4 Vergleichende Bewertung der theoretischen Ansätze

↓29

Nachdem die für diese Arbeit zentralen theoretischen Konstrukte der Geschäftsbeziehung und Abhängigkeit unter Zuhilfenahme verschiedener Forschungsansätze herausgearbeitet wurden, läßt sich ein Zwischenergebnis formulieren. Zur Erreichung des Untersuchungsziels scheint die Transaktionskostentheorie der am meisten geeignete Ansatz für die Betrachtung der Abhängigkeit in Geschäftsbeziehungen zu sein.

↓30

1. Bezüglich der Betrachtung der Geschäftsbeziehung ist zu konstatieren, daß die
nichtökonomischen Theorien das Ergebnis einer betrachteten Beziehung (das Nutzen-Kosten-Verhältnis) bzw. die Ausrichtung aller organisationalen Aktivitäten auf den Nutzen eines Partners zum Zwecke der anhaltenden Sicherung von kritischen Ressourcen für die Aufrechterhaltung von Kooperationen verantwortlich machen. Die Betrachtung aus dieser Perspektive kann infolge der einseitigen Betonung der Nutzenseite, der sozialen wechselseitigen Austauschprozesse nicht hinreichend die Existenz von Geschäftsbeziehungen erklären. Gleichwohl stellen sie signifikante Beiträge zur integrativen Theorie der Geschäftsbeziehung und zum Management dar, insbesondere hinsichtlich der interaktiven und prozessualen Abläufe in Geschäftsbeziehungen. Die vorgestellten ökonomischen Ansätze liefern in Form der Industrieökonomik bedingte und im Falle des investitionstheoretischen Ansatzes substantielle Anregungen. Insbesondere letzterer verweist auf die Relevanz einer langfristigen Betrachtung statt kurzfristiger Engagements, die neben sozialen Austauschen auch einer „inneren Verbindung“ für wiederholte Agreements bedürfen.
Die Transaktionskostentheorie gibt eine partielle, effizienzorientierte Erklärung für Geschäftsbeziehungen aufgrund von Transaktionskostenüberlegungen. Sie ist wegen des Erkenntnisgegenstandes „Transaktion“, der wichtige soziale wie auch transaktionsübergreifende Aspekte vernachlässigt136, zunächst limitiert in ihrem Erklärungsgehalt. Sie zeigt jedoch die Ursachen für die Existenz verschiedener Koordinationsformen von Leistungsbeziehungen und deren permanente, dynamische Anpassung an effizientere Strukturen auf. Der Ansatz ist ein vielversprechender Versuch der Erklärung von Geschäftsbeziehungen auf ökonomischer Basis.

2. Im Hinblick auf die Thematik der Abhängigkeit ist festzustellen, daß die verhaltenswissenschaftliche Social Exchange Theory neben hohem Output der Beziehung die Nicht-Verfügbarkeit von Alternativen für ausgeprägte Abhängigkeit vom Partner verantwortlich macht. Im Falle alternativer Partner wäre die Abhängigkeit beseitigt137. Der Resource Dependence-Ansatz bestimmt die Kontrolle über die als bedeutsam empfundenen Ressourcen als Hauptquelle von Abhängigkeit138. In diesem Kontext sei nochmals auf den Umstand verwiesen, daß Unternehmen, die über (spezifische, kritische) Ressourcen und die Kontrolle darüber verfügen, dennoch abhängig sein können. Ebenso sind attraktivere Alternativen, die eigentlich die Unabhängigkeit vom Partner begründen sollen (Social Exchange Theory), nicht automatisch zugänglich - weil bestimmte Restriktionen sich erschwerend auf die Flexibilität auswirken. Insofern sind beide Ansätze in ihrem Erklärungsgehalt limitiert.

Die Transaktionskostentheorie ist hier realitätsnäher. So konzentriert sie sich auf ökonomische Bindungen und zeigt, daß auch bei vorhandenen (überlegenen) Alternativen der entsprechende Partner abhängig sein kann, weil ihm aufgrund hoher Wechselkosten eine (selbst bessere) anderweitige Zusammenarbeit verwehrt ist. Die input- und gleichzeitig investitionsorientierte Sicht der Transaktionskostentheorie ist eine entscheidende Erklärung für Abhängigkeiten. Allerdings ist sie ergänzungsbedürftig hinsichtlich temporärer, immaterieller spezifischer Inputs, der Möglichkeit ungeplanter Bindungsentstehung und hinsichtlich Bindungsentstehung, die nicht auf Investitionen zurückgeht139.
Obwohl die Effizienzhegemonie in der Transaktionskostentheorie verschleiert, warum Unternehmen trotz hocheffizienter Koordinationsform unvollkommen sind und durch überlegene Effektivität eine bessere Marktposition erlangen können140, wird gerade auch anhand der Abhängigkeitsproblematik die Potenz und Bedeutung von transaktionskostentheoretischen Erklärungen deutlich.

↓31

Auch vor dem Hintergrund der Arbeit - betrachtet wird der Business-to-Business-Bereich, innerhalb dessen Marketing als die Gestaltung und Steuerung von Schnittstellen des Unternehmens zu anderen Organisationen aufgefaßt wird - ist die Transaktionskostentheorie besonders geeignet, unternehmerisches Handeln zur Überwindung von Informations- und Unsicherheitsproblemen bei der Durchführung von Markttransaktionen zu erklären141.

Der Schwerpunkt der weiteren Untersuchungen liegt deshalb auf einer transaktionskostentheoretischen Betrachtung der Abhängigkeit in Geschäftsbeziehungen. Ergänzend wird bei bestimmten Fragestellungen auf die anderen dargestellten Theorien zurückgegriffen, weil mit dem Effizienzansatz allein die Klärung der Fragen nicht herbeizuführen ist142. Die Komplexität des Problems ist auf diese Weise deutlich reduzierbar. Auch soll hierdurch weitgehend einem eklektizistischen Zusammenfügen von geeignet erscheinenden Inhalten vorgebeugt werden.


Fußnoten und Endnoten

136  Vgl. Freiling (1995), S. 118.

137  Vgl. Joshi/Arnold (1996), S. 3, die sich auf Emerson (1962) beziehen. Dessen Abhängigkeitskriterium der nicht-verfügbaren Alternativen setzen die Autoren die fehlende Ersetzbarkeit des In-Suppliers durch bessere Wettbewerber (was die small-numbers-Problematik berücksichtigt - d. A.) und durch handlungsbeschränkende Wechselkosten entgegen.

138  Resource Dependence „refers to the availability of alternative sources for the resource and the possibilities of switching to other sources.“ Hallén/Johanson/Seyed-Mohamed (1991), S. 32.

139  Vgl. Söllner (1993), S. 172.

140  Vgl. Freiling (1995), S. 117.

141  Vgl. Kaas (1995), S. 39.

142  So richtet sich die Kritik u. a. darauf, daß „the relational form of exchange is not adressed to any degree by the TCA approach“. Vgl. Frazier/Spekman/O´Neal (1988), S. 63.



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
13.03.2008