David Kuchenbuch: Geordnete Gemeinschaft. Architekten als Sozialingenieure. Deutschland und Schweden im 20. Jahrhundert. Bielefeld: transcript 2010, 405 S.
In seinem Film Salmer fra kjøkkenet (Kitchen stories) liefert Bent Hamer ein schönes Bild für den Regulierungswahn des schwedischen Funktionalismus: Ein Schwede sitzt auf einem Hochstuhl, um einen kauzigen norwegischen Rentner bei der Küchenarbeit zu beobachten und dessen Bewegungsabläufe statistisch zu erfassen. Die wissenschaftliche Erfassung von Bewegungen in der Küche nahm tatsächlich einen großen Raum in der Imagination schwedischer Architekten ein, wie sich David Kuchenbuchs Studie, die unter anderem in die Frühzeit der funktionalistischen Debatten zurückführt, entnehmen lässt. Die schwedischen Architekten waren darum bemüht, den Alltag wissenschaftlich zu erforschen, um ihn in Zukunft effizient und bedarfsgerecht zu regulieren. Der Fokus von Kuchenbuchs Arbeit geht aber weit über diesen Beleg des bekannten funktionalistischen Regulierungswahns in Schweden hinaus. Sie ist vielmehr dem paradoxen Bemühen schwedischer Architekten der dreißiger und vierziger Jahre gewidmet, genau jene natürlichen und spontan entstehenden nachbarschaftlichen Gemeinschaften wissenschaftlich planbar zu machen; diese Gemeinschaften fungieren interessanterweise auch in Hamers Film als Gegenmodell zur bürokratisch-technokratischen Regulierung des Menschen.
Da die Architekten in ihren entsprechenden städtebaulichen Entwürfen nicht nur auf wissenschaftlich fundierten Faktensammlungen, sondern auch auf ein soziologisch inspiriertes Instrumentarium der Datenevaluation zurückgriffen, werden sie im Titel von Kuchenbuchs Monographie treffend als Sozialingenieure bezeichnet. In seinem diskursanalytisch inspirierten Interesse für das Verhältnis von Macht und Wissen, das sich aus der spezifischen Beobachtungsposition der soziologisch inspirierten Architekten ergibt, versucht Kuchenbuch die politischen Implikationen ihrer Arbeit aus einem ungewohnten Blickwinkel zu beleuchten. Dabei vergleicht er die schwedischen Quellen konsequent mit entsprechenden Belegen aus den städtebaulichen Diskussionen, die im Deutschland der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre geführt wurden.
Mit diesem Blick über die Grenzen gelangt Kuchenbuch zu seinen wesentlichen Thesen. Mit Bezug auf sogenannte “Nachbarschaftskonzepte” markiert er zunächst deutliche Differenzen zwischen den entsprechenden Ausprägungen eines social engineering in dem jeweiligen sozialdemokratisch oder faschistisch geprägten Umfeld (Kapitel 3 und 4). Während die schwedischen Architekten ihre entsprechenden städteplanerischen Konzepte in engem Dialog mit den bekannten soziologischen Größen Alva und Gunnar Myrdal und Torgny Segerstedt didaktisch begründen und den Gedanken der kleineren Wohngemeinschaften gar mit einer antifaschistischen Polemik und der Hoffnung auf eine Stärkung des Demokratiebewusstseins der Bewohner verbinden, erhoffen sich die deutschen Planer, die in ihren Entwürfen sogar konkret Bezug auf die Parteistruktur der NSDAP nehmen, schlichtweg eine Stärkung der Volksgemeinschaft.
Gleichzeitig jedoch verweist Kuchenbuch auf fundamentale Parallelen, die vor allem die epistemische Konstituierung des Untersuchungsobjektes “Gemeinschaft” selbst betreffen. Sowohl schwedische wie deutsche Architekten bleiben noch dem großen Narrativ der Modernekritik verhaftet. Die Großstadt wird in diesem Sinne zu einem Lebensraum stilisiert, der nicht nur die Gesundheit seiner Bewohner, sondern vor allem ihre soziale Einheit gefährdet. Gegen das atomisierende Chaos der Großstadt und die soziale Kälte ihrer anonymisierten Massenbewohner führen die Architekten die Idee überschaubarer Ordnungen an, die sie vor allem in kleineren und spezifisch gestalteten Wohnsiedlungen zu realisieren versuchen, in denen sich ältere, nahezu dörflich geprägte Sozialstrukturen entfalten sollen.
Auch in der Wahl der Ordnungsmetaphern, mit der sie die heilende Wirkung ihrer Pläne zu untermauern versuchen, zeichnen sich Ähnlichkeiten ab. So wenden sich schwedische wie deutsche Städteplaner in den dreißiger und vierziger Jahren (wieder auf der Grundlage diametral entgegen gesetzter ideologischer Argumentationen) von den städteplanerischen Konzepten einer nunmehr als “technisch” und “kalt” empfundenen Moderne ab, die sich allein am Gedanken von Nützlichkeit und Bedarfslogik orientiert habe. Wichtiger wird die Idee “organisch” gestalteter Wohneinheiten, die sich weniger an der harten Vorstellung von Effizienz orientieren als eben an der weichen Idee einer Gemeinschaft, zu der sich die Bewohner der kleiner bemessenen und mit kalkulierten sozialen Zentren ausgestatteten Stadtteile zusammenfinden sollen.
Indem Kuchenbuch die Vor- und Nachgeschichte dieser Nachbarschaftsideen in Schweden und Deutschland aufarbeitet, gelingt es ihm, seinen Befund zu konturieren. Gerade weil die städteplanerische Entwicklung in Schweden und Deutschland in den zwanziger und den fünfziger Jahren völlig unterschiedlich verläuft, fallen die Gemeinsamkeiten in den späten dreißiger und vierziger Jahren ins Auge. Denn im Gegensatz zu Deutschland gelingt es den schwedischen Funktionalisten schon im Verlauf der zwanziger und dreißiger Jahre, wichtige politische Positionen zu besetzen und ihre Vorstellungen einer an der Idee der Effizienz ausgerichteten “Choreographie des Wohnalltags” zu realisieren, die sich eben vor allem um die optimale Gestaltung der Kücheneinrichtung drehte (Kapitel 2). In Deutschland dagegen ist der Funktionalismus nur eine Strömung unter vielen, die bekanntlich nach der Machtergreifung der Nazis noch an Bedeutung verlieren wird. Umso auffälliger ist, dass sich die Entwicklungen in den vierziger Jahren wieder angleichen.
Ähnliches gilt für die unterschiedliche Geschwindigkeit, mit der man sich in den fünfziger und sechziger Jahren von der sozialregulativen Funktion der Architektur verabschiedet (Kapitel 4.4.). Während man sich in Schweden aufgrund von Bewohnerbefragungen und entsprechenden soziologischen Untersuchungen schon verhältnismäßig früh von der Ideologie der Nachbarschaftseinheit lossagt, halten sich diese Theorien in der deutschen Nachkriegszeit noch zäh am Leben (meist sogar von den gleichen Architekten vertreten). Ja, die entsprechenden schwedischen Konzepte rücken in dieser Zeit sogar ins Zentrum der deutschen Aufmerksamkeit.
Angesichts der Zusammenfassung dürfte deutlich geworden sein, dass sich Kuchenbuch methodisch vor allem an Verfahren der Diskursanalyse anlehnt. Er schreibt dezidiert keine architekturhistorische Arbeit, sondern beschäftigt sich mit theoretischen Essays, Aktennotizen, Zeitungsdebatten und Kongressbeiträgen, die rund um den Zusammenhang von Architektur und Soziologie in Schweden und Deutschland geführt wurden. Neben den spezifischen narrativen und rhetorischen Strategien der Sozialingenieure interessiert sich Kuchenbuch auch für die medialen Verfahren (vor allem unterschiedliche kartographische Methoden), mit deren Hilfe sie die zu erzeugende Gemeinschaft als ihren spezifischen Untersuchungsgegenstand zu visualisieren versuchen. Dabei kann Kuchenbuch immer wieder auf die Paradoxien aufmerksam machen, in die sich die von ihm behandelten Texte bei dem Versuch verwickeln, ein wahlweise als „spontan“, „traditionsverhaftet“ oder „organisch“ gekennzeichnetes Gemeinschaftserleben als technisch regulierbares Phänomen zu beschreiben.
Nun wirkt die zentrale These des Buches nicht unbedingt überraschend. Der im Titel angedeutete Vergleich zwischen den Praktiken der Sozialingenieure in Schweden und Deutschland suggeriert, dass das Phantasma sozialer Regulation in diesen beiden Ländern besonders ausgeprägt war. Auch wenn Kuchenbuch auf überraschende Querbezüge zwischen den entsprechenden Gemeinschaftskonzepten in Schweden und Deutschland aufmerksam machen kann, drängt sich nach der Lektüre seiner Studie der Verdacht auf, dass der Bezug zu amerikanischen und englischen Vorlagen für die Sozialingenieure beider Länder bei weitem wichtiger war als eben die Diskussionen in Deutschland oder Schweden.
Zum Glück interessiert sich Kuchenbuch auch weniger für entsprechende generelle Pauschalisierungen, sondern bemüht sich, der historischen und nationalen Spezifität der Ordnungssemantiken gerecht zu werden. Der behandelte Korpus ist dabei klug gewählt. Zentrale Akteure der Studie sind der schwedische Architekt und Städteplaner Uno Åhren sowie der deutsche Architekt Konstanty Gutschow, deren Nachlässe von der Forschung schon verhältnismäßig gut erschlossen worden sind. Da sich diese Forschung aber bislang vor allem mit architekturhistorischen Fragestellungen befasst hat, blieben die umfassenden Diskursgemeinschaften von Architekten und Soziologen, für die sich Kuchenbuch interessiert, bislang ebenso unbeachtet wie das von ihm untersuchte Wechselverhältnis zwischen den deutschen und schwedischen Akteuren.
Die Zusammenfassung dürfte deutlich gemacht haben, dass es sich insgesamt um eine gründlich recherchierte Arbeit handelt, die aufgrund ihrer weiteren kulturwissenschaftlichen Ausrichtung nicht nur bei architekturhistorisch interessierten Lesern auf Interesse stoßen wird. Der diskursanalytisch geschulte Blick auf die städtebaulichen Debatten verrät nicht nur viel über die spezifischen politischen, sozialwissenschaftlichen und ästhetischen Diskussionen in den beiden Ländern, sondern erlaubt es darüber hinaus, auf Alltagspraktiken Bezug zu nehmen. In diesem Sinne ist Kuchenbuch von seinem Hochstuhl aus ein anregender Blick auf die Architekten geglückt, die wiederum von ihren Hochstühlen aus nicht nur die Kochgewohnheiten der Bewohner, sondern sogar deren gesamtes Sozialleben zu beobachten und regulieren hofften.