Ola Mestad (red.): Anton Martin Schweigaard: Professorpolitikeren. Oslo: Akademisk Publisering 2009, 386 S.
Anton Martin Schweigaard war der mächtigste norwegische Politiker im 19. Jahrhundert. Er war Norwegens großer Professorpolitiker: Neben seiner Lehrtätigkeit (seit 1840) an der Universität Oslo als Professor der Rechtswissenschaft, Staatsökonomie und Statistik, war er ab 1842 bis zu seinem Tod 1870 Norwegens führender Parlamentarier. Er war ein „Totalpolitiker“ (Mestad), der entscheidend dazu beitrug, Norwegens Wirtschaft zu liberalisieren und moderne Infrastruktur durch staatliche Investitionen aufzubauen.
Die vorliegende Anthologie besteht aus 12 Kapiteln und einer Rede. Sie umfasst die überarbeiteten Vorträge eines Seminars vom 11. April 2008, das anlässlich von Schweigaards 200. Geburtstag gehalten wurde. Das Buch ist illustriert, hat ein Personenregister und Autorenverzeichnis sowie eine von Ola Mestad geschriebene Zusammenfassung der fachübergreifenden Beiträge. Sechs von ihnen wurden von Wissenschaftlern der Juristischen Fakultät der Universität Oslo geschrieben.
Der Ideenhistoriker Thor Inge Rørvik hat mit „Schweigaard og filosofien“ (Schweigaard und die Philosophie) einen weittragenden und anregenden Beitrag geschrieben, der vor allem Schweigaards Ansichten zum deutschen Idealismus kontextualisiert und kritisiert. Neben dem Kern des Deutschen Idealismus, ausgehend von Immanuel Kant, der kurz dargestellt wird, enthält der Artikel auch einen informativen siebenseitigen Abschnitt über Schweigaards Kritik der klassischen Bildung (insbesondere des Lateinunterrichts) in der norwegischen Schule.
Das Hauptthema des Beitrags ist Schweigaards berühmt-berüchtigter Angriff auf den Deutschen Idealismus: der Aufsatz „Om den tyske filosofi“ (Über die deutsche Philosophie) (in: Ungdomsarbeider, Kristiania 1904), ursprünglich veröffentlicht auf Französisch unter dem Titel „De la philosophie alemande“ in der Zeitschrift La France Littéraire (1835). Schweigaard schrieb den Aufsatz auf Anregung von Heinrich Heine, der selbst ein äußerst scharfer Kritiker des Deutschen Idealismus war.
Rørviks Beurteilung von Schweigaards Leistung als Philosoph in diesem Aufsatz fällt negativ aus: Schweigaard schreibt über Philosophie, aber die Lektüre selbst ist nicht philosophisch. Angeblich deshalb, weil Schweigaard keine eigene kohärente alternative philosophische Position formuliert (S. 62). Rørvik (S. 78) zitiert jedoch selbst folgende Behauptung Schweigaards im genannten Aufsatz: „[D]ie Grundlage für die Sicherheit der objektiven Wissenschaft [ist] das gewöhnlichste Ergebnis der gewöhnlichsten Induktion“ (la base de la certitude du savoir objectif, c’est le résultat le plus général de l’induction la plus génerale) und „dass die Natur konstant ist, [….] dass man [die Natur] nicht beherrschen kann ohne ihr zu gehorchen“ (que la nature est constante […] que nous ne la gouvernons qu’en lui obéissant) („De la philosophie alemande“, S. 60) – Aussagen, die Schweigaard recht deutlich als Anhänger des Britischen Empirismus in der Tradition von Francis Bacon ausweisen. Rørviks Behauptung, Schweigaard ersetze Philosophie durch „Statistik und Staatsökonomie“ (S. 83) überzeugt nicht. Schweigaards philosophische Ideen können rekonstruiert werden, und selbst anti-philosophische (hier: anti-idealistische) Erörterungen drücken durchaus eine Philosophie aus.
Für eine positive Analyse von Schweigaards Philosophie bleiben sowohl Øystein Sørensens Erörterungen in der großen Monographie Anton Martin Schweigaards politiske tenkning (Anton Martin Schweigaards politisches Denken) (Oslo 1988) als auch Sverre Blandhols Analyse in Nordisk rettspragmatisme – Savigny, Ørsted og Schweigaard om vitenskap og metode (Nordischer Rechtspragmatismus – Savigny, Ørsted und Schweigaard über Wissenschaft und Methode) (Kopenhagen 2005) unverzichtbar.
In einem sehr lesenswerten Beitrag über die Entwicklung der Ansichten Schweigaards zur Frage der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau zeigt die Historikerin Hilde Sandvik, dass Schweigaard teils modernere, teils aber auch im Vergleich zur heute gewöhnlichen Gesinnung konservative Ansichten vertrat.
Auf der einen Seite besitzen Frauen Kräfte, die es zu befreien und zur Entfaltung zu bringen gilt, andererseits war Schweigaard gegen eine juristische Gleichberechtigung für verheiratete Frauen. Sandvik stellt dar, wie Schweigaards Frauenbild sich über die Jahre veränderte. Dieser Wandel war von seiner Freundschaft mit Camilla Collett (der Schwester Henrik Wergelands) beeinflusst (S. 288). Collett gab 1854 den ersten norwegischen Roman Die Töchter des Amtmanns heraus (ins Deutsche übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Berit Klein, Siegen 2000), wodurch sie einen großen Einfluss auf die allmählich entstehende Frauenbewegung Norwegens ausübte.
Im zwölften und letzten Kapitel analysiert der Jurist Dag Michalsen – der sich, wie auch zwei andere Autoren der Anthologie, Ola Mestad und Sverre Blandhol, – schon früher in größeren Studien mit Schweigaard auseinandergesetzt hat (siehe z.B. Michalsens Romerrettsideologi [Ideologie vom Römischen Recht], Oslo 2008) – scharfsinnig unter anderem die Entwicklung der rechtsmethodologischen Ansichten Schweigaards, ausgehend von seiner grundlegenden Studie „Betragtninger over Retsvidenskabens nærværende tilstand i Tyskland“ (Betrachtungen über den gegenwärtigen Zustand der Rechtswissenschaft in Deutschland), 1834 in Juridisk Tidsskrift veröffentlicht.
Dieser Aufsatz war, Michalsen zufolge, der erste große Methodenartikel in der norwegischen Rechtswissenschaft. Darin kritisierte Schweigaard Carl Friedrich von Savignys Programm der „normativen Zeitlosigkeit des römischen Rechts“ (S. 344). Für Schweigaard war das römische Recht und Denken kein Vorbild für die Moderne: es war „etwas historisch Abgeschlossenes“ (S. 349).
Es ist in diesem Zusammenhang interessant, für viele paradox, dass Schweigaard, der die Bedeutung des römischen Rechts derartig herunterspielte und äußerst kritisch gegenüber modernen Anwendungen dieses Rechts war, trotzdem an der Universität Oslo fast 35 Jahre lang römisches Recht lehrte (die Vorlesungen beruhten ausdrücklich auf Ferdinand Mackeldeys (1784–1834) Lehrbuch des Römischen Rechts).
Eine Erklärung ist, dass Schweigaard die Vorlesungen für rechtsvergleichende Zwecke nutzte, und dass sie für ihn in gewisser Hinsicht rechtspolitischen Zwecken dienten (S. 356).
Michalsen hebt hervor, dass die frühere Forschung sich zwar mit Schweigaards Kritik der deutschen Rechtswissenschaft beschäftigt, gleichzeitig jedoch nicht hinreichend unterstrichen hat, dass er kein Gegner der deutschen Rechtswissenschaft als solcher war. Beispielsweise gründete seine Kritik des römischen Rechts zum großen Teil auf Arbeiten des deutschen Rechtswissenschaftlers Anton Friedrich Justus Thibaut (S. 345). Wie Schweigaard kritisierte auch Thibaut die „Nachahmungshaltung der modernen Altertumsideologie“, und stellte die Bedeutung des römischen Rechts für die damalige Zeit in Frage (S. 339).
Die in dieser Anthologie enthaltenen Beiträge bauen auf den schon vorhandenen Forschungen zu Schweigaards Person, Wirken und Denken auf, vor allem auf den Arbeiten von Øystein Sørensen, Jens Arup Seip, Rune Slagstad, Sverre Blandhol und Dag Michalsen.
Sie leisten insgesamt tiefgehende Studien zu Einzelaspekten von Schweigaards Wirken und Denken, die bisher zum Teil wenig berührt worden sind. Gleichzeitig fassen einzelne Aufsätze wichtige Ergebnisse zusammen, z.B. Nils Rune Langelands „‘Sagens natur‘ – Schweigaards autoritære Liberalisme“ (‚Die Natur der Sache’ – Schweigaards autoritärer Liberalismus). Durch das einleitende biographische Kapitel von Herausgeber Ola Mestad dient das Buch auch als Einführung in das Leben und Wirken Schweigaards. Eine Stärke der Anthologie liegt darin, dass Schweigaard hier vor allem von Rechtshistorikern analysiert worden ist.
Diese Sammlung gelehrter und fachübergreifender Beiträge dürfte von großem Nutzen sein für alle, die sich mit der norwegischen Gesellschaft, Recht und Politik im 19. Jahrhundert beschäftigen.