5  Resümee

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In dieser Arbeit habe ich anhand der Untersuchung der gesetzlichen und institutionellen Voraussetzungen der Adoption in Deutschland bzw. in Berlin und auf der Basis von Interviews mit Adoptionsvermittlern und Adoptiveltern herausgearbeitet, mit welchen gesellschaftlichen Vorstellungen von Familie und (Adoptiv-)Kindern sich (angehende) Adoptiveltern auseinandersetzen müssen und welchen Einfluss dies auf ihr Selbstverständnis als Adoptiveltern und ihren familiären Alltag hat. In diesem Kapitel werde ich die Ergebnisse meiner Untersuchung anhand der in der Einleitung aufgeworfenen Fragen abschließend zusammenfassen.

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Kriterien und Normen für Adoptiveltern sind nur in geringem Maß gesetzlich festgelegt. Entscheidend ist der 1976 zum Prinzip der Adoptionsvermittlung erklärte Grundsatz des Kindeswohls als Leitprinzip der Adoptionsvermittlung. Alle Kriterien an Adoptiveltern müssen auf der Basis psychologischen und erziehungswissenschaftlichen Fachwissens und eines „gesellschaftlichen ‚Grundkonsens’ über […] angemessenes Elternverhalten“ (Staudinger/Coester (2000) § 1666 Rn 69), am Kindeswohl ausgerichtet sein. Die Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung der BAGLJÄ stellen für die Berliner Adoptionsvermittlungsstellen eine gewisse Standardisierung des Adoptionsverfahrens dar. Durch die Formulierung konkreter Normen können relativ gleichbleibende Kriterien aufgestellt werden, die Adoptionsbewerber erfüllen müssen. Die von mir interviewten Adoptionsvermittler selbst sehen ihre Aufgabe bei der Adoptionsvermittlung in der „Minimierung von Risiken“ (I-Senat_2). Daraus resultiert ein präventiver Anspruch im Adoptionsverfahren, der eine restriktive Auslegung der in den Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung aufgeführten Kriterien für Adoptiveltern nach sich zieht. Ziel ist nicht nur die Vermeidung von für das Kind ungünstigen Lebenssituationen, sondern der Ausschluss möglichst aller Konstellationen, die sich potenziell ungünstig entwickeln könnten. Zur Norm wird dabei das Modell der heterosexuellen bürgerlichen Kleinfamilie erklärt. Auch wo die Alltagserfahrung am Beispiel von unehelichen oder homosexuellen Familien, in Wohngemeinschaften lebender oder Patchworkfamilien zeigt, dass dies längst nicht mehr die einzige ‚normale’ Familie ist, wird dieses Familienmodell unter Verweis auf dadurch vermiedene potenzielle ‚Zusatzrisiken’ – zumindest in Berlin, wo die Zahl der Adoptionsbewerber die der zur Adoption freigegebenen Kinder um ein vielfaches übersteigt – zur Norm für Adoptiveltern gemacht.

Aus den gesetzlichen Richtlinien, den Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung der BAGLJÄ und den Aussagen der Vermittler wird deutlich, dass das gesellschaftliche ‚Normalmodell’ aus ihrer Perspektive die im 18. und 19. Jahrhundert entstandene, biologisch fundierte, bürgerliche Kleinfamilie ist. Dies ist das Modell, an dem sich die Idealvorstellung der Adoptivfamilie orientiert. Rechtlich ist die Adoptivfamilie der biologischen Familie zwar gleichgestellt, wegen einer biologischen Verwandtschaftsvorstellung, die nicht wie im malaysischen Beispiel Janet Carstens von veränderlicher Substanz ausgeht, kann Adoption in Deutschland jedoch immer nur im Sinne einer ‚Notlösung’ verstanden werden. Diese ‚Notlösung’ verweist auf ein Trauma des Adoptivkindes, das durch die Adoption entstanden ist. Die ‚Identität’ des Adoptivkindes setzt sich diesem Verständnis zufolge aus Bausteinen zusammen, wie der genetischen Herkunft, dem Namen, gelebter Biographie und dem Wissen über die Biographie der genetischen Eltern. Durch den mit der Adoption entstandenen ‚Identitätsbruch’ wird das Adoptivkind potenziell zum Problemkind. Aufgabe der Adoptiveltern ist es, seine Mangelerfahrung aufzufangen und es aktiv darin zu unterstützen, seine Adoptionsgeschichte positiv in sein Selbstbild zu integrieren. Dieses Bild des ‚problembeladenen’ Adoptivkinds wird auch durch Mediendarstellungen ‚gescheiterter’ Adoptivkinder verstärkt, in denen die Ursache für das Scheitern im Trauma der Adoption gesucht wird. Eine solche gesellschaftliche Wahrnehmung der Adoption spiegelt sich beispielsweise in Deutungen des Verhaltens von Adoptivkindern als ‚adoptionsbedingt’ und in der Erfahrung, dass Adoption schnell zur Universalerklärung für alles gemacht werde, wie Familie Borchert es erlebt.

Trotz einer relativ normativen Ausrichtung am Modell der bürgerlichen Kleinfamilie haben die Adoptionsvermittlungsstellen kein Partnerschaftsverständnis, das an konservativen Rollenmodellen orientiert ist. Die Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung verlangen zwar von mindestens einem der beiden Elternteile die Bereitschaft, sich gemäß den Bedürfnissen des Kindes zeitweise aus dem Berufsleben zurückzuziehen, um voll für das Kind verfügbar zu sein. Die Vermittlungsstellen propagieren jedoch keinesfalls das Modell der ‚Hausfrauenehe’. Gerade im Hinblick auf die Stabilität der Familie wird auf eine gleichberechtigte Partnerschaft Wert gelegt. Auch wenn die Adoptionsbewerber in der Aufteilung ihrer elterlichen Aufgaben von Seiten der Vermittlungsstellen relativ frei sind, werden jedoch sehr konkrete psychologische, soziale und intellektuelle Fähigkeiten von ihnen erwartet und mithilfe des Adoptionsverfahrens auch durchgesetzt: Adoptionsbewerber müssen sich gegenüber den Vermittlern offen, tolerant, reflexionsfähig und selbstkritisch zeigen. Sie müssen beweisen, dass sie mit Konflikten umgehen und sie bewältigen können. Sie müssen sich über ihre Gründe und Hoffnungen bezüglich der Adoption im Klaren sein und dies in Worten ausdrücken können, die aus Sicht der Vermittler dem Thema angemessen sind.

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Wie ich am Beispiel Lerchs und Försters gezeigt habe, stellt die Unsicherheit und die lange Wartezeit des Adoptionsverfahrens für viele Adoptionsbewerber eine große Belastung dar. Eine deutliche Verunsicherung wird bei den Bewerbern vor allem dann ausgelöst, wenn der Ablauf des Verfahrens oder die Vorgaben der Vermittler unklar sind. Die Nachvollziehbarkeit der Verfahrensinhalte und gute Information über den Verfahrensablauf erleichtert den Bewerbern die Akzeptanz des Verfahrens. In Phasen jedoch, in denen das Adoptionsverfahren als belastend empfunden wurde, so mehrere meiner Interviewpartner, hätten sie gegen Ärger darüber ankämpfen müssen, selbst ein invasives und aufwändiges Eignungsverfahren durchstehen zu müssen, während andere Eltern ‚einfach so’ Kinder bekämen. Dennoch erklären alle meine Interviewpartner ihre Einsicht in den Sinn des Adoptionsverfahrens zum Schutz der Kinder vor Missbrauch und Verwahrlosung. Auch die persönliche Beziehung zu ihrer jeweiligen Adoptionsvermittlerin hat einen großen Einfluss auf die Akzeptanz des Adoptionsverfahrens. Die meisten meiner Interviewpartner erzählen, nie das Gefühl gehabt zu haben, dass im Adoptionsverfahren Inhalte abgefragt wurden, die für das spätere Familienleben irrelevant seien, viele entwickeln sogar ein sehr positives Verhältnis zu ihrer Vermittlerin. Ihre Adoptionsvermittlerin, so beispielsweise Herr Förster, sei ihm und seiner Frau menschlich sympathisch gewesen „und ein sympathischer Mensch darf Fragen stellen“ (I-Förster_1). Persönliche Sympathien und Antipathien sind angesichts des Machtverhältnisses zwischen Adoptionsvermittlern und Adoptionsbewerbern nicht irrelevant im Verfahren, dies wird auch von den Adoptionsvermittlungsstellen selbst thematisiert. Auch in dieser Hinsicht wirken jedoch die Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung legitimierend, da durch sie erstens ein Maßstab für Adoptiveltern festgelegt wird, der eine distanzierte Vergleichbarkeit zwischen den Bewerbern herstellen soll, und zweitens sichergestellt ist, dass in der Vermittlungsstelle mehrere Vermittler angestellt sind, die sich gegebenenfalls untereinander beraten können oder es den Bewerbern ermöglichen, den Vermittler zu wechseln. Was an Spielraum für persönliche Sympathien und Antipathien bleibt, wird mit dem Anspruch gerechtfertigt, dass Adoptionsbewerber offen und auch in Bezug auf ein Adoptivkind fähig sein sollten, sich auf verschiedene Persönlichkeitstypen einzulassen. Der wichtigste Faktor für die Akzeptanz des Adoptionsverfahrens, so lässt sich aus meinen Interviews schließen, ist dessen präventiver Charakter: Es liegt nicht nur im Interesse eines abstrakten Kindeswohls, die Eltern zu finden, die den Bedürfnissen eines Kindes am ‚besten entsprechen’. Um die Wunschvorstellung einer ‚glücklichen Familie’ verwirklichen zu können, liegt es auch im Interesse der Adoptionsbewerber später in einer familiären Konstellation zu leben, die möglichst wenig Konfliktpotenzial bietet.

Alle meine Interviewpartner, auch Englers, die eine übergroße Problematisierung der Adoption im Adoptionsverfahren bemängeln, zeigen großes Verantwortungsbewusstsein dafür, den adoptionsabhängigen und adoptionsunabhängigen Bedürfnissen ihrer Kinder gerecht zu werden. Am Beispiel Lerchs und Försters wird deutlich, dass die präventive Vorbereitung der Adoptiveltern auf potenzielle Probleme mit Adoptivkindern Ängste schüren kann, die sich teils im Zusammenleben mit dem Kind auflösen, teils jedoch als abstrakte Furcht vor zukünftigen Problemen oder zumindest als mögliche Erklärung für eventuell auftauchende Konflikte bleiben. Der präventive Charakter des Adoptionsverfahrens erzeugt zwar eine besondere Sensibilität für Adoptionsfragen und für die aktive Auseinandersetzung mit dem Anspruch der positiven Integration des Themas in die Adoptivfamilie durch die Adoptiveltern. Durch die Vermittlung des Präventionsbedarfs im Adoptionsverfahren wird jedoch auch die Sondersituation der Adoptivfamilie betont. An den Beispielen Englers, Försters und Borcherts ist deutlich geworden, dass es in Adoptivfamilien eines aktiven Prozesses der Normalisierung bedarf. Meine Interviewpartner normalisieren ihre ‚Sondersituation’ durch die Abgrenzung von der Erklärung aller Probleme mit dem Kind durch den Umstand der Adoption. Sie wägen ab zwischen der Anerkennung von Besonderheiten und der Feststellung, dass sich das Leben mit Adoptivkindern nicht von dem mit leiblichen Kindern unterscheidet und grenzen sich von eigenen und fremden Perfektionsansprüchen ab. Alle von mir interviewten Paare versuchen ihre Kinder sehr bewusst positiv zu fördern – nicht nur bezüglich der Verarbeitung der Adoptionssituation. Dies, so der Soziologe Thomas Meyer in einem Artikel über ‚moderne Elternschaft’, sei ein allgemeines Charakteristikum des Anspruchs an Eltern der „’modernen’, ‚gebildeten’ Mittelschichten“ (Meyer 2002: 40f.). Der Vergleich der von der BAGLJÄ formulierten Ansprüche an Adoptiveltern mit allgemeinen psychologischen und erziehungswissenschaftlich formulierten Ansprüchen an Eltern unterstützt diese These. Das Adoptionsverfahren stellt jedoch einen Vorgang dar, der die Auseinandersetzung mit diesen Ansprüchen an Eltern zusätzlich fördert.

Die Standardisierung des Adoptionsverfahrens durch den festgelegten Ablauf und die Ausformulierung der Normen für Adoptiveltern ermöglicht die Auswahl von Adoptionsbewerbern, die diesen Normen entsprechen bzw. bereit und in der Lage sind, sich ihnen anzupassen. Auch am Beispiel meiner Interviewpartner wird deutlich, dass bei aller Unterschiedlichkeit der Paare die Normen der Offenheit, Reflexionsbereitschaft, der partnerschaftlichen Stabilität und der Bereitschaft, sich auf die Bedürfnisse des Kindes einzulassen, erfüllt werden. Auch die Orientierung dieser Familien bzw. zukünftigen Familien an der Norm der biologisch basierten bürgerlichen Kleinfamilie ist gegeben. Gleichzeitig beinhaltet der am Beispiel Englers, Kochs und Borcherts herausgearbeitete Normalisierungsprozess jedoch auch eine aktive Abgrenzung von problematisierenden Bildern von Adoptivkindern oder von Ansprüchen an Adoptiveltern, die für nicht sinnvoll oder unerfüllbar gehalten werden. Der Vergleich mit biologischen Familien spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle: Da die biologische Familie das gesellschaftlich akzeptierte ‚Normalmodell’ darstellt, verhilft gerade der Hinweis darauf, dass bestimmte Probleme in Adoptivfamilien genauso in biologischen Familien auftreten könnten, meinen Interviewpartnern dazu, sich gegen das Bild der defizitären Adoptivfamilie abzugrenzen. Auf der einen Seite wird dadurch die normierende Instanz der biologischen Familie bestätigt, auf der anderen Seite wird das Bild der ‚normalen Familie’ auf diese Weise um das Modell der Adoptivverwandtschaft erweitert. Die ‚normale Familie’ wird reproduziert und gleichzeitig verändert.

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Ein weiterer wichtiger Aspekt der Normalisierung von Adoptivelternschaft, dies habe ich am Beispiel Borcherts gezeigt, ist die Rückgewinnung der familiären Privatsphäre. Das Adoptionsverfahren macht die temporäre Öffnung der Privatsphäre der Bewerber für die Adoptionsvermittler unumgänglich. Borcherts machen jedoch deutlich, dass auch lange nach dem Adoptionsverfahren allein das Sprechen über die Adoption der eigenen Kinder teilweise zu Übergriffen auf die familiäre Einheit führt. Eine andere Adoptivmutter erzählte mir im Interview, dass sie von Personen, denen sie sage, dass ihr Sohn adoptiert sei, fast immer in „tiefgründige Gespräche“ verwickelt werde, die sie mit „Hinz und Kunz“ (I-Lehmann_1) überhaupt nicht führen wolle – angefangen bei der Frage, warum sie kein leibliches Kind bekommen konnte bis dahin, ob sie ein adoptiertes Kind so lieben könne wie ein leibliches. Sie empfindet diese Situationen als „Seelenstriptease“ (I-Lehmann_1). Diese fehlende Zurückhaltung von entfernten Bekannten, ausgelöst durch das Wissen um den Adoptionshintergrund der jeweiligen Familien, verhindern meine Interviewpartner in erster Linie durch selektive Informationspolitik, wie ich am Beispiel Borcherts gezeigt habe.

In seinem Aufsatz über ‚moderne Elternschaft’ spricht der Soziologe Thomas Meyer eine weitere Dimension der familiären Privatsphäre an. Traditionell werde die Familie als „Inbegriff der Privatheit“ verstanden, die das „Gegenprinzip der rationalen und instrumentell orientierten Organisationswelt der Öffentlichkeit“ verkörpere.“[I]n Anbetracht der Wandlungen des Eltern-Kind-Systems“, so Thomas Meyer, erscheine diese Vorstellung jedoch „immer problematischer“ (Meyer 2002: 40). Auch im Adoptionsverfahren wird dieser Konflikt deutlich. Im Kapitel über die ‚notwendige’ Wahl eines Kindes wurde gezeigt, dass ‚instrumentelle Wunschlisten’ für einen bestimmten Kindertyp kaum mit dem Tabu von Konsumvorstellungen in Bezug auf Kinder vereinbar sind. Dennoch erfordert gerade der präventive Anspruch des Adoptionsverfahrens die Formulierung persönlicher Vorstellungen und Wünsche in Bezug auf ein Kind. Meinen Beobachtungen zufolge wird die Bewältigung dieses Paradoxons zum einen durch einen Sprachmodus ermöglicht, den ich als ‚Bildsprache der Gabe’ bezeichne. Zum anderen wird die Berücksichtigung teils egoistischer Wünsche in Bezug auf Kinder mit der Notwendigkeit präventiver Vorsorge zum Wohl des Kindes und zur Vermeidung krisenanfälliger Familienkonstellationen begründet. Durch die ‚Bildsprache der Gabe’ wird der Wahl des Kindes der instrumentelle Charakter genommen und so die Abhebung der privaten Familienwelt von der „Organisationswelt der Öffentlichkeit“ akzentuiert.

Gemäß dem geltenden deutschen Recht darf der Staat nur in den Privatbereich der Familie eingreifen, wenn das Kindeswohl akut gefährdet ist. Im Adoptionsverfahren ist der Staat in Form der Adoptionsvermittlungsstellen deswegen präsent, weil die Sorge für das Wohl des zur Adoption freigegebenen Kindes solange in den Händen der Vermittlungsstelle liegt, bis die Adoption durch die Adoptiveltern vollzogen wurde. Nach der abgeschlossenen Adoption zieht sich die Vermittlungsstelle zurück. Wie ich im dritten und vierten Teil dieser Arbeit gezeigt habe, wirken jedoch die zum Teil im Zusammenhang mit dem Adoptionsverfahren verinnerlichten Ansprüche an Adoptiveltern auch nach dem Adoptionsverfahren fort. Weder während des Verfahrens noch nach Abschluss der Adoption sind (angehende) Adoptiveltern regelmäßigen ‚staatlichen Kontrollen’ ihrer Fähigkeit zur Elternschaft ausgesetzt. Stattdessen wird im Adoptionsverfahren ein Subjektivierungsprozess gefördert, der zur Verinnerlichung der im Adoptionsverfahren vermittelten Normen und psychologisch und erziehungswissenschaftlich begründeten Ansprüche an Adoptiveltern führt. Thomas Meyer (2002) konstatiert die Ausrichtung am Wissen von „Erziehungsexperten“ (Meyer 2002: 42) auch für ‚moderne’ Eltern leiblicher Kinder. Er spricht von einer „Semiprofessionalisierung“ (Meyer 2002: 42) der Elternschaft durch Elternbildungsprogramme, Elternzeitschriften, Ratgeber, Elternbriefe und vieles mehr. In all diesen Medien der Vermittlung von Erziehungswissen gehe es darum, „das Wohlergehen und Glück der Kinder, ihre Personwerdung, Identitätsbildung und Individualitätsansprüche mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu fördern; die Kinder in ihrer Eigenart wahrzunehmen und anzusprechen, ihre Wünsche zu achten, und das alles auch dann, wenn sich dies mit dem Zurückstellen eigener Begehrlichkeiten verbindet“ (Meyer 2002: 42). – Dies ist eine Botschaft, die auch im Adoptionsverfahren vermittelt wird. Ungeachtet der Diskussion um mehr Kontrollen zum Schutz so genannter „hochgefährdete[r] Kinder“ (Fleischhauer et al. 2006: 21), die potenziell unter Misshandlung, Verwahrlosung oder Schlimmerem zu leiden haben, lässt sich das Verhältnis zwischen Staat und Familie in den von mir untersuchten Adoptivfamilien als nicht ‚kontrollierend’, sondern gouvernemental regulierend bezeichnen. Das Adoptionsverfahren ist somit viel mehr, als es das eingangs von mir vorgeschlagene Bild des regelmäßig zu wiederholenden Kontrollsystems ‚TÜV’ suggeriert. Anstelle regelmäßiger Kontrollen aktiviert das Adoptionsverfahren die Bewerber zu dauerhafter Selbstsorge. Neben der eigenen Idealvorstellung familiären Zusammenlebens ist es auch diese präventive Selbstsorge, die ihnen die Herstellung von Normalität im Alltag mit ihren Kindern wichtig erscheinen lässt. Diese Normalisierung wird meinen Interviewpartnern jedoch durch eine gesellschaftliche Wahrnehmung der Adoptivfamilie erschwert, die ich am Beispiel Englers als Othering, ein Unterschiede und Defizite gegenüber biologischen Familien betonendes Bild der Adoptivfamilie, herausgearbeitet habe. In einem sehr aktiven Prozess der Überprüfung eigener Wünsche und Ideale, Erwartungen an Elternschaft und gesellschaftlicher Vorstellungen von Adoptivfamilien wachsen meine Interviewpartner in ihre Rolle als (Adoptiv-)El-tern hinein. Im Verlauf des Adoptionsverfahrens und im Zusammenleben mit ihren Kindern stellen sie durch Aufgreifen, Abgrenzung und Umformulierung gesellschaftlicher Normen von Familie und Elternschaft Normalität in ihrem Familienalltag her – so wie „andere Eltern auch“ (I-Förster_2).


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06.08.2008