NORDEUROPAforum
Zeitschrift für Politik,
Wirtschaft und Kultur
ISSN 1863639X
2/2011
21. Jahrgang (14. der N.F.)
Seiten 79-82

Alexandra Borg: En Vildmark av Sten. Stockholm i litteraturen 1897–1916. Stockholm: Stockholmia Förlag, 2011, 372 S.

In dieser gediegenen Doktorarbeit verbinden sich klassische Tugenden mit innovativen Tendenzen. Die Verfasserin Alexandra Borg (Uppsala und Umeå) stellt Stockholm-thematische Literatur um 1900 in einen europäischen Literaturzusammenhang und in einen anglo-amerikanischen, skandinavischen und deutschsprachigen Forschungskontext. Dieser seltene Umstand ist für sich genommen bereits erfreulich. Auch die aufarbeitenden Re-Lektüren von Werken einer Autorin und dreier Autoren müssen positiv hervorgehoben werden, da diese bisher zum Nebenkanon gezählt haben: Maria Sandel, Henning Berger, Sigfrid Siwertz und Martin Koch. Borg führt eine bestehende Linie in der Forschung weiter, die u.a. in Anna Westerståhl Stenports Arbeit Making Space: Stockholm, Paris, and the Urban Prose of Strindberg and His Contemporaries (Berkeley 2004) angelegt ist. Als weitere markante Inspirationsquellen treten die Arbeiten von u.a. Sara Danius, Anna Williams und Franco Moretti hervor. Morettis Plädoyer für ein quasi-kartographisch angeleitetes, panoramatisches Denken in der Literaturwissenschaft (Atlas of the European Novel 1800–1900, 1999) steht in einem charakteristischen Spannungsverhältnis zu vertiefenden Einzelwerkanalysen und close readings. Borg geht alternierend vor, ist um Überblick und Vertiefung zugleich bemüht, was die Lektüre ihrer Monographie reizvoll macht.

Gerade unter dem Einfluss stark theoriegeleiteter Stadt(-literatur)forschung, wie sie etwa die 1990er Jahre beherrscht hat, mag man sich fragen, wie eine Literaturwissenschaftlerin in einem Verlag namens Stockholmia publizieren kann, ohne in die Falle des Widerspiegelungsdenkens zu tappen oder von den Rezipierenden in entsprechender Weise missverstanden zu werden. Es gibt sie also doch noch, „die urbane Welt“ außerhalb des Textes. Deren Erfahrung muss einer literarischen Gestaltung der Stadt aber wohlgemerkt nicht unbedingt vorausgehen, und die textuell vermittelte Stadt aus Wörtern („ordstaden“, „den representationella staden“) ist auf die Stadt als empirisches Gefüge nicht prinzipiell angewiesen. Stockholm und die dargestellten Städte der untersuchten Romane sind verknüpft durch Stadtkonzepte, die wiederum entweder auf historische oder existierende urbane Einheiten und Phänomene referieren oder auf allein vorgestellte, wiederum auch literarische oder urbanistische, diskursive Stadtentwürfe verweisen. Lästige und anachronistische Fragen, etwa nach dem Status von „fiktiv“, „nicht-fiktiv“ oder „fingiert“, werden hiermit konstruktivistisch ausgehebelt; so verschafft sich Borg einen Spielraum für ihre Studie, der erlaubt, vielfältige Impulse etwa aus der stadtsoziologischen Forschung zu integrieren, die von relationalen Raumkonstrukten ausgeht. Der Begriff „representational space“ von Henri Lefebvre (1974) leistet beispielsweise große Hilfe.

Wie die in die Fußgängerzone eingelassenen Strindberg-Zitate am oberen Ende der Drottninggatan heutigen Stockholm-Besuchern eingängig illustrieren, wirken sich Stadtdarstellungen sogar oft direkt auf die Erfahrungen im Stadtraum aus. Die Stadt lesen, denken, verbildlichen – all dies wird beim Abschreiten der Zitate in einem kombinierten Prozess vollzogen: „Ordstaden förmedlar den verkliga miljön och vice versa.“ (S. 308; Die Wortstadt vermittelt die städtische Umgebung und umgekehrt). Den Beitrag der Stadtliteratur zum – selbstverständlich auch von anderen Medien tradierten – Repertoire urbaner Konzepte bezeichnet Borg als „medskapande funktion“ (miterschaffende Funktion, vgl. S. 15). Ein von Borg angeführtes Zitat von James Donald (Imagining the Modern City, 1999) erwähnt zwar die “redseligen Architekten, Stadtplaner, Bauarbeiter, Soziologen, Politiker und Dichter” (zitiert nach Borg, S. 34), die gemeinsam sprachlich zur Konstruktion der Stadt beisteuern, zweifellos sind dabei aber auch die literatur- und kulturwissenschaftlichen Textproduktionen zu berücksichtigen, wie sich auch aus Donalds folgender Feststellung erschließt: „The city we do experience – the city as a state of mind – is always already symbolized and metaphorised.“ (zitiert nach Borg, S. 34).

Die Monographie gliedert sich in zwei große Blöcke von jeweils ca. 140 Seiten, die durch einen Exkurs als “Umschaltstelle” miteinander verbunden sind: “Stockholm dygnet rundt” (1905, S. 152–164). Block I liefert einen ausführlichen Forschungs- und Literaturüberblick und immer wieder Gesamtschauen, die Stockholms Geschichte ausführlich miteinbeziehen. Indem Borg den Bogen ostentativ von Bellman bis zur aktuellen Stockholmer chic lit spannt, scheinen mir einige resümierende Abschnitte ein wenig in „Schaulaufen“ überzugehen, da zu viele empirische Bezugsdaten oder Lesefrüchte angebracht werden. Insgesamt sind aber Borgs vermittelnde Fähigkeiten – auch das Vermögen, komplizierte Sachverhalte stets treffend und leserfreundlich, aber keineswegs reduzierend auszudrücken – sehr beeindruckend. 

Die Kapitel in Block II behandeln Borg zufolge 30 literarische und journalistische Texte, durch die zahlreichen Querverweise auf europäische Stadtliteraturbeiträge (z.B. Gogol, Baudelaire, Andersen Nexø, Gaskell, Hamsun u.a.) ist die gefühlte Zahl an Werken allerdings sehr viel höher.

Maria Sandels Produktion (1870–1927; u.a. Virveln 1913, Droppar i folkhavet 1924) in der eigentümlichen Verschmelzung von Melodram und Sozialreportage versieht Borg mit neuen Vorzeichen: Durch die Herausarbeitung von Beschleunigung und Gleichzeitigkeit zeichne sich ein „Gatumodernism“ ab. Sandel gelänge es, die Wohnungen der Stockholmer Arbeiter als einen urbanen Topos zu erschließen. Unter Berufung auf Jane Jacobs amerikanische Vorstadtstudien (1961) argumentiert Borg genderbewusst dafür, auch die „Öffentlichkeit des Bürgersteigs“ als einen Topos in das stadtliterarische Repertoire aufzunehmen.

Martin Kochs Werke (1882–1940; u.a. Ellen 1911, Guds vackra värld 1916) nennt Borg symbolistisch und expressionistisch. Sie erläutert, dass die Widersprüchlichkeiten dieser Autorschaft darauf beruhten, dass Koch heterogene Prätexte verarbeite, so dass ein ideologischer Kaleidoskop-Effekt entstehe und der sozialistische Appell stets gebrochen dargeboten werde. Die kolonial anmutenden Entdeckungsreisen in die Slumgebiete hätte Borg eventuell. noch stärker auf die zeitgenössischen journalistischen Entwicklungen beziehen können, obgleich an vielen Stellen der Arbeit wertvolle mediengeschichtliche Seitenblicke geleistet werden (z.B. Film, Telefon, Verkehrswesen). Die Metapher des Schornsteinwaldes veranschaulicht laut Borg den mentalen und kulturgeschichtlichen Übergang vom ländlichen zum städtischen Alltagsleben, wie sie auch anhand der um 1900 häufig auftretenden Wassermetaphern nachweist. Stadt werde bei Koch oft als nebulöser Zwischenraum präsentiert, der noch seiner Bestimmung harre. Borg meint, ein Echo sowohl von Engels Text „Die Lage der arbeitenden Klassen“ (1845) als auch von Simmels „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1901) herauszuspüren.

Henning Berger (1872–1924) verfasste eine Trilogie mit Stockholmer Schauplätzen (darin Drömland 1909). Sein Werk zeichne sich durch eine extrem produktive Rezeption von französischer und amerikanischer Stadtliteratur aus, wobei auch Hamsuns Sult nicht verschmäht wird. Für seine detaillierten Topographien sei ebenfalls das Genre der Sozialreportage maßgeblich.

Sigfrid Siwertz’ (1882–1970) schwedische Ausformung des Flaneurs jenseits der französischen Vorbilder (v.a. En flanör 1914) scheint mir zwar überzeugend herausgearbeitet, dennoch bedeutet die Herauslösung der frühen Texte aus dem Gesamtwerk einen schmerzhaften Verzicht auf das Potenzial, das Siwertz’ spätere Texte für die Fragestellung in sich bergen. Wie gerade der von Siwertz verwendete wunderbare Terminus „gatcañon“ (für Straßenschlucht) verdeutlicht, reflektierte dieser Autor in vielen Romanen zukünftige urbane Entwicklungen mit der euphorischen Ungeduld eines Reise- und Stadt-Erfahrenen. Dieses Phänomen ließe sich eventuell als utopische oder antizipierte Urbanität bezeichnen. 

Zu den besonders interessanten Beobachtungen gehören bei Borg die strukturellen und kompositorischen Erkundungen, auch die Analyse des Verhältnisses von Räumlichkeit und Zeitlichkeit, das sich mit dem Begriff der Chronotopie (M. Bachtin, 1938) überzeugend kategorisieren lässt. Abschließend betont Borg, dass die Attitüde der Autoren sowohl zu Stockholm als auch zur Urbanität jeweils die Weichen dafür stellte, welche formalästhetischen Verfahren bevorzugt wurden. So gelangt sie zu dem erwartbaren Ergebnis, dass die Stadtthematisierung modernistische Schreibweisen begünstigt habe (vgl. S. 304f.). Die bewährte, aber nach wie vor suggestive Analogie zwischen Stadtwanderung und Gedankengang liefert in der Tat eine ergiebige Perspektive – übrigens auch auf Texte nach 1916.

Antje Wischmann (Tübingen/Berlin)