NORDEUROPAforum
Zeitschrift für Politik,
Wirtschaft und Kultur
ISSN 1863639X
2/2004
14. Jahrgang (7. der N.F.)
Seiten 94-95

Petersen, Peter: Kalevipoeg. Das estnische Nationalepos. (aus dem Estnischen von Ferdinand Löwe) Stuttgart: Verlag Johannes M. Mayer 2004, 324 S.

“Schon seit Jahren fehlte auf unsrem Büchermarkt eine deutsche Übersetzung des nationalen Epos der Esten, und das war bei der poetischen und kulturhistorischen Bedeutung des Kalewipoeg ein empfindlicher Mangel.” So schrieb die Baltische Monatsschrift aus dem Jahre 1901 (Band 51, S. 230), als Ferdinand Löwes Übertragung des estnischen Nationalepos Kalevipoeg im Jahr zuvor bei Franz Kluge in Reval erschienen war.

Nach über hundert Jahren ist 2004 im Stuttgarter Mayer Verlag das Kalevipoeg, das Friedrich Reinhold Kreutzwald von 1857–1861 gesammelt und metrisch verbunden hatte, in einer neu edierten Ausgabe erschienen.1 Es ist sogar genau genommen die erste vollständige deutschsprachige Ausgabe, da Löwe fünfzig “anrüchige” Zeilen im XV. Gesang gestrichen hatte, die jetzt erstmals von Cornelius Hasselblatt, Professor für finnougrische Sprachen und Kulturen an der Universität Groningen, ins Deutsche übersetzt worden sind. Aktuelle wissenschaftliche Kurzbeiträge namhafter estnischer und deutscher Autoren ordnen im Anhang das Kalevipoeg in seiner Bedeutung für Estland und die europäische Kulturgeschichte ein. Der Tartuer Ethnologe Ülo Valk hat eine Zusammenfassung der einzelnen Gesänge mit nützlichen Erklärungen hinzugefügt, die dem Leser den Einstieg in das Epos erleichtern.

Mit der von den Nationalsozialisten betriebenen Umsiedlung der Deutschbalten aus Estland am Beginn des Zweiten Weltkrieges und der fast fünfzig Jahre dauernden Besetzung Estlands durch die Sowjetunion geriet das Kalevipoeg im deutschen Sprachraum in Vergessenheit. Während das finnische Kalevala Neuauflagen und -übersetzungen erlebte, kam es hierzulande kaum zu einer breiteren Beschäftigung mit der estnischen Sprache und Kultur und noch viel weniger mit dem Epos über Kalevipoeg, den “Sohn des Kalev”. Es ist dem Stuttgarter Mayer Verlag und dem Herausgeber des Bandes, dem emeritierten Hannoveraner Professor Peter Petersen, zu verdanken, dass 13 Jahre nach Wiedererlangung der estnischen Unabhängigkeit das Kalevipoeg als ein Kernstück der estnischen Literaturgeschichte wieder deutschen Lesern zugänglich ist. Der Herausgeber war dabei gut beraten, auf die Übersetzung Ferdinand Löwes, des ehemaligen Bibliothekars der St. Petersburger Akademie der Wissenschaften, zurückzugreifen. Löwe gelang es, inhaltlich nah am estnischen Originaltext zu bleiben, aber – im Gegensatz zur französischen Kalevipoeg-Übersetzung von Antoine Chalvin, die ebenfalls 2004 erschienen ist – auch dessen dichterische Form sorgfältig wiederzugeben. Vor allem die für das estnische Original kennzeichnende Alliteration hat Löwe gelungen wiedergegeben. Dabei ist ein sehr lesbarer und verständlicher Text der 18.788 Verse entstanden, der tief in die estnische Mentalität und das estnische Selbstverständnis blicken lässt. Das Lob der deutschsprachigen wie estnischsprachigen Presse für die Leistung Löwes war sowohl bei Vorlage der ersten Übersetzungsproben im zehnten Band der Verhandlungen der Gelehrten Estnischen Gesellschaft 1881 als auch bei der posthumen Gesamtveröffentlichung 1900 berechtigt. Seine Übersetzung ist heute noch unübertroffen.

Auch wenn der Verlag in der Buchankündigung das Kalevipoeg wohl zu Unrecht als “europäische Volksdichtung” bezeichnet, was in den Beiträgen des Buches wieder relativiert wird, wurde im Jahr von Estlands Beitritt zur Europäischen Union einer der zentralen Texte der estnischen Literatur auf Deutsch wieder vorgelegt, ohne den die estnische Identität als Volk nicht zu verstehen ist. Das Kalevipoeg besitzt auch heute noch Aktualität für unser Verständnis der Literatur und Seele der Esten.

Carsten Wilms (Tallinn)

1  mit einem Geleitwort von Jaan Kross und Beiträgen von Cornelius Hasselblatt, Peeter Järvelaid, Peter Petersen, Ülo Valk und Rein Veidemann.