Ruth Hemstad: Fra Indian Summer til nordisk vinter. Skandinavisk samarbeid, skandinavisme og unionsoppløsningen. Oslo: Akademisk Publisering 2008, 653 S.
Die norwegische Historikerin Ruth Hemstad hat mit diesem Band eine leicht überarbeitete Version ihrer Dissertation vorgelegt. Durch dieses Werk wird die Forschung auf einer ganzen Reihe von Feldern mit neuen Erkenntnissen bereichert und eine enorme Lücke in der Forschung über die skandinavischen Einigungspläne geschlossen. Kristian Hvidt hatte noch 1994 auf das Desiderat zum sogenannten „Graswurzelskandinavismus“ hingewiesen („Skandinavismens lange linier. Udsigt over et forsømt forskningsfelt“. In: Nordisk Tidskrift N.S. 70 (1994:4), S. 293–304).
Zwar herrschte im Anschluss an Hvidt inzwischen Konsens in der Forschung, dass man den Skandinavismus mit der dänischen Niederlage 1864 und dem Ausbleiben der schwedischen militärischen Unterstützung allenfalls aus einer politisch und militärisch enggeführten Sichtweise als gescheitert betrachten kann.
Indes hatte sich niemand ernsthaft der Aufgabe angenommen, auf Grundlage intensiven Quellenstudiums diese These mit Belegen zu unterfüttern. Hemstad zeigt nun in überzeugender Weise auf, wie sehr die von ihr akribisch nachgezeichneten Aktivitäten in verschiedenen, teilweise sehr spezialisierten Foren als eigentliche Wegbereiter der späteren nordischen Kooperation aufgefasst werden sollten.
Der Hauptfokus der Arbeit liegt auf den Jahren 1895–1904, die oft auch als Phase des „Neuskandinavismus“ bezeichnet worden ist, als mehrere Jahrzehnte nach dem Trauma von 1864 eine nunmehr wesentlich konkretere, pragmatischere und praxisorientierte skandinavische Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Berufs-ständen aufblühte. Mit einem heute üblichen Begriff ausgedrückt: In dieser Zeit entstanden vielfältige „Netzwerke“.
Hemstad hat eine Untersuchung mit beeindruckender empirischer Fundierung vorgelegt. Sie hat umfangreiches Material in den dänischen, norwegischen und schwedischen Archiven gesammelt und ausgewertet. Zusammen mit der veröffentlichten zeitgenössischen Literatur gesehen, basiert die Arbeit also auf einer breiten Quellengrundlage, die Hemstad zunächst dafür herangezogen hat, um die Vernetzung der skandinavistischen Akteure in ihrem Untersuchungszeitraum zu quantifizieren. Die schiere Menge an einzelnen Versammlungen, die sie im Anhang dokumentiert, kann man schon einmal als ein Ausrufungszeichen werten, mit dem die Studie das überkommene Bild vom 1864 gestorbenen Skandinavismus widerlegt. Die Vielzahl an Milieus und Berufsständen, innerhalb derer sich dieses Wiederaufblühen des Skandinavismus abspielte, ist ebenfalls von Belang. Dies soll jedoch nicht den Eindruck erwecken, als sei hier eine neo-positivistisch arbeitende reine Empirikerin an der Arbeit gewesen. Hemstad verortet sich eingangs im Umfeld der Netzwerkstheorie und legt dar, dass ihre Arbeit auf diskurstheoretischen und begriffshistorischen Konzepten aufbaue.
Diese einleuchtenden Festlegungen hätten allerdings in der Arbeit selbst konkreter zur Anwendung kommen können bzw. die empirischen Befunde klarer an diese Prämissen zurückgebunden werden können. Ein Beispiel: Die begriffshistorische Verortung dient im Wesentlichen einer Diskussion der zu verwendenden Termini, aber eine Analyse der begriffsgeschichtlichen Entwicklung geschieht nur punktuell und ist nicht Hauptgegenstand der Arbeit. Für das, woran Hemstad liegt, wären möglicherweise stärker ideen- und identitätsgeschichtliche Ansätze förderlich gewesen.
Zentral für Hemstads Analyse ist die Aufteilung in kulturellen und politischen Skandinavismus. Diese von der Autorin als quasi lupenrein vorgenommene Unterscheidung mutet problematisch an und entspricht im Grunde nicht heute gängigen Auffassungen, dass auch kulturelle und professionelle Kontakte und Aktivitäten als per se politische Akte zu werten sind. Hemstad unterstreicht zwar – wenn auch nicht couragiert genug –, dass sie keinesfalls von einer Hegemonie des politischen Handelns über die möglicherweise geringer zu schätzenden politischen Ideen ausgeht. Die einmal vorgenommene Abgrenzung zwischen politischem und kulturellem Skandinavismus bleibt aber haften. In gewisser Weise macht die Autorin ihren Gegenstand dadurch ungewollt kleiner und unbedeutender, als er ist.
Unter dem Strich bleibt eine gewisse Diskrepanz zwischen den skrupulös anmutenden theoretisch-methodischen Selbsterkundungen einerseits und der gediegen empirisch daherkommenden Analyse des umfangreichen Quellenmaterials andererseits. Bei der Begriffsklärung hätte Hemstad deutlicher darauf hinweisen sollen, dass “skandinavische Zusammenarbeit” weder generell noch für ihren speziellen Untersuchungszeitraum ein etablierter Analysebegriff ist. Zudem ist anzuzweifeln, ob man den Skandinavismus als politische Ideologie und die skandinavische Zusammenarbeit als praktische Ausformung sauber voneinander trennen kann und sollte. Was Hemstad mit ihrer Studie vornimmt, ist nicht weniger als eine Repositionierung einer Reihe überkommener Wissenssätze über die Geschichte des Skandinavismus und in dessen Nachfolge des Nordismus. Wie weitreichend ihre Forschungsergebnisse sind, scheint die Autorin aufgrund der starken Vertrautheit mit dem Quellenmaterial fast übersehen zu haben: Zumindest wirkt es fast so, als hätte ihr nach der aufwändigen Abarbeitung am empirischen Material etwas die Distanz oder der Atem gefehlt, eine weiterreichende Einordnung vorzunehmen.
Ruth Hemstad hat mit ihrer Doktorarbeit eine umfassende Studie über die Alltagspraktiken des Skandinavismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert vorgelegt. Damit ist endlich der Blick von der hohen politischen Ebene auf die Graswurzelebene verlagert worden. Wer traf sich aus welchen Motiven und wo lauern Kontinuitäten hinter Brüchen, deren einschneidende Wirkung die bisherige Forschung unhinterfragt postuliert hat.
Hemstad zeigt zunächst, dass die grenzüberschreitenden skandinavischen Kontakte und Versammlungen im Trend der Zeit lagen, sie also eine seinerzeit typische Form von zivilgesellschaftlicher Aktivität darstellten. Klar wird darüber hinaus aber auch, wie sehr den Vertretern der verschiedensten Berufszweige und akademischen Disziplinen die interskandinavische Netzwerkbildung und -nutzung in Fleisch und Blut überging, wie sehr der skandinavische Bezugsrahmen eine Selbstverständlichkeit wurde.
Hemstad rückt mit ihrer Studie auch einige gängige Deutungen zurecht, die durch den Nordismus im 20. Jahrhundert etabliert und teilweise von der Forschung übernommen wurden. Sie kann belegen, dass der Skandinavismus mit seinem überwiegend dänisch-norwegisch-schwedischen Bezugsrahmen eine eigene Erfolgsgeschichte vorzuweisen hat. In jenem zweiten Frühling, den der Skandinavismus um die Jahrhundertwende erlebte, wurde eine ganze Reihe von Praktiken und Kontakten etabliert, welche als Grundlage der späteren nordischen Zusammenarbeit gelten müssen. Auch hier hätte man sich von Hemstad allerdings eine couragiertere und weiterreichende Deutung gewünscht. Ohne die Versammlungen der Juristen etwa wäre die in den 1920er Jahren begonnene und nach dem Zweiten Weltkrieg weitergeführte Harmonisierung der Gesetzgebungen in den nordischen Ländern sicherlich nicht oder nicht in diesem Umfang zu verzeichnen gewesen.
Jenes überkommene Bild, dass beispielsweise die nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Norden-Vereine gerne verbreiteten, wonach der Skandinavismus ausschließlich als realitätsferne Schwärmerei zu sehen sei, kann man nach der Lektüre von Hemstads Buch endgültig ad acta legen. Überdies fügt die Studie der Forschung über die Endphase und die Auflösung der norwegisch-schwedischen Union eine skandinavische Facette hinzu, die in bisherigen Darstellungen zu diesem Komplex allenfalls eine marginale Rolle gespielt hat. Dass die skandinavisch orientierten Aktivisten, die Hemstad hier analysiert, auch zur Rettung der Union oder zumindest zu besserem gegenseitigen Verständnis zwischen Schweden und Norwegern beitragen wollten, ist erhellend. Weiterhin wird der herbe Einschnitt, den die Unionsauflösung für den „Neuskandinavismus“ bedeutete, durch Hemstads Schilderungen noch eindrücklicher und klarer herausgestellt. Hier zeigt sich, in wie viele Richtungen die Studie auszustrahlen vermag.
Bei aller geäußerten methodischen Kritik muss man sich vor der Fülle des verarbeiteten Materials und ob der Umsicht und Treffsicherheit in der Deutung verneigen. Die Auswahl des Quellenmaterials ist weitgehend überzeugend und schlüssig. Die Sprache ist klar und verständlich, jedes Kapitel wird dankenswerterweise mit einer Teilzusammenfassung abgeschlossen. Somit lässt sich auch gut gezielt lesen, auch wenn die einzelnen Kapitel nicht als vollkommen unabhängige Texte funktionieren. Der Anhang enthält Verzeichnisse zu den verschiedenen Versammlungen, sortiert nach Berufsständen, nach Jahreszahlen und nach dem Alphabet (letzteres ist somit zugleich ein Sachregister). Hinzu kommt ein Personenregister.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Ruth Hemstad mit ihrer wahrlich gesamtskandinavisch angelegten Studie ein Werk vorgelegt hat, das zu neuen Deutungen führt, die nicht nur den von ihr selbst abgedeckten Untersuchungszeitraum betreffen. Im Lichte von Hemstads Resultaten stellen sich auch die auf 1905/14 folgenden Etappen in der Geschichte der nordischen Zusammenarbeit anders dar. Es ist ein nicht zu unterschätzendes Verdienst, zu Neuinterpretationen so weit über den Rahmen der Studie selbst Anstoß geben zu können.