Englers wahr, würde der Umstand einer Adoption häufig als Erklärung für eine gescheiterte Existenz angeführt. Selbst gesundheitliche Probleme würden einfach auf die Adoption zurückgeführt. Als Dorothee beispielsweise in den ersten Lebenswochen nicht genug zunahm, hätten Hebamme und Arzt sofort vermutet, dass das Kind sich noch nicht an die neuen Eltern gewöhnt habe und aus Kummer nicht trinke. Später stellte sich heraus, dass Dorothee unter einem Virus litt, der ihre Verdauung behinderte. Als Adoptivmutter, so Frau Engler, werde man mit vielen Sachen belastet, die leibliche Mütter nicht zu hören bekämen:

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Frau Engler: „Das ist wirklich so, dass ich das ganz oft gehört habe, wenn man mit einem Adoptivkind auftaucht, gerade mit so einem kleinen, dass man immer wieder zu hören kriegt: ‚Oh, oh, oh, da müssen Sie aber gucken, dass da auch die Nähe entsteht, die nötig ist. Sie wissen ja, viel Körperkontakt und Haut auf Haut und so.’ Also, da wird wirklich auch ein Problembewusstsein geschaffen, das ich nicht hatte. Ich hatte nie das Gefühl, dass wir da eine größere… Ich kann es nicht beurteilen, ich hatte ja nie eigene Kinder, aber, dass es da eine Distanz gab. . . Natürlich, man hat sowieso das Bedürfnis, mit seinem Kind zu schmusen und es bei sich zu haben, aber man wird da auch in so Sachen reingetrieben… Dann hieß es immer: ‚Legen Sie sich das Kind auf den Bauch…’ Habe ich gemacht. Die fand das so blöd! Das war jedes Mal ein riesiger Zirkus. Dann lag die auf meinem Bauch und brüllte los weil ihr das wohl alles zu hart war oder was. Und ich meine, auf so einen Quatsch kommt man doch nicht, wenn man in Ruhe gelassen wird!“ (I-Engler_1)

In diesem Fall ist es das medizinische Personal, das von einer besonderen Problemlage beim Adoptivkind ausgeht. Dieser Perspektive zufolge fehlt zwischen Adoptivmutter und Adoptivkind das ‚unauslöschliche Band’, das zwischen Mutter und Kind während der Schwangerschaft entsteht (Vgl. Golomb/Geller 1992: 120, Wild 1998: 266, Kapitel 2. 1 dieser Arbeit). Was im 19. Jahrhundert als ‚natürlich’ vorausgesetzt wurde, gilt heute durch die pränatale Psychologie als bewiesen. Mit Verweis auf mehrere psychologische Arbeiten erklärt beispielsweise die Diplompädagogin, Still- und Laktationsberaterin und ausgebildete Psychotherapeutin Elizabeth Hormann in der Deutschen Hebammenzeitschrift, dass während der Schwangerschaft zwischen Mutter und Kind sowohl eine physiologische als auch eine psychologische Kommunikation stattfinde. Damit das Kind später bindungsfähig sei, sei es wichtig, dass die Mutter während der Schwangerschaft eine bewusste Verbindung zum werdenden Kind aufbaue. (Hormann 2005: 8) Das ‚Fehlen dieses Bandes’ bedeutet dieser Position zufolge für das Kind ein Defizit, das seine körperliche und psychische Entwicklung beeinträchtigt. Um eine Ersatzbindung zu schaffen, sollen die Adoptiveltern das Kind so häufig wie möglich nackt auf die eigene nackte Haut legen. Als Bonding wird der so ausgelöste Bindungsprozess in der Deutschen Hebammenzeitschrift bezeichnet und jungen Adoptiveltern von zahlreichen Autorinnen dringend angeraten.71 Auch in der empfohlenen Adoptionsliteratur und im Adoptionsvorbereitungskurs, so Englers, sei immer wieder betont worden, dass sie bewusst und so häufig wie möglich Körperkontakt zum Kind suchen sollten. Da Englers dem vorgebrachten medizinischen und psychologischen Fachwissen keine Erfahrungen mit eigenen, leiblichen Kindern entgegenzusetzen haben, befolgen sie die Ratschläge zunächst. Nachdem sie jedoch die Erfahrung machen, dass Dorothee sich offensichtlich unwohl in diesen Situationen fühlt, brechen sie das ‚Sonderprogramm’ ab. Englers stellen wiederholt fest, dass es „ganz natürlich“ (I-Engler_2) sei, Körperkontakt zu einem kleinen Kind zu suchen, das geschehe ganz automatisch. ‚Natürliche Situationen’ ‚zwanghaft’ zu imitieren, z. B. um dem Kind das Gefühl einer Brustfütterung zu verschaffen72, oder eine vermeintlich fehlende Nähe durch bewussten Hautkontakt herzustellen, empfinden sie dagegen als „zu künstlich“ (I-Engler_1):

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Herr Engler: „Das Kind bekommt soviel Körperkontakt wie alle anderen Kinder auch und da muss ich das Kind jetzt nicht einmal die Woche nackt ausziehen und mit dem nackig durch die Gegend laufen.“ (I-Engler_1)

Englers ärgern sich über Ratschläge, die ihnen und dem Kind zu einer vermeintlich fehlenden Bindung aneinander verhelfen sollen. Gerade vor dem Hintergrund der Forderung, Adoptivfamilien und die eigene Adoptivelternschaft im Interesse des Kindes nicht als etwas Defizitäres zu verstehen, empfinden sie die Einmischung von außen als hinderlich. Durch Ratschläge, die sie auffordern sich mit ihrem Kind in Situationen zu bringen, die sie als ‚unnatürlich’ empfinden, fühlen sie sich in ihrer Elternkompetenz bevormundet.

Als Widerspruch zur Empfehlung aktiven Bondings im fachwissenschaftlichen Diskurs nehmen Englers die im Verlauf des Adoptionsverfahrens häufig gehörte Aufforderung an Adoptiveltern wahr, sich die ‚Fremdheit’ des Kindes bewusst zu machen:

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Frau Engler: „Es gibt da so eine Art von Problembewusstsein, das mir persönlich immer so ein bisschen an den Haaren herbeigezogen vorkam. Auch in diesen Gruppen [Adoptionsvorbereitungskursen, S.H.]: ‚Wir müssen uns klar machen, es ist nicht unser Kind.’ Wieso ist es nicht unser Kind? Das ist mir dann zu theoretisch, weiß ich auch nicht, was die wollen. Natürlich wird man irgendwann mal dieser Situation gegenüber stehen sich klarmachen zu müssen, das auch mal von dem Kind zu hören, das glaube ich gern. Aber von vornherein mit so einer künstlichen Distanz oder so was… Solche Sachen fand ich immer schwierig. Dann war es sehr erfrischend Leute zu treffen, die es wirklich getan hatten und die hatten auch konkrete Probleme oder Geschichten. Ob die natürlich aus der Adoption selbst kamen…?“ (I-Engler_1)

Wie in den vorangegangenen Kapiteln herausgearbeitet, geht es den Vermittlungsstellen und den Adoptionsvorbereitungskursen darum, dass zukünftige Adoptiveltern ihr Kind in seiner Persönlichkeit, mit seiner biographischen Geschichte und seiner Herkunft akzeptieren. Auch Englers sind davon überzeugt, dass es nicht gut sei, wenn es Eltern darum gehe, sich in ihrem Kind wiederzuerkennen bzw. wenn Eltern die Erwartung hätten, ihr Kind müsse ihre Träume und Talente ausleben. Allerdings, so Englers, gelte das für Eltern von Adoptivkindern genauso wie für Eltern leiblicher Kinder. Es ist nicht die Aufforderung sich bewusst zu machen, dass Dorothee auch leibliche Eltern hat, die Ärger bei Englers auslöst. Englers erzählen, dass sie bereit gewesen wären, Dorothees Mutter kennen zu lernen, diese habe aber bisher jeden Kontakt abgelehnt. Mehrfach äußern sie in den Interviews die Ansicht, dass die leibliche Familie für ihre Tochter sicher eine Rolle spielen werde, sobald sie älter sei. Sie halten es auch für wahrscheinlich, dass ihre Tochter ihnen irgendwann im Streit sagen werde, ‚dass sie nicht ihre Eltern’ seien. Darauf müssten sie gefasst sein und dem müssten sie etwas entgegenzusetzen haben, denn „eine bessere Waffe“ (I-Engler_1), so Frau Engler, könne ein Kind nicht gegen seine Eltern in die Hand bekommen. Darum sei es auch wichtig, dem Kind ein positives Verhältnis zur Adoption zu vermitteln. Wie Försters denken Englers schon jetzt darüber nach, mit welchen Bilderbüchern oder Kindergeschichten sie Dorothee in nächster Zeit an das Thema heranführen können, ohne ihr das Gefühl zu vermitteln, nicht wie andere Kinder und damit ‚unnormal’ zu sein. Auch Berichte anderer Adoptiveltern über deren positive und negative Erfahrungen empfinden Englers in diesem Zusammenhang als hilfreich. Was Englers jedoch befremdet ist die Forderung, Dorothee nicht als ‚ihr Kind’ zu betrachten. Für sie kommt dies der Aufforderung gleich, sich vom Kind zu distanzieren und sich ihr gegenüber befangener zu verhalten, als sie es mit einem leiblichen Kind tun würden. Wenn Dorothee nicht ‚ihr Kind’ ist, so meines Erachtens die naheliegende Schlussfolgerung, dann sind sie auch nicht Dorothees ‚richtige Eltern’73 und können ihr nicht mit der Selbstverständlichkeit ‚richtiger Eltern’ geben, was sie braucht.74

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Rückblickend erklären Englers, dass ihnen die Fokussierung des Adoptionsverfahrens auf Probleme von Adoptivkindern als übertrieben erschien. Wenn man sich für eine Adoption entscheide, sei es zwar wichtig zu erfahren, welche Probleme möglicherweise auf einen zukommen könnten, wie im Zusammenhang mit den Erfahrungsberichten anderer Adoptiveltern äußern Englers jedoch Zweifel daran, ob und inwieweit potenzielle Eltern-Kind Konflikte immer der Adoption geschuldet sein müssten:

Frau Engler: „Die [Vermittlerin, S.H.] erzählte, von Frauen vor allen Dingen, die auf einmal ein Kind hatten, das ihnen überhaupt nicht ähnelte. Wo die Frau eher in sich gekehrt und belesen war und dann hatte die auf einmal so einen kleinen Wildfang, der alles andere wollte, als Bücher gucken, und dass die da ganz schlecht mit umgehen konnten. Also, solche Sachen werden einem da geschildert, um einem das wahrscheinlich zu verdeutlichen, dass das passieren kann. Aber ich glaube, dass das auch ein Phänomen ist, das man erfährt, wenn man selber ein Kind bekommt. Das muss ja nicht ausgerechnet… Das kann ja auch auf Opa kommen und… Da erlebt man eh sein blaues Wunder!“ (I-Engler_2)

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Um sich selbst vor Enttäuschungen zu schützen, so Frau Engler, habe sie immer versucht sich klar zu machen, dass sie ein Kind vermittelt bekommen könnte, das die ganze Zeit schreie, und dass ihr mit einem leiblichen Kind das gleiche hätte passieren können. Die im Adoptionsverfahren angesprochenen potenziellen Probleme mit Adoptivkindern, so lässt sich aus Frau Englers Aussagen resümieren, sind nicht zwangsläufig adoptionsspezifisch. Auch leibliche Kinder können sich charakterlich und physisch von ihren Eltern unterscheiden. Wie ein Kind sich entwickle, sei nie vorauszusehen.

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Im Rahmen der präventiven Sensibilisierung von zukünftigen Adoptiveltern werden Englers mit einer Reihe potenzieller Probleme und Bedürfnisse von Adoptivkindern konfrontiert. Ihren Aussagen lässt sich entnehmen, dass eine solche Darstellung zumindest in ihrer Wahrnehmung suggeriert, dass Adoption als ‚defizitäre Familienform’, keine ‚vollwertige’ Elternschaft ermöglicht: Zwischen Adoptiveltern und Kindern besteht durch das Fehlen der Schwangerschaft keine schon ‚vorgeburtlich entstandene Bindung’, sie können sich im Umgang mit dem adoptierten Säugling nicht auf ihre ‚elterliche Intuition’ (Vgl. Fußnote 74) verlassen, sondern müssen die Eltern-Kind-Beziehung durch aktives Bonding bewusst ‚erarbeiten’. Adoptiveltern kümmern sich nicht um ‚ihre’ Kinder, sondern um die Kinder anderer Eltern, die sie neben sich tolerieren müssen. Adoptivkinder sind genetisch nicht mit ihren Adoptiveltern verwandt und könnten sich darum charakterlich anders entwickeln, als von den Adoptiveltern erhofft. Frau Englers eigene Erklärung für Unterschiede zwischen Kindern und deren leiblichen Eltern (das Kind könnte nach Opa kommen) verweist auf ein weiteres, durch ein ‚biologisiertes’ gesellschaftliches Verwandtschaftsverständnis75 in Adoptivfamilien vermutetes Defizit: Die Adoptivfamilie verfügt nicht über das verbindende Element der biologischen Verwandtschaft. Während die von den Eltern abweichenden Eigenschaften eines Kindes in der Adoptivfamilie schnell als ‚Fremdkörper’ und Bedrohung für das familiäre Zusammengehörigkeitsgefühl wahrgenommen werden, können sie in biologischen Familien als die eines anderen Verwandten ‚identifiziert’ und so potenziell als etwas ‚Eigenes’ akzeptiert werden.

Als präventive Maßnahme halten Englers die in der Zeit des Adoptionsverfahrens empfangenen Informationen für gut und wichtig. Im familiären Alltag empfinden sie sie jedoch als hinderlich und kontraproduktiv, da sie zu einem Othering, einer „Verfremdung“ (Kaschuba 2003: 198), der Adoptivfamilie führen. Dem gegenüber kommen Englers durch den Vergleich mit nicht-adoptierten Kindern und Eltern leiblicher Kinder zu dem Schluss, dass die angesprochenen Punkte durch die Adoptionssituation potenziell verschärft sein könnten, aber nicht adoptionsspezifisch seien. Durch den positiven Vergleich mit biologischen Familien lösen Englers sich vom Angst beladenen Bild der defizitären Adoptivfamilie und gewinnen so das notwendige Vertrauen in die eigenen ‚Elternfähigkeiten’ um sich von ihrer Wahrnehmung zufolge ‚unsinnigen’ Ratschlägen zu distanzieren. Diese Abgrenzung gegen ein übertriebenes Problembewusstsein ermöglicht es ihnen, ihre Elternrollen in der Selbstverständlichkeit auszufüllen, die für sie ‚normale’ Elternschaft beinhaltet. Auch die humorvolle Thematisierung von als negativ empfundenen Adoptionsklischees hilft Englers, die Adoptionssituation und ihre Adoptivelternschaft zu ‚normalisieren’. Als Frau Engler beispielsweise am Ende des zweiten Interviews auf eine gerade von ihr angefertigte Zeichnung blickt, erklärt sie an Dorothee gewandt:

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Frau Engler: „Guck mal, das hat Mama gemalt. Da kannst du froh sein, vielleicht schlummert in dir Talent, ich hätte dir keins zu vererben.“ (I-Engler_2)

Frau Engler thematisiert die fehlende biologische Verbindung zwischen sich und ihrer Tochter und spielt so auf den häufig Angst beladenen und von ihr als negatives Adoptionsklischee empfundenen Topos des ‚fremden Erbes’ an. Durch die Umdeutung des sonst als Defizit dargestellten Fehlens von ‚Blutsverwandtschaft’ zu einem Vorteil für ihre Tochter, verweist Frau Engler darauf, dass es absurd wäre, Adoptivfamilien allein wegen einer fehlenden biologischen Verwandtschaft zu problematisieren. Sie distanziert sich auf diese Weise von einer ‚Sondersituation’, in der sich die Adoptivfamilie im Verhältnis zur ‚normalen’ Familie wegen der fehlenden biologischen Verwandtschaft vermeintlich befindet.

Im folgenden Kapitel 4. 2 werde ich am Beispiel der Familie Koch genauer auf die Auseinadersetzung mit der Frage eingehen, welche Relevanz die Adoption im familiären Alltag hat.

4.2 Kochs – Besonderheiten oder Normalität?

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Frau Koch ist Anfang 40 und als freiberufliche Restauratorin tätig, Herr Koch ist Mitte 40 und arbeitet als freiberuflicher Bauingenieur. Ihre beiden Adoptivsöhne Paul und Phillip sind heute sechs und vier Jahre alt. Da Kochs sich während des Adoptionsverfahrens sehr gut mit ihrer Adoptionsvermittlerin verstehen, erleben sie das Verfahren in keiner Weise als Belastung – sie seien sogar fast enttäuscht gewesen, dass es nach vier Gesprächen schon vorbei war, erklären sie. Mit ihrer Vermittlerin hätten sie sich immer sehr angeregt unterhalten und es habe ihnen Spaß gemacht, sich Gedanken über sich und ihre Beziehung zu machen. Außerdem habe es sie in ihrem Entschluss zu adoptieren bestärkt, dass sich in den ‚Paartherapie ähnlichen’ Gesprächen keine ‚Abgründe’ in ihrer Beziehung aufgetan hätten. Beide betonen, dass sie das Adoptionsverfahren nie als Kontrolle oder Übergriff in ihre Verantwortlichkeit empfunden hätten, sondern immer als notwendige Maßnahme, Adoptivkindern nach dem „Loslösungsprozess“ von der leiblichen Mutter einen weiteren „Bruch“ zu ersparen (I-Koch_1).

Beide Kinder werden Kochs im Alter von wenigen Tagen vermittelt. Bei der Vermittlung ihres ersten Adoptivsohns Paul haben Kochs einmal die Gelegenheit, sich mit seiner leiblichen Mutter zu treffen, danach hören sie nichts mehr von ihr. Von der Vermittlungsstelle erfahren Kochs, dass Pauls ältere Halbschwester Lena von einer anderen Familie adoptiert wurde. Als Paul ein Jahr alt ist, werden Kochs mit der Adoptivfamilie Lenas bekannt gemacht. Die Vermittlungsstelle will es Paul und Lena erleichtern, Kontakt zueinander zu pflegen, sollten sie später einmal Interesse daran haben. Zwei Jahre danach stellen Kochs einen weiteren Adoptionsantrag und kurze Zeit später kommt Phillip in die Familie. Zu Phillips leiblicher Mutter oder anderen Angehörigen seiner Herkunftsfamilie besteht bisher kein Kontakt.

Die Erziehung teilen sich Kochs von Anfang an gleichberechtigt. Da sie beide freiberuflich tätig seien, hätten sie das Glück, sich die Arbeitszeit sehr flexibel einteilen zu können. Kochs erklären, dass sie ihre Elternrollen als „reine Mutter“ (I-Koch_1) oder ‚Vollzeitvater’ nie mit dem gleichen Elan ausfüllen könnten, wie sie es heute tun. Bei der Arbeit würden sie sich immer auch ein bisschen erholen. Da könnten sie sich auf ihre eigenen Vorhaben konzentrieren und müssten nicht immer auf die „Erwartungen von zwei kleinen, süßen Rackern“ (I-Koch_1) reagieren. Im Hinblick auf die partnerschaftliche Gleichberechtigung, erklärt Frau Koch, bringe der Umstand der Adoption sehr positive Effekte mit sich:

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Frau Koch: „Da hat man als Adoptiveltern einen grandiosen Vorteil. Durch dieses Flaschenfüttern kannst du dir auch alles teilen. Von Anfang an. Du kannst die Nächte teilen… das ist etwas, was uns auch mit der Zeit so richtig klar geworden ist: Diese starke Bindung durch die Stillzeit – so sehr ich das befürworte, ich hätte natürlich auch lieber gestillt als mit der Flasche gefüttert – aber das ist offensichtlich so eine starke Bindung, dass dadurch auch in den meisten Familien um uns herum, obwohl das alles offene Leute sind, es immer auf diese klassische Rollenverteilung hinaus läuft, dass die Männer sich schon gleich von Anfang an zurückziehen weil sie ja eh nichts tun können. Die können noch grad mal das Kind anreichen nachts, aber auch das fällt meistens flach. Und damit ist offensichtlich etwas ins Rollen gebracht, das nur ganz schwer, wenn nicht unglaublich viel Wille dahinter steckt, noch in eine andere Bahn zu lenken ist. Nach einem Jahr oder wann die Kinder abgestillt werden – sieben, acht Monaten – ist dann offensichtlich schon alles entschieden. Dann läuft das so weiter. Und das finde ich mit dem Flasche füttern genial, dass man das von Anfang an praktizieren kann und die Männer, (zu Herrn Koch) oder du, genauso den Alltag von der ersten Minute an erlebst, wie ich.“ (I-Koch_1)

Wie Englers erfahren auch Kochs von der Möglichkeit, Adoptivkinder mit Hilfe des sogenannten Brusternährungssystems (BES) (Vgl. Fußnote 72) zu stillen. Beeinflusst von entwicklungspsychologischen Erkenntnissen, die von einem positiven Einfluss des Stillens auf die Beziehungsbildung zwischen Mutter und Kind ausgehen76, probieren Kochs das BES aus. Die ersten drei Monate stillt Frau Koch Paul auf diese Weise, dann hört sie auf. Bei Phillip habe sie es ganz bleiben lassen, das sei ihr einfach zu kompliziert gewesen. Sie habe nicht das Gefühl, dass ihnen als Familie ohne das Stillen etwas fehlen würde – eine Ansicht, die jedoch in ihrem sozialen Umfeld nicht unangefochten bleibt. Gerade letztens habe eine andere Mutter sich darüber geäußert, dass man durch das Stillen doch „eine ganz andere Bindung“ (I-Koch_1) zum Kind aufnehme, erzählt Frau Koch im ersten Interview. In solchen Situationen sei sie „etwas hilflos“ (I-Koch_1), denn sie habe ja nicht den Vergleich mit einer leiblichen Elternschaft. Wie im Falle Englers werden Kochs indirekt als Eltern in Frage gestellt, indem ihnen die Urteilsfähigkeit abgesprochen wird, da sie die Intensität einer Elternschaft mit Schwangerschaft, Geburt und Stillen als Adoptiveltern nicht erleben könnten. Der entwicklungspsychologisch autorisierten Position, dass Schwangerschaft, Geburt und Stillen wichtige physische Voraussetzungen für die Entstehung einer intensiven Mutter-Kind- bzw. Eltern-Kind-Bindung seien77, können Kochs zunächst nichts entgegensetzen. Dennoch hätten sie die Phasen der Vorbereitung auf ihre Adoptivkinder als eine „Art mentaler Schwangerschaft“ (E-Mail Koch 6. 2. 2007) erlebt, da sie mit einer intensiven Auseinandersetzung mit sehr grundsätzlichen Fragen des Lebens verbunden gewesen seien. Indem Frau Koch feststellt, dass sie den Unterschied zwischen Stillen und Flasche-Füttern „aufs Leben gerechnet“ (I-Koch_1) für gering halte, gewinnt sie ihre ‚Mutter-Autorität’ zurück. Sie selbst habe die Zeit des Flasche-Fütterns als „ganz normal empfunden“ (I-Koch_1), erklärt sie. Mehr noch, im obigen Zitat stellt sie fest, dass das Flasche-Füttern ein „grandiose[r] Vorteil“ sei. Der positive familiendynamische Effekt durch die Ermöglichung der gleichberechtigten Beteiligung beider Eltern an der Erziehung wertet das vermeintlich defizitäre Füttern mit der Flasche auf. Wie Frau Engler distanziert sich Frau Koch damit von der Vorstellung einer durch das Flasche-Füttern bedingten und für die Adoptivfamilie belastenden ‚Sondersituation’ der Adoptivfamilie.

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Im Alltag spielt die Adoption für Kochs ihrer Aussage zufolge gegenwärtig nur eine sehr geringe Rolle, auch wenn sie vor ihren Kindern offen mit der Adoption umgehen. Außer zur Familie von Pauls leiblicher Halbschwester Lena haben sie keine regelmäßigen Kontakte zu anderen Adoptivfamilien. Außenstehende, so Kochs, merkten nicht, dass die Kinder adoptiert seien, wenn es ihnen nicht gesagt würde. Paul und Phillip selbst wissen um ihre Adoption, beide kennen auch die Vornamen ihrer leiblichen Mütter. Welchen Stellenwert die Adoption für Paul habe, wüssten sie nicht. Für ihn sei sie „erstmal eine Tatsache“, die er bisher nicht weiter hinterfrage, so Frau Koch. Wahrscheinlich sei die Adoption für Paul so „wie wir im Kindergarten allein erziehende Mütter haben, wo dann immer mal irgendein Kind fragt, ob die auch einen Papa haben“. (I-Koch_2) Auch Phillip denke mit seinen vier Jahren noch nicht so genau darüber nach. Dennoch stellen Kochs fest, dass sie als Adoptiveltern in Konfliktsituationen mit ihren Kindern immer eine Gratwanderung durchmachten zwischen dem Gedanken, dass das Verhalten der Kinder auf die Adoption zurückzuführen sei, und dem Versuch, die Adoption nicht überzubewerten:

Frau Koch: „Einerseits zu sagen, das ist Fakt, dieses Kind hat einen Vertrauensbruch hinter sich, da ist eine Schnittstelle, die man bearbeiten muss, die auch anders ist als bei anderen Menschen. Und das andererseits auch nicht so über zu bewerten und ihm [dem Kind, S.H.] dadurch so eine Sonderrolle zu geben oder auch eine Sondererklärung für bestimmte Verhaltensweisen. Das dann wieder in so eine Normalität zu drücken. Also, diese Ambivalenz, die kenne ich durchaus. Wobei das nicht so sehr im Alltäglichen eine Rolle spielt, sondern wenn man von außen darüber nachdenkt.“ (I-Koch_2)

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Nicht im familiären Alltag, aber in Momenten der Ruhe, wenn sie über das Verhalten ihrer Kinder reflektiert, löst der Umstand der Adoption bei Frau Koch Unsicherheit in Bezug auf das richtige Verhalten ihren Söhnen gegenüber aus. In Übereinstimmung mit dem Bild des traumatisierten Adoptivkindes, für das Adoptionsbewerber im Verfahren noch einmal besonders sensibilisiert werden, gehen Kochs wie auch die im dritten Teil vorgestellten Paare davon aus, dass die Trennung von der leiblichen Mutter für das Kind einen „Vertrauensbruch“ darstellt, den es aufzufangen gilt. In dieser Hinsicht fühlen Kochs sich als Adoptiveltern besonders gefordert. Dennoch versuchen sie, wie Englers, den Umstand der Adoption nicht zur Universalerklärung für alle Verhaltensweisen ihrer Kinder zu machen. Wie Försters schwanken sie zwischen dem Verpflichtungsgefühl auf die ‚besonderen Bedürfnisse von Adoptivkindern’ einzugehen und der Befürchtung, den Kindern gerade dadurch das Gefühl zu vermitteln ‚anders’ zu sein. Aus Sorge, dass ihre Kinder unter der Adoption leiden könnten, so Frau Koch, tendierten sie als Adoptiveltern wahrscheinlich dazu, besonders darauf zu achten, dass alles „möglichst normal“ (I-Koch_2) sei. Gerade um Paul machten sie sich deswegen manchmal Sorgen. Während Phillip ein ruhiges und unkompliziertes Kind sei, habe Paul ein „sehr extremes Temperament“ (I-Koch_1). Er befinde sich immer in einem Spannungsfeld zwischen „enormen Ängsten und Unsicherheiten“ und „Energie und Verausgabung“ (I-Koch_1). Ihr großes Erziehungsziel sei es, den Kindern unabhängig von einer beruflichen Karriere zu helfen, ihren Platz im Leben zu finden. Den Kindern Zufriedenheit und ein „Urvertrauen“ (I-Koch_1) zu vermitteln, ist nach Herrn Kochs Ansicht die wichtigste Aufgabe von Eltern. Frau Koch erklärt jedoch, wenn sie Paul beobachte, sei sie sich manchmal nicht sicher, ob „Urvertrauen“ überhaupt vermittelbar sei, obwohl sie bei Paul gerade in letzter Zeit das Gefühl hätten, dass er immer selbstsicherer werde. Drei Jahre zuvor, erzählt Frau Koch, sei Paul teilweise so anstrengend gewesen, dass sie sich therapeutische Hilfe geholt hätten. Damals habe er alle Spielsachen in seiner lauten, ungestümen Art sofort kaputt gemacht. Vor allem bei ihr habe das „Fremdheitsgefühl[e]“ (I-Koch_1) ausgelöst, die sie sich zu Anfang nur schwer habe eingestehen können:

Frau Koch: „[…] Da hat natürlich schon die Tatsache, dass er adoptiert ist insofern eine Rolle gespielt als wir überlegt haben, was ist das, was er da mitbringt? Hat das, so wie er ist, vor allem etwas mit uns zu tun, oder ist das etwas, das vielleicht auch die Zeit davor betrifft? Da haben wir schon über diesen Punkt, seit wir ihn haben hinausgedacht. […] Was uns ganz viel Erleichterung verschafft hat, ist festzustellen, dass seine Halbschwester Lena ein ganz ähnliches Temperament hat. Und das ist [Lenas Adoptivfamilie, S.H.] eigentlich auch so eine Familie, die insgesamt auf einer ganz ähnlichen Wellenlänge ist wie wir. Deren leiblicher Sohn ist so ein ganz ruhiger, der passt zu seinen Eltern, hat das gleiche Temperament. Und die Lena hat das gleiche Extreme, das Paul auch hat. Die haben ganz ähnliche Szenen durchlebt. Wo man dann schon so denkt: Irgendetwas ist in dieser Familie, das das hervorbringt. Das uns allen vielleicht auch erstmal so ein bisschen fremd ist, ganz neutral ausgedrückt. Und dieses Fremdheitsgefühl, (zu Herrn Koch) das habe ich auch noch stärker gehabt als du, ne? Weil ich auch ein ganz anderer Typ bin und Paul immer drauf, immer rauf, immer mit viel Kraft und Aggressionen. Und das ist mir in meiner Persönlichkeit recht fremd. In dem Punkt spielt die Adoption dann schon eine Rolle dadurch, dass man anders darüber nachdenkt und sich öfter mal überlegt: Woher kann das kommen?“ (I-Koch,_1)

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Fremdheitsgefühle sind eine der adoptionsspezifischen Problematiken, vor denen Englers von ihrer Adoptionsvermittlerin gewarnt wurden. Für Kochs stellen Fremdheitsgefühle tatsächlich einen Konflikt dar, durch den das Thema Adoption für sie eine neue Wertigkeit erhält. In der Phase des Konflikts mit Paul belastet vor allem Frau Koch die Tatsache, dass sie das Verhalten ihres Sohnes nicht nachvollziehen kann und ihr drängt sich das Gefühl auf, dass er in diesem Punkt von „irgendwas“ aus der Zeit vor der Adoption oder aus seiner Herkunftsfamilie beeinflusst sein müsse. Auch die Ähnlichkeit mit seiner Halbschwester spricht dafür. Kochs fühlen sich durch diese Erklärung erleichtert, weil ihnen dadurch vieles an Pauls Charakter erklärlicher erscheint. Auch das Gefühl, nicht selbst der Auslöser für sein Verhalten zu sein, lässt sie wieder sicherer im Umgang mit Paul werden. Der Umstand der Adoption bedeutet für sie in diesem Zusammenhang insofern eine Entlastung, als sie sich durch Pauls Verhalten nicht mehr persönlich in ihrer Erziehungskompetenz in Frage gestellt fühlen müssen. Die Fremdheitsgefühle und die damit verbundenen Überlegungen über die Effekte der Adoption sind es jedoch auch, die Frau Koch daran zweifeln lassen, ob es ihnen als Eltern möglich sein werde, den Kindern „Urvertrauen“ zu vermitteln. Andererseits, überlegen Kochs im Interview, sei Phillip unter sehr ähnlichen Bedingungen zu ihnen gekommen und der sei vom Typ her ruhig und ausgeglichen. Gleichzeitig beobachten Kochs auch im näheren Familien- und Bekanntenkreis Kinder, die Paul vom Verhalten her sehr ähnlich sind. Im Gespräch mit anderen Eltern würden sie häufig erleben, dass es Eltern mit leiblichen Kindern genauso ergehe, wie ihnen mit Paul. Offensichtlich gebe es viele Kinder, die sehr „energetisch“ (I-Koch_2) seien. Vielleicht seien Eltern heutzutage selbst zu ‚hysterisch’, würden „bei jedem Pups immer gleich zum Kinderarzt rennen“ (I-Koch_2) und ihre Kinder damit verrückt machen. Im Vergleich mit nicht-adoptierten Kindern aus ihrem sozialen Umfeld und ihrem zweiten Adoptivsohn kommen Kochs zu dem Schluss, dass sich kaum beurteilen lasse, inwieweit die Eigenschaften ihrer Kinder vererbt, adoptionsbedingt oder anerzogen seien. Sicherlich spiele auch die Geschwisterkonstellation eine wichtige Rolle:

Herr Koch: „[B]eim ersten Kind muss man ja auch mal sagen, die können einem aber auch leidtun! Da üben die Eltern, nehmen das [Verhalten ihrer Kinder, S.H.] persönlich und haben noch so viel Kraft, dass sie nicht nur das Notwendige erziehen, sondern auch noch das Überflüssige.“ (I-Koch_1)

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Am Anfang, erinnert sich Herr Koch, habe Pauls Trotzverhalten ihn häufig tatsächlich persönlich gekränkt, bis er sich klar gemacht habe, dass ein kleines Kind seine Eltern nicht vorsätzlich ärgere. Mit Phillip seien sie in dieser Hinsicht schon viel entspannter gewesen. Fremdheitsgefühle an sich, das wird Kochs ebenso wie Englers im Vergleich mit Eltern leiblicher Kinder deutlich, müssen nicht adoptionsspezifisch sein. In biologischen Familien würden sie nur anders erklärt:

Frau Koch: „[E]s werden ganz andere Bezüge hergestellt. Es wird dann immer gesucht: Welcher Onkel war so? Oder man kriegt dann dieses Feedback von den eigenen Eltern, die sagen: ‚So warst du auch als kleines Kind.’ Oder: ‚So war mein Bruder als kleines Kind.’ Da wird nach ganz anderen Bezügen gesucht und diese Möglichkeit haben wir nicht. Umgekehrt: Wir empfinden das manchmal auch als positiv, dass wir diese Bezüge nicht herstellen müssen. Weil man sich dann auch ein bisschen freier halten kann in der Beurteilung.“ (I-Koch_1)

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Durch die Herstellung verwandtschaftlicher Bezüge können die Eigenschaften des Kindes als etwas Innerfamiliäres erklärt werden78 – eine Argumentationsstruktur der Gemeinschaftsstiftung, die Adoptiveltern nicht zur Verfügung steht. Herr Koch erklärt, dass es ein wichtiger Lernprozess für (angehende) Adoptiveltern sei, „Nähe nicht über die genetische Schiene“ (I-Koch_1) zu suchen. Diese Vorstellung sei „sozial antrainiert“ (I-Koch_1), denn einige Freunde und vor allem der Ehepartner stünden einem ja auch näher als viele Verwandte. Wiederum machen Kochs deutlich, dass die fehlende biologische/genetische Verbindung kein Defizit für ihre Familie bedeutet. Das Beispiel nicht-genetischer Beziehungen beweist ihnen, dass es der biologischen Basis nicht bedarf, um intensive Beziehungen zu entwickeln. Kochs fühlen sich in ihrer Beurteilung des Verhaltens der Kinder sogar freier, weil sie eben nicht auf das verwandtschaftliche Erklärungsmuster zurückgreifen können. Sie stellen fest, dass die Loslösung von genetisch-verwandtschaftlichen Bezügen es ihnen eher ermöglicht, Verhaltensweisen des Kindes oder Konflikte mit dem Kind in ihrer Situationsbedingtheit zu sehen und zu versuchen, die individuellen Bedürfnisse des Kindes zu verstehen.79

Als Adoptivfamilie fühlen sich Kochs nicht benachteiligt, im Gegenteil: Sie nehmen die Adoptionssituation als Möglichkeit wahr, über eingefahrene gesellschaftliche Strukturen und Vorstellungen hinauszuwachsen. Als Adoptiveltern, so Herr und Frau Koch in den Interviews, täten sie nichts anderes als andere Eltern auch. Wenn sie feststellten, dass ihr Kind „völlig unter Strom“ (I-Koch_2) stehe, wenn es aus der Kindertagesstätte komme, so Herr Koch, dann würden sie sich eben überlegen, wie sie das entspannen könnten. Mit einem leiblichen Kind könnten sie dieselbe Phase durchmachen. Allerdings, überlegt Herr Koch, seien sie als Adoptiveltern „nicht so locker in der Situation“ (I-Koch_2), wie sie es vielleicht als Eltern eines leiblichen Kindes wären. Diese Lockerheit, lässt sich aus ihren Schilderungen entnehmen, müssen sie sich erst im Verlaufe eines intensiven Reflexionsprozesses erarbeiten. Im Bewusstsein des erlittenen „Vertrauensbruchs“ durch die Adoption sind Kochs besonders sensibilisiert für mögliche innere Krisen ihrer Kinder. Pauls im Kleinkindalter so ausgeprägte Unsicherheiten und Ängste lösen Gefühle der Hilflosigkeit bei ihnen aus. Sie haben den Eindruck, in dieser Hinsicht „keinen Zugriff“ (I-Koch_2) auf ihn zu haben, um seine inneren Konflikte mit ihm aufzuarbeiten. Dabei ergibt sich für sie aus dem Zeitraum der Schwangerschaft und seiner ersten Lebenstage, die sie nicht mit ihm verbringen konnten, ein „zusätzliche[s] Fragezeichen“ (I-Koch_2). In diesem Zusammenhang denken Kochs viel darüber nach, in welcher Hinsicht die Adoption Pauls für sie eine Rolle spielt und warum. Anders als durch das konfliktreiche Verhältnis seiner leiblichen Mutter zu ihrer Schwangerschaft, können sie sich Pauls Verhalten nicht erklären. Wiederum sind sie aber sehr bemüht, „nicht auf die falsche Denkschiene“ (I-Koch_2) zu kommen und ihre persönlichen Konflikte mit Paul zu einer ‚Adoptionsproblematik’ zu machen. Frau Koch stellt im Interview fest, auch sie selbst hätte eine konfliktreiche Schwangerschaft mit einem leiblichen Kind haben können und wenn sich daraus Probleme mit ihrem Kind entwickelt hätten, wäre das „vielleicht viel krasser gewesen, viel schlimmer, oder viel schwieriger, das zu verarbeiten“ (I-Koch_2). Kochs bleiben bei ihrer Überzeugung, dass Pauls Unsicherheiten mindestens zu einem Teil auch auf seine Adoption zurückzuführen sind. Wie Frau Engler machen sie sich jedoch bewusst, dass sie mit einem leiblichen Kind ähnliche Konflikte hätten durchleben können. Der Umstand der Adoption verliert dadurch seinen absoluten Problemcharakter und wird zu einem Faktor unter mehreren. Indem Frau Koch feststellt, dass eine konfliktreiche ‚eigene’ Schwangerschaft wahrscheinlich viel schwerer für sie zu verarbeiten wäre, macht sie deutlich, dass biologische Familien sich zwar teilweise mit anderen, aber nicht unbedingt weniger komplizierten Konflikten auseinandersetzen müssen. Wie Frau Engler gelingt es Kochs auf diese Weise, die tendenziell überproblematisierte Adoptionssituation zu ‚normalisieren’ und eine „Gelassenheit“ (I-Koch_1) zu entwickeln, mit der sie inzwischen (fast immer) auf die Stimmungen und Entwicklungsphasen ihrer Kinder reagieren. Der Faktor ‚Adoption’ ist für sie nicht bedeutungslos, sie versuchen immer wieder von neuem für sich auszutarieren, wo die Adoption ihrer Kinder im Familienalltag für sie eine Rolle spielt und wo nicht. Auch ist es ihnen sehr wichtig, den Kindern soviel Sicherheit zu geben, dass sie den erfahrenen „Vertrauensbruch“ aufarbeiten können. Die aus diesem Bewusstsein entstehende erhöhte Reflexionsbereitschaft führt jedoch auch immer wieder zu der Feststellung, dass es leiblichen Eltern letztendlich nicht anders ergehe. Adoptivfamilien müssen sich dem Ergebnis ihrer Überlegungen zufolge zwar teilweise mit anderen Problemen auseinandersetzen, sie sind aber nicht defizitärer als biologische Familien. Ähnlich wie Frau Engler greift Herr Koch das Klischee des ‚Fremden Erbes’ offensiv auf, indem er erklärt, so temperamentvolle Kinder hätten sie selbst wahrscheinlich nie zustande gebracht. Letztlich, darin stimmen Herr und Frau Koch überein, sei der Alltag jedoch „ganz normale Elternschaft“ (I-Koch_1).“Du wirst angebrüllt und manchmal kommen sie und kuscheln sich an“ (I-Koch_1), bringt es Herr Koch auf den Punkt. ‚Normale Eltern’, so lässt sich Herrn Kochs Aussage entnehmen, haben keine ‚perfekten’, harmonischen Familien, sondern müssen auch Konflikte mit ihren Kindern austragen und gemeinsam mit ihnen bewältigen.

4.3 Borcherts – Abgrenzung II

Für Borcherts, die Ende 40 sind, liegt das Adoptionsverfahren schon lange zurück. Ihr Adoptivsohn Daniel ist zum Zeitpunkt der Interviews 15 Jahre alt, ihre Adoptivtochter Natascha ist zwölf. Beide, konstatiert Frau Borchert teils genervt, teils belustigt an die eigene Teenagerzeit zurückdenkend, seien gerade mitten in der Pubertät und manchmal ein „Horror“ (Gesprächsnotiz 6. 11. 2006). Während Herr Borchert durchgehend als Sozialpädagoge tätig war, blieb Frau Borchert zuhause, solange die Kinder klein waren. Damals, so Borcherts, habe es für sie gar keine andere Möglichkeit gegeben, da Männer keine Elternzeit hätten nehmen können. Inzwischen arbeitet Frau Borchert seit längerem wieder als Logopädin. Während Daniels leibliche Mutter kurz nach seiner Adoption verstarb und Borcherts bisher auch keinen Kontakt zu anderen leiblichen Verwandten Daniels haben, besteht zwischen Frau Borchert und Nataschas leiblicher Mutter ein halbjährlicher Briefwechsel. Am Anfang, erinnert sich Frau Borchert, sei es ihr sehr schwer gefallen, die Briefe an Nataschas leibliche Mutter zu schreiben. Sie habe Angst gehabt, zuviel über ihre Familie preiszugeben. Vielleicht würde die Mutter ihr Kind dann auf einmal doch zurückhaben wollen? Auf der anderen Seite habe sie sich Sorgen gemacht, dass ihre Briefe Nataschas Mutter traurig machen könnten. Den ersten Brief habe sie zerreißen müssen, weil er sich angehört habe wie ein ärztlicher Gesundheitsbericht über das Kind. Im Laufe der Jahre sei der Briefkontakt zwischen ihr und Nataschas leiblicher Mutter jedoch immer vertrauter und humorvoller geworden.

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Vor allem in der Anfangszeit mit Daniel, erzählt Frau Borchert, habe sie sehr unter Druck gestanden. Wie Lerchs und Försters erinnert Frau Borchert sich an die Sorge, ob das Kind in der Lage sein werde, sie zu lieben, noch mehr fürchtete sie jedoch, dem Kind vielleicht nicht geben zu können, „was es braucht“ (I-Borchert_1):

Frau Borchert: „Da habe ich mich bei Daniel sehr unter Druck gesetzt! Dieses: ‚Jetzt ist die Mutter gestorben, jetzt muss ich das hundertachtzigprozentig alles richtig machen.’ Ich weiß noch, ich saß immer an Daniels Bettchen und habe mir das dann wirklich so vorgestellt, dass die Mutter von irgendwo her das mitbekommt. Und das ist ein irrer Druck! […] Denn, natürlich, wie jede Mutter hätte ich auch ein schreiendes Kind einfach mal… Dass man denkt: ‚Oh, wenn du jetzt nicht aufhörst… dann schmeiß ich dich an die Wand!’ (lacht) Aber das denkt jede leibliche Mutter auch. Das habe ich mir überhaupt nicht erlaubt. […] Oder auch, dass wir am Anfang immer vor dem Bettchen standen: ‚Das ist jetzt unser Sohn.’ Da habe ich gedacht: ‚Ich muss das doch jetzt da drinnen spüren, dass ich Mutter bin!’“ (I-Borchert_1)

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Frau Borchert hat das Gefühl, ihrem kleinen Sohn keinesfalls durch Erziehungsfehler noch mehr aufbürden zu dürfen, als er durch den Verlust seiner leiblichen Mutter sowieso zu verarbeiten hat. Die Vorstellung der leiblichen Mutter, die darüber urteilt, ob sie ihrer ‚Mutteraufgabe’ gerecht wird, setzt Frau Borchert noch stärker unter Druck. Zudem ist sie beunruhigt über sich selbst, weil sich ihre Gefühlswelt mit der Ankunft Daniels nicht automatisch so verändert, dass sie ‚spürt, dass sie Mutter ist’ und alle Sorgen und Ärgernisse des Alltags angesichts ihrer ‚mütterlichen Fürsorgefühle’ in den Hintergrund treten. Bevor die Kinder kamen, erzählt Frau Borchert, habe sie sich vorgestellt, sehr geduldig mit den Kindern umzugehen, immer auf sie einzugehen, nie zu schreien, tolerant zu sein und sich ihren Kindern gegenüber immer „sehr pädagogisch“ (I-Borchert_1) zu verhalten. Aber als Daniel da ist, stellt sie bei sich in Konfliktsituationen Hilflosigkeit und Aggressionen gegenüber ihrem Sohn fest. Gefühle, die sie als ‚hunderachtzigprozentig gute Mutter’ nach ihrer eigenen Vorstellung nicht haben dürfte. Frau Borchert erzählt, dass sie sehr an sich gezweifelt habe, wenn sie an die Grenzen ihrer Selbstbeherrschung und des geduldigen Umgangs mit dem Kind gekommen sei, und durch die vielen unausgeschlafenen Nächte der Anfangszeit sei dies häufig vorgekommen. Ihr damaliger Anspruch an sich selbst „mehr als alle anderen Mütter, eine gute Mutter sein“ (I-Borchert_1) zu müssen ist ihr bis heute deutlich in Erinnerung. Nicht nur, weil ihr Kind schon einen tragischen Verlust im Leben erlitten hat, sondern auch, weil Borcherts in einem aufwändigen Adoptionsverfahren als die ‚geeigneten Eltern’ für Daniel ausgewählt wurden:

Frau Borchert: „Wenn ich ein leibliches Kind bekommen hätte, dann wäre das außer Frage gewesen, dann hätte es ja kein anderer bekommen können. Aber beim Adoptivkind ist es schon so: Wenn ich jetzt nicht hundertprozentig wirklich gut für das Kind bin, dann hätte es ein Recht gehabt, woanders besser aufgehoben zu sein.“ (I-Borchert_1)

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Die hohen Erwartungen an sich selbst führt Frau Borchert auf den Auswahlprozess im Adoptionsverfahren zurück. Sie hat das Gefühl, dass Daniel aus der großen Auswahl der Bewerberpaare ein Recht auf bessere Eltern gehabt hätte, wenn sie ihm als Mutter nicht gerecht werden könne. Die durch das Adoptionsverfahren bedingte ‚Notwendigkeit der Wahl’ spielt an dieser Stelle wiederum eine Rolle – diesmal jedoch nicht in Bezug auf die Wahl eines Kindes, sondern auf die Wahl seiner Eltern. Ein leibliches Kind gehört gemäß der Vorstellung einer „biologisch fundierte[n] Kernfamilie“ und einer „Mutteridee mit der Einheit von Gebären und Aufziehen“ (Wild 1998: 267)80 selbstverständlich zu seinen leiblichen Eltern. Als Adoptivmutter fühlt Frau Borchert sich dagegen verpflichtet zu beweisen, dass sie „die für das Kind am besten geeigne[te]“ (BAGLJÄ 2006: 28) Mutter ist.

In ihrer 1994 erschienenen Ethnographie über Darstellung und Wahrnehmung von Adoptionen in den USA arbeitet die Anthropologin Judith Modell unter anderem heraus, dass vielen Adoptivkindern das Gefühl vermittelt werde, von ihren Adoptiveltern ‚erwählt’ worden und darum „chosen children“ (Modell 1994: 131) zu sein – ein Umstand, der häufig nicht das Selbstwertgefühl der Adoptivkinder steigere, sondern sie unter Druck setze, sich der Wahl ihrer Eltern für würdig zu erweisen. Am Beispiel Frau Borcherts lässt sich zeigen, dass das Bewusstsein, unter vielen möglichen Eltern von der Adoptionsstelle für ihr Kind ausgewählt worden zu sein in dem von mir untersuchten Umfeld für Adoptiveltern genauso belastend sein kann. Als ‚chosen mother’ muss Frau Borchert „mehr als andere Mütter eine gute Mutter sein“ (I-Borchert_1). Gegenüber Eltern leiblicher Kinder fühlt sich Frau Borchert zunächst befangen. In der Öffentlichkeit hat sie Sorge, Unverständnis hervorzurufen, sollte sie sich über ihre Situation beklagen, denn sie habe es „ja nicht anders gewollt“ (I-Borchert_1). Zunächst, so Frau Borchert, sei es ihr leichter gefallen, ihre Gefühle vor anderen Adoptiveltern zu zeigen und mit ihnen darüber zu sprechen. Als Adoptivmutter, so lässt sich daraus schließen, fühlt Frau Borchert sich Eltern leiblicher Kinder gegenüber als Mutter zunächst nicht gleichwertig. Während deren Legitimität als Eltern durch die biologische Bindung außer Frage steht, hat Frau Borchert, ähnlich wie Frau Förster, das Gefühl, ihre eigene Vollwertigkeit als Mutter unter Beweis stellen zu müssen, indem sie Dankbarkeit und ungetrübte Freude über ihr Kind demonstriert. Mit anderen Adoptiveltern fühlt sie sich dagegen auf einer Ebene und erwartet darum mehr Verständnis von ihnen. Der Freundeskreis, zu dem sich die Teilnehmer eines von Borcherts vor der Adoption Daniels absolvierten Adoptionsvorbereitungskurses zusammengetan haben, besteht bis heute. Seit damals treffen sich die inzwischen befreundeten Adoptiveltern in regelmäßigen Abständen als Gruppe. Die Möglichkeit, sich mit anderen Adoptiveltern austauschen zu können, macht Borcherts deutlich, dass es den meisten Adoptiveltern ähnlich ergeht, wie ihnen. Ausgelöst durch die immer überraschende Ankunft des Kindes, seine Vorgeschichte und die bürokratischen Formalitäten und Unsicherheiten der Adoption, durchleben sie die gleichen Freuden, aber auch Ängste, Belastungen und Überforderungssituationen. Ebenso wichtig, stellt Frau Borchert bezüglich ihrer Verunsicherung als Adoptivmutter fest, seien regelmäßige Kontakte zu den Eltern leiblicher Kinder gewesen. Es habe sie beruhigt, von einigen Müttern leiblicher Kinder zu hören, dass auch sie erst in ein „Muttergefühl“ (I-Borchert_1) hineinwachsen mussten. Am Anfang, erzählen die anderen Mütter Frau Borchert, hätten auch sie „nur funktioniert“ (I-Borchert_1). Auch die Teilnahme an Säuglingsturngruppen und anderen Kindergruppen mit Daniel tun Frau Borchert gut. Zu sehen, dass andere Mütter sich genau wie sie selbst über ihre Kinder ärgerten, habe ihr Mut gemacht, ihre eigenen Gefühle zuzulassen:

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Frau Borchert: „Warum soll ich nicht fluchen, wenn Daniel mich beim Wickeln anpinkelt? (lacht) Warum soll ich sagen: ‚Du darfst jetzt alles?!’ Beim Kinderturnen damals wurde das dann schnell wieder normal. Da habe ich dann auch geflucht, mich auch gefreut… Ganz normal eben.“ (I-Borchert_1)

Im Vergleich stellt Frau Borchert fest, dass auch Mütter leiblicher Kinder die gleichen Gefühlsschwankungen durchleben wie sie. Daraus schließt sie, dass ihre Gefühle Daniel gegenüber „normal“ sind und sie darum nicht zu einer ‚schlechten Mutter’ machen. Sie entwickelt sich selbst gegenüber eine größere Toleranz. Durch diese Erfahrung kommt für sie „Normalität“ (I-Borchert_1) in das Leben mit Daniel, sie hat nicht mehr das Gefühl, sich als gute Mutter beweisen zu müssen.

Auch die Selbstverständlichkeit, mit der Daniel seine Familie betrachtet, stärkt Frau Borcherts Selbstsicherheit als Adoptivmutter. Im Laufe der Zeit stellen Borcherts fest, dass erst Daniel und dann Natascha als Kleinkinder nicht den Eindruck machen, über den Umstand ihrer Adoption schockiert zu sein. Lachend erzählt Frau Borchert, dass der dreijährige Daniel nicht wie erwartet nachdenklich vor sich hingrübelte, nachdem sie ihm erklärt habe, dass er nicht in ihrem Bauch gewesen sei, sondern in dem einer anderen Frau. Stattdessen habe er nur wissen wollen, ob er jetzt ein Eis haben könne. Borcherts halten es für sehr wichtig, ihren Kindern Gespräche über ihre Adoption nicht aufzudrängen, ihnen aber das Gefühl zu geben, mit allen Fragen über ihre Adoption und ihre leiblichen Familien zu ihnen kommen zu können. Häufig, so Borcherts, rücke die Adoption ihrer Kinder ganz in den Hintergrund, dann wiederum erlebten sie Phasen, in denen die Kinder sich sehr intensiv mit ihrer Adoption und ihren Herkunftsfamilien beschäftigten. Einige Jahre zuvor habe Natascha beispielsweise eine persönliche Krise im Zusammenhang mit ihrer Adoption durchlebt:

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Frau Borchert: „Der Natascha ging es richtig doll schlecht. Das Thema Adoption war ganz groß. Auf der einen Seite wurde es verschwiegen… Wir haben immer gesagt: ‚Egal, du kannst mit allem kommen, wir können über alles sprechen, du kannst uns alles fragen…’ Und trotzdem habe ich gemerkt, wenn sie mit einer Freundin geredet hat oder irgendwo anders geredet hat und ich kam, da hat sie immer so geguckt als sei nichts gewesen. Da kann man dem Kind hundert Mal sagen ‚du kannst darüber reden’ und trotzdem hat es Angst: ‚Verletze ich jetzt die Mama oder wird sie dann doch ein bisschen sauer?’ Ist halt doch eine Unsicherheit. Auch in der Schule wurden wir angesprochen, was mit Natascha ist… Also, es ging ihr wirklich schlecht, sie war weinerlich… Das war ganz schrecklich.“ (I-Borchert_1)

Schließlich offenbart Natascha ihrer Adoptivmutter, dass es ihr größter Wunsch sei, ihre leibliche Mutter kennenzulernen. Zuerst, so Frau Borchert, hätte sie ihrer Tochter gesagt, wenn sie größer sei, würde sie ihre leibliche Mutter bestimmt kennen lernen. Abends hätten sie und ihr Mann jedoch noch einmal gemeinsam überlegt, wie sie Natascha am besten helfen könnten. Mit der Erkenntnis „die will das jetzt und ihr geht es jetzt schlecht und jetzt muss was passieren“ (I-Borchert_1) kommen Borcherts zu dem Schluss, dass ihrer Tochter nicht geholfen sei, wenn sie auf später vertröstet würde. Über die Adoptionsvermittlungsstelle versuchen sie daher, ein Treffen zwischen ihrer Tochter und deren leiblicher Mutter zu arrangieren. Natascha freut sich sehr darauf, ihre leibliche Mutter kennenzulernen. Frau Borchert erzählt, dass sie immer wieder laut überlegt habe, ob ihre leibliche Mutter ihr physisch ähneln würde, ob sie die gleichen Haare hätte und ob ihre Augen so wären wie ihre. Nach mehreren Telefongesprächen mit Borcherts erklärt Nataschas leibliche Mutter jedoch, dass sie zu große Angst habe, ein Treffen mit ihrer leiblichen Tochter emotional nicht zu verkraften und zusammenzubrechen. Sie willigt jedoch ein, Natascha einen persönlichen Brief mit Foto von sich zu schicken. Über diesen Brief und vor allem das DinA4 große Foto ihrer leiblichen Mutter, so Frau Borchert, habe Natascha sich sehr gefreut. Einige Monate lang spricht Natascha das Thema nicht mehr an. Danach kommt jedoch eine Phase, in der sie ihren Adoptiveltern vorwirft, dass sie von niemandem geliebt werde. Frau Borchert sieht sich in einigen Situationen regelrecht erpresst von Natascha. Wenn es Streit gibt oder Natascha ihr Zimmer aufräumen soll verkündet sie, dass „sowieso keiner [sie] lieb“ (I-Borchert_1) habe und Frau Borchert muss zwischen Durchsetzung ihrer mütterlichen Autorität und Beteuerung ihrer mütterlichen Liebe austarieren. Die Konflikte mit Natascha in dieser Phase empfinden Borcherts zwar als anstrengend, aber auch als wichtigen Entwicklungsschritt ihrer Tochter. Seit diese Phase durchgestanden sei, wirke Natascha nicht mehr zwischen ihrer leiblichen Mutter und ihnen hin und her gerissen, sondern habe wieder ihren Platz in der Familie gefunden. Sie könne jetzt auch viel offener mit ihren Gefühlen und Ambivalenzen bezüglich ihrer Adoption umgehen.

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Borcherts erzählen, dass in der Krisenzeit Nataschas die Vorstellung, dass ihre kleine Tochter ihre leibliche Mutter kennenlernen werde, große Ängste bei ihnen ausgelöst habe. Ihr erster Reflex ist, Natascha und die ganze Familie vor einer Überforderung durch das Eindringen der leiblichen Mutter in die familiäre Einheit zu schützen. Vor allem für Frau Borchert als Adoptivmutter stellt das Interesse Nataschas an ihrer leiblichen Mutter indirekt auch eine Bedrohung der eigenen Rolle dar. Durch ihr Interesse zeigt Natascha, dass die biologische Verbindung zu ihrer leiblichen Mutter weiterhin von Bedeutung ist und Frau Borchert als ‚sozialer Mutter’ potenziell Konkurrenz machen könnte. Bei näherem Nachdenken kommen Frau Borchert und ihr Mann dennoch zu dem Schluss, dass sie den „Bedürfnissen“ ihrer Tochter nur „entgegenkommen“ (BAGLJÄ 2006: 28) können, indem sie sie in ihrem Wunsch, die leibliche Mutter kennenzulernen, unterstützen. Mit der Feststellung, dass Kinder „natürlich auch Ähnlichkeiten“ (I-Borchert_1) suchten, macht Frau Borchert sich bewusst, dass ihre Tochter sie als Mutter durch dieses ‚natürliche Bedürfnis’ nicht in Frage stellt, sondern einfach Antworten auf Fragen braucht, die sie nur durch die Kenntnis ihrer leiblichen Mutter erhalten kann. Die Offenheit Nataschas bezüglich ihrer Gefühle wertet Frau Borchert als Vertrauensbeweis – ein reflexiver Schritt, der ihr nicht immer leicht fällt, wie sie selbstironisch deutlich macht:

Frau Borchert: „Einmal hat sie mir auch gesagt: ‚Wenn wir Streit haben, dann denke ich manchmal an die andere Familie.’ Und ich denke: ‚Wie oft haben wir Streit? Haben wir uns heute gestritten?!! Schluck.’ Und dann habe ich aber auch gesagt, dass es ja toll ist, wenn man noch an jemand anderes denken kann. (Lachen) Da reflektiert man mal ganz schnell.“ (I-Borchert_1)

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Indem Frau Borchert Natascha vermittelt, dass sie nicht schockiert über deren Gedanken an ihre Herkunftsfamilie ist, macht sie deutlich, dass das zwischen ihnen bestehende Eltern-Kind-Verhältnis dadurch nicht in Frage gestellt werden kann. Sie geht so weit zu erklären, dass Natascha gegenüber Kindern, deren Eltern die Rollen der leiblichen und der sozialen Eltern in sich vereinen, sogar einen Vorteil habe. Auf diese Weise signalisiert Frau Borchert Natascha, der gerade in dieser Zeit die Unterschiede zwischen ihr und nicht-adoptierten Kindern sehr bewusst sind, dass ihre Situation als Adoptivkind nicht defizitär ist. Durch Frau und Herrn Borcherts demonstrative Akzeptanz aller Überlegungen Nataschas bezüglich ihrer Herkunftsfamilie wird zwar die Abweichung ihrer Familie vom Modell der biologischen Familie deutlich. Dennoch zeigen Borcherts, dass das Fehlen einer biologischen/genetischen Verbindung ihre Eltern-Kind-Beziehung zu Daniel und Natascha nicht schwächt. Die erfolgreiche Aufarbeitung der Krisen ihrer Tochter und Nataschas spätere Vertrauensbezeugungen bestätigen Borcherts in dem Bewusstsein, dass ihre Beziehung zu ihren Kindern nicht schwächer ist als die leiblicher Eltern zu deren Kindern – sie führen somit eine ‚normale’ Eltern-Kind-Beziehung.

‚Normalität’ im Umgang mit dem Adoptionsthema ist nach Frau und Herr Borcherts Ansicht sehr zentral. Die Bekanntschaft mit anderen Adoptivfamilien hilft ihnen dabei nicht nur in der ersten Zeit mit den Kindern, sondern bis in die Gegenwart. Durch die Kontakte zu anderen Adoptivfamilien würden auch ihre Kinder sehen, dass sie als Adoptivkinder keine ‚unnormalen’ Ausnahmen seien. Gerade der Umstand, dass ihre Beziehungen zu Adoptiveltern sich nicht von denen leiblicher Eltern unterscheiden, sei dabei wichtig:

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Frau Borchert: „Ja, das ist ja auch das Normale. Inzwischen ist es völlig egal, ob wir uns mit Adoptivfamilien treffen oder… es sind einfach Kinder, es wird sich ausgetauscht, es wird gelacht, es wird geschimpft, geflucht, was weiß ich. Eben, als ob man mit leiblichen Eltern zusammen ist. Jetzt ist es überhaupt gar kein Unterschied mehr. Und für die Kinder ist es auch wichtig. Ich weiß noch, da war der Daniel sieben oder so, da hatten wir auch mal wieder das Thema Adoption und da habe ich ihm gesagt: ‚Na, Franziska und Lara, das sind ja auch alles Adoptivkinder.’ Und da guckt er mich groß an, die kannte er alle schon ewig aber hat sich anscheinend nie Gedanken darüber gemacht. Und sagt: ‚Ehrlich? Das sieht man denen ja gar nicht an.’ Ich dachte, was denkt der denn, wie der eigentlich aussieht? ‚Wie sollst du das denen denn ansehen?’ (lacht) Und darum ist dieses Normale einfach ganz wichtig.“ (I-Borchert_1)

Durch die ‚Normalität’ von Adoptivfamilien, die sich darin beweist, dass Daniel ihm bekannte Adoptivkinder nicht als solche erkennt, wird auch Daniel deutlich gemacht, dass er nicht im negativen Sinne etwas ‚Besonderes’ ist. In einer Phase, in der Daniel sich seiner Adoption und deren Abweichung vom gesellschaftlichen ‚Normalmodell’ immer bewusster wird, empfinden Borcherts diesen Umstand als besonders entlastend.

Im Laufe der Jahre erarbeitet sich Familie Borchert ihre ‚Normalität’ je nach Entwicklungsphase der Kinder immer wieder neu und – bestätigt durch die positive Bewältigung unterschiedlicher Konflikte – legen Frau und Herr Borchert ihre Sorgen bezüglich der ‚Adoptionsbelastung’ ihrer Kinder mehr und mehr ab. Nach einigen unerfreulichen Erlebnissen müssen sie jedoch auch lernen, sich von Vorurteilen in ihrem sozialen Umfeld gegenüber Adoptivkindern zu distanzieren. Wie Englers und Kochs ärgert Frau Borchert sich darüber, dass Adoption häufig zur Universalerklärung für das Verhalten ihrer Kinder gemacht wird:

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Frau Borchert: „’Man weiß ja nicht wirklich, was in den Kindern steckt…’ So was hört man dann natürlich immer auch. Man muss ein bisschen vorsichtig sein, weil die Leute ja gern interpretieren. Also: kuschelt ein Kind sehr viel, ein Adoptivkind, dann muss es unheimlich was nachholen, es ist ganz klar, dass es kuschelt. Kuschelt es nicht, dann ist es klar, weil es ja auch die Vorgeschichte hat, kuschelt es nicht weil es ein Adoptivkind ist. Also, das ist völlig irrsinnig, es gibt wirklich auch bei leiblichen Kindern quer Beet welche. Da muss man ein bisschen vorsichtig sein. Was man lernen muss ist… bei Daniel bin ich immer sehr offen mit dem Thema umgegangen, weil ich dachte, ich muss hundertprozentig dahinter stehen. Was ich bei Natascha dann nicht mehr gemacht habe. Weil Daniel schon auch so manche Situation dadurch gehabt hat, die nicht so schön war. Er ist auch sehr offen damit umgegangen: ‚Ich habe zwei Mütter, die eine wohnt im Himmel, die andere in der XY-Straße.’ So. Das hat er in der Schule erzählt. Sogar der Frau hinter der Wurst-Theke bei Meier habe ich erzählt, dass ich gerade ein Kind adoptiert habe. Weil, man ist auch stolz und man freut sich einfach so. Und bei Natascha waren wir dann eben deswegen auch sehr viel vorsichtiger. Das lernt man nachher: Es ist nicht schlimm, einfach auch mal zu lügen. Also, auch wenn jemand sagt: ‚Das ist ja sonderbar, der Daniel ist so dunkel und die Natascha ist so blond…’ Entweder geben sich die Leute dann selber ihre Antwort und sagen: ‚Ach ja klar, dein Mann ist ja blond und du dunkel.’ Dann sage ich auch wenn ich mit den Leuten sonst nichts zu tun habe: ‚Ja, ja.’ Und sonst: ‚Ist halt so.’ Ich habe irgendwann auch gelernt, mich nicht mehr immer erklären zu müssen, rechtfertigen zu müssen und trotzdem hinter der Adoption zu stehen. Nicht nur dadurch, dass ich damit sehr offen umgehe.“ (I-Borchert_1)

Von Anfang ihrer Adoptivelternschaft an halten Borcherts es für sehr wichtig, die Adoption nicht zu tabuisieren und sie dadurch zu etwas Minderwertigem zu machen. Nicht nur vor ihren Kindern, auch in der Öffentlichkeit treten sie diesbezüglich selbstsicher und freimütig auf. Sie müssen jedoch feststellen, dass Daniels Verhalten deswegen von einigen Personen in seinem sozialen Umfeld auf das Klischee des ‚problembeladenen und fremden’ Adoptivkinds hin interpretiert wird. Gleichzeitig erlebt vor allem Frau Borchert Situationen, in denen ihre mütterliche Beziehung zu ihren Kindern sprachlich herabgesetzt wird. Wenn Kinder oder Erwachsene in ihrem sozialen Umfeld von der Adoption Daniels und Nataschas erfahren hätten, sei häufig von der Adoptivmutter und der ‚richtigen Mutter’ die Rede gewesen. Ein Sprachmodus, der Natascha auch in der Zeit ihrer Krise gegenwärtig ist und sie verunsichert. Frau Borchert erzählt, Natascha sei immer wieder zu ihr gekommen, habe sie umarmt und „meine Mama, meine Mama“ gesagt, um sich dann zu unterbrechen und zu fragen, ob sie überhaupt ihre „richtige Mama“ sei (I-Borchert_1). Frau Borchert erklärt ihren Kindern, dass man nicht von ‚richtigen’ und ‚falschen’ Eltern sprechen könne. Es gebe einfach unterschiedliche Arten von Eltern. Adoptivkinder hätten Eltern, die sie zur Welt gebracht haben, die aber nicht die Möglichkeit gehabt hätten sie großzuziehen, und Eltern, die sich im Alltag um sie kümmerten und für sie da seien. Frau Borchert ist es wichtig, ihre Kinder nicht dadurch in einen Konflikt zu bringen, dass sie deren leibliche Eltern abwertet. Gleichzeitig vermittelt sie Natascha und Daniel, dass Adoptiveltern vielleicht anders seien, als Eltern leiblicher Kinder, aber genauso ‚richtig’.81 Insgesamt lernen Borcherts, mit den Informationen über die Adoption ihrer Kinder vorsichtiger umzugehen. Sie machen ihren Kindern deutlich, dass ihre Adoption kein negatives Geheimnis sei; andere Kinder könnten das Wissen über die Adoption aus Unwissenheit oder im Streit jedoch verletzend einsetzen. Herr und Frau Borchert fühlen sich in der Lage, sich argumentativ gegen adoptionsbedingte Vorurteile durchsetzen zu können. Solange Daniel und Natascha jedoch klein sind, so fürchten Borcherts, könnten sie durch ‚Adoptionsklischees’ unnötigen und verunsichernden Belastungen ausgesetzt werden. Denn sie erleben mehrere Situationen, in denen sich entfernte Bekannte durch das Wissen über die Adoption ihrer Kinder berechtigt fühlen, mit ungebetenen Interpretationen des Verhaltens ihrer Kinder oder Fragen nach der Qualität ihrer Eltern-Kind-Beziehungen, den gesellschaftlich sanktionierten Schutz der familiären Privatsphäre zu ignorieren. Aus diesen Erfahrungen heraus kommen Herr und Frau Borchert zu dem Schluss, dass das Verschweigen der Adoption ihrer Kinder nicht als Zeichen mangelnder Überzeugung zu verstehen ist, sondern die Durchsetzung eines ‚familiären Grundrechts’ darstellt. Durch das Verschweigen der Adoption, gewinnen Borcherts, ähnlich wie Försters, die Kontrolle über die Privatsphäre ihrer Familie zurück.

4.4 Normalisierung von Adoptivelternschaft

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Durch die Abweichung von einem gesellschaftlich als ‚normal’ wahrgenommenen biologischen Familienmodell haben meine Interviewpartner einen ‚Sonderstatus’ bzw. befinden sich in einer „psychologische[n] Sondersituation“ (I-Senat_2), die es zu ‚neutralisieren’ gilt. ‚Normalität’ und ‚Unnormalität’ sowie ‚Normentsprechung’ und ‚Normabweichung’ sind kulturell konstruiert und „intimately associated with the social, political, and moral order“ (Lock 2000: 250; Vgl. Amelang et al. o. J.: 4). Gleiches gilt auch für die ‚normale’, biologisch fundierte Familie, wie ich im zweiten Kapitel gezeigt habe. „A norm“, so die Sozialphilosophin Judith Butler, „operates within social practices as the implicit standard of normalization“ (Butler 2004a: 41) – Normen wirken explizit oder implizit als normalisierendes Prinzip innerhalb sozialer Praxen:

“The norm governs intelligibility, allows for certain kinds of practices and action to become recognizable as such, imposing a grid of legibility on the social and defining the parameters of what will and will not appear within the domain of the social. ”(Butler 2004a: 41).

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Adoptiveltern, dies geht aus meinen Interviews hervor, müssen sich immer neu auf die wechselnden Bedürfnisse ihrer Kinder und auf Konflikte einstellen, die durch das soziale Umfeld ausgelöst werden. Für meine Interviewpartner ist Normalisierung ein Prozess, der sie situationsbedingt auf unterschiedliche soziale Praxen zurückgreifen lässt, die von individuellen Handlungen und Überlegungen bezüglich der Adoptionssituation, den Reaktionen des sozialen Umfelds und fachwissenschaftlichen Adoptionsdiskursen beeinflusst sind. Bei meinen Interviewpartnern lässt sich Normalisierung als ein ‚dynamischer Entwicklungsprozess auf der Suche nach einem ‚psycho-sozio-kulturellen Gleichgewicht’82 definieren (Vgl. Amelang et al. o. J.: 4). Normalisierung, so die Soziologin Charis Thompson83 in Anlehnung an Michel Foucault, ist ein Prozess der Einordnung in- und Ausrichtung bzw. Anpassung an etwas, das als gesellschaftliche ‚Normalität’ verstanden wird. Praxen der Normalisierung orientieren sich sowohl an Normen als auch an dem, was als ‚normal’ wahrgenommen wird (Cussins 1998: 67; Vgl. Butler 2004b: 206): Durch den Selektionsprozess des Adoptionsverfahrens erhalten nur solche Bewerber die Chance, ein Kind zu adoptieren, die den Normen der BAGLJÄ und der jeweiligen Vermittlungsstellen entsprechen bzw. sich ihnen anpassen. Dies zeigt sich auch bei meinen Interviewpartnern: Alle messen einer stabilen, konfliktfähigen und gleichberechtigten Partnerschaft ausnahmslos eine große Bedeutung in der Kindeserziehung bei. Alle vertreten die Ansicht, dass die Wünsche der Eltern sich den Bedürfnissen der Kinder anpassen müssen. Alle halten eine positive Heranführung ihres Kindes bzw. ihrer Kinder an das Adoptionsthema für wichtig und bemühen sich, diese umzusetzen. Alle beweisen in den Interviews mit mir eine große Bereitschaft, über sich selbst zu reflektieren und sich mit unterschiedlichen Fragestellungen und Problematiken selbstkritisch auseinanderzusetzen.84 Auch äußerlich entsprechen ihre Familien bis zu einem gewissen Grad einer Norm, die durch die Orientierung an der heterosexuellen, biologischen Familie vorgegeben ist, denn ihre Kinder sehen ihnen relativ ähnlich, so dass Außenstehende sie meist für leibliche Kinder halten.85 Judith Modell spricht in diesem Zusammenhang von einer Imitation biologischer Verwandtschaft durch „as-if-kinship“ (Modell 1994: 14). Meinen Interviewpartnern geht es dabei jedoch nicht darum, die Adoption ihrer Kinder zu verdrängen, sondern nach außen die Kontrolle über Informationen zu ihrer Familienbildung und der Biographie ihres Kindes bzw. ihrer Kinder bewahren zu können. Im Adoptionsverfahren haben meine Interviewpartner einen massiven Eingriff in ihre Privatsphäre akzeptiert. Zum Teil fühlen sie sich, wie Borcherts, auch nach Abschluss des Verfahrens noch verpflichtet, durch Offenheit über die Adoption(en) zu beweisen, dass sie „hundertprozentig dahinter stehen“ (I-Borchert_1). Die Adoption als Teil ihrer Familienbildung macht jedoch gleichzeitig einen Kernbereich dessen aus, was als familiäre Privatsphäre verstanden wird. Die Erwähnung der Adoption hebt den Schutz der familiären Privatsphäre zumindest in einigen Situationen in den Augen des Gesprächspartners auf und setzt meine Interviewpartner Einmischungen, Kommentaren und Fragen durch entfernte Bekannte aus, die gegenüber ‚normalen’ Familien in der Regel zumindest einer engeren persönlichen Beziehung bedürften. Durch eine selektivere Informationspolitik über die Adoption ihrer Kinder stellen meine Interviewpartner ihre familiäre Privatsphäre wieder her. Erst dadurch werden sie von Außenstehenden ‚normal’ behandelt.

Die Mitarbeiter des medizinanthropologischen Projekts Challenges of Biomedicine unterteilen auf der Basis ihrer Forschung zu Organtransplantierten drei miteinander verwobene und voneinander beeinflusste Ebenen der Normalisierung: „(1) a personal level, (2) a level of the intimate and (3) anonymous sociality“ (Amelang et al. o. J.: 2). Bei den von mir interviewten Adoptiveltern lassen sich drei vergleichbare Ebenen der Normalisierung unterscheiden: Die erste Ebene umfasst das persönliche Verständnis von der eigenen Rolle als Adoptivmutter oder Adoptivvater, im Falle schon älterer Kinder aber auch deren Selbstwahrnehmung als Adoptierte. Die zweite Ebene betrifft den Umgang mit bzw. das Erziehungsverhalten gegenüber dem Kind. Die dritte Ebene bezieht sich auf die Selbstdarstellung als Adoptiveltern gegenüber Außenstehenden, aber auch auf den Umgang mit Reaktionen auf die Adoption im sozialen Umfeld. Die Kenntnis von Fachdiskursen bezüglich Adoptivkindern beeinflusst alle drei Ebenen der Normalisierung. Das in den Medien und durch das Adoptionsverfahren und dessen Umfeld vermittelte Bild des Adoptivkinds und seiner Bedürfnisse beeinflusst meine Interviewpartner in ihrer Selbstwahrnehmung als Adoptiveltern, in ihrem Umgang mit ihren Kindern und sowohl ihre Selbstdarstellung als Adoptivfamilie nach außen, als auch die Reaktionen ihres sozialen Umfelds auf Adoptivfamilien.

Auf der Ebene des „personal level“ (1) sind sowohl Vergleiche mit biologischen Familien, als auch Abgrenzungsprozesse wichtige Elemente der Normalisierung der eigenen Rolle als Adoptiveltern. Sowohl Englers als auch Kochs machen sich in unterschiedlichen Situationen klar, dass sie ähnlich gelagerte Probleme wie die, vor denen sie gewarnt werden oder die sie im Alltag erleben, auch mit leiblichen Kindern haben könnten. Frau Borchert stellt durch den Vergleich zwischen sich und den Müttern leiblicher Kinder fest, dass Ärger über das ‚eigene’ Kind, sei es leiblich oder adoptiert, ‚normal’ ist. Auf der persönlichen Ebene normalisieren Englers, Kochs und Borcherts ihre Situation als Adoptiveltern, indem sie sich selbst vor Augen führen, dass ihre familiären Beziehungen und Probleme sich nicht von denen biologischer Familien unterscheiden und nicht zwangsläufig und ausschließlich durch die Adoptionssituation bedingt sind: Sie verweisen darauf, dass auch nicht-adoptierte Säuglinge häufig schreien können, dass sie viele nicht-adoptierte Kinder kennen, die hypermotorische Diagnosen haben, oder, wie zwei Adoptivmütter bei einem Treffen der Adoptionsselbsthilfegruppe, dass ihre Kinder sich nicht mehr auf Süßigkeiten stürzten, als ihre Kita-Freunde bzw. Klassenkameraden (Protokoll Selbsthilfegruppe 6. 11. 2006). Für Försters stellen die Elternbriefe des Arbeitskreises Neue Erziehung (ANE)86 eine große Entlastung dar. Gerade im ersten Jahr habe die Wiedererkennung der Verhaltensweisen Leons in den Fallbeispielen der Elternbriefe ihnen mehr Selbstsicherheit als Eltern gegeben, da Leon sich offensichtlich ‚normal’ und altersgemäß entwickelte (I-Förster_1). In diesen Vergleichen bestätigt sich Judith Modells These, dass die biologische Familie jene ‚normale’ Familie ist, an der sich die Adoptivfamilie orientiert. Durch den Vergleich mit der ‚normalen’, biologisch fundierten Familie wird den Adoptiveltern jedoch bewusst, dass Eltern leiblicher Kinder (annähernd) mit den gleichen Problemen und Konflikten zu kämpfen haben wie sie. Meine Interviewpartner lösen die aktuellen oder potenziellen Probleme mit ihren Kindern auf diese Weise vom Umstand der Adoption ab und machen sie zu ‚ganz normalen’ Problemen. So gelingt es ihnen, sich vom Bild des ‚problembeladenen Adoptivkinds’ und damit verbundenen Ansprüchen, die von Adoptiveltern die optimale pädagogische Förderung ihrer Kinder verlangen, zu distanzieren – von Ansprüchen, die beispielsweise Frau Borchert zunächst von sich selbst erwarten lassen „mehr als alle anderen Mütter eine gute Mutter sein“ zu müssen (I-Borchert_1). Auch die Selbstwahrnehmung der heranwachsenden Kinder ist auf diesem „personal level“ wichtig, wie das Beispiel der Familie Borchert zeigt. Solange sich die Kinder nicht als ‚unnormal’ empfinden, müssen auch die Adoptiveltern sich in ihrer Elternrolle nicht in Frage gestellt fühlen.

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Die Ebene der Normalisierung im Umgang mit den adoptierten Kindern (2) ist eng mit der Selbstwahrnehmung als Adoptiveltern verknüpft. Die Normalisierung in der Selbstwahrnehmung als Eltern von Kindern, die sich von leiblichen Kindern nicht nennenswert unterscheiden, führt zu einer „Gelassenheit“ (I-Koch_1) im Umgang mit den Kindern, die sonst nicht möglich wäre. Wie im Falle Kochs deutlich wird, erfordern auch hier die unterschiedlichen Entwicklungsphasen, die ihre Kinder durchlaufen, immer wieder von neuem die Aushandlung eines Gleichgewichts zwischen einem erzieherischen Verhalten, das die Adoptionsbiographie des Kindes mitbedenkt und einer Selbstkorrektur, die überprüft, ob ein ‚Sonderverhalten’ überhaupt produktiv, angebracht oder notwendig ist.

Auf der Ebene der „anonymous sociality“ (3) ist die am Beispiel der Familie Borchert beschriebene Wiederherstellung der familiären Privatsphäre durch selektive Offenheit bezüglich der Adoption zentral. Auch die Abgrenzung von problemzentrierten Fachwissensdiskursen und von damit verbundenen Einmischungen in die Erziehungskompetenz von Adoptiveltern, wie in den Beispielen Englers und Borcherts, ist auf dieser Ebene eine wichtige Praxis der Normalisierung von Adoptivelternschaft. Ebenfalls normalisierend wirkt auch der Kontakt zu anderen Familien, die dem Idealbild der bürgerlichen Kleinfamilie nicht entsprechen. Sowohl der regelmäßige Kontakt zu anderen Adoptivfamilien, wie im Falle Borcherts, als auch ein Umfeld, in dem ‚Patchworkfamilien’ nichts Besonderes sind, wie im Kindergarten Paul Kochs, hilft den Adoptiveltern und ihren Kindern, den eigenen Sonderstatus als Adoptivfamilie zu ‚neutralisieren’.

Im reproduktionsmedizinischen Kontext, so ein Ergebnis der Forschung Charis Thompsons, stellt Naturalisierung 87 ein wichtiges Mittel der Normalisierung dar. Als Mittel zur Normalisierung des persönlichen Verständnisses als Adoptiveltern (1) und vor allem im Umgang mit denaturalisierenden Reaktionen des sozialen Umfelds (3), lässt sich Naturalisierung, im Sinne der Betonung der ‚Selbstverständlichkeit’ bestimmter Handlungen oder Gefühle, auch bei meinen Interviewpartnern beobachten. Englers beispielsweise ärgern sich, weil sie es als völlig überflüssig empfinden, dass Adoptiveltern immer wieder zu Körperkontakt mit ihrem Kind angehalten werden. Aus ihrer Sicht ist es ein „ganz natürlich[es]“ Bedürfnis und „das normalste von der Welt“ (I-Engler_2), Kindern, insbesondere Kleinkindern, viel Zärtlichkeit geben zu wollen. Der ständige Verweis auf die Notwendigkeit körperlichen Kontakts und die Empfehlung künstlich hergestellter Nähe unterstellt ihnen indirekt das Fehlen ‚natürlicher’ Elterngefühle. Adoptivelternschaft wird dadurch denaturalisiert und zu etwas ‚Unnormalem’ gemacht. Indem Englers sich von der Vorstellung abgrenzen, dass elterliche Gefühle leiblicher Verwandtschaft bedürften, naturalisieren sie ihre elterlichen Gefühle für Dorothee und normalisieren so die Eltern-Kind-Beziehung zu ihrer Tochter. Gleichzeitig bestätigen sie die als ‚natürlich’ und damit ‚normal’ wahrgenommene ‚selbstverständliche Entwicklung liebevoller Gefühle’ von Eltern gegenüber ihren Kindern. Das ‚Natürliche’ wird in diesem Fall ebenso durch das ‚Normale’ stabilisiert, wie das ‚Normale’ durch das ‚Natürliche’ (Vgl. Cussins 1998: 67)88. Die Bestätigung von Normalitätsvorstellungen in Bezug auf Elterngefühle führt somit zunächst zur Verfestigung des Stereotyps liebevoll sorgender ‚natürlicher’ Eltern. Etwas Ähnliches beobachtet Charis Thompson bezüglich der Anpassung an Männlichkeits- und Weiblichkeitsstereotype in reproduktionsmedizinischen Kliniken.89 Diese Verfestigung vorgegebener Normalitätsvorstellungen in Bezug auf Elterngefühle geschieht jedoch bei Englers und meinen anderen Interviewpartnern in Abgrenzung von stereotypen Bildern von ‚unnormalen Adoptiveltern-Kind-Beziehungen’: Wie in reproduktionsmedizinischen Behandlungen wird auch durch das Adoptionsverfahren bei (angehenden) Adoptiveltern zumindest teilweise der Druck erzeugt, durch perfektes Elternverhalten die eigene Mütterlichkeit bzw. Väterlichkeit unter Beweis zu stellen. Die Normalisierung der Elternrolle auf der Ebene des Umgangs mit dem Kind (2) besteht bei den von mir interviewten Adoptiveltern gerade darin, sich wie Englers von überhöhten und stereotypen Elternidealen und Ansprüchen abzugrenzen und sich, wie beispielsweise Frau Borchert, eine ‚Unvollkommenheit’ zuzugestehen, die sie zu ‚normalen’ Eltern macht.

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So, wie die Naturalisierung der Normalisierung von Elternschaft im US-amerikanischen Klinikkontext dient, stellt auch die Denaturalisierung anderer, potenziell als Eltern in Frage kommender Personen, zur Legitimierung der Elternrolle einer bestimmten Person eine wichtige Normalisierungspraxis im reproduktionsmedizinischen Kontext dar, wie Charis Thompson in Making Parents herausarbeitet.90 Auf die Adoption übertragen bedeutet dies, dass Adoptiveltern die leiblichen Eltern ihrer Adoptivkinder denaturalisieren müssten, um ihre eigene Elternrolle zu stärken. Eben solche Prozesse arbeiten beispielsweise Judith Modell und die deutsche Erziehungswissenschaftlerin Christine Swientek in ihren Arbeiten heraus: Die abgebenden Eltern bzw. Mütter, so konstatieren sie in ihren in den 1980er und 90er Jahren entstandenen Arbeiten, würden häufig in den Medien, von Sozialarbeitern und Adoptiveltern als unmündige, verantwortungslose Kinder oder zu ‚natürlicher’ Elternliebe nicht fähige Egoisten dargestellt.91 Der Großteil meiner Interviewpartner, sensibilisiert durch die Zeit des Adoptionsverfahrens, die Biographie der eigenen Adoptivkinder oder persönliches gesellschaftspolitisches Engagement, distanziert sich jedoch explizit von solch abwertenden Positionen gegenüber abgebenden Müttern bzw. Eltern. Neben Verständnis für die Situation der leiblichen Eltern ihrer Kinder, Respekt vor dem radikalen Schritt, zu dem sie sich zum Wohl ihres Kindes entschlossen haben und teils persönlichen Sympathien, betonen alle meine Interviewpartner, dass es für die ‚Identitätsentwicklung’ ihrer Kinder wichtig sei, sie nicht durch eine abwertende Haltung gegenüber ihren leiblichen Eltern in einen inneren Konflikt zu bringen. Anstatt die eigene Elternrolle durch Denaturalisierung der leiblichen Eltern ihres Kindes zu affirmieren, bemühen sich meine Interviewpartner darum, die ‚doppelte Elternschaft’ (Vgl. Wild 1998: 263) in Adoptivfamilien wertfrei anzuerkennen. Sprache spielt hierbei eine zentrale Rolle. Frau Borchert spricht beispielsweise gegenüber ihrer Tochter von ‚unterschiedlichen Eltern’, anstatt zwischen „richtigen“ und „falschen“ (I-Borchert_1) Müttern zu unterscheiden. Auf diese Weise normalisiert sie die Situation ihrer Kinder und ihre Situation als Adoptivmutter, ohne die ‚Konkurrenzeltern’ abwerten zu müssen.

Die Normalisierung von Adoptivelternschaft, so lassen sich die theoretischen Überlegungen Charis Thompsons auf meine Interviewpartner übertragen, “is taken to include the ways in which the grid of what is already there, and what counts as pre-existing, is produced, recognized, reproduced and changed over time” (Cussins 1998: 67). Es ist nicht nur das Bild ‚natürlicher’ Elternschaft, das sich durch die Normalisierungspraxen von Adoptiveltern wie meinen Interviewpartnern ändert, sondern auch die Ausgestaltung der Adoptivelternrolle durch die Adoptiveltern. Den in diesem Kapitel vorgestellten Adoptivelternpaaren gelingt es gerade dadurch, Normalität in ihrem Selbstverständnis und familiären Alltag herzustellen, dass sie sich bewusst mit der Adoptionssituation auseinandersetzen, ohne sich die Legitimität als Eltern ihrer Kinder absprechen zu lassen.


Fußnoten und Endnoten

68  Wie im dritten Teil habe ich auch in diesem Teil die vorgestellten Adoptivelternpaare ausgewählt, weil sich an ihrem Beispiel Problematiken und Normalisierungspraxen, die viele meiner Gesprächspartner aus Interviews und der Adoptionsselbsthilfegruppe betreffen, besonders gut herausarbeiten lassen. Auch in diesem Teil meiner Arbeit ist die Darstellung der jeweiligen Paare aus der Vielfalt der von ihnen angesprochenen Themen auf die von mir untersuchten Aspekte fokussiert.

69  Normal bzw. Normalität bezeichnet zum einen Regelgerechtheit, also eine Entsprechung bzw. Erfüllung von Normen. Zum anderen bezeichnet sie Regelmäßigkeit, also das, was die Mehrheit bzw. der Durchschnitt tut, denkt, lebt usw. Normalität hat demzufolge eine präskriptive und eine deskriptive Dimension. (Vgl. Waldschmidt 2004: 190f.) Normalisierung verstehe ich als einen durch Normalisierungspraxen ermöglichten Prozess der Einordnung und Ausrichtung bzw. Anpassung an etwas, das als gesellschaftliche Normalität verstanden wird. Praxen der Normalisierung sind beeinflusst von individuellen Handlungen und Denkprozessen, dem sozialen Umfeld und Fachwissensdiskursen (Vgl. Cussins 1998: 67; Amelang et al. o.J.: 4). Im Kapitel 4.4 werde ich auf den Begriff der Normalisierung genauer eingehen.

70  Sie geben die Informationsbroschüre der Landesjugendämter Berlin und Brandenburg an sowie den Adoptionsratgeber der Psychologin Irmela Wieman (Wiemann 1994).

71  In der speziell dem Thema Adoption gewidmeten Ausgabe der Deutschen Hebammenzeitschrift vom November 2005 wird beispielsweise gleich in vier Artikeln von als Diplompädagoginnen, Krankenschwestern, Still- und Laktationsberaterinnen (ausgewiesen als qualifizierte „International Board Certified Lactation Consultant/ IBCLC) und/oder Psychotherapeutinnen qualifizierten Autorinnen auf die wichtige Funktion des Bondings hingewiesen. Vgl. Guoth-Gumberger 2005, Hormann 2005/ 2005a, Kloster 2005.

72  Das Brusternährungsset (BES) besteht aus einem Beutel mit Schlauchkonstruktion, in den die Nahrung des Kindes eingefüllt wird. Beim Füttern wird dem Kind die Brust der Adoptivmutter zusammen mit einem kleinen Verbindungschlauch gegeben, der mit dem Beutel verbunden ist, in dem sich die eigentliche Nahrung befindet. Das Kind soll auf diese Weise das Gefühl bekommen, an der warmen, mütterlichen Brust gesäugt zu werden. (Vgl. Guoth-Gumberger 2005)

73  Auf das Vokabular in Bezug auf die Eltern von Adoptivkindern werde ich am Beispiel Borcherts im Kapitel 4.3 genauer eingehen.

74  Beispielsweise Leger 2005, Börger 2004, Eltern 2/2005, Apothekenmagazin 10/2005 ermutigen Eltern, sich bei der Erziehung und Versorgung ihrer Kinder auf die eigene Intuition zu verlassen.

75  Vgl. Kapitel 2.1 und 2.3.

76  Moderat vertreten wird diese Überzeugung vom Arbeitskreis Neue Erziehung (ANE) im ersten Elternbrief. Die Autoren ermutigen junge Eltern jedoch darin, sich für die Stillform (Flasche oder Brust) zu entscheiden, mit der sie sich wohler fühlen (Vgl. ANE, Elternbrief 1: 6). Eine ähnliche Position, wenn auch eindeutiger pro Stillen, vertritt die Deutsche Hebammenzeitschrift (Vgl. z.B. Guoth Gumberger 2005, Hormann 2005/2005a, Kloster 2005).

77  Vgl. hierzu beispielsweise Hormann 2005a: 26.

78  Vgl. hierzu meine Ausführungen in Kapitel 4.1.

79  Etwas Ähnliches erzählte mir auch eine andere Interviewpartnerin, die Mutter eines adoptierten und eines leiblichen Sohnes ist. Manchmal ertappe sie sich dabei, dass sie sich bei ihrem Adoptivsohn viel mehr darum bemühe, ihn in seiner Persönlichkeit zu sehen und den Hintergrund seines Verhaltens zu verstehen. Das Verhalten ihres leiblichen Sohnes tue sie viel schneller ab, indem sie denke, so sei sie auch als kleines Kind gewesen. (I-Lehmann_1)

80  Vgl. Kapitel 2.1 dieser Arbeit.

81  Judith Modell kommt auf der Basis ihrer Forschung zu dem Schluss, dass erst durch die Konkurrenz zur biologisch basierten Verwandtschaft ‚wirkliche’ und ‚unwirkliche’ Eltern entstünden. Dieser Gegensatz könne erst überwunden werden, wenn Adoption als etwas Anderes, aber dennoch der biologischen Familie Gleichwertiges anerkannt werde. (Modell 1994: 231-235, 237, Vgl. auch Kapitel 2.3 dieser Arbeit) Genau das ist es, was Frau Borchert an dieser Stelle tut.

82  Ich lehne mich hier an das Konzept des medizinanthropologischen Forschungsprojekts Challenges of Biomedicine zu Praxen der Normalisierung bei Organtransplantierten an und zitiere bzw. verweise dabei auf das Manuskript eines Aufsatzes, der voraussichtlich 2008 erscheinen wird (hier ausgewiesen als „Amelang et al. o.J.“), mir jedoch freundlicherweise schon jetzt zugänglich gemacht wurde. Vielen Dank an die Autoren! Amelang et al. sprechen von einem “’physio-psycho-socio-cultural’ equilibrium. This equilibrium is preconditioned on continuous disciplined activities and highly socially embedded practices“ (Amelang et al. o.J.: 4).’Regelmäßiges, diszipliniertes Verhalten’ hat bei Adoptiveltern nicht den gleichen Stellenwert wie bei Organtransplantierten. Auch die eigene Körperwahrnehmung bzw. der Umgang mit dem eigenen Körper – das ‚physische Gleichgewicht’ – spielt für meine Interviewpartner, zumindest in den von mir geführten Interviews, keine Rolle. Dies ist sicherlich zum Teil auf meine Fragestellung zurückzuführen, denn es ging mir in meiner Forschung nicht um Vorstellungen von Fertilität und Infertilität bzw. damit verbunden um Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit. Auch waren die reproduktionsmedizinischen Behandlungen meiner Interviewpartner nur als Vorgeschichte zur Adoptionsbewerbung oder im Vergleich mit ihr Thema. Nach den Aussagen meiner Interviewpartner über ihren Entscheidungsprozess für eine Adoption und meiner Einschätzung der hier vorgestellten Adoptiveltern und Bewerberpaare gehe ich jedoch davon aus, dass die eigene Körperwahrnehmung in Bezug auf ihre Elternschaft keinem Aushandlungsprozess unterliegt – zumindest zum Zeitpunkt der Interviews nicht mehr. Das „Kapitel“ des leiblichen Kinderwunsches, so drückt es beispielsweise Herr Koch aus, sei ‚endgültig abgeschlossen’. Als Adoptiveltern hätten sie bewusst einen „anderen Weg“ eingeschlagen. (I-Koch_1)

83  Charis Thompson wird im Folgenden als ‚Cussins 1998’ und ‚Thompson 2005’ zitiert, da sie bis vor wenigen Jahren noch unter dem Namen ‚Charis Cussins’ veröffentlichte. Ihr Konzept von Normalisierung beruht auf ihrer Untersuchung von Normalisierungsprozessen in US-amerikanischen Infertilitätskliniken. Charis Thompson arbeitet in ihrer Forschung heraus, wie in reproduktionsmedizinischen Verfahren in Kliniken nicht nur Kinder, sondern auch ‚legitime’ Eltern ‚gemacht’ werden. Wichtig hierbei, so ihre These, sind Prozesse der Normalisierung, Naturalisierung und Routinisierung. (Cussins 1998: 66f.; Thompson 2005) Bei Adoption handelt es sich zwar um eine ‚nicht-medizinisch assistierte’ Art der Familienbildung und meine Forschung beruht nicht auf Beobachtungen im Klinik-Setting bzw. der Beobachtung von Gesprächen im Adoptionsverfahren. Dennoch lässt sich der allgemeine Normalisierungsbegriff Charis Thompsons auf mein Forschungsfeld übertragen. Während ich im Folgenden auf die Dimensionen von Normalisierung und Naturalisierung im Alltag meiner Interviewpartner eingehen werde, lässt sich auf der Basis meines Materials jedoch nicht sagen, ob Routinisierung für meine Interviewpartner eine Praxis der Normalisierung darstellt, denn meine Forschung stützt sich in erster Linie auf retrospektive, selbstreflexive Interviews im häuslichen Bereich der Akteure, in denen Routin i sierung weder von mir noch von ihnen thematisiert wurde.

84  Sicherlich handelt es sich hierbei auch um einen Selektionseffekt meiner Forschung, denn es ist anzunehmen, dass (angehende) Adoptiveltern, die ungern über sich selbst reflektieren und nicht gern diskutieren, auch nicht zur Teilnahme an einer Forschung bereit wären. Meine Forschung kann somit – schon auf Grund der geringen Zahl meiner Interviewpartner – keine generelle Anpassung von Adoptiveltern an diese Norm nachweisen. Dennoch handelt es sich bei diesen Eigenschaften um solche, die von den Adoptionsvermittlungsstellen befürwortet werden. Die Tatsache, dass alle Adoptiveltern das Adoptionsverfahren erfolgreich durchlaufen müssen, und dass tatsächlich alle meine Interviewpartner große Offenheit in den Gesprächen bewiesen, zeigt, dass diese Norm tatsächlich Einfluss auf Adoptiveltern hat.

85  Diese äußerliche Anpassung an das Bild der biologischen Familie ist nur möglich, weil ich mich auf Interviews mit ‚Inlands-Adoptiveltern konzentriere und keines der von mir interviewten Paare sich für die Adoption eines Kindes anderer ethnischer Herkunft beworben hat. Auch die Vermittlungsstellen versuchen jedoch, Adoptiveltern für die zu vermittelnden Kinder zu finden, die ihnen optisch ähneln. Vgl. Kapitel 2.2.2.

86  Der Arbeitskreis neue Erziehung wurde 1946 in Berlin als Initiative von Eltern und Schulreformern (aus dem Bund der Schulreformer, der Montessori-Gesellschaft, der Kinderfreunde-Bewegung und der Arbeiter-Jugend-Bewegung) gegründet. Ziel des Arbeitskreises Neue Erziehung ist es, Eltern dabei zu unterstützen, „ihre Kinder zu selbstbewussten und wachen Mitgliedern einer demokratischen Gesellschaft zu erziehen“ (www.ane.de/index.php?id=1030&type=98). Die Elternbriefe werden in Berlin und – nach Aussage der ANE-Website – in ca. 160 anderen deutschen Städten und Gemeinden kostenlos verschickt.

87  Als Naturalisierung bezeichnet Charis Thompson “the rendering of states of affairs and facts in a scientific or biological idiom, and to the means by which certain uncertainties, questionings, and contingencies are rendered unproblematic, ‘natural’, or self-evident.” (Cussins 1998: 67) Die ‘Wiedergabe von Zuständen etc. in einer biologischen Sprache’ lässt sich in den von mir geführten Interviews kaum beobachten. Kochs Formulierung einer „mentale[n] Schwangerschaft“ (E-Mail Koch 6.2.2007) ist das einzige Beispiel, das darauf hindeutet. Naturalisierung durch die Feststellung, dass etwas ‚natürlich’ oder selbstverständlich sei, lässt sich am Beispiel meiner Interviewpartner dagegen deutlich herausarbeiten.

88  “What is ‘normal’ is very often stabilized by what is ‘natural’ in this site (for example a mother-and-father family is normative for the clinics because it is assumed to be the natural state of affairs, so clinics do not need to invoke the ‘social’ convention of marriage in selecting their patient couples; it is sufficient that patients present as stable heterosexual couples). What is normal or normative also helps to fix what is naturalized (for example, compliance with treatment protocols is normative, and failure to suppress even those ‘psychological side effects’ that are seen as integral to the Western experience of infertility, such as stress, is frequently naturalized as side-effect of taking hormones).” (Cussins 1998: 67)

89  Charis Thompson beobachtet in den Kliniken, dass sich häufig gerade Paare, die sich durch Infertilität in ihrer Mutter bzw. Vaterrolle in Frage gestellt fühlten, besonders stereotyp an vorgegebene Männlichkeits- oder Weiblichkeitsstereotype hielten, obwohl Familien- und Elternbilder durch gesellschaftliche Veränderungen sehr flexibel geworden seien. Thompson orientiert sich hier ausdrücklich an Judith Butlers Konzept der Genderperformativität (Vgl. Thompson 2005: 117-143) Judith Butler schreibt über Performativität: “[T]here are norms that govern what will and will not be real, and what will and will not be intelligible, they are called into question and reiterated at the moment in which performativity begins its citational practice. One surely cites norms that already exist, but these norms can be significantly deterritorialized through the citation. […]” (Butler 2004b: 218) In diesem Sinne wäre es auch interessant, (Adoptiv-)Elternschaft genauer auf ihren perfor Gehalt hin zu untersuchen.

90  Charis Thompson schildert beispielsweise einen Fall, in dem die Schwester des Ehemanns einer Kinderwunschpatientin als Leihmutter fungiert. Während des reproduktionsmedizinischen Verfahrens beobachtet Charis Thompson, wie die Schwägerin (die Leihmutter) gegenüber der Kinderwunschpatientin mehrfach ihre Tanten-Rolle für die Zwillinge, mit denen sie schwanger ist, betont. Indem sie ihr Tanten-Verhältnis zu den Zwillingen, die die genetischen Kinder ihres Bruders und ihrer Schwägerin sind, betont, denaturalisiert sie sich selbst als potenzielle Mutter (die ja die Kinder gebären wird) und stärkt damit die Mutter-Rolle ihrer Schwägerin (der Frau ihres Bruders und der genetischen Mutter der Kinder). (Thompson 2005: 169)

91  Modell 1994: 61-68; Swientek 1986: 30; Swientek 1990; Swientek 1993a: 54-68.



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06.08.2008