This essay is trying to discuss the present developments in European research and higher education policy planning in a long-range historical perspective. The main thesis of the article is that the general development during the last 30 odd years is not only an expression of an internal scientific or a short-term financial crisis. Instead we are witnessing the effects of a process of deep institutional and cultural dissolution that goes to the heat of the traditional European university system, a crisis which eventually will widen the already huge gap between European and US research and higher learning even further. Even if the starting point of the analysis is the present day situation in Scandinavia its implications, nevertheless, are relevant to the entire European situation and development.
In einer Zeit, die von ökonomischer und kultureller Atemlosigkeit geprägt ist, in der Politik auf nationaler Ebene auf unreflektierte, kurzsichtige Stimmenmaximierung und Medialisierung reduziert zu sein und europäische “Staatskunst” letzten Endes nur undurchdachte symbolische Handlungen in Maastricht oder Göteborg zu beinhalten scheint, in der das “europäische Kulturerbe” zu massenmedial definierter Soße abgewertet oder – bestenfalls – einen integrierten Bestandteil der Tourismusindustrie verschiedener Städte und Nationalstaaten darstellt, in einer solchen Zeit gibt es allen Anlass, sich Gedanken über jenen einzigartigen Ausdruck menschlichen Strebens und menschlicher Aktivität zu machen, der unter der zusammenfassenden Bezeichnung der “modernen Wissenschaft” firmiert und der – zumindest bis noch vor wenigen Jahrzehnten – als harter Kern der so genannten “abendländischen”, oder besser: europäischen Kultur angesehen wurde.
Der Grund meiner und anderer Besorgnis ist, dass diese einzigartige Form von organisierter und systematischer Suche nach Wissen, das in entscheidender Weise – sowohl direkt als auch indirekt – immer noch alle Dimensionen unseres Lebens und Denkens beeinflusst, während der letzten dreißig Jahre auf eine ebenso verblüffende wie erschreckende Art ihre selbstverständliche Position als zentrale europäische Kulturäußerung in wesentlichen Teilen verloren hat. In der ursprünglichen humanistischen Vorstellung nämlich wurde der eigentliche Sinn (natur)wissenschaftlicher Grundlagenforschung in ihrem Potential gesehen, unser Verständnis des menschlichen Lebens und des Kosmos zu entwickeln und zu vertiefen. Während des 20. Jahrhunderts wurde dieses Verständnis allmählich von der Überzeugung abgelöst, dass auch die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung in erster Linie durch ihren instrumentellen Nutzen motiviert sei – ein “notwendiges Übel”, um die technisch-ökonomische Expansion der modernen Gesellschaft auf längere Sicht sicherzustellen.1
Ein weiterer Grund, dieser Problematik ein gewisses kollektives europäisches Nachdenken zu widmen, ist die Tatsache, dass, auch wenn die anhaltenden kulturellen, politischen, makroökonomischen und technologischen Umwälzungen tiefgreifende Konsequenzen in aller Welt und für alle Kulturkreise nach sich ziehen, es sich vielleicht trotzdem – zumindest auf ideologischer Ebene – in erster Linie um eine europäische Krise bzw. Herausforderung handelt. Ich will folglich allen Ernstes behaupten, dass die Entwicklung der nächsten Jahrzehnte auf dem Gebiet der Forschung und der höheren Bildung ganz wesentlich nicht nur – oder gar in erster Linie – die ökonomische und machtpolitische Stellung Europas bestimmen, sondern auch – und eher noch – zeigen wird, ob dieser Kontinent den wirklichen Willen zu fortgesetzter originärer kultureller und intellektueller Selbstbehauptung besitzt.
Ganz entscheidend dabei sind somit nicht die zukünftigen Abenteuer und Geschicke des EURO. Und in noch geringerem Maße geht es um übermäßig bürokratisch geregelte, von Brüssel verwaltete “Rahmenprogramme” oder symbolträchtige, aber fast schon lächerliche ministerielle Erklärungen in Lissabon und anderswo, dass Europa in zehn Jahren “in Spitzenforschung und Innovation weltweit führend” sein werde. Es geht vielmehr darum, inwieweit Europa seine eigentliche kulturelle “Seele” durch eine ebenso massive wie schmerzhafte Rekonstruktion. seiner mehr oder weniger vernachlässigten und demoralisierten Wissenschafts- und (höheren) Bildungssysteme wiederfinden wird. Wie der deutsche Bundeskanzler zu glauben, dass Kontinentaleuropa seinen langfristigen Bedarf an kulturell kreativer Kompetenz mit Hilfe der existierenden höheren Bildungssysteme und durch “Ankauf” in Bangalore oder Taipeh werde befriedigen können, zeigt nur, dass man dem Offensichtlichen gegenüber blind ist. Denn selbst wenn man vielleicht die notwendigen ökonomischen Anreize schaffen könnte, dürfte die Wahl zwischen Bologna und dem MIT, zwischen Göteborg und CalTech, zwischen Nanterre und Harvard oder Rostock und Berkeley eventuellen Interessenten – aus rein intellektuellen Überlegungen heraus – kaum allzu viele schlaflose Nächte bereiten.
Das Weltsystem, das sich heute in schneller Veränderung und vielleicht sogar Auflösung befindet, wurde bekanntermaßen weitgehend von einem historisch gewachsenen europäischen Werte- und Ideensystem aus begründet, das mehr umfasst als Kapitalismus, Marktdominanz, Imperialismus und globalen Handel. “Levis, argutus, inventor” – leicht beweglich, scharfsinnig, erfindungsreich – so charakterisierte Carl von Linné vor knapp 250 Jahren jenen besonderen kulturellen Archetypus, den er in seinem Begriff des homo europaeus zusammenfasste und der – in zwiespältiger Weise und historisch rasender Geschwindigkeit – den Gang der Welt und der Geschichte während der für Linné letzten 250, für uns letzten 550 Jahre verändert hat(te).2
Wenn Linné diese für ihn ebenso charakteristisch eigensinnige wie präzise Bestimmung vornimmt, setzt er nicht nur ein Gleichheitszeichen zwischen diese und seine genialen Vorgänger Leibniz, Newton u.a., sondern auch die wissenschaftspraktisch tätigen Intellektuellen seiner Zeit, oder vielleicht besser: den modernen Naturwissenschaftler, den er selbst und vielleicht in noch höherem Grade sein deutscher Nachfolger Alexander von Humboldt in so eminentem Maße verkörperten. Im Vertrauen auf seine einzigartige taxonomische Kreativität und Intuition trifft Linné auch in diesem Fall “hinreichend” genau. Auf weit fundamentalere Art als andere kulturelle und intellektuelle Aktivitäten – Kunst, Philosophie, Literatur und Religion – ist die moderne Naturwissenschaft auf einzigartige Weise mit europäischer Kultur und gesellschaftlicher Organisation verbunden – als kognitive und epistemische Form wie als intellektuelle und gesellschaftliche Praxis.
Als die moderne Wissenschaft im 16. und 17. Jahrhundert in Form der großen europäischen Akademien, der gelehrten Gesellschaften und der regelmäßig erscheinenden wissenschaftlichen Publikationen institutionalisiert wurde, ging es demnach nicht nur darum, einen neuen und originellen Typus von theoretischer und praktischer systematischer Suche nach Wissen einzuführen und zu etablieren. Es ging auch um die Entwicklung einer spezifischen intellektuellen Mentalität und eines Persönlichkeitstypus, der auf eine ganz einzigartige Weise von unmittelbarer religiöser und ideologischer Überbestimmung befreit war.3
Die Voraussetzungen für diesen europäischen “Sonderweg” sollten keineswegs dem guten Willen und der überlegenen Einsicht der geistlichen und weltlichen Machthaber zugeschrieben oder als Ausdruck für die Befreiung der einzelnen Europäer oder auch nur der Vertreter der Wissenschaften von jeder Form hemmender Vorurteile und Idiosynkrasien verstanden werden. Diese Emanzipation war eine fast unerbittliche Konsequenz der Kraft, die der Suche nach Wissen und der Logik seiner Mehrung innewohnt, welche ihrerseits dadurch weiter verstärkt wurde, dass letztere ziemlich unmittelbar mit einem hartherzigen langfristigen gesellschaftsökonomischen und gesellschaftsorganisatorischen Nutzenkalkül verkoppelt wurde – ja, vielleicht auch mit einer spezifischen “protestantischen” Ethik.
Nichtsdestoweniger führte dieser Prozess allmählich auch zur Herausbildung jener informellen Gesellschaftsschicht von Intellektuellen, welcher der deutsche Gesellschaftstheoretiker Karl Mannheim in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts die zusammenfassende Bezeichnung “freischwebende Intelligenz” gab. Die ganz entscheidende institutionelle Bedingung hierfür stellt die Etablierung und Entwicklung der modernen Wissenschaftsuniversität im 19. Jahrhundert dar. Die institutionalisierte Form rationalen öffentlichen Gesprächs und kritischer Kompetenz, die mit der Herausbildung der liberalen Demokratie und des modernen Rechtsstaats – zumindest idealiter – zu einer systemtragenden Ideologie überhöht und ebenfalls singulär für Europa wurde, hat somit letztlich eine ihrer wichtigsten intellektuellen und moralischen Bedingungen und Grundlagen in der voraussetzungslosen, systematischen Suche nach Wissen, das die moderne Wissenschaft charakterisierte.
Damit sei auch gesagt, dass die “rationale Begründung” und die institutionalisierte “kritische Überprüfung”, die zumindest auf normativer Ebene die sich im 19. Jahrhundert entwickelnde bürgerliche Öffentlichkeit bestimmen sollte, keineswegs eine Erfindung oder ein Verdienst der sich entwickelnden modernen westlichen Massenmedien ist. Diese stellten bis 1970 bestenfalls eine Nachhut oder Hilfstruppen im Dienste der Aufklärung dar. Seitdem dürfte die Befürchtung nicht ganz aus der Luft gegriffen sein, dass gerade sie die akuteste Bedrohung dessen darstellen, was historisch gesehen den gesunden Kern des europäischen kulturellen und politischen Projekts konstituiert.4
Wissenschaftliche Kenntnis und Eminenz stellen keineswegs – und sind es sicherlich auch nie gewesen – Synonyme menschlicher Größe und moralischer Zuverlässigkeit oder Garanten politischer Klugheit und praktischen Urteils dar. Nichtsdestoweniger bilden sie – wie zweischneidig auch immer – den intellektuellen Grundpfeiler eines 600-jährigen europäischen Zivilisationsprojekts. Der Zusammenhang zwischen Erkenntnistheorie und praktischem Wissen auf der einen Seite sowie Gesellschaftstheorie und gesellschaftlicher Organisation auf der anderen ist allerdings kaum einseitig oder unkompliziert. Es ist also nicht so, dass beispielsweise die Gesetze Isaac Newtons oder das Theoretisieren Albert Einsteins das europäische Menschen- und Gesellschaftsbild einseitig geprägt hätten. Unbestreitbar aber ist, dass das Weltbild und die Praxis der (Natur-) Wissenschaften zu untrennbaren Bestandteilen des kulturellen Erbes und der gesellschaftlichen Ordnung auf dem gesamten (erweiterten) europäischen Kontinent geworden ist.
Vereinfacht ausgedrückt könnte man sagen, dass die Wissenschaft das europäische Denken und den Gesellschaftsaufbau während der letzten vierhundert Jahre hauptsächlich in zweierlei Weise geprägt hat:
Zum einen hat die Wissenschaft Weltbilder und (provisorische) Welterklärungen von solch theoretischer und persuasiver Kraft generiert, dass diese nach und nach unsere Vorstellungen von den zwischenmenschlichen Beziehungen und damit auch unsere Grundauffassungen vom Sinn bzw. von der Sinnlosigkeit des Lebens sowie der Funktion und Organisation von Gesellschaft durchdrungen haben. Wie schon viele hervorgehoben haben – Max Weber wie gewöhnlich am gescheitesten – trägt die abendländische/europäische Kultur- oder Gesellschaftsform eine Reihe typischer Züge, die in der Wissenschaft verwurzelt sind: die Betonung systematischen Experimentierens, die weitgehende Differenzierung und Fragmentierung sozialer Formen, das Streben nach Universalismus, den Willen, ständige Veränderungen zu bewirken und zu akzeptieren, sowie die Idee einer zumindest in Teilen planbaren Entwicklung und damit auch einer generellen Ausrichtung auf die Zukunft.
Zum anderen führte die systematische Suche nach Wissen allmählich zu praktischen Anwendungen, welche die Alltagspraxis, die Lebenschancen und das Lebensniveau der einzelnen Menschen mehr oder minder radikal beeinflussten. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Wissenschaft mehr und mehr gleichrangig mit Arbeit, natürlichen Ressourcen und Kapital als Produktivkraft betrachtet. Infolgedessen wurde sie zu jedermanns und jederfraus “Angelegenheit”, was seinerseits wiederum dazu führte, dass sie – mit Recht – im weiteren Sinne der Kontrolle durch die politischen Vertreter der Allgemeinheit unterworfen werden sollte. Weitere Gründe dieser Politisierung waren teilweise natürlich die explosionsartig steigenden Kosten dieser Tätigkeit und teils die Tatsache, dass über ein kräftig expandierendes Bildungssystem immer mehr Bürger direkt oder indirekt auf die eine oder andere Art in den schnell wachsenden Forschungsapparat eingebunden wurden. Die moderne Forschungsuniversität wurde so zu einer der Schlüsselinstitutionen des modernen europäischen Nationalstaats: Als Produzentin strategischen Wissens und professioneller Kompetenz, als Erzieherin gesellschaftlicher Eliten und nicht zuletzt als dominierendes nationales kulturelles Zentrum.
Wie eingangs bereits angedeutet bin ich der Meinung, dass die qualifizierte Suche nach Wissen in Form von Forschung und höherer Bildung, von einigen Ausnahmen abgesehen, weitgehend aus dem Bestand dessen ausgemustert worden ist, was nunmehr – für gewöhnlich im Übermaß medienpolitisch bestimmt – als europäische oder abendländische Kultur oder “richtig intellektuell” definiert wird. Die möglichen Ursachen und Erklärungen hierfür sind natürlich außerordentlich vielfältig und mitunter fast epochal. Am besten und brutalsten lassen sich diese politischen, moralischen und mentalen Katastrophen in den Jahreszahlen 1914, 1933 und 1945 zusammenfassen. Die Tatsache, dass sämtliche dieser Schicksalsjahre in gewissem Sinne Deutschland – das Mutterland der späten Wissenschafts- und Forschungsuniversität par excellence – in ihrem Epizentrum bzw. als ihren Kristallisationspunkt haben, ist in dem hier behandelten speziellen Zusammenhang sicherlich ebenfalls nicht unwichtig. Im Folgenden will ich meine versuchsweisen Reflexionen jedoch auf ein paar zu beobachtende Verschiebungen auf den oberflächlichen, aber keineswegs irrelevanten Ebenen der Ideologie und der Institutionen beschränken, die diese Entwicklung – vor allem in den letzten dreißig Jahren – weiter verstärkt und beschleunigt haben. Eine Entwicklung, die sowohl innerwissenschaftliche als auch gesellschaftliche Trieb- und Beschleunigungskräfte hat.
Die Etablierung der Wissenschaft als überlegener und gleichsam exklusiver Form von qualifizierter Suche nach und Produktion von Wissen in Europa kann während der ersten drei Jahrhunderte als homogener – wenn auch intensiv diskutierter und umstrittener – Prozess aufgefasst werden. Ihr definitiver Siegeszug in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bei dem es sich gleichzeitig in erster Linie um die enorme Expansion naturwissenschaftlichen Wissens handelte, beinhaltete aber auch, dass sich diese später sowohl methodisch wie auch mit der Zeit wissenschaftstheoretisch und wissenschaftsideologisch stufenweise von den übrigen Haupttypen der systematischen Suche nach Wissen zu entfernen begann. Damit traten die ersten offenen prinzipiellen und antagonistischen Gegensätze in der Republik der Wissenschaft auf.
Zu dieser Zeit begann man, insbesondere von “humanwissenschaftlicher” Seite, von Natur und Kultur als zwei distinkten und teilweise antagonistischen Größen zu sprechen, die nicht nur ganz unterschiedliche Methodologien erforderten, sondern völlig wesensverschiedene Wissens- und Verstehensformen darstellten, was in der Folge auch bald durch das Gegensatzpaar von “Geistes-” und “Natur-”wissenschaften kodifiziert, definiert und wissenschaftstheoretisch präzisiert wurde. Dabei ist hervorzuheben, dass diese in hohem Grade deutsch inspirierte wissenschaftstheoretische und wissenschaftsideologische Diskussion sowohl zeitlich als teilweise auch inhaltlich mit der immer erbitterter und viel zu politisch geführten Kulturdebatte zusammenfiel, innerhalb derer Europa als kulturell, ideenmäßig und gesellschaftsorganisatorisch hoffnungslos zweigeteilt, entweder durch die deutsche “Kultur” oder die französisch-angelsächsische “Civilisation” geprägt angesehen wurde.
Dem fortschreitenden Fragmentierungsprozess zum Trotz lässt sich dennoch behaupten, dass die Naturwissenschaften am Ende des 19. Jahrhunderts noch eine grundlegende intellektuelle und soziologische Verwandtschaft mit den übrigen Zweigen der systematischen Suche nach Wissen bewahrten. Hier, ebenso wie in der europäischen Geschichte generell, stellt erst der “zweite Dreißigjährige Krieg” des Kontinents zwischen 1914 und 1945 eine definitive Zäsur dar. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs führte die “Emanzipation”, oder alternativ: “Vergötterung”, der Naturwissenschaften allmählich dazu, dass diese ziemlich rasch und fast per definitionem von dem getrennt wurden, was fortan als “Kultur” und “kulturelle Aktivität” bezeichnet wurde.
Ende der fünfziger Jahre schließlich wurde C. P. Snows unglückliche These von den “zwei Kulturen” zu einer axiomatischen Wahrheit überhöht, womit die letzten Hoffnungen auf eine einige “wissenschaftliche Republik” endgültig zerbrachen. Statt sich neben – und in Opposition zu – Politik, Bürokratie, Medien und Ökonomie als normativer homogener kollektiver gesellschaftlicher Akteur mit spezifischer, wenn auch begrenzter Kompetenz und Relevanz zu konstituieren und entsprechend aufzutreten, verwendeten die unterschiedlichen Vertreter der Wissenschaften nunmehr den größten Teil ihrer psychischen Energie darauf, einander im (un)heiligen Namen des “gesellschaftlichen Nutzens” beziehungsweise von “Kultur” und “Humanismus” zu bekriegen.
In diesem Bürgerkrieg um die relativen Anteile der zugänglichen Forschungsressourcen galt es in erster Linie, die Gunst der übrigen Gesellschaft zu erwerben. Zu diesem Zwecke versuchten vor allem die Vertreter der Kulturwissenschaften, nahezu um jeden Preis “Beschützer” in Politik und Medien zu finden. Nicht zuletzt die “wohlfahrtsangepassten” Sozialwissenschaften entwickelten eine notorische Neigung, Wechsel auf “gesellschaftliche Relevanz” auszustellen, die intellektuell keineswegs gedeckt waren, womit sie in der Folge nicht nur das eigene, sondern auch das Vertrauenskapital der Wissenschaften insgesamt in Anspruch nahmen. Damit hatte man in Wirklichkeit aber bereits begonnen, die traditionellen Argumente für jenen Anspruch der Wissenschaften auf relative Autonomie auszuhöhlen, welche u.a. Wilhelm von Humboldt als unverzichtbare Voraussetzung für die optimale Expansion der qualifizierten systematischen Suche nach Wissen angesehen hatte, der letztlich dessen gesellschaftliche Relevanz begründete.
Mit dieser Überlegung will ich weder den irreversiblen Prozess der fortschreitenden “Vergesellschaftung” von Wissenschaft und qualifizierter Bildung in Frage stellen oder gar beklagen, noch will ich das Recht der Gesellschaft bestreiten, den Vertretern der Wissenschaft soziales, moralisches und sonstiges Engagement abzuverlangen oder – um die Terminologie Helga Nowotnys u.a. zu gebrauchen – eine “duty to produce socially robust knowledge”5. Das beinhaltet also die gesellschaftliche Verpflichtung, einen ebenso wesentlichen Teil seiner intellektuellen Anstrengungen und institutionellen Ressourcen Problemen zu widmen, die von der Allgemeinheit mit Recht als existenziell und lebenswichtig angesehen werden und die außerdem – nicht selten – eine direkte oder indirekte Folge des unbestreitbaren Wachstums und Triumphs der Wissenschaft selbst sind. Es geht mir hingegen um die ernsthafte Behauptung, dass diese notwendige Integration der modernen Wissenschaft in die Gesellschaft während der letzten dreißig Jahre in Kontinentaleuropa – anders als in den USA, wo die (Elite-) Institutionen im Geiste Vannevar Bushs und James Bryant Conants auch im neuen Forschungssystem strategische Machthaber geblieben sind6 – sowohl in intellektueller und institutioneller als auch in allgemeinkultureller Hinsicht auf eine bestenfalls gedankenlose, schlimmstenfalls jedoch nachgerade destruktive Art und Weise vor sich gegangen ist. Letzten Endes bedeutet dieses Zukurzkommen nicht nur eine radikale Verschlechterung der Bedingungen für die Produktion und Reproduktion von Wissen, sondern es hat vielleicht sogar dazu geführt, dass der Blick auf die Rolle, die Stellung und den Inhalt von Wissen im Grunde verstellt worden ist.
Als die kontinentaleuropäischen Universitäten und Hochschulen in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren infolge demokratischen, demographischen und ökonomischen Drucks von Elite- zu Masseninstitutionen umgewandelt wurden, geschah dies ohne die notwendige Differenzierung dieses de facto völlig neuen Massenbildungssystems. Diese Unterlassung, oder eher: institutionalisierte politische und akademische Verantwortungslosigkeit, zog eine Reihe fataler Systemkonsequenzen nach sich, die freilich von einem nationalen Bildungssystem zum anderen variieren:
Damit war auch die zentrale erkenntnis- und moralphilosophische Verankerung der deutsch-europäischen Humboldtschen Universität endgültig gelöst. Die Stellung der europäischen Universität als zentrale kulturelle gesellschaftliche Institution, getragen von einem spezifischen wissenschaftlichen, universalistischen Ethos und einem einzigartigen meritokratischen System kollegialer Selbststeuerung, dürfte sich daher ebenso wie ihre reellen Chancen, mit ihren nordamerikanischen Elitekollegen konkurrieren zu können, spätestens Ende der siebziger Jahre nur noch als eine Erinnerung erwiesen haben. Allenfalls bei Promotionsfeierlichkeiten, Universitätsjubiläen und anderen sozio-akademischen Ritualen wird sie noch mit gewisser Routine rhetorisch gepflegt.7
Hand in Hand mit dieser Demontage – die im Lichte von Credo und Praxis der Forschungs- und Bildungspolitik über die vorangehenden 25 Jahre hinweg (vor allem in Schweden, Skandinavien und der Bundesrepublik) fast unerklärlich erscheint – und nicht zuletzt allgemeinkulturell signifikant, kam es zur Herausbildung einer aggressiven moralisierenden Gleichheitsideologie, die gelegentlich fast in programmatischen Antiintellektualismus und Wissenschaftsfeindlichkeit überschlug. Auf ideologischer und begriffsgeschichtlicher Ebene betrachtet, handelt es sich um einen Übergang von der klassischen liberalen Gleichheitsdoktrin der “equality of opportunities” zu einer radikalen Variante, die sich auf die Vorstellung einer “equality of results” gründet. Dieser Übergang ist – ziemlich unpräzise – als beschleunigter “rightism-process” charakterisiert worden,8 in dem Befugnisse und Rechte nicht mehr hauptsächlich anhand feststehender Kompetenz- und Befähigungskriterien geregelt, sondern als unbestimmte Form eines Menschenrechts aufgefasst werden, das mit Hilfe von Quotierung und dergleichen gewahrt wird. Eine bezeichnende Tendenz dabei ist (worauf der schwedische Politikwissenschaftler Bo Rothstein aufmerksam gemacht hat) dass der Rechts- und Diskriminierungsschutz systematisch vom einzelnen Individuum weg hin zu gut organisierten kollektiven Sonderinteressen verschoben wird.9
Das Paradoxe und fast schon Tragikomische an dieser zunächst rein politischen “Demokratisierungskampagne” ist, dass man einerseits mit Nachdruck behauptete, theoretisch begründetes Sach- und Fachwissen sei keineswegs “genauer” oder “besser” als verschiedene andere Formen praktisch erworbenen Erfahrungswissens, andererseits aber gleichzeitig trotzdem darauf bestand, dass im Großen und Ganzen alle professionellen und semiprofessionellen Berufsausbildungen ein “selbstverständliches Recht” auf “Hochschulstatus” und “Forschungsnähe” haben sollten.10
Die faktische Konsequenz dieser Gleichheitsstrategie war nicht nur, dass traditionelle höhere Bildung und Forschung entwertet und redefiniert wurden. Sie führte auf diese Weise auch dazu, dass gut funktionierende alternative, nicht-akademische Wissens- und Bildungsformen brutal und systematisch zerstört und trivialisiert wurden. Im Namen von “Gleichheit” und “Gerechtigkeit” hat man qualifizierte Vertreter einer ganzen Reihe von Berufen mit einem Schlag des Rechts und der Möglichkeit beraubt, auf der Grundlage einer eigenen, wohl etablierten professionellen Ethik sowie nicht selten überlegenen und systematisch erworbenen “stillen” Erfahrungswissens eigene, gut funktionierende Bildungsformen, Institutionen und Berufe zu entwickeln. Das tatsächliche soziale, soziologische und epistemologische Endresultat dieser “Reformarbeit” demonstriert sehr deutlich ein systematischer Vergleich der Funktionalität, des Status, der Legitimität und des sozialen Mobilisierungspotenzials der Grundschule, der Lehrerhochschule, des Lehrerberufs und des Pflegewesens in Schweden heute und vor 30 Jahren.11
Wie der Politikwissenschaftler Johan P. Olsen hervorgehoben hat, sollte vermutlich sowohl ein erfolgreiches nationales wie auch ein gemeinsames europäisches demokratisches Gesellschaftsprojekt heute am ehesten als “Identitätsprojekt” jenseits von Wohlfahrt und Markt gestaltet werden, in dem gerade starke institutionelle Ordnungen, denen zugestanden wird, weitgehend nach eigener Logik und eigenem Normensystem zu funktionieren, die wichtigste integrative Kraft darstellen.12 Da es sich im Grunde um ein langfristiges Erziehungs- und Bildungsprojekt handelt – oder, um in der Terminologie des norwegischen Ideenhistorikers Rune Slagstad zu sprechen: die Herausbildung eines neuen nachhaltigen gesellschaftlichen “Wissensregimes”13 – werden nicht zuletzt strenge Anforderungen an jene Institutionen gestellt werden, die – auf allen Ebenen – die Verantwortung für den Aufbau und die Vermittlung von Wissen auf diesem Kontinent tragen, d.h. im weiteren Sinne dessen kulturelles Erbe und Kompetenzgrundlage zu verwalten und zu mehren haben. Um Stig Strömholms ebenso elegante wie denkwürdige Formulierung zu benutzen:
... in höherem Grade als vielleicht jemals zuvor ist unsere Zivilisation von dem abhängig, das ich die Schaffung des Morgen zu nennen wage. Die Zukunft ist uns unbekannt, aber sie liegt wie ein Wurm in die Gegenwart eingewickelt; sie ist unter uns. Wir können sie nicht erraten, sie noch weniger steuern. Es gibt keine Kontrolle über das versteckte Morgen. Aber es gibt eine Möglichkeit, es in die gewünschte Richtung zu beeinflussen: nämlich gute kreative Milieus zu erhalten, so hoch entwickelt und schöpferisch wie möglich. Sie müssen den energischsten und eifrigsten jungen Leuten ausreichend Leben und Anregung bieten, um wirklich attraktiv für die Besten zu sein. Ohne behaupten zu wollen, dass unserer Universität dies immer oder auch nur oft gelungen sei, wage ich doch zu sagen, dass noch niemand im Stande war, bessere Werkstätten zu erfinden, damit die unbekannte Zukunft golden, milde und verheißungsvoll anbrechen kann.14
Um zumindest eine Chance zu haben, diese noble Aufgabe zu bewältigen, muss der Universität jedoch gestattet werden, eine institutionelle Ordnung darzustellen, die letztlich auf Normen des kritischen Gesprächs und des Supremats des Arguments fußt, d.h. durch eine “Disputationsverfassung” geregelt wird – wofür der schwedische Politikwissenschaftler Stefan Björklund so überzeugend argumentiert und plädiert hat15 –, und diese Normen auch selbst reguliert. Die brutale Wirklichkeit aber ist, dass die kontinentaleuropäische Universität heute als Institution im Sinne Olsens – als von der Umwelt abgegrenztes (jedoch nicht unabhängiges und durchaus in Verantwortung stehendes!) Normensystem – beinahe ausgelöscht worden ist.16 Inwieweit die europäischen Akademiker schließlich in Wirklichkeit selbst besonderen Eifer an den Tag gelegt haben, ihre ehrenwerten Institutionen zu verteidigen, oder ob man in der Praxis diese Desintegration nicht unterstützt oder zumindest stillschweigend akzeptiert hat, ist sicherlich eine mindestens ebenso drängende Frage, auf die ich aber bei späterer Gelegenheit zurückkommen zu dürfen bitten muss.
Ohne politische und mediale Seitenblicke und ohne Rücksicht auf die kurzfristigen Eigeninteressen seiner jeweiligen Zunft gemeinsam zu formulieren, welche Aufgaben, welche Macht, welches Maß an Autonomie sowie letztlich vor allem welche kulturelle Rolle den Universitäten und Hochschulen des Kontinents in der gesellschaftlichen Ordnung dieses zukünftigen demokratischen Europa zustehen sollte, ist daher eine ebenso gebotene wie existenzielle Pflicht sowohl für die zeitgenössischen europäischen akademischen Intellektuellen als auch für die verantwortlichen europäischen Politiker. Wenn sie es nicht schaffen, wird es auch niemand anderes tun, und (mindestens) das beste Viertel der nächsten Generation von europäischen Akademikern und Innovateuren wird dann mit aller Sicherheit bald in den Vereinigten Staaten von Amerika wieder zu finden sein. Nicht weniger realistisch wird diese Prophezeiung mit dem Gedanken an die massiven pensionsbedingten Abgänge, die in der gesamten westlichen Welt für die kommenden 15 Jahre bevorstehen und ganz sicher dazu führen werden, dass wissenschaftliche Exzellenz, ja selbst akademische Normalkompetenz, zu einer der international begehrtesten kulturellen und ökonomischen Mangelwaren wird.
* Ausführlichere Überlegungen enthält mein Artikel “Europa mellan själatåg och pånyttfödelse? En humanistisk plaidoyer för kontinentens kulturella själ”. In: Tvärsnitt. 23 (2001) 4.
1 Roll-Hansen, Nils: “Myten om den instrumentelle naturvitenskap”. In: Nytt Norsk Tidsskrift. 18 (2001) 2.
2 Für weitere scharfsinnige Überlegungen zu diesem Thema siehe Lepenies, Wolf: Aufstieg und Fall der Intellektuellen in Europa. Frankfurt am Main 1992, 46–50; sowie Mittelstrass, Jürgen: Die unzeitgemäße Universität. Frankfurt am Main 1994, 54–64.
3 Allgemein siehe Huff, Toby E.: The Rise of Early Modern Science: Islam, China, and the West. Cambridge 1993; sowie Liedman, Sven-Eric: I skuggan av framtiden. Modernitetens idéhistoria. Stockholm 1997.
4 Zu weiteren Überlegungen siehe Kylhammar, Martin: “Publicister, vetenskapsmän och mediokra nyhetsreportrar”. In: Tvärsnitt. 22 (2000) 1, 1–3.
5 Nowotny, Helga, Peter Scott u. Michael Gibbons: Rethinking Science. Knowlegde and the Public in an Age of Uncertainty. Cambridge 2000, 166–178.
6 Geiger, Roger L.: Research and Relevant Knowledge. American Research Universities since World War II. New York 1993.
7 Zu den deutschen Universitäten siehe die verschiedenen Beiträge in Ash, Mitchell G.: Mythos Humboldt. Vergangenheit und Zukunft der deutschen Universitäten. Wien 1999; sowie Daxner, Michael: Die Wiederherstellung der Hochschule. Köln 1993.
8 Svenska Dagbladet, 05.08.2001.
9 Ibid.
10 Strömholm, Stig: Den svenska högskolan. Lägesbestämning och framtidsdebatt. Stockholm 1994.
11 Nybom, Thorsten: Kunskap-Politik-Samhälle. Essäer om kunskapssyn, universitet och forskningspolitik 1900–2000. Stockholm 1997, 106–135.
12 Olsen, Johan P.: “Offentlig styring i en institusjonsforvirret tid”. In: Nytt Norsk Tidsskrift. 15 (1998) 1.
13 Slagstad, Rune: Kunnskapens hus. Fra Hanseen til Hanseid. Oslo 2000.
14 Strömholm, Stig: “Universiteten som kulturhärdar”. In: Björnsson, Anders (Hg.): Det roliga börjar hela tiden. Stockholm 1996, 285 (Hervorhebungen v. Verf.).
15 Stefan Björklund, Stefan: En författning för disputationen. Uppsala 1996.
16 Olsen, Johan P.: “Organisering og styring av universiteter”. In: Nytt Norsk Tidsskrift. 17 (2000) 3.