NORDEUROPAforum
Zeitschrift für Politik,
Wirtschaft und Kultur
ISSN 1863639X
2/2011
21. Jahrgang (14. der N.F.)
Seiten 107-110

Norbert Götz, Heidi Haggrén (eds.): Regional Cooperation and International Organizations. The Nordic Model in transnational alignment. London, New York: Routledge 2009 (= Routledge Advances in International Relations and Global Politics; 70), 320 S.

Historische Studien zur nordischen Zusammenarbeit haben sich meist mit den Institutionen bzw. Organisationen der Zusammenarbeit, insbesondere dem Nordischen Rat und dem Nordischen Ministerrat, beschäftigt oder aber sie konzentrierten sich auf die gescheiterten Versuche zu umfassenderer institutionalisierter Zusammenarbeit im Bereich der sogenannten high politics. Kaum Beachtung fanden jedoch die weitgehende Verflechtung der Gesellschaften durch transnationale Kontakte bis weit hinein in die Zivilgesellschaft sowie die Zusammenarbeit der nordischen Länder innerhalb umfassender internationaler Organisationen, obwohl beide Felder schon seit langem als wichtige Bereiche nordischer Zusammenarbeit galten. Ein Grund für diese Vernachlässigung liegt sicher in den Schwierigkeiten, diese Phänomene mit wissenschaftlichen Mitteln zu erfassen. Diese Formen der Zusammenarbeit sind in besonders hohem Grad vom informellen Charakter sowohl der Kontakte als auch der Verfahren gekennzeichnet, so dass eines der Probleme in der Beschaffung einer ausreichenden Datengrundlage besteht.

In diese Forschungslücke stoßen Norbert Götz und Heidi Haggrén mit einem Sammelband, der die Beiträge einer Konferenz des Forschungsnetzwerks „The History of Nordic Cooperation: Proclamations, Programs and Practices“ am Centre for Nordic Studies an der Universität Helsinki zusammenfasst. Vierzehn Autoren – Historiker, Politikwissenschaftler und ein Beamter des Europarates – äußern sich in zwölf Beiträgen zur Entwicklung nordischer Zusammenarbeit in der Weltpolitik, in ausgewählten Politikfeldern und im europäischen Kontext sowie zu „privater“ nordischer Zusammenarbeit in europäischem und globalem Rahmen.

Norbert Götz untersucht die „Genfer Konstruktion des Nordens“ im Rahmen der sich während der Zwischenkriegszeit stetig entwickelnden Zusammenarbeit im Völkerbund. Während er einerseits im konkreten Fall die Bedeutung äußerer Faktoren für das Zustandekommen von Kooperation unter den nordischen Staaten betont, unterstreicht er andererseits grundsätzlich die Bedeutung des internationalen Kontextes für die Identitätsbildung, die sich letztlich auch auf die Definition (oder: Konstruktion) von Interessen erstrecke. Neben kultureller und geografischer Nähe spielt demnach historische Kontingenz ebenso eine wichtige Rolle.

Kristine Midtgaard behandelt nordische Zusammenarbeit in den Vereinten Nationen während des (ersten) Kalten Krieges zwischen 1949 und 1965. Trotz ähnlicher Visionen, regelmäßigen Kontakten und Konsultationen sowie koordiniertem Abstimmungsverhalten in der Generalversammlung gab es jedoch wenig tatsächliche Zusammenarbeit, Initiativen wurden nur national ergriffen. Der Hinweis auf die Existenz einer nordischen Gruppierung diente vor allem zur Begründung einer von den Bündnispartnern abweichenden Politik. Midtgaards Benennung als „a certain Nordic model or rather way of cooperation (S. 63) lässt bereits erste Zweifel am Modellcharakter aufkommen.

Gemildert wird dieser Eindruck ein wenig, wenn Mitherausgeberin Heidi Haggrén die Zusammenarbeit der „nordischen Gruppe“ innerhalb der UNESCO charakterisiert. Institutionalisierte Kontakte und Verfahren spiegeln ihr zufolge die verbreitete Praxis informeller Kontakte zwischen den Administrationen der nordischen Länder wider. Zusammenarbeit findet sowohl auf der Grundlage kultureller Gemeinschaft als auch zu instrumentellem Nutzen in Form von Arbeitsteilung und Einflussmaximierung statt. Auch Pauli Kettunens Darstellung nordischer Zusammenarbeit innerhalb der International Labour Organization unterstreicht die Funktion von Zusammenarbeit bei der Identitätsbildung: Dass diese internationale Organisation mit ihrer Repräsentation von Gewerkschaften, Unternehmerverbänden und Regierungen in institutioneller Hinsicht das nordische Modell der Arbeitsbeziehungen verkörpert, machte sie zur idealen Bühne einer nordischen Identität – zumindest bis eben jenes Modell national gestalteter Wohlfahrtspolitik im Zeichen der Globalisierung seit den achtziger Jahren zunehmend marginalisiert wurde. Wie Carsten Schymik zeigt, unterstützt die Kooperation der Anti-EU-Bewegungen in den nordischen Ländern die Propagierung nordischer wohlfahrtstaatlicher und demokratischer Werte gegen das EU-Modell supranationaler Institutionen.

Eine Ausweitung des regionalen Kooperationsrahmens stellen Kerstin Rydbeck und Kjell M. Torbiörn in ihren Beiträgen zur Kooperation von Frauenorganisationen bzw. zu nordischer und nordisch-baltischer Zusammenarbeit im Europarat fest: Die bestehende nordische Gruppierung hat sich teilweise um die baltischen Staaten sowie teils auch russische Akteure erweitert.

Die übrigen Beiträge zeigen deutlich die Grenzen auf, denen nordische Kooperation in verschiedenen Feldern unterliegt. Sunniva Engh und Helge Pharo betonen die nationale Bedeutung der Entwicklungshilfe, die nach anfänglichem Zögern in den sechziger Jahren im Rahmen eines gemeinschaftlichen Projektes in Tansania begonnen wurde. Längerfristig jedoch bevorzugten die Staaten nicht zuletzt vor dem Hintergrund zunehmender Bürokratisierung sowohl der nationalen als auch umso mehr der gemeinsamen nordischen Entwicklungshilfe einen bilateralen Rahmen der Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern. Thorsten B. Olesen trägt mit der Erkenntnis bei, dass bei allem wirtschaftlichen Erfolg, den die EFTA durch die Zunahme des innernordischen Handels unter Beweis stellen konnte, die grundlegenden politischen Konflikte letztlich die anzutreffende praktische Kooperation zwischen den nordischen Ländern bei weitem überwogen. Clive Archer hält es für derzeit nicht entscheidbar, ob im Rahmen der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik eine neue Ära nordischer Zusammenarbeit anbricht oder Globalisierung und Europäisierung ihr weiter den Boden entziehen: Auch nach dem Ende des Ost-West-Konflikts ist die sicherheitspolitische Einbindung unterschiedlich, der Nordic Battlegroup gehört neben Finnland, Schweden und Nicht-EU-Mitglied Norwegen mit Estland ein baltisches [Anm. des Rez.: sowie mit Irland ein westeuropäisches] Land an, nicht jedoch das traditionell nordisch orientierte Dänemark. Tauno Saarela schließlich nennt die Zusammenarbeit der nordischen Kommunisten in der Kommunistischen Internationale unbedeutend, hier war mithin keine Fortsetzung der traditionellen Zusammenarbeit zwischen den Arbeiterbewegungen zu beobachten.

Ärgerlich ist der Beitrag von Lars Magnusson und Sofia Murhem über „European Integration and Nordic trade unions“. Nicht nur widmen die Verfasser fast die Hälfte ihres Textes den allgemeinen Herausforderungen der Gewerkschaften durch Globalisierung und Europäisierung seit den neunziger Jahren; ständige Wiederholungen lassen vermuten, dass hier im Wesentlichen Textbausteine aus anderen Studien kompiliert wurden, die in gewissem Zusammenhang mit der Fragestellung des Bandes stehen. Im Einzelnen schweigen sich Magnusson und Murhem jedoch beharrlich darüber aus, wie denn die Zusammenarbeit im Einzelnen aussieht (und in der Vergangenheit ausgesehen hat), so dass sie zum eigentlichen Themenkomplex des Bandes nur sehr wenig beitragen können.

Großes Lob verdient die durchgehend kritische Perspektive, mit der nordische Zusammenarbeit in diesem Band untersucht wird. Unbeantwortet bleibt jedoch letztlich die Frage, ob es, wie der Titel des Buches nahe legt, ein „Nordisches Modell“ transnationaler Allianzbildung als solches – eine für die nordischen Länder spezifische Praxis der Zusammenarbeit also – tatsächlich gibt. Auch der abschließende Epilog von Mitherausgeber Götz, der dem „Westfälischen System“ souveräner Nationalstaaten ergänzend ein „Alpines System“ globalen Regierens beigesellt – vom Wiener Kongress bis zur internationalen Stadt Genf –, liefert darauf keine Antwort. Inwiefern nordischer Zusammenarbeit im Gesamtzusammenhang trans- und internationaler Zusammenarbeit, als dessen Teil sie im vorliegenden Band analysiert wurde, eine gesonderte Bedeutung zukommt, müssten u.a. vergleichende Forschungen zeigen. Wünschenswert wäre dabei auch, das hier überwiegend auf die Unterscheidung zwischen Idealismus und (zumeist klassischem) Realismus beschränkte theoretische Feld anhand eines differenzierteren Instrumentariums zu erweitern. Diese Anmerkungen ändern jedoch nichts an der Gesamteinschätzung, dass das Buch von Norbert Götz und Heidi Haggrén, indem es die Tür zu einem neuen Forschungsfeld öffnet, Pionierarbeit leistet.

Krister Hanne (Berlin)