Herausforderung Wissensgesellschaft – Die Digitale Bibliothek zwischen Mensch, Umwelt und Politik

Olaf Eigenbrodt

Der Aufsatz stellt die Frage, welche Rolle die Digitale Bibliothek innerhalb des gesellschaftstheoretischen Modells der Wissensgesellschaft spielen kann. Zunächst wird gezeigt, dass der Begriff 'Wissensgesellschaft' keine normative Gesellschaftstheorie ist, sondern ein differenziertes Modell umschreibt, das weder in Bezug auf die gesamte Gesellschaft, noch auf die Digitale Bibliothek einfach übertragbar ist. Im zweiten Teil des Textes werden die Anschlussmöglichkeiten der Digitalen Bibliothek an das Modell Wissensgesellschaft näher untersucht. Dabei wird das soziologische Dreieck von Mensch, Umwelt und Politik als Schablone angelegt. Der Digitalen Bibliothek bieten sich innerhalb des Modells sowohl politische, als auch gesellschaftliche und auf das Individuum bezogene Handlungsmöglichkeiten. Der Aufsatz kommt zu dem Schluss, dass sich das Modell Wissensgesellschaft zur Positionierung der Digitalen Bibliothek im politischen und gesellschaftlichen Raum eignen kann, wenn begleitend eine kritische Reflektion der zugrunde liegenden Begriffe stattfindet. Dazu ist ein ständiger Austausch zwischen informationstheoretischen und soziologischen Ansätzen innerhalb der Bibliotheks- und Informationswissenschaft nötig.

Dass die Digitale Bibliothek eine zentrale Institution der Wissensgesellschaft ist, die Wissensgesellschaft aber gleichzeitig eine Herausforderung für das Bibliotheks- und Informationswesen darstellt, scheint zunächst banal. Bei genauerem Hinsehen enthält diese Aussage aber zwei Begriffe, die so missverständlich sind, wie sie inflationär genutzt werden: Was verbirgt sich eigentlich hinter der Digitalen Bibliothek und inwiefern können wir von einer Wissensg e sellschaft sprechen? Walther Umstätter hat für die Digitale Bibliothek eine klare Definition angeboten. Er sieht sie als Erweiterung der klassischen, dreigegliederten Bibliothek um die virtuelle Komponente [20, S. 297]. Sie ist also ein komplexes, dynamisches Gebilde, das von der physischen Bibliothek ausgeht, sie aber in der Erweiterung wesentlich verändert. Der enge Bezug auf die Informationstheorie und gemeinsame, viel zitierte Grundlagentexte wie etwa As we may think von Vannevar Bush oder der Weinberg-Report weisen auf eine Verwandtschaft von Digitaler Bibliothek und Wissensgesellschaft hin. Wie steht es aber mit der Definition von Wissensgesellschaft? Welche soziale Transformation hat in den letzten 50 Jahren stattgefunden, die uns dazu geführt hat, dass wir von einer Wissensgesellschaft sprechen? Wie sieht diese Gesellschaft eigentlich aus? Und wo können wir Informationseinrichtungen in diesem sozialen Gefüge verorten? Die Wissensgesellschaft ist nicht nur eine technische oder ökonomische, sondern in erster Linie auch eine soziologische Herausforderung für das Bibliothekswesen.

Die klassische Bibliothek ist innerhalb der Topographie der Industriegesellschaften immer als ein öffentlicher Ort begriffen worden. Karstedt 1954 und zuletzt Heidtmann 1973 haben für den deutschsprachigen Raum einmalige Versuche unternommen, auf dieser Grundlage handhabbare Ansätze einer Soziologie des Bibliothekswesens zu liefern. Während Karstedt aus der historischen Perspektive heraus eine staats- und verwaltungswissenschaftlich orientierte Abhandlung verfasste, legt Heidtmann seiner Monographie vor allem betriebswirtschaftliche und –soziologische Kategorien zu Grunde. Ich möchte die Auseinandersetzung mit den beiden Autoren hier nicht vertiefen, sondern der Frage nachgehen, wie ein soziologischer Zugang zur Digitalen Bibliothek innerhalb des Modells der Wissensgesellschaft heute aussehen kann.

Hannah Arendt [ 2 ] und Jürgen Habermas [14] haben in den 60er Jahren wichtige Beiträge zur Frage der Zukunft des Öffentlichen Raumes geleistet, die auf das Modell Wissensgesellschaft übertragbar sind. Habermas wird zu recht immer wieder als Kronzeuge aufgerufen, wenn es darum geht, den Raum der Bibliothek als eine Sphäre öffentlicher Kommunikation zu begründen [vgl. zuletzt 1 ]. Auf der Grundlage der Verschränkung von privater und öffentlicher Sphäre, des Zerfalls der bürgerlichen Öffentlichkeit in Teilöffentlichkeiten und der den Raum konstituierenden Rolle des (kommunikativen) Handelns würde ich den Raum der Bibliothek nicht mehr als öffentlichen, sondern als gesellschaftlichen bezeichnen [vgl. 12, S. 15ff.]. Dies entspricht in Grundzügen auch der Idee von „Low intensive meeting places“, wie sie Ragnar Audunson formuliert hat [vgl. 3 , S. 434ff.].

Gesellschaftliche Veränderungen werden in diesen Räumen deutlich spürbar. Um so mehr muss sich die Bibliotheks- und Informationswissenschaft um ein grundlegendes Verständnis solcher Prozesse bemühen. In Bezug auf die Wissensgesellschaft ist dabei eine Vermittlung der Begriffe Wissen und Gesellschaft nötig. Ein produktiver Dialog zwischen einer informationstheoretisch ausgerichteten und einer soziologisch orientierten Bibliotheks- und Informationswissenschaft kann die Grundlage einer solchen Verständigung sein. Dabei geht es vor allem um unterschiedliche Definitionen von 'Wissen'. Steve Talbott erkennt in den verschiedenen Perspektiven, aus denen die Definitionen formuliert werden, ein paradoxes Verhältnis von präziser Information und interpretativer Bedeutung [vgl. 17]. In diesem Spannungsfeld spielt sich die Diskussion um die 'Wissensgesellschaft' ab.

Auf der anderen Seite geht es, wie bereits erwähnt auch um den sozialen Bezugsrahmen. In keinem Aufsatz zur Zukunft der Bibliothek und in keinem strategischen Papier fehlt der Hinweis, die Bibliothek müsse ein sozialer Ort bleiben. Was aber definiert einen sozialen Ort in der Wissensgesellschaft? Hier möchte ich ein Modell vorschlagen, das es ermöglichen soll, die gesellschaftliche Verortung von Informationseinrichtungen zu analysieren und aktiv zu beeinflussen. Es ist das Dreieck von Mensch, Politik und Umwelt. Ohne die Anwendungsorientierung überzubetonen, bedient es die klassische Aufgabe der Bibliothekswissenschaft, sich einerseits mit den Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen auf das Bibliothekswesen und andererseits mit den möglichen Beiträgen der Bibliotheks- und Informationseinrichtungen zu gesellschaftlichen Entwicklungen zu befassen.

Der folgende Aufsatz gliedert sich entsprechend in zwei Abschnitte. Zunächst möchte ich mich dem Terminus Wissensgesellschaft annähern. Dabei soll es vor allem darum gehen, wieweit er als gesamtgesellschaftliches Modell taugt bzw. wo seine Probleme und Grenzen liegen. Im zweiten Abschnitt möchte ich vor diesem Hintergrund das Modell Mensch-Politik-Umwelt hinsichtlich der Digitalen Bibliothek in der Wissensgesellschaft an Beispielen kurz skizzieren.

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22.03.2007