NORDEUROPAforum
Zeitschrift für Politik,
Wirtschaft und Kultur
ISSN 1863639X
2/2004
14. Jahrgang (7. der N.F.)
Seiten 3-26

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Summary

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“Die deutsche Judenpolitik entfremdet uns innerlich dem finnischen Volk.”

Wipert von Blücher, die NS-Judenpolitik und Finnland im Zweiten Weltkrieg1

Michael Jonas

Summary

The article deals with the attempts of the German minister to Helsinki, the old-school diplomat Wipert von Blücher, to prevent the National Socialist “measures” against the Jews of Europe from being applied to Finland, Germany’s co-belligerent in the offensive against the Soviet Union. Despite of sharing many of the common assumptions of traditional Wilhelminian anti-Semitism, Blücher did not endorse the radical anti-Jewish policies of the National Socialist regime and – very cautiously but nonetheless repeatedly – tried to discourage potential moves by Berlin to include the Jewish population of Finland in the “final solution”. His political behaviour can be seen as close to exemplary for the reservations with which a number of national-conservative diplomats within the “Auswärtiges Amt” responded to the extermination of the European Jews. These reservations did nonetheless not forestall their involvement into the administrative execution of the Holocaust.

Michael Jonas, Fil. mag., ist Doktorand am Historischen Institut der Universität Helsinki. Er arbeitet an einer Dissertation über Wipert von Blücher und die deutsch-finnischen Beziehungen in den späten dreißiger Jahren und im Zweiten Weltkrieg. Kontakt: michael.jonas@helsinki.fi oder Historian laitos, PL 59, FIN 00014 Helsingin Yliopisto.


Seit der Publikation von Elina Sanas Monografie Luovutetut. Suomen ihmisluovutukset Gestapolle im Herbst 2003, die sich mit der Auslieferung von sowjetischen Kriegsgefangenen und internierten Zivilisten an Deutschland auseinandersetzt, haben sich die finnische Öffentlichkeit und unter deren Druck auch die Historikerzunft des Landes mit großem Aufwand der Frage nach der Rolle Finnlands im Holocaust zugewandt.2Der entstandene Diskurs trägt die aus dem Deutschland der Nachkriegszeit hinreichend bekannten Züge von Identitätssuche und Selbstfindung, ist jedoch innerhalb Finnlands ein in dieser Form neues Phänomen. Eine bezeichnenderweise von der finnischen Regierung eingesetzte Kommission unter dem Helsinkier Historiker Heikki Ylikangas lotete die Stichhaltigkeit der zentralen Argumente Sanas aus und ging vor allem der Frage nach, inwiefern in diesem Forschungsbereich historiografische Desiderata vorlägen, die eine umfassende Behandlung erforderten.3 Seit einigen Wochen beschäftigt sich nun vor dem Hintergrund der Empfehlungen Ylikangas’ eine beim finnischen Nationalarchiv angestellte Forschungskommission (Jatkosodan ihmisluovutukset-projekti) mit der Aufarbeitung dieses Aspekts der Geschichte Finnlands im Zweiten Weltkrieg. Darüber hinaus haben sich weitere Historiker der Thematik angenommen, so zuletzt Hannu Rautkallio, herausragender, wenn auch nicht unumstrittener Vertreter der finnischen Holocaust-Forschung.4

Die folgenden Ausführungen zum Deutschen Gesandten in Helsinki zwischen 1935 und 1944, Wipert von Blücher (1883–1963), und dessen Rolle im Rahmen deutscher Juden- und Finnlandpolitik während des Zweiten Weltkrieges verstehen sich als Beitrag zu der aktuellen Forschungsdebatte in Finnland.5 Sie verweisen auf das Beispiel eines in den konservativ-wilhelminischen Traditionen seiner Zeit verhafteten Diplomaten, dessen Denken sich in die “Konsenszonen” (Hans-Ulrich Wehler)6 zwischen alten Eliten und Nationalsozialismus einfügen lässt. Blüchers Biografie im Dritten Reich zeigt exemplarisch das Lavieren der national-konservativen Eliten zwischen Anpassung und Widerstand, auf das Hans Mommsen und Marion Thielenhaus aufmerksam gemacht haben. Was Blüchers Vorgesetztem, dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes (1938–1943) Ernst Freiherr von Weizsäcker, von Marie-Luise Recker zugeschrieben wurde, gilt in vielerlei Hinsicht auch für Blücher selbst: Weizsäcker verkörpere paradigmatisch

die Überschneidungen und Unterschiede, die Fehlperzeptionen und Unterschätzungen, die Teilidentität von Zielen und Divergenz von Methoden und Mitteln, die die Wirkungs- und Einflußmöglichkeiten der nationalkonservativen ‘Opposition’ insgesamt beeinträchtigt und untergraben haben.7

Weniger komplex und doch nicht weniger treffend äußerte Väinö Tanner, finnischer Außenminister während der Zeit des Winterkrieges, einmal beiläufig über den letzten Deutschen Gesandten in Helsinki, Blücher sei wohl kein überzeugter Nationalsozialist gewesen, habe aber seinen Meistern treu gedient.8

“Treue” ist ohnehin ein dehnbarer, interpretationsbedürftiger Begriff; dem Verhalten Blüchers im Nationalsozialismus wird er nur mit Einschränkung gerecht.9 Ein starker Dissens zwischen den politischen Vorgaben Berlins und der Position Blüchers tut sich während des Winterkrieges auf, als Blücher – in Teilen unterstützt von seinen konservativen Kollegen in der Zentrale – konsequent auf ein Engagement des Deutschen Reiches zugunsten Finnlands hinzuwirken versuchte.10 Die NS-Judenpolitik stellt einen weiteren Bereich dar, in dem sich Blüchers Auffassungen von der Politik des “offiziellen Berlin” (Ingeborg Fleischhauer) gravierend unterschieden.11 Hier unternahm der Gesandte mit beeindruckender Konsequenz eine Reihe von Versuchen, um einem Übergreifen rassenideologisch motivierter Maßnahmen auf sein Gastland vorzubeugen. Diese Versuche zu rekonstruieren und ihren Platz in der deutschen Finnlandpolitik dieser Zeit zu bestimmen, soll Aufgabe der folgenden Ausführungen sein.

Blüchers Sicht auf den institutionalisierten Antisemitismus sowie die Judenverfolgung (und spätere Vernichtung) im Dritten Reich bildet den Ausgangspunkt für eine Untersuchung seines Verhaltens in diesen schauerlichen Angelegenheiten.12 Hiermit verknüpft ist die Frage nach der Auffassung des Gesandten vom Judentum in einem allgemeineren Sinne und der spezifischen “Judenfrage” im Sinne der NS-Politik. Obwohl Blüchers Veröffentlichungen aus den Nachkriegsjahren zur deutschen Finnland- und Mittelostpolitik bisweilen in überregionalen deutschen Tageszeitungen und sogar in der internationalen Presse gewürdigt wurden, geht die zweifellos prominenteste Erwähnung Blüchers und seiner Rolle im Nationalsozialismus auf sein Verhalten in der so genannten Judenfrage zurück. In einer ausführlichen Besprechung von Hans-Jürgen Döschers Studie Das Auswärtige Amt im Dritten Reich. Diplomatie im Schatten der ‘Endlösung’ zieht der damalige Herausgeber des SPIEGEL Rudolf Augstein den Deutschen Gesandten in Helsinki als leuchtendes Beispiel eines Diplomaten heran, der im Dritten Reich der Korrumpierung durch die eskalierende NS-Judenpolitik erfolgreich widerstanden habe. Blüchers Beispiel sei, so Augstein, vor dem Hintergrund der Involvierung des Auswärtigen Amtes in die amtlich sanktionierte NS-Vernichtungspolitik des Zweiten Weltkrieges ein Einzelfall und “sein Name Wipert von Blücher [...] gepriesen”.13 Augstein bezieht sich in seiner Rezension auf einen Bericht des Gesandten, den dieser Ende Januar 1943 in Reaktion auf eine Anweisung des Judenreferats der Abteilung Deutschland im Auswärtigen Amt an die Zentrale adressierte. Die von Augstein nur sehr skizzenhaft wiedergegebenen Ausführungen Blüchers sind es wert, in voller Länge zitiert zu werden:

[...] Schweigen amtlicher Kreise und Fehlen Presseäußerungen darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß aber deutsche Judenpolitik finnisches Volk uns innerlich entfremdet. Wie empfindlich finnische Volk auf diesem Gebiet, zeigte sich Oktober vorigen Jahres, als Gerüchte über Ausweisung weniger Juden so starke Reaktion hervorriefen, daß Stellung deutschfreundlichen Innenministers Horelli seitdem erschüttert. In schwieriger Periode, die deutsch-finnisches Verhältnis gegenwärtig durchmacht, können zusätzliche Stimmungsbelastungen gefährliche Wirkung haben.14

Dieser Bericht stellt in der Tat eine der prominenteren Äußerungen Blüchers zur “Judenfrage” dar und steht, wie im Folgenden darzustellen sein wird, in einer Kontinuität zu früheren und späteren Interventionen des Gesandten ähnlichen Inhalts und annähernd gleicher Diktion.

Ihren Ausgang nimmt Blüchers amtliche Berichterstattung zur Frage der NS-Judenpolitik bereits in seiner Zeit als Deutscher Gesandter in Teheran zwischen 1931 und 1935. Ein auf den 17. August 1933 datierter Berichtsentwurf, überschrieben “Persien und die Judenfrage”, bedient sich eines ähnlichen Argumentationsstranges wie der oben zitierte Bericht knapp ein Jahrzehnt später. Hier konstatiert Blücher, dass der persischen Bevölkerung “der Begriff der Rasse bis heute einigermaßen fremd [geblieben] ist”. Entscheidend sei nicht das “Blut” des Einzelnen, sondern vielmehr seine Staatsangehörigkeit und der islamische Glaube:

Ist er nicht Mohamedaner [sic!], sondern Christ oder Jude, so ist er gewissen Zurücksetzungen ausgesetzt, wobei zwischen Christ und Jude kaum ein Unterschied gemacht wird. Bei dieser Einstellung ist der Perser nicht imstande, die rassenmäßige Auffassung des deutschen [sic!] Judenproblems zu begreifen, und es ist bei ihm kein Interesse für die Frage zu wecken, wieviel Menschen in Deutschland arisch oder nichtarisch sind. […] Wie die Dinge hier liegen, ist es nicht ratsam, dem deutschen Judenproblem durch Propaganda unsererseits eine Aktualität zu geben, die ihm bisher in diesem Lande abgeht.15

Bereits unmittelbar nach seiner Ankunft in Helsinki Anfang Mai 1935, zu einem Zeitpunkt also, als in Deutschland die Verabschiedung der Nürnberger Gesetze bevorstand, machte sich der neue Deutsche Gesandte in Finnland im Rahmen erster politischer Sondierungen mit der finnischen Sicht zur NS-Rassendoktrin vertraut. In Gesprächen mit Regierungsvertretern, namentlich dem stellvertretenden Außenminister Rolf Witting, wird Blücher vor allem der “weite Abgrund” ersichtlich,

der in dieser Frage [der Rassenpolitik und des nordischen Gedankens im Allgemeinen, MJ] [zurzeit] zwischen finnischer und deutscher Auffassung gähnt. Es wird nicht leicht sein, eine Synthese zu finden, die ihn einigermaßen überbrücken könnte.

Dieser Feststellung schließt sich eine durch ihre analytische Schärfe bestechende Auseinandersetzung des Gegensatzes zwischen dem in erster Linie rassenpolitisch aufgeladenen Begriff vom “nordischen Gedanken” in Deutschland und seiner pragmatisch-freiheitlichen und historisch gewachsenen Ausformung in Finnland und Skandinavien an.16 Die von Witting vorgenommene Begriffsklärung, die ihren Eindruck auf den für die finnische Sicht der Dinge ohnehin sehr aufgeschlossenen Blücher nicht verfehlte, ist offensichtlich Rosenbergs Auslassungen zum nordischen Gedanken aus dem Vormonat geschuldet. Auf der so genannten Nordischen Tagung der Nordischen Gesellschaft im Juni 1935 hatte deren Vorsitzender das nationalsozialistische Deutschland zum Protektor des Nordens stilisiert.17

Um die Jahreswende 1938/39 greift der Gesandte die Judenverfolgung im jetzt zum Großdeutschen Reich avancierten Deutschland erneut auf. Anlass für diesen Bericht sind die Pogrome des Novembers 1938 und deren Widerhall in der finnischen Gesellschaft, der aufgrund seines kritischen Grundtenors die Ausgangslage der deutschen Finnlandpolitik und damit auch Blüchers unausbleiblich beeinträchtigte. Über einen Zeitraum von mehreren Wochen sammelte Blücher Material für seine Berichterstattung zu diesem Gegenstand. Offenbar mit besonderem Augenmerk auf die Rezeption der “deutschen Judenfrage” befragte er in seinen zahlreichen Gesprächen Vertreter der politischen Eliten und des öffentlichen Lebens in Finnland, so u.a. Mannerheim, den finnischen Gesandten in Washington Hjalmar Procopé und den einflussreichen Lokalpolitiker Erik von Frenckell.18 Vor allem die vergleichsweise ausführlichen Stimmungsbilder Frenckells über das zunehmend anti-deutsche Klima in der finnischen Gesellschaft, das vornehmlich auf die kritische Einstellung der finnischen Öffentlichkeit gegenüber der Judenverfolgung in Deutschland und der expansionistischen deutschen Politik des Vorjahres zurückging, scheinen Blücher Mitte Februar 1939 zum Verfassen dieses Berichts veranlasst zu haben.19 Hier warnt der Gesandte erstmals vor einer Ausweitung der NS-Judenpolitik auf Finnland. Seinen Ausführungen legt er die These zugrunde, dass es in der finnischen Gesellschaft keine “Judenfrage” gebe, sondern diese vielmehr als ein deutsches Phänomen zu betrachten sei. Der zu vernachlässigende Anteil der jüdischen Bevölkerung in Finnland sei im Laufe der Geschichte vollständig in der finnischen Gesellschaft aufgegangen. Ferner besitze Finnland historisch keinerlei antisemitische Tradition, die es für den Antisemitismus des nationalsozialistischen Deutschlands empfänglich machen könnte. Stattdessen, setzt Blücher in streng nationalsozialistischer Diktion fort, lasse sich “der Finne” “bei seiner Stellungnahme zum Judenproblem von humanitären und sentimentalen [sic!] Erwägungen leiten”.20

Der hier zitierte Berichtsentwurf diente Blücher ferner als Grundlage für die Behandlung dieses Aspekts in seinen Memoiren. Schon in deren Frühfassung und in der letztlich publizierten Version insinuiert er in implizit antisemitischer Form, dass der Status und das öffentliche Auftreten der Juden in Finnland den Erscheinungsformen des Antisemitismus keinen Vorschub leistete, da sich diese im Allgemeinen “zurückhielten”21 und “keinen Wirtschaftszweig monopolisierten”22. Es bleibt dem Leser überlassen, eine Verbindung zu den vermeintlich divergierenden deutschen Verhältnissen herzustellen.

Von Interesse ist in diesem Zusammenhang auch Blüchers privates Engagement für Deutsche in seinem Umfeld, die von der Nürnberger Rassegesetzgebung betroffen waren. So intervenierte u.a. der ehemalige deutsche Pressevertreter in Helsinki und Handelsattaché der Gesandtschaft Otto von Zwehl vor dem für Blüchers Fall zuständigen Entnazifizierungsausschuss, der Spruchkammer Garmisch-Partenkirchen, zugunsten des Gesandten. Er sei, erklärte Zwehl, trotz seiner “nichtarischen” Herkunft von Blücher stets gedeckt worden, auch in Zeiten, in denen dies für den Gesandten persönliche Konsequenzen hätte nach sich ziehen können.23 Im gleichen Rahmen setzte sich Johanna Solf, die Patronin des regimekritischen Solf-Kreises, zu dessen geistigen Mitgliedern sie den Gesandten trotz seiner Abwesenheit von Deutschland zählte, für Blücher ein.24 Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges unterhielt der Gesandte darüber hinaus eine Korrespondenz mit dem in die Vereinigten Staaten von Amerika emigrierten Berliner Professor Ernst Herzfeld, der gemäß der Nürnberger Rassegesetze als “Volljude” galt. Die Konsequenz, mit der Blücher diese Praxis betrieb, deutet auf eine Souveränität im Umgang mit der NS-Judenpolitik hin, die es ihm zumindest im Privaten ermöglichte, den Anstand zu wahren.25

Blüchers private Überzeugungen übersetzten sich auch während des Zweiten Weltkrieges in seine offizielle Berichterstattung. In einer auf Anfang Dezember 1942 datierenden Auflistung von “Vorschlägen für die deutsche Propaganda in Finnland” kommt der Gesandte zu dem Schluss, dass deutsche Lebensmittellieferungen an Finnland die bei weitem “wirkungsvollste Propagandamaßnahme” bildeten, und fügt lakonisch an, “Propaganda gegen Juden und Plutokraten [gemeint sind wahrscheinlich die Freimaurerlogen, MJ] begegnet erheblich weniger Interesse als Propaganda gegen Bolschewiken”.26 Die im Oktober 1943 von den NS-Behörden betriebene Deportation der jüdischen Bevölkerung des besetzten Dänemarks bewirkte eine erneute Intervention des Gesandten bei seinen Vorgesetzten in der Zentrale.27 In einem dreiseitigen Drahtbericht vom 5. Oktober fasst der Gesandte die kritische Rezeption der gegen die “jüdischen Elemente” Dänemarks eingeleiteten Maßnahmen in der finnischen Presse zusammen. Einem Fehlen der deutschen Lesart in den finnischen Medien stehe die ausgesprochen “negative Rezeption” in den einschlägigen politischen und journalistischen Zirkeln gegenüber. Als für die “deutsche Sache” in Finnland besonders schmerzlich stelle sich hierbei ein Artikel des deutschfreundlichen Philosophen Eino Kaila, “einem der hervorragendsten Vertreter des finnischen Kulturlebens”, in der konservativen, ebenfalls ausgesprochen deutschfreundlichen Zeitung Uusi Suomi dar, dessen Inhalt Blücher en detail zitiert. Obwohl grundsätzlich der Ansicht, dass Finnland dem deutschen Kulturkreis zugehörig sei, kritisiere Kaila in seinem Artikel die nationalsozialistische Judenverfolgung mit Entschiedenheit. Sie bilde für den finnischen Philosophen die zentrale, den Finnen unverständliche Erscheinung innerhalb des Nationalsozialismus. Gerade deutschfreundliche Kreise der finnischen Intelligenz, die sich über Jahre darin geübt hätten, das “größte Verständnis für die nationalsozialistische Weltanschauung [aufzubringen] – und die auch dort schwiegen, wo kein Verständnis an sich mehr möglich war”, könnten dieser “Verletzung der Grundbegriffe europäischer Kultur” durch NS-Deutschland nur mit Verstörung und Empörung begegnen.28

Blüchers Bezugnahme auf Kaila gewinnt angesichts der Tatsache, dass der finnische Gelehrte seit Jahren zum unmittelbaren Bekanntenkreis des Gesandten in Helsinki gehörte, eine durchaus persönliche Note.29 Kaila war im Laufe des Zweiten Weltkrieges insbesondere vor dem Hintergrund seiner wissenschaftlichen Sozialisation in den akademischen Strukturen Berlins und Wiens (Wiener Kreis) zweifellos einer der hervorragenden Fürsprecher einer Anlehnung an Deutschland. Seine auf traditioneller finnischer Russophobie und Anti-Bolschewismus fußende Deutschfreundlichkeit orientierte sich jedoch in erster Linie an einem stilisierten, in seinen Grundlagen konservativ tradierten Idealbild deutscher Kultur, nur in untergeordneter Weise jedoch am Dritten Reich. In seiner Stellungnahme für Uusi Suomi werden daher Vorbehalte und Abgrenzung eher deutlich als ideologische Kongruenz und Sympathien. In vielerlei Hinsicht saß Kaila einem für die finnischen Eliten aus Politik und Kultur symptomatischen Missverständnis der deutschen Zustände auf, dessen Klärung vor dem Hintergrund der ideologischen Konvergenz eines gemeinsam getragenen “anti-bolschewistischen Kreuzzugs” zunehmend schwieriger wurde.30

Blüchers Berichterstattung zur NS-Judenpolitik und zu deren Aufnahme in seinen Gastländern lässt in sprachlicher und inhaltlicher Hinsicht einige charakteristische Merkmale erkennen:

Blücher bedient sich in seiner Berichterstattung folglich eines in der Diplomatie durchaus üblichen Instrumentariums, um politisch aus der verhältnismäßigen Isolation seiner Dienstorte heraus Einfluss zu nehmen. Die im Auswärtigen Amt bis in die Schlussphase der dreißiger Jahre dominante Gruppe national-konservativer Diplomaten perfektionierte diese Modi und entwickelte aus ihnen ein System interner Kommunikation, das darauf abzielte, alternativdiplomatische und in Einzelfällen sogar oppositionelle Politikansätze zu verdecken. Blüchers Übernahme des antisemitischen Sprachduktus entspricht dieser Praxis und hatte offenbar die Absicht, über das inhaltliche Abweichen seiner Berichterstattung von den ideologischen Prämissen des Nationalsozialismus hinwegzutäuschen und ihn somit gegenüber Skeptikern inner- und außerhalb des Auswärtigen Amtes als regimekonform auszuweisen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Rekurs des Gesandten auf die Befindlichkeiten in den Gesellschaften seiner Gastländer Persien und Finnland. Bezugnahmen dieser Art hatten in Blüchers Berichterstattung auch hinsichtlich anderer außenpolitischer Bereiche Methode, gehen aber hier über das rein funktionale Moment bei weitem hinaus. In seiner Bestimmung des “Judenproblems” als vermeintlich deutsches stellt Blücher die Integration und den Status von Juden in den Gesellschaften seiner Gastländer bewusst auf idealisierende Weise dar, ohne dabei die historische Realität grob entstellen zu müssen.32 Indem er die Beispiele seiner Gastländer dem deutschen entgegensetzt, schärft er den Blick des Adressaten für die Anormalität der Verhältnisse in Deutschland. Zugleich ficht die von Blücher verfolgte Argumentation implizit das biologistisch-rassenideologische Konstrukt des NS-Antisemitismus und damit dessen Anspruch auf Allgemeingültigkeit an. Konkret bezweckt der Gesandte, einer potentiellen antisemitischen Aufladung der deutschen Außenpolitik gegenüber seinen Gastländern entgegenzuwirken. Diese vorbeugende Ausrichtung seiner Berichterstattung konnte ihm in der Folge nicht nur die Verrichtung seiner diplomatischen Obliegenheiten vor Ort und das eigene Gewissen erleichtern; sie war im Falle Finnlands darüber hinaus geeignet, wenngleich nur im Rahmen ihrer sehr begrenzten Wirkungsmöglichkeiten, zum Schutz der jüdischen Bevölkerung des Landes beizutragen, die durch eine Anzahl von Flüchtlingen aus Mittel- und Osteuropa erheblich gewachsen war. Blüchers Position entspricht in ihren Prämissen der konsequent ablehnenden Haltung der finnischen Entscheidungsträger gegenüber möglichen Versuchen von deutscher Seite, die Deportationsmaßnahmen auch auf Finnland auszuweiten.33 Bei dieser Haltung dürfte es sich weniger um das Ergebnis einer Abfärbung fenno-skandinavischer Humanität auf den Gesandten handeln, wie Hannah Arendt im Blick auf die deutschen Besatzungsbehörden in Dänemark annimmt.34 Es liegt vielmehr der Schluss nahe, dass Blücher und die ihm nahe stehenden Mitglieder der finnischen Regierung, so u.a. der finnische Außenminister zwischen 1940 und 1943 Rolf Witting, auf der Grundlage eines gemeinsamen Wertebewusstseins ihr Handeln in dieser wie in anderer Hinsicht koordinierten, um nationalsozialistischer Einflussnahme auf sensible Bereiche der finnischen Politikgestaltung konzertiert vorzubeugen.35

Markku Jokisipilä hat dieses Vorgehen kürzlich im Zusammenhang mit deutschen Kriegslieferungen an Finnland in der Schlussphase des Krieges angedeutet.36 Auch Blüchers mehrmalige Mahnungen gegenüber Berlin vor dem Sommer 1944, Finnland nicht durch eine von deutscher Seite gewünschte Intensivierung, d.h. Formalisierung des de facto vorhandenen Bündnisses unter Druck zu setzen, gingen auf seine Gespräche mit den zentralen Entscheidungsträgern im Land zurück. Obwohl sich die Haltung des Gesandten nicht als im eigentlichen Sinne fennophil kennzeichnen lässt, zeigt sich hier doch eine Sensibilität für die Belange und Bedürfnisse seines Gastlandes, die über das übliche Maß diplomatischer Betrachtung bei weitem hinausgeht.37

Im Kontext der NS-Judenpolitik ist dies umso bemerkenswerter, als der Gesandte durchaus die allgemeinen Vorbehalte des traditionellen Antisemitismus gegen Juden und vor allem Juden in Politik und Verwaltung teilte, wie anhand von Teilen seines Briefwechsels deutlich wird. In dieser Hinsicht bewegt sich Blüchers Beispiel innerhalb der von Zeittypik und Standeshintergrund gesetzten Parameter und ist mit dem seiner Freunde und Standesgenossen Weizsäcker oder Neurath vergleichbar.38 So hatte Blücher – zu diesem Zeitpunkt Hilfsarbeiter in der Ostabteilung des Auswärtigen Amtes – bereits Anfang 1922 die Ernennung Rathenaus zum Außenminister in einem Brief in ironisch-distanzierter, nichtsdestoweniger entschieden antisemitischer Diktion kommentiert, die Rückschlüsse auf das Gesamtklima des Auswärtigen Amtes zulässt:

Hier ist unter Rathenaus Leitung die Morgenandacht zur Synagoge geworden und die Akten werden nur noch als Gebetrollen bezeichnet. Leute, die sich besonders schnell auf den ‘Boden der Tatsachen’ stellen, sollen mit dem Gedanken umgehen, sich beschneiden zu lassen. Kluge Leute sehen aber voraus, dass die Ära Rathenau nur ein kurzes Intermezzo sein wird, und unterziehen sich nicht einer Prozedur, die irreparabel ist. – Leider hat die Angelegenheit Rathenau auch eine sehr ernste Seite: Bei der Stärke der antisemitischen Bewegung werden wir einen sehr schwachen Außenminister [auf der Weltwirtschaftskonferenz, MJ] in Genua haben.39

Insbesondere die letzte Bemerkung Blüchers legt abseits vom traditionellen antisemitischen Gehalt seiner Diktion die Distanz offen, mit der er dem politisch organisierten Antisemitismus gegenüberstand. Noch deutlicher wird der Abstand zwischen ihm und dem völkisch-radikalen Antisemitismus der Weimarer Zeit in seiner Ablehnung des Attentats, das nur wenige Monate später von rechtsextremen Geheimbündlern auf Rathenau verübt wurde. “Natürlich”, schreibt Blücher Mitte Juli 1922 an seinen wohl engsten Freund im AA und späteren Botschafter in Moskau Rudolf Nadolny, finde er sich in der Verurteilung dieses politischen Mordes mit den “gegenwärtigen Machthabern”. Ambivalent fügt er jedoch an, dass ihn die Gegenreaktionen von Regierungsseite, vor allem die Einführung des Republikschutzgesetzes, noch wesentlich mehr beunruhigten, ihn gar in “harte Gewissenskonflikte” brächten.40

In den von Charakter und Inhalt her grundverschiedenen Briefwechseln Blüchers mit Nadolny auf der einen und dem schwedischen Geografen und Forschungsreisenden Sven Hedin auf der anderen Seite finden sich ein ums andere Mal Ausdrucksformen des traditionellen Antisemitismus. Wenngleich nicht von ihm in dieser Schärfe geäußert, ist vorauszusetzen, dass auch er das unter den Eliten grassierende, zeittypische Ressentiment gegen Juden teilte. Antisemitismus tritt hier eher als eine von vielen “unspoken assumptions” (James Joll), als eine Form des “kulturellen Codes” auf. Besonders deutlich wird dies in Nadolnys Bezeichnung eines jüdisch-russischen Bolschewisten als “Schmutzjuden” Anfang der zwanziger Jahre, die auf der Identifikation von Judentum und Bolschewismus und damit auf dem antisemitischen Propagandavehikel vom jüdischen Bolschewismus fußt. Wenn auch vermeintlich nur deskriptiv verwendet, findet sich dieser Nexus noch in Blüchers Darstellung des deutsch-russischen Verhältnisses zwischen Brest-Litowsk und Rapallo aus dem Jahre 1951. Der im Hinblick auf sein Verhältnis zum Judentum grundsätzlich ambivalente Hedin sah sich noch in der Nachkriegszeit veranlasst, bei seinem Freund zu eruieren, ob es sich bei Thomas Mann, dem vermeintlich “schärfsten Deutschenhasser”, eventuell um einen “Halbjuden” [sic!] handle.41 

Wie fundamental sich jedoch Blüchers traditionsverhaftete Disposition zum antisemitischen Vorurteil vom radikalen Antisemitismus des Nationalsozialismus unterschied, wird insbesondere anhand seiner Versuche deutlich, einem Übergreifen der NS-Vernichtungsmaßnahmen auf Finnland in Anlehnung an die politisch-ideologischen Prämissen seines Gastlandes vorzubeugen. Für eine eingehende Auseinandersetzung mit seinem Verhalten im weiteren Kontext der Judenvernichtung des Zweiten Weltkrieges ist es jedoch vorab vonnöten, den Kenntnisstand zu ermitteln, den die finnischen Verantwortungsträger auf der einen und der Deutsche Gesandte sowie seine engeren Mitarbeiter auf der anderen Seite von diesen Vorgängen besaßen.

Die seit der Machtübernahme 1933 virulente Judenverfolgung im Deutschen Reich wurde in Finnland bereits früh und kritisch zur Kenntnis genommen, ohne jedoch ein besonderes Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit zu erregen.42 Die finnische Rezeption der nationalsozialistischen Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung des Reichsgebiets seit Mitte der dreißiger Jahre wurde dabei zwar von der deutschen Diplomatie als unangenehme Erscheinung in den bilateralen Beziehungen wahrgenommen; sie bewegte sich jedoch offensichtlich noch im Rahmen des diplomatisch zu Bewältigenden.43 Dies änderte sich jedoch dramatisch nach dem Anschluss Österreichs und radikalisierte sich im Gefolge der antijüdischen Pogrome im November 1938 so weit, dass die deutsche Gesandtschaft vor Ort in dieser Frage ernsthafte Auswirkungen auf die bilateralen Beziehungen zu befürchten begann.44 Zwar nahmen die politischen Krisen des Jahres 1939 und der Winterkrieg mit seinen Nachwirkungen der Behandlung der jüdischen Bevölkerung im Reich und den von Deutschland besetzten Gebieten vorübergehend einen Großteil der öffentlichen Aufmerksamkeit, jedoch blieb ein in vielen Fällen praktiziertes Mitleid mit dem Schicksal der Juden Europas in der finnischen Gesellschaft auch in den Kriegsjahren alltäglich präsent und bezog nicht selten auch finnische Regierungsverantwortliche mit ein.45

Blücher beschreibt in seinen Memoiren unter dem Titel Finnland und die deutsche Judenfrage wie auch an anderer Stelle nur die Judenverfolgung der dreißiger Jahre, geht aber auf die eigentliche Vernichtung der jüdischen Bevölkerung im deutschen Machtbereich ab 1941/42 mit keinem Wort ein.46 Dies ist umso erstaunlicher, als dem Gesandten spätestens seit dem Wilhelmstraßenprozess und gerade in Bezug auf den eng mit ihm verbundenen Weizsäcker deutlich geworden sein musste, welch elementarer Stellenwert dieser Frage bei der juristischen Bearbeitung und moralischen Bewertung des Dritten Reichs, wenn auch zunächst vornehmlich von alliierter Seite, zukam.47 Auch die zeitgenössische Quellenlage gibt nur unvollständig Hinweise auf Blüchers Kenntnisstand hinsichtlich der Judenvernichtung. Aus den vorhandenen Quellen ist ersichtlich, dass der Gesandte im spätesten Fall ungefähr ein Jahr nach der Beschlussfassung auf der Wannsee-Konferenz durch das Judenreferat der Abteilung Deutschland des Auswärtigen Amtes von geplanten Deportationsmaßnahmen in Kenntnis gesetzt wurde.48

Dies ging vor dem Hintergrund von Turbulenzen vonstatten, die die Deportation von 27 Internierten sowjetischer oder vormals estnischer Staatsangehörigkeit von Finnland in das unter deutscher Besatzung stehende Estland gegen Ende des Vorjahres aufgeworfen hatte. Zu den Deportierten zählten auch fünf als solche von der finnischen Staatspolizei (Valtiollinen poliisi) gekennzeichnete Juden.49 Blücher erfuhr zu einem relativ frühen Zeitpunkt durch den finnischen Außenminister Witting von den Vorgängen, wies diesen aber offensichtlich keine Bedeutung zu.50 Erst als Anfang Dezember Gerüchte über eine potentielle Involvierung der Gesandtschaft zu seiner Kenntnis gelangten, reagierte er und thematisierte den Sachverhalt in Gesprächen mit finnischen Regierungsverantwortlichen.51 Deutsche Behörden, die die mit der Judenvernichtung betrauten Organisationen SS und des Reichssicherheitshauptamt einbezogen, verhielten sich aus Rücksichtnahme auf Finnlands Status als Verbündeter in diesem Zusammenhang ausgesprochen passiv. Zumindest liegen keinerlei Anhaltspunkte vor, die auf wie auch immer gearteten Druck von deutscher Seite als primäre Antriebskraft hinter diesem Deportationsvorgang hindeuten. Dies gilt in besonderem Maße für die Deutsche Gesandtschaft in Helsinki.52

Bereits etwas mehr als einen Monat später stand das dem Gesandten in jeder Hinsicht unliebsame Thema erneut auf der Tagesordnung, diesmal allerdings mit detaillierten Ausführungen zu geplanten Deportationen. In einem Schreiben, das in nahezu identischer Form auch an die deutschen Missionen in Stockholm, Lissabon und Madrid ging, informierte der Leiter der Abteilung Deutschland, Unterstaatssekretär Martin Luther, den Missionschef von der unmittelbar bevorstehenden Zurücknahme der privilegierten Stellung aller im deutschen Machtbereich befindlichen Juden, auch solcher mit finnischer Staatsbürgerschaft.53 Luther legt hier expressis verbis die für die gesamte jüdische Bevölkerung im deutschen Machtbereich angedachte Behandlung offen, vom Tragen des Judensterns über Internierung bis hin zur Deportation.54 Blücher entsprach umgehend Luthers zynischer Anweisung, die finnische Regierung “höflichkeitshalber” von den bevorstehenden Maßnahmen in Kenntnis zu setzen. Bereits am 29. Januar 1943 gab er dem Auswärtigen Amt die sofortige Handlungsbereitschaft des finnischen Außenministeriums bekannt, “notwendige Feststellungen durch Gesandtschaft bzw. finnische Konsulate treffen [zu] lassen” und damit die Evakuierung finnischer Staatsbürger jüdischen Glaubens aus dem deutschen Machtbereich zu gewährleisten. Diese formale Benachrichtigung diente dem Gesandten jedoch offensichtlich nur als Anlass für eine weitere kritische Kommentierung der NS-Judendeportationen und ihrer Auswirkungen auf die deutsch-finnischen Beziehungen, nämlich dem bereits erwähnten, von Augstein zitierten Bericht ebenfalls vom 29. Januar 1943.

Die Forschung ist bisher nicht näher auf den kausalen Zusammenhang zwischen dem Deportationsvorgang von Anfang Dezember 1942 und dem geplanten Vorgehen gegen die Juden verbündeter und neutraler Staaten auf der einen und Blüchers Intervention beim Auswärtigen Amt auf der anderen Seite eingegangen. Der vorliegende Bericht veranschaulicht deutlich die falschen Voraussetzungen, von denen der Gesandte ausging. Aus seiner Sicht lag der erwähnten Auslieferung ohne Zweifel eine Initiative seitens der SS oder anderer NS-Institutionen zugrunde. In Verbindung mit dem Schreiben Luthers vom 22. Januar 1943 musste bei Blücher unweigerlich der Eindruck entstehen, als ob die mit der Deportation befassten NS-Behörden das Ziel verfolgten, ihr Tätigkeitsfeld auch auf Finnland auszudehnen.55

In Kenntnis der finnischen Befindlichkeiten, die den seinen in dieser Frage entsprachen, nahm er erneut den argumentativen Kern seiner Berichterstattung zur “Judenfrage” aus den Vorjahren auf. Bemerkenswert ist hierbei nicht nur die Konsequenz, mit der Blücher in (irrtümlicher) Vorwegnahme von möglichen NS-Initiativen gegenüber seinen Gastländern über Jahre hinweg vorgeht, sondern auch die relative Unbedingtheit seines Vorgehens. Im Gegensatz zu den massiven Nachbeben der Novemberpogrome von 1938 bestand, wie der Gesandte selbst einleitend feststellt, keine unmittelbare, durch Entwicklungen in der finnischen Öffentlichkeit unumgänglich gemachte Notwendigkeit für seine Intervention. Blüchers Bericht ist daher zum einen als diplomatisches Manöver zu verstehen, das unliebsamer Einflussnahme von NS-Seiten wie auch einer generellen Verschlechterung der deutsch-finnischen Beziehungen vorbeugen soll; zum anderen ist dem Gesandten zu unterstellen, mit seiner vorbeugenden Intervention in Berlin auch die jüdische Bevölkerung Finnlands schützen zu wollen. Diese Deutung fügt sich nahtlos in sein außerordentlich beständiges Handeln ein, mit dem er über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrzehnt seine Position in dieser Frage an unterschiedlichen Orten vertrat. Das Vorgehen des Gesandten in diesem Bereich korreliert ferner mit dessen allgemeinen finnland- und skandinavienpolitischen Vorstellungen, die ihre Grundlage in einer strikten Politik der Nichteinmischung in die inneren Verhältnisse Finnlands fanden.56

Es ist dabei nicht ohne jeden Zweifel zu klären, ob Blücher wusste, dass die zu Deportierenden die physische Vernichtung erwartete. Döscher hat in Bezug auf die in der Zentrale tätigen leitenden Beamten des Auswärtigen Amtes nachgewiesen, dass sich diesen der Zusammenhang zwischen den euphemistischen Begrifflichkeiten von “Endlösung”, “Arbeitseinsatz im Osten” u.ä. und der vorhandenen Tötungsabsicht spätestens seit dem Eintreffen der ersten Einsatzgruppenberichte aus dem Osten ab der zweiten Jahreshälfte 1941 regelrecht aufgedrängt haben muss.57 Für Blücher wie für andere Auslandsbeamte, denen Aktenvorgänge dieser Provenienz aufgrund der Geheimhaltungsstufe der Vernichtungsmaßnahmen als Geheime Reichssache nicht unterbreitet wurden, gilt dies augenscheinlich nicht. Wahrscheinlicher ist vielmehr, dass der Gesandte im Rahmen seiner Heimaturlaube in Berlin von den Vorgängen im Osten Kenntnis erhielt. Wie der mit ihm gut bekannte frühere Botschafter in Rom (Quirinal) Ulrich von Hassell besaß Blücher eine Vielzahl von Verbindungen in die Riege der leitenden Beamten des Auswärtigen Amtes hinein. Nicht zuletzt mit Weizsäcker verband ihn ein reger, auch während des Krieges aufrecht erhaltener Austausch.58 In Hassells Tagebüchern finden sich bereits ab November 1941 detaillierte Einträge zur Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Osteuropas.59 Blücher selbst führte mit Hassell und dessen Frau in einem der Kriegswinter, mit Sicherheit aber nachdem Hassell erste Kenntnis von den Vernichtungsmaßnahmen im Osten erhalten hatte, ein längeres Gespräch in Berlin, von dem gerade bei Hassells äußerst offenem Umgang mit seiner oppositionellen Haltung zum Regime anzunehmen ist, dass es auch diesen Aspekt berührte.60 Weizsäcker gibt in seinen Erinnerungen an, ungefähr zur gleichen Zeit vom Chef des Amtes Ausland/Abwehr im OKW Admiral Wilhelm Canaris auf “Massenmorde an Juden und anderen Bewohnern Russlands” hingewiesen worden zu sein.61 Es lässt sich daher mit einiger Begründung vermuten, dass Blücher, ähnlich wie der zur Disposition gestellte Hassell, durch Weizsäcker oder andere Mitglieder des auswärtigen Dienstes während seiner Berlinaufenthalte von der Judenvernichtung erfuhr. Die von Döscher für die Forschung erschlossenen Tagebücher des ehemaligen Personalchefs im Auswärtigen Amt und Botschafters in Rio de Janeiro (1939–1942) Curt Prüfer belegen ferner die Präsenz des Themas in konservativen Berliner Diplomaten- und Offizierskreisen, in denen sich Blücher im Rahmen seiner Besuche ebenfalls bewegt haben dürfte.62 Darüber hinaus nahm Blücher regelmäßig die schwedische Presse zur Kenntnis, deren vergleichsweise schwach zensierte Berichterstattung sich ausgesprochen früh und ausführlich mit den Deportationen und der Vernichtung der Juden im Osten Europas beschäftigte.63 Ob er allerdings in dieser Tragweite verstand (oder verstehen wollte), dass es sich bei den ab Mitte 1941 in Zeitungen wie Göteborgs Handels- och Sjöfartstidning, Stockholms-Tidningen und Aftonbladet dargestellten Vorfällen um den Auftakt zu einem Genozid handelte, muss dahingestellt bleiben.

Ähnliches gilt für die Kenntnis der finnischen Entscheidungsträger von den Vernichtungsmaßnahmen im Osten. Obwohl detaillierte Berichterstattung über die Deportation und Gettoisierung der jüdischen Bevölkerung im spätesten Fall seit September 1942 beim finnischen Außenministerium vorlag, ist anhand der Quellenlage nicht mit Sicherheit festzustellen, ob finnische Regierungsverantwortliche und Diplomaten mehr als nur erahnten, was sich hinter dem Abtransport der deutschen Juden nach Osten tatsächlich verbarg und was durch die Euphemismen der Tarnsprache – nur mühsam – kaschiert wurde.64 Es ist jedoch gerade vor dem Hintergrund von Blüchers Erfahrungen in der unmittelbaren Vorkriegszeit schlicht nicht vorstellbar, dass die Frage des Verbleibs der Juden in den Jahren nach 1941 durch den Krieg im Osten so vollständig in den Hintergrund rückte, dass sie kein einziges Mal in den häufigen und zumeist vertrauensvollen Gesprächen des Gesandten mit finnischen Regierungsvertretern thematisiert worden wäre.

Die hier umrissene Berichterstattung Blüchers bildet eines der wenigen Beispiele einer im amtsinternen Verkehr geäußerten Zurückhaltung und Distanz gegenüber den antisemitischen Doktrinen des nationalsozialistischen Deutschlands. Sie jedoch als vollständig kontextloses Verhalten eines auf einem Außenposten der deutschen Diplomatie plazierten Diplomaten zu begreifen, wird den komplexen Gegebenheiten nur unzulänglich gerecht. Blücher ferner als moralisches Exemplum in Abgrenzung zum Staatssekretär Weizsäcker in Stellung zu bringen, wie von Augstein im oben zitierten Artikel unternommen, verzerrt die historische Situation, aus der die beschriebenen Initiativen erwuchsen. Das Verhalten des Deutschen Gesandten in Finnland war vielmehr Teil eines größeren Zusammenhangs, dessen Gehalt und grundsätzliche Motivation Weizsäcker in seinen Nachkriegsaufzeichnungen als Strategie der “Obstruktion”, als “Opposition im Dienst” bezeichnet hat.65 Paul E. Levine bestimmt das Verhalten schwedischer Diplomaten gegenüber der Judenvernichtung, das ab spätestens Ende 1942 auf die Rettung der Juden im deutschen Machtbereich und hier vor allem in Skandinavien abzielte, als “administrativer Widerstand” (“bureaucratic resistance”). Diese Formulierung lässt sich aufgrund der mit dem Widerstandsbegriff einhergehenden Problematik nur schwer im Deutschen wiedergeben. Ihre Anwendung auf deutsche Verhältnisse würde ferner neue Probleme aufwerfen, auf die im Rahmen dieses Artikels nicht eingegangen werden kann.66

Bereits im politischen Handeln Weizsäckers auf dem Posten des Staatssekretärs finden sich Versuche, den Terror von Regime und Okkupation “abzumildern”. Im Rahmen der Deportation der westeuropäischen Juden in die Vernichtungslager versuchte er mit Hilfe semantischer Präzisierungen, den Kreis der Deportierten zu beschränken. 6.000 aus Frankreich zu deportierende Juden, zu deren Abtransport das Auswärtige Amt Stellung zu nehmen hatte, verengt Weizsäcker begrifflich zu “polizeilich näher charakterisierten” Juden, ein Vorgang, von dem Döscher annimmt, “daß Weizsäcker mit Bedacht den Kreis der ‘abzuschiebenden’ Juden auf Kriminelle beschränken wollte”.67

Diese Versuche zur Abmilderung von Deportationsmaßnahmen müssen retrospektiv wie zynische Korrekturen an der von der deutschen Diplomatie mitgetragenen NS-Judenpolitik erscheinen und sind im Wilhelmstraßenprozess auch dementsprechend bewertet worden.68 In der historisierenden Bewertung zeigt sich in ihnen vor allem die Vergeblichkeit national-konservativen Handelns in der politischen Praxis des NS-Regimes. Insbesondere in der herausgehobenen Funktion des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes führte Weizsäckers Mitwirkung nicht zu Machtzuwachs und damit zu der Chance einer wie auch immer gearteten Verhinderungspolitik; sein Verbleiben im Amt involvierte ihn vielmehr in zunehmenden Maße in die diplomatische Vorbereitung der NS-Vernichtungspraxis.69

Blücher jedoch bewegte sich mit seinen kritischen Berichten zur NS-Judenpolitik aus der relativen Abgeschiedenheit Helsinkis auf vergleichsweise sicherem Terrain. Als Weizsäcker sich mit Übernahme des Botschafterpostens beim Heiligen Stuhl (Vatikan) resigniert von Berlin entfernt hatte, intensivierte auch er seine auf Obstruktion ausgerichteten Anstrengungen, die zwar zu keinem Zeitpunkt zum offenen Bruch mit dem NS-Staat führten, dessen vernichtungspolitische Maßnahmen jedoch wiederholt hintertrieben.70 Ein ähnliches Verhalten kennzeichnete auch andere Beamte aus der Führungsriege des Auswärtigen Amtes, so den 1941 aus Moskau zurückberufenen Deutschen Botschafter Friedrich Werner Graf von der Schulenburg, der im Gegensatz zu Weizsäcker und Blücher den Absprung in den Widerstand mit letzter Konsequenz vollzog.71 Vor diesem Hintergrund erscheint Blüchers Verhalten gegenüber der NS-Judenpolitik, das von beeindruckender Kontinuität ist, weniger singulär, als es die Aktenüberlieferung und die darauf basierende Würdigung des Gesandten durch Rudolf Augstein nahelegen.


1  Für wertvolle Hinweise und Kommentare zu diesem Artikel schulde ich Herrn Dr. Hans-Jürgen Döscher (Osnabrück), Herr Dozent Dr. Nils-Erik Forsgård (Helsinki) und Herrn Oula Silvennoinen (Helsinki) besonderen Dank.

2 Sana, Elina: Luovutetut. Suomen ihmisluovutukset Gestapolle. [Die Ausgelieferten. Finnische Menschenauslieferungen an die Gestapo.] Juva 2003. Zur Debatte vgl. u.a. die regelmäßig aktualisierte Dokumentation auf dem finnischen Geschichtsserver agricola, online am 25.11.2004, http://agricola.utu.fi/tietosanomat/luovutetut. 

3 Ylikangas, Heikki: Selvitys valtioneuvoston kanslialle. [Bericht an die Regierungskanzlei.] Helsinki 2004 (= Valtioneuvoston kanslian julkaisusarja 5/2004), online am 11.08.2004, www.vnk.fi/tiedostot/pdf/fi/57413.pdf. Hier findet sich auch eine bibliografische Dokumentation des Forschungsstandes, u.a. mit einem Großteil der Beiträge zur von Sana angetretenen Debatte.

4  Rautkallio, Hannu: Holokaustilta pelastetut. [Die vor dem Holocaust Geretteten.] Helsinki 2004.

5  Zur Biografie Blüchers vgl. vorerst meinen Artikel: “Wipert von Blücher och den tyska Finlandspolitiken under vinterkriget.” In: Historisk Tidskrift för Finland. 1 (2002), 62–91. Eine Studie zu Wipert von Blücher und der deutschen Finnlandpolitik in den späten dreißiger Jahren und im Zweiten Weltkrieg wird von mir als Dissertation vorbereitet und voraussichtlich Ende 2005 im Druck erscheinen.

6  Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949. 4. Bd., München 2003, S. 542ff.

7  Recker, Marie-Luise: Die Außenpolitik des Dritten Reiches. München 1990, 101; Thielenhaus, Marion: Zwischen Anpassung und Widerstand. Deutsche Diplomaten 1938–1941. Die politischen Aktivitäten der Beamtengruppe um Ernst von Weizsäcker im Auswärtigen Amt. Paderborn 1984.

8  Tanner, Väinö: The Winter War. Finland against Russia 1939–1940. Stanford, CA 1957, 117. Die finnische Originalausgabe erschien bereits 1950.

9  Verhalten bezieht sich hier und im Folgenden in der Hauptsache auf politisches Handeln. Zum Begriff des Handels vgl. u.a. Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben. Stuttgart 1960, 178ff.

10  Neben meinem Artikel 2002, wie Fußnote 5, vgl. u.a. Peltovouri, Risto: Saksa ja Suomen Talvisota. [Deutschland und der finnische Winterkrieg.] Helsinki 1975, und Ueberschär, Gerd R.: Hitler und Finnland 1939–1941. Die deutsch-finnischen Beziehungen während des Hitler-Stalin-Paktes. Wiesbaden 1978, 84–165.

11  Fleischhauer, Ingeborg: Diplomatischer Widerstand gegen das ‘Unternehmen Barbarossa’. Die Friedensbemühungen der Deutschen Botschaft Moskau 1939–1941. Frankfurt a.M. 1991.

12  Zitat Weizsäcker, IFZ München, NBG-Protokoll, Verhör Weizsäcker, S. 9278f. zitiert nach Koerfer, Daniel: “Ernst von Weizsäcker im Dritten Reich. Ein deutscher Offizier und Diplomat zwischen Verstrickung und Selbsttäuschung.” In: Uwe Backes u.a. (Hgg.): Die Schatten der Vergangenheit. Impulse zur Historisierung der Vergangenheit. Berlin 1990, 375–402, hier 397.

13  Augsteins Besprechung von Döscher, Hans-Jürgen: Das Auswärtige Amt im Dritten Reich. Diplomatie im Schatten der ‘Endlösung’. Berlin 1987 (danach nur noch: SS und Auswärtiges Amt. Diplomatie im Schatten der ‘Endlösung’. Frankfurt a.M./Berlin 1991.), zielt in ihrer hauptsächlichen Stoßrichtung offensichtlich auf den Widerstandsmythos, der Weizsäcker umgibt. Die polemische Schärfe der Besprechung entspricht der inneren Befindlichkeit der westdeutschen Gesellschaft dieser Phase. Vgl. Augstein, Rudolf: “Besprechung.” In: Der Spiegel. 12 (1987), 138–142, zu Blücher spezifisch 142. Für die Gegenposition der Nachlassverwalter vgl. Weizsäcker, Carl Friedrich von: “Der Vater und das Jahrhundert. Wider die ungenauen Schuldzuweisungen.” In: Die Zeit. 24 (1987).

14  Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik 1918–1945 [ADAP], Serie E, Bd. V, Nr. 82, 152, Blücher an AA (29.01.1943); Rautkallio 2004, wie Fußnote 4, 219 (Fußnote 494, 492) datiert dieses Telegramm unverständlicherweise auf den 1. Januar 1943.

15  Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes [PA/AA]: NL Wipert von Blücher, Karton 86, Persisches Tagebuch II, Aufzeichnung vom 17.8.1933. Es kann angenommen werden, dass der vorliegende Entwurf als Bericht an die Zentrale weitergegeben wurde, wie dies bei Blüchers Tagebucheinträgen relativ häufig der Fall war. In den Persien betreffenden Beständen des AA ist der Bericht jedoch nicht nachgewiesen, was im Allgemeinen auf Kriegsschäden am Bestand zurückzuführen ist.

16  PA/AA (Kansallisarkisto [KA; Finnisches Nationalarchiv], Helsinki): NL Wipert von Blücher, Finnisches Tagebuch (Mikrofilm), Saksa 3–6. Einträge vom 18.7.1935 (Gespräch Witting) und 27.7.1939 (nordischer Gedanke). Vgl. auch Blüchers Memoiren: Gesandter zwischen Diktatur und Demokratie. Erinnerungen aus den Jahren 1934–1944. Wiesbaden 1951, 38ff. Finnische und schwedische Übersetzungen erschienen bereits 1950.

17  Ibid., 38f. Aus der Forschung vgl. ferner Lutzhöft, Hans-Jürgen: Der nordische Gedanke in Deutschland 1920–1940. Stuttgart 1971, u.a. 252ff., und Kuusisto, Seppo: Alfred Rosenberg in der nationalsozialistischen Außenpolitik 1933–1939. Helsinki 1984, 299ff.

18  “Gesprächsnotizen zu Mannerheim (27.11.1938), Procopé (13.2.1939) und Frenckell (31.1. und 16.2.1939; Erik, nicht Karl, wie Blücher fälschlicherweise notiert), zusammengefasst in einer Rohfassung des Berichts vom 22.2.1939.” In: PA/AA (KA Helsinki): NL Wipert von Blücher, Finnisches Tagebuch (Mikrofilm), Saksa 3–6, Eintrag vom 22.2.1939.

19  Blüchers Bericht war bereits Mitte November 1938 eine Übersicht der finnischen Pressestimmen zu den deutschen Maßnahmen gegen die Juden vorangegangen. Vgl. “Presseübersicht vom 17.11.1938.” In: PA/AA, Pol. Abt. VI (Skandinavien und Randstaaten): Judenfragen: 11/38-4/43 (R 104 626). Der bemerkenswert kleine Bestand zu “Judenfragen” [sic!] in Finnland kann als Evidenz ex negativo dafür gelten, dass es derartige Fragen nicht wirklich gab.

20  Vgl. “Bericht Blüchers an AA.” In: PA/AA (KA Helsinki): Tagebücher Wipert von Blüchers (Mikrofilm), Saksa 3–6, u.a. Eintrag vom 22.02.1939. 495ff. Ferner Blücher “Gesandter” 1951, wie Fußnote 16, 132ff.

21  PA/AA: NL Wipert von Blücher, Karton 84, Erinnerungen II, Rohfassung Memoiren. 48.

22  Blücher “Gesandter” 1951, wie Fußnote 16, 132. Ähnlich auch Weizsäcker, der zeitgenössisch von einer “Judenüberschwemmung” spricht. Vgl. Hill, Leonidas (Hg.): Die Weizsäcker-Papiere 1933–1950. Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1974, Eintrag vom 22.04.1933, 71.

23  “Brief Zwehl an Blüchers Sohn Lüder (07.05.1946).” In: Hauptstaatsarchiv [HStA] München: Spruchkammerakte Wipert von Blücher, Karton 4236. Ferner Jonas 2002, wie Fußnote 5, 82ff.

24  “Brief Solf an Blücher (17.09.1946).” In: HStA München: Spruchkammerakte Wipert von Blücher, Karton 4236.

25  Herzfelds Ehrenerklärung zugunsten Blüchers stellt aufgrund der Person des Verfassers unter der Vielzahl vergleichbarer Schreiben in dem erwähnten Bestand das glaubwürdigste Dokument dar. Herzfeld vermerkt vor allem, dass ihm Blücher “[treu] zu seinen Überzeugungen, ohne Rücksicht auf Kritik […] oder Nachteile, die ihm daraus entstehen” “in Zeiten, wo andere aus Natur oder Angst kühl wurden und abrückten” die Freundschaft gehalten habe. “So handelt ein Mann, der einen der berühmtesten Namen der deutschen Geschichte trägt.” Vgl. “Eidesstattliche Erklärung Herzfelds (17.09.1946).” In: HStA München: Spruchkammerakte Wipert von Blücher, Karton 4236.

26  “Bericht Blüchers an AA.” In: PA/AA (KA Helsinki): Tagebücher Wipert von Blüchers (Mikrofilm), Saksa 3–6, u.a. Eintrag vom 03.12.1942. Der erwähnte Bericht ist nur hier überliefert.

27  Zur Deportation der jüdischen Bevölkerung Dänemarks vgl. u.a. Yahil, Leni: The Rescue of the Danish Jewry. Test of a Democracy. Philadelphia 1969 (auf Hebräisch bereits Jerusalem 1966). Für den neueren Forschungsstand zuletzt u.a. Kirchhoff, Hans: “Endlösung øver Danmark.” In: Blüdnikow, Bent u.a. (Hgg.): ‘Foereren har befalet!’ Joedeaktion oktober 1943. Kopenhagen 1993, 57–107, sowie Herbert, Ulrich: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903–1989. Bonn 2001, 360ff.

28  PA/AA: Ges. Helsinki (11/Drahtberichte 1804-2230, 1943), Blücher an AA (5.10.1943). Kaila, Eino: “Tanskan juutalaisten kohtalo.” [“Das Schicksal der dänischen Juden.”] In: Uusi Suomi. 05.10.1943. Weitere Artikel ähnlich kritischen Tenors erschienen u.a. in: Helsingin Sanomat. 07.10.1943, Ilta-Sanomat. 06.10.1943, Hufvudstadsbladet. 07.10.1943 und Arbetarbladet. 06.10.1943. Vgl. auch Rautkallio, Hannu: Finland and the Holocaust. The rescue of Finland’s Jews. New York 1987, 254f. (finnisches Original bereits Espoo 1985).

29  Vgl. den in Blüchers Nachlass dokumentierten Hinweis auf Kaila als Bekannten und Korrespondenzpartner. In: PA/AA: NL Wipert von Blücher, Korrespondenz Blücher–AA [Melchers, MJ], Anhang zu Brief Blüchers (25.5.51).

30  Diese Deutung des Verhaltens der konservativen Eliten Finnlands in Bezug auf das Dritte Reich wird in meiner Dissertation weitergehend ausgeführt, vgl. Fußnote 5. Zu Kaila vgl. u.a. Salmela, Mikko: “Näkijöitä vai ajopuita? Suomalaisten filosofien poliittinen ajattelu II maailmansodan aikana.” [“Visionäre oder Treibholz? Das politische Denken finnischer Philosophen während des II. Weltkrieges.”] In: Historiallinen Aikakauskirja. 2 (1998), 99–112; idem: “The Fight for European Culture. Finnish Philosophers’ Perspectives on Totalitarianism during World War II.” In: Finnish Yearbook of Political Thought. 3 (1999), 149–177.

31  Zur Tarnung von ideologisch möglicherweise kompromittierenden Inhalten vgl. Blüchers eigene Bemerkungen, die in ihrer Quintessenz der Darstellung folgen, wie sie auch in der Memoirenliteratur, die das AA betrifft, zu finden ist. In: PA/AA: NL Wipert von Blücher, Karton 84, Erinnerungen II, Rohfassung Memoiren. (Der tägliche Kleinkampf mit dem Regime.) 59f.; Blücher “Gesandter”1951, wie Fußnote 16, 289. Im praktischen Gebrauch die ironische Beibehaltung dieses Verfahrens im Briefwechsel mit Nadolny, hier bezogen auf den Tarnbegriff “aus Parteikreisen”; u.a. “Brief Blüchers an Nadolny (06.10.1946)” In: PA/AA: NL Rudolf Nadolny, 57.

32  Trotz der seit kurzem die finnische Öffentlichkeit beschäftigenden Debatte um Finnlands Rolle im weiteren Kontext von Vernichtungspolitik und Holocaust sind die Prämissen der älteren Forschung zum Thema nicht in Frage zu stellen. Diese betonen eine ausgesprochen schwache Tradition des Antisemitismus in dem Land, den hohen Integrationsgrad der jüdischen Bevölkerung in der finnischen Gesellschaft insbesondere seit der gesetzlichen Emanzipation der Juden im Gefolge der staatlichen Unabhängigkeit Finnlands sowie die relative Resistenz des Landes und seiner Führungseliten gegenüber antisemitischen Maßnahmen jeglicher Natur. Vgl. u.a. Torvinen, Taimi: Pakolaiset Suomessa Hitlerin valtakaudella. [Flüchtlinge während Hitlers Regierungszeit in Finnland.] Keuruu 1984, 77ff. und Rautkallio 1987, wie Fußnote 28, u.a. 28–34, und idem 2004, wie Fußnote 4, 217ff. Allgemein vgl. Torvinen, Taimi: Kadimah. Suomen juutalaisten historia. [Kadimah. Die Geschichte der finnischen Juden.] Keuruu 1989.

33  Obwohl in der einschlägigen Forschung zum Gegenstand nicht mit letzter Sicherheit geklärt, erscheint es wahrscheinlich, dass die bereits im Wannsee-Protokoll avisierte Deportation der finnischen Juden gegenüber der finnischen Regierung überhaupt nicht zur Sprache gebracht wurde. Selbst Himmler hielt sich offenbar im Rahmen seines Finnlandbesuchs im Juli/August 1942 in dieser Beziehung bedeckt. Vgl. u.a. Rautkallio 1987, wie Fußnote 28, 159ff. Allgemein vgl. u.a. Jokipii, Mauno: “Himmlerin Suomen-matka v. 1942.” [“Himmlers Finnlandreise 1942.”] In: Historiallinen Arkisto. 58 (1962) 418ff.; “Undatiertes Protokoll der Wannsee-Konferenz.” In: ADAP. Serie E, Bd. I, Nr. 150, 267–275, Finnland betreffend (dessen jüdische Bevölkerung fälschlicherweise mit 2.300 statt der tatsächlich vorhandenen etwa 1.900 angegeben wird) 270; ferner Rautkallio 1987, wie Fußnote 28, 48f. und 150.

34  Arendts Deutung (Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Reinbek b. Hamburg 1978, 215f., amerikanisches Original 1963) des Verhaltens von Werner Best, des Reichsbevollmächtigten im besetzten Dänemark, und der Mitarbeiter seiner Behörde erscheint (wenn auch durch Herbert 2001, wie Fußnote 27, 360ff. in Bezug auf Best falsifiziert) im Hinblick auf Dänemark weiterhin bedenkenswert. Auf Blücher lässt sie sich, wie gezeigt, nicht anwenden.

35  In Wittings Ausführungen gegenüber einem bekannten Mitglied der jüdischen Gemeinde von Helsinki, Abraham Stiller, die dieser in einem Brief drei Jahrzehnte später in einem Brief aufzeichnete, klingt dies implizit an. Vgl. Rautkallio 1987, wie Fußnote 28, 215 [auf besagtem Brief basierend, MJ] und idem 2004, wie Fußnote 4, 403ff.

36 Jokisipilä, Markku: Asevelijä vai liittolaisia? Suomi, Hitlerin Saksan liittosopimusvaatimukset ja Rytin-Ribbentropin sopimus. [Waffenbrüder oder Verbündete? Finnland, Hitlerdeutschlands Bündnisvertragsforderungen und der Ryti-Ribbentrop-Pakt.] Helsinki 2004, u.a. 53ff., 131ff. und 261ff.

37  Zur Kennzeichnung Blüchers als “finnophil” [sic!] vgl. Weizsäckers Notiz vom 26.06.1940, in: Hill 1974, wie Fußnote 22, 210.

38  Zu Weizsäcker vgl. dessen Aufzeichnungen vom 11. März 1919, er werde noch “Judenfreund”, was auf eine im Eigentlichen gegenteilige Haltung schließen lässt, in: Hill 1974, wie Fußnote 22, Eintrag vom 11.03.1919, 329f. und Hills Kommentar, ibid., 44f., sowie den in der Forschung häufig zitierten Eintrag vom 22.04.1933, 71. In Bezug auf den ungleich expliziteren Neurath vgl. u.a. Döscher 1991, wie Fußnote 13, 57. Ferner McKale, Donald M.: “Traditional Anti-Semitism and the Holocaust: The Case of the German Diplomat Curt Prüfer.” In: Simon Wiesenthal Center Annual. 5.

39 “Blücher an Nadolny (06.02.1922).” In: PA/AA: NL Rudolf Nadolny, 102.

40 “Blücher an Nadolny (12.07.1922).” In: PA/AA: NL Rudolf Nadolny, 102.

41 Zu Nadolny vgl. “Nadolny an Blücher (29.09.1921).” In: PA/AA: NL Rudolf Nadolny, 102. Blücher spricht vom “Juden Yourowski”, dem Anführer des Kommandos, das Mitte Juli 1918 die Zarenfamilie exekutierte, in: Blücher, Wiepert von: Deutschlands Weg nach Rapallo. Erinnerungen eines Mannes aus dem zweiten Gliede. Wiesbaden 1951, 24. Zur heutigen Signifikanz der Identifikation von Judentum und Bolschewismus vgl. die so genannte Hohmann-Debatte: umfangreich zuletzt: Witzel, Christoph u.a. (Hgg.): Die Hohmann-Affäre und die Rolle der Medien. Fulda 2004, online am 19.10.2004: www.fh-fulda.de/iceus/news/hohmann_affaere.pdf und die ihr zugrunde liegende tendenziöse Studie von Rogalla von Bieberstein, Johannes: ‘Jüdischer Bolschewismus’. Mythos und Realität. Dresden 2002; außerdem die differenzierte Kritik von Klaus-Peter Friedrich, in: Sehepunkte. 3 (2003) 6, online am 15.06.2003: www.sehepunkte.historicum.net/2003/06/3289.html. Hedins Bemerkung ist vor dem Hintergrund der Veröffentlichung von Manns Doktor Faustus 1947 zu sehen. Vgl. “Hedin an Blücher (18.12.1948).” In: Riksarkivet Stockholm / Sven Hedins arkiv [RA/SAS]: Korrespondenz zwischen Sven Hedin und Wipert von Blücher. Allgemein vgl. Volkov, Shulamit: Antisemitismus als kultureller Code. Zehn Essays. München 2000; Berding, Helmut: Moderner Antisemitismus in Deutschland. Frankfurt a.M. 1988; Jochmann, Werner: Gesellschaftskrise und Judenfeindschaft in Deutschland 1870–1945. Hamburg 1988.

42  Größere Aufmerksamkeit wurde u.a. der Frage der Verfolgung der politischen Opposition zuteil, wie zum Beispiel die im Ton panischen Berichte des damaligen Deutschen Gesandten in Helsinki Hans Carl Büsing bezüglich der politischen Aktivitäten deutscher Exilanten in Finnland zeigen. “Büsing mehrfach an AA im März/April 1933.” In: PA/AA, Länder IV Norden: Finnland Pol. 26, Politische und kulturelle Propaganda (3.33-8.33): R 30663. Torvinen 1984, wie Fußnote32, u.a. 84ff.

43  Vgl. u.a. den von antisemitischer Anbiederung an die neuen Machthaber gekennzeichneten Bericht Büsings an das AA (08.04.1933). In: PA/AA, Länder IV Norden: Finnland Pol. 26, Politische und kulturelle Propaganda (03/1933-08/1933): R 30663.

44  Neben den oben angegebenen Primärquellen vgl. Blücher “Gesandter”1951, wie Fußnote 16, S. 132 ff. Zur finnischen Öffentlichkeit vgl. die zeitgenössische Presse, deren Berichterstattung Blücher zutreffend als “sachlich und sich von Übertreibungen fernhaltend” bezeichnet, so u.a. die für die deutsche Gesandtschaft maßgebende konservative Uusi Suomi. 16.11.1938, Helsingin Sanomat. 17.11.1938 und der für Blücher persönlich relevante Bericht in Suomen sosiaalidemokraatti. 15.11.1938, in dem die Ablehnung des “deutschen Terrors” gegen die Juden durch seinen langjährigen Freund Sven Hedin zitiert wird. Um diesen Zeitpunkt arbeitete Hedin mit seinem Verleger Brockhaus an der Herausgabe seines Buches Deutschland und der Weltfrieden. 1937 (Die schwedische, finnische und englische Ausgabe basiert jeweils auf dem deutschen Original aus dem selben Jahr.), die von den NS-Behörden aufgrund milder Kritik auch an der NS-Judenverfolgung jedoch untersagt wurde. Vgl. “Hedins Ankündigung gegenüber Blücher, Brief vom 25.02.1937.” In: RA/SAS: Korrespondenz zwischen Sven Hedin und Wipert von Blücher. ferner “Brief Hedin an Blücher, 31.12.1937.” Dieser handelt u.a. über die ambivalente Rezeption des Buches in NS-Kreisen und im Ausland.

45  Rautkallio 1987, wie Fußnote 28, 53–63.

46  U.a. Blücher “Gesandter” 1951, wie Fußnote 16, 132ff.

47  Weizsäcker, Ernst von: Erinnerungen. München/Leipzig/Freiburg i.Br. 1950, 337f., geht auf die Judenvernichtung, sicherlich auch vor dem Hintergrund des Wilhelmstraßenprozesses, in seinen Memoiren vergleichsweise detailliert ein.

48  Einige Monate zuvor hatte Blücher gegenüber dem AA von der Unmöglichkeit gesprochen, die finnischen Juden überhaupt als solche zu identifizieren, da keinerlei Gesetzgebung bezogen auf die jüdische Bevölkerung des Landes existiere (“Blücher an AA, 29.09.1942.” zitiert nach Rautkallio 2004, wie Fußnote 4, 140). Rautkallio interpretiert dies aufgrund von Blüchers Diktion, es sei schwer, an die finnischen Juden “heranzukommen”, als eine Form vorauseilenden Gehorsams des Gesandten. Meine hier näher ausgeführte Lesart von Blüchers Berichterstattung setzt sich von dieser sehr wörtlichen Deutung der Diktion Blüchers ab.

49  Diese Frage ist von Rautkallio erschöpfend und auf empathische Weise behandelt worden. Vgl. u.a. Rautkallio 1987, wie Fußnote 28, 180–257, und idem 2004, wie Fußnote 4, 344ff. und 356 ff.

50  PA/AA (KA, Helsinki): Tagebücher Wipert von Blüchers (Mikrofilm), Saksa 3-6, Eintrag vom 24.11.1942.

51  “Blücher an RAM, 10. und 11.12.1942.” In: PA/AA, Pol. Abt. VI: R 104626 (Judenfragen, 11/1939-4/1943).; u.a. “Einträge vom 9.12.1942 (Gespräche mit Ministerpräsident Rangell und dem pro-deutschen Lokalpolitiker Helenius) und 10. sowie 17.12.1942 (Witting).” In: PA/AA (KA, Helsinki): Tagebücher Wipert von Blüchers (Mikrofilm), Saksa 3-6, Blüchers zeitgenössische, von der Forschung übernommene Darstellung, er hätte von den Vorgängen erst aus der schwedischen Tagespresse erfahren, muss als bewusste Übertreibung gelten, um seine Nicht-Involvierung zu demonstrieren. Vgl. hierzu die Berichterstattung des schwedischen Gesandten in Helsinki, Hans Beck-Friis, basierend auf einem Gespräch mit Witting, der zuvor Blücher empfangen hatte, bei Rautkallio 1987, wie Fußnote 28, 228.

52  Rautkallio 1987, wie Fußnote 28, 257 (und ausführlicher Rautkallio 2004, wie Fußnote 4, 270ff.), geht von einer durch Felix Kerstens Memoiren angetretenen Legende hinsichtlich deutscher Involvierung aus und erkennt in den Entscheidungsträgern der finnischen Staatspolizei und des Innenministeriums die Hauptverantwortlichen für den Vorgang.

53  Mit Finnland als Verbündetem und weiteren Neutralen gingen die NS-Behörden in diesem Zusammenhang besonders sensibel um. So verschob man die angekündigte Deportation von Juden mit finnischer und anderer Staatsangehörigkeit mehrere Male im Laufe des Jahres 1943. Der “Judenreferent” des AA, Legationsrat Eberhard von Thadden, ermahnte in diesem Zusammenhang einen finnischen Gesandtschaftsvertreter Mitte Juli 1943, dass man Finnland noch eine weitere Chance gebe, die verbliebenen finnischen Staatsbürger jüdischen Glaubens aus dem Reich und den von Deutschland besetzten Gebieten zurückzuholen, bevor die einschlägigen Maßnahmen auch auf diese ausgedehnt werden würden. Vgl. “Schreiben Luthers an Ges. Helsinki (22.01.1943).” In: PA/AA: Inland II g, Bd. 186. Rautkallio 1987, wie Fußnote 28, 178f. und Döscher 1991, wie Fußnote 13, 213ff. zu Rademacher und 276ff. zu Thadden.

54  “Schreiben Luthers an Ges. Helsinki (22.1.1943).” In: PA/AA: Inland II g 186, Abt. D III (Judenreferat).

55  Rautkallio 1987, wie Fußnote 28, 253, hat auf Basis der einschlägigen Quellen herausgestellt, dass dies nicht der Fall war.

56  PA/AA (KA, Helsinki): Tagebücher Wipert von Blüchers (Mikrofilm), Saksa 3-6, u.a. Einträge vom 06.11.1942 und 30.07.1943. Meine in Vorbereitung begriffene Dissertationsschrift wird diesen Aspekt eingehend behandeln.

57  Döscher 1991, wie Fußnote 13, 243ff. Zum Auswärtigen Amt im Kontext der Judenvernichtung vgl. auch Browning, Christopher: The Final Solution and the German Foreign Office. A Study of Referat DIII of Abteilung Deutschland 1940–1943. New York 1978.

58  Neben dem Briefwechsel, der Aspekte dieser Art naturgemäß nicht berührte, vgl. primär “Weizsäckers eidesstattliche Erklärung vom 27.11.1946 für Blücher” In: HStA München: Spruchkammerakte Wipert von Blücher, Karton 4236. in der dieser ihren Austausch als “regelmäßig, vertrauensvoll” und “offen” bezeichnet.

59  Hassell, Ulrich von: Die Hassell-Tagebücher. Aufzeichnungen vom Anderen Deutschland. Berlin nach der Handschrift revidierte und erweiterte Ausgabe unter Mitarbeit von Klaus Peter Reiß 1988, u.a. Einträge vom 01.11.1941, 282 und 15.05.1943 (Vergasung von Juden), 365).

60  “Handschriftliche Verwendung Ilse von Hassell für Blücher (08.05.1946).” In: HStA München: Spruchkammerakte Wipert von Blücher, Karton 4236. Blüchers Geldakte lässt sowohl 1941 als auch 1942 zu. In beiden Jahren unternahm der Gesandte jeweils im November Besuche in Berlin. Vgl. u.a. “Reisekostenrechnungen vom 05.03. und 31.12.1942.” In: PA/AA: Geldakte Blücher (1/40-1/45), 001264.

61  Weizsäcker 1950, wie Fußnote 47, 338.

62  Döscher 1991, wie Fußnote 13, 252ff. Zu Prüfer vgl. unter anderem McKale, Donald M.: Curt Prüfer: German Diplomat from the Kaiser to Hitler. Kent/OH 1987.

63 Vgl. unter anderem Levine, Paul A.: From Indifference to Activism. Swedish Diplomacy and the Holocaust 1938–1944. Uppsala 1998, v.a. 120–123. Dazu kürzlich auch Leth, Göran: “Reporting the Night of the Broken Glass. The Swedish Press and the Final Rehearsal before the Holocaust.” In: Nordicom Review. 1–2 (2002), 237–249, der insbesondere die Berichterstattung von Stockholms-Tidningen. stark kritisiert.

64  Vgl. “Berichte des finnischen Gesandten Kivimäki und des Gesandtschaftsrates Lundström an das finnische Außenministerium, 25.09.1942 und 05.03.1943.” In: Ulkoministeriön arkisto [UM]: 5 C 5, Berichterstattung Gesandtschaft Berlin. Aus der Forschung vgl. u.a. Rautkallio 1987, wie Fußnote 28, 173.

65  Hill 1974, wie Fußnote 22, 429, ohne Datum, aber erste Jahreshälfte 1948. Weizsäcker 1950, wie Fußnote 47, 177.

66  Levine 1998, wie Fußnote 63, 43ff. und 213–228.

67 Vgl. ADAP: Serie E, Bd. II, Nr. 56, S. 97, 20.03.1942. Ferner ADAP: Serie E, Bd. III, Nr. 290, S. 495, 16.09.1942; Döscher 1991, wie Fußnote 13, 241.

68  Kempner, Robert M.W. und Haensel, Carl: Das Urteil im Wilhelmstraßen-Prozeß. Der amtliche Wortlaut der Entscheidungen im Fall 11 des Nürnberger Militärtribunals gegen Weizsäcker und andere mit abweichender Urteilsbegründung, Berichtigungsbeschlüssen, den grundlegenden Gesetzesbestimmungen, einem Verzeichnis der Gerichtspersonen und Zeugen. Schwäbisch-Gmünd 1950, 93–96.

69  Weizsäcker selbst formuliert diese Erkenntnis gegenüber seinem Ankläger in Nürnberg, Robert M.W. Kempner, wie folgt: “Über das Moralische sei in diesem Zusammenhang [d.h. die Judenvernichtung, MJ] jede Diskussion überflüssig. Die Mißbilligung aller möglicher Vorgänge, die nicht abstellbar waren, reduziere die Frage auf den Sinn des Verbleibs im Amt.” In: Hill 1974, wie Fußnote 22, Eintrag vom 12.02.1948, 420. Döscher 1991, wie Fußnote 13, 213ff., hat diesen Zusammenhang en detail und auf breiter Quellenbasis dargelegt. Der Begriff “Historisierung” wird hier im Sinne Martin Broszats verwendet. Vgl. dessen “Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus.” In: Merkur. 39 (1985), 373–385, sowie idem: “Was heißt Historisierung des Nationalsozialismus.” In: HZ. 247 (1988), 1–13, nicht in seiner verkürzten Form, die von Klas Åmark in diesen Seiten als “entschuldigende Geschichtsschreibung” bezeichnet wurde: “Demokratien im Kampf gegen Diktaturen. Neue Sichtweisen auf das Verhältnis Schwedens zu Nationalsozialismus und Holocaust.” In: Nordeuropaforum. 2 (2001), 27–46, hier 34.

70 Vgl. Hill, Leonidas: “The Vatican Embassy of Ernst von Weizsäcker, 1943–1945.” In: Journal of Modern History. 39 (1967), 138–159, hier 147ff. Eine umfassende politische Biografie Weizsäckers stellt – trotz Döschers frühen Anmahnens – weiterhin ein Desiderat der Forschung dar.

71  Schulenburg trug im Frühjahr 1943 mit einer Erklärung gegenüber dem AA maßgeblich zum Schutz der iranischen Juden im von Deutschland besetzten Europa bei. Vgl. Mahrad, Ahmad: Das Schicksal jüdischer Iraner in dem vom nationalsozialistischen Deutschen Reich eroberten europäischen Gebieten. Den Haag 1975/76., sowie kürzlich idem: “Iranian Jews in Europe during World War II.” In: The History of Contemporary Iranian Jews III. Beverly Hills/Cal. 1999, englischsprachige Synopsis.