Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine jüdische Nationalbewegung, die sich für einen eigenen Staat einsetzte. Diese Bewegung der europäischen Juden in der Diaspora hat der 1890 vom Wiener Journalisten Nathan Birnbaum eingeführte Begriff Zionismus begleitet, der in der Epoche des Nationalismus das jahrtausendealte jüdische Streben nach einem eigenen Staat bezeichnete. Um die Gründung dieses Staats zu realisieren, wurde eine Reihe an notwendigen, zum Teil auch disparaten, Schritten vorgenommen. Einer der Schritte war die Gründung der Hachschara („Vorbereitung“ auf Auswanderung), einer zionistischen Jugendbewegung in Deutschland.
Die verhältnismäßig kleine Pionierbewegung mit 500 Mitgliedern vor 1933 wuchs, nachdem Hitlers Machtübernahme eine landwirtschaftliche Berufsausbildung unmöglich gemacht hatte, ab 1937 zu einer Schirmorganisation mit 15 000 Mitgliedern. Nach den Novemberpogromen 1938 suchten noch mehr Menschen nach Mitgliedschaft in dieser Organisation, da sie hier die Möglichkeit zu einer Auswanderung sahen. Auslandshachschara war seit dem Frühling 1933 eine der Hauptaufgaben vom Hechaluz Deutscher Landesverband. Ausbildungsmöglichkeiten, die eine Einwanderung nach Palästina vorbereiten konnten, boten 13 Länder, nämlich Frankreich, Luxemburg, Holland, Dänemark, Schweden, Belgien, Litauen, Lettland, Polen, Tschechoslowakei, Jugoslawien, Italien und Großbritannien.
Die schwedische Historikerin Malin Thor untersucht in ihrer Dissertation die Entwicklung der Hechaluz in Schweden in den Jahren 1933 bis 1943 aus drei unterschiedlichen Perspektiven, die ein interessantes und detailliertes Bild dieser Jugendbewegung ergeben. Sie beschäftigt sich mit der Untersuchung der Organisation, die ihren Ursprung und die Definition ihrer ideologischen Ziele in Deutschland hatte. Ihre Verwirklichung in Schweden fand sie durch ein großes Engagement von Zionisten und eines Mitglieds der jüdischen Gemeinde in Stockholm, Emil Glück, der aus eigener Initiative erste Kontakte mit der Organisation in Deutschland aufnahm. Thors zweiter Fokus liegt auf den Mitgliedern der Bewegung, die für das Ausbildungsprogramm nach Schweden kamen, und auf der Entwicklung ihrer gemeinsamen chaluz-Identität. Dies wird begleitet von einer Analyse der Mitwirkung und des Verhaltens der schwedischen Institutionen, das heißt des Staats und der jüdischen Gemeinde in Stockholm, zu den aus „Nazideutschland“ geschickten Juden sowie der Konsequenzen ihrer Haltung, die sich in etablierten und niedrig gehaltenen Quoten für die Neuankömmlinge niederschlug. Um die unterschiedlichen Perspektiven vorzustellen, hat Thor in ihren Studien eingehend schriftliche und selbst erhobene mündliche Quellen aus Israel, Schweden und Deutschland herangezogen.
Im November 1936 öffnete der erste Kibbuz Svartingstorp in Schweden, welcher nach den in Deutschland formulierten ideologischen Prinzipien arbeitete und sich damit unter der Leitung vom deutschen Hechaluz-Repräsentanten und Zionisten Berthold Rotschild, zu einem hachschara-Zentrum mit organisierten Ausbildungsprogrammen entwickelte. Im Januar 1939 wurden bis auf die Reichsvereinigung der Deutschen Juden alle jüdischen Organisationen in Deutschland verboten. Innerhalb dieser Dachorganisation setzte Hechaluz ihre Arbeit in der Abteilung Berufsvorbereitung I fort. Trotz der stark eskalierenden Situation in Deutschland sah die Organisationsleitung es als Aufgabe der Bewegung, die Mitglieder auf das Arbeitsleben in Eretz Israel vorzubereiten – und nicht primär jüdische Jugendliche zu retten. Für das Auslandsausbildungsprogramm wurden sowohl Frauen als auch Männer in der „hachschara-tauglichen“ Alterskategorie zwischen 17 und 37 Jahren qualifiziert. Das Dilemma der Zionisten in Deutschland war: Wen und nach welchen Kriterien sollte man die jungen Menschen für die Auslandshachschara auswählen? Die jungen Starken oder diejenigen die, gleich welchen Alters, lange Zionisten gewesen waren oder Jugendliche ohne ausgeprägte jüdische Identität oder Leute, die Kapital mitbrachten, das für den Aufbau von Eretz Israel notwendig war und von der Mandatsmacht gewünscht wurde – diese Frage hat Thor ihrer Analyse nicht unterzogen.
Viele Juden suchten nach Auswanderungsmöglichkeiten, die vorzugsweise nach Palästina führen sollten, aber in einer Zeit mit niedrigen Einwanderungsquoten dorthin und eines kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhängten generellen Einwanderungsstopps konnte auch Schweden ein alternativer Zufluchtsort sein. Es waren junge Transmigranten, die nach achtzehnmonatigem Aufenthalt in Schweden und einem Alija-Zertifikat, das von der Jewish Agency for Palestine in Haifa ausgestellt wurde, ins britische Mandatsgebiet Palästina weiterfahren sollten. Die Mitglieder selbst verstanden dagegen die Bewegung als eine organisatorische und administrative Einheit, der eine unterstützende Funktion zugeschrieben wurde. Ihren Aufenthalt im Ausland und ihren Lebensunterhalt mussten sie mit eigener Arbeit finanzieren.
Innerhalb der chaluz-Quoten konnte für jedes Hechaluz-Mitglied, das Schweden verlassen hat, ein neues in das Ausbildungsprogramm aus Deutschland aufgenommen werden. Nach dem Kriegsausbruch 1939 wurde die Ausreise für die Transmigranten aus Schweden zunehmend schwierig, bis 1942 das Verlassen des Landes aufgrund der politischen Situation endgültig unmöglich wurde. Gleichzeitig ging man in Schweden, obwohl es freie Plätze gab, gegen die Einreise der Neuankommenden restriktiv vor. Im Oktober 1941 wurde die Emigration von Juden aus Deutschland verboten, was zur Konsequenz hatte, dass keine neuen chaluzim aus Deutschland nach Schweden kommen konnten. Zwischen 1933 und 1941 betrug die Anzahl der Eingereisten Personen 490, während bis zu diesem Zeitpunkt 252 weiter ausgewandert waren.
Den Zeitpunkt des Beginns einer Alija bestimmte die Organisation und die Hechaluz-Mitglieder waren verpflichtet sie entsprechend vorzunehmen. Die Kriterien der Auswahl für eine Alija waren international festgelegt und umfassten eine Prüfung im Verrichten körperlicher Arbeit, Erlernen und Übergang zur hebräischen Sprache, Kenntnisse jüdischer Geschichte und zionistischer Ideologie sowie in der Geografie Palästinas.
Die Weitläufigkeit der Darstellung wird für deutsche Leser ungewohnt sein, lässt sich aber mit der Unterschiedlichkeit des schwedischen und deutschen Dissertationsverfahrens erklären. Thors Dissertation ist die erste umfassende Studie, die sowohl die Etablierung von Hechaluz in Schweden als auch deren Entwicklung in Deutschland eingehend analysiert sowie auch die Relation zwischen der Arbeit der Organisation und dem Gedanken, jüdische Jugendliche aus dem Machtbereich Hitlers zu retten, breit problematisiert. Thors Studie erweitert das Wissen über Hachschara wesentlich.
Eine weitere Empfehlung, die einen Einblick in die Thematik der zionistischen Organisation Hachschara verleiht ist eine Herausgabe von Karin Weiss und Andreas Paetz, die unter dem Titel „Hachschara“. Die Vorbereitung junger Juden auf die Auswanderung nach Palästina 1999 erschien.