Tassilo Herrschel, Pontus Tallberg (eds.): The Role of Regions? Networks, Scale, Territory. Kristianstad: Kristianstads Boktryckeri 2011, 303 S.
Regionen und Regionalisierung gewinnen nicht nur in der (europäischen) politischen Praxis an Relevanz; auch die wissenschaftliche Aufarbeitung folgt diesem Trend. Dabei wird in Abgrenzung zum “alten” Verständnis zentral festgelegter, substaatlicher Verwaltungseinheiten ein “neuer Regionalismus” ausgerufen, der sich durch flexible, themenspezifische Einheiten und Kooperationsmuster auszeichnet. Der vorliegende Sammelband, Ergebnis eines Workshops an der Universität Göteborg 2010, greift diese Debatte auf, indem er eine vergleichende Analyse von Regionalisierungsprozessen und -methoden, vor allem in Nordeuropa und im Ostseeraum, vornimmt.
Zunächst werden die Rahmenbedingungen des “neuen Regionalismus” abgesteckt: Neben die parallel weiter existierenden, räumlich definierten subnationalen Einheiten treten, meist mit der ökonomischen Motivation, die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, neue Akteure bzw. Akteursnetzwerke, deren Form durch die jeweilige Agenda bestimmt wird und unter Umständen zeitlich begrenzt ist. Damit stellt sich die Frage des optimalen räumlichen Niveaus für die Governance einzelner Bereiche neu, wobei die Autoren zu Recht darauf hinweisen, dass “regional” sowohl zwischen der nationalen und der lokalen Ebene bedeuten als auch auf die Kooperation zwischen souveränen Staaten verweisen kann. Während die zweite Ebene nur am Rande weiterverfolgt wird, sollen anhand der folgenden Fallstudien die weitere, vor allem innereuropäische Diskussion im Sinne eines “Europe of the Regions” und zukünftige Forschungsarbeiten angeregt werden.
Anders Lidström zählt mittlerweile 1400, ohne Berücksichtigung der lokalen Ebene immerhin noch 700, subnationale Einheiten in Europa. Zukünftig stelle sich damit immer dringender die Frage, wie es um die demokratische Qualität und Legitimität regionaler Arrangements steht. Mehrere Beiträge des Bandes widmen sich der Gefahr einer Exklusion und Marginalisierung von Regionen und Akteuren aufgrund der Selektivität der neuen Akteursnetzwerke. So beobachtet Tassilo Herrschel eine Bevorzugung der städtischen Regionen und eine drohende räumliche wie auch sozial-kommunikative Marginalisierung anderer Gebiete; Jan Erik Grindheim und Adam Manga bestätigen die Gefahr eines solchen Zentrum-Peripherie-Problems anhand ihrer Analyse transeuropäischer Transport-Netzwerke.
Sowohl positives Potential als auch Gefahren sieht Nicola McEwen in der Verlagerung wohlfahrtsstaatlicher Aufgaben und Kompetenzen auf subnationale Einheiten. Zwar könnten Ineffizienzen durch zahlreiche neue Akteure und ihre jeweilige Agenda auftreten, dem stehe aber eine potentiell höhere Zielgenauigkeit der Maßnahmen gegenüber. Ein Grundsatzproblem sieht sie im Vergleich zur regional internen deutlich weniger ausgeprägten inter-regionalen Solidarität, die aufgrund großer wirtschaftlicher Disparitäten in vielen Fällen zu Konflikten führe. Eher optimistisch betrachtet dagegen Eve Hepburn die Entwicklung von “multi-level citizenship”. Die Bürger bezögen ihren Status, ihre Rechte und ihre Identität zunehmend von unterschiedlichen, komplementären Zugehörigkeitsebenen.
Ein wesentlicher Beitrag des Sammelbandes ist die Gegenüberstellung mehrerer Fallstudien aus dem nordeuropäischen Raum. Dieser eignet sich, wie Lisbeth Lindeborg anhand der Ostseeregion zeigt, aufgrund des Nebeneinanders unterschiedlichster regionaler Kooperationsformen hervorragend für eine Illustration und Weiterentwicklung von Regionalismusformen und -konzepten. Joakim Nergelius diskutiert die Beziehungen zwischen dem schwedischen Staat und den Regionen vor dem Hintergrund eines potentiellen Konkurrenzverhältnisses und eines erwarteten Vorschlags für eine Neugliederung der schwedischen Regionen; Jörg Knieling zeigt am Beispiel Hamburgs die parallele Existenz verschiedener, “alter” wie “neuer” Formen des Regionalismus sowie die Erweiterung der Region (Hamburg-Øresund-Oslo-Stockholm) und leitet daraus Fragen nach der Effektivität solcher Parallelstrukturen sowie nach der Verantwortung der Großstadtregionen für das jeweilige Umland ab.
Jørgen Amdam zeigt anhand von Beispielen aus Norwegen die Bedeutung von Lernprozessen der Akteure für kollaborative Planungsverfahren und plädiert ebenso wie Elvira Uyarra für einen substanziellen Einfluss regionaler Akteure. Sehr interessant aus deutscher Perspektive ist Lise Lykks Analyse der Großen Belt- und Øresund-Querungen, aus der sie den Schluss zieht, dass große, grenzüberschreitende Infrastrukturprojekte – wie beispielsweise die Fehmarn-Belt-Querung – soziokulturelle Begleitmaßnahmen erfordern. In Bezug auf die Kooperation im deutsch-polnischen Grenzgebiet hält Magdalena Belof fest, die dortigen Euroregionen hätten ihre ursprünglichen Ziele erreicht, nun gelte es, eine Zukunftsperspektive inklusive der Frage einer eventuellen Spezialisierung der bisher breit angelegten Zusammenarbeit zu entwickeln. Maßnahmen gegen soziale Ungleichheiten und Exklusion durch “metropolitan governments” in Schweden und den USA sind Gegenstand des Beitrags von Anders Lidström und Jefferey Sellers. Sie konstatieren in beiden Fällen erhebliche Bemühungen, wobei die redistributive Komponente wie erwartet in Schweden stärker ausfiel. Im Ergebnis allerdings bleiben in beiden Fällen substantielle inter-lokale wie inter-nationale Differenzen bestehen.
Nur zwei Beiträge beschäftigen sich mit der Bedeutung externer Faktoren: Malin Stegman McCallion bezeichnet die internationale Aktivität von Regionen, beispielsweise bei der Region EU, als “Para-Diplomatie” und fragt nach der Akzeptanz dieser Aktivitäten auf nationaler Ebene (“competing, reinforcing or coexisting”). Umgekehrt nimmt Francisca Herodes anhand der Regionen London und Stockholm den Einfluss externer Einflüsse, wiederum vor allem der EU, auf regionale Arrangements in den Blick.
Schließlich verweist der Artikel von Petter Boye auf die OECD Territorial Review und der abschließende Beitrag von Cecilia Josefsson auf eine im Aufbau befindliche Datenbank europäischer Regionen, die in der Tat ein nützliches Instrument für die weitere Regionalismusdebatte darstellen könnte.
Insgesamt gelingt es den Autoren, mittels zahlreicher Beispiele aus vor allem Nord- und Nordosteuropa ein breites Spektrum “neuer” und “alter” Regionalbeziehungen abzudecken. Die meisten Beiträge weisen eine starke Praxisorientierung auf, was dem Ziel einer Belebung entsprechender öffentlicher und fachlicher Diskussionen entspricht – dass sich dies zügig in die Tat umsetzen lässt, darf angesichts der Komplexität des Feldes und des wohl nach wie vor relativ geringen Bekanntheitsgrades vieler regionaler Kooperationen allerdings zumindest jenseits des Fachpublikums bezweifelt werden. Die Vielschichtigkeit und Unschärfe (“fuzziness”) des Regionenbegriffs, die vielfach deutlich und explizit hervorgehoben wird, dürfte eine der Ursachen dieser Problematik sein – der vorliegende Band leistet einen Beitrag, dieses Defizit abzubauen, kann es aber nicht gänzlich beheben.