NORDEUROPAforum
Zeitschrift für Politik,
Wirtschaft und Kultur
ISSN 1863639X
2/2005
15. Jahrgang (8. der N.F.)
Seiten 130-132

Jan Hecker-Stampehl, Aino Bannwart, Dörte Brekenfeld, Ulrike Plath (Hgg.): Perceptions of Loss, Decline and Doom in the Baltic Sea Region. Untergangsvorstellungen im Ostseeraum. Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag, 2004 (= The Baltic Sea Region: Northern Dimensions – European Perspectives, 1), 401 S.

Catherine-F. Gicquel, Victor Makarov, Magdalena Zolkos (eds.): The Challenge of Mobility in the Baltic Sea Region. Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag, 2005 (= The Baltic Sea Region: Northern Dimensions – European Perspectives, 2), 207 S.

Bernd Henningsen (Hg.): Changes, Challenges and Chances. Conclusions and Perspectives of Baltic Sea Area Studies. Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag, 2005 (= The Baltic Sea Region: Northern Dimensions – European Perspectives, 3), 253 S.

Marko Lehti (ed.): The Baltic as a Multicultural World: Sea, Region and Peoples. Berlin: Berliner Wissenschaftsverlag, 2005 (= The Baltic Sea Region: Northern Dimensions – European Perspectives, 4), 218 S.

Die kognitive Landkarte Nordeuropas hat sich seit dem Fall des Eisernen Vorhangs nachhaltig gewandelt. „Norden“ wird nicht länger allein mit den fünf nordischen Ländern Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Island identifiziert, sondern zunehmend im Sinne eines „weiten Nordens“, der darüber hinaus den gesamten Ostseeraum umschließt, also auch die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sowie Teile Russlands (St. Petersburg und Kaliningrad), Polens (Westpommern, Pommern, Ermland-Masuren) und Deutschlands (Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg). Inzwischen ist der Ostseeraum mithin zum Bezugsrahmen einer neuen Regionalwissenschaft geworden, die an immer mehr Hochschulen rund um die Ostsee gelehrt und gelernt wird.

An der Profilierung des um die Ostsee erweiterten Nordenbegriffs hat sich das Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin seit Mitte der neunziger Jahre aktiv beteiligt: zum einen durch das fünfjährige Forschungsprojekt The Baltic Sea Area Studies: Northern Dimensions of Europe (BaltSeaNet) und zum anderen durch das Ostsee-Kolleg (Baltic Sea School), das 2001 als Projekt zum Aufbau eines wissenschaftlichen Netzwerkes etabliert wurde und mittlerweile als institutionelles Forum für alle Forschungs- und Lehraktivitäten mit Bezug zur Ostseeregion dient. Die ersten vier Bände der seit 2004 von Bernd Henningsen herausgegebenen Reihe The Baltic Sea Region: Northern Dimensions – European Perspectives fassen wesentliche Ergebnisse beider Programme zusammen.

Der erste Band Perceptions of Loss, Decline and Doom in the Baltic Sea Region ist mit 24 Beiträgen auf rund 400 Seiten der bislang umfangreichste. Er ist zugleich der einzige, der nicht ausschließlich in englischer Sprache erschienen ist, sondern auch deutschsprachige Aufsätze enthält. Das Leitmotiv der Anthologie – Untergangsvorstellungen im Ostseeraum – wird als eigenständige Analysekategorie konzeptualisiert und im Hinblick auf philosophische und methodologische Dimensionen, historiografische Interpretationen, politische und wirtschaftliche Transformationen sowie Identitätskonstruktionen erprobt. Dabei geht es den Autoren weder um Schiffsuntergänge noch um archäologische Spurensuche, wie etwa nach der sagenhaften Stadt Vineta. Im Mittelpunkt des Interesses stehen vielmehr die gleichsam „vielen Untergänge Vinetas“, das heißt die jedem Untergang zugrunde liegenden Wahrnehmungsmuster von Verlust, Verfall und Ende, die dadurch hervorgerufenen Ängste und Traumata, aber auch das kreative Potential, das jedem Bruch historischer Entwicklungslinien innewohnt, zumal auch die „Wiederauferstehung“ der Ostseeregion nach 1991 das Resultat eines Untergangs, nämlich dem der Sowjetunion, gewesen ist.

Im zweiten Band The Challenge of Mobility in the Baltic Sea Region werden in elf Beiträgen die Chancen und Risiken transnationaler Mobilität analysiert. Die Ostseeregion bietet sich diesbezüglich als Studienobjekt besonders an. Hier grenzt die Europäische Union an ihren großen Nachbarn Russland, hier treffen postmoderne Wohlfahrtsstaaten auf post-sozialistische Volkswirtschaften, und hier begegnen sich einige der ältesten und einige der jüngsten Demokratien Europas. Mobilität wird demgemäß in einem weiten Sinne verstanden und untersucht: historisch, politisch, soziokulturell und ökonomisch. In den Schlussfolgerungen zeigen die Herausgeber weiteren Forschungsbedarf zur „Mobilitätsagenda“ auf. Sie schlagen die Systematisierung interdisziplinärer Mobilitätsforschung vor, die Entwicklung einer Soziologie der Mobilität sowie die verstärkte Analyse mobilitätsbedingter Herausforderungen mit Blick auf region-building, Demokratie, Regionalgeschichte, Nationalstaat und Staatsbürgerschaft.

The Baltic as a Multicultural World: Sea, Region and Peoples, der vierte Band, umfasst zehn Aufsätze, in denen die Autoren nach der Einheit in der Vielfalt der Ostseeregion suchen. Während einige Beiträge die Region als Ganzes in den Blick nehmen, konzentrieren sich andere auf individuelle Länder oder einzelne Landschaften, wobei der geografische Schwerpunkt der Analysen auf den drei baltischen Staaten und Finnland liegt. Allen Beiträgen liegt die Prämisse zugrunde, dass die Ostseeregion ein zwar multi-ethnischer, multi-lingualer und multi-kultureller Raum ist, aber gleichwohl Möglichkeiten eröffnet, neue gemeinsame Narrative jenseits der noch immer vorherrschenden Fixierung auf die jeweils eigene Nation zu entwickeln.

Der dritte Band Changes, Challenges and Chances. Conclusions and Perspectives of Baltic Sea Area Studies sei zuletzt genannt, weil es sich um den eigentlichen Abschlussband des BaltSeaNet-Projektes handelt. Das Buch ist in drei Teile gegliedert, die zugleich die Forschungsschwerpunkte von BaltSeaNet repräsentieren und mit den Stichworten „Identität“, „Institutionen“ und „Ökonomie“ bezeichnet werden können. Die sieben Beiträge des ersten Teils beschäftigen sich mit den soziokulturellen Grundlagen regionaler Identität im Ostseeraum. Im zweiten Teil wird in vier Aufsätzen die Entwicklung der Institutionen nachgezeichnet, in denen sich der Prozess des region-building im Ostseeraum nach 1989 materialisiert hat. Im dritten Teil folgen schließlich vier weitere Beiträge zur wirtschaftlichen Transformation, wobei der Fokus in diesem Fall nicht auf die jungen Marktwirtschaften der östlichen Anrainerstaaten gerichtet ist, sondern zum einen auf die Öresund-Region zwischen Dänemark und Schweden in der westlichen Ostsee und zum anderen auf die Gender-Problematik.

Carsten Schymik (Berlin)