Kari Haarder Ekman: „Mit hems gränser vidgades.“ En studie i den kulturella skandinavismen under 1800-talet. Göteborg, Stockholm: Makadam 2010 (= Centrum för Danmarksstudier; 23), 282 S.
Skandinavismus sei ein „vernachlässigtes Forschungsfeld“, konnte der dänische Historiker Kristian Hvidt noch 1994 behaupten (“Skandinavismens lange linier – udsigt over et forsømt forskningsfelt”, in: Nordisk tidskrift). Mittlerweile hat sich die Situation erfreulicherweise geändert: Fredrik Nilsson perspektivierte 2000 den Skandinavismus der 1830er und 1840er aus ethnologischer Sicht (I rörelse. Politisk handling under 1800-talets första hälft), Ruth Hemstad publizierte 2008 ihr in jeder Hinsicht gewichtiges Werk Fra Indian Summer til nordisk vinter. Skandinavisk samarbeid, skandinavisme og unionsoppløsningen über die späte Blütezeit interskandinavischer Zusammenarbeit um 1900. Flankiert werden diese beiden Werke jetzt von Kari Haarder Ekmans lesenswerter Doktorarbeit, in der sie den literarischen Skandinavismus zwischen 1809 und 1905 analysiert.
Hemstad und Ekman verbindet das Bemühen, jenes „schwarze Loch“ zu beseitigen, das im Urteil Hvidts die Zeit zwischen 1864 und dem Ersten Weltkrieg für die Forschung zum Skandinavismus, beziehungsweise Nordismus darstelle (vgl. S. 32f.). Sie sind sich auch einig in der These, dass das Ende des politischen Skandinavismus 1864 keinesfalls das Ende skandinavistischer Diskurse und Praktiken war. Ekman weist allerdings zu Recht darauf hin, dass Hemstad sich nicht für die literarische Zusammenarbeit interessiere und (entsprechend?) die Periode des so genannten Modernen Durchbruchs von 1870 bis 1890 als einen Dämmerschlaf („dvale“) charakterisiere (S. 30).
Für Ekman hingegen ist der Skandinavismus eines Brandes oder Bjørnson in einer Kontinuität mit früheren skandinavistischen Diskursen zu sehen, auch wenn der Begriff des „Skandinavismus“ selbst in der zeitgenössischen Terminologie nach 1864 vor allem mit dem gescheiterten politischen Projekt und Personen wie Carl Ploug verknüpft wurde (S. 214).
Erst wenn man den Forschungsfokus vom vergleichsweise gut untersuchten politischen Skandinavismus, der sich auf die Herbeiführung einer irgendwie gearteten Union konzentrierte, auf den weniger untersuchten kulturellen verschiebe, werde deutlich, dass der Skandinavismus kein kurzlebiges politisches Projekt, sondern „en framgångsrik kulturell rörelse som under en period fick politiska inslag“ (S. 11) im ganzen 19. Jahrhundert gewesen sei.
Ekmans Vorgehensweise (sie selbst spricht von „en historiskt inriktad idéanalys“, S. 20) ist ebenso vorhersehbar wie plausibel: Sie untersucht literarische Texte, Briefe und Artikel von ausgewählten Autoren und Autorinnen in Hinblick auf „Skandinavismusmarkeure“ (S. 12).
Den Auftakt macht erwartungsgemäß ein Kapitel über den romantischen Götizismus und die ab dem Ende des 18. Jahrhunderts entstehende Begeisterung für die (notwendig skandinavienübergreifende) altnordische Kultur. Ekman fokussiert hier vor allem das Netzwerk Atterbom-Ingemann-Molbech und den Almqvist des Manhemförbundets, während Grundtvigs Beitrag merkwürdig blass bleibt. Die engere kulturelle Zusammenarbeit über Grenzen hinweg, wie es die erste Generation als Ziel verfolgte, wurde bei zentralen Autoren des nachfolgenden Studentenskandinavismus wie C.V.A. Strandberg (Talis Qualis) bald durch politische Projekte mit bellizistischen, antirussischen und dann antideutschen Tönen substituiert.
Überraschender sind in Ekmans drittem Kapitel über „den politiska dimensionen“ allerdings zum einen die hier wohl erstmalig aufgeworfene Frage nach der Genusdimension des Skandinavismus und zum anderen ihre Ausführungen zu Almqvists berühmten Vortrag „Om Skandinavismens Utförbarhet“ (1846). Dieser ist bekanntlich mit seiner “modernen” Beschränkung auf praktisch Machbares und einen kulturellen Skandinavismus der kleinen Schritte als visionär in Bezug auf die Entwicklung und Ziele der nordischen Kooperation im 20. Jahrhundert gerühmt worden. Ekman kann jedoch überzeugend zeigen, dass die Politikabstinenz des Vortrages nicht Almqvists Überzeugungen entsprach, sondern schlichtweg der dänischen Zensur geschuldet war. (S. 116)
Ein solch politischer Skandinavismus wie bei Strandberg oder Almqvist ist indes eher die Ausnahme als die Regel bei skandinavischen Autoren gewesen, wie die nächsten Kapitel mit Ausführungen zu H.C. Andersen, Fredrika Bremer, Bjørnstjerne Bjørnson und Georg Brandes illustrieren. Andersen, dessen „mit Hjems Grændser var voxet“ (S. 119) im Titel des Buches in schwedischer Übersetzung zitiert wird und der unter anderem das gern gedruckte Gedicht „Jeg er Skandinav“ (1839) schrieb, sah die Skandinavier zwar als eine sprachlich-kulturelle Familie, konnte sich aber ebenso wenig wie die anderen Genannten mit dem politischen Projekt anfreunden. Der Skandinavismus von Bremer (die aufgrund ihres grenzüberschreitenden Netzwerkes etwas arg flott als „Mini-Brandes“ (S. 164) etikettiert wird), Bjørnson und Brandes stellt dann insofern eine Innovation dar, als er in einem Stufenmodell zu verorten ist: Die skandinavische Identität als Ergänzung oder Überwindung der nationalen soll langfristig wiederum zugunsten einer kosmopolitisch-europäischen in einer utopischen Gesellschaft des Weltfriedens aufgehoben werden.
Mit ‘Mitt hems gränser vidgades’. En studie i den kulturella skandinavismen under 1800-talet hat Ekman ein zukünftiges Standardwerk zum Skandinavismus in der Literatur des 19. Jahrhunderts verfasst, das nicht nur gut lesbar ist, sondern auch mit manchen Textentdeckungen aufwarten kann. Dessen ungeachtet ist der leicht irreführende Titel zu monieren, in dem ‘kulturell’ stillschweigend mit ‘literarisch’ gleichgesetzt wird – über Malerei, interskandinavische Theatertruppen und Ähnliches erfährt man indes nichts.
Etwas philologisch-krittelnd mag auch die Anmerkung sein, dass Grundtvigs Texte mit modernisierter Rechtschreibung aus Folkehøjskolens sangbog (vgl. s. 43) und Brandes’ aus den Samlede Skrifter zitiert werden, die zum Teil im Nachhinein von ihm selbst (hin-)redigierte Fassungen darstellen.
Gewichtiger ist jedoch der Einwand, dass Skandinavismus bei Ekman zu wenig im Kontext konkurrierender hegemonialer kollektiver Identitätsentwürfe wie des nationalen oder pangermanischen diskutiert wird – das hätte ihre Argumentation noch überzeugender machen können. Skandinavismus ist nur als Differenz beschreibbar, aber die konkurrierenden Konzeptionen (zu denen auch die meisten der diskutierten Autoren beigetragen haben) bleiben unscharf.
Dass laut Julius Clausen (Skandinavismen, 1900) der Skandinavismus die spezifische Form sei, die der Nationalitätsgedanke im Norden habe, wie Ekman gleich zweimal zitiert (S. 40, 253), ist schlicht falsch, wie die skandinavische (vor allem dänische und norwegische) Nationsforschung gezeigt hat – auf die aber nirgendwo Bezug genommen wird. Das Wort ‚Pangermanismus’ fällt viermal in zeitgenössischen Zitaten im Bjørnson-Kontext, wird von Ekman selbst signifikanterweise aber nur ein einziges Mal verwendet (S. 201).
Überflüssig hingegen, weil ohne heuristischen Nutzen, ist der Bezug auf Pascale Casanovas Begriff des literarischen Raumes („l’espace littéraire“) (vgl. S. 26f. und S. 233ff.). Denn dass eine gemeinsame skandinavische Literatur einen größeren Markt bedeutet und auch eine erhöhte europäische Aufmerksamkeit bekommen würde, ist so plausibel wie banal zugleich.
Eine Legitimation ihrer Untersuchung durch den Bezug auf einen Forscher, den Ekman mit peinlichen Urteilen wie jenen zitiert, dass Georg Brandes den Naturalismus aus Paris importiert habe (S. 233) oder dass Deutschland erst nach 1871 zu einer echten literarischen Macht geworden sei (S. 240), braucht das Buch wahrhaftig nicht. Glücklicherweise steht Ekmans Studie mit ihrer plausiblen These sowie ihren guten Textanalysen und wertvollen Beobachtungen fest auf eigenen Beinen.