NORDEUROPAforum
Zeitschrift für Politik,
Wirtschaft und Kultur
ISSN 1863639X
1/2004
14. Jahrgang (7. der N.F.)
Seiten 87-90

Kirchhoff, Hans, John T. Lauridsen und Aage Trommer (Hgg.): Gads Leksikon om Dansk Besættelsestid 1940–45. Kopenhagen: Gads Forlag 2002, 551 S.

Dieses im Herbst 2002 erschienene Lexikon zur dänischen Besatzungszeit 1940–45 ist der Nachfolger von Besættelsens Hvem-Hvad-Hvor von 1979. Das neue Lexikon war also überfällig, wenn man in Betracht zieht, dass die Geschichte alle 20 Jahre neu geschrieben wird und dass sich die dänische Besatzungszeitforschung durch den Wegfall des bipolaren Weltbildes seit Anfang der neunziger Jahre sowohl quantitativ wie qualitativ erheblich ausgeweitet hat. Die Herausgeber, neben dem Doyen der dänischen Besatzungszeitforschung Professor Emeritus Hans Kirchhoff von der Universität Kopenhagen, John T. Lauridsen, Forschungsleiter der Kongelige Bibliotek in Kopenhagen und Aage Trommer, Professor Emeritus an der Syddansk Universitet Odense, standen also in Bezug auf Umfang und Methode vor einer großen Herausforderung. Es handelt sich bei diesem Lexikon nicht um eine Neubearbeitung und Erweiterung des alten, sondern um ein komplett neues, auch wenn es geringe Teile von seinem Vorgänger übernimmt. Nur acht der 21 Verfasser des alten Lexikons haben noch an dem neuen Lexikon mitarbeiten können, das insgesamt 50 Autoren aufweist. Bemerkenswert ist, dass nur drei Frauen beteiligt sind und die Verfasser eine ausgesprochen nationale Homogenität aufweisen.

Das Lexikon besteht aus über 400 Artikeln, die sich über 521 zweispaltige und recht eng bedruckte Seiten verteilen. Auf den letzten 30 Seiten gibt es zudem ein Register, das bei der hohen Anzahl der Artikel ein wenig überflüssig wirkt. Darüber hinaus finden sich hier fehlerhafte Angaben. Zum einen wird der dänische Gesandte in Berlin von 1924 bis 1942 Herluf Zahle mit Carl Theodor Zahle, dem dänischen Conseilspräsident und Justizminister von 1909 bis 1910, 1913 bis 1920 sowie von 1929 bis 1935 (S. 551) verwechselt, zum anderen passiert das selbe mit dem dänischen Gesandten in Washington von 1939 bis 1958, Henrik Kauffmann, und Karl Kaufmann, dem Hamburger Gauleiter von 1929 bis 1945 und Reichskommissar für die deutsche Seefahrt 1942 (S. 536).

Dem überflüssigen und fehlerhaften Register steht allerdings ein Hauptteil gegenüber, der durch wissenschaftliche Schärfe besticht, die man nur selten in einem Lexikon sieht. Vom ersten (Allierede flyver, nedstyrtede) bis zum letzten Artikel (Østrumsudvalget) erfährt man alles über die dänische Besatzungszeit. Politik, Wirtschaft und Soziales, Militär, Rechtswesen, Kultur, Widerstand, Sprache und viele andere Teilbereiche werden wie auch die Forschungslage und weiterführende Literaturhinweise hervorragend dargestellt. Positiv anzumerken ist auch, dass die Redaktion eine Reihe von Artikeln aufgenommen hat, die die leider noch so verbreitete 1940-45-Klammer zu sprengen versuchen, beispielsweise drei verschiedene Artikel zu dem Stichwort Flüchtlinge: Flygtninge, danske i Sverige (S. 139f.), Flygtninge, tyske i Danmark (S. 140ff.) und Flygtninge, tyske og allierede, 1945 (S. 144f.). Die Artikel über die strafrechtliche Abrechnung der Nachkriegszeit (Retsoprgøret, S. 393ff.) und die Befreiungsregierung vom Mai bis Oktober 1945 (S. 26ff.) gehen inhaltlich weit über den 5. Mai hinaus. Das Fortleben der Besatzungszeit wird sehr gut in Artikeln zum kollektiven Gedächtnis (S. 124ff.), zu Gedenkstätten (S. 330f. und 339ff.) sowie zu Belletristik (S. 421ff.) und Fachliteratur (S. 203ff.) dargestellt.

Darüber hinaus finden sich eine Reihe biographischer Skizzen der wichtigsten Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kultur und der Widerstandsbewegung sowie der Chefs der deutschen Verwaltung in Dänemark. Da die Redaktion mehr auf Sach- als auf Personenartikel gesetzt hat (Vorwort S. 5), werden Kenner der dänischen Besatzungszeit selbstverständlich bestimmte Personen vermissen, auf dänischer Seite z.B. den Politiker und Kulturhistoriker Hartvig Frisch, der mit seinem Buch Pest over Europa von 1933, in der Nationalsozialismus wie Kommunismus als die neue Pest in Europa beschrieben werden, als einer der führenden sozialdemokratischen Ideologen hervortrat. Er bekannte sich allerdings nach der Befreiung Dänemarks am 5. Mai 1945 klar zur Staatskollaboration mit den Nazis und zu den von der Widerstandsbewegung während der Besatzungszeit durchgeführten Denunziantenliquidierungen (siehe hierzu den Artikel Likvideringer, S. 317f.) und kritisierte die Abrechnung mit den sogenannten Landesverrätern (siehe hierzu den Artikel Modbevægelsen, S. 336). Auf deutscher Seite sucht man vergeblich nach einem Artikel über Alexander Walter, Ministerialdirektor im Reichsernährungsministerium und Vorsitzender des deutschen Regierungsausschusses zur Durchführung des deutsch-dänischen Außenhandelabkommens. Alexander Walter hatte im Zusammenspiel mit dem Vorsitzenden des dänischen Regierungsausschusses, Mathias Aagaard Wassard, der im Lexikon ebenfalls keinen Eintrag bekommen hat, wesentlichen Einfluss auf die deutsch-dänischen Handelsbeziehungen, die ein zentrales Element sowohl für die deutsche Politik in Dänemark, als auch für die dänische Kollaborationspolitik waren. Hierzu muss erwähnt werden, dass die Redaktion bewusst den Schwerpunkt auf die politische Geschichte und weniger auf die Wirtschafts- oder Kulturgeschichte gelegt hat (Vorwort S. 5). Da die politische Geschichte in der dänischen Historiographie der Besatzungszeit jedoch im Laufe der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts seine beherrschende Position verloren hat, zeugt diese Schwerpunktwahl von der wissenschaftlichen Heimat der Herausgeber und weist daher eher in die Vergangenheit als in die Zukunft der Besatzungszeitforschung.

Erfreulich ist allerdings, dass die Redaktion eine Reihe junger Historiker in die Autorengruppe mitaufgenommen hat, beispielsweise die Kopenhagener Historiker Steen Andersen (u.a. Udenrigsministeriet, S. 483f.) und Søren Helstrup (u.a. Besættelsen 9. april 1940, S. 42ff.), auch wenn deren Artikel prinzipiell hätten von ihren älteren Kollegen geschrieben werden können. Alle Verfasser hatten völlige Freiheit bei der Anfertigung der Artikel, so dass man recht deutlich die Handschriften der einzelnen Autoren erkennen kann. Dies ist einerseits eine große Stärke des Lexikons, da so die Unterschiede zwischen den verschiedenen Sichtweisen der Besatzungszeit klar zu Tage treten. So schließen Hans Kirchhoff und Henrik S. Nissen, ebenfalls Professor Emeritus von der Universität Kopenhagen, ihren Artikel Regeringerne under besættelsen (S. 379ff.) mit der lakonischen Bemerkung, dass das Machtvakuum nach dem Rücktritt der dänischen Regierung am 29. August 1943 durch die unpolitische Verwaltung der Staatssekretäre ausgefüllt worden sei, während Steen Andersen in seinem Artikel über die letzten 20 Monate der Besatzungszeit (Departementschefstyret, S. 107ff.) recht deutlich auf eine politische Verwaltung der Staatssekretäre verweist. Die drei genannten Verfasser bedienen sich gekonnt der Instrumente der historischen Interpretation, und beide Artikel sind so trotz ihrer eindeutigen Widersprüchlichkeit doch kompatibel und können gut nebeneinander im selben Buch stehen.

Andererseits hat die freie Hand für die Autoren bei der Artikelgestaltung auch dazu geführt, dass einige allzu sehr aus ihrer eigenen Forschungsperspektive geschrieben haben. Geradezu irreführend wirkt beispielsweise der Artikel Våbenproduktion (S. 510f.) vom Leiter des dänischen Widerstandsmuseums Esben Kjeldbæk, der ausschließlich über die Waffenproduktion der Widerstandsbewegung schreibt. Zwar schreibt Esben Kjeldbæk, dass dem Dansk Industri Syndikat (DISA) und dem Waffenarsenal des dänischen Heeres Spezialwerkzeug für die Waffenproduktion der Widerstandsbewegung entwendet werden musste, doch erfährt der Leser hier nicht, dass DISA der größte dänische Waffenproduzent war und bis zuletzt gut an den Geschäften mit den Nazis verdiente und dass das Waffenarsenal des dänischen Heeres mit stillschweigender Einwilligung der dänischen Regierung als Reserveteillager für die Waffenproduktion von DISA fungierte. Dieser fehlende Hinweis ist um so bedauerlicher, da die Zusammenarbeit zwischen DISA und dem Waffenarsenal des Heeres ein Paradebeispiel für die Good-Will-Politik der dänischen Regierung gegenüber den deutschen Besatzern war.

Ebenso unverständlich wie der viel zu knappe Eintrag zur Waffenproduktion erscheint das Fehlen eines Sammelartikels zur Widerstandsbewegung. Dies ist aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive verständlich, da es nie eine Widerstandsbewegung, sondern eine Vielzahl von Gruppierungen gab. Die wichtigsten haben zwar ihren eigenen Artikel im Lexikon erhalten, wie etwa die fünf größten Frit Danmark (S. 175f.), DKP (S. 85ff.), Ringen (S. 404f.), De Frie Danske (S. 104f.) und Dansk Samling (S. 96ff.), doch wer diese Namen nicht kennt, kann lange suchen. Das Fehlen eines einführenden Artikels zu den Widerstandsbewegungen führt dazu, dass dieses Lexikon nur als Fachlexikon bezeichnet werden kann. Überhaupt sind alle Artikel in der jeweiligen Fachsprache so verfasst, dass einem allgemein Geschichtsinteressierten mit diesem Lexikon nicht gedient ist, auch wenn er laut Vorwort mit zur Zielgruppe gehört.

Das Lexikon ist jedoch höchst empfehlenswert für alle, die sich mit der dänischen Besatzungszeit 1940–45 beschäftigen wollen und mehr als ein allgemeines Interesse mitbringen. Es bringt einen nicht nur auf den neuesten Stand der Forschung, sondern ist auch ein Spiegel der sehr unterschiedlichen Forschungstraditionen. Zuletzt sei noch erwähnt, dass der erwähnte Mangel an Biographien durch ein eigenständiges “Who is who” der dänischen Besatzungszeit durch die gleiche Redaktion im kommenden Jahr behoben wird.

Mark Mau (Kopenhagen)