Gegenwart, Zukunft und Ende der Bibliothekswissenschaft
Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit der Rolle des Fachs „Bibliothekswissenschaft“ in Gegenwart und Zukunft. Über eine Definition des Faches im Rückgriff auf die Bestimmung des Begriffs „Bibliothek“ nach Umstätter werden die Frage nach der „Methode“, die Verortung des Faches im System der Wissenschaften sowie die denkbare gesellschaftliche Relevanz des Faches erörtert. Es wird argumentiert, dass die Bibliothek in der Form, wie sie der Bibliothekswissenschaft zugrunde liegt, in einer Wissensgesellschaft, deren Kommunikationsraum ein virtueller ist, grundlegenden Veränderungen unterworfen ist. Diesen Veränderungen muss die Bibliothekswissenschaft als Disziplin nicht nur Rechnung tragen, sondern, soweit ihr dies möglich ist, gestaltend und lenkend wirken. Eine zukunftsfähige Bibliothekswissenschaft muss proaktiv bei der Entwicklung von tragfähigen und dem menschlichen Maß angepassten Konzepten zum Umgang mit (publizierter) Information und den hinter dieser stehenden Erzeugungs- und besonders Distributionsprozessen in einer sich perspektivisch vorwiegend durch elektronische Netzwerke bestimmte und dabei ausgesprochen heterogenen und heterarchisch selbstorganisierenden Informationsumwelt wirken.
Ich glaube …, daß das Wort „Bibliothekswissenschaft“, welches wir älteren möglichst vermieden oder doch nur in den Anführungsstrichen des schlechten Gewissens zu gebrauchen wagten, von den jüngeren Kollegen alsbald ohne Skrupel und besten Gewissens angewendet werden wird. – Peter Karstedt, 1969 [19, S. 153].
Welche jüngeren Kollegen der Bibliothekssoziologe Peter Karstedt genau im Auge hatte, als er in seinem Schlusswort beim legendären Kölner Kolloquium im September 1969 die eingangs zitierte Aussage formulierte, ist mir konkret nicht bekannt. Sollte er damit die Bibliothekswissenschaftler bzw. Studierenden der Bibliothekswissenschaft meiner Generation gemeint haben, ist die Aussage sicher zutreffend. Ob dies aber die angehenden Vertreter der frühen 1970er und der folgenden Jahren betrifft, so darf man hier sicher nicht zu sehr verallgemeinern, sonst wären die an anderer Stelle [15, S. 15] gern angeführten Diskussionen und Infragestellungen des Faches sicher ausgeblieben. Allerdings wird zumindest die grundsätzliche Ablehnung des Faches häufig an einem vermutlich zu sehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückten Leserbrief eines Fachreferenten aus dem Jahr 1991 in der Zeitschrift Bibliotheksdienst [16], und weiterhin an Diskussionsbeiträgen in einer Internet-Diskussionsliste, festgemacht. Gehaltvolleres als diese Schmähungen, z. B. eine dezidierte, wissenschaftlichen Standards entsprechende Widerlegung des Existenzrechtes der „Bibliothekswissenschaft“ steht noch aus oder ist mir bisher entgangen. Nicht verleugnen lässt sich allerdings, dass auch diese explizit persönlichen Meinungsäußerungen auf eine nicht ungeteilte Liebe im Deutschen Bibliothekswesen gegenüber der Disziplin verweisen.
In den folgenden Ausführungen wird diese grundlegende Diskussion keine nennenswerte Rolle mehr spielen. Vielmehr werden die Existenz und die Berechtigung des Faches stillschweigend als selbstverständlich angenommen. Statt des Ob, soll hier das Wie interessieren: Wie kann und wie sollte eine für die künftigen Herausforderungen einer Wissensgesellschaft, gewappnete Bibliothekswissenschaft aussehen?
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