Corinne Susanek: Neue Heimat Schweden. Cordelia Edvardsons und Ebba Sörboms Autobiografik zur Shoah. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2008 (= Jüdische Moderne; 5), 285 S.
Corinne Susanek analysiert in ihrer Dissertation, die als fünfter Band in der von Alfred Bodenheimer, Jacques Picard, Monica Rüthers und Daniel Wildmann herausgegebenen Reihe Jüdische Moderne im Böhlau Verlag erschienen ist, autobiografische Texte zur Shoah zweier Überlebenden-Schriftstellerinnen: Cordelia Edvardson und Ebba Sörbom. Von den zwölf in dieser Reihe bisher erschienenen Bänden ist Neue Heimat Schweden der einzige, der Skandinavien beziehungsweise Schweden betrifft.
Das Buch besteht aus sieben Kapiteln, von denen die Kapitel zwei bis sechs zusätzlich in zwei Teile gefasst wurden. Nach der Einleitung folgen somit Teil A “Theoretische Voraussetzungen” und Teil B “Textanalysen”. Diesen Hauptteilen, von denen Teil A drei und Teil B zwei Kapitel umfasst, folgen als siebtes Kapitel “Schlussbetrachtungen”.
Die zwei Schriftstellerinnen, deren Texte im Mittelpunkt von Susaneks Studie stehen, wurden mit der Aktion “Weiße Busse” gerettet. Laut des im Januar 2000 veröffentlichten Berichts des Schwedischen Roten Kreuzes wurden im Zuge der Aktion insgesamt 15 345 Häftlinge aus deutschen Lagern befreit, davon waren 7795 Skandinavier. Die nach Schweden gebrachten Überlebenden sollten sich dort so lange aufhalten, bis sie ihre physischen und psychischen Kräfte wiedererlangten und in ihre Heimatländer zurückkehren konnten.
Die Annahme, dass alle Geretteten Heimatländer hatten, zu denen es eine Rückkehr gab, führte dazu, dass sie von den staatlichen schwedischen Institutionen, nichtstaatlichen Hilfsorganisationen sowie der schwedischen Öffentlichkeit als Gäste und als zu Repatriierende wahrgenommen wurden. Einige von ihnen, wie Sörbom und Edvardson, haben sich aus verschiedenen Gründen entschieden, in Schweden zu bleiben und sich dort ein Leben aufzubauen.
Zu diesem Neuanfang gehörte die literarische Umsetzung der Shoah-Erfahrungen, die auf Schwedisch verfasst und veröffentlicht wurden. Die in einer Drittsprache festgehaltene Autobiografik der Schriftstellerinnen stand im Zentrum von Susaneks Forschungsinteresse. Sie begleitet die Überlebenden bei ihrer Suche nach Ausdrucksformen, um das Unmögliche und das als neu und fremd empfundene Vorgefundene in Worte zu fassen. Sie versucht, die gesellschaftliche Bedeutung der Werke herauszuarbeiten, die als lebendiges historisches Gedächtnis die Weitergabe der Erinnerung der Schriftstellerinnen ermöglichen, um das autobiografische Schreiben als eine Form des gesellschaftlichen Appells zu verankern.
Im Hinblick auf das Genre schreibt Corinne Susanek die untersuchten Werke der Shoah-Autobiografik zu. Sie sind durch den Aspekt des zeitlichen und räumlichen Pendelns gekennzeichnet, der charakteristisch für die Migriertenliteratur, die Traumanarrative und die Überlebendenliteratur sei. Susanek sieht die Texte als eine Herausforderung für die traditionelle, formalistische Autobiografie-Definition, auch wenn sie sich unter diese Kategorie subsumieren lassen. „Die Texte sprengen mit unkonventionellen stilistischen Verfahrensweisen, die den Strukturen und Merkmalen der Traumanarrative entsprechen, sowie mit einem Pendeln zwischen Lyrik und Prosa den Gattungsbegriff der Autobiografie“. (S. 257)
Den Fokus der Textanalyse richtet die Autorin auf „die Beschreibung der Erfahrungswirklichkeit kultureller Isolation und Zugehörigkeit zu einer Minorität in Schweden“. (S. 4) Damit dient die Migrationssituation der Schriftstellerinnen als Grundlage für Susaneks tiefergehende Ebene der Textanalysen, die sich dem Aspekt des literarischen Schaffens in einer Zweitsprache zu nähern versuchen.
Susanek diskutiert dabei zwei Schwerpunkte: den Sprachentausch und dessen Konsequenzen für das Ausdrucksvermögen der Autorinnen. Sie unterstreicht, dass es sich hier um einen Schlüsselaspekt nicht nur im Hinblick auf die Formen narrativer Darstellungen handelt, sondern auch im Hinblick auf die Evokation der Problematik von schuldiger und unschuldiger Sprache. Dabei soll in den literarischen Texten die Drittsprache als ein Zeichen der Dialogbereitschaft mit dem Zielland dienen.
Susanek verbindet in ihren Analysen die Fragen nach literarischer Gestaltung in einer sekundären Sprache mit Fragen, die das Identitätsempfinden im neuen sozialen und kulturellen Kontext betreffen. Somit eröffnet sich in den Texten ein interessantes Spannungsfeld zwischen den Erinnerungen an die Shoah und dem Weiterleben in einer vom Krieg weitgehend unberührten Gesellschaft.
Das, was Susanek „Sprachentausch“ nennt, also die Anwendung der schwedischen Sprache zum literarischen Schaffen, sieht sie als einen Kontinuitätsfaktor, um dem drohenden Verlust des Erfahrungsgedächtnisses vorzubeugen. Die Migration der Überlebenden nach Schweden und der Generationenwechsel in der Nachkriegszeit tragen zum Prozess des Vergessens bei. Die Werke bekommen somit eine relevante gesellschaftliche Funktion der Bewahrung der Erfahrungserinnerung. Eine andere Funktion des literarischen Schaffens spielt sich auf der individuellen Ebene ab, nämlich als eine Form der Befreiung von Traumata durch die Narrativierung, die die Autorinnen selbst hervorheben.
Susanek analysiert die Werke beider Schriftstellerinnen im Sinne eines literarischen Ausdrucks einer Minorität, die an das gesellschaftliche und individuelle Gewissen der Majoritätsbevölkerung appelliert, und diskutiert sie im Hinblick auf in den Texten enthaltenen migrierten-literarische Aussagen und ihre Stellung im schwedischen Integrationsdiskurs. Sie unterstreicht dabei, dass es in den Werken nicht um eine Vermittlung von historischen Fakten geht, sondern vielmehr darum, durch narrative Kompetenz und Benennung von konkreten Beispielen den Lesenden Erkenntnisse zu vermitteln: über die Shoah und über das Leben als Flüchtling und Immigrant in Schweden.
Die Autobiografik zur Shoah richtet sich auch auf die Migrationsproblematik und die Schwierigkeiten für die Überlebenden in Schweden im Integrationsprozess. Die Folge der neuen Konventionen und Werte, mit denen die Überlebenden in Schweden konfrontiert wurden, ist das literarisch zum Ausdruck gebrachte, erlebte Displacement: Einsamkeit, das erlebte Außenseiterdasein und der Lernprozess des unabänderlichen Fortwirkens der erfahrenen Traumata.
Eine wichtige Determinante der empfundenen Identität der Schriftstellerinnen stellt die Verlusterfahrung dar: der persönliche Verlust von Angehörigen, der materielle und intellektuelle Verlust der Heimat beziehungsweise der Sprache oder der mit der Entindividualisierung einhergehende Verlust der persönlichen Würde als Konzentrationslagererfahrung. Susanek spricht von Identitätsverlust in den Konzentrationslagern, der für die Überlebenden auch nach der Shoah zentral für die persönliche Wahrnehmung ist. Sie suchen nach der Vorkriegsidentität, die ihnen, so Susanek, die verlorene Identität zu rekonstruieren hilft, was aber im Gesamtprozess der Identitätsformation als lebensgeschichtlicher Chronologie auf eine Lücke der Pubertät hinausläuft. Dies führt zur zentralen Schwierigkeit der Autobiografik zur Schoah, die Susanek in der Vermittlung dessen sieht, was aufgrund des Erfahrungshorizonts nicht besetzbare Leerstellen hinterlässt. In den Texten von Cordelia Edvardson und Ebba Sörbom findet Susanek Strategien, mit denen die Schriftstellerinnen ihre Text-inhalte und -intentionen den Leserinnen und Lesern nachvollziehbar zu machen versuchten. Zu diesen Strategien gehört die Appellation eines deutlich markierten und intendierten Lesers, bei Ebba Sörbom den schwedischen Leser, der zugleich natürlich ein Vertreter der schwedischen Gesellschaft ist. Eine andere Strategie ist die Thematisierung von persönlichen und aktuellen Gegebenheiten, die den Rezipierenden Identifikationsmöglichkeiten bieten, wie beispielsweise Schilderungen des Kindheitsalltags, um den Lesern nachvollziehbare Kindheitserfahrungen zu vermitteln. Eine dritte Strategie, die Susanek herausarbeitet, ist die Erweiterung des Themenspektrums um politisch-aktuelle Fragen, beispielsweise die Zukunft des deutsch-jüdischen Dialogs oder des israelisch-palästinensischen Konflikts.
Durch Susaneks Analysen wird die Lösung der Frage nach der neuen Heimat in literarischen Entwürfen, die mit den Identitäts(re)konstruktionen der Überlebenden einhergehen, ablesbar. Während die Distanzierung zur alten Heimat in den Werken beider Schriftstellerinnen zu beobachten ist, werden die Nachkriegsentwürfe verschieden realisiert. Ebba Sörbom findet, trotz aller an dem neuen Land eingebrachten Kritik, in Schweden, das für sie zu einem topografischen und identitären Bezugspunkt wurde, ihre neue Heimat. Für Cordelia Edvardson eröffnet sich eine Perspektive erst in Israel, in dem sie durch die kollektiv geteilte Erinnerung das Gefühl der Zugehörigkeit und damit eines gemeinsamen Lebensraums erfährt.
Susaneks Dissertation gibt einen guten Einblick in die auf Schwedisch verfasste Autobiografik und das Engagement der Überlebenden im Dialog mit der Gesellschaft des Aufnahmelandes sowie in den politisch-gesellschaftlichen Integrationsdiskurs. Mit der erstmaligen Präsentation des Gesamtwerkes zweier Autorinnen für ein deutschsprachiges Publikum schließt Susanek verdienstvoll eine wichtige Forschungslücke und diskutiert die Shoah Autobiografik als “engagierte“ Migrationsliteratur.