„Im Umgang der Völker miteinander sind die Bilder, die sie voneinander haben, häufig ebenso wichtig wie bilaterale Verträge oder die Außenhandelsstatistik.“1
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„Ist Finnland ein nordisches Land?“ – kann man so ohne weiteres eine wissenschaftliche Untersuchung überschreiben? Lehrt einen das Studium, das mit dieser Arbeit seinen Abschluss finden soll, nicht immer wieder, derart ‚platte‘ Fragestellungen von vornherein auszuschließen? Ausgangspunkt und Inspiration für den Titel war der Aufsatz des finnischen Historikers Max Engman Titel Är Finland ett nordiskt land? 2, der sich mit Finnlands Position im Norden, mit den historisch gewachsenen Gemeinsamkeiten, aber ebenso mit dem Trennenden auseinandersetzt. Stellt man die Frage in nichtwissenschaftlichem Zusammenhang, erntet man häufig Erstaunen und die Nachfrage, was Finnland denn anderes sein solle, wenn nicht ein nordisches Land? Auch bei einer ersten Auseinandersetzung mag es keine ernsthaften Zweifel am nordischen Charakter Finnlands geben: Mitgliedschaft in allen maßgeblichen nordischen Kooperationsgremien, ein Wohlfahrtsstaat nach schwedischem Vorbild, das Schwedische als zweite Amtssprache, obendrein gar die Initiative zu einer ‚nördlichen Dimension‘ der Europäischen Union.
Dringt man tiefer, ergibt sich ein zwiespältigeres Bild: So weist die geschichtliche Entwicklung das Gebiet, das heute das finnische Staatsterritorium bildet, seit dem Mittelalter als Teil des Nordens aus. Diese Verortung im Norden wird hier als nicht nur geographische, sondern vor allem als geistig-kulturelle, mentale und politische Einordnung aufgefasst. Der Norden und seine suggerierte Einheit und Einheitlichkeit werden dabei als geographisch begründete, aber imaginierte regionale Identität verstanden.3 Finnland, die Finnen und der Norden – dies sind keine ontologisch gegebenen und unveränderlichen Tatsachen, sondern sozial konstruierte gesellschaftlich-politische Erscheinungen und Interpretationen, auf denen die Imaginationen eines Identitätsprojekts erst aufbauen. 4 Rasch wird zugleich klar, dass Finnland, v.a. seit es eine eigenständige (vor-) staatliche Einheit bildete (also seit 1809), zunehmend auch eine Sonderrolle im Norden zugeschrieben wurde – sowohl in nationalen Selbstbildern als auch in skandinavischen5 Fremdbildern. So fiel es z.B. vielen Schweden schwer, die recht erfolgreiche Entwicklung Finnlands – der früheren östlichen Reichshälfte des schwedischen Königtums – unter der russischen Herrschaft zu akzeptieren.6
‚Finnland‘ existierte zuvor nicht, sondern die auf diesem Gebiet gelegenen Provinzen bildeten bis 1809 integrale Bestandteile der schwedischen Monarchie. Anders als viele erst in der Zeit der schwedischen Großmachtstellung eroberten Gebiete wurden die finnischen Provinzen, die dort vorherrschende Sprache und ihr Status im schwedischen Königreich lange Zeit nicht als fremd oder überhaupt erwähnenswert wahrgenommen.7 Die Sonderrolle Finnlands im Norden konnte erst mit der Konstruktion der finnischen und der anderen nordischen Nationen aufkommen. Erst die Betonung des Finnischen – ob in sprachlicher oder historischer Perspektive – und der ungefähr gleichzeitigen Hochkonjunktur des Skandinavismus führte zu einer stärkeren kulturellen und politischen Entfremdung v.a. zwischen Schweden und Finnen. Spätestens mit der finnischen Unabhängigkeit 1917 stellte sich tatsächlich die Frage, ob Finnland nun ein nordisches Land sein wolle oder nicht, und ob es von seinen Nachbarn so gesehen wurde. Seither schwankt das Verhältnis Finnlands zum Norden und zum Nordismus zwischen Annäherung und Distanzierung.
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Der Begriff ‚Nordismus‘ trägt mehrere Bedeutungsdimensionen: Er benennt zunächst das Streben nach Zusammenarbeit zwischen den nordischen Ländern, worin auch eine pragmatische Perspektive mit eingeschlossen wird. Weiterhin umfasst er auch die sich durch ein ‚nordisches Zusammengehörigkeitsgefühl‘ und historische Argumente herleitende Ideologie8, die diese nordische Kooperation legitimieren soll. ‚Skandinavismus‘ hingegen bezeichnet die kulturellen und politischen Einigungsbestrebungen in den drei skandinavischen Monarchien (v.a. in Dänemark und Schweden) im 19. Jahrhundert, während ‚Nordismus‘ sich auf das 20. Jahrhundert, insbesondere die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bezieht und Finnland, Island und Norwegen eindeutig mit einschließt. Damit stehen die beiden Bezeichnungen in begrifflicher Parallelität zu ‚Skandinavien‘ und ‚Norden‘.9 Der Nordismus ist dabei „der politisch-ideologische Rest einer fehlgeschlagenen Nationalstaatsbildung in Nordeuropa.“10 Allerdings „gibt es keine Versuche einer evidenten, stringenten Beschreibung und Analyse dessen, was Nordismus eigentlich ist. Kein Zweifel, der Nordismus existiert, aber bis heute hat noch niemand konkret gesagt, welches die Inhalte sind.“11
Mit der vorliegenden Arbeit soll anhand einer Fallstudie die zwiespältige Beziehung Finnlands zum Norden exemplarisch untersucht werden, und zwar vor dem Hintergrund des Nordismus. Dafür wurde das ambitionierteste Projekt der nordischen Kooperation nach dem Zweiten Weltkrieg gewählt: Die erweiterte wirtschaftliche Zusammenarbeit der nordischen Länder, die unter dem Kürzel Nordek 12 firmierte, wofür verschiedene Gründe sprachen. Der kurze Untersuchungszeitraum von zwei Jahren erschien günstig für den begrenzten Rahmen einer Magisterarbeit, ebenso wie die Tatsache, dass die Nordek bisher nicht unter dem Aspekt nordischer Identität, nordischer Ideologie und der damit verbundenen Perzeptionen bearbeitet wurde. Die Nordek ist aber als (vorerst) letztes groß angelegtes Projekt des Nordismus trotz ihres Scheiterns ein gutes Beispiel für den Stellenwert von Ideologie in der nordischen Kooperation. Die Nordek ist zudem in den Worten Max Jakobsons ein „Codewort für Finnlands problematische Stellung zwischen der Sowjetunion und Skandinavien und seine Einstellung zur westeuropäischen Wirtschaftsintegration.“13 Die Nordek und das finnische Streben nach nordischer Orientierung waren Versuche, das enge, aber problematische Verhältnis zur Sowjetunion auszubalancieren.
Für die in dieser Arbeit vorgenommene Untersuchung stellen sich v.a. folgende Fragen: Welchen Einfluss hatten der Nordismus sowie die historische Genese des Verhältnisses Finnland – Norden als der Entwicklung im Nordek-Prozess zugrunde liegende sog. ‚Bedingungsstrukturen‘? Wie agierten die finnischen Politiker, um in diesem konkreten Fall Einfluss auf die Stellung Finnlands zu den skandinavischen Ländern zu nehmen? Zu welchen Mitteln griffen sie, um der – ihrer Ansicht nach unbedingt zu vermeidenden – ökonomischen und politischen Isolierung Finnlands vom Norden entgegenzuwirken? Welche Rolle spielte dabei die Repräsentation des finnischen ‚nordischen Image‘ bzw. der ‚nordischen Reputation‘? Wie wichtig war in diesem Zusammenhang die Perzeption der Politik der skandinavischen Verhandlungspartner? In welchen Konflikt gerieten die nordische Ideologie und ihre Rhetorik mit der politischen Realität? War der Nordismus während des Nordek-Prozesses in der finnischen politischen Debatte von Bedeutung?
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Eine Untersuchung der Nordek muss eigentlich immer auf den an ihr sichtbar werdenden Gegensatz zwischen nordisch-romantischem Idealismus und handelspolitischer Realität stoßen. Dabei ist dieses nordische Prestigeobjekt ein gutes Beispiel für den Gegensatz zwischen Samling och splittring i Norden, wie der Titel eines Aufsatzes von Nils Andrén14 lautet. Bisher ist dieses Paradoxon der nordischen Kooperation anhand des Beispiels Nordek noch nicht Gegenstand einer Spezialstudie gewesen; stattdessen hat man primär nach Hintergründen für das Scheitern der Nordek gesucht und dabei v.a. auf ‚harte Faktoren‘ wie die wirtschafts- und integrationspolitischen Realitäten verwiesen. Jede Forschung, die sich mit der Nordek tiefer gehend auseinandersetzt – gleichgültig unter welchem Aspekt – muss sich selbst als ein weiterer Erklärungsversuch für ihr Scheitern verstehen. Selbst wenn es weder Ausgangspunkt für die Fragestellung war noch explizites Hauptziel der durchgeführten Untersuchung ist, will diese Arbeit zur Klärung des Schiffbruchs der Nordek beitragen. Doch es geht hier nicht um eine Erklärung anhand von Integrationstheorien oder mittels der Analyse politischer Entscheidungen, sondern eher um eine strukturelle Annäherung an die übergeordnete Frage nach Finnlands Verhältnis zum Norden. Zugleich kann die Arbeit durchaus einen partiellen strukturellen Erklärungsansatz für das Ende der Nordek liefern.
Keinesfalls sollte die Frage „Ist Finnland ein nordisches Land?“ als tatsächlicher Forschungsgegenstand dieser Arbeit verstanden werden; es ist auch nicht Ziel, am Ende der Untersuchung diese Frage mit ‚ja‘ oder ‚nein‘ zu beantworten. Man kann die Frage zum einen als Zitat des Engmanschen Aufsatztitels wie auch als Referenz an die davon ausgegangene thematische Inspiration verstehen. Man kann sie aber auch als imaginäre Frage betrachten, wie sie zur Zeit des Nordek-Prozesses, aber ebenso in anderen historischen Phasen im Raum gestanden hat. Für die Aktualität der Problemstellung kann man auf das heutige Verhältnis zwischen dem EU-Mitglied Finnland und dem Norden verweisen; ausgerechnet der Nestor der finnischen Nachkriegsgeschichtswissenschaft, Matti Klinge, stellte schon ein Jahr nach dem finnischen EU-Beitritt die These in den Raum, Finnlands Mitgliedschaft in der EU sei „schon heute bedeutender als die nordische Zusammenarbeit jemals gewesen ist.“15
Die Nordek ist bisher in der Forschungsliteratur primär mit Darstellungen über den Verlauf der Verhandlungen vertreten. Einige davon entstanden noch vor dem endgültigen Ende des Projektes und sind aufgrund dessen nur bedingt brauchbar. Allerdings bieten sie durchaus gute Einblicke in das zeitgenössische Meinungsbild. 16 Der überwiegende Teil der Nordek-Literatur entstand im Laufe der 70er Jahre und arbeitete mit integrationstheoretischen oder dezisionstheoretischen Ansätzen, um die Nordek und ihr Scheitern zu erklären. 17 Eine gelungene Kritik an den Unzulänglichkeiten dieser Ansätze, um längerfristig wirkende Einflüsse auf die politischen Entscheidungen zu erklären, kam von dem dänischen Politikwissenschaftler und Journalisten Jan Jakob S. Floryan18. Er kam zu der Auffassung, neben den tagespolitischen Geschehnissen in der Integrationspolitik und der Problematik der politischen Beschlussfassung müssten viel stärker strukturelle Erklärungen für den Verlauf und das Scheitern der Verhandlungen herangezogen werden. Floryan exerzierte dies an den ökonomischen und politischen Variablen durch – sowohl aus jeweils nationaler als auch gesamtnordischer Perspektive und stufte vor allem die Bedeutung der verschiedenen sicherheitspolitischen Orientierungen viel höher ein als andere Autoren bis dahin. Vom Autor dieser Arbeit stammt ein Aufsatz, der das finnische Verhältnis zu Nordek, EWG und RGW im Hinblick auf die finnische Innenpolitik einerseits, und die längerfristige integrationspolitische Entwicklung andererseits untersuchte.19 Der Nordek-Autor par excellence – zumindest quantitativ gesehen – ist Claes Wiklund, Journalist und früher aktiv im Nordischen Rat. Nach seinem ersten Aufsatz zu den Nordek-Verhandlungen (siehe Fußnote 16) hat er eine Reihe von Beiträgen veröffentlicht, von denen viele lediglich leichte Variationen über ältere Textfassungen sind.20 Wiklunds Darstellungen sind allerdings leider eher deskriptiv, während die Analysen knapp und oberflächlich bleiben. In verschiedenen Monographien, die den Nordischen Rat im Allgemeinen zum Thema haben, spielt die Nordek immer wieder eine Rolle, so in Frantz Wendts Überblickswerk21, oder bei Erik Solem22, doch bieten diese Schilderungen verständlicherweise wenige Details.
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Auch in Finnland hat das Thema einige Publikationen hervorgerufen, wobei die Studie Harto Hakovirtas zur finnischen Integrationspolitik23 auch für die Nordek als grundlegend gilt. Dies blieb bis heute die einzige finnische Monographie, die die Nordek aufgriff. Neuer Schwung kam Anfang der 90er Jahre, als sich mehrere Aufsätze mit der finnischen Rolle in der Nordek beschäftigten, z.B. bei Visa Heinonen24, der u.a. Material des finnischen Verhandlungsführers Erik Törnqvist nutzen konnte, oder beim früheren Ministerialbeamten Paavo Rantanen25. Ein neuerer Versuch zur Klärung innenpolitischer Fragen kam vom ehemaligen Außenhandelsminister Jermu Laine26, der die Erinnerungen des ehemaligen finnischen Staatspräsidenten Mauno Koivisto27 zum Anlass für einige Reflexionen nahm. Früher veröffentlichte Koivisto, während der Nordek-Verhandlungen als finnischer Ministerpräsident zentraler Akteur, bereits eine Reihe an Dokumenten u.a. zum Nordek-Prozess.28
Eine umfassende Monographie über den Nordek-Prozess stellt sowohl für die gesamtnordische wie für die finnische Sicht nach wie vor ein Desiderat dar. Während der 70er Jahre entstanden zwei Magisterarbeiten in Helsinki29 sowie zwei Dissertationen in Oslo30. Im deutschen Sprachraum hat sich nur eine Dissertation an der Freien Universität Berlin31 ausführlicher, aber nicht ausschließlich mit der Nordek beschäftigt, die ebenfalls Anfang der 70er Jahre entstand. Erst beinahe 25 Jahre später entstand die nächste akademische Arbeit über die Nordek, eine Examensarbeit an der Universität Kopenhagen32. Ein Grund, warum bisher so wenige Forschungsarbeiten entstanden sind, dürfte in den 30- bis 40-jährigen Sperrfristen für Quellenmaterial der nordischen Außenministerien liegen.33
Zur Frage der Rolle Finnlands im Norden, gerade in Hinblick auf Identitätsaspekte, existiert bisher keine systematische Untersuchung, wenngleich Literatur zur finnischen Außenpolitik und zur finnischen Geschichte herangezogen werden kann. Hier existiert jedenfalls ein klares Desiderat.34
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Es gibt also bisher nur relativ wenig Forschung über die Nordek, und die Literaturlage ist, wenngleich es eine ganze Reihe von Aufsätzen gibt, nicht zufrieden stellend. Die Frage, inwiefern der Nordismus als bedingende Struktur die Nordek-Politik der beteiligten Länder beeinflusst hat, ist in der Forschung zwar nie explizit ausgeklammert worden. Allerdings war dies auch nie leitende Fragestellung einer Untersuchung bzw. nahm keinen größeren Raum ein. Uffe Østergård hat darauf hingewiesen, dass einerseits die praktische nordische Zusammenarbeit ohnehin kaum von nordeuropäischen Historikern erforscht worden ist. Andererseits führe die Fixierung der meisten Historiker auf den jeweiligen Nationalstaat als Forschungsgegenstand dazu, dass es keine Tradition für komparative Geschichtsschreibung über den Norden oder Darstellungen, die den gesamten Norden behandeln, gibt.35 Dem steht die synoptische Behandlung des Nordens in der deutschen Nordeuropa-Geschichtswissenschaft und Skandinavistik gegenüber, die mein Studium wesentlich geprägt haben. Bei der Themenfindung und -bearbeitung dieser Magisterarbeit spielte also die Außensicht des nichtskandinavischen Nordeuropahistorikers eine wichtige Rolle.
Das Fehlen einschlägiger Forschungen hinsichtlich des Verhältnisses von nordischer Ideologie und praktischer Politik erschwerte das Herangehen an die Fragestellung zunächst grundsätzlich und führte zu dem Entschluss, auch Primärquellen heranzuziehen. Die Quellenlage hinsichtlich der hier gewählten Fragestellung ist übersichtlich, was angesichts des vorgesehenen Umfangs und der thematischen Eingrenzung der Untersuchung willkommen war. Die beiden wichtigsten Archivbestände ergaben sich aus dem außenpolitischen Gegenstand der Arbeit: Es wurde zum einen der Nordek-Bestand im Archiv des finnischen Außenministeriums (Helsinki) herangezogen, zum anderen Bestände des Urho-Kekkonen-Archivs (Orimattila)36; weiterhin auch ein kleiner Bestand des Svenska centralarkivet37. Die Archivrecherchen (wie auch die maßgeblichen Literaturrecherchen) wurden im August 2001 in Helsinki und Orimattila durchgeführt. In den beiden Archivbeständen fanden sich Materialien ähnlicher Provenienz; leider sind aber die Tagebücher Kekkonens bis zum Abschluss ihrer Edition nicht zugänglich. Dem steht die aktivere Publikationstätigkeit von Mauno Koivisto gegenüber. Da Koivisto der zentrale Akteur im Nordek-Prozess in Finnland war, führte ich während des Forschungsaufenthaltes ein Interview mit ihm, um Präzisierungen bereits geäußerter Standpunkte zu erhalten und nach Koivistos Sicht auf die nordische Rolle Finnlands in der Nordek zu fragen.
Zweite zentrale Quellengattung neben dem Archivmaterial sind die Zeitungsartikel. Wichtig für (Länder-) Images ist „die Tatsache, daß viele – in der Regel die meisten – Phänomene nicht direkt, sondern meist nur indirekt erfahren werden.“ Denn: „Direkte Erfahrungen mit einem anderen Volk hat in der Regel nur eine relativ kleine Gruppe der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Elite eines Landes gewinnen können.“38 Vorstellungen (und Vorstellungen über Vorstellungen), die auf anderen als persönlichen Erlebnissen basieren, bedürfen also eines Übertragungsmediums. Die Notwendigkeit, Images zu vermitteln „signalisiert den Einfluß der Medien und die damit verbundene Visualisierung von ‚Vorstellungsvorstellungen‘.“39 Es wurden die jeweils größten Tageszeitungen aller beteiligten Länder herangezogen, doch insgesamt mehr finnische als skandinavische Zeitungen.40 Zusätzlich, aber sporadischer wurden herangezogen:
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Es gilt festzuhalten, dass anhand des Pressematerials keine systematische Inhaltsanalyse – weder quantitativer noch qualitativer Art – durchgeführt wird. Die Zeitungstexte – primär Kommentare, weniger Nachrichtenmaterial43 – werden als historische Quelle aufgefasst, die ebenso wie die Archivquellen kritisch zu betrachten sind. Bei der Auswertung der teilweise recht unterschiedlichen Quellenmaterialien geht es darum, ein möglichst dichtes und vielschichtiges Bild zu zeichnen, wobei kein Quellentyp eindeutigen Vorrang erhält.
Weiterhin muss darauf hingewiesen werden, dass der Bestand von Brages pressarkiv ein wesentlich breiteres Spektrum aufweist als demgegenüber die eigenhändig durchsuchten finnischsprachigen Zeitungen. Da auch nahezu alle finnlandschwedischen Lokalzeitungen in der Brage’schen Sammlung vertreten sind, ergibt sich auch ein breiter gestreutes Meinungsbild, das auf der finnischsprachigen Seite kein Pendant hat. Da aber die finnlandschwedischen Kommentatoren die Beziehungen Finnlands zum Norden sehr viel höher einstufen und häufiger kommentieren, schien die Auswertung auch dieser Artikel im Hinblick auf die hier im Mittelpunkt stehenden Fragen sinnvoll. Die Repräsentativität dieser Äußerungen wird damit jedoch nicht stillschweigend suggeriert. Weitere (edierte) Quellen sind Protokolle des Nordischen Rats, des finnischen Parlaments sowie offizielle Verlautbarungen zur Außenpolitik. Auch die Memoiren beteiligter Politiker und Diplomaten werden als Quelle behandelt, da sich diese gerade für eine Analyse von Wahrnehmungen gut eignen. Insgesamt ergibt sich beim Quellenmaterial eine deutliche finnische Dominanz. Dies ist jedoch angesichts der Fokussierung auf die finnische Seite in der Hauptuntersuchung gerechtfertigt.44
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Bei dieser Untersuchung wird zunächst davon ausgegangen, dass die Fallstudie Nordek in eine historische Kontinuität einzuordnen ist. Finnland ist aufgrund der historischen Entwicklung zwar klar als ‚Teil des Nordens‘ zu verstehen, doch ist eine Sonderrolle Finnlands schon früh zu erkennen und sozusagen der Normalfall, in dessen Kontinuität die Nordek steht. Die historische Genese des Verhältnisses Finnland – Norden sowie der Skandinavismus/Nordismus werden dabei nicht nur als pflichtgemäß abzuhandelnde Vorgeschichte, sondern als sogenannte ‚Bedingungsstrukturen‘ verstanden. Bedingungsstrukturen wie geographische Lage, Geschichte, Herrschaftsstruktur u.a. bestimmen längerfristig Richtung, Inhalt und Handlungsspielraum von Politik und stehen im Hintergrund politischer Entscheidungen. Der Historiker Hans Süssmuth spricht von „alternative[n] bzw. zusammenwirkende[n] Bedingungsfaktoren“, die für die Bildung von Länderimages entscheidend sind:
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„Die Bedingungsfaktoren liegen in den Bereichen Geschichte, Politik, Wirtschaft, kulturelle Tradition, ebenso im Feld der individuellen Sozialisation und kollektiven (weltanschaulichen, politischen) Orientierungen. Herausragende Persönlichkeiten, gesellschaftliche Gruppen und politische Ereignisse können Länderimages begründen und beinflussen.“45 |
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Der historischen Dimension weist Süssmuth einen herausragenden Stellenwert zu, sie bildet das Fundament, auf dem das Zusammenwirken einzelner Bedingungsfaktoren zu erarbeiten ist. Unter den vielen konkreten Beispielen, die er für die eben zitierten allgemeineren Kategorien anführt, ist hier v.a. das Zusammenspiel von Fremd- und Selbstbild erwähnenswert.46 Auch Gottfried Niedhart weist auf diesen Zusammenhang hin: „Die Perzeption des Fremden kommt nicht ohne die Perzeption des Eigenen aus.“47 Methodisch ist allein die Erarbeitung von Bedingungsfaktoren jedoch nicht hinreichend, da weiterhin dasjenige, worauf sie ihren Einfluss tatsächlich ausüben, in den Blick genommen werden muss: „Die Bedingungsstrukturanalyse kann zwar die Grundmuster und –dynamiken, aber nicht die aktuelle politische Entscheidung bzw. die jeweilige Ausprägung einer Politik erklären.“48 Deswegen muss zusätzlich eine Ziel-Mittel-Analyse eingesetzt werden, welche die Ziele von Außenpolitik mit den für ihre Verwirklichung jeweils zur Anwendung kommenden Maßnahmen in Zusammenhang setzt. Günstig erschien diese Methode, da sie die Berücksichtigung sowohl innerstaatlicher als auch internationaler Zusammenhänge erlaubt.49
Wichtige Begriffe, die dieser Arbeit zugrunde liegen, sind ‚Ideologie‘, ‚Repräsentation‘, ‚Image‘ und ‚Perzeption‘. Es wird davon ausgegangen, dass Außenpolitik und internationale Beziehungen grundsätzlich in hohem Maße ideologisiert sind, wofür der hier untersuchte nordeuropäische Fall ein Beispiel ist. Dem gemeinsamen Gut, nämlich hier dem Wunsch nach Einheit des Nordens, wird zur Legitimierung der politischen Projekte eine ideologische Hegemonialstellung zugewiesen, selbst wenn eigentlich ‚nationale Interessen‘ für das jeweilige politische Handeln einer Regierung ausschlaggebend sind.50 Diese Ideologie wird auch nach außen hin vertreten, und es gilt, selbst stets nach Möglichkeit das Ideal dieser gemeinsamen Ideologie rhetorisch zu repräsentieren. Auf diesem Weg kann eine Regierung versuchen, ihrem Land ein bestimmtes Image zuzuweisen, in diesem Fall das eines ‚anderen ebenbürtigen nordischen Landes‘. Da, um dies zu erreichen, teilweise Verschleierungen eigenen Handelns oder seiner Beweggründe notwendig sind, bzw. dessen rhetorische Überlagerung durch die Gemeinschaftsideologie, gilt es, für die politischen Aktionen und Reaktionen das Perzeptionsproblem im Auge zu behalten. Die Akteure begründen ihr politisches Handeln nämlich nicht allein durch objektive Kriterien oder Daten, sondern handeln stark unter dem Einfluss ihrer eigenen Wahrnehmungen:
„Nøkkelen til å førstå en aktørs identitet ligger i dennes måte å beskrive seg selv i forhold til andre aktører. En annen antakelse er, at disse selvbeskrivelsene formes gjennom interaksjon […]. En tredje antakelse er at de prosesser som former og omformer identiteter, er preget av konflikt, og at disse konflikter drives av en gjensidig streben etter særart og anerkjennelse, snarere enn av rene sikkerhetspolitiske og økonomiske motiver.“51 |
Nicht nur der Akteur hat also – ausgehend von konstruktivistischen Prämissen – eine zentrale Stellung, „gleichermaßen unentbehrlich ist die Interaktion mit anderen; denn konsensuelle Realität kann nur mit anderen Akteuren erzeugt werden.“52 So soll die Hauptuntersuchung in dieser Arbeit analysieren, auf welchem Wege die finnischen Akteure auf der hochpolitischen Ebene (auf der das Hauptaugenmerk der Untersuchung liegt) versuchten, ein nordisches Image Finnlands zu produzieren, und wie dieses in den skandinavischen Ländern wahrgenommen wurde. Weiterhin sollen die finnische Sicht auf die skandinavischen Partner, aber auch die Wahrnehmung der eigenen Rolle im Norden anhand mehrerer Beispiele untersucht werden.
Diese Arbeit lässt sich als ideologiekritisch charakterisieren, allerdings mit Eagleton nicht im Sinne einer moralischen Kritik.53 Nach Ulrich Albrecht ist eine „Thematisierung von Ideologisierung als ‚falsches Bewußtsein‘ in dem Sinne, daß ein reines, nicht fabriziertes erhältlich wäre“ (also im marxistischen Sinne) nicht möglich:
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„Dies gibt es nicht, alle Beziehung, nachgerade in der internationalen Politik, beruht auf Wahrnehmungsvorgängen, die frei nicht ausführbar sind. Insofern ist das Konzept der Ideologiekritik nicht ein Konzept moralischer Kritik. […] Zunächst ist es nicht möglich, die Haltung eines Akteurs einer direkten Ideologiekritik zu unterwerfen – die Akteure handeln vielmehr unter der wechselseitigen Vermutung ihrer Wahrnehmungen. […] Selbst wenn es gelänge, die Darstellung der Position eines Akteurs aller Artefakte zu entkleiden, bliebe das zusätzliche Allgemeinproblem, daß diese Position Resultante vielfältiger innenpolitischer Kompromißlösungen, Ergebnis des Wettstreits divergierender Interessen wäre – welches klarsichtig von außen aufzulösen das Vermögen jedes Analytikers übersteigt.“54 |
Die Ideologiehaftigkeit der Fremd- und Selbstbilder in der internationalen Politik weist bereits darauf hin, dass man „für die Analyse des Verhaltens des politischen Akteurs […] immer weniger an der Fiktion eines rationalen Verhaltens“55 festhalten kann. Gerade die Vermischung von idealistisch-schwärmerischen und utilitaristisch-pragmatischen Elementen in der Ideologie des Nordismus macht die gewünschte ‚saubere Trennung‘ in ein wahres und ein falsches Bewusstsein unmöglich.56 Andrén hat darauf hingewiesen, wie essentiell und fruchtbar die Interaktion zwischen den beiden Ausrichtungen gewesen ist: „As a matter of fact, the pragmatic ‚Nordist‘ is often not quite unaffected by the ideas of the ideological ‚Nordism‘; neither is the ideological ‚Nordist‘ completely alien to pure utilitarian arguments.“57
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Nichtsdestotrotz gilt, dass man sowohl die Wahrnehmungen oder die Erwartungen, die an eine Politik gestellt werden, und die Ergebnisse in Betracht ziehen sollte: „Den som bedömer en politiks, en organisations eller individs framgångar gör detta utifrån två kriterier, båda lika nödvändiga. Det ena är förväntningarna, det andra de faktiska prestationerna.“58 Dies erhält umso größere Bedeutung im Lichte der Tatsache, dass es der nordischen Kooperation nie gelungen ist, das Ziel des Nordismus, den geeinten Norden, zu verwirklichen. Die im Fall der Nordek angestrebte ökonomische Einheit wäre ja ein wichtiger Schritt in diese Richtung gewesen. Wenn also hier von Ideologiekritik die Rede ist, geht es gerade um die Diskrepanz zwischen den von der Ideologie geweckten Erwartungen und der Realität, aber auch um die Frage, ob und wie ideologische Argumente instrumentalisiert werden.
In Kapitel 2 werden die bedingenden, längerfristig wirkenden Strukturen aufgezeigt, die wohlgemerkt nicht die einzigen existierenden sind.59 Doch stellen sie aufgrund der gewählten Fragestellung die in diesem Fall ausschlaggebenden Bedingungsstrukturen dar. Die für dieses Kapitel gewählte Überschrift birgt im Grunde die Themen mehrerer Magisterarbeiten in sich. Was hier vorgenommen werden soll, ist eine kurzgefasste Positionierung Finnlands im Norden und im Nordismus. Zunächst wird darauf eingegangen, wie die Wunschvorstellung eines geeinten Nordens sich im Skandinavismus und Nordismus manifestierte. Daraufhin soll dargestellt werden, welcher Platz Finnland in diesen Entwicklungen zukommt. All dies kann nur in kursorischer Manier geschehen, da dies als vorbedingende Struktur des eigentlichen Themas gilt, nicht als eigener Schwerpunkt der Arbeit. Von daher erklärt sich nicht nur Umfang, sondern auch Charakter dieses Kapitels, das weiterhin darauf abzielt, die in den Hauptkapiteln durchgeführte Fallstudie in eine historische Kontinuität einzuordnen.
Kapitel 3 ist bereits als erster Teil der Fallstudie zu sehen. Eine Darstellung der Ereignisgeschichte erschien zum einen grundsätzlich notwendig, zum anderen soll dies die darauf folgenden Kapitel entlasten. So kann in der eigentlichen Untersuchung Bezug auf bestimmte Ereignisse während des Nordek-Prozesses genommen werden, ohne dass dies in jedem Fall eine ausführliche Erläuterung der Geschehnisse an sich erfordert, die von der Analyse zu sehr ablenkte. Das letzte Teilkapitel ist allerdings nicht mehr ereignisgeschichtlich angelegt, sondern unternimmt eine Bewertung der hohen Erwartungen und des Scheiterns der Nordek. Der starke Erfolgsdruck wird als ein Hintergrund gewertet, der das Verhalten der involvierten Politiker beeinflusste. Kapitel 4 untersucht dann, welche Fremdbilder im Nordek-Prozess in Bezug auf ‚das Nordische‘ existierten. Wie stellte sich das Meinungsbild der skandinavischen Länder zu Finnland dar, welche Sicht herrschte umgekehrt vor? Hierfür werden sowohl politische Äußerungen als auch Presseartikel untersucht. Möglichen tiefer gehenden Gründen für die hierbei hervortretenden konträren Positionen Dänemarks und Finnlands wird in einem Exkurs nachgegangen (Kapitel 4.3).
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In Kapitel 5 schließlich wird anhand unterschiedlicher Beispiele untersucht, mit welchen Mitteln von finnischen Politikern versucht wurde, Finnlands Position gegenüber dem Norden zu repräsentieren. Die Analyse geht in vier Teilkapiteln vor und untersucht die Frage im Hinblick auf wirtschaftspolitische Aspekte (5.1), auf den Aufbau und die Bewahrung der nordischen Reputation Finnlands (5.2), auf den Interessenskonflikt zwischen nordischem Eigenwert der Nordek und westeuropäischer Orientierung (5.3) sowie auf den Stellenwert des Nordismus in der innenpolitischen Argumentation über die Nordek in Finnland (5.4). Diese Teilkapitel können gewissermaßen wie einzelne Fallstudien betrachtet werden, decken aber die wesentlichen Bereiche ab, in denen im Nordek-Prozess der Nordismus und Finnlands Stellung im Norden von Bedeutung waren.
Da auch ‚harte‘ handelspolitische Gesichtspunkte oder das komplizierte Verhältnis Finnlands zur Sowjetunion bei Entscheidungen den Ausschlag gaben, kann diese Arbeit keinesfalls den alleinigen Erklärungsansatz für den Verlauf der Nordek-Verhandlungen und ihr Scheitern darstellen. Es soll hier nicht die Behauptung aufgestellt werden, die Meinungen und Entscheidungen der involvierten Politiker seien ausschließlich von ihrer Einstellung zum Nordismus abhängig gewesen. Dies hieße, den Nordismus als grundlegende Struktur überzubewerten. Gerade die Verbindung von „einerseits […] ideologischen und gefühlsmäßigen Vorstellungen und andererseits jenen konkreten Verbindungen und Verflechtungen“60, also von den bereits erwähnten idealistisch-schwärmerischen und nüchternen politisch-wirtschaftlichen Zielsetzungen, ist ja charakteristisch für die nordische Kooperation. Hier bilden die Nordek im Allgemeinen und die finnische Politik im Nordek-Prozess im Besonderen keine Ausnahme.
1 Hans Süssmuth: Deutschlandbilder in Europa. Internationale Kommunikation und Nationenimage. (= Düsseldorfer medienwissenschaftliche Vorträge; 2), Bonn 1995, S. 14.
2 Max Engman: „Är Finland ett nordiskt land?“ In: Ders.: Petersburgska vägar. Esbo 1995, S. 275–298.
3 Vgl. Bernd Henningsen: Der Norden: Eine Erfindung. Das europäische Projekt einer regionalen Identität. Berlin 1995 (= Öffentliche Vorlesungen; 50), hier besonders S. 23.
4 Vgl. Vilho Harle und Sami Moisio: Missä on Suomi? Kansallisen ident i teettipolitiikan historia ja geopolitiikka [Wo liegt Finnland? Die Geschichte der nationalen Identitätspolitik und die Geopolitik]Tampere 2000, S. 56f.
5 In dieser Arbeit werden ‚Skandinavien‘ und ‚skandinavische Länder‘ terminologisch streng vom ‚Norden‘ getrennt, wenn auch der eigentlich diffuse Charakter beider Bezeichnungen nicht aufzulösen ist. Mit ersteren beiden Begriffen wird gemeinschaftlich auf Dänemark, Norwegen und Schweden verwiesen, ohne dass damit eine fest zementierte Einheit der drei Monarchien darunter verstanden wird. Gerade für die Fallstudie in der Hauptuntersuchung erwies sich die Gegenüberstellung von Finnland und den drei skandinavischen Ländern häufig in sprachlicher und inhaltlicher Hinsicht als praktisch und sinnvoll. Mit ‚Norden‘ wird im Allgemeinen auf Skandinavien und Finnland zusammen Bezug genommen; Island ist zwar Gründungsmitglied des Nordischen Rats, war aber nicht an den Nordek-Verhandlungen beteiligt (bzw. nur kurzzeitig als Beobachter) und ist deswegen nicht Gegenstand der Untersuchung.
6 Matti Klinge: „Ecce Finnia tridentem! – Tässä Suomi valtikkasi!“ [Siehe Finnland, Dein Zepter!] In: Johan Bäckman (Hg.): Entäs kun t u lee se yhdestoista? Suomettumisen uusi historia [Und was, wenn der elfte kommt? Neue Geschichte der Finnlandisierung] Helsinki 2001, S. 23–56, hier: S. 42.
7 Hierfür, aber auch für das im 18. Jahrhundert wachsende schwedische Misstrauen gegenüber den Finnen liefert zahlreiche Hinweise: Petri Karonen: Pohjoinen suurvalta. Ruotsi ja Suomi 1521–1809 [Eine nordische Großmacht. Schweden und Finnland 1521–1809]Porvoo/Helsinki/Juva 1999.
8 Ideologie ist ein extrem vielschichtiger und keineswegs eindeutiger Begriff; gerade im Hinblick auf den Nordismus wird Ideologie nicht als geschlossenes dogmatisches (im Sinne von systematisches) Gedankensystem verstanden, sondern eher als utopisches Programm. Weiterhin sind v.a. folgende Bedeutungsstränge gemeint: „en målrettet […] sammenheng i politiske standpunkter“, „maskering av særinteresser“, aber auch „ideas which help to legitimate a dominant political power“ (bzw. die helfen, das Ziel des utopischen Programms zu legitimieren), „identity thinking“ und „the medium in which conscious social actors make sense of their world“. Weiterhin ist auch die Vorrangstellung von Gerechtigkeit und moralischer Pflicht gegenüber Macht und politischen Stärkeverhältnissen eingeschlossen.
Øyvind Østerud: „Ideologi.“ In: Ders./Kjell Goldmann und Mogens N. Pedersen (Hgg.): Statsviten
skapelig leksikon. Oslo 1997, S. 91–92, hier: S. 92; Terry Eagleton: „What Is Ideology?“ In: Ders.: Ideo
logy.
An I
n
troduction. London/New York 1991, S. 1–31, hier: S. 1f.
9 Vgl. Uffe Østergård: „Die Erfindung der Gemeinschaft. Der Norden in der Diskussion.“ In: NORDEUROPAforum 1/1997, S. 30–34, hier: S. 30.
10 Bernd Henningsen: Die schwedische Konstruktion einer nordischen Ide n tität durch Olof Rudbeck. Berlin 1997 (= Arbeitspapiere „Gemeinschaften“; 9), S. 36.
11 Ebd., S. 32 (Hervorhebung im Original).
12 Die Schreibweise variiert, viele Autoren wählen Versalien; ich habe mich für diese Schreibweise entschieden, weil zum einen nicht jeder Buchstabe ein volles Wort abkürzt (wie z.B. bei der Abkürzung EWG; Nordek steht für Nordiskt ekonomiskt gemenskap), zum anderen, weil damit der Charaker eines Eigennamens, den der Begriff hat, deutlicher wird. Wird die Bezeichnung in der Literatur anders buchstabiert, wird die jeweilige Schreibweise von dort übernommen. Zum Hintergrund des Namens und seiner Entstehung siehe Fußnote 157.
13 Max Jakobson: 38. kerros. Havaintoja ja muistiinpanoja vuosilta 1965–1971 [38. Stock. Beobachtungen und Notizen aus den Jahren 1965–1971] Helsinki 1983, S. 248.
14 Nils Andrén: „Samling och splittring i Norden.“ In: Nordisk Tidskrift N.S. 70 (1994), S. 319–333.
15 Matti Klinge: „Gehört Finnland noch zum Norden? Umdenken.“ In: NOR D EUROPAforum 1/1997, S. 45–46, hier: S. 46; der Text basierte auf einem Vortrag, den Klinge 1996 in Helsinki hielt. Zu den überwiegend negativen Reaktionen in Finnland siehe: Anja Klein und Marion Kohler: „Kalte Dusche für Nordisten. Replik zu Matti Klinge.“ Ebd., S. 47.
16 Hier wären v.a. zu nennen: Per Kleppe: EFTA – NORDEK – EEC. Analys av de nordiska ländernas integrationsproblem. Stockholm 1969 (= Studier och debatt; 4); Axel Waldemarson: Norden – finns den? Stockholm 1969 (= Aktuell debatt; 4); Claes Wiklund: „The Zig-Zag Course of the Nordek Negotiations“ In: Scandinavian Political Studies 5 (1970), S. 307–336.
17 Gunnar P. Nielsson: „The Nordic and the Continental European Dimensions in Scandinavian Integration: Nordek as a Case Study.“ In: Coo p eration and Conflict 6 (1971), S. 173–181; Niels Ørvik: „Nordic Cooperation and High Politics.“ In: International Organization 28 (1974:1), S. 61–88; Grete Kværner Ueland: „The Nordek Debate. An analysis of the attitudes of Nordic elites toward the relationship between Nordek and the EC.“ In: Cooperation and Conflict 10 (1975), S. 1–17.
18 Jan Jakob S. Floryan: „Nordek – et nordiskt mellemspil.“ In: Nordisk Tidskrift N.S. 54 (1978), S. 93–109.
19 Jan Stampehl: „Neutralität, Integrationspolitik und Machtkampf. Nordek, EWG und RGW in der finnischen Politik 1968–1973.“ In: NORDEUR O PAforum N.F. 2/2000, S. 61–92.
20 Claes Wiklund: „Från helhetsplaner till sektorssamverkan. Ett försök till karaktäristik av 1970-talets nordiska samarbete.“ In: Nordisk Tidskrift N.S. 1977, S. 301–320; Ders.: „Quo vadis, Norden?“ In: Nordisk Administrativt Tidsskrift 63 (1982:2), S. 116–135; Ders.: „Nordek-planen och dess föregångare.“ In: Bengt Sundelius und Claes Wiklund (Hgg.): Norden i sicksack. Tre spårbyten inom nordiskt samarbete. Stockholm 2000, S. 107–123; mit Bengt Sundelius: „Nordic Cooperation in the Seventies. Trends and Patterns.“ In: Scandinavian P o litical Studies N.S. 2 (1979:2), S. 99–120.
21 Frantz Wendt: Nordisk Råd 1952–1978. Struktur – arbete – resultater. Stockholm 1979.
22 Erik Solem: The Nordic Council and Scandinavian Integration. New York 1977. (Praeger Special Studies in International Politics and Government).
23 Harto Hakovirta: Puolueettomuus ja integraatiopolitiikka. Tutkimus puolueettoman valtion adaptaatiosta alueelliseen integraatioon te o rian, vertailujen ja Suomen poikkeavan tapauksen valossa [Neutralität und Integrationspolitik. Untersuchung über die Adaption eines neutralen Staates an regionale Integration im Lichte der Theorie, von Vergleichen und dem abweichenden Fall Finnlands]. Tampere 1976 (= Acta Universitatis Tamperensis ser. A vol. 78). Siehe zur Nordek S. 248–269 und den theoretischen Teil S. 300 ff.
24 Visa Heinonen: „Kuinkas siinä kävikään – Nordek 1968–70: Muisto menneiltä ajoilta vai reaalinen vaihtoehto?“ [Wie ist denn das passiert? – Nordek 1968–70: Eine Erinnerung an vergangene Zeiten oder eine reale Alternative?] In: Kansantaloudellinen aikakauskirja 89 (1993:1), S. 27–39.
25 Paavo Rantanen: „EFTA – NORDEK – EEC. Kokemuksia integraatiotaipaleelta.“ [EFTA – NORDEK – EWG. Erfahrungen vom Integrationspfad.] In: U l kopolitiikka 35 (1998:1), S. 13–22.
26 Jermu Laine: „Nordek – Kekkonen – Koivisto.“ In: kanava 25 (1997), S. 540–543.
27 Mauno Koivisto: Liikkeen suunta [Die Richtung der Bewegung]. Helsinki 1997.
28 Mauno Koivisto: Väärää politiikkaa [Falsche Politik]. Helsinki 61978.
29 Risto Marttila: Nordek-suunnitelma poliittisena ongelmana [Der Nordek-Plan als politisches Problem]. Pro gradu, Helsingin yliopisto 1973; Veikko Paarnola: Suomen valtalehdistön suhtautuminen Nordek-suunnitelmaan [Die Einstellung der finnischen Hauptzeitungen zum Nordek-Plan]Pro gradu, Helsingin yliopisto 1973.
30 Odd Fosseidbråten: Nordisk Integrasjon. En multi-dimensjonal analyse av Nordøk-planen. Dissertation, Universitetet i Oslo 1972; Grete Kværner Ueland: Debatten omkring Nordøk – En analyse av nordiske elitegruppers holdninger til nordisk integrasjon. Dissertation, Universitetet i Oslo 1973. Beide Arbeiten konnten aus organisatorischen Gründen leider nicht eingesehen werden, doch hat Ueland ihre Ergebnisse in einem Aufsatz zusammengefasst (siehe Fußnote 17).
31 Rolf B. Lindner: Supranationale Integrationsbestrebungen in Nordeur o pa 1948/49–1968/69. Dissertation, Freie Universität Berlin 1972.
32 Lars Sonne: Nordismens debacle. Analyse av sammenbruddet i NORDEK-forhandlingerne 1970 med særlig henblik på politiske og økonomiske interesser samt Finlands rolle. Speciale, Københavns Universitet 1998. Sonne hat seine Ergebnisse in einem Aufsatz zusammengefasst: „Pohjoismaiden yhteisöhankkeen kaatuminen ja Suomen rooli.“ [Das Scheitern eines nordischen Kooperationsprojektes und Finnlands Rolle.] In: kanava 27 (1999), S. 232–236.
Der gleiche Autor arbeitet derzeit an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Helsinki an einer Dissertation über das Verhältnis Norden – Europa, in der die Nordek einen zentralen Platz einnimmt und die Rolle der Beamtenkommission näher beleuchtet werden soll.
33 Ein finnischer Regierungsbeschluss hat im März 2001 diese Regelung auf eine nunmehr 25-jährige Sperrfrist für die Außenpolitik betreffende Akten geändert.
34 Dieses Ergebnis meiner eigenen Recherche wurde von Dr. Henrik Stenius (Helsinki) in einem Gespräch am 20.8.2001 bestätigt. Der Ansatz von Harle/Moisio (siehe Fußnote 4), die – wenn auch nicht sehr ausführlich – auf die Bedeutung des Nordens für die finnische Identitätskonstruktion eingehen, ist allerdings recht vielversprechend.
35 Uffe Østergård: „Red Norden fra Nordisterne.“ In: Nordisk Tidskrift N.S. 70 (1994), S. 305–318, hier: S. 313.
36 Da der finnische Staatspräsident nach dem alten Verfassungsrecht (bis März 2000) maßgeblicher Gestalter der Außenpolitik war, sammelten sich in seiner Kanzlei entsprechend viele Promemoria und Berichte.
37 Grund hierfür war der ursprüngliche Plan, mehrere Parteiarchive zu bearbeiten, der aus zeitlichen Gründen fallen gelassen wurde. Allerdings hat Sonne einige Bestände aus den meisten dieser Archive in seiner Arbeit ausgewertet.
38 Helmut Hubel und Bernhard May: Ein „normales“ Deutschland? Die souv e räne Bundesrepublik in der ausländischen Wahrnehmung. Bonn 1995 (= Arbeitspapiere zur internationalen Politik; 92), S. 11 (beide Zitate).
39 Heike Graf: „Image – Vorstellung – Bild.“ In: Menschen, Medien, M e tropolen. Arbeitsbegriffe. Huddinge o.J. [1999] (= Working paper; 1), S. 10–12, hier: S. 11.
40 Für Finnland waren dies Aamulehti, Helsingin Sanomat, Hufvudstadsbl a det und Uusi Suomi, für Dänemark Politiken, für Norwegen Aftenposten und für Schweden Dagens Nyheter und Svenska Dagbladet.
41 Brages pressarkiv sammelt Zeitungsausschnitte aus nahezu allen finnlandschwedischen und den großen schwedischen Tageszeitungen und sortiert diese Artikel thematisch.
42 Dies sind v.a. Kansan Uutiset (SKDL/Volksdemokratischer Bund), Su o menmaa (Keskustapuolue/Zentrumspartei), Suomen Sosialidemokraatti (SDP/Sozialdemokratische Partei).
43 Der Grund ist, dass v.a. die subjektiven Wertungen interessierten, wenn auch die Trennlinien zwischen Kommentar und Tatsachenbericht nicht immer eindeutig zu ziehen sind. Vgl. Volker Ackermann: „Presseartikel.“ In: Bernd A. Rusinek u.a. (Hgg.): Einführung in die Inte r pretation historischer Quellen. Schwerpunkt: Neuzeit. Paderborn 1992 (= UTB; 1674), S. 233–252, hier: S. 240.
44 Da dies eine Magisterarbeit im Fach Skandinavistik ist, zu dessen Kernsprachen das Finnische nicht zählt, werden alle finnischsprachigen Zitate in deutscher Übersetzung (sämtliche durch den Verfasser erledigt) wiedergegeben. Finnischsprachige Akten- und Literaturtitel (auch Überschriften der Zeitungsartikel) werden aus Platzgründen in den Fußnoten nur bei ihrer Erstnennung und im Literaturverzeichnis übersetzt, Titel von Zeitschriften und Serien nicht. Alle anderen Zitate (skandinavisch/englisch) bleiben im Original. Es ist weiterhin zu beachten, dass deutsche Zitate älteren Datums in ihrer ursprünglichen, also der alten Rechtschreibung wiedergegeben werden. Die Übersetzungen werden wie der Haupttext in neuer Orthographie wiedergegeben.
45 Süssmuth: Deutschlandbilder in Europa, S. 14.
46 Ebd., S. 18f.
47 Gottfried Niedhart: „Länderimages: Vorstellungen vom anderen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung.“ In: Hans Süssmuth (Hg.): Deutschlan d bilder in Dänemark und England, in Frankreich und den Niederlanden. Dokumentation der Tagung Deutschlandbilder in Dänemark und England, in Frankreich und den Niederlanden, 15.–18. Dezember 1993, Leutherheider Forum. Baden-Baden 1996 (= Schriften der Paul-Kleinewefers-Stiftung; 3), S. 79–86, hier: S. 84.
48 Reimund Seidelmann: „Außenpolitik.“ In: Wichard Woyke (Hg.): Handwö r terbuch Internationale Politik. Bonn 71998, S. 1–6, hier: S. 5.
49 Vgl. ebd.
50 Wobei nationale Interessen nicht als objektiv – im Gegensatz zur Ideologie als angeblich ‚falschem Bewusstsein‘ (siehe das Zitat von Ulrich Albrecht auf der nächsten Seite) – verstanden werden dürfen. Sie sind ebenso Konstrukte wie die Ideologie.
51 Jens Bartelson: „Identitet.“ In: Østerud/Goldmann/Pedersen: Statsvitenskapelig leksikon, S. 89–90, hier: S. 90.
52 Heike Graf u.a.: „‚Akteur‘/‚Steuerung‘/‚Utopie‘.“ In: Stephan Michael Schröder (Hg.): Konstruktion und Diskussion zentraler Arbeitsbegri f fe. Berlin 1997 (= Arbeitspapiere „Gemeinschaften“; 2), S. 73–77, hier: S. 76.
53 Eagleton: „What Is Ideology?“, S. 12 ff.
54 Ulrich Albrecht: „Perzeption.“ In: Ders.: Internationale Politik. Ei n führung in das System internationaler Herrschaft. München/Wien 21992, S. 95–103, hier: S. 99.
55 Peter Christian Ludz: „‚Alltagsleben‘ und ‚Strategic Interaction‘. Bemerkungen zu einem neuen Ansatz in der Theorie der internationalen Beziehungen.“ In: Peter Raina (Hg.): Internationale Politik in den siebziger Jahren. Frankfurt a.M. 1973, S. 182. Zitiert nach: Albrecht: Internationale Politik, S. 101.
56 Denn: „Perzeptionen sind stets Fehlperzeptionen, so daß die Gegenüberstellung von Perzeption und Fehlperzeption begrifflich in die Irre führt, weil damit die nie erreichbare Möglichkeit einer ‚richtigen‘ Perzeption von Realität im Sinne ihrer vollständigen Abbildung suggeriert wird.“ Niedhart: „Länderimages: Vorstellungen vom anderen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung.“, S. 83.
57 Nils Andrén: „Nordic Integration.“ In: Cooperation and Conflict 2 (1967), S. 1–25, hier: S. 9.
58 Nils Andrén: „Integration och samarbete – illusion och verklighet.“In: Nordisk Tidskrift N.S. 59 (1983), S. 73–83, hier: S. 73.
59 Als weitere Bedingungsstrukturen können handels- oder sicherheitspolitische Orientierungen, Wirtschaftssystem, Gesellschaftsstruktur u.a. genannt werden.
60 Lindner: Supranationale Integrationsbestrebungen, S. 254.
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