Sofie Lene Bak: Ikke noget at tale om. Danske jøders krigsoplevelser 1943–1945. Med Efterskrift af Bjarke Følner. København: Dansk Jødisk Museum 2010, 275 S.
Die Rettung der dänischen Juden im Oktober 1943 ist zweifelsohne eines der bekanntesten Kapitel der dänischen Besatzungszeit und einer der herausragenden Bezugspunkte dänischer Erinnerungskultur. Binnen weniger Wochen flohen fast 8.000 jüdische Flüchtlinge über den Sund nach Schweden, ermöglicht durch die entgegenkommende Haltung der schwedischen Regierung und direkt unterstützt von zahlreichen Helfern, die ein hohes, persönliches Risiko auf sich nahmen. Vor diesem Hintergrund erscheint es zunächst verblüffend, wie wenig die Erfahrungen jener, die bei Nacht und Nebel auf schwankenden Fischerbooten in Sicherheit fuhren, in die Literatur zum Oktober `43 eingegangen sind.
Bei näherer Betrachtung erscheint diese Leerstelle jedoch durchaus schlüssig: In dem Maße, in dem die Rettung der dänischen Juden zum zentralen Bezugspunkt dänischer Erinnerungskultur wurde, konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf die Taten der Retter, während die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgungen als passive “Gerettete” mehr oder weniger zu Statisten des Geschehens wurden.
Sofie Lene Bak tritt dieser Lesart entgegen, indem sie den Blick ihrer Untersuchung auf die Erfahrungen der Flüchtenden richtet, auf ihre Anstrengungen zur Vorbereitung einer schnellen Flucht, ihren schwierigen Lebensalltag im Exil und ihre Rückkehr in eine veränderte Heimat. Ihr Buch präsentiert dabei erste Ergebnisse eines jahrelangen Sammlungs- und Dokumentationsprojektes des Dänischen Jüdischen Museums. „Ikke noget at tale om“ richtet sich an ein breites Publikum und zeigt dabei beispielhaft, wie sich gründliche wissenschaftliche Arbeit durchaus auf ansprechende Weise „populär“ vermitteln lässt, ohne dabei in den schnellen Effekt des Anekdotenhaften zu verfallen. Sorgfältig und nüchtern problematisiert sie die zahlreichen Mythen rund um die Ereignisse im Oktober 1943, ohne die dramatischen Erfahrungen oder die individuellen Leistungen der Flüchtlinge und Fluchthelfer in Abrede zu stellen.
Auch wenn die Mehrheit der jüdischen Flüchtlinge schließlich Aufnahme in Privatquartieren fand, passierten die meisten von ihnen zunächst die in Hotels, Pensionen und Wanderheimen überstürzt eingerichteten Aufnahmelager. Bei der Behandlung der dänischen Flüchtlinge wichen die schwedischen Behörden markant von ihrer früheren restriktiven Linie ab: Die Flüchtlinge erhielten umgehend Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse und konnten sich weitgehend frei im Lande bewegen. Dennoch hatte die Erfahrung des Exils gewaltige persönliche Konsequenzen, denen Sofie Lene Bak mit großer Sensibilität nachgeht.
Neben den an den Erfahrungen von Flucht und Exil zerbrechenden Ehen und Konflikten zwischen verschiedenen Flüchtlingsgruppen war das ungewisse Schicksal der mindestens 133 in Dänemark versteckten Kinder eine gewaltige Belastung für die Flüchtlingsfamilien. Eindrucksvoll rekonstruiert das Buch anhand der Erinnerungen der damals meist sehr jungen Zeitzeugen, ihre Teilnahme am täglichen Leben der Ersatzfamilien und des lokalen Umfelds, an dem ihr plötzliches Auftauchen kaum unbemerkt vorbeigehen konnte. 80 Prozent der versteckten Kinder waren unter 10 Jahre alt. Dass der Aufenthalt für die Mehrzahl der Kinder über anderthalb Jahre dauern würde, ahnten zunächst weder die Eltern in Schweden noch die Pflegefamilien, für die das Risiko, entdeckt zu werden, immer weiter wuchs. Dennoch ist kein Beispiel bekannt, in dem eines der versteckten Kinder an die deutschen Besatzer ausgeliefert worden wäre.
Besonders verdienstvoll ist die Entscheidung der Autorin, ihre Erzählung nicht mit der Kapitulation der deutschen Besatzer im Mai 1945 enden zu lassen. Ein wichtiger Bestandteil der Erzählung über die Rettung der dänischen Juden ist, dass die jüdischen Rückkehrer ihr Heim unberührt fanden – bewacht und instand gehalten von ihren nicht-jüdischen Nachbarn. Tatsächlich hatte sich insbesondere der Sozialdienst der Kopenhagener Kommune nach Kräften um die Bewahrung des Eigentums der Flüchtlinge bemüht und unter anderem auch die religiösen Gegenstände der Kopenhagener Synagoge vor dem Zugriff der Besatzer in Sicherheit gebracht. Dennoch hatte eine große Anzahl der Rückkehrer zunächst keine Bleibe. Sofie Lene Bak zeichnet die Arbeit des Kopenhagener Centralkontor for særlige anliggender (Zentralbüro für besondere Angelegenheiten) nach, das sich der drängenden Wohnungs- und Versorgungsfrage annahm, aber auch in Konflikten mit früheren Nachbarn und Bevollmächtigten als Vermittler auftrat.
Viele dieser Konflikte drehten sich um verschwundenes Eigentum oder verlorene Unternehmen. Ein eigenes Kapitel des Buches widmet sich daher der Frage der Entschädigung, die mit dem Lov om erstatning til besættelsetidens ofre (Gesetz zur Entschädigung der Opfer der Besatzungszeit) vom 1. Oktober 1945 ihre rechtliche Grundlage bekam. Trotz einer relativ hohen Abschlagsrate war die Arbeit des zuständigen Erstatningsråd (Entschädigungsrat) deutlich von dem Bemühen gekennzeichnet, die gesetzlichen Regelungen weitestmöglich zu Gunsten der jüdischen Flüchtlinge auszulegen. Die Zahlungen umfassten dabei auch (Teil-)Entschädigungen für jene Summen, die im Herbst 1943 an dänische Fischer für die Überfahrt nach Schweden gezahlt werden mussten. Sofie Lene Bak zeigt, dass die Behörde sich bereits 1945 vollständig darüber im Klaren war, dass es sich hier zum Teil um erhebliche Summen handelte. Die Entschädigungen waren laut Bak ein wichtiges politisches Symbol, dass die dänische Gemeinschaft die zurückgekehrten Flüchtlinge nicht alleine lassen würde. Sie trugen aber andererseits auch dazu bei, die Erinnerung an die weniger edlen Kapitel des Oktobers `43 für die kommenden Jahrzehnte in den Hintergrund treten zu lassen.
In der weiteren Erforschung der unmittelbaren dänischen Nachkriegszeit liegt zweifelsohne noch ein großes Potential zukünftiger Arbeiten. „Ikke noget at tale om“ und der hinter dem Buch liegenden Sammlungs- und Dokumentationsarbeit kommt hier das große Verdienst zu, das Tor zu weiteren Forschungen weit aufgestoßen zu haben. Nicht zuletzt gehören die Spätfolgen der Erfahrung von Flucht, Deportation oder des Überlebens im Untergrund zu diesen Themen. Das Buch zeigt, welche tiefen Spuren die Zeit der Trennung und der angstvollen Ungewissheit in jüdischen Familien hinterließ, die seelischen Verletzungen der Deportierten traten zum Teil erst Jahre später an die Oberfläche. Die bei Gesprächen mit Zeitzeugen wiederkehrende Figur des „ikke noget at tale om“ zeugt aber auch davon, wie schwer sich Überlebende damit taten, für das eigene Erlebte einen Ort in den verschiedenen Erinnerungsdiskursen zu finden. Sofie Lene Bak verweist auf die Sprachlosigkeit der Überlebenden angesichts der Berichte über die Shoah und des Gefühls der Dankbarkeit gegenüber den eigenen Rettern. Allerdings bleibt die Darstellung gerade an dieser Stelle ein wenig kursorisch. Eine tiefergehende Analyse der Erinnerungskulturen in Familien, in der offiziellen Erinnerungspolitik und nicht zuletzt innerhalb der heterogenen jüdischen Gemeinde hätte der Darstellung hier noch eine weitere, interessante Ebene hinzufügen können.
Auch Bjarke Følners an sich sehr lesenswertes Nachwort „Mindesmærker og Erindringskultur“ (Gedenkstätten und Erinnerungskultur) leistet dies nur teilweise, da er den analytischen Fokus von den Erfahrungen der jüdischen Flüchtlinge auf die Ebene nationaler Erinnerungskulturen verschiebt. Følner zeigt, wie sehr die dänische Aufmerksamkeit für das Geschehen im Oktober 1943 vom Interesse außerhalb des Landes abhängig war. Erst nachdem sich durch Initiativen in Israel und den USA seit den 1960er Jahren eine eigene Interpretation der Rettung der dänischen Juden als „Licht im Dunkel“ Europas etabliert hatte, nahm die dänische Öffentlichkeit die Ereignisse als eigenständiges Geschehen war. Bis dato fungierte „Oktober `43“ lediglich als eine Episode im Narrativ dänischer Widerständigkeit gegen die deutsche Besatzung. Seit dem Ende der 1980er Jahre zeigt sich schließlich erneut ein Wandel in der öffentlichen Gedenkkultur: Einerseits zeugten die Forderungen polnischer Überlebender nach der Berücksichtigung ihrer ganz anderen Erfahrungen in der Shoah von der wachsenden Unzulänglichkeit einheitlicher, nationaler Erinnerungskulturen. Andererseits verweist die zunehmend abstrakte Symbolik der Gedenksteine in Dänemark und die Aufnahme dänischer Fischerboote in Ausstellungen amerikanischer Museen auf eine Tendenz zur Universalisierung der Erinnerung. Angesichts dieser Annäherung der Erinnerungskulturen – die sich nicht zuletzt in der Gestaltung des 2004 eröffneten Dänischen Jüdischen Museums durch Daniel Libeskind niederschlug – stellt sich die Frage nach dem zukünftigen Ort der Erinnerung an die Erfahrungen dänischer Juden während Flucht und Exil freilich erneut.
„Ikke noget at tale om“ ist ein gelungener und sehr lesenswerter Beitrag zur Geschichte der Besatzungszeit in Dänemark. Das Buch hebt die Erfahrungen der jüdischen Flüchtlinge aus der diffusen Passivität des „Gerettet-werdens“ in den Mittelpunkt des Geschehens und schließt damit eine zentrale Lücke in der bisherigen Historiographie. Die ansprechende Gestaltung des Bandes mit zahlreichen Illustrationen lädt darüber hinaus zum Blättern und Entdecken ein. Erfreulicherweise ist inzwischen auch eine englischsprachige Ausgabe des Titels, „Nothing to speak of. Wartime experiences of the Danish Jews 1943-1945“ erschienen. Dem Buch sind viele Leserinnen und Leser zu wünschen.