NORDEUROPAforum
Zeitschrift für Politik,
Wirtschaft und Kultur
ISSN 1863639X
2/2004
14. Jahrgang (7. der N.F.)
Seiten 27-42

Textanfang

Summary

Einleitung

Die Bedeutung Nordeuropas für

Die Anfänge der Nordistik in d

Der Ausbau der Nordistik in de

Fußnoten


zur Startseite

Im Dienst der “Arbeiter- und Bauernmacht”:

Der Aufbau der Nordistik in der DDR

Alexander Muschik

Summary

The existence of the German Democratic Republic (GDR) was confirmed by the declaration of its sovereignty and its membership in the Pact of Warsaw in 1954/55. After that, the new state soon developed lively political activities towards the western countries in order to get internationally recognized. But the fact that the West German government claimed to be the only representation of all Germany made it almost impossible for the GDR to improve its position in the western world. The Scandinavian countries, especially the neutral states Finland and Sweden, played quite an important role for East German foreign policy. The GDR saw in these countries better possibilities than elsewhere to undermine the western non-recognition policy. That is why the Socialist Unity Party (SED) supported the idea of re-founding the traditional Institute for Northern Studies at the University of Greifswald in the mid-fifties. The aim of the institute was first of all a political one: apart from the education of cadres as well as the research on political, economical, historical and philological questions concerning Scandinavia, the institute was supposed to create cultural and scientific contacts with the northern countries in order to prepare in longer terms the establishing of political relations.

Dr. des. Alexander Muschik hat Geschichte, Romanistik, Pädagogik sowie Rechts- und Politikwissenschaften an den Universitäten Greifswald, Kiel und Lyon studiert und über die deutsch-schwedischen Beziehungen nach 1945 promoviert. Zurzeit ist er Studienreferendar in Schleswig-Holstein. Kontakt: amuschik@gmx.de


Einleitung

Ausgehend von der Bedeutung, die die nordischen Länder für die Außenpolitik der DDR1 besaßen, werden in dem vorliegenden Beitrag die Anfänge der Nordistik in der DDR schwerpunktmäßig für die Zeit der fünfziger Jahre untersucht. Breiter Raum wird dabei den politischen Prämissen gewidmet, vor deren Hintergrund das Nordische Institut der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald Mitte der fünfziger Jahre als einzige Institution in der DDR Forschung und Lehre im Fach Nordistik mit vollem Lehrbetrieb wieder aufnahm.

Der Beitrag stützt sich in erster Linie auf die Aktenbestände des Universitätsarchivs Greifswald (UAG) sowie des Zentralen Parteiarchivs der SED und des Staatsarchivs der DDR, die sich heute im Bundesarchiv in Berlin (BArch) befinden. Darüber hinaus wurden Archivalien des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der DDR (MfAA) im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin (PA/AA) sowie des ehemaligen Bezirksparteiarchivs der SED in Rostock (BPA) ausgewertet, das inzwischen im Landesarchiv Greifswald (LAGw) untergebracht ist.

Die Bedeutung Nordeuropas für die Außenpolitik der DDR

Als die DDR am 7. Oktober 1949 gegründet wurde, war sie ebenso wie die sich bereits im Mai 1949 konstituierende Bundesrepublik zunächst als Provisorium angelegt. Moskau hielt sich die Zukunft der DDR in den ersten Jahren offen, stellte sie doch eine Art “Faustpfand” dar, um die militärische Westintegration der Bundesrepublik zu verhindern. Doch das Scheitern der so genannten Stalin-Note im Frühjahr 1952, die das Angebot einer Wiedervereinigung Deutschlands bei gleichzeitiger Neutralität enthielt, sowie der Beitritt der Bundesrepublik zur Nordatlantische Verteidigungsgemeinschaft (NATO) im Mai 1955 führten zu einem deutschlandpolitischen Kurswechsel in Moskau. Mit der Eingliederung der DDR in den Warschauer Pakt und der Verkündung der sowjetischen Zweistaatentheorie gab die sowjetische Führung Mitte der fünfziger Jahre die Option für ein neutrales Gesamtdeutschland zugunsten einer eigenstaatlichen Entwicklung in der DDR auf.2 

Durch die Erlangung ihrer Souveränität und die Einbeziehung in den Warschauer Pakt in ihrer Existenz gesichert, erhob die DDR gegenüber dem westlichen Ausland fortan den Anspruch, auf gleicher Stufe wie die Bundesrepublik als Nachfolgestaat des Deutschen Reiches anerkannt zu werden. Zentrales Ziel der Außenpolitik der SED war es, den bundesdeutschen Alleinvertretungsanspruch, den Bundeskanzler Konrad Adenauer bereits unmittelbar nach Gründung der DDR im Oktober 1949 erhoben hatte, zu durchbrechen und die durch die westliche Nichtanerkennungspolitik bedingte außenpolitische Isolation der DDR zu überwinden.3 Erschwerend für die internationale Position des ostdeutschen Teilstaates kam hinzu, dass Bonn mit der Formulierung der so genannten Hallsteindoktrin Drittländern im Fall einer DDR-Anerkennung mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen drohte und gegenüber den Ländern der Dritten Welt die Zahlung von Entwicklungshilfen an deren Loyalität in der Deutschlandfrage knüpfte.4 

Für die SED-Führung war die internationale Anerkennung der DDR über das sozialistische Lager hinaus nicht nur eine Prestige-, sondern auch eine Existenzfrage, verband sie damit doch die Hoffnung auf eine Stabilisierung und Legitimierung ihres Herrschaftsanspruchs nach innen wie nach außen.5 Ab Mitte der fünfziger Jahre begann Ost-Berlin daher, auch in den westlichen Ländern verstärkt außenpolitisch wirksam zu werden.6 Innerhalb Westeuropas stellten die nordischen Länder einen Schwerpunkt bei den Bemühungen der DDR um internationale Anerkennung dar.7 Besonders in den neutralen nordischen Ländern Finnland und Schweden erblickte die SED-Führung im Vergleich zu den Mitgliedsstaaten der nordatlantischen Verteidigungsgemeinschaft schon frühzeitig günstigere Voraussetzungen, um den bundesdeutschen Alleinvertretungsanspruch zu durchbrechen.8

Während Schweden ebenso wie die NATO-Mitgliedsländer Dänemark, Norwegen und Island weitgehend dem westlichen Standpunkt in der Anerkennungsfrage folgte und nur zur Bundesrepublik diplomatische Beziehungen unterhielt, hatte die finnische Regierung aufgrund ihrer Rücksichtnahme gegenüber den sowjetischen Interessen in der Deutschlandfrage weniger Spielraum. Helsinki versuchte daher, einer eindeutigen Positionierung in der Anerkennungsfrage aus dem Weg zu gehen, indem es weder die Bundesrepublik noch die DDR diplomatisch anerkannte, sondern stattdessen zu beiden deutschen Staaten gleichrangige Beziehungen unterhalb der Schwelle der diplomatischen Anerkennung unterhielt.9

Wegen der diplomatischen Nichtanerkennung war die SED-Führung zur Durchsetzung ihrer außenpolitischen Ziele in starkem Maße auf “kryptodiplomatische” Aktivitäten angewiesen: Unterhalb der Regierungsebene wurden vor allem im kulturellen, aber auch im ökonomischen Bereich vielfältige Kontakte zu den nordischen Ländern geknüpft, mit denen das Fehlen offizieller Beziehungen kompensiert und die Hallsteindoktrin langfristig unterminiert werden sollte.10

Die Anfänge der Nordistik in der DDR

Vor dem Hintergrund des wachsenden außenpolitischen Interesses der SED an den nordischen Ländern entstanden Mitte der fünfziger Jahre im Staats- und Parteiapparat Überlegungen, die Nordistik auszubauen, um über wissenschaftliche und kulturelle Kontakte der Aufnahme politischer Beziehungen nach Nordeuropa den Weg zu ebnen.11 Als Forschungsstätte der Nordistik bot sich das traditionsreiche Nordische Institut der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald an, das 1918 als erstes seiner Art in Deutschland gegründet worden war, nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch zunächst geschlossen blieb.12 

Der politisch unbelastete Nordist Professor Leopold Magon, der kurz nach dem Krieg zum Dekan der philosophischen Fakultät der Greifswalder Universität ernannt worden war, hatte sich bereits frühzeitig für die Wiederaufnahme der Nordeuropaforschung in Greifswald stark gemacht.13 So hatte er sich um eine rasche Weiterführung des Schwedischunterrichts an der Universität bemüht, für den er bereits Anfang 1946 Odorich de Pers, Sohn einer Schwedin und eines österreichischen Diplomaten, hatte gewinnen können.14 Ab Sommersemester 1948 hatte dieser dann auch die auf Betreiben von Professor Magon geschaffene planmäßige Lektorenstelle übernommen15, und ab 1951 waren wieder vereinzelt Lehrveranstaltungen in nordischer Philologie angeboten worden. Magons Vorhaben, das Nordische Institut mit vollem Lehrbetrieb wieder einzurichten, war jedoch zunächst gescheitert, da er 1953 auf einen Lehrstuhl für Literaturwissenschaft an die Humboldt-Universität in Berlin berufen worden war.16 Nach seinem Weggang hatte sich der Lehrbetrieb im Fach Nordistik zunächst auf die Erteilung von schwedischen Sprachkursen beschränkt.17

Erst zum Wintersemester 1954/55 konnte das Nordische Institut seine Tätigkeit unter Leitung von Frau Professor Ruth Dzulko wieder aufnehmen,18 wenngleich die Lehrveranstaltungen immer noch ausschließlich in Ergänzung für andere Fächer, insbesondere für die Germanistik, angeboten wurden.19 Die Initiative dazu war zunächst von der Universitätsleitung ausgegangen, die ein Interesse daran hatte, die Tradition der Greifswalder Nordistik nicht abbrechen zu lassen.20 In der Abteilung Internationale Verbindungen und Außenpolitik beim Zentralkomitee der SED in Ost-Berlin wurde dies sehr begrüßt, da man dort, wie erwähnt, hoffte, über das Greifswalder Institut Kontakte zu skandinavischen Universitäten, Wissenschaftlern sowie Kultureinrichtungen zu knüpfen und über dieses Netzwerk langfristig die westliche Nichtanerkennungspolitik gegenüber der DDR aufweichen zu können.21 

Eine willkommene Gelegenheit zur Wiederaufnahme wissenschaftlicher sowie kultureller Kontakte nach Skandinavien bot die 500-Jahrfeier der Greifswalder Universität im Herbst 1956.22 Kurz vor Beginn der Feierlichkeiten reiste im September 1956 eine Delegation des Ost-Berliner Staats- und Parteiapparates in die Hansestadt, um vor Ort die für den Ausbau der Nordistik erforderlichen Maßnahmen zu eruieren. Der Delegation gehörten neben Horst-Heinz Meyer, Instrukteur für die nordischen Länder in der Abteilung Außenpolitik und Internationale Verbindungen beim Zentralkomitee der SED, Edgar Püschel vom Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (MfAA) sowie ein Vertreter der Abteilung Wissenschaft und Propaganda des SED-Zentralkomitees an. Die Kommission empfahl nach ihrer dreitägigen Inspektion in Greifswald unter anderem die Ausarbeitung eines neuen Lehrplans mit einer stärkeren Ausrichtung des Nordischen Instituts auf politisch-ökonomische Fragen, da das Institut zukünftig eng mit den mit Nordeuropa-Fragen betrauten außenpolitischen Institutionen in der DDR kooperieren und zudem Aufgaben der Kaderausbildung für den Staats- und Parteiapparat übernehmen sollte.23 

Für den Ausbau der Nordistik erhielt die Universität nun Unterstützung von höchster Stelle. Ministerpräsident Otto Grotewohl, der ebenfalls zu den Jubiläumsfeierlichkeiten im Oktober 1956 nach Greifswald gereist war, unterstrich in seiner Festrede die Bedeutung des Nordischen Instituts als “Mittler” in den Beziehungen zwischen der DDR und den nordischen Ländern und sicherte der Universität für den Ausbau der nordischen Studien Hilfe von Seiten der Regierung zu.24 Noch im Wintersemester 1956/57 konnten die ersten Hauptfachstudenten ihr Studium im Fach Nordistik aufnehmen.25 Damit war der Weg frei für den Ausbau des Instituts, dessen Studenten zukünftig nicht nur philologisch, sondern auch in politisch-ökonomischen sowie historischen und rechtlichen Fragen geschult werden sollten, um den staatlichen Forderungen nach einer stärker an der Praxis orientierten Kaderausbildung gerecht zu werden.26 

Die Ausbildung von Funktionären in den nordischen Sprachen erhielt Mitte der fünfziger Jahre besondere Bedeutung, nachdem die DDR begonnen hatte, ihre außenpolitischen und außenpropagandistischen Aktivitäten in den nordischen Ländern auszuweiten. So nahm beispielsweise 1956 der Auslandssender des Staatlichen Rundfunks der DDR eine Kurzwellensendung in schwedischer und dänischer Sprache ins Programm, um in Nordeuropa über die DDR aufzuklären und um Unterstützung für die Forderung nach Anerkennung des deutschen “Arbeiter- und Bauernstaates” zu werben. Durch die Entwicklung solcher Kommunikationskanäle hoffte Ost-Berlin, Einfluss auf die Bevölkerung in jenen Ländern nehmen zu können, die unter außenpolitischem Gesichtspunkt besonders wichtig geworden waren.27 Dem gleichen Ziel diente die Entsendung von Korrespondenten des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes nach Skandinavien.28 Nach längeren Verhandlungen mit den Schwedischen Staatsbahnen war es den ostdeutschen Behörden unter Ausnutzung des großen schwedischen Interesses an der Kontinentalverbindung über Trelleborg-Sassnitz zudem gelungen, 1956 eine ständige Vertretung der Deutschen Reichsbahn in Stockholm zu errichten.29 Damit hatte die DDR einen ersten Stützpunkt in Schweden, dem in Ermangelung einer diplomatischen Vertretung auch die Berichterstattung über die politische Entwicklung im nördlichen Nachbarland zukam.30 Darüber hinaus intensivierte Ost-Berlin seine Bemühungen um permanente Handelsvertretungen in den nordischen Ländern. 1956 eröffnete die DDR zunächst auf Island eine Dependance der offiziell nicht-staatlichen Kammer für Außenhandel (KfA); ein Jahr später wurden KfA-Vertretungen auch in Oslo, Kopenhagen und Stockholm errichtet, die allerdings ihre rein auf Wirtschaftsfragen begrenzten Kompetenzen nicht überschreiten durften.31

Für diese neuen Aufgaben benötigte die SED Nordeuropa-Spezialisten, die in Greifswald auf ihren Einsatz im Ausland oder auch in einem der Ost-Berliner Ministerien vorbereitet werden sollten. Dazu musste das Nordische Institut allerdings personell aufgestockt, umstrukturiert und auf die neue politische Zielsetzung ausgerichtet werden. Institutsdirektor Hans-Friedrich Rosenfeld, dem aufgrund seiner internationalen Reputation im Jahr des Universitätsjubiläums das Direktorat übertragen worden war, schien für diese Aufgaben ungeeignet.32 Er zeigte wenig Interesse an der Politisierung des Instituts und versuchte außerdem, so hieß es in einem parteiinternen Bericht, sowohl Studenten als auch Mitarbeiter des Instituts “kirchlich und bürgerlich zu beeinflussen”33. Zudem wies der auf Wunsch der Partei hin unter Rosenfelds Direktorat modifizierte Lehrplan nach Einschätzung des Staatssekretariats für Hoch- und Fachschulwesen immer noch ein zu starkes philologisches Profil auf und trug der Forderung nach einer stärkeren politischen Ausrichtung der Nordistik in der DDR nicht ausreichend Rechnung.34 Anfang 1957 wurde Rosenfeld daher von seinem Direktorat entbunden und durch Bruno Kress ersetzt, der offensichtlich das Vertrauen der Partei besaß.35 Kress zeigte sich gegenüber den Wünschen der Partei kooperativer als sein Vorgänger, über den er in einem Bericht an die SED-Bezirksleitung in Rostock urteilte:

Professor Rosenfeld hatte kein Verständnis für die neuen Aufgaben und Perspektiven des Instituts. Er bedauerte die Erweiterung der Nordistik über das Philologische hinaus und war nicht dafür, ein Institut mit politischen Aufgaben zu leiten, als ob es überhaupt Institute ohne politische Aufgaben gäbe.36

Nachdem auch der bisherige Schwedischlektor Odorich de Pers zu Beginn des Sommersemesters 1957 mit sofortiger Wirkung entlassen worden war, bemühte sich die Universität um einen Nachfolger, der ideologisch fest auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus stehen sollte.37 Bei der Suche nach geeigneten Lektoren, die neben dem Sprachunterricht auch über die Geschichte der nordischen Arbeiterbewegung lehren sollten, hatten die befreundeten Genossen der kommunistischen Bruderparteien in Nordeuropa ihre Unterstützung zugesagt.38 Mit ihrer Hilfe konnten dann zum Wintersemester 1957/58 drei neue muttersprachliche Lektoren für Schwedisch, Dänisch und Finnisch eingestellt werden.39 Aber nicht nur in Bezug auf das Lehrpersonal, auch bei der Auswahl der Studenten hatte die Institutsleitung fortan verstärkt auf die ideologische Eignung zu achten.40

Anfang 1958 beschäftigte sich die SED-Bezirksleitung in Rostock mit der Umwandlung des Nordischen Instituts “nach Linie der Partei”41. Der Erste Sekretär der SED im Bezirk Rostock, Karl Mewis, der während des Krieges im schwedischen Exil gelebt hatte, hatte ein starkes persönliches Interesse am Ausbau der Beziehungen zu den nordischen Ländern. Er gilt als Hauptinitiator der Rostocker Ostseewoche, die zwischen 1958 und 1975 alljährlich in der Bezirkshauptstadt mit reger skandinavischer Beteiligung durchgeführt wurde. Ziel der aufwendigen und mit zahlreichen politischen, kulturellen und sportlichen Veranstaltungen einhergehenden Festwoche war es, durch die Propagierung des Friedenswillens der sozialistischen Ostseeanrainer NATO-Kritiker in den nordischen Ländern zu mobilisieren und unter den skandinavischen Gästen Fürsprecher für eine Anerkennung der DDR zu gewinnen.42 Mit dem Bedeutungszuwachs der nordischen Länder für die transnationale Westpolitik der DDR Mitte der fünfziger Jahre versuchte Mewis, sich innerhalb der SED als Spezialist für nordeuropäische Fragen zu profilieren und damit gleichzeitig auch seine persönliche Machtposition im Parteiapparat zu stärken.43

Mewis war daher sehr daran gelegen, das Nordische Institut in Greifswald “zu einem Instrument der friedlich-zwischenstaatlichen Beziehungen der DDR zu den skandinavischen Ländern” auszubauen. Institutsdirektor Bruno Kress wurde aufgefordert, einen Perspektivplan auszuarbeiten, der den neuen Anforderungen deutlicher Rechnung tragen sollte.44 Kress beeilte sich, wohl eher aus Sorge um die Zukunft seiner Forschungstätigkeit im Bereich des Altisländischen denn aus wirklicher Überzeugung, die SED seiner uneingeschränkten Loyalität zu versichern.Zudem befand er sich offensichtlich in ständiger Angst vor einer gegen ihn gerichteten Fronde innerhalb des Nordischen Instituts, weshalb er besonders auf die Rückendeckung der Partei angewiesen zu sein glaubte.45 Vor diesem Hintergrund ist das Schreiben zu bewerten, in dem er der SED-Bezirksleitung Anfang 1958 mitteilte, dass der “für die Arbeiter- und Bauernmacht eingestellte Lehrkörper” seine Arbeit ganz in den Dienst der außenpolitischen Zielsetzung der DDR stellen werde. So bestehe die Aufgabe des Nordischen Instituts in erster Linie darin, die Bemühungen um eine Normalisierung der zwischenstaatlichen Beziehungen nach Nordeuropa zu unterstützen. Zu diesem Zweck bilde das Institut “sozialistische Kader” für die Außenpolitik der DDR aus und bemühe sich um den Ausbau der Beziehungen zu nordischen Universitäten, gesellschaftlichen Organisationen und überhaupt “fortschrittlichen Kräften” in Skandinavien.46

Im Perspektivplan des Instituts für das Jahr 1958, der in enger Zusammenarbeit mit dem außenpolitischen Staats- und Parteiapparat entwickelt worden war,47 wurde die politische Zielsetzung noch deutlicher:

Die Aufgabe des Nordischen Instituts ist es, auf allen Gebieten zur Herstellung und Pflege normaler Beziehungen zwischen den Ländern des Nordens [...] und der Deutschen Demokratischen Republik beizutragen. [...] Durch Anknüpfung und Pflege kultureller Verbindungen mit Universitäten, Institutionen und Organisationen des Nordens vermittelt es [...] ein wahres Bild von den Errungenschaften der DDR. [...] Das allgemeine Erziehungsziel besteht darin, der Arbeiter- und Bauernmacht treu ergebene Sozialisten heranzuziehen, die auf Grund ihrer politischen und fachlichen Qualifizierung in der Lage sind, die auf dem Gebiet der Nordistik zu leistende Arbeit im In- und Ausland vorbildlich zu erfüllen. [...] Große Aufgaben ergeben sich für die Angehörigen des Instituts, um der alten bürgerlich-imperialistischen Nordistik eine neue exakte wissenschaftliche und damit sozialistische Nordistik entgegenzustellen. Diese neue sozialistische Nordistik muss erst aufgebaut werden. Der Aufbau kann sich nur im konsequenten Kampf gegen alle unwissenschaftlichen und feindlichen Richtungen vollziehen, die besonders in Westdeutschland im Interesse des westdeutschen Monopolkapitals und Militarismus zu dem Zweck verfolgt werden, Skandinavien unter ihren politischen, ökonomischen und militärischen Einfluss zu bringen.48

In Umsetzung der im Perspektivplan festgelegten politischen Zielsetzung der Nordistik ging Institutsdirektor Kress sogleich daran, Mitarbeiterstab und Lehrangebot über die Literatur- und Sprachwissenschaft hinaus zu erweitern.49 Die Suche nach Ökonomen, Juristen oder Historikern, die für eine Lehrtätigkeit am Nordischen Institut in Frage kamen, sollte sich allerdings als schwierig erweisen, da die zukünftigen Dozenten nicht nur ideologisch zuverlässig sein, sondern gleichzeitig auch Kenntnisse mindestens einer nordischen Sprache besitzen mussten. Im Juli 1958 wandte sich Kress daher an die SED-Bezirksleitung in Rostock mit der Bitte, ihm bei der Suche nach geeignetem Lehrpersonal behilflich zu sein, da es in Greifswald nicht genügend Auswahl an Nachwuchskräften gebe.50 Zum Wintersemester 1958/59 wurde daraufhin der junge Wirtschaftswissenschaftler Willy Stern von der Ost-Berliner Humboldt-Universität nach Greifswald abgestellt, um dort über politische Ökonomie der nordischen Länder zu dozieren. Die Tatsache, dass er acht Jahre in norwegischem und später in schwedischem Exil gelebt hatte, ließ ihn für den Einsatz besonders geeignet erscheinen.51 Stern gehörte zu den ersten Nicht-Philologen, die Ende der fünfziger Jahre ihre Lehrtätigkeit am Nordischen Institut aufnahmen.52

In den folgenden Jahren setzte sich die Politisierung der Nordistik fort, die sich in ihrer wissenschaftlichen Ausrichtung immer stärker an den Interessen der SED zu orientieren hatte. Bezeichnend für diese Entwicklung ist ein Schreiben der SED-Bezirksleitung an Institutsdirektor Kress, in dem diesem mitgeteilt wurde, dass die Hauptaufgabe des Instituts darin bestehe, Kader für den Staats- und Parteiapparat auszubilden sowie “eine dieser Arbeit dienende Forschungs- und Publikationstätigkeit” zu betreiben. Außerdem solle sich das Institut auf solche Probleme konzentrieren, die “dem politischen Kampf der Partei dienen.” Dazu gehöre neben den Bemühungen um die Erweiterung der kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu den nordischen Ländern vor allem der “Kampf gegen die NATO-Konzentration im Ostseeraum”.53 Vor diesem Hintergrund erklärt sich die starke Einbindung des Instituts in Vorbereitung und Durchführung der Rostocker Ostseewoche. So gehörte Bruno Kress dem “Komitee Ostseewoche” an, das für die Organisation der Rostocker Festveranstaltung verantwortlich war. Zur Betreuung der skandinavischen Ostseewochenbesucher wurden Institutsmitarbeiter ebenso wie Studenten herangezogen. Darüber hinaus organisierte das Institut während der Ostseewoche regelmäßig wissenschaftliche Veranstaltungen mit Nordisten, Historikern, Geografen, Germanisten, Schriftstellern und Künstlern aus den nordischen Ländern und war maßgeblich an der Erarbeitung von politischem Informationsmaterial über die DDR beteiligt, das in den nordischen Ländern oder während der Ostseewoche zur Verteilung kam.54 

Parallel zum Ausbau der Nordistik wurden Ende der fünfziger Jahre auch auf anderen Ebenen die Anerkennungsaktivitäten der DDR gegenüber den nordischen Ländern deutlich intensiviert. Neben einer Verstärkung der Auslandspropaganda sowie der Auswärtigen Kulturarbeit55 schickte Ost-Berlin Emissäre nach Skandinavien, die sich vor Ort im direkten Gespräch mit skandinavischen Politikern um eine Normalisierung der zwischenstaatlichen Beziehungen bemühen sollten.56 In Bezug auf die Durchsetzbarkeit der Anerkennungsforderungen schien man im außenpolitischen Staats- und Parteiapparat nach dem Berlin-Ultimatum Chruschtschows etwas optimistischer zu sein, begannen doch nun selbst Politiker in einigen Mitgliedsländern der NATO, für eine flexiblere Haltung gegenüber der DDR einzutreten – allen voran der britische Premier Harold Macmillan.57 Im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten glaubte man, auch in den nordischen Ländern gewisse Auflockerungstendenzen in der Nichtanerkennungspolitik beobachten zu können. So war der schwedische Ministerpräsident Tage Erlander nun erstmals bereit, zwei DDR-Vertreter zu empfangen. Karl Mewis sowie der Ost-Berliner Bürgermeister Friedrich Ebert erhielten im Frühjahr 1959 in kurzen Audienzen die Möglichkeit, dem schwedischen Ministerpräsidenten die Forderung der DDR nach einem Austausch diplomatischer Vertretungen persönlich zu übermitteln. Auch wenn Mewis und Ebert ohne konkrete Ergebnisse aus Stockholm zurückkehrten und auch sonst alle bisherigen Bemühungen um diplomatische Anerkennung in Skandinavien fehlgeschlagen waren, hielt Ost-Berlin an seinem ehrgeizigen Ziel einer vollständigen Normalisierung der zwischenstaatlichen Beziehungen fest.58 Innerhalb Westeuropas sollte ein Schwerpunkt der Auslandsarbeit nach wie vor bei den nordischen Neutralen liegen, wo nach Einschätzung des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten immer noch die besten Chancen bestanden, die Hallsteindoktrin mittelfristig zu überwinden.59

Der Ausbau der Nordistik in den sechziger und siebziger Jahren

Im Laufe der sechziger Jahre erfolgte am Nordischen Institut eine weitere Verlagerung von literatur- und sprachwissenschaftlichen hin zu politisch-ökonomischen Lehr- und Forschungsinhalten,60 was seinen Ausdruck unter anderem in der Ernennung von Professor Rudolf Agricola zum neuen Institutsdirektor im Jahre 1963 fand.61 Agricola, der zwischen 1956 und 1961 zunächst als Generalkonsul der DDR-Handelsvertretung, danach als “außerordentlicher Gesandter” in der ostdeutschen Auslandsvertretung in Finnland tätig war, sollte in Greifswald Politökonomie und internationale Beziehungen unterrichten. Am Nordischen Institut hatte er die Aufgabe, sein in der Praxis erworbenes Wissen dem diplomatischen Nachwuchs der DDR zu vermitteln, der in Greifswald für den späteren Einsatz in Nordeuropa vorbereitet wurde.62

Allerdings sollten sich die außenpolitischen Wirkungsmöglichkeiten der DDR in den nordischen Ländern Anfang der sechziger Jahre verschlechtern, da sich die DDR nach Errichtung der Berliner Mauer in der Perzeption der nordischen Länder nur schwer von dem Negativimage des “Mauerstaates” zu lösen vermochte.63 Dementsprechend waren auch die Bemühungen des Nordischen Instituts um einen Ausbau seiner wissenschaftlichen Kontakte nach Nordeuropa über kommunistische Kreise hinaus in ihrem Erfolg äußerst begrenzt. Zudem blieb die westliche Isolationspolitik gegenüber der DDR selbst im kulturellen Bereich nicht ohne Wirkung. So hatte beispielsweise Svenska Institutet als Träger der auswärtigen schwedischen Kulturpolitik der bundesdeutschen Botschaft in Stockholm zugesichert, sich gegenüber den Bemühungen der DDR um kulturelle und wissenschaftliche Kontakte nach Schweden reserviert zu verhalten.64

Mit der Dekolonisierungswelle Anfang der sechziger Jahre verlagerten sich daher die Bemühungen der DDR um internationale Anerkennung zunehmend auf die jungen Nationalstaaten in der so genannten Dritten Welt, wo die “antikolonialistische” DDR bessere außenpolitische Wirkungsmöglichkeiten erblickte als in Westeuropa. Tatsächlich sollte es der DDR im Laufe der sechziger Jahre gelingen, die Hallsteindoktrin in zahlreichen Ländern Asiens und Afrikas auszuhöhlen. So hatte die Bundesregierung den offiziellen Staatsbesuch Walter Ulbrichts in Ägypten Anfang 1965 nicht verhindern können. Ebenso wenig konnte sie verhindern, dass die DDR bis zum Ende der sechziger Jahre in fast allen wichtigen Staaten Afrikas und Asiens mit Handelsvertretungen, Konsulaten oder Generalkonsulaten diplomatische Präsenz erlangte, auch wenn die meisten Länder vor einer De-jure-Anerkennung der DDR aus Rücksicht auf die Bundesrepublik immer noch zurückschreckten.65 

Nach dem außenpolitischen Erfolg Ulbrichts in Kairo ist ab Mitte der sechziger Jahre eine erneute Intensivierung der außenpolitischen Aktivitäten der DDR in Nordeuropa zu beobachten. Diese fand ihren Ausdruck unter anderem in der Errichtung eines DDR-Kulturzentrums in Stockholm im Dezember 1967, dessen ursprüngliche Zielsetzung darin bestand, einen möglichst großen Bevölkerungskreis in Schweden für ein aktives Eintreten zugunsten der Anerkennung der DDR zu gewinnen.66 Die nordischen Regierungen waren jedoch trotz wachsenden innenpolitischen Drucks nicht bereit, ihren Standpunkt in der Anerkennungsfrage zu modifizieren, solange die Bundesregierung ihren Widerstand gegen die internationale Deblockade der DDR aufrechterhielt. Zu einem deutschlandpolitischen Durchbruch sollte es erst nach der Bundestagswahl 1969 kommen: Der neue sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt erkannte der DDR erstmals eine eigene Staatlichkeit zu, wollte die Nichtanerkennungspolitik gegenüber der DDR jedoch erst in dem Maße aufgeben, wie Ost-Berlin bereit war, Konzessionen in den innerdeutschen Beziehungen zuzustimmen. Die Unterzeichnung eines deutsch-deutschen Grundlagenvertrages zwischen der DDR und der Bundesrepublik am 21. Dezember 1972 machte schließlich den Weg zur internationalen Anerkennung der DDR frei. Noch am gleichen Tag wurde zwischen Schweden und der DDR ein Abkommen zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen unterzeichnet. Finnland hatte einen solchen Vertrag bereits am 9. Dezember 1972 abgeschlossen, wenngleich dieser erst Anfang Januar 1973 in Kraft treten sollte. Die NATO-Mitgliedsstaaten Dänemark, Norwegen und Island folgten mit der Anerkennung der DDR im Januar bzw. im Februar 1973.67

Der durch den Anerkennungsdurchbruch erforderlich gewordene Ausbau der bisherigen Handelsvertretungen in voll arbeitsfähige Botschaften bedeutete auch für das Nordische Institut in Greifswald einen Bedeutungszuwachs, da ein Großteil der in Nordeuropa stationierten DDR-Diplomaten seine Ausbildung dort erhielt. Der Schwerpunkt des Instituts, das Ende der sechziger Jahre im Rahmen der dritten Hochschulreform der DDR in “Sektion Nordeuropawissenschaften” umbenannt worden war, lag folglich auch weiterhin in erster Linie auf politisch-ökonomischen Fragen.68 Dies sollte sich erst im Zuge des Wiedervereinigungsprozesses Anfang der neunziger Jahre ändern, in dessen Folge die interdisziplinäre Struktur des Instituts aufgehoben und der überwiegende Teil des Lehrpersonals “abgewickelt” wurde.69 Seit der 1992 erfolgten Rückbenennung in “Nordisches Institut” besitzt die Greifswalder Nordistik wieder eine rein philologische Ausrichtung.70 


1 Zur Kontroverse um den außenpolitischen Handlungsspielraum der DDR vgl. Scholtyseck, Joachim: Die Außenpolitik der DDR. München 2003, 60–65.

2 Vgl. Lemke, Michael: “Die Außenbeziehungen der DDR (1949–1966). Prinzipien, Grundlagen, Zäsuren und Handlungsspielräume.” In: Ulrich Pfeil (Hg.): Die DDR und der Westen. Transnationale Beziehungen 1949–1989. Berlin 2001, 63–80, hier 74.

3 Johannes Kuppe spricht daher für die Zeit vor der Anerkennung von “deutschlandpolitischer Außenpolitik” der DDR: Vgl. Kuppe, Johannes: “Die Außenpolitik der DDR.” In: Rainer Eppelmann, Bernd Faulenbach und Ulrich Mählert (Hgg.): Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung. Paderborn u.a. 2003, 318–326, hier 326.

4 Vgl. dazu Booz, Rüdiger Marco: ‘Hallsteinzeit’ – Deutsche Außenpolitik 1955–1972. Bonn 1995; Kilian, Werner: Die Hallstein-Doktrin. Der diplomatische Krieg zwischen der BRD und der DDR 1955–1973. Berlin 2001.

5 Vgl. dazu Scholtyseck 2003, wie Fußnote 1, 67.

6 Vgl. dazu die einzelnen Beiträge bei Pfeil 2001, wie Fußnote 2.

7 Die Außenbeziehungen der DDR gegenüber den nordischen Ländern sind mittlerweile gut erforscht. Vgl. dazu unter anderem Holtsmark, Sven G.: Avmaktens diplomati. DDR i Norge 1949–1973. Oslo 1999; Ingimundarson, Valur: “Targeting the Periphery: The role of Iceland in East German Foreign Policy 1949–1989.” In: Cold War History. 1 (2001) 3, 113–139; Lammers, Karl Christian: “Nachbarschaft und Nicht-Anerkennung. Probleme der Beziehungen zwischen Dänemark und der DDR (1949–1973).” In: Pfeil (Hg.) 2001, wie Fußnote 2, 273–289; Linderoth, Andreas: Kampen för erkännande. DDR:s utrikespolitik gentemot Sverige 1949–1972. Lund 2002; Muschik, Alexander: Die beiden deutschen Staaten und das neutrale Schweden. Eine Dreiecksbeziehung im Schatten der offenen Deutschlandfrage 1949 bis 1972. Phil. Diss. Greifswald 2004; Putensen, Dörte: Im Konfliktfeld zwischen Ost und West. Finnland, der Kalte Krieg und die deutsche Frage (1947–1973). Berlin 2000; Scholz, Michael F.: “Die Nordeuropa-Politik der DDR (bis 1963).” In: Robert Bohn, Jürgen Elvert und Karl Christian Lammers (Hgg.): Deutsch-skandinavische Beziehungen nach 1945. Stuttgart 2000, 21–43; Wegener Friis, Thomas: Den nye nabo. DDRs forhold til Danmark 1949–1960. Kopenhagen 2001; Ein Sammelband mit den aktuellen Forschungsergebnissen wird Anfang 2005 erscheinen: Linderoth, Andreas und Wegener Friis, Thomas (Hgg.): DDR og Norden. Odense i.E.

8 Bereits im April 1954 – unmittelbar nach der Souveränitätserklärung der DDR – hatte das Sekretariat des Zentralkomitees der SED beschlossen, die außenpolitischen Bemühungen um eine De-facto- bzw. eine De-jure-Anerkennung auf die neutralen bzw. blockfreien Staaten Schweden, Finnland, die Schweiz, Indien und Ägypten zu konzentrieren. Vgl. Scholz “Die Nordeuropapolitik” 2000, wie Fußnote 7, 28.

9 Seit 1953 unterhielten die beiden deutschen Staaten in Helsinki gleichrangige Handelsvertretungen mit konsularischen Befugnissen. Vgl. Putensen 2000, wie Fußnote 7, 47ff.

10 Vgl. dazu die Literaturangaben in Fußnote 7.

11 Gespräch des Verfassers mit Horst-Heinz Meyer am 27. September 2001 in Berlin. Meyer (geb. 1914) lebte ab 1933 zunächst in der Schweiz, später in Norwegen und Schweden. 1949 remigrierte er in die neugegründete DDR. Dort war er zwischen 1955 und 1959 in der Abteilung Internationale Verbindungen und Außenpolitik beim Zentralkomitee der SED für die nordischen Länder zuständig. Vgl. zu den biografischen Angaben Scholz, Michael F.: Skandinavische Erfahrungen erwünscht? Nachexil und Remigration. Die ehemaligen KPD-Emigranten in Skandinavien und ihr weiteres Schicksal in der SBZ/DDR. Stuttgart 2000, S. 363.

12 Zur Rolle des Nordischen Instituts während der NS-Zeit und den profaschistischen Tendenzen einzelner Institutsmitarbeiter vgl. Höll, Rainer: Die Nordeuropa-Institute der Universität Greifswald von 1918 bis 1945. Phil. Diss. Greifswald 1984. Dagegen scheint Wilhelm Friese die nationalsozialistische Unterwanderung der nordischen Studien in Greifswald eher zu unterschätzen, wenn er schreibt: “Weder in der Lehre noch in der Forschung passten sich die Institute den Vorstellungen der braunen Ideologen von den Germanen oder der nordischen Rasse an, wenn gewisse Zugeständnisse auch gemacht werden mussten.” Friese, Wilhelm: “75 Jahre Nordisches Institut der Universität Greifswald.” In: Skandinavistik. Zeitschrift für Sprache, Literatur und Kultur der nordischen Länder. 23 (1993), 110–127, hier 116. Vgl. zur Geschichte des Nordischen Instituts vor 1945 auch Magon, Leopold: “Die Geschichte der nordischen Studien und die Begründung des Nordischen Instituts. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der deutsch-nordischen kulturellen Verbindungen.” In: Festschrift zur 500-Jahrfeier der Universität Greifswald. 2. Band, Greifswald 1956, 239–272. Unter quellenkritischen Gesichtspunkten problematisch, wenngleich auch als Lektüre nicht uninteressant, sind die Memoiren des ehemaligen Schwedischlektors Ohlmarks, in denen er, selbst wohl nicht frei von Sympathien für das NS-Regime, die Situation am Nordischen Institut während jener Jahre eingehend beschreibt. Vgl. Ohlmarks, Åke: Efter mej syndafloden. Greifswald, Berlin, Hamburg 1941–1945. Köping 1980.

13 Vgl. Friese 1993, wie Fußnote 12, 117f.

14 Vgl. dazu die Aktenüberlieferung in UAG: PA Nr. 1665.

15 “Landesregierung Mecklenburg, Ministerium für Volksbildung Schwerin an Rektorat der Universität Greifswald, 11.11.1947.” In: UAG: PA Nr. 1665.

16 An der Humboldt-Universität setzte Professor Magon seine Bemühungen um eine Etablierung der nordischen Studien in der DDR erfolgreich fort: Seit Anfang der fünfziger Jahre wurden dort Nordisten ausgebildet, allerdings nur im Nebenfach.

17 Vgl. Friese 1993, wie Fußnote 12, 118. Bei den Vertretungen der nordischen Länder in West-Berlin löste die Nachricht von der Wiederaufnahme des nordischen Sprachunterrichts an der Greifswalder Universität die Sorge aus, dass diese Maßnahmen als Vorbereitung möglicher sowjetischer Expansionsbestrebungen im Ostseeraum anzusehen seien. Willy Brandt, der nach zwölfjährigem Exil in Norwegen und Schweden 1945 nach Deutschland zurückgekehrt war, berichtete im Frühjahr 1949 von Berlin aus an den SPD-Parteivorstand, dass sich die Skandinavier über Gerüchte, wonach in Greifswald ostdeutsche und sowjetische Funktionäre in den nordischen Sprachen ausgebildet werden würden, sehr beunruhigt zeigten. Man fühle sich an das dortige Institut erinnert, “das sich in der Nazizeit mit der Sammlung von Informationen über die drei skandinavischen Länder befasste” und glaube, dass “eine solche Aktivität größte Ähnlichkeit mit gewissen Vorbereitungen” während jener Zeit aufweise. “Bericht Willy Brandt Nr. 198 vom 16.3.1949.” In: Archiv der sozialen Demokratie Bonn (AdsD), Bestand Schumacher, Berliner Sekretariat des SPD-Parteivorstandes: Willy-Brandt-Berichte, Mappe 168. Auch in der skandinavischen Presse tauchten wiederholt Berichte über die Greifswalder Universität auf, wo angeblich kommunistische Spione auf ihren Einsatz in Nordeuropa vorbereitet würden. Angesichts der Sowjetisierung Osteuropas war in Skandinavien die Sorge vor einem Übergreifen der sowjetischen Hegemonialbestrebungen auch auf den nordeuropäischen Raum weit verbreitet. Vgl. Berlingske Tidende. 8.1.1950.

18 Ein Jahr später war der Direktorenposten allerdings schon wieder vakant, da Professor Dzulko in die Bundesrepublik übersiedelte. Vgl. “Schreiben von Prof. Dr. Ruth Dzulko an den Rektor der Universität, 19.9.55.” In: UAG: RNF, Nr. 43. Vgl. auch Friese 1993, wie Fußnote 12, 118f.

19 Vgl. Dzulko, Ruth: “Nordisches Institut.” In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. IV (1954/55) 4/5, 430–431 (= Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe).

20 “Nordisches Institut (Dzulko) an Staatssekretariat für Hochschulwesen (Wohlgemuth), mit Befürwortung weitergereicht von Prof. Dr. Clasen, Dekan der Philosophischen Fakultät i.V. des Rektors, 11.8.1955.” In: BArch: DR 3/2947. “Vermerk über die Aussprache mit Prof. Katsch am 19.6.1956 im Büro Hager.” In: BArch-SAPMO: DY 30/IV 2/9.04/522.

21 Gespräch des Verfassers mit Horst-Heinz Meyer am 27. September 2001 in Berlin.

22 “MfAA (Püschel) an Staatssekretariat für Hoch- und Fachschulwesen, Abt. Auslandsbeziehungen, 21.9.1956.” In: BArch: DR 3/1251.

23 “Perspektive des Nordischen Instituts in Greifswald, 25.2.1957.” In: BArch: DR 3/2947.

24 Vgl. Grotewohl, Otto: Reden und Aufsätze. Band 5, Berlin (Ost) 1959, 108f.

25 Vgl. Rosenfeld, Hans-Friedrich: “Jahresbericht des Nordischen Instituts.” In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe. VII (1957/58) 1/2, 98.

26 Diese Zusicherung hatte Institutsdirektor Hans-Friedrich Rosenfeld dem Staatssekretariat für Hochschulwesen am 5.2.1957 geben müssen. Vgl. UAG, Sektion NEW: Nr. 7.

27 Vgl. Mallinckrodt, Anita M: Die Selbstdarstellung der beiden deutschen Staaten im Ausland. ‘Image-Bildung’ als Instrument der Außenpolitik. Köln 1980, 72.

28 “Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst an ZK der SED, Abteilung Internationale Verbindungen und Außenpolitik (Keilson), 14.6.1956.” In: BArch-SAPMO: DY 30/IV 2/20/300.

29 “Jahresbericht 1956 über die Beziehungen der DDR zu Schweden.” In: PA/AA-MfAA: A 7665.

30 “MfAA-Hausmitteilung über die politische Richtlinie der Generalvertretung der Deutschen Reichsbahn in Stockholm (Bringmann an Kondermann), 26.4.1956.” In: PA/AA-MfAA: A 8868.

31 Vgl. Muth, Ingrid: Die DDR-Außenpolitik 1949–1972. Inhalte, Strukturen, Mechanismen. Berlin 2000, 289–292.

32 Vgl. Friese 1993, wie Fußnote 12, 119f.

33 “Aufzeichnung der Abteilung Agitation und Propaganda der SED-Bezirksleitung (BL) in Rostock (undatiert).” In: LAGw, BPA: V/2/9.02/1087.

34 “Staatssekretariat für Hoch- und Fachschulwesen (Grunert) an Dahlem, 30.7.1957; Notiz zum Entwurf des Lehrplans (undatiert).” In: BArch: DR 3/2947.

35 “Staatssekretariat für Hoch- und Fachschulwesen an Rektorat der Universität (Borris), 27.2.1957.” In: UAG: RNF, Nr. 45. Die Ernennung von Bruno Kress zum kommissarischen Leiter des Instituts war bereits durch die Vertreter des Staats- und Parteiapparates angeregt worden, die das Nordische Institut im September 1956 inspiziert hatten. “Perspektive des Nordischen Instituts in Greifswald, 25.2.1957.” In: BArch: DR 3/2947.

36 “Nordisches Institut (Kress) an SED-BL Rostock, 29.1.1958.” In: UAG, Sektion NEW: Nr. 12.

37 “Rektorat an Universitäts-Kaderabteilung, 30.4.1957.” In: UAG PA: Nr. 1665.

38 “Vermerk über ein Gespräch zwischen Horst-Heinz Meyer (ZK der SED) und Herrn Neugebauer (MfAA), 12.4.1956.” In: PA/AA-MfAA: A 7581.

39 Gespräch des Verfassers mit Marianne Carlsson-Lenz am 3. Mai 2002 in Stockholm. Marianne Carlsson-Lenz war zwischen 1957 und 1959 Schwedischlektorin am Nordischen Institut in Greifswald.

40 “Vermerk Abteilung Agitation und Propaganda der BL Rostock (undatiert).” In: LAGw, BPA: IV/2/9.02/1087.

41 “Beschlussprotokoll der 61. Sitzung des Büros der Bezirksleitung Rostock der SED, 27.2.1958.” In: LAGw, BPA: IV/2/3/178.

42 Vgl. zur Rostocker Ostseewoche Scholz, Michael F.: ‘Die Ostsee muss ein Meer des Friedens sein.’ Die Rostocker Ostseewochen in der Außenpolitik der DDR (1958–1975). Phil. Diss. Greifswald 1990. Linderoth 2002, wie Fußnote 7, 236–293.

43 Vgl. Scholz “Die Nordeuropapolitik” 2000, wie Fußnote 7, 34f.

44 “SED-BL Rostock an Nordisches Institut (Kress), 23.1.1958.” In: UAG, Sektion NEW: Nr. 12.

45 “Zwischenbericht über die Brigadearbeit am Nordischen Institut, 27.10.1959; Aktenvermerk (Vogel) über die am 11.12.1959 im Nordischen Institut durchgeführte Parteigruppenversammlung.” In: LAGw, BPA: IV/2/9.02/1087.

46 “Nordisches Institut (Kress) an SED-BL Rostock, 29.1.1958.” In: UAG, Sektion NEW: Nr. 12.

47 “SED-BL Rostock an ZK der SED, Abt. Wissenschaften (Börner), 3.6.1958; ZK der SED, Abt. Wissenschaften (Börner) an MfAA (Beeling) und Ministerium für Außenhandel (Koch), 12.6.1958.”, “Ministerium für Außenhandel (Seiffert) an ZK der SED, Abt. Wissenschaften (Börner), 16.6.1958.”, “Nordisches Institut (Kress) an ZK der SED, Abt. Wissenschaften (Börner), 30.6.1958.” In: BArch-SAPMO: DY 30/IV 2/9.04/235. “Nordisches Institut (Kress) an Rektorat der Universität (Borris), 30.6.1958.” In: UAG, RNF: Nr. 45.

48 “Perspektivplan des Nordischen Instituts, 3.9.1958.” In: UAG, Sektion NEW: Nr. 5. Vgl. dazu auch Kress, Bruno: “Gegenstand und Anliegen der Nordistik in der Deutschen Demokratischen Republik.” In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe. VII (1957/58) 3/4, 181–188.

49 “Nordisches Institut (Kress) an SED-BL Rostock (Holtzmacher), 27.3.1958.” In: UAG, Sektion NEW: Nr. 7.

50 “Nordisches Institut (Kress) an SED-BL Rostock, Abt. Agitation und Propaganda (Böhm), 19.7.1958.” In: LAGw, BPA: IV/2/9.02/1087.

51 Vgl. Scholz “Skandinavische Erfahrungen erwünscht?” 2000, wie Fußnote 11, 233f., 377.

52 “Berichte des Nordischen Instituts über die Jahre 1958–1962.” In: UAG, Sektion NEW: Nr. 12.

53 “SED-BL Rostock (Vogel) an Nordisches Institut (Kress), 1.3.1960.” In: LAGw, BPA: IV/2/9.02/1088.

54 UAG: Arbeitsgruppe Universitätsgeschichte, Nr. 31. 4f.

55 Nach langen Vorplanungen konnte im Herbst 1960 in Helsinki ein Kulturzentrum der DDR eröffnet werden. Vgl. dazu Griese, Olivia: Die Auswärtige Kulturpolitik der Bundesrepublik und der DDR in Finnland 1949–1973. Phil. Diss. München 2003, 104ff. 

56Vgl. Linderoth 2002, wie Fußnote 7, 109ff. sowie Muschik 2004, wie Fußnote 7, 142–150.

57 Vgl. Steininger, Rolf: Der Mauerbau. Die Westmächte und Adenauer in der Berlinkrise 1958–1963. München 2001, 75ff.

58 Vgl. Linderoth 2002, wie Fußnote 7, 109ff. sowie Muschik 2004, wie Fußnote 7, 142–150.

59 “Protokoll der 22. Kollegiumssitzung, 4.11.1959.” In: PA/AA-MfAA: LS-A 352.

60 “Perspektive und Struktur des Nordischen Instituts, 26.6.1966.” In: UAG: Prorektorat für Gesellschaftswissenschaften, Nr. 33.

61 Vgl. Friese 1993, wie Fußnote 12, 120ff.

62 Vgl. Frei, Otto: “Die außenpolitischen Bemühungen der DDR in der nichtkommunistischen Welt.” In: Europa-Archiv. 23 (1965), 843–852, 897–905, hier 899.

63 Vgl. dazu unter anderem Linderoth, Andreas: “Schweden und der Bau der Berliner Mauer.” In: Timmermann, Heiner (Hg.): 1961 – Mauerbau und Außenpolitik. Münster 2002, 245–267; Muschik 2004, wie Fußnote 7, 178–186.

64 “Bericht der bundesdeutschen Botschaft Stockholm (von Marchtaler) an Auswärtiges Amt Bonn, 28.7.1959.” In: PA/AA: B 90, Bd. 380.

65 Vgl. Booz 1995, wie Fußnote 4, 80ff.

66 “Rahmenplan der DENOG für 1968, 12.2.1968.” In: PA/AA-MfAA: C 219/71.

67 Vgl. Lammers, Karl Christian: “Die Beziehungen der skandinavischen Staaten zur DDR bis zur Normalisierung in den siebziger Jahren.” In: Heiner Timmermann (Hg.): Die DDR – Politik und Ideologie als Instrument. Berlin 1999, 703–718, hier 715.

68 Auch über die späteren Jahre des Instituts liegen bislang kaum Arbeiten vor. Thomas Wegener Friis untersucht in einem Kapitel seiner Dissertation, die voraussichtlich im Laufe des Jahres 2005 unter dem Titel Den osynlige front. DDR:s militärspionage mod Danmark under den kolde krig in Kopenhagen erscheinen wird, wie das Nordische Institut ab Mitte der sechziger Jahre mit den militärischen Nachrichtendiensten zusammenarbeitete. Zu den politischen Aktivitäten des Instituts in den siebziger und achtziger Jahren vgl. die Arbeit der beiden dänischen Journalisten Mette Herborg und Per Michaelsen, die allerdings nicht frei von populistischer Sensationslust ist: Ugræs. Danske Stasi-kontakter. Viborg 1999, 36–53.

69 Noch im Frühjahr 1990 hatten die Institutsmitarbeiter versucht, durch die Namensänderung in “Nordeuropa-Institut” der neuen Situation gerecht zu werden, doch auch dies konnte den Umstrukturierungsprozess nicht verhindern. Vgl. Friese 1993, wie Fußnote 12, 110–127, hier 123f. Trotz der nach der Wende erhobenen berechtigten Forderung nach einer Entpolitisierung der Greifswalder Nordeuropawissenschaft sollten die dort erbrachten wissenschaftlichen Leistungen nicht vergessen werden. Vgl. dazu Petrick, Fritz: “Forschungen zur Zeitgeschichte Nordeuropas in Greifswald 1970–1990.” In: Bohn, Elvert und Lammers (Hgg.) 2000, wie Fußnote 7, 184–201.

70 Vgl. Friese 1993, wie Fußnote 12, 110–127, hier 124f.