Schluss

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Betrachtet man die von Hieronymus Cock publizierten Palatinansichten aus archäologischer Sicht, so muss man Huelsens Kommentar über die „Veduten bei Hier. Kock“, die außer, dass sie „ zeigen, wie hoch die Verschüttung der Ruinen ging“ sonst aber wenig lehrreich seien,297 für eine Vielzahl der untersuchten Ansichten bestätigen. Die in Antwerpen vorhandenen Monumentansichten wurden innerhalb der Bildkomposition häufig als Versatzstücke gehandhabt. Das führt dazu, dass bei manchen Ansichten zwar Ruinendetails realitätsnah wiedergegeben werden, dass aber die topografischen Zusammenhänge frei hinzugefügt wurden. Auf anderen Ansichten lassen sich dagegen ungefähre topografische Zusammenhänge erkennen, dafür sind die Details ungenau wiedergegeben. Und in einigen Fällen stimmen weder Monumentwiedergabe noch Lokalisierung mit dem Palatin überein.298 Hieronymus Cocks Verdienste sind also in der Tat weniger auf archäologischem Gebiet zu suchen.

Wechselt man jedoch den Betrachterstandpunkt und ordnet die hier untersuchten Ansichten in die Rezeptionsgeschichte des Palatins vor dem 16. Jahrhundert ein, dann muss das Urteil anders gefällt werden. Allerdings sind auch die Bewertungen Lackenbauers und Kandlers, Cock habe mit den Ruinenserien der Landschaftsdarstellung zur „Selbstständigkeit“ verholfen, nicht ganz zutreffend.299 Die „Befreiung“ der Landschaft aus ihrem Hintergrunddasein, wurde von Cock weniger durch die Ruinenserien als durch die Druckserien mit Landschaftsdarstellungen nach Zeichnungen Matthys Cocks und Pieter Brueghels d. Ä. gefördert.300 Cocks Verdienst besteht vielmehr darin, Ruinendarstellungen mit einem „unantiquarischen“ Maß an künstlerischer Freiheit wiedergegeben zu haben und die stark fragmentierte Ruine dadurch als ästhetisches Objekt aufzuwerten.

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Neben den vereinzelt überlieferten Zeichnungen mit der Ansicht der Südwestfassade (Abb. 33) gehörten Heemskerck und der Anonymus Mantovanus A zu den ersten Künstlern, die ihre Ansichten der kaiserlichen Palastruinen an den Überresten vor Ort orientierten und von allen Himmelsrichtungen aus zeichneten. Hieronymus Cock ist der Erste, der diese Vorgaben auf das Medium der Druckgrafik überträgt und die Ruinenveduten so einem breiten Publikum zugänglich macht.

Die historische Wertschätzung antiker Ruinen wurde zunächst durch die Auseinandersetzung mit den Romruinen im italienischen Trecento geprägt und führte in der Folgezeit zu einem besonderen antiquarischen Interesse an den Denkmälern vergangener Pracht und weltlicher Größe. Die memoriale Sinngebung, die sich an der historischen Bedeutung der konkreten steinernen Überreste festmachte, wird auch bei Cock beibehalten, was besonders durch Titelblatt und Widmungsschrift der ersten Serie zum Ausdruck kommt. Doch während die antiquarische Auseinandersetzung mit den Ruinen vor allem auf die Rekonstruktion des Urzustandes oder die Aneignung antiker Formeln abzielte, betont Cock besonders den aktuellen Zerfallszustand antiker Bauten. Dieses Anliegen kommt, neben den Ansichten des Kolosseums und der Thermen, vor allem in der Wahl der Palatinruinen zum Tragen, deren wirklichkeitsnahe Rekonstruktionsfähigkeit aufgrund ihres außerordentlich weit fortgeschrittenen Verfalls auch bei einigen den italienischen Zeitgenossen Cocks als nahezu unmöglich galt.301

Entgegen dem stark ausgeprägten archäologischen Interesse Granvelles, dem Auftraggeber der ersten Serie, stellt Cock die ihrer ursprünglichen Funktion beraubten antiken Bauten nicht mehr nur als historische Erinnerungsmale und noch weniger als antiquarische Forschungsobjekte dar, sondern erhebt sie zu kompositorisch inszenierten Kunstobjekten.302 Diese Form der Umsetzung steht nicht nur den antiquarischen Ambitionen Granvelles entgegen, sondern auch dem von Böhme formulierten „Dementi des Scheins des Schönen“ und der „Ästhetik des Schocks“, für die die Ruinen „prädestiniert“ seien.303

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Neben der bewussten Inszenierung einer neuartigen Ruinenästhetik im Antwerpener Verlagshaus ist der freie Umgang mit den römischen Monumenten aber auch auf weitere Ursachen zurückzuführen, die diese Tendenz begünstigt haben. Die herausgearbeiteten Abweichungen zwischen Bildtiteln, Ruinendarstellung und realem Monumentaussehen bekräftigen die Vermutung, dass Cock die Monumente in Rom nicht selbst gesehen und gezeichnet hat. Wie sich aus den Palatinansichten der ersten Serie ableiten lässt, hat er stattdessen bereits für die Publikation von 1551 Vorlagen verschiedener Künstler kombiniert und stellenweise auch falsch interpretiert. Dass Cock seine Monumentkenntnisse nicht vor Ort in Rom erworben hat, ist wohl auch der Grund, weshalb manche Bauten trotz ihrer prominenten Stellung innerhalb einer Bildkomposition nicht im Titel erwähnt oder aber die erwähnten Monumente nicht bildlich wiedergegeben werden. Dass der dritten Serie Operum antiquorum romanorum ein missverständlicher Titel gegeben wurde, der darauf schließen lässt, dass hier die Werke der alten Römer gezeigt würden, wie sie „weit und breit in Europa erbaut wurden“, sollte möglicherweise über Unsicherheiten beim Erkennen der Monumente hinweghelfen. Denn die einzigen identifizierbaren Ruinen dieser Serie stammen allesamt aus Rom. Lediglich die nicht zu identifizierende Kirchenansicht mit Ehrensäule weist auf eine oberitalienische Fassadengestaltung hin.

Als mögliche Bezugsquellen, über die Cock seinen Verlag mit römischen Monumentansichten versorgt haben kann, sind an erster Stelle Maarten van Heemskerck und der Anonymus Mantovanus A zu nennen. Aber auch der italienische Stecher Giorgio Ghisi ist in diesem Zusammenhang denkbar, da er in den Anfangsjahren des Verlags für die motivische Ausrichtung des Programms an Italien mitverantwortlich war. Als Drittes ist der antiquarisch interessierte Auftraggeber Granvelle anzuführen, der in seinem Brüsseler Stadtpalast eine eigene grafische Sammlung besaß und über Antoine Morillon, enge Kontakte nach Rom pflegte, um sein Cabinet stetig mit römischen Kostbarkeiten füllen zu können.304

Hieronymus Cock wird durch seine Ruinenserien zum Mitinitiator eines neuen Sujets der Druckgrafik. Veduten, die die römischen Monumente in sehr stark verfallenem Zustand zeigen, zum ausschließlichen Thema einer Druckserie zu machen, ist 1551 neuartig. Dass er damit einen Trend geprägt und den Geschmack seiner Zeitgenossen getroffen hat, beweisen neben den prominenten Käufern Antoine Perrenot de Granvelle und Erzherzog Ferdinand von Tirol auch die zeitgenössischen Kopien, die gleich nach Ablauf des achtjährigen Privilegs der ersten Ruinenserie sowohl vom Franzosen Jacques Androuet du Cerceau d. Ä. (1560) als auch vom Italiener Giovanni Battista Pittoni (1561) publiziert wurden.305


Fußnoten und Endnoten

297  Jordan (Huelsen) 1907, S. 30, Anm. 3. Dasselbe Urteil ergeht auch über „Duperac (1575, Taf. 7–12)“ und „Pittoni (zu Scamozzis Discorsi, 1582 Taf. 23–30; zum Teil Nachstiche nach Kock).“

298  Zur zusammenfassenden Einschätzung der Palatinansicht bei Cock s. Kapitel 3.4.4.

299  Vgl. Kandler 1969, S. 60 und Lackenbauer 1998, S. 123

300  Vgl. Hollstein 1951, S. 177–179, Nr. 8–21 und Hollstein 1951, S 186, Nr. 151–163.

301  Davis gibt eine Diskussion zwischen Jacopo Meleghino und Antonio da Sangallo d. J. über die Rekonstruktionsfähigkeit der Stadt Rom im Allgemeinen und der Palatinruinen im Besonderen wieder. Vgl. Davis 1989, S. 189.

302  Die Beauftragung des Architekten Sebastian van Noyen, die Diokletiansthermen architektonisch und archäologisch zu erfassen sowie zu rekonstruieren, zeigen, dass die Ruinenansichten in den Cock’schen Serien vielleicht das künstlerische Interesse des Auftraggebers befriedigen konnten, nicht jedoch das antiquarische.

303  Böhme 1989, PDF-download, S. 4. Vgl. dazu Kapitel 4.1.

304  Zu Granvelle s. Kapitel 2.3.1.

305  Zu den Kopien der Serien vgl. Riggs 1972, S. 265 und Oberhuber 1968. Die Kopien Pittonis wurden wiederum als Illustrationen des Architekturtraktats Vicenzo Scamozzis und für die Freken Paolo Veroneses in der oberitalienischen Villa Maser zugrunde gelegt. Eine 59 Blatt umfassende Kopie aller drei Serien wurde von Carel Allaert (o. A.) publiziert. Und die Kopie eines einzelnen Blattes mit Ansicht der Caracallathermen fand sogar Eingang in Dosios und De Cavalieris Stichwerk von 1569. Vgl. dazu Dosio/De Cavalieri, Urbis Romae aedificiorium, 1569, Tafel 40 (Census, RecNo: 44159) mit Anhang B, Tafel 12 a und, Anhang C, Tafel 7.



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26.04.2007