In diesem Band werden die Beiträge einer internationalen Konferenz, die im ungarischen Kulturinstitut in Berlin, dem Collegium Hungaricum, am 14. und 15. Mai 2001 stattgefunden hat, veröffentlicht. Es handelte sich um die erste Konferenz, die sich mit der Wallenberg-Forschung befasste. Das rätselhafte Schicksal des schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg, der für seine Verdienste von der Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt wurde und die amerikanische, kanadische und israelische Ehren-Staatsbürgerschaft verliehen bekam, ist bis heute ungeklärt. Mit der Veröffentlichung wird das Ziel verfolgt, die Aufmerksamkeit auf die Person Raoul Wallenberg und sein Tun zu lenken und ihn im Bewusstsein der Menschen zu verankern.
Den insgesamt sechs Konferenzbeiträgen von internationalen Forschern sind Grußworte der Botschafter Ungarns, Schwedens und Israels in der Bundesrepublik Deutschland vorangestellt. Des Weiteren wird die Podiumsdiskussion auf der Konferenz in Auszügen wiedergegeben. Ebenso beinhaltet der Konferenzband Auszüge aus dem schwedischen Abschlussbericht der schwedisch-russischen Untersuchungskommission, der bisher noch nicht in Deutschland veröffentlicht wurde. Die Konferenz in Berlin wurde begleitet durch eine Ausstellung über die Tätigkeit Wallenbergs in Ungarn. Der anschauliche und informative Ausstellungskatalog hat ebenfalls Eingang in diesen Band gefunden. Im Anhang ist u.a. die russische Rehabilitationsurkunde für Raoul Wallenberg zu finden. Die einzelnen Konferenzbeiträge beleuchten ganz unterschiedliche Aspekte des Falls Wallenberg:
Der deutsche Jurist Christoph Gann behandelt in seinem Beitrag Raoul Wallenberg in Budapest: Aktion und Reaktion nach einigen Worten zur Person Wallenbergs die eigentliche Rettungsaktion in Budapest. Er geht auf die Ausstellung der sogenannten Schutzpässe ein, die das Herzstück der Rettungstätigkeit gewesen sind, weil sie die Inhaber der Papiere unter den Schutz der schwedischen Gesandtschaft stellte. Wallenberg erreichte die Anerkennung einer bestimmten Anzahl dieser Dokumente. Weiterhin befasst sich Christoph Gann mit der wichtigen Frage, wie die Deutschen und die Ungarn auf die Rettungsaktionen reagierten. Zum Ende seines Beitrages behandelt Gann kurz die Bezeichnung Wallenbergs als den “Retter von 100 000 Juden”. Er stuft diese Bezeichnung als “unglücklich” ein, da eine Zuordnung zu einem Schutzstaat schwer möglich war. Der Autor weist darauf hin, dass viele verfolgte Juden über Schutzpapiere von unterschiedlichen Staaten verfügten.
Susanne Berger, die von 1995–2001 für die schwedisch-russische Kommission tätig war, konzentriert sich in ihrem Beitrag Warum bleibt Raoul Wallenbergs Schicksal ungeklärt? auf die zentrale Frage, warum die Wahrheit über Raoul Wallenberg auch nach 56 Jahren noch immer nicht bekannt ist. Sie geht davon aus, dass noch wichtige Dokumente über den Fall Wallenberg in russischen Archiven liegen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht zugänglich sind oder denen bisher nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Berger teilt den Fall Wallenberg in vier Phasen. Die erste ist die Ernennung zum Leiter der humanitären Rettungsaktion, die zweite bezieht sich auf Wallenbergs Aktivitäten und Kontakte in Ungarn, die dritte auf Wallenbergs Verhaftung und Gefangenschaft und die vierte auf die Untersuchung von Wallenbergs Schicksal. Für jede Phase wirft Susanne Berger nicht nur eine Reihe von neuen interessanten Fragestellungen auf, sondern weist auch auf eine Reihe von Quellen hin, die noch nicht untersucht worden sind und die Antworten auf die gestellten Fragen geben könnten. Susanne Berger skizziert abschließend drei Faktoren, die ihrer Meinung nach ausschlaggebend für eine Lösung der Wallenberg-Frage sind: So muss der Zugang zu den wichtigen Dokumenten verbessert werden, es muss die Möglichkeit, dass Raoul Wallenberg nach 1947 gelebt haben kann, noch näher untersucht werden und schließlich sollten sich die Historiker und die Öffentlichkeit nicht mit halben Lösungen zufrieden geben. Susanne Berger geht davon aus, dass der Wallenberg-Fall, allen Behauptungen zum Trotz, durchaus lösbar ist. Sie wirft dabei in ihrem Beitrag nicht nur interessante Fragen auf, sondern zeigt auch anschaulich Wege ihrer möglichen Beantwortung.
Jan Lundvik, als Botschafter a.D. im schwedischen Außenministerium zuständig für den Fall Wallenberg, der ebenfalls Mitglied der schwedisch-russischen Arbeitsgruppe zur Aufklärung des Schicksals von Raoul Wallenberg gewesen ist, skizziert in seinem Beitrag Vom Versagen der Diplomatie – Die schwedisch-russische Arbeitsgruppe und der Dialog Stockholm-Moskau eine Reihe von offenen Fragen, die in dem schwedischen Bericht der Arbeitsgruppe erwähnt wurden. Lundvik geht auf offene Fragen ein, die ungeklärte Umstände auf der schwedischen Seite betreffen, und behandelt vor allem die Rolle der schwedischen Gesandten Söderblom und Hägglöf in Moskau. Er stellt dar, wie diese gegenüber Vertretern des sowjetischen Außenministeriums – im Fall Söderblöms sogar gegenüber Stalin und Molotow – den Eindruck vermittelt haben sollen, dass Schweden an einem eventuellen Austausch Wallenbergs gegen sowjetische Staatsbürger in Schweden nicht interessiert sei. In seinem Beitrag wirft Jan Lundvik eine Reihe von weiterführenden und neuen Fragen auf, die nach Aufarbeitung verlangen.
Die ungarische Journalistin und Schriftstellerin Mária Ember thematisiert eindrucksvoll in ihrem Artikel Sie wollten es uns in die Schuhe schieben den Versuch der Sowjetunion, die Verantwortung im Falle Raoul Wallenberg auf die Ungarn abzuwälzen. Sie geht ausführlich auf die Verhaftung von drei Ungarn ein, die mit Raoul Wallenberg Kontakt hatten: Einer der Verhafteten war ein ehemaliger Pfeilkreuzer, der in dem geplanten Schauprozess als Zeuge der Anklage auftreten sollte, und dessen Zeugenaussage von den Sowjets unter Folter erpresst wurde. Die anderen beiden waren Juden, denen der Mord in die Schuhe geschoben werden sollte. Die Krönung im Schauprozess sollte der Umstand sein, dass der Mord an Wallenberg im Keller der amerikanischen Gesandtschaft stattgefunden haben soll. Doch durch den Tod Stalins kam es nicht mehr zu dem geplanten Prozess und zwei der Verhafteten konnten später ins westliche Ausland fliehen, der Dritte verstarb an den Folgen der Folter.
Der deutsche Historiker und Journalist Ulrich Völklein vertritt in seinem Beitrag Raoul Wallenberg: Verschollen in Moskau die Auffassung, dass Wallenberg am 17. Juli 1947 im Moskauer Gefängnis Lubjanka ohne Gerichtsverfahren ermordet worden ist, und nicht, wie von sowjetischer Seite aus behauptet wurde, plötzlich an einer Krankheit in seiner Zelle starb. Aussagen von Zeugen, die Wallenberg nach 1947 gesehen haben wollen, tut Völklein als Desinformation ab. Wallenberg sei nur der Form halber schwedischer Diplomat gewesen und tatsächlich Beauftragter des im Jahre 1944 gegründeten amerikanischen War Refugee Board (WRB). Weiterhin geht Ulrich Völklein davon aus, dass Wallenberg auch für den amerikanischen Geheimdienst, Office for Strategic Service (OSS), gearbeitet hat und darüber hinaus auch noch Verbindungen zu sowjetischen Stellen hatte. Nach seiner Verhaftung sei mehrmals versucht worden, ihn zu einer künftigen Zusammenarbeit mit den Sowjets zu bewegen. Nach der Meinung Völkleins besiegelte die Weigerung Wallenbergs sein Schicksal.
Der russische Journalist und Autor Lew Besymenski stellt in seinem Artikel Wallenberg und der sowjetische Nachrichtendienst die gewagte These auf, dass Wallenberg ein Doppelagent gewesen sein soll, der sowohl für den amerikanischen als auch den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet hat. Er fügt nach eigenen Worten “eine weitere Unwahrscheinlichkeit” zum Fall Wallenberg hinzu. Seine Beweisführung basiert vor allem auf Gesprächen mit Zeitzeugen. Nach der Auffassung von Besymenski ist die Annahme, dass Wallenberg mit dem sowjetischen Geheimdienst zusammengearbeitet hat, der Schlüssel zu den Ungereimtheiten im Verhalten der sowjetischen Behörden. Der Fall Wallenberg wurde zu einem “Dienstgeheimnis” und diese werden ewig gewahrt. Das würde nach Ansicht von Besymenski auch die Geheimniskrämerei und Desinformation auf sowjetischer Seite erklären. Die Argumentation Besymenskis ist in sich schlüssig, der Umstand jedoch, dass er vor allem mündliche Quellen heranzieht, macht seine Argumentation angreifbar.
Der Sammelband zeichnet sich insgesamt durch seine Vielzahl an unterschiedlichen Aspekten und neuen Fragestellungen im Falle Raoul Wallenberg aus. Sowohl dem Fachmann als auch dem interessierten Laien bietet dieser Band eine unerlässliche und informative Lektüre zum Fall Raoul Wallenberg. Durch die verschiedenartigen Beiträge, dem anschaulichen Ausstellungskatalog, den Auszügen aus dem schwedischen Bericht der schwedisch-russischen Arbeitsgruppe und dem Anhang gibt dieses Buch ein umfassendes Bild vom Stand der Ergebnisse der jüngsten internationalen Forschung zum Thema Raoul Wallenberg. Als wünschenswerte Abrundung des Sammelbandes hätte sich noch eine Bibliographie über die neuesten Arbeiten zu Raoul Wallenberg angeboten.