7 Konsequenzen für weiterführende Untersuchungsdesigns

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Wie im vorangegangenen Abschnitt bereits erörtert wurde, wirkte eine Vielzahl von Störvariablen auf das Kind ein, sodass zur weiterführenden Betrachtung manipulationsbedingter Vitalparameterreaktionen die Anwendung eines stärker oparationalisierten Untersuchungsdesigns unerlässlich ist. Umgebungsreize, wie die Tageszeit, Lichtverhältnisse, Lautstärke oder die Anzahl und Art vorangegangener Manipulationen, müssen hierbei im Rahmen einer experimentellen Untersuchung streng kontrolliert werden. In welchem Umfang sich ein experimentelles Setting jedoch realisieren lässt muss zuvor auch im Hinblick auf ethische Fragen genauestens geprüft werden.

Wie die Ergebnisse der Beobachtungsstudie auch im Hinblick auf die Neonatologie der Charité belegten, lassen sich einzelne Manipulationen bei einem explorativen Design selten separat beobachten, da aufgrund des „Minimal Handling“ Ansatzes viele unterschiedliche Routinemaßnahmen in einem Handlungsablauf zusammengefasst werden. In einem standardisierten Handlungsablauf könnten die Auswirkungen spezifischer Manipulationsformen näher betrachtet werden, wobei dem Sauerstoffsättigungsanstieg vor dem Hintergrund der dargestellten Ergebnisse besondere Aufmerksamkeit zukommen sollte. Inwieweit sich die Sauerstoffsättigung, welche als deutlichster Stressindikator innerhalb der vorgenommenen Untersuchungen hervortrat, als Belastungsindikator bei sehr frühgeborenen Kindern in den ersten Lebenswochen eignet, könnte an einer größeren Stichprobe eingehender geprüft werden. Standardisierte Stimulationen, böten durch die Erhebung einer Vielzahl gleicher Manipulationen zudem die Möglichkeit, Vitalparameterreaktionen im Hinblick auf spezifische, durch bestimmte Stimulationsformen ausgelöste Muster, untersuchen zu können. Lassen sich durch ähnliche Reaktionen ähnliche Stimulationen provozieren?

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Im Rahmen unterschiedlicher Studien wurden stimulationsbedingte Belastungsreaktionen bereits untersucht, sodass bei der Konzeption eines weiterführenden Untersuchungsdesigns hinsichtlich der Methodik, Aspekte bestehender Studien aufgegriffen werden sollten. So analysierten White-Traut et al. (1997) die Auswirkungen unimodaler (auf eine Interventionsform begrenzte) und multimodaler (mehrere Interventionsformen integrierende) Maßnahmen, indem sie über einen Zeitraum von täglich 15 Minuten frühgeborene Kinder, denen zuvor eine spezifische Interventionsform zugewiesen wurde, stimulierten. Von besonderer Interesse für eine weiterführende Studie ist in diesem Zusammenhang der Einsatz unimodaler Stimulationsformen für die von den Autoren taktile und auditive Maßnahmen herangezogen wurden, da vorerst die unmittelbaren Folgen einzelner Handlungen von Bedeutung sind, aus deren Kombination sich in zukünftigen Studien optimierte Förderprogramme zusammensetzten und prüfen lassen. Zudem lassen sich, wie Harrisson et al. (2000) anschaulich darstellten, allein taktile Stimulationen in ein weites Spektrum differenzierter Berührungen auffächern, die unterschiedlichste Reaktionen und Belastungsgrade provozieren können. Denkbar wäre daher eine Untersuchung, die sich gezielt mit den Folgen verschiedener Formen der taktilen, auditiven und der von White-Traut et al. als günstig herausgestellten vestibulären Stimulation auseinandersetzt. In Anlehnung an die Durchführung des GHT sind in einem standardisierten Verfahren ebenfalls wichtige Details, wie die Handtemperatur der manipulierenden Person zu beachten (Harrison et al., 2000, S. 441). Die Interventionen sollten, um personengebundene Artefakte auszuschließen, immer von der selben Person durchgeführt werden, wobei sich im Hinblick auf die stationäre Situation an der Charité die Einbindung einer Pflegerin empfiehlt, um Widerstand des Personals vermindern bzw. vermeiden zu können. Im Bezug auf die stimulierende Person wäre eine nähere Klärung der Wechselwirkung zwischen Kind und manipulierender Person sehr interessant, da neben der Gewöhnung des Kindes an eine Bezugsperson ebenfalls das Befinden derselben maßgeblich zum Erfolg oder Misserfolg einer Interventionsmaßnahme beitragen kann. Im Zusammenhang mit der Anwendung der Känguruh-Methode bemerkte Frau Jotzo (Dipl. Psychologin, Universität Tübingen), dass eine unruhige, angespannte Mutter aufgrund ihres Befindens schwer zur Förderung und Entspannung ihres Kindes beitragen könne (mündliches Gespräch vom 14.10.04). Dieser Sachverhalt besitzt sicherlich auch im Bezug auf die Durchführung kurzer Stimulationen, wie sie im experimentellen Design vorgesehen sind, Gültigkeit. Eine genauere Untersuchung dieses Zusammenhangs wäre daher eine spannende Frage, der im Rahmen des Frühförderprojekts ebenfalls nachgegangen werden könnte. Zudem sollte überdacht werden, ob bei einem experimentellen Design hinsichtlich der kindlichen Zustandsbeurteilung neben den Vitalparametern auch korrespondierende Verhaltensmerkmale, wie sie von Als (1986) beschrieben wurden, herangezogen werden sollten. Wie in der Arbeit dargestellt, basieren auch Schmerzskalen wie der PIPP sowohl auf physiologischen als auch auf im Verhalten ersichtlichen Parametern. Hinsichtlich eines geeigneten Stimulationszeitpunkts für unimodale Stimulationen bietet sich der auch von White-Traut et al. gewählte Zeitraum vor der ersten Nahrungsgabe, bzw. Versorgung am Morgen an, da die Intervention durch die im Anschluss erfolgende Versorgung des Kindes nur eine geringe zusätzliche Störung bedeutet. Zudem kann im Normalfall mit geringfügigen Interventionen während der Nacht gerechnet werden, sodass sich die Einflüsse vorangegangener Manipulationen auf diese Weise minimieren lassen. Die gesamte Erhebung sollte zudem in einem möglichst kurzen Zeitraum erfolgen, um die Auswirkungen reifungsbedingter Veränderungen und Lerneffekte minimieren zu können. Doch auch die Betrachtung von Vitalparameterreaktionen auf Umgebungsreize, die mit belastenden Maßnahmen in Verbindung gebracht werden (veränderte Beleuchtung, Stimmen des Personals), wäre in diesem Zusammenhang interessant, um weitere Auskünfte über frühe Lernprozesse zu erhalten, aus denen kindlichen Belastungsreaktionen resultieren können. Hinsichtlich des Zeitrasters welches bei der Aufzeichnung von Vitalparametern und durchgeführten Handlungen Berücksichtigung findet, erscheint es sinnvoll, ein kleineres als das in der Beobachtungsstudie gewählte Intervall von einer Minute zu wählen. Denkbar ist ein 10 Sekunden Takt, um eine differenziertere Betrachtung der Parameterverläufe, speziell im Hinblick auf eintretende Schwankungsveränderungen gewährleisten zu können. Unter den derzeit auf der Station bestehenden Bedingungen lässt sich dieses Vorhaben jedoch aus technischen Gründen nicht verwirklichen. Die Installation von Webcams, einem festen Beobachtungsplatz, für den zwei bewegliche Kameras an den Wänden angebrachte werden müssten oder die Anschaffung eines Überwachungsmonitors, aus dem sich die Parameterverläufe direkt ableiten lassen, ist daher als Voraussetzung für weiterführende Erhebungen anzusehen.

Abschließend bleibt zu bemerken, dass im Rahmen einer größeren Stichprobe auch auf von Gonsalves und Mercer (1993) beobachtete Differenzen in den Vitalparameterreaktionen zwischen männlichen und weiblichen Frühgeborenen näher eingegangen werden könnte. So wiesen die Autoren auf geschlechtsspezifische Unterschiede in der Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung hin, da bei Jungen während schmerzhafter Interventionen im Vergleich zu nicht schmerzhaften Manipulationen stärkere Belastungsanzeichen innerhalb der Herzfrequenz (p = 0.026) und der Sauerstoffsättigung (p = 0,000) zu beobachten waren, während Mädchen bei schmerzhaften Interventionen eine niedrigere Herzfrequenz zeigten als bei weniger schmerzhaften Eingriffen. Zudem beobachteten die Autoren bei Jungen mit einem sehr geringen Gewicht eine niedrigere Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung, als Mädchen einer vergleichbaren Gewichtskategorie (Gonsalves & Mercer, 1993, S. 91). Sollten sich ähnliche und weitere Unterschiede belegen lassen, müsste dieser Aspekt auch im Rahmen der Frühförderung Berücksichtigung finden.


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23.11.2006