2 Finnland, der Norden und der Nordismus

2.1 Der geeinte Norden – eine Imagination

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Die Vorstellung von einem geeinten Norden hat auf die Geschichte der Länder in dieser Region wiederholt einen eminenten Einfluss ausgeübt. Die Kalmarer Union ist ein viel zitiertes Beispiel dafür, dass es bereits im Mittelalter entsprechende Bestrebungen gab, obwohl die dänische Dominanz sowie die schon nach wenigen Jahrzehnten einsetzenden Auflösungserscheinungen keinesfalls übersehen werden dürfen. Mehrere Versuche, die Union – unter den Vorzeichen der schwedischen Großmachtstellung im 17. Jahrhundert – wiederzuerrichten, scheiterten.61 Auch die dänisch-norwegische Union (bis 1814), die darauf folgende schwedisch-norwegische Union (1814–1905) und die Verbindung der heutigen Nationalstaaten Schweden und Finnland in einem Königreich (bis 1809) scheinen nahe zu legen, die nordischen Länder hätten früher und stärker als andere Regionen Europas die Tendenz zur Bildung von staatlichen Zusammenschlüssen entwickelt. Genauer betrachtet waren militärische und politische Machtinteressen stärker als der Wunsch nach der Einheit des Nordens.

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Als letztere aber Anfang des 19. Jahrhunderts erstmals politisiert und ideologisiert wurde, stellten diese Staatenbündnisse in den Augen der Zeitgenossen historische oder politische Realitäten dar, auf die es aufzubauen galt. Unbestritten waren die Träumereien über ‚Nordens herlige stamme‘ in hohem Maße ahistorisch und emotionsgeladen, sorgten aber für die Findung gemeinsamer Identifikationspunkte. Die nordische Geschichte ist – selbst noch aus der heutigen Perspektive – mehr von Machtkämpfen (v.a. um das Dominium Maris Baltici) und damit verbundenem Krieg und gegenseitiger Uneinigkeit als von nordischer Einheit geprägt.62 Unzweifelhaft hatte es zwischen Dänemark und Schweden gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine Entspannung der Beziehungen gegeben. Der Skandinavismus überbetonte diese neue Einigkeit und projizierte die Wunschvorstellung von dem nicht nur staatsrechtlich, sondern auch ideologisch geeinten Norden sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft. Dadurch war die Umwidmung der Kalmarer Union zum gemeinsamen Vorbild für eine Verschmelzung der drei Monarchien möglich. Vor allem gegen Mitte des 19. Jahrhunderts nahm sie einen zentralen Platz und einen recht diffusen Vorbildcharakter ein – ein verzerrtes Bild, das stark idealisiert war und v.a. der Findung positiver Identifikationspunkte diente.63 Dies führte auch zur gemeinsamen Rückbesinnung auf die noch ältere Geschichte, indem man die Wikingerzeit als einigendes ‚goldenes Zeitalter‘ des Nordens wiederentdeckte. Ebenso wurde es möglich, die altnordische Literatur zum Zweck der Identitätsfindung heranzuziehen, sogar in Schweden, das an dieser Literatur ja überhaupt keinen Anteil gehabt hatte.64

In seiner literarisch-schwärmerischen Anfangsphase war der Skandinavismus eine studentische Bewegung und erhielt zunächst zögerliche, dann stetig wachsende Unterstützung durch die Herrschenden. Damit wurde die Vereinigung der drei skandinavischen Königreiche Hauptziel, mit der schwedisch-norwegischen Union als Ausgangspunkt; genauer betrachtet ging es um deren Erweiterung um den dänischsprachigen Teil des dänisch-deutschen Gesamtstaates.65 Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass der Traum von der Vereinigung und die dafür gegebenen Voraussetzungen zunächst von der politischen Zersplitterung des Nordens als Folge der napoleonischen Kriege bedingt waren. Eine der berühmtesten Beschreibungen dieser Tatsache stammt aus Esaias Tegnérs Rede zur Promotionsfeier in Lund 1829: „Söndringens tid är över i Norden“. Kent Zetterberg fasste diesen Komplex in folgendem Satz zusammen: „Den nordiska antagonismen försvann och i stället trädde en samhörighet mellan små nationer mot trycket från omvärlden.“66

Eng verknüpft mit der Nationalromantik verwies der Skandinavismus zugleich auf die nationale und die supranationale Ebene; da diese gerade zu Beginn des 19. Jahrhunderts kaum so scharf getrennt wahrgenommen wurden, war diese Verschränkung möglich. Der Bezugsrahmen des Skandinavismus blieben im Kern Dänemark und Schweden; in Norwegen gelang es ihm kaum, Begeisterung zu wecken. Finnland hatte nur marginale Bedeutung: Studenten von der Kaiserlichen Alexander-Universität Helsinki nahmen 1843 an einer Versammlung in Uppsala teil und wurden deswegen nach ihrer Rückkehr exmatrikuliert. Seither war den wenigen skandinavistisch gesinnten Finnen eine direkte Mitwirkung an entsprechenden Versammlungen nicht mehr möglich; im Lichte des um die gleiche Zeit aufblühenden finnischen Nationalbewusstseins (siehe Kapitel 2.2) verlor dies aber auch an Attraktivität.

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Aus schwedischer Sicht spielte Finnland im Skandinavismus allenfalls in den erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommenden revanchistischen Plänen eine Rolle. Karl XIV. Johan trug 1845 vor Lundenser Studenten sein Gedicht Finland! Så ville jag ropa vor, in dem er die Wiedereroberung der verlorenen Gebiete forderte. Während des Krimkriegs suchte sein Sohn Oskar I. seine Rückeroberungspläne mit dem Argument von der Gemeinschaft des Nordens zu legitimieren; in den ideologischen Rahmen des Skandinavismus wurde Finnland als verlorenes Bruderland eingeordnet. Doch war diese finnische Dimension spätestens dann passé, als mit dem Ausbleiben der schwedischen Hilfe im dänisch-österreichisch-preußischen Krieg 1864 der politische Skandinavismus am Ende war67:

„Der Nordismus erlebte seine größte Krise 1864 – und hat gerade wegen 1864 überlebt […]; in den kleinen Randstaaten wurde vor dem Hintergrund der militärischen und politischen Niederlage eine auf reale Verhältnisse gegründete politische Identität – nämlich die Solidarität der Skandinavier – unmöglich, statt dessen etablierte sich im politischen Selbstverständnis eine auf einer kulturellen Identität gegründete Konstruktion, die keiner politischen Prüfung bedurfte.“68

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Østergård spricht für das späte 19. Jahrhundert von der Dezentralisierung des Skandinavismus: „Die Großmachtvision des politischen Skandinavismus wurde abgelöst durch die Praxis einer kulturellen Zusammenarbeit auf dem Niveau der Zivilgesellschaft.“69 Prägend wurden Aufbau und Pflege der Kontakte von Juristen, Kulturschaffenden und Wissenschaftlern durch internordische Konferenzen und Fachorgane. Die Ergebnisse des pragmatischen Skandinavismus brachten zum ersten Mal auch eine stärker formalisierte Kooperation auf wirtschaftlichem Gebiet hervor (u.a. eine Postunion 1869 und eine Münzunion 1873/75), und auch der Gedanke einer nordischen Zollunion nach dem Vorbild des 1834 gegründeten Deutschen Zollvereins war während der 1880er Jahre im Gespräch. Allerdings hatte der Skandinavismus auf wirtschaftlichem Gebiet eine nur geringe Bedeutung; er scheiterte u.a. am wirtschaftlichen Abschwung seit den 1870er Jahren.70 Allerdings besaßen diese frühen wirtschaftlichen Kooperationsbestrebungen auch symbolischen Charakter, denn mit dieser Annäherung war ein Schritt zur gewünschten Einigung des Nordens getan.

Als der Erste Weltkrieg dem ‚alten Skandinavismus‘ einen Schlusspunkt setzte, wurde die Begrenztheit seiner Idee evident. An seine Stelle trat zunehmend die gemeinsame Vertretung politischer Interessen nach außen, wie im Fall der Neutralität Dänemarks, Norwegens und Schwedens während des Krieges. In seiner schwärmerischen Variante lieferte der Skandinavismus als abschreckendes Beispiel fortan eine Negativfolie für die nordische Zusammenarbeit. Um deren geändertem Charakter und der zunehmenden Erweiterung auf die ‚neuen Staaten‘ (Finnland, Island, Norwegen) Ausdruck zu verleihen, kam es zu einer begrifflichen Abgrenzung; v.a. für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg spricht man seither vom ‚Nordismus‘71. Kazimierz Musiał hat darauf hingewiesen, dass der Begriff ‚nordisk‘ von den politischen Repräsentanten positiv konnotiert wurde, obwohl der nationalsozialistische Gebrauch des Wortes ‚nordisch‘ den Begriff so belastet hatte. „Waren die Skandinavier in der Zeit zwischen den Kriegen eher das Objekt der Konstruktion ‚nordisch-Nordic‘ gewesen, so wurden sie jetzt zu ihrem Subjekt.“ Mit der Etablierung der Kooperationsinstitutionen zwischen den fünf nordischen Ländern kam es zu einem weiteren „Konnotationsschub“; dies nicht nur wegen geographisch korrekter Benennung (dadurch wurde die terminologische Miteinbeziehung Finnlands möglich), sondern auch wegen des hohen Symbolgehalts und des Erfolgs der regionalen Kooperation.72

Der Nordismus wurde jedenfalls eher als Fortsetzung des pragmatischen Skandinavismus verstanden73, allerdings auf einer breiteren Basis, doch mit niedrigerem Profil und wurde – u.a. durch Gründung der Norden-Vereinigungen zwischen 1919 und 1924 – stärker auch zu einer Volksbewegung. Wichtig war dabei, an die realistischere Perspektive und den ‚grass-root-level‘, der z.B. die internordischen Juristenversammlungen seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geprägt hatte, anzuknüpfen.74 Im Falle des während des Ersten Weltkriegs in Gang gekommenen nordischen Warenaustauschs konnte die Gemeinschaft mit einem praktischen Inhalt gefüllt werden.75 „I det här sammanhanget visades konkret den praktiska nyttan av samarbete, vision var ersatt av praktik.“76

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Mit der Auflösung der schwedisch-norwegischen Union (1905), der finnischen Unabhängigkeit (1917) und der isländischen Autonomie (1918) hatte sich in jedem Fall der Bezugsrahmen für eine politische Kooperation im Norden auf fünf Staaten hin erweitert. Doch brachte die Zwischenkriegszeit keine wesentlichen Fortschritte in der Zusammenarbeit der nordischen Länder. Erst die krisenhaften Erfahrungen der 30er und 40er Jahre änderten dies, verbunden mit einer Änderung der finnischen Haltung gegenüber dem Norden (siehe Kapitel 2.2). Man kann zwar in der Gründung des Nordischen Rats 1952 die Fortführung der Arbeit der nordeuropäischen Abteilung der Interparlamentarischen Union und damit eine längere Kontinuität sehen; schon der Skandinavismus hatte die Idee eines gemeinsamen Parlaments der nordischen Staaten aufgebracht.77 Viel entscheidender war jedoch, dass die Mitgliedsstaaten mit der von ihnen gewählten Form den Kompromiss zwischen der endlich erreichten Institutionalisierung ihrer gegenseitigen Zusammenarbeit und der Vermeidung supranationaler Elemente fanden.78 Der interparlamentarische und intergouvernementale Charakter der nordischen Kooperationsorgane, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, zollte den bitteren Erfahrungen des politischen/dynastischen Skandinavismus Tribut. Zwar erreichten die nordischen Länder in einigen Bereichen früher als die EWG eine enge Zusammenarbeit, wofür exemplarisch der gemeinsame Arbeitsmarkt (1954), die Passunion (1955) und der Wegfall der Grenzkontrollen (1957) sowie die umfangreiche kulturelle Zusammenarbeit genannt werden können. Erschwert wurde eine tiefere Integration zwischen den nordischen Ländern aber durch die unterschiedlichen sicherheitspolitischen Auffassungen und Orientierungen. Die Trennlinie zwischen den NATO-Ländern Dänemark, Island und Norwegen und den neutralen Ländern Finnland und Schweden spielte dabei eine wichtige Rolle, ebenso die speziellen Beziehungen Finnlands zur Sowjetunion.

Der Traum von der politischen Einheit des Nordens als Einheitsmonarchie wurde schon Ende des 19. Jahrhunderts ad acta gelegt. Als gedankliche Konstruktion behielt er aber auch im 20. Jahrhundert weiterhin seine Gültigkeit. Die Idealvorstellung von einer politischen Homogenisierung des Nordens stand unausgesprochen im Hintergrund der nordischen Kooperation – sowohl als deren Voraussetzung als auch zugleich als deren Folge; hierfür sind Schlagwörter wie das ‚nordische Modell‘ oder der ‚nordische Wohlfahrtsstaat‘ ein Beispiel.79 Selbst wenn der Nordismus als insgesamt pragmatischere Fortsetzung des Skandinavismus gelten kann, wirken die früher heraufbeschworenen Bilder von der Einheit des Nordens bis heute fort. Zwar kann man in der längeren historischen Perspektive die pragmatische Dimension der nordischen Zusammenarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die eine Politik der kleinen Schritte ohne die Schaffung supranationaler Institutionen verfolgte, als die vorherrschende erkennen. Doch lassen sich auch unter den Nordisten nach 1945 eine ganze Reihe von Idealisten ausmachen, die sich dem Ziel eines geeinten Nordens verpflichtet fühlten.80 Auf der anderen Seite dürfte die Imagination vom geeinten Norden so lange eine Rolle gespielt haben, da die gesamtnordische Rhetorik in hohem Maße von den Pragmatikern des Nordismus akzeptiert wurde.81 „Ur detta förhållande utvecklas ett vanemässigt synsätt även på det nordiska. Man blundar gärna för de skiljande dragen. Det gemensamma nalkas man däremot med öppna ögon. Man får en bild, som överensstämmer med den man vill ha.“82

Die mehrfachen Versuche zur Bildung einer Zoll- oder Wirtschaftsunion (siehe Kapitel 3.1) sind hierfür ebenso offensichtliche Beispiele wie die skandinavische Verteidigungsunion 1948/49.83 Diese Projekte sind auch beredte Beispiele für das Fehlen eines starken integrierenden Zentrums in der nordischen Zusammenarbeit, das ein effektives Gegengewicht zu den sog. ‚Zentrifugalkräften‘ und der Attraktionskraft anderer Machtzentren gebildet hätte.84 Tatsächlich konnte nur die starke Wirkungsmächtigkeit der Idee eines geeinten Nordens dazu führen, dass sich der schwedische Politiker Ingemar Mundebo in einer Bilanz der nordischen Kooperation Ende der 90er Jahre fragte: „Varför har vi inte nått längre?“85 Wie er kam auch ein weiterer nordischer Aktivist, Leif Cassel, zu dem Schluss, eine tiefer gehende Integration zwischen den nordischen Ländern wäre nicht möglich, und mit dem Erreichten könne man letzten Endes zufrieden sein:

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„Drömmen om en nordisk enhetsstat är och förblir en illusion. […] De nordiska länderna är alla utpräglade individualister, de är i hög grad sig själv nog, och de vill bevara sin särprägel och sin egenart. […] Ofantligt mycket har uträttats i det lilla formatet och det har också sammanlagt skett stora ting, vilka var för sig kanske inte märks så mycket.“86

Auf der einen Seite ist die Bilanz der nordischen Zusammenarbeit durchaus beachtlich, auf der anderen Seite ist sie, gemessen an Integrationsansprüchen enttäuschend.87 Angesichts dieser resignativen Einschätzung ist es angebracht, die Diskrepanz zwischen der Imagination, die nordische Einheit sei in irgendeiner Form erreichbar, und der Realität zu fokussieren:

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„Norden blev ingen nation, inte heller någon tydligt omfattad gemenskap. Norden kan kanske bäst sammanfattas som en kulturell konstruktion. Trots att tänkandet, man frestas nästan säga ideologin, om Norden funnits under en lång tid – dess äldsta rötter härstammar från medeltiden och romantiken var dess genombrottstid – och uppvisar en enastående livskraft, överlägsen såväl panslavismens som pangermanismens, så har Norden i praktiken inte fungerat som en politisk enhet.“88

2.2 Finnlands Position im Norden

„Wo liegt Finnland?“ – diese Frage ist Titel eines kürzlich erschienenen Buchs über das Verhältnis von Geopolitik und finnischer Identität.89 Tatsächlich kann man sich diese Frage bei einer Beschäftigung mit Finnlands Verhältnis zum restlichen Norden berechtigterweise stellen. Viele – vor allem historische – Gründe deuten auf finnisch-skandinavische Gemeinsamkeiten hin, doch gibt es vieles, was trennt. Dabei ist die Zeit, in der es ‚Finnland‘ im Sinne einer politischen Einheit nicht gab, also die schwedische Zeit bis 1809 der wichtigste geschichtliche Faktor, der Finnland zu einem Teil des Nordens gemacht hat. „Det sätt varpå Finland danats kulturellt och institutionellt gör landet helt ‚svenskt‘, även nordiskt om man vill använda det ordet i en övergripande kulturell betydelse.“90

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Es geht also nicht nur um administrative Zugehörigkeit, sondern v.a. um die Grundlegung einer Kulturgemeinschaft im weiteren Sinne bereits im Mittelalter. Der finnische Mediävist Jarl Gallén hat darauf hingewiesen, dass eine ganze Reihe kultureller Gemeinsamkeiten Finnland und das westliche Estland sogar in vor- und frühhistorischer Zeit mit Skandinavien verbanden. Der daraus resultierende jahrhundertelange Kontakt war nur eine logische Fortsetzung bereits bestehenden Austausches.91 Die ungefähr 650 Jahre direkter schwedischer Einflussnahme und Beherrschung haben zu einer umfassenden Prägung noch des heutigen Finnland geführt. Als Kernbereiche dieses ‚schwedischen Erbes‘ kann man nennen: das Verwaltungs- und Rechtssystem, die bedeutende Stellung des Luthertums, die Art der Staatsführung und damit verbunden der Untertanengeist, und nicht zuletzt die Stellung der schwedischen Sprache und ihr semantischer Einfluss auf die finnische Sprache.92

Betrachtet man die Frage, ob Finnland ein nordisches Land ist, also aus historischer und gerade auch kulturgeschichtlicher Perspektive, fällt die positive Antwort relativ leicht. Ist zwar die nordische Prägung nicht die einzige, die Finnland erfahren hat, so ist sie doch die deutlich dominierende. Die gleiche Frage aus außenpolitischer oder identitätspolitischer Perspektive fällt ungleich schwerer. Unzweifelhaft hat die Autonomiezeit unter russischer Herrschaft Finnland für über 100 Jahre als staatliche Einheit aufgebaut und u.a. damit politisch vom Norden entfernt. In Finnland existierte andererseits die Wahrnehmung, man sei im Laufe des 19. Jahrhunderts vom Rest des skandinavischen/schwedischen Nordens vergessen worden.93 Allerdings dürfte diese Tatsache zumindest den Fennomanen nicht unwillkommen gewesen sein. Snellman beispielsweise hatte sich deutlich gegen die Haltung Schwedens gewandt, politisch gegen Russland zu arbeiten, um auf diesem Weg Finnland zurückzuerhalten.94 Die Aufgabe dieser Pläne konnte dem Projekt der finnischen Nationskonstruktion nur förderlich sein.

Ein finnischer Anschluss an den Norden war allerdings weder möglich noch erwünscht. Nicht nur, dass die zaristische Herrschaft – spätestens seit Karl XIV. Johan die sog. ‚1812 års politik‘ aufgegeben hatte – eine weitergehende Affinität des Großfürstentums zum Norden nicht zulassen wollte. Darüber hinaus war aus finnischer Sicht der Skandinavismus als Mittel der eigenen Identitätsfindung problematisch: In Finnland hatte die nationale Bewusstseinswerdung begonnen, als die skandinavischen Einheitsträume kursierten. Anders als in den drei skandinavischen Ländern wurde die Konstruktion der finnischen Nation nicht um eine nordische Überformung erweitert. Dieses ‚nation-building‘steckte in einem Dilemma: Einerseits versuchte man sich möglichst weitgehend von allem, was schwedisch (-nordisch-germanisch) war, zu distanzieren und das eigene geschichtliche Erbe zu betonen.95 Andererseits suchte das nationale Identitätsprojekt nach einem Platz für die Finnen unter den ‚echten Europäern‘, womit das germanische Westeuropa gemeint war. Ein Mittel war z.B., im Zuge der großen Kartographierungsprojekte Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts Finnland als Teil der Region ‚Fennoskandia‘zu definieren und klare Grenzlinien zwischen Russland und Finnland zu zeichnen, um so die Zugehörigkeit Finnlands zum westlichen Kulturkreis zu markieren.96 Dieses Streben danach, der ‚richtigen‘ Bezugsgruppe anzugehören, setzt sich bis heute fort: Mitte der 90er Jahre präsentierte ein finnischer Wissenschaftler Ergebnisse von DNA-Untersuchungen, laut derer das finnische genetische Erbgut zu drei Vierteln westeuropäischen, zu einem Viertel sibirischen Ursprungs sei. Vor der Inanspruchnahme solcher Ergebnisse schreckte nicht einmal Matti Klinge zurück, der meinte, „the Finnish genetic inheritance looks Nordic-Germanic in the extreme.“97 Dieses Bemühen, sich in der ‚richtigen‘ – der westlichen – Bezugsgruppe zu positionieren, ist als ein Grundpfeiler finnischer Identitätspolitik zu verstehen und wird mit solchen ‚Belegen‘ bis heute fortgesetzt: „Wie immer man zu diesen neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen steht, eines ist klar: die Finnen wollen Westeuropäer sein, sowohl ethnisch als auch politisch.“98

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Die finnischsprachige Nationalbewegung strebte aber im 19. Jahrhundert zunächst danach, das, was man als ‚typisch Finnisch‘ ansah, dezidiert als eigenständiges nationales Erbe aufzubauen. Dabei ging es sehr stark um die Sprache, man wollte nicht nur die Stellung des Finnischen stärken, sondern es auch zu einer Kultursprache machen.99 Jansson spricht von „en nærmest genealogisk jakt på et finsk-ugrisk sprogfællesskab i de fjerneste afkroge.“100 Ein Herzstück im Projekt der finnischen Nationskonstruktion war das von Elias Lönnroth kompilierte ‚Nationalepos‘ Kalevala, dem eine Schlüsselrolle dabei zukam, die Eigenständigkeit, aber auch das Alter der finnischen Kulturnation zu belegen.101 In dieser Zeit hatte die in Finnland erst entstehende Geschichtswissenschaft – ähnlich wie in Deutschland oder Schweden – eine Schlüsselposition inne. In Finnland übernahmen es ihre fennomanen (später die finnisch-nationalen) Vertreter, die historische Kontinuität der finnischen Nation durch ihre Darstellungen zu untermauern. Dies beinhaltete den Entwurf eines neuen Geschichtsbildes, in dem die schwedische Herrschaft als aggressive Okkupationspolitik und systematische Unterdrückung des finnischen Volkes und der freien Entwicklung seiner Nation dargestellt wurde. Als herausragender Vertreter ist hier der Historiker und Fennomanen-Führer Yrjö Koskinen (1830–1903) zu nennen.102 Zur gleichen Zeit, als damit ein Versuch der geschichtsideologischen Loslösung der finnischen Nationskonstruktion vom Norden begründet wurde, wurde zu einer gängigen Meinung unter schwedischen Politikern und Historikern, dass die Finnen keine Geschichte (im Sinne einer von der schwedischen unabhängigen) und keine Kultur hätten, die nicht von der schwedischen abhängig sei.103

Auch der Sprachenstreit führte zu einer Entfremdung vom Norden. Hier stößt man auf ein weiteres Paradoxon, das für das Verhältnis in den ersten Jahren der finnischen Selbständigkeit entscheidend war: Der Gegensatz um die Stellung des Finnischen und des Schwedischen in Finnland führte auf der einen Seite zu einer Distanzierung Schwedens, auf der anderen Seite weckte er aber auch das Engagement in Schweden für die Einbeziehung Finnlands in die nordische Gemeinschaft. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts war für Jakob Letterstedt (dessen Testament die Gründung der Letterstedtska Föreningen festlegte) eine Selbstverständlichkeit, dass Finnland mit in die Tätigkeit einbezogen würde.104 Diese Sicht war noch von der relativ starken Stellung des Schwedischen geprägt. Bei Entstehung der Föreningarna Norden nach dem Ersten Weltkrieg war es dann eine Forderung schwedischer Initiatoren, Finnland in das Vorhaben mit einzubeziehen und dass der finnische Zweig sowohl die finnisch- als auch schwedischsprachige Bevölkerung umfassen sollte.105

Selbst- und Fremdbilder über das junge selbständige Finnland wiesen also eine recht weite Distanz zwischen Finnland und dem Norden auf – zumindest überwog diese den Wunsch nach Gemeinsamkeiten. Dieser Distanz wurde z.B. dadurch Ausdruck gegeben, die junge Republik Finnland als ‚baltisch‘ zu beschreiben. Uffe Østergård hat darauf hingewiesen, wie sehr die nordischen Länder seit Mitte des 19. Jahrhunderts darum bemüht waren, die baltischen (im Sinne von: ‚zur Ostsee gehörigen‘) Elemente ihrer Geschichte herunterzuspielen.106 Insofern war diese Äußerung in hohem Maße pejorativ zu verstehen – ganz falsch war sie dennoch nicht, da Finnland in den ersten Jahren nach 1917/18 seine Außenpolitik auf die Kleinstaaten in der Ostseeregion orientierte und ein ‚Bekenntnis zum Norden‘ ausblieb.

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Vor allem in Schweden und Norwegen weckte die finnische Selbständigkeit sowohl Unruhe als auch Hoffnungen. In beiden Ländern war die Angst vor einer politischen Destabilisierung der fennoskandischen Region ausschlaggebend für das anfangs unterkühlte Verhältnis. So bestand z.B. in Norwegen die Angst vor der sog. ‚finske fare‘, einem Ausdruck sowohl für die Bedrohung norwegischer Interessen an der Eismeerküste als auch die Ausbreitung der russischen Revolution via Finnland.107 Aber auch in Dänemark war man gegenüber dem neuen Staat kritisch eingestellt – Grund hierfür war v.a. die Annahme der deutschen militärischen Hilfe im Bürgerkrieg 1918.108

Die schwedischen Erwartungen, Finnland künftig dem Norden zurechnen zu können, beruhte einerseits in hohem Maße auf eigenen machtpolitischen Vorstellungen, die eine Stärkung der Position Schwedens in der nördlichen Ostseeregion zum Ziel hatten. Wenn noch bis Anfang der 90er Jahre das Wort von der Rolle Schwedens als ‚Finnlands großer Bruder‘ Konjunktur hatte, kann man die Grundlage hierfür in der Frühzeit der staatlichen Unabhängigkeit Finnlands suchen.109 Das Interesse Schwedens, Finnland wieder zu ‚nordisieren‘, war von der Wahrnehmung geprägt, 100 Jahre russischer Herrschaft und Russifizierung hätten in zaristischen Traditionen und ‚byzantinischer‘ Politik resultiert.110 Dementsprechend groß war die Enttäuschung, als sich Finnland zunächst nicht dem Norden zuwandte, sondern sich für die sog. Randstaatenpolitik entschied und während des ersten Jahrzehnts der Unabhängigkeit die Bindungen an Skandinavien eher schwach waren.111 Nach 1917 gab es durchaus Bemühungen finnischerseits, mit der rasch erklärten Neutralität für die Selbständigkeit weitgehende Akzeptanz in Skandinavien zu gewährleisten. Doch stellte das unterschiedliche Neutralitätsverständnis Finnlands einerseits und Dänemarks/Norwegens/ Schwedens andererseits eines der Haupthindernisse für eine intensivere Kooperation während der 20er Jahre dar.112 Das Interesse an einer Einbeziehung Finnlands in die eher lose geregelte skandinavische Zusammenarbeit war auf beiden Seiten zu diesem Zeitpunkt somit sehr gering. Nachdem auch die Randstaatenpolitik 1922 gescheitert war, wählte der finnische Außenminister Hjalmar J. Procopé den Rückzug auf eine Politik der ‚splendid isolation‘.113 Zum 50-jährigen Jubiläum der finnischen Unabhängigkeit konstatierte Hufvudstadsbladet in Bezug auf die nordische Kooperation: „Finland stod till en början utanför. En långt driven försiktighet gentemot engagemang över statsgränserna kom vår statsmakt att töva.“114

Zu einem breiteren Norden-Verständnis, das auch Finnland umfasste, kam es in Ansätzen Mitte der 30er Jahre. Dafür waren mittlerweile innenpolitische Voraussetzungen geschaffen worden: Die Überwindung der Kluft von 1918, die energische Bekämpfung der rechtsextremistischen Lapua-Bewegung, auch das Vorgehen der Regierung gegen den immer noch schwelenden Sprachenstreit sind hier zu nennen. Die stärkere Beteiligung der Sozialdemokraten im politischen Leben ließ die schwedischen Sympathien wachsen.115 Außenpolitische Schritte in Richtung Norden war der Anschluss an die Gruppe der sog. Oslo-Staaten im Herbst 1933 und die erstmalige Teilnahme Finnlands an der nordischen Außenministerkonferenz ein Jahr später in Stockholm. Im Sommer 1935 wurde dann ein Regierungsbeschluss zur nordischen Orientierung der finnischen Außenpolitik gefasst, den Ministerpräsident T.M. Kivimäki nach Beratung mit den meisten Parlamentsfraktionen im Dezember 1935 im Parlament bekannt gab. Höhepunkt dieser Hinwendung zum Norden war gewissermaßen die gemeinsam mit den skandinavischen Ländern und Island abgegebene ‚Nordische Neutralitätserklärung‘.116 Bezeichnenderweise fanden die nordischen Länder zu dieser engeren Zusammenarbeit erst unter den Bedingungen einer zugespitzten internationalen Lage.

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Der Zweite Weltkrieg beendete die neu gefundene nordische politische Gemeinsamkeit, v.a. die Besetzung Dänemarks und Norwegens durch Hitlerdeutschland im April 1940. Zwar unterstrichen die Sympathiebekundungen und Hilfslieferungen für Finnland im Winterkrieg das noch recht junge Verständnis der gegenseitigen Nähe zwischen Skandinavien und Finnland. Doch war die Unterstützung letztlich unzureichend, was Matti Klinge zu dem Vergleich mit der Situation Dänemarks 1864 veranlasste.117 In den ersten Jahren nach 1944/45 befand sich Finnland in einer ähnlichen Situation wie nach 1917: Es stand aus Sicht seiner skandinavischen Nachbarn als sicherheitspolitisch nicht vertrauenswürdig da. Zur Diskreditierung der finnischen Position hatte die ‚Waffenbrüderschaft‘ mit dem Dritten Reich, dann aber auch der 1948 geschlossene Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand (VFZB) beigetragen. Vom ‚Wachtposten‘ des Nordens wurde das Land erneut zum Instabilitätsfaktor. Auf der anderen Seite zweifelten viele finnische Politiker (z.B. der Sozialdemokrat Karl August Fagerholm) selber, ob eine Wiederaufnahme des nordischen Engagements möglich oder überhaupt erwünscht sei.118

Die Geschichte der Beziehungen Finnlands zum Norden bzw. der nordischen Kooperation nach dem Zweiten Weltkrieg war überwiegend die eines Problemkindes – zumindest in der skandinavischen Perzeption. Geprägt wurde diese Sicht vom finnischen Hinterherhinken in den meisten Großprojekten des Nachkriegsnordismus. Im Hintergrund stand immer das Verhältnis zur Sowjetunion, das Finnlands Position im Norden in genauso hohem Maße bestimmte wie die in Finnland existierenden Vorstellungen über die eigene Nähe zu den nordischen Bruderländern. Aufgrund dessen wurde Finnland erst 1955 Mitglied des drei Jahre zuvor gegründeten Nordischen Rats und konnte sich erst 1961 nach der sog. ‚Nachtfrostkrise‘ als assoziiertes Mitglied der EFTA anschließen.119 In beiden Fällen begegnete man von finnischer Seite zunächst massiven sowjetischen Vorbehalten, die zur Verwirklichung der finnischen Ziele erst überwunden werden mussten. So sah die Sowjetführung anfangs im Nordischen Rat einen Brückenkopf der NATO, ließ sich aber beeinflusst durch das politische Tauwetter, den sogenannten Genfer Geist, 1955 – drei Jahre nach Gründung des Nordischen Rats – umstimmen.120 Auch im Fall der EFTA musste eine entsprechende Taktik verfolgt werden. An den Ende der 40er Jahre verhandelten Projekten war Finnland überhaupt nicht beteiligt gewesen. Diese Sonderrolle sollte aber über die finnische Partizipation an den eher kleinformatigen, Schritt für Schritt verwirklichten Kooperationsprojekten nicht hinwegtäuschen. Auf der anderen Seite sahen die Gründungsgremien des Nordischen Rats von vornherein eine irgendwie geartete Beteiligung Finnlands vor, und gingen davon aus, dass diese Mitarbeit wünschenswert sei. Finnland wurde sogar ein Beobachterstatus zugebilligt und es wurde festgelegt, dass alle Materialien, die die Aktivität des Nordischen Rats betrafen, auch der finnischen Regierung und dem finnischen Parlament zugestellt werden sollten.121

Ein weiterer Aspekt, der Finnlands Stellung im Norden hervorzuheben scheint, ist die Sprache. Die Ideologie der interskandinavischen Kommunikation im Rahmen der nordischen Kooperationsgremien basierte auch lange nach dem Zweiten Weltkrieg noch auf den sprachlichen Voraussetzungen, die der Skandinavismus im 19. Jahrhundert vorfand. Zwar kam es nie zur Realisation der Idee der skandinavischen Einheitssprache, doch trat an diese Stelle der Wunsch, dass alle Brudervölker ihre Sprachen gegenseitig verstehen sollten. Allerdings wird heute diese vorgeschobene sprachliche Zusammengehörigkeit, die „Vorstellung von sprachlicher Einheit […] hauptsächlich auf Universitätskongressen, Symposien, im Forschungsbereich und natürlich in der Geschäftswelt gepflegt.“122 In Finnland herrschte Mitte des 19. Jahrhunderts das Schwedische im öffentlichen Leben noch vor. Zwar hat es seither einen stetigen Niedergang erlebt, doch nahm Finnland an der nordischen Kooperation von Anfang an auf Schwedisch teil. Dies rührte vom starken finnlandschwedischen Engagement für den Norden her, das in den Worten Olli Nuutinens gar zu einem Alleinrecht wurde:

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„Dermed blev nordismen efterhånden nærmest de svensktalende finners eneret. Til møder deltog altid svensktalende finner. Det er naturligt, at man i Danmark har et billede af Finland, hvor embedsmænd og civiliserede mennesker taler flydende og ubesvært svensk. Den drastiske forandring i den sproglige situation, som skete allerede for 100 år siden, er ikke kommet til syne i det nordiske samarbejde.“123

Angesichts der heutigen Sprachsituation in Finnland trifft das Bild von Torsten G. Aminoff sehr zu, der von einem „språkridå“ zwischen Finnland und dem Restnorden spricht, der Kommunikation und Informationsfluss in der nordischen Kooperation durchaus behindert. Da allerdings gebildete Finnen skandinavische Texte zumindest lesen können, seien die Skandinavier eigentlich härter getroffen, da sie z.B. keine finnischsprachigen Kulturprodukte konsumieren können.124

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Wie dieses Beispiel und der kursorische Überblick zeigen, ist das Verhältnis Finnlands zum Norden in seiner historischen Entwicklung von den beiden Polen ‚Annäherung‘ und ‚Entfremdung‘ geprägt. Allein die Prägung der politischen Kultur des heutigen Finnland durch die schwedische Zeit sagt viel über die Nähe des Landes zum Norden aus. Doch nur die strukturellen Ähnlichkeiten, die im wesentlichen mit Schweden geteilt werden, aufzuzählen, reicht nicht aus. Die Rolle Finnlands im Norden wurde während des 19. Jahrhunderts durch die wachsende Entfernung maßgeblich beeinflusst. Zum einen machte Finnland eine Entwicklung durch, die es in dieser Form als Peripherie des schwedischen Reichs im 19. Jahrhundert nicht gemacht hätte.125 Zum anderen hatte Finnland im Skandinavismus keinen aktiven Part, sondern war allenfalls Objekt wieder erwachter schwedischer Großmachtträume. Die Ablehnung letzterer Rolle, die von der Nationskonstruktion bedingte Abgrenzung gegenüber Schweden126 und die Tatsache, dass Finnland kein klassisches Kernland des Skandinavismus war, wirkte sich auf die Rolle Finnlands im Nordismus des 20. Jahrhunderts aus.

Der Skandinavismus und das finnische Verhältnis zu ihm ist also als eine bedingende Struktur von grundlegender Natur sowie längerfristiger Wirkung für Finnlands Position im Norden zu sehen. Weiterhin hatte die anfängliche Distanz der jungen Republik Finnland zu den skandinavischen Ländern und die erst langsam geschehene, dann aber abgebrochene Annäherung der 30er Jahre Einfluss darauf, dass das unabhängige Finnland lange nicht als selbstverständlicher Teil des Nordens galt. Aus zwei weiteren Faktoren kann hauptsächlich das Verhalten Finnlands in der nordischen Kooperation nach dem Zweiten Weltkrieg erklärt werden: Erstens gilt es mit Kari Selén festzuhalten, dass Finnland den größten Nutzen aus der nordischen Kooperation nach dem Zweiten Weltkrieg ziehen konnte.127 Dieser Nutzen bestand v.a. in der Ausbalancierung des Verhältnisses zur Sowjetunion und in der Anbindung an die westlichen Länder. Zweitens musste, um die daher gewünschte Anerkennung als Teil des Nordens zu erreichen, der nordische Charakter Finnlands bzw. sein Interesse an der nordischen Gemeinschaft stärker betont werden, als dies bei anderen Mitgliedsländern des Nordischen Rats nötig war. Insofern kann die nordische Dimension der finnischen Integrationspolitik in hohem Maße als Identitätspolitik begriffen werden.128


Fußnoten und Endnoten

61  H. Stang: „Nordism.“ In: Byron Nordstrom (Hg.): Dictionary of Scand i navian History. Westport/London 1986, S. 417–419, hier: S. 418.

62  Vgl. Kristian Hvidt: „Skandinavismens lange linier. Udsigt over et forsømt forskningsfelt.“ In: Nordisk Tidskrift N.S. 70 (1994), S. 293–304, hier: S. 295.

63  Dass dies bis in die jüngste Zeit noch so ist, hat Reinhold Wulff anlässlich des 600-jährigen ‚Jubiläums‘ der Kalmarer Union 1997 zu Recht kritisiert. Vgl. Reinhold Wulff: „Kalmarer Union. Anlass zum Jubel?“ In: NORDEUROPAforum 1/1997, S. 35.

64 Vgl. Østergård: „Die Erfindung der Gemeinschaft.“, S. 30f.

65  Vgl. Uffe Østergård: „Nationale Identitäten. Ursprünge und Entwicklungen: Deutschland, der Norden, Skandinavien.“ In: Bernd Henningsen/Janine Klein/Helmut Müssener und Solfrid Söderlind (Hgg.): Wah l verwandtschaft. Skandinavien und Deutschland 1800 bis 1914. Berlin 1997, S. 29–37, hier: S. 32f.; Gerd Wolfgang Weber: „‚Das nordische Erbe.‘ Die Konstruktion ‚nationaler‘ Identität aus Vorzeitmythos und Geschichte in Skandinavien und Deutschland.“ In: Ebd., S. 44–48, hier: S. 45f.

66  Kent Zetterberg: „Sverige och drömmen om Finland och Norden under 1800-talet. Reflexioner om skandinavismen, det nationella uppvakandet i Finland och Sveriges relationer till Finland och Ryssland (under tsartiden) 1809–1917.“ In: Anders Björnsson/Tapani Suominen (Hgg.): Det hotade landet och det skyddade. Sverige och Finland från 1500-talet till våra dagar. Historiska och säkerhetspolitiska betraktelser. Stockholm 1999, S. 87–111, hier: S. 96.
Erst durch die Umwälzungen der napoleonischen Kriege wurden die jahrhundertealten traditionellen Machtblöcke Dänemark-Norwegen und Schweden-Finnland in vier Staatswesen getrennt, wenn auch Finnland erst im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem (nicht souveränen) ‚Vorstaat‘ wurde. Norwegen war zwar durch eine Personalunion mit Schweden verbunden, war aber erstmals seit dem Mittelalter wieder ein eigenes Königtum.

67  Vgl. T.K. Derry: A History of Scandinavia. Norway, Sweden, Denmark, Finland and Iceland. London 1979, S. 239 und S. 241. Aleksander Kan hat darauf hingewiesen, dass Schweden 1855/56 alle Voraussetzungen für einen Feldzug in Finnland und die Verteidigung seiner Eroberungen gefehlt hätte. Vgl. Alexander Kan: Sverige och Ryssland. Ett 1200-årigt förhållande. Stockholm 1996, S. 113.

68  Henningsen: Die schwedische Konstruktion einer nordischen Identität, S. 35 (Hervorhebung im Original).

69  Østergård: „Die Erfindung der Gemeinschaft.“, S. 32.

70  Vgl. Kai Hoffman: „Økonomi.“ In: Henrik S. Nissen (Hg.): Nordens h i storie 1397–1997. 10 essays. København 1997, S. 155–183, hier: S. 179. Hvidt: „Skandinavismens lange linier,“, S. 297; Olle Krantz: „Skandinavismens ekonomiska betydelse.“ In: Nordisk Tidskrift N.S. 68 (1992), S. 579–588, hier: S. 588.

71  Dies entspricht dem skandinavischen/angloamerikanischen/deutschem Sprachgebrauch. In Finnland hat sich kein ‚-ismus‘ etabliert, sondern man spricht stattdessen von ‚pohjoismaiden/pohjoismainen yhteistyö‘, also der ‚Zusammenarbeit der nordischen Länder‘.

72  Kazimierz Musiał: „‚Nordisch – Nordic – Nordisk‘. Die wandelbaren Topoi-Funktionen in den deutschen, angloamerikanischen und skandinavischen nationalen Diskursen.“ In: Alexandra Bänsch und Bernd Henningsen (Hgg.): Die kulturelle Konstruktion von Gemeinschaften. Schweden und Deutschland im Modernisierungsprozeß. Baden-Baden 2001 (= Die kulturelle Konstruktion von Gemeinschaften im Modernisierungsprozeß; 6), S. 95–122, hier: S. 120 ff., Zitat: S. 120.

73  Es soll aber nicht übersehen werden, dass der Verweis auf den Skandinavismus des 19. Jahrhunderts als Ursprung des modernen Nordismus eine stark rhetorische Funktion besaß und der ideologischen Legitimierung der nordischen Kooperationsziele diente. Auf der anderen Seite ist die Verknüpfung von Nordismus und Skandinavismus in einer historischen Linie nicht von der Hand zu weisen.

74  Vgl. Nils Andrén: „Norden – mål eller medel?“ In: Nordisk Tidskrift N.S. 67 (1991), S. 301–310, hier: S. 303.

75  Jan A. Andersson: „Nordiskt samarbete – som det är skapat och format.“ In: Nordisk Tidskrift N.S. 71 (1995), S. 329–338, hier: S. 330.

76  Ders.: Nordiskt samarbete: Aktörer, idéer och organisering 1919–1953. Lund 1994 (= Lund Political Studies; 85). Zitiert nach: Andrén: „Norden – mål eller medel“, S. 303.

77  Vgl. zu diesen früheren Formen der internordischen parlamentarischen Zusammenarbeit: Axel Berg: Der Nordische Rat und der Nordische Min i sterrat. Organe für die Zusammenarbeit der nordischen Staaten aus rechtlicher Sicht. Frankfurt a.M. u.a. 1988 (= Europäische Hochschulschriften Reihe II: Rechtswissenschaft; 669), S. 37 ff.

78  Aus einem Vortrag von Bernd Henningsen stammt eine treffende Charakterisierung: „EF betyder institutionalisert integration, Nordisk samarbejde betyder funktionel integration næsten uden institutioner.“ Bernd Henningsen: „‚Er Nordens forening ønskelig‘ – og mulig? Den nordiske integration set sydfra.“ In: Nordisk Tidskrift N.S. 69 (1993), S. 401–412, hier: S. 402.

79  Dabei wurde das „Nordic model“ stereotyp mit Überlegenheit und Beispielhaftigkeit konnotiert, eine nordische Überlegenheit auf dem Feld der Kooperation suggeriert. Musiał: „‚Nordisch – Nordic – Nordisk‘.“, S. 122.
Zur Vergleichbarkeit des finnischen Wohlfahrtsstaates mit den anderen nordischen, v.a. während der 70er Jahre siehe Hannu Uusitalo: „Välståndsbegreppet i Norden – har Finland en egen profil?“ In: Nordisk Tidskrift N.S. 60 (1984), S. 417–423.

80  Vgl. Andrén: „Integration och samarbete.“, S. 74.

81  Andrén: „Norden – mål eller medel.“, S. 305.

82  Waldemarson: Norden – finns den? S. 36.

83  Selbst in jüngster Zeit wurde die Idee der nordischen Einheit wieder belebt: So stand zeitweilig die Vorstellung von einem nordischen Block innerhalb der EU im Raum. Zur Praktikabilität dieser Vorstellung siehe Tom Schumacher: Die nordische Allianz in der Europäischen Union, Opladen 2000 (= Forschung Politikwissenschaft; 59).

84  Paavo Lipponen: „Marginaalinen merkitys.“ [Marginale Bedeutung.] In: Ders.: Kohti Eurooppaa [Nach Europa]Helsinki 2001, S. 25–29, hier: S. 25. Der Text erschien ursprünglich unter dem Titel „Bara marginal betydelse.“ In: Internasjonal Politikk 35 (1972:4B). Lipponen war damals Sekretär für internationale Angelegenheiten der SDP (Sozialdemokratische Partei).

85  Ingemar Mundebo: „Varför har vi inte nått längre? Reflektioner kring nordiskt samarbete.“ In: Leif Leifland/Bengt Sundelius u.a. (Hgg.): Brobyggare. En vänbok till Nils Andrén. Stockholm 1997, S. 235–247.

86  Leif Cassel: Så vitt jag minns. Memoarer.Stockholm 1973, S. 156 ff.

87  Bernd Henningsen: Nordeuropa – Zusammenarbeit ohne Integration. Da r stellung und Bewertung des Nordischen Rates. Ebenhausen 1985, S. 18. Für einen knappen, aber umfassenden Überblick über die Ergebnisse der nordischen Kooperation siehe ebd. S. 15–17.

88  Björn Hettne/Sverker Sörlin und Uffe Østergård: Den globala nationalismen. Nationalstatens historia och framtid. Stockholm 1998, S. 286.

89  Harle/Moisio: Missä on Suomi?

90  Henry Rask: „Finland och Sverige – finskt och svenskt.“, In: Johan Wrede (Hg.): Finlands svenska litteraturhistoria. Första delen: Åren 1400–1900. Stockholm/Helsingfors 1999, S. 18–25, hier: S. 19.

91  Jarl Gallén: „Huvudlinjer i Finlands historia.“ In: Ders.: Finland i medeltidens Europa. Valda uppsatser. Helsingfors 1998 (= Skrifter utgivna av Svenska litteratursällskapet i Finland; 613), S. 173–184, hier: S. 174 ff. Vgl. auch S. 178 zum nordischen Charakter Finnlands vor der Integration in das schwedische Königreich.
Es wäre eine andernorts zu führende Diskussion, ob damit die These von der ‚Kolonialisierung‘ Finnlands endgültig widerlegt wäre. Auf der Basis von Galléns Erkenntnissen muss man zu dem Schluss kommen, dass die schwedische Expansion gen Osten eine militärische Befestigung des bereits bestehenden Kulturkontaktes und der damit verbundenen Siedlungsbewegung war. Die legitimatorische Bemäntelung als Kreuzzug entsprach letzten Endes den damaligen Gepflogenheiten, ohne dass hier die Verbindung der Feldzüge mit der Christianisierung verneint werden soll.

92  Ausführlichere Erläuterungen müssen aus Platzgründen leider unterbleiben. Allerdings zeigt schon eine Untersuchung nur dieser Kernbereiche, wie stark prägend die Zugehörigkeit des heutigen Finnland zum schwedischen Königreich gewirkt hat. Dass die schwedisch-nordischen Wurzeln trotz des ebenso prägenden Jahrhunderts russischer Herrschaft immer noch präsent sind, ist der Übernahme (mit nur wenigen Änderungen) der schwedischen Gesetze und Verfassung, der Staatsreligion und der Stellung des Monarchen 1809 zu verdanken.
Zu diesem Aspekt sei hier nur verwiesen auf: Erik Allardt: Finland as a Nordic Society. In: Max Engman und David Kirby: Finland. People – Nation – State, London 1989, S. 212–226; Seppo Tiihonen: „Suomalaisen hallitsemismallin juuret.“ [Die Wurzeln des finnischen Verwaltungssystems]. In: Jaakko Numminen u.a. (Hgg.): Suomen keskushallinnon h i storia 1809–1996 [Geschichte der finnischen Zentralverwaltung 1809–1996], Helsinki 1996, S. 21–46. Zur Frage der semantischen Nähe des Finnischen und des Schwedischen siehe Matti Klinge: „Aspekte nordischer Individualität.“ In: Stephen R. Graubard (Hg.): Die Leide n schaft für Gleichheit und Gerechtigkeit. Essays über den nordischen Wohlfahrt s staat. Baden-Baden 1988 (= Nordeuropäische Studien; 4), S. 41–62, hier: S. 49.

93  Uffe Østergård: „The Geopolitics of Nordic Identity. From Composite States to Nation States.“ In: Øystein Sørensen/Bo Stråth (Hgg.): The Cultural Construction of Norden. Oslo/ Stockholm/Copenhagen u.a. 1997, S. 25–71, hier: S. 32.

94  Vgl. Aira Kemiläinen: „Nationalism in Nineteenth Century Finland.“ In: Antero Tammisto/Katariina Mustakallio/Hannes Saarinen (Hgg.): M i sce l lanea (= Studia Historica; 33), Helsinki 1989, S. 93–127, hier: S. 118f.

95  Es gab allerdings in Finnland auch Befürworter des Skandinavismus, die erste organisierte finnlandschwedische Nationalbewegung nannte sich „Vikingarna“. Ihr Führer, der Linguist Axel Olof Freudenthal (1836–1911) hatte bereits in den 1850er Jahren seine Vision von Finnland als dem vierten unabhängigen Staat im Norden propagiert. Allerdings war es nicht das erklärte Ziel, eine erneute staatliche Bindung mit Schweden oder ganz Skandinavien herbeizuführen, sondern auf Dauer wurde die gleichberechtigte Existenz der schwedischsprachigen Bevölkerung als zweite Volksnation im finnischen Staat ihr Ziel.
Allerdings entwickelten Anhänger der schwedischsprachigen Nationalbewegung eine Theorie von zwei Nationalitäten oder gar zwei verschiedenen Rassen in Finnland, wobei die demnach zur germanischen Sprachgruppe und zur teutonischen Rasse gehörenden Schwedisch Sprechenden den Finnisch Sprechenden überlegen seien.
Vgl. Kristina Beijar u.a.: Ett land två språk – den finländska modellen. Esbo 1998, S. 18f.; Kemiläinen: „Nationalism in Nineteenth Century Finland.“, S. 120.

96  Harle/Moisio: Missä on Suomi?, S. 57 und 61f.

97  Matti Klinge: „Finland and Europe before 1809.“ In: Ders.: The Fi n nish Tradition. Essays on structures and identities in the North of Europe.Helsinki 1993, S. 69–80, hier: S. 70.

98  Wendelin Ettmayer: Finnland. Ein Volk im Wandel. Berlin/Wien 1999, S. 85. Meiner Meinung nach sind die Finnen auf andere Weise westlich geprägt – durch ihre Geschichte als früherer Teil Schwedens, durch die Dominanz zunächst deutscher und schwedischer, später angloamerikanischer kultureller Einflüsse. Die DNA-Untersuchung mag korrekt sein, doch versuchen die Verfechter ihrer Ergebnisse, eine Vorstellung von primordial gegebener oder natürlicher Identität aufrechtzuerhalten, die unter der hier zugrunde gelegten Prämisse, dass Identitäten soziale Konstruktionen sind, nicht geltend gemacht werden können. Sie können aber gerade als Beispiel für Identitätskonstruktion dienen, da dieses Vorgehen dem Muster des 19. Jahrhunderts gleicht, mit scheinbar ontologischen Realitäten Belege für den primordialen Charakter der nationalen Identität, die vorgeblich mit einer ethnischen übereinstimmt, zu liefern.
Stellvertretend für die unzähligen Literaturtitel sei hier verwiesen auf Shmuel N. Eisenstadt: „Die Konstruktion kollektiver Identität im modernen Nationalstaat.“ In: Bernd Henningsen und Claudia Beindorf (Hgg.): Gemeinschaft. Eine zivile Imagination. Baden-Baden 1999, S. 197–211.

99  Vgl. Pentti Renvall: „Zur Organisations- und Sozialgeschichte der finnisch-nationalen Bewegung im 19. Jahrhundert.“ In: Theodor Schieder/Peter Burian (Hgg.): Sozialstruktur und Organisation europäischer Nationalbewegungen. München/Wien 1971 (= Studien zur Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts; 3), S. 155–167, hier: S. 156 ff.

100  Torkel Jansson: „To riger bliver til fem nationalstater – og flere nationer.“ In: Henrik S. Nissen (Hg.): Nordens historie 1397 – 1997. 10 essays. København 1997, S: 65–97, hier: S. 90.

101  Hindernisse erfuhren die Finnen bei diesem Vorhaben lange nicht. Russland stellte sich positiv, um auf diese Weise die Bindungen Finnlands an das ehemalige Mutterland Schweden möglichst vollständig zu kappen.

102  Vgl. Pekka Ahtiainen und Jukka Tervonen: Menneisyyden tutkijat ja metodien vartijat. Matka suomalaiseen historiankirjoitukseen [Erforscher der Vergangenheit und Wächter der Methoden. Eine Reise in die finnische Geschichtsschreibung] Helsinki 1996 (= Käsikirjoja; 17:1), S. 41 ff.

103  Harle/Moisio: Missä on Suomi?, S. 61.

104  Vgl. Torsten G. Aminoff: „Bakom en språkridå. Finland och Nordisk Tidskrift.“ In: Nordisk Tidskrift N.S. 53, S. 50–52, hier: S. 50.

105  Andersson: „Nordiskt samarbete.“, S. 332.

106  Østergård: „The Geopolitics of Nordic Identity.“, S. 25 ff.

107  Vgl. Leena Kaukiainen: Avoin ja suljettu raja. Suomen ja Norjan su h teet 1918–1940 [Die offene und die geschlossene Grenze. Finnlands und Norwegens Beziehungen 1918–1940] Helsinki 1997 (= Historiallisia tutkimuksia; 197), S. 25 ff.

108  Engman: „Är Finland ett nordiskt land?“ S. 276.

109  Natürlich wird hier die Zugehörigkeit Finnlands zur schwedischen Monarchie bis 1809 keinesfalls ausgeblendet. In der Position Schwedens als ehemaliges Mutterland sind ja gerade die Wurzeln für die hier geschilderte Rollenverteilung zu finden.

110  Engman: „Är Finland ett nordiskt land?“, S. 277.

111  Vgl. Andersson: „Nordiskt samarbete.“, S. 332; Juhani Paasivirta: Finland and Europe. The early years of independence 1917–1939.Helsinki 1988 (= Studia Historica; 29), S. 200f. und 205.

112  Paasivirta: Finland and Europe, S. 162. Die nordische Anbindung war eine anfangs offensichtlich höher prioritierte Option, doch wurde sie zu Gunsten der Randstaatenpolitik wieder fallengelassen. Problematisch für eine gemeinsame nordische Neutralitätspolitik war die Weigerung der skandinavischen Länder, der finnischen Forderung nach der Solidarität seiner Nachbarn im Kriegsfall zu entsprechen.

113  Seppo Zetterberg: Itsenäisen Suomen historia [Geschichte des unabhängigen Finnland]Helsinki 1995, S. 39.

114  Hufvudstadsbladet 6.12.1967, zitiert nach: Marttila: Nordek-suunnitelma, S. 54.

115  Vgl. Kari Selén: „Finlands förändrade inställning till det nordiska samarbetet.“ In: Nordisk Tidskrift N.S. 60 (1984), S. 412–416, hier: S. 414.

116  Osmo Jussila/Seppo Hentilä und Jukka Nevakivi: Vom Großfürstentum zur Europäischen Union. Politische Geschichte Finnlands seit 1809. Berlin 1999, S. 190f.; Kullervo Killinen: „Pohjoismainen puolueettomuuslinja.“ [Die nordische Neutralitätslinie.] In: Ilkka Hakalehto (Hg.): Suomen ulkopolitiikan kehityslinjat 1809–1966 [Entwicklungslinien der finnischen Außenpolitik 1809–1966]. Porvoo/Helsinki 1966 (= Taskutieto; 1), S. 81–96, hier: S. 85 ff.

117  Klinge: „Aspekte nordischer Individualität.“, S. 54.

118  Andersson: „Nordiskt samarbete.“, S. 333.

119  Ich betrachte den geschlossenen Beitritt Dänemarks, Norwegens und Schwedens zur EFTA 1959/60 als Fortsetzung der vorausgegangenen Verhandlungen über eine nordische Zollunion. Die EFTA als solche war selbstverständlich kein genuin nordisches Projekt, verwirklichte aber die mit der Zollunion verbundenen Pläne zu einem großen Teil.

120  Zetterberg: Itsenäisen Suomen historia, S. 113.

121  Berg: Der Nordische Rat und der Nordische Ministerrat, S. 133f. Allerdings nehmen finnische Vertreter erst seit der Mitgliedschaft ihres Landes an den Sitzungen des Nordischen Rats teil.

122  Klinge: „Aspekte nordischer Individualität.“, S. 49.

123  Olli Nuutinen: „Finsk og Finlands kultur set fra Danmark.“ In: Pirkko Ruotsalainen/Esko Koivusalo und Gustaf af Hällström (Hgg.): Suomi po h joismaisena kielenä. Finskan som språk i Norden. Helsinki 1983, S. 185–187, hier: S. 185.

124  Aminoff: „Bakom en språkridå.“, S. 51f.

125  Womit hier keineswegs behauptet werden soll, Finnland hätte, wäre es nach 1809 im Verbund der schwedischen Monarchie verblieben, keine Nationalbewegung haben oder später keine Selbständigkeit erlangen können. Die Frage, wann und in welcher Form diese erlangt worden wären, muss Spekulation bleiben.
Über diese Frage entbrannte 1997 anlässlich der Veröffentlichung von Matti Klinges Buch Kejsartiden. Esbo 1996(= Finlands historia; 3) eine heftige Debatte, deren Protagonisten neben Klinge die Historiker Osmo Jussila und Martti Häikiö waren. Die Kernthese Häikiös war, dass die russische Herrschaft Finnlands Entwicklung stärker gehemmt habe, als der Fortschritt als Teil Schwedens hätte sein können. Klinge hielt dem den wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung der Autonomiezeit entgegen. Jussila verwies darauf, dass Finnland erst als Folge der Loslösung von Schweden unter russischer Herrschaft eigene staatliche Institutionen erhielt und der Status der finnischen Sprache gefördert wurde. Eine Zusammenfassung der in Helsingin Sanomat im Februar–April 1997 geführten Diskussion findet sich bei Max Engman: „Finlands imperiella decennier.“ In: Ders.: Lejonet och dubbelörnen. Finlands imperiella decennier 1830–1890. Stockholm 2000 (= Svenska humanistiska förbundets skriftserie; 113), S. 9–37, hier: S. 18–21.
Letzten Endes ist diese Debatte eine Fortführung der Diskussion um die These des Historikers Bernd Estlander über „Den ryska parantesen i Finlands historia“; diese These war in der finnischen nationalen Geschichtsschreibung insbesondere in den 1920er Jahren sehr populär. Dieses Bild war in seiner negativen Konnotation stark von der Endphase der russischen Herrschaft und deren Vereinheitlichungspolitik (oft als ‚Russifizierung‘ bezeichnet) geprägt. Diese These betrachtete die Jahre 1809–1917 als Unterbrechung, nach deren Ende Finnland zu seiner ‚normalen‘ nordischen Linie zurückkehrte.

126  Nichtsdestotrotz geschah die Entwicklung eigenstaatlicher Institutionen zwar von Schweden getrennt, aber wie oben erläutert von der schwedischen Zeit geprägt. Die Rolle Schwedens für das finnische Verhältnis zum Norden erstreckt sich aber auch auf seine Position als ‚großer Bruder‘, als Vorbild und eigentliche Brücke Finnlands zum Norden. Selén geht sogar so weit zu behaupten, dass man in Finnland schon in den 30er Jahren statt auf nordische Zusammenarbeit eigentlich auf bilaterale Kooperation mit Schweden abzielte. Selén: „Finlands förändrade inställning.“, S. 414.
Die historisch zu begründende Nähe zu Schweden wurde nach dem Zweiten Weltkrieg dadurch verstärkt, dass beide Länder – wenn auch unterschiedlich ausgeprägte – Neutralitätspolitiken verfolgten.

127  Selén: „Finlands förändrade inställning.“, S. 416.

128  Dies gilt allerdings ebenso für die westeuropäische Dimension: Das Hauptmotiv der finnischen Integrationspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg war eben der Wunsch nach weitgehender ökonomischer Einbindung in den Westen, soweit das Verhältnis zur Sowjetunion dies zuließ.
Matti Klinge bestreitet in seiner bereits zitierten Philippika die Bedeutung der Identitätsgemeinschaft Norden für die Mehrheit des finnischen Volkes; doch geht er mit seiner Behauptung, es gebe mehr finnische Gemeinsamkeiten mit Estland als mit dem Norden, zu weit. Doch ist dies wohl der beabsichtigten provokativen Zuspitzung geschuldet. Klinge: „Gehört Finnland noch zum Norden?“, S. 46.



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05.12.2005