Ruinenwahrnehmung

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Die ästhetische Wahrnehmung von Ruinen ist keine anthropologische Konstante. Räumlich und zeitlich bedingte Besonderheiten führen, so Heckscher, zu unterschiedlichen Ausprägungen der zwischen Verehrung und Negation pendelnden Ruinenwahrnehmung. Erst die historische Distanz des Betrachters und die damit einhergehende Ausbildung eines feststehenden Begriffs machen aus rätselhaften Trümmerfeldern und verfallenen Steinmassen „Ruinen“.256

Im Folgenden soll versucht werden, die historischen Grundvoraussetzungen für das Definieren und Bewerten von Ruinen herauszuarbeiten. Mangels epochenübergreifender Untersuchungen über die Geschichte von Ruinenwahrnehmungen und Ruinenfunktionen in Text- und Bilddokumenten, stütze ich mich im Wesentlichen auf die Werke Simmels, Heckschers und Zimmermanns. Verknüpfend mit dem Thema dieser Arbeit sollen deren Kernaussagen mit der Wahrnehmung oder Vernachlässigung der Ruinen auf dem Palatin in Beziehung gesetzt werden, wie sie sich in romtopografischen Texten und Bilddokumenten, insbesondere bei Hieronymus Cock, präsentieren.

4.1  Ästhetik und Funktionen von Ruinen

Einer der ersten Versuche eine Wesensdefinition von Ruinen zu formulieren, stammt von dem Soziologen Georg Simmel.257 Für ihn drückt Architektur die Bezwingung der Natur durch den menschlichen Willen aus. Im Umkehrschluss symbolisiert die Architekturruine den Rückeroberungsfeldzug der Natur und die Überwindung des menschlichen Willens mit ästhetischen Mitteln:

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„Anders ausgedrückt, ist es der Reiz der Ruine, daß hier ein Menschenwerk schließlich wie ein Naturprodukt empfunden wird… Was den Bau nach oben geführt hat, ist der menschliche Wille, was ihm sein jetziges Aussehen gibt, ist die mechanische, nach unten ziehende, zernagende und zertrümmernde Naturgewalt. Aber sie läßt das Werk dennoch nicht, solange man überhaupt noch von einer Ruine und nicht von einem Steinhaufen spricht, in die Formlosigkeit bloßer Materie sinken, es entsteht eine neue Form, die vom Standpunkt der Natur aus durchaus sinnvoll, begreiflich, differenziert ist.“

Für die ästhetische Beurteilung von Ruinen trifft Simmel eine klare Unterscheidung zwischen „natürlichen“ – also durch verschiedenste Naturgewalten geformte – Ruinen und den von Menschenhand zerstörten Architekturen:

„Darum fehlt manchen römischen Ruinen, so interessant sie im übrigen seien, der spezifische Reiz der Ruine: insoweit man nämlich an ihnen die Zerstörung durch den Menschen wahrnimmt; denn dies widerspricht dem Gegensatz zwischen Menschenwerk und Naturwirkung, auf dem die Bedeutung der Ruine als solcher beruht.“

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Und nur dort, wo es der Natur gelänge, die Balance zwischen Erhalt und Zerstörung zu wahren, offenbare sich die erfahrbare Schönheit des Werkes:

„Der ästhetische Wert der Ruine vereint die Unausgeglichenheit, das ewige Werden der gegen sich selbst ringenden Seele mit der formalen Befriedigtheit, der festen Umgrenztheit des Kunstwerks. Deshalb fällt, wo von der Ruine nicht mehr genug übrig ist, um die aufwärts führende Tendenz fühlbar zu machen, ihr metaphysisch-ästhetischer Reiz fort. Die Säulenstümpfe des Forum Romanum sind einfach häßlich und weiter nichts, während eine etwa bis zur Hälfte abgebröckelte Säule ein Maximum von Reiz entwickeln mag.“

Nach seiner anfänglich rein ästhetischen Ruinenbetrachtung kommt Simmel schließlich auf den historischen Erinnerungswert von Ruinen und Altertümern im Allgemeinen zu sprechen:

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„…daß das Leben mit seinem Reichtum und seinen Wechseln hier einmal gewohnt hat, das ist unmittelbar anschauliche Gegenwart. Die Ruine schafft die gegenwärtige Form eines vergangenen Lebens, nicht nach seinen Inhalten oder Resten, sondern nach seiner Vergangenheit als solcher. Dies ist auch der Reiz der Altertümer, von denen nur eine bornierte Logik behaupten kann, daß eine absolut genaue Imitation ihnen an ästhetischem Wert gleichkäme.“

Böhme, der die Definition der ästhetischen Ruinenbesonderheit von Simmel im Wesentlichen übernimmt, betont noch stärker die archivalische Gedächtnisfunktion, die den Ruinen als steinerne Zeugen vergangener Zeiten innewohnt.262 Das Maximum an ästhetischem Reiz, das Simmel in der Ruine „einer etwa bis zur Hälfte abgebröckelte[n] Säule“ zu sehen bereit ist,lehnt Böhme allerdings ab:

Wie immer auch die Bedeutung der Ruine in der Geschichte changiert, sie bleibt ein Dementi des Scheins des Schönen. Sie mag Ausdruck der Macht oder des elegischen Erinnerns, der eschatologischen Wende oder der vanitas sein: Sie mag erhaben oder wüst, erschreckend oder melancholisch sein, nie aber ist sie schön. Diese Verwesung und Zersetzung des Schönen und des Sinns, der in jenem sein scheinhaftes Wesen treibt, prädestiniert die Ruine für eine Ästhetik des Schocks.

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Zimmermann ergänzt die Definitionen Simmels und Böhmes für das Phänomen künstlicher Ruinen um drei grundsätzlich verschiedene „Ruinen-Konzepte“, die „auch für das Motiv der Ruine in Dichtung und Malerei von wesentlicher Bedeutung sind.“ 264 Zimmermann überbrückt den durch Heckscher formulierten harten Bruch zwischen mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Ruinenwahrnehmung, indem er darauf hinweist, dass die unterschiedlichen „Ruinen-Konzepte … bereits im Mittelalter vollgültig ausgebildet“ waren und später lediglich modifiziert, umgedeutet oder miteinander verknüpft wurden.265

Das Erste der drei „Konzepte“ sieht die Ruine als negatives Phänomen, als defekte und entfunktionalisierte Architektur. Da Ruinen in dieser Kategorie meist als Gegenbeispiel zur Steigerung des Intakten, Schönen und Guten verwendet werden, spricht Zimmermann von „kontrastierenden Ruine[n]“, denen jeglicher Zeitbezug fehlt.266

Ganz anders verhält es sich in der zweiten Kategorie der „transitorische[n] Ruine[n]“, wo der „historische Gehalt“ das entscheidende Wesensmerkmal ist.267 Die „transitorische“ Ruine entspricht einer „historisch dynamisierte[n] kontrastierende[n] Ruine“ 268, die als Symbol für den Untergang des Alten und die Erwartung des Neuen eng mit dem Konzept der christlichen Heilsgeschichte verbunden ist. Doch auch im profanen Bereich, z.B. in der Gartenkunst, haben „künstliche Ruinen, die von blühender Natur umgeben sind … einen generellen transitorischen Sinn.“ 269

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Der „kontinuitätsstiftenden Ruine“ 270 haftet als dritter Kategorie ebenfalls eine historische Komponente an. Der zeitliche Fokus wird bei ihr jedoch – im Gegensatz zur „transitorischen“ Ruine – nur in eine Richtung gelenkt. Sie vergegenwärtigt etwas Vergangenes, das entweder bereits verloren ist oder das unmittelbar verloren zu gehen droht und das es zu restaurieren oder zu konservieren gilt. Durch sie soll das „diesseitige Überdauern“ oder die „lebenskräftige Evokation des Vergangenen“ gesichert werden. Während „transitorische Ruinen“ immer mit einer Heilserwartung oder einer allgemeinen Wendung vom Schlechten zum Guten verbunden werden, ist die Wahrnehmung kontinuitätsstiftender Ruinen immer geprägt von Wehmut, die die Zerstörung des Vergangenen beklagt.271

4.2 Mittelalterliche und frühneuzeitliche Wahrnehmung römischer Ruinen

Eine der Vorraussetzungen für eine positiv konnotierte Sicht auf Ruinen und der Herausbildung eines feststehenden Begriffs für die Bezeichnung zerstörter Bauwerke liegt in der Überwindung des christlich geprägten, mittelalterlichen Schönheitsbegriffs.272 Dessen drei wesentliche Bestandteile sind in der Auslegung Thomas von Aquins erstens Unversehrtheit oder Vollendung – „integritas sive perfectio“ –, zweitens Symmetrie oder Harmonie – „proportio sive consona n tia“ – und drittens Klarheit – claritas –.273 Solange „an allem Gestürzten, auch an den Trümmern Roms … ein böses Omen“ hing, ließ „die bloße Eigenschaft ‚stürzen zu können’“ die Dinge nicht nur „vanitär und damit – gemessen an den „ewigen Dingen“ – zweitrangig“ 274 erscheinen, sondern auch als Vorzeichen des Untergangs der eigenen Weltordnung. Solange Kirche und Kaisertum sich in Bezug auf die alttestamentarische Theorie der vier Weltreiche275 als ungebrochene Herrschaftsnachfolger des augusteischen Imperium Romanum sahen, wurden antike Ruinen kaum als bewundernswerte Erinnerungsgüter gesehen, mit einem einheitlichen Begriff bezeichnet oder mittels einer ausgeprägten Ruinen-Ikonografie bildlich wiedergegeben. Ruinöse antike Bauten wurden höchstens beklagt, nicht aber als ästhetisches Objekt gesehen. Heckscher nennt Hildebert de Lavardins Klage über den verheerenden Zustand des heidnischen Roms in seinem Gedicht De Roma und die Hoffnung auf Erlösung durch den Glauben an das Kreuz Christi im ergänzenden Pendant Item de Roma als pessimistisch geprägtes Bespiel für die mittelalterliche Distanzlosigkeit zur Antike. Die Rombeschreibung der Graphia aureae urbis Romae führt er dagegen als optimistisches Beispiel desselben Phänomens der Distanzlosigkeit an, denn die erwähnten antiken Bauwerke werden hier gar nicht erst als zerstört kenntlich gemacht.276

Der Verwendung des Wortes ruina als Sammelbegriff für die Benennung antiker Gebäudetrümmer setzte sich erst während des 15. Jahrhunderts, also nach der von Italien ausgehenden ästhetischen und inhaltlichen Neubewertung verfallener Gebäude, allmählich durch.277 Häufig wurde damit jedoch noch nicht ausschließlich das zerstörte Gebäude benannt, sondern der Vorgang des Stürzens selbst verdeutlicht. Die begriffliche Mehrdeutigkeit stammt bereits aus der klassischen lateinischen Literatur, wo Ruinenbenennungen mit dem Substantiv ruina ebenfalls rar sind und meist auf „katastrophale Situationen bezogen“ sind.278 Auch dort wird das Zerstört- oder Fragmentiertsein häufiger durch Verben oder Adjektive umschrieben. Im mittelalterlichen Sprachgebrauch verengte sich die Benennung zerstörter Bauten nahezu ausschließlich auf die Umschreibung von Verfallsprozessen oder Verfallszuständen, ohne das verfallene Bauwerk als „Endprodukt“ mit einem übergreifenden Substantiv als ruina zu benennen.279 Antike römische Ruinen wurden stattdessen entweder als nicht näher bestimmte Mirabilia angegeben oder mit den Bezeichnungen der vermeintlichen Gebäudetypen – balneum, thermae, theatrum, palatium usw. – betitelt. Informationen über den zeitgenössischen Zustand der Gebäude finden sich in mittelalterlichen Rombeschreibungen äußerst selten.280

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Analog zur sprachlichen Begriffsprägung beschränkt sich auch die bildliche Wiedergabe zerstörter Bauten im Mittelalter auf die Momente des Einsturzes. Die entsprechenden Gebäude werden dabei entweder auf dem Kopf stehend oder gerade in ihre Einzelteile auseinander fallend dargestellt.281 Die antiken Bauwerke Roms werden dagegen als intakte Bauten gezeigt, wie zum Beispiel in Cimabues Ytalica in der Oberkirche von S. Francesco in Assisi, auf der Goldbulle Ludwigs des Bayern oder in Stadtplänen (Abb. 76–77).

Seit dem beginnenden 14. Jahrhundert ist in einigen Fällen ein Wandel der Ruinenwahrnehmung festzustellen. Eine tendenziell veränderte Ruinenwahrnehmung kann auch in den textlichen Überlieferungen zum Palatin beobachtet werden.282 Heckscher sieht hier den Beginn „einer Verselbständigung und Nobilitierung des Bildes der antiken Ruinen“. 283Den nun eintretenden Unterschied sieht Heckscher darin, dass sich „im Mittelalter die bedeutendsten Verbreiter des Romgedankens“ bemühten, ein auf einer Idee beruhendes und wirklichkeitsfernes Bild Roms am Leben zu erhalten, während im 14. Jahrhundert ein durch Beobachtungen des Istzustandes hervorgebrachtes Idealbild geschaffen wurde.284 Als Pioniere dieser Wertewandlung nennt Heckscher Dante, Cola di Rienzo und vor allem Petrarca.

In Dantes Convivio komme zwar noch die mittelalterliche Romsicht zum Tragen, die die christliche Nachfolge des Römischen Reiches auf Augustus als Friedensstifter stützt und das heidnische Rom als den von Gott bestimmten Vorgänger des christlichen Weltreiches wahrnimmt. In diesem Sinne seien die Ruinen der Stadt, die Dante noch nicht als solche benennt, als transitorische Symbole eines Interimszustands im göttlichen Heilsplan zu sehen, die auf die goldene Zukunft des künftigen Reiches verweisen. Seine Rombeschreibung, die die antiken Steine und den Boden unter ihnen für ehrwürdig erachtet, dieses neue Reich zu begründen, habe zwar nichts gemeinsam mit einem realistischen „Augenerlebnis“ 285 vor Ort, doch knüpfe sie die Erfüllung des Heilsplanes erstmals an die Materialität und den „Ort“ Rom, nicht nur an eine abstrakte politische oder heilsgeschichtliche „Idee“ von Rom.286

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In Ergänzung dazu sei der politische Romkult Cola di Rienzos zu sehen, dessen Rombild Heckscher als frühen Wegbereiter des archäologischen Blicks bezeichnet, da es auf einer kritischen Auseinandersetzung mit den „’greifbaren’ Überre s te[n] der Rom-Antike“ beruhe.287 Von Rienzo, der selbst auch Ausgrabungen in Rom durchführen ließ, führe eine direkte Linie über Petrarca und Bocaccio bis hin zu den antiquarisch motivierten Werken Giovanni Dondis, Poggio Bracciolinis und Flavio Biondos.288

Petrarcas Rolle im Wahrnehmungswandel römischer Ruinen sieht Heckscher in der Grundlegung späterer Ruinenromantik und Ruinenpietät. Unter dem Mantel traditioneller Ausdrucksformen von Klageschriften, „verwandelte und veredelte sich“ in Petrarcas Romklagen das „überkommene Bild der Romruinen“.289 In einem Brief an seinen römischen Gönner Giovanni Colonna schildert Petrarca seine überwältigenden Empfindungen beim erstmaligen Erblicken Roms. Petrarca schreibt, der römische Freund habe ihn, bevor er 1337 Rom zum ersten Mal bereiste, vor der zwangsläufig eintretenden Enttäuschung gewarnt, die die Diskrepanz zwischen der idealen Erwartung von der Größe Roms und dem realen physischen Bild der Stadt hervorrufen würde. Doch entgegen aller Befürchtungen des Freundes habe der Anblick der antiken Überreste sein lediglich durch die Lektüre von Büchern geformtes Rombild noch übertroffen.290 Ähnlich wie dem Autor der Edifichation de Roma gelingt es Petrarca offensichtlich, sein angelesenes „intaktes“ Rombild mit den Ruinen vor Ort in Einklang zu bringen und die Großartigkeit Roms aus dem zerstörten Überrest abzuleiten.291

In einem 30 Jahre später verfassten Brief blickt Petrarca mit Wehmut auf diese erste Romreise zurück. Dabei beklagt er vor allem das Aussterben der Generation von Männern wie Paolo Annibali oder Giovanni und Stefano Colonna, die „jene Ruinen ihres Vaterlandes wenigstens liebten und ehrten“ 292 und vor allem vor weiteren Zerstörungen schützten.

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Die wesentliche Neuerung der Rezeption antiker Ruinen durch Petrarca lässt sich an deren Wertung als reliquienähnliche Denkmäler des Altertums festmachen, die es vor weiteren Demontagen zu bewahren gilt. Anders als Magister Gregorius, der trotz aller menschlicher Gegeneinwirkungen an eine wundersame Selbsterhaltungskraft der Ruinen zu glauben scheint, erkennt Petrarca als grundlegende Neuerung, dass nur die emotional-pietätvolle Bindung zwischen Mensch und Ruine diese vor weiterem Verfall zu bewahren vermag. Petrarcas häufig wechselnde Verwendung der Begriffe reliquia, ruina, fragmentum für die Umschreibung zerstörter Bauwerke, lässt Heckscher jedoch daran Zweifeln, ob der in Rom gekrönte Dichterfürst bereits an die bewusste Einführung eines konkreten Sammelbegriffs für das Ruinenphänomen gedacht haben mag, wie er sich erst im darauf folgenden Jahrhundert entwickelte.293

Auf dem Gebiet bildlicher Überlieferungen treten Ruinen ab dem 15. Jahrhundert – im heilsgeschichtlichen Kontext und mit zeitgenössischem Aussehen – besonders häufig auf Darstellungen von Christi Geburt in Erscheinung. Botticellis zwischen 1472 und 1475 gemalte Anbetung der Könige (Uffizien, Florenz) gilt als erstes Gemälde, das in diesem Kontext eine antikisierende Ruine zeigt.294 Als früheste Darstellung einer Ruine, in der sie zum Hauptgegenstand arriviert ist“295 nennt Zimmermann eine Illustration in der 1499 erschienenen Hypnerotomachia Poliphili, was zumindest für das Medium der Druckgrafik zutrifft (Abb. 79).

Im Medium der Zeichnung sind jedoch schon ältere Ruinendarstellungen überliefert. Fol. 39 r des 1420 fertig gestellten Liber Insularum archipelagi des Florentiner Klerikers und Antiquars Cristoforo Buondelmonte zeigt eine Ruinenansicht Trojas (Abb. 78).296 Auf der oberen Blatthälfte gibt der Zeichner die zerstörten Befestigungsmauern der Stadt wieder. Darüber befindet sich auch hier ein Trümmerfeld mit antiken Säulen, Kapitellen, Schmuckbasen und Gebälkfragmenten. In der unteren linken Ecke zeichnet der Kopist einen Rekonstruktionsversuch der legendären Stadt. Im Gegensatz zu mittelalterlichen Ruinendarstellungen wird hier nicht der Moment des Einstürzens wiedergegeben. Zwar ist der Pflanzenbewuchs, der den bereits länger andauernden Ruinenzustand verdeutlichen soll, weniger üppig als auf dem späteren Holzschnitt der Hypnerotomachia Polifili, dennoch ist auf der Zeichnung zu erkennen, dass nicht der Moment des Untergangs wiedergegeben wird, sondern die Ruine als Endprodukt des Verfalls, mit deren Hilfe eine Rekonstruktion des ehemals intakten Zustands möglich scheint. Während dem antiken Troja ein eher mittelalterliches Antlitz verpasst wurde und die fiktive Ruine der Hypnerotomachia antikisierend erscheint, zeigen beide Ruinendarstellungen fragmentierte Bauteile, die dazu anregen, das Trümmerpuzzle wieder zusammenzusetzen.

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Hieronymus Cock setzt zwar den hier eingeschlagenen Weg fort, indem er den Sinn der Ruinen als historische Erinnerungsmale für vergangene Zeiten übernimmt, ersetzt jedoch die nicht existenten Ruinen Trojas und die „traumhaften“ Ruinen der Hypnerotomachia Poliphili durch die tatsächlich bestehenden Ruinen Roms. Zusätzlich wertet er die Ruinen als Objekte intensiver künstlerischer Auseinandersetzung ästhetisch auf.


Fußnoten und Endnoten

256  Vgl. Heckscher 1936, S. 6–14; Böhme 1989, PDF-download, S. 1.

257  Vgl. Simmel 1919.

262  Böhme 1989, PDF-download, S. 1.

264  Zimmermann 1989, S. 252.

265  Zimmermann 1989, S. 252. Vgl. dazu Heckscher 1936, S. 15–37.

266  Zimmermann 1989, S. 141–143, 252.

267  Zimmermann 1989, S. 143–150, 252.

268  Zimmermann 1989, S. 149–153, 252.

269  Zimmermann 1989, S. 252.

270  Zimmermann 1989, S. 252.

271  Auch wenn die Bezeichnung als „kontinuitätsstiftendes Ruinenkonzept“ etwas irreführend wirkt – da es hierbei ja eigentlich um die Vergegenwärtigung einer Diskontinuität geht – so ist die Unterscheidung zu den beiden anderen Formen der Ruinenwahrnehmung dennoch sinnvoll.

272  Vgl. dazu Heckscher 1936, S. 211–212 und Zimmermann 1989, S.137. 

273 Aquinas, Thomas: Summa Theologica, Prima Pars, Quaestio XXXIX: De Personis ad essentiam relatis in octo articulos divisa. URL: http://www.thelatinlibrary.com/aquinas/q1.39.shtml (11. März 2005), 1, 39, 8: „Nam ad pulchritudinem tria requiruntur. Primo quidem, integritas sive perfectio: quae enim diminuta sunt, hoc ipso turpia sunt. Et debita proportio sive consonantia. Et iterum claritas: unde quae habent colorem nitidum, pulchra esse dicuntur.” Vgl. dazu Heckscher 1938, S. 211 und S. 212, Anm. 1 sowie Zimmermann 1989, S. 137.

274  Heckscher 1936, S. 28, Anm. 39.

275  Vgl. Heckscher 1938, S. 205, der sich auf den Hieronimus-Kommentar zu Buch Daniel, II.37 und VII.3 bezieht.

276  Vgl. Heckscher 1938, S. 207–209.

277  Vgl. Heckscher 1936, S. 28–29.

278  Heckscher 1936, S. 29. Vgl. dazu auch Art. „ruina, ae (f.)“, in: Heinrich Georges (Hg.): Ausführliches Lateinisch-Deutsches Handwörterbuch. Aus den Quellen zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter der Berücksichtigung der besten Hilfsmittel ausgearbeitet von Karl Ernst Georges, 2. Bdd., 9. Aufl., Hannover/ Leipzig 1845, Bd. 2, Sp. 2422–2423 und Art. „ruina, ae (f.)“, in: Rita Hau (Hg.): Wörterbuch für Schule und Studium. Lateinisch – Deutsch, 2. neubearb. Aufl. (Nachdruck der Ausgabe von 1986), Stuttgart/ Düsseldorf/ Leipzig 2001, S. 914. In beiden Wörterbüchern ist die primäre Bedeutung des Wortes ruina, ae als Niederstürzen, Einsturz, Fall, Verderben, Untergang angegeben. Als weitere Bedeutungen finden sich hier „Ruinen“ und „Trümmer“.

279  Vgl. Heckscher 1938, S. 29. Tatsächlich findet sich in den meisten mittellateinischen Wörterbüchern kein Eintrag zum Substantiv „ruina, ae“, stattdessen nur zum Verb „ruino, -are“. Vgl. Albert Blaise (Hg.): Lexicon latinitatis medii aevi: praesertim ad res ecclesiasticas investigandas pertinens. (= Dictionnaire latin-français des auteurs du Moyen-age). Corpvs Christianorvm. Continuatio Mediaeualis, Turnholti 1975, S. 806; Jan Frederik Niermeyer/ Co van de Kieft (Hgg.): Mediae latinitatis lexicon minus (Lexique latin médiéval. Medieval Latin dictionary. Mittellateinisches Wörterbuch), Bd. 2: M–Z, 2. überarb. Aufl., Darmstadt/ Leiden 2002, S. 1205. Vgl. im Gegensatz dazu Albert Sleumer (Hg.): Kirchenlateinisches Wörterbuch. Unter umfassendster Mitarbeit von Joseph Schmid, Hildesheim/ Zürich/ New York 1990 (Nachdruck der Ausgabe von 1926), S. 683, wo ein Eintrag zu „ruina, ae (f)“ u. a. mit den Wortbedeutungen „Sturz“, „Unheil“, „Mauerriß“, im Plural „Trümmer“, „Gefallener“, „Leiche“ und „Sündenfall“ verzeichnet ist.

280  S. Anhang D sowie für die Beschreibungen der Palatinruinen Kapitel 3.3.

281  Vgl. Heckscher 1938, S. 210–213, Abb. 28 b–c und Zimmermann 1989, S. 136–137.

282  S. Kapitel 3.3 und Anhang D.

283  Heckscher 1936, S. 15.

284  Heckscher 1936, S. 17.

285  Heckscher 1936, S. 18.

286  Vgl. dazu Rehm 1960, S. 65–66.

287  Heckscher 1936, S. 19–20.

288  Von der Romklage Hildebert von Lavardins führe dagegen keine direkte Linie zur Ruinenrezeption der Renaissance, da das „Distanzgefühl zur Antike“ unterschiedlichen Motivationen entspringt. Der mittelalterliche Renovatiogedanke beinhaltete eine unauflösbare Diskrepanz zwischen dem ungebrochenen Fortsetzungsanspruch in Bezug auf das Römische Reich und Erneuerungsbestrebungen einer im Grunde unerreichbaren antiken Kultur. Im frühneuzeitlichen Sinn der Wiederbelebung war dagegen klar, dass die Antike nur noch nachgeahmt oder übertroffen werden konnte, dass sie ihrem Wesen nach aber etwas für immer Vergangenes bleiben wird. Vgl. dazu Heckscher 1936, S. 20, Anm. 17 und Rehm 1960, S. 43–86.

289  Heckscher 1936, S. 20.

290  Vgl. Heckscher 1936, S. 23, der sich auf Petrarca, Epistolae de rebus familiaribus, lib. II, 14, Brief vom 15. März 1337 bezieht.

291  Vgl. dazu McGowan 2002.

292  Vgl. Heckscher 1936, S. 24–25, der sich auf Petrarca, Senili X, 2 bezieht.

293  Vgl. Heckscher 1936, S. 28.

294  Im Bereich der Stadtpläne mit zeitgenössischen Ansichten Roms finden sich schematische Ruinenandeutungen bereits im Romplan von Pietro del Massaio von 1469, Frutaz 1962, Bd. 2, Tafel 157, Plan lxxxvii sowie Pietro del Massaios Romplan von 1471 (Abb. 23).

295  Zimmermann 1989, S. 139.

296  Vgl. Schnapp, Alain: The Discovery of the Past. The Origins of Archaeology, London 1996, S. 115.



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26.04.2007